Читать книгу Der Himmel küsst die Erde - Karl-Heinz Fleckenstein - Страница 8

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Zwei Frauen rufen zur Revolution der Hoffnung auf

Maria, nachdem du durch den Engel Gabriel erfahren hattest, dass du den Sohn des Allerhöchsten zur Welt bringen darfst, besuchtest du, wie es uns Lukas im ersten Kapitel seines Evangeliums beschreibt, deine ältere Verwandte, Elisabeth, die zu der Zeit mit Johannes dem Täufer schwanger war.

Was ich durch den Engel da erfahren hatte, war so umwerfend, dass sich damit mein ganzes Leben schlagartig änderte und ich jede Konvention vergaß. Eine Frau durfte damals nicht einfach aufbrechen und durch das Land reisen. Aber ich machte mich auf den Weg.

Ich wusste, Elisabeth würde Hilfe brauchen, da die Geburt ihres Kindes immer näher rückte. Gleichzeitig wollte ich an ihr mit eigenen Augen sehen, was der Engel mir prophezeit hatte. Außerdem hoffte ich, dass Elisabeth mir noch so manches erklären und zeigen würde, was ich als künftige Mutter wissen musste. Daher reiste ich ins entfernte judäische Bergland an einen Ort mit Namen Ein Kerem, südwestlich von Jerusalem. Nach mehreren Tagen Fußmarsch kam ich am Ziel der Reise an. Als ich das Haus betrat und Elisabeth meinen Gruß vernahm, macht das Kind in ihrem Leib einen Hüpfer vor Freude. Welch eine fröhliche Bewegung eines noch nicht geborenen Kindes! Aus dem zunächst so ganz und gar menschlichen Geschehen, der Begegnung von uns zwei Frauen, wurde ein Geschehen zwischen Menschen und Gott. Das fast Alltägliche wurde zum Einfallstor für das Ewige. Der Allmächtige erfüllt das Alltägliche mit göttlicher Kraft. Elisabeth, aus altem Priestergeschlecht und in den Traditionen ihres Volkes beheimatet, erfasste es zuerst. Plötzlich vom Heiligen Geist ergriffen und erfüllt, erkannte sie in mir, einem einfachen jungen Mädchen, die künftige Mutter des Gottessohnes: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (Lk 1,46). Es war, als ob das Glück uns beide Schwangeren umarmte. Mit allen Sinnen konnten wir die Freude spüren, die mit einem Mal Raum und Zeit dieser Begegnung erfüllte. Und dieses Glücksempfinden machte keineswegs Halt vor unseren Kindern im Mutterleib.

Es war gut, in Elisabeth einen Menschen zu haben, der mich verstand. Ich brauchte jemanden zum Reden, zum Zuhören, zum Dasein, zum In-den-Arm-Nehmen. Sie war für mich die verwandte Seele, die ahnen konnte, wie mir zumute war. War ich doch durch diese uneheliche Schwangerschaft ziemlich ins seelische Ungleichgewicht gefallen und geriet in Gefahr, ins gesellschaftliche Abseits zu rutschen und verstoßen zu werden. Elisabeth, die jahrzehntelang damit gelebt hatte, innerhalb der Ehe nicht schwanger zu werden, konnte meine Situation gut verstehen. War doch eine kinderlose Ehe damals ebenso verpönt wie ein uneheliches Kind. Für eine fromme und gläubige Frau, die so lange kinderlos geblieben war, war die öffentliche Meinung eine große Belastung. Wie oft hatte Elisabeth sich gefragt: „Wozu das alles? Wieso erhört Gott meine Gebete nicht? Wieso muss ich damit leben, dass die Leute hinter meinem Rücken tuscheln und dass andere Frauen auf mich herabsehen?“ Und dann bekam ich die völlig unerwartete Antwort Gottes: „Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk1,36-37).

Für Elisabeth hörten die Zweifel und Ängste mit der fortgeschrittenen Schwangerschaft auf. Für mich sollten sie erst beginnen. Als mein Verlobter Josef merkte, dass ich ohne sein Zutun schwanger geworden war, war er völlig durcheinander. Und er dachte daran, mich in aller Stille zu verlassen. Bis der Engel ihm klar machte, dass Gott der Vater dieses Kindes war.

Jetzt begleitete mich Elisabeth durch die Fragen und Ängste meiner Schwangerschaft.

Du berichtest, dass Elisabeth bei eurer Begegnung voller Freude ausrufen hat: „Gesegnet bist du unter den Frauen – und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“ Nun möchte ich dich fragen: Aus welchem Grund warst du zu beglückwünschen, wenn dir doch dein Kind ganz viel Kummer bereiten würde? Musstest du doch später den grausamen Tod deines Sohnes am Kreuz miterleben und miterleiden.

Elisabeth beglückwünschte mich, weil in meinem Schoß das Abenteuer der Menschwerdung Gottes seinen Anfang nahm. Auch wenn ich noch nicht wusste, auf was ich mich einließ, wie oft ich die Sonne zusammen mit meinem Kind scheinen sehen würde oder wie oft ich heftige Stürme würde ertragen müssen. Natürlich habe ich schon geahnt, dass mein Leben und das meines Sohnes kein Spaziergang sein würde. Gab mir doch der Heilige Geist während meines Magnifikats die starken Worte ein: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (Lk1,51-52). Da wurde mir schon klar, dass dies nicht ohne Gegengewalt, Widerstand und Verfolgung abgehen würde.

Damit weitet sich der Inhalt deines Liedes als eine prophetische Weissagung der Befreiung auf das politische und soziale Schicksal der Menschheit. Der revolutionäre Tonfall ist nicht zu überhören. Mit diesem deinem Lobeslied auf deinen Schöpfer wirst du heute für uns, in einer Zeit, in der Unterdrückung und Elend groß sind, zu einer Hoffnungsträgerin für eine bessere Welt.

Im Magnifikat besingt der Geist Gottes in mir eine totale Veränderung der Zustände und Verhältnisse. Den Armen und Ohnmächtigen soll geholfen werden, und zwar auf Kosten der Reichen und Mächtigen. Der Allmächtige bewirkt eine Revolution. Niemand anderes. Erst im Nachhinein verstand ich, dass mein Sohn mit seinem Zerbrechen am Kreuz die Heilung und Rettung der Menschheit von allem Bösen, von Sünde und Tod bewirkt hat, dass er das Tor zum erfüllten Leben hier und in der Ewigkeit aufgestoßen hat.

Du hast ja die Seligpreisung von Elisabeth noch ergänzt, indem du spontan ausriefst: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.“ (Lk 1,48-49). Die Erhöhung der erniedrigten Magd war ja schon der Beginn einer Befreiung durch Gott selbst.

Ich bin durch meinen Sohn so reich gesegnet worden, dass mein Mund voller Dankbarkeit und Freude in diesem Lobgesang überfloss: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.” (Lk1,46-48).

Gemeinsam mit dir möchten auch wir hoffen, dass Gott uns in unserer Niedrigkeit sieht und zu uns kommt. So dass auch wir, ähnlich wie du, mit seinem Geist der Liebe und Demut schwanger gehen dürfen in dem Wissen, dass sein großer Heilswille für eine menschengerechtere Welt immer nur durch selbstlose Menschen geschieht, die sich wie du für den Geist Gottes öffnen.

Auch ihr dürft zu Hoffnungsträgern werden. Glaub es mir! Hoffnung lässt sich immer wieder neu verschenken. Gönnt der gestressten Verkäuferin an der Supermarktkasse ein Wort der Aufmunterung. Nehmt euch endlich die Zeit für einen längst fälligen Besuch. Umarmt, tröstet, lächelt, übt euch im Zuhören. Das Maß an Hoffnung, das ihr einander zu schenken vermögt, ist nie ausgeschöpft!

Der Himmel küsst die Erde

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