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|33|2. Frühe Kindheit Das Trauma von Cowan Bridge (1821–1825)
ОглавлениеMarias Gedanken auf dem Sterbebett sollen laut ihrer Krankenschwester nicht so friedlich und gefasst gewesen sein, wie Patrick es beschrieben hatte. Ihre letzten Worte galten ihren Kindern und waren, angesichts des tragischen Schicksals jedes einzelnen, geradezu prophetisch: „Oh Gott, meine armen Kinder. Oh Gott, meine armen Kinder“ (Chapple, S. 124; KP) – wieder und wieder.
Tatsächlich stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte im Pfarrhaus in Haworth, in dem fünf kleine Mädchen und ein kleiner Junge – allesamt unter acht Jahren und das Jüngste noch ein Baby –ohne die Fürsorge einer Mutter aufwachsen und erzogen werden sollten. Der Haushalt lief zwar zunächst unter der Führung von „Tante Branwell“, wie Marias Schwester genannt wurde, wie gehabt weiter, doch zog es diese nach dem Tod ihrer Schwester wieder zurück in ihre Heimat nach Cornwall. Sie wollte nur noch so lange bleiben, bis die Versorgung der Kinder, insbesondere von Baby Anne, langfristig geregelt war. Ohne sie würden den Kindern als erwachsene Bezugspersonen nur noch die Mägde Sarah und Alice bleiben sowie ihr Vater, der sich zunächst völlig zurückzog. Er hatte sich ganz seiner Trauer ergeben und verbrachte die Tage in seinem Studierzimmer, wo er auch seine Mahlzeiten einnahm – eine Angewohnheit, die er für den Rest seines Lebens beibehielt. Ein regelmäßiges Zusammenkommen der ganzen Familie bei Tisch mit dem Vater am Stirnende sollte es bei den Brontës nicht mehr geben.
Patrick, der während der langen Krankheit seiner Frau seine Vikarspflichten nie vernachlässigt hatte, sagte nun die wöchentlich anstehenden Begräbnisse und Taufen ab und arbeitete für eine Weile zu Hause, wo er sich in sein Studierzimmer einschloss. Seine einsame |34|Verzweiflung zu jener Zeit beschreibt er einige Monate später in einem Brief an einen Freund:
„Fragtest du mich, wie es mir ging unter all diesen Umständen, so würde ich dir antworten, dass empfindlicher Schmerz mein tägliches Los war; dass erdrückende Trauer schwer auf mir lag und dass es Zeiten gab, in denen mein ganzes Wesen ergriffen und gepeinigt wurde von einem gefühlvollen, quälenden Etwas, das man nicht beschreiben kann, sondern am eigenen Leib erfahren muss, um es zu begreifen. Und als meine liebe Frau dann tot und begraben und längst fort war, und ich sie an allen Ecken und Enden vermisste, und während ihre Erinnerung stündlich durch das unschuldige, aber nervenzehrende Geplapper meiner Kinder heraufbeschworen wurde, da kann ich dir versichern, dass ich froh war zu wissen, dass es keine Sünde ist, sich zu grämen …“
(Green, S. 94; KP)
Für das anstrengende „Geplapper“ seiner Kinder sollte Patrick auch nach dieser Zeit der Trauer nicht viel übrig haben. Er liebte sie, aber er war kein besonders einfühlsamer oder liebevoller Vater. Wie Charlotte später einmal ihrer Freundin und späteren Biographin Elizabeth Gaskell anvertraute, mochte er Kinder grundsätzlich nicht besonders. Seine Angewohnheit, sich in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen, stammte schon aus der Zeit, als ihre Mutter noch lebte und jedes Jahr ein neues gebar. Das ständige Durcheinander und die Unruhe, die diese wachsende Kinderschar mit sich brachte, waren ihm lästig. Doch damals konnte ihn seine Frau in seinen Launen stets besänftigen und an seine zärtlicheren Gefühle appellieren. Dieser mildernde Einfluss fehlte nun.
Für die Kinder war das langsame Sterben der Mutter ein traumatisches Erlebnis gewesen und die Zeit nach ihrem Tod nicht einfach. Den Halt, den ein Kind angesichts eines so frühen Verlustes der Mutter benötigt, konnten sie bei ihrem gestrengen, unnahbaren Vater und ihrer gewissenhaften, aber wenig mütterlichen Tante nicht finden. Somit war es nur natürlich, dass sie diesen Halt beieinander suchten und, sofern das überhaupt möglich war, von nun an noch fester zusammenhielten. Die hochintelligente und frühreife Erstgeborene, Maria, schlüpfte in die Rolle der Mutter, kümmerte sich um |35|die Jüngsten und brachte die Älteren mit Geschichten, die sie in Patricks Büchern oder in der Zeitung gelesen hatte, auf andere Gedanken. Dabei verwandelte sie wenig kindertaugliche Themen wie die Napoleonischen Kriege, die Ludditenaufstände oder sonstige schnöde Tagespolitik in aufregende Abenteuergeschichten, bevölkert von schillernden Figuren. Die Helden aus Charlottes Kindheit entsprangen somit nicht den üblichen Kindermärchen – solche gab es im Hause Brontë gar nicht –, sondern vor allem der Antike, der Bibel sowie dem politischen Weltgeschehen. So kam es, dass sich ein typischer Streit unter den Geschwistern gerne einmal um die Frage drehte, welcher Held der Weltgeschichte die hehrsten Qualitäten besäße: Bonaparte, Hannibal, Lord Wellington oder doch Caesar?
Die Geschwister behalfen sich so mit dem, was da war, denn Spielsachen, Puppen oder Kinderbücher gab es ihrem „Kinderstudierzimmer“ nicht. Dafür fehlte das Geld. Außerdem widersprachen solche allein dem Vergnügen dienende „Luxusartikel“ Patricks puritanischen Vorstellungen von Kindererziehung. Auch gleichaltrige Spielkameraden außerhalb der Familie gab es keine. Besuch erhielten die Brontës wenig und bei ihren Spielen hinter den Mauern des Pfarrhauses oder zwischen den Hügeln des Hochmoors kamen die Geschwister kaum mit Kindern vor Ort in Kontakt. Diese gehörten ohnehin der Arbeiterklasse und somit einer ganz anderen Gesellschaftsschicht an, was nicht nur den Umgang mit ihnen unpassend gemacht hätte, sondern auch bedeutete, dass diese für Spiele gar keine Zeit gehabt hätten. Denn genau wie Patrick in seiner Jugend mussten sie in den Webereien oder im Haushalt mit anpacken. Doch schien der Mikrokosmos des Pfarrhauses den Geschwistern zu genügen. Was ihnen fehlte, kompensierten sie mittels einer maßgeblichen, von klein auf stark ausgeprägten Familienbegabung: der Vorstellungskraft. In ihren gemeinsamen Phantasiespielen stellten sie Episoden aus der Bibel, aktuelle Parlamentsdebatten und Kriegsverhandlungen nach und holten so die weite Welt zu sich nach Hause. Hier zeigte sich vor allem Charlottes Kreativität schon im frühen Alter, denn obwohl sie eigenen Aussagen zufolge das schwächlichste der Kinder war, war sie bei diesen Inszenierungen meist federführend.
|36|Ausgenommen dieser kleinen Theaterstücke, in denen Charlotte Regie führte, war die kluge, besonnene Maria der Kopf der Bande: geliebt und angehimmelt von ihren kleinen Geschwistern sowie geschätzt von ihrem Vater als ebenbürtige Gesprächspartnerin. Jahre später sollte er noch stolz erzählen, dass alle seine Kinder schon früh eine außergewöhnliche intellektuelle Begabung erkennen ließen und dass er insbesondere mit seiner Ältesten, damals kaum acht Jahre alt, besser über Religion, Philosophie und Politik diskutieren konnte als mit manch einem Erwachsenen.
Patrick hatte nach einigen Wochen der Trauer mühsam wieder zurück ins Leben gefunden. Nicht zuletzt galt es zu entscheiden, wie es mit seiner kleinen Familie weitergehen sollte. Obwohl seine Kinder wohlauf und gut versorgt waren, wusste er, dass sie eine Mutter brauchten. Schweren Herzens nahm er deshalb, keine drei Monate nach dem Tod seiner Frau, mit mehreren weiblichen Bekanntschaften Kontakt auf, um sie um ihre Hand zu bitten. Doch diese lehnten allesamt ab und betrachteten seinen Antrag eher als Ärgernis und Impertinenz denn als valide Option. Die bereits erwähnte Elizabeth Firth, Familienfreundin und Taufpatin von Elizabeth, soll daraufhin sogar für zwei Jahre den Kontakt zu den Brontës abgebrochen haben. Mary Burder, eine von Patrick verschmähte Liebe aus seiner Junggesellenzeit, weigerte sich, ihn auch nur zu treffen. Das mag daran gelegen haben, dass er seinen Brief damit begann, wie sehr er sich darüber freue, dass sie immer noch unverheiratet sei und sie im nächsten Satz sogleich daran erinnert, dass ihre Hand die erste war, um die er je angehalten habe (nur um sie dann aus Konfessions- und somit Karrieregründen schließlich doch nicht zu heiraten). Mary Burder lehnte entschieden ab und konnte sich eine zynische Antwort nicht verkneifen, in der sie der Vorsehung dafür dankt, dass es damals zu keiner Verbindung zwischen ihnen kam. Was die aktuelle Situation betrifft, so konstatiert sie verschnupft: „Mein derzeitiger Familienstand, den du so freudvoll zu erwähnen pflegst, war bis jetzt aus freien Stücken gewählt und für mich voll Freude und Annehmlichkeiten.“ (Green, S. 98; KP) Sie führe ein erfülltes Leben, ohne einen Mann, der sie kontrolliere oder ihr vorschreibe, wie sie |37|ihr respektables Einkommen – ein weiterer Seitenhieb auf Patricks begrenzte Mittel – ausgeben solle. Diese Freiheit wolle sie doch nur ungern riskieren, auch wenn sie ihn und seine unschuldigen Kleinen ob ihres großen Verlustes bemitleide. Aber der Herr würde schon Hilfe für ihn und die Seinen wissen.
Dass diese Hilfe nicht in Form einer neuen Braut kommen sollte, zeichnete sich immer deutlicher ab. Als Witwer mit sechs Kindern war Patrick schlicht keine besonders attraktive Partie, wie eine andere Umworbene, Isabelle Dury, unmissverständlich klarstellt. In einem Brief an eine Freundin weist sie jegliche Gerüchte, sie würde Patrick Brontës Zukünftige sein, als lächerlich von sich: „Ich glaube kaum, dass ich jemals so unglaublich töricht sein könnte und auch nur im entferntesten in Betracht ziehen würde, jemanden zu heiraten, der keinerlei Zukunftsperspektiven hat, und dann auch noch sechs Kinder mitbringt. Das ist einfach zu lächerlich, als dass jemand glauben könnte, es sei wahr.“ (Green, S. 96; KP)
Nach all diesen kränkenden Zurückweisungen gab Patrick es schließlich auf. Zu seiner großen Erleichterung hatte sich Tante Branwell angesichts seines Scheiterns auf dem Heiratsmarkt inzwischen dazu durchgerungen, ihr Heim in Penzance aufzugeben und ganz nach Haworth zu ziehen, um für die Kinder zu sorgen und den Haushalt zu führen. Elizabeth Branwell war eine resolute, pragmatische Frau, die sich weniger aus mütterlichen Gefühlen zu diesem Schritt durchrang denn aufgrund ihrer Überzeugung, dass es ihre Christenpflicht sei, der Familie ihrer verstorbenen Schwester beizustehen. So bezog sie also das beste Schlafzimmer im Haus, das von nun an ihr privater Salon werden sollte, wo sie stets tüchtig einheizen ließ, um es wenigstens dort so warm zu haben wie in ihrer geliebten Heimat. An Yorkshire und sein raues Klima konnte sie sich zeit ihres Lebens nicht gewöhnen und entwickelte einige Schrullen, um sich damit zu arrangieren. So trug sie, um sich vor den eiskalten Steinböden im Pfarrhaus zu schützen, zu ihren hocheleganten Kleidern und Spitzenhauben stets Holzpantinen, wie sie sonst nur für die Stallarbeit getragen wurden. Laut Charlottes Freundin Ellen gab die „kleine, altmodische Dame“ insgesamt ein kurioses Gesamtbild ab:
|38|„Sie trug altmodische Hauben, die so groß waren, dass man daraus ein halbes Dutzend modischer hätte fertigen können, und hatte dazu ihr rötlich braunes Haar in kunstfertigen Locken über die Stirn drapiert. Dazu trug sie stets Seidenkleider. Ihr graute vor dem Klima des hohen Nordens und den Steinböden des Pfarrhauses. Wir amüsierten uns jedes Mal darüber, wie sie in ihren Holzpantinen umher klapperte, wenn sie bloß in die Küche ging oder irgendwelche Haushaltstätigkeiten überwachte. … Sie sprach viel von ihrer Jugendzeit und den Vergnügungen ihrer Heimatstadt Penzance in Cornwall; dem milden, warmen Klima dort usw. An ihr gesellschaftliches Leben damals dachte sie mit Bedauern zurück; wie es scheint, hatte sie dort in ihren Kreisen als große Schönheit gegolten. Ab und an genehmigte sie sich etwas Schnupftabak aus einer sehr hübschen goldenen Dose, die sie uns dann mit einem kleinen Lachen präsentierte, ganz so, als würden ihr unsere schockierten und erstaunten Gesichter ein besonderes Vergnügen bereiten. Im Sommer verbrachte sie ihre Nachmittage damit, Mr. Brontë vorzulesen. An Winterabenden schien sie das besonders zu genießen; dann mussten sie und Mr. Brontë ihre hitzigen Diskussionen über das Vorgelesene oft in unserem Beisein beim Tee beenden. Sie war lebhaft und intelligent und scheute sich nicht, Mr. Brontë zu widersprechen.“ (Smith, I, S. 597; KP)
Ellen Nussey zeichnet hier das Porträt einer unabhängigen, selbstbewussten und recht eigenwilligen Frau, die sich von den herrschenden Sitten und Gebräuchen ebenso wenig beeindrucken ließ wie von den Überzeugungen und Geboten ihres Schwagers: eine Exotin, die es aus den gemäßigteren Breiten Cornwalls in die Hochmoore des Nordens verschlagen hatte, wo sie sich nur so weit anpasste, wie sie unbedingt musste. Obwohl sie Patrick durchaus Paroli bot, verstand sie sich gut mit ihm und man war sich in den grundlegenden Fragen der Kindererziehung oder Haushaltsführung einig. Denn auch Tante Branwell glaubte an Sparsamkeit, Bescheidenheit, Disziplin und Gottgefälligkeit in allen Dingen des Alltags. Zudem war sie eine belesene und gebildete Frau, die stets wohlinformiert war und mit der Patrick über allerlei aktuelle Themen diskutieren konnte.
Der gewöhnliche Tagesablauf bei den Brontës sah unter ihrem Regime folgendermaßen aus: Nach dem Frühstück, was wie für jene Zeit üblich meist aus Brot oder Haferbrei mit Milch bestand, versammelte |39|sich die ganze Familie um halb zehn im Studierzimmer des Vaters zum Morgengebet. Danach ging dieser seinen Vikarspflichten nach oder unterrichtete seinen Sohn Patrick, genannt Branwell. Die Mädchen stiegen hinauf ins Schlafzimmer ihrer Tante, wo diese den Älteren Nähen sowie ein wenig Französisch beibrachte oder mit den Jüngeren Lesen und Rechnen übte. Danach durften die Kinder nach draußen, wo sie allein im Garten spielten oder durch die Moore streiften, bis es Mittagessen gab. Dieses bestand meist aus Aufläufen oder Kartoffeln, die Patrick in ganz irischer Manier für ein so exzellentes wie essenzielles Nahrungsmittel hielt. Fleisch war in seinen Augen ein teurer Luxus, den er seinen Kindern, die er abhärten und an körperlichen Verzicht gewöhnen wollte, nur selten gewährte. Über diese erzwungene Askese der ohnehin eher schwächlichen Kinder ist viel geschrieben worden, insbesondere aufgrund des Zeitzeugenberichts der Krankenschwester seiner Frau, die diesen Umstand unverhohlen kritisiert hatte und das zu ruhige, „blutleere“ Naturell der Kinder vor allem auf Fleischmangel zurückgeführt hatte. Doch diese und manch andere Information aus dieser Quelle, wie etwa die Legende, dass Patrick die bunten Schuhe seiner Kinder verbrannt habe, weil sie ihm zu frivol erschienen, wurden später überzeugend widerlegt. Allerdings ist es zutreffend, dass Charlotte als Kind das Fleischessen nicht gewöhnt war und in dem Mädcheninternat, das sie später mit Ellen Nussey besuchte, stets eine eigene vegetarische Mahlzeit bekam.
Nach dem Mittagessen durften die Kinder abermals draußen spielen und kamen erst wieder zum „Tee“ ins Haus, was zu viktorianischen Zeiten ein leichtes Abendessen gegen sechs Uhr bedeutete. Gemeinsam mit ihrer Tante und ihrem Vater, sofern dieser von seinen Besuchen wieder zurück war, wiederholten sie dabei noch einmal das am Morgen Erlernte. Mit dem gemeinsamen Abendgebet um sieben Uhr endete ihr Tag.
In diesem Mikrokosmos des Pfarrhauses inmitten dunkler Wogen aus Moor- und Heideland verlebten die Brontë-Geschwister eine recht zwanglose, glückliche Kindheit. Allerdings stellte sich allmählich die Frage nach ihrer weiteren Ausbildung. Denn trotz des hohen |40|Bildungsniveaus innerhalb der Familie war der Heimunterricht von Patrick und Tante Branwell zu unsystematisch, um das abzudecken, was ein Schulcurriculum leistete. Doch öffentliche Schulen gab es zu jener Zeit noch keine und Bildung war nach wie vor ein Privileg der Reichen. Patrick konnte seinen Sohn zwar selbst in allen Fächern unterweisen, die er als Grundlage für ein Universitätsstudium oder andere gutbürgerliche Karrierewege benötigte: antike Sprachen, Rhetorik, Philosophie, Theologie, Naturwissenschaften etc. Den Mädchen würde dieser Lehrplan jedoch wenig nützen. Sowohl ein Studium als auch das Erlernen einer Profession waren zu jener Zeit allein Männern vorbehalten. Frauen wie den Brontë-Schwestern, die aus der gehobenen Mittelschicht stammten, standen eigentlich nur zwei Wege offen: Heirat oder, sofern dies nicht gelang, ein selbstständiges Durchkommen als Gouvernante oder Lehrerin in einer Schule. Für Ersteres war vor allem das Erlernen all jener Fähigkeiten von Bedeutung, die mit dem Führen eines Haushalts zu tun hatten: Wirtschaften, Nähen und Flicken, aber auch Backen, Kochen und Waschen – wenn nicht eigenhändig, so zumindest im Hinblick auf eine spätere Überwachung und Anweisung von Bediensteten. All das würden die Mädchen zu Hause von ihrer Tante und den Mägden lernen können. Als Gouvernante oder Lehrerin müssten sie jedoch solide Kenntnisse in Geschichte, Geographie, Mathematik und Literatur aufweisen, mindestens Französisch oder sogar Deutsch sprechen und auch sonst einige damenhafte Fertigkeiten gemeistert haben, wie etwa das Zeichnen, Kunststicken oder Klavierspielen. Fünf Töchtern eine so umfassende Bildung angedeihen zu lassen, war ohne den Besuch einer Schule mit systematischem Lehrplan fast unmöglich. Diesen wollte Patrick ihnen alsbald ermöglichen, denn sie sollten, falls sie keinen Ehemann fänden, auf eigenen Beinen stehen können. Er selbst würde nicht ewig für sie sorgen können. Nach seinem Tod würden sein Einkommen sowie das Wohnrecht seiner Familie im Pfarrhaus erlöschen und seine Kinder wären dann, mangels vermögender Verwandtschaft, ganz auf sich allein gestellt.
Deshalb schickte Patrick seine beiden Ältesten, Maria und Elizabeth, im Jahr 1823 für einige Monate nach Wakefield auf die namhafte |41|Mädchenschule Crofton Hall, die schon ihre Familienfreundin Elizabeth Firth besucht hatte. Doch die Firths waren wesentlich wohlhabender als die Brontës und obwohl diverse Taufpaten mithalfen, das Schulgeld aufzubringen, musste Patrick die beiden bald wieder nach Hause holen. Er konnte sich die 25–30 Pfund Schulgeld pro Kopf einfach nicht leisten. Nach dem Tod seiner Frau war deren Leibrente erloschen und nun musste die Familie mit knapp 200 Pfund im Jahr auskommen. Da waren solche Beträge schon erheblich. An eine derart teure Ausbildung für jede seiner fünf Töchter war bei diesem mageren Einkommen gar nicht erst zu denken.
Doch kurz darauf erfuhr er von einer neuen Schule für Töchter weniger begüterter Pfarrersfamilien, die im Frühjahr 1824 im 50 Meilen entfernten Cowan Bridge in Lancashire eröffnet werden sollte. Dank der Spenden verschiedener evangelikaler Wohltäter – unter ihnen einmal mehr William Wilberforce, der schon Patricks Universitätsstudium mitfinanziert hatte – betrug das dortige Schuldgeld lediglich 14 Pfund pro Jahr, Kost und Logis mit eingeschlossen. Der Lehrplan richtete sich dabei sowohl an Mädchen, die nach ihrem Schulbesuch in den Schoß der Familie zurückkehrten, um verheiratet zu werden, als auch an solche, die zur Gouvernante ausgebildet werden sollten. Letztere konnten zusätzlichen Unterricht in Französisch, Zeichnen und Musik nehmen, was lediglich ein wenig mehr kostete. Patrick erschien diese Einrichtung wie ein Geschenk des Himmels. Er schrieb die inzwischen zehnjährige Maria und die ein Jahr jüngere Elizabeth umgehend dort ein. Sie gehörten zu den ersten 20 Schülerinnen, die das Pensionat besuchten. Allerdings konnten sie wegen einer hartnäckigen Keuchhusten-Erkrankung erst im Juli 1824 dorthin gebracht werden. Die achtjährige Charlotte folgte nur einen Monat später und Emily, noch keine sieben Jahre alt, im November desselben Jahres. Emily war nun schon die 44. Schülerin in der stetig wachsenden Mädchenschar einer Einrichtung, die selbst noch in den Kinderschuhen steckte und entsprechend an einigen „Kinderkrankheiten“ in Sachen Organisation und Verpflegung litt. Allein der Standort und die Unterkünfte ließen schon auf mangelnde praktische Erfahrung der Betreiber schließen.
|42|Für die Schule hatte man einen alten Hof erworben und um diverse Anbauten erweitert. Der gedrungene, düstere Altbau des Anwesens beherbergte nun den großen Studiersaal und in seinem unbeheizten Obergeschoss die Schlafsäle für die Schülerinnen. In den Neubauten befanden sich der Speisesaal, die Lehrerunterkünfte sowie eine überdachte Veranda, die den Freigang der Schülerinnen auch bei schlechtem Wetter ermöglichte. Von dieser Terrasse aus erstreckte sich eine Wiese hinab an das Ufer eines rauschenden Baches, der ein Stück stromabwärts die Brücke passierte, die der Schule ihren Namen gab: Cowan Bridge. Dieses Flüsschen schlängelte sich in einer schmalen Senke durch sanfte Hügel und blühende Wiesen, die längs dieses kleinen Tales von dichtem Wald gesäumt waren. Auf den ersten Blick schien dies eine äußerst idyllische Lage für eine Schule zu sein, inmitten unberührter Natur und fern von den qualmenden Fabrikschloten der Städte.
Doch dieser vor allem im Sommer so pittoreske Eindruck trog, wie sich in allen anderen Jahreszeiten zeigte. Denn dann hing den ganzen Tag der Nebel in der kleinen Talsenke und klamme Feuchtigkeit zog in das schlecht belüftete und kaum beheizte Gemäuer. Wie Charlotte später einmal resümieren sollte: „Kein Zweifel: eine mehr als liebliche Landschaft; ob aber auch eine der Gesundheit zuträgliche, ist die andere Frage. Dieses enge, vom Wald umschlossene Tal … war ein Nebelloch und damit eine Brutstätte für durch den Nebel hervorgerufene Pestilenzen.“ (Jane Eyre, S. 107) Tatsächlich wurde die Schule bereits im ersten Jahr ihres Bestehens von mehreren Krankheitsepidemien heimgesucht, die mehrere Schülerinnen das Leben kosteten. Doch erst zehn Jahre später zog man die Konsequenzen und verlegte die Schule an einen anderen Ort.
Geleitet wurde Cowan Bridge von dem wohlhabenden Pastor Carus Wilson, der als großer Kinderfreund galt und Initiator dieser karitativen Einrichtung war. Er hatte die Schulregeln aufgestellt, den Lehrplan entworfen, die Bauarbeiten überwacht und das Personal ausgewählt. Seine mangelnde Erfahrung in all diesen Dingen machte er durch religiösen Eifer und energische Dogmen wett. Er vertrat rigoros puritanische, für heutige Begriffe fast sadistische Erziehungsmethoden |43|, die vor allem darauf abzielten, die jungen Kinderseelen zu läutern und ihnen alle Laster auszutreiben. Als Anhänger des Calvinismus war er nämlich davon überzeugt, dass Kinder von Natur aus sündig seien und ohne entsprechende Züchtigung unabwendbar der ewigen Verdammnis anheimfallen würden. Es galt also, ihren Körper und Geist einem strengen Regiment zu unterwerfen, das keinerlei Ausschweifungen duldete und alles Spielerische und Übermütige ausmerzte. Denn muntere und aufgeweckte Kinder waren in seinen Augen besonders gefährdet, Sünde und Versuchung nachzugeben. Litt ein Kind hingegen Armut, Hunger oder gar an einer schweren Krankheit, so war dies in Wilsons Augen ein Segen: Kranken Kindern, die jung sterben mussten, blieben ja viele Versuchungen erspart und sie konnten dank ihres frühen Todes umso schneller im Himmel den Lohn ernten für alles irdische Leid. Sein Motto lautete: Lieber einen seligen Tod als ein unheiliges Leben. Seiner eigenen Tochter, die aufgrund einer starken Wirbelsäulendeformation ans Bett gefesselt war, schrieb er einmal: „Du lernst früh, was es bedeutet, das Kreuz zu tragen. Ich hätte dir dieses Kreuz erspart, wenn ich es könnte; doch wenn ich dies täte, wie sehr würde ich dich um deinen wahren Verdienst betrügen.“ (Fraser, S. 34; KP)
Entsprechend dieser morbiden Überzeugungen seines Rektors hatte Cowan Bridge vor allem das Seelenheil seiner Zöglinge im Blick, sehr zum Nachteil ihres körperlichen Wohlergehens. Besonders für die Brontë-Mädchen mit ihrer schwachen Konstitution – Maria und Elizabeth hatten sich kaum vom Keuchhusten erholt – war der nicht enden wollende Schulalltag eine Tortur: Noch vor dem Morgengrauen schrillte die Glocke; dann hieß es aufstehen, sich in den eiskalten Schlafräumen waschen und im kalten Schulsaal beten bis um acht. Danach gab es ein mageres Frühstück, bestehend aus Milch und einer Scheibe Brot oder einer Schale Haferschleim, der nicht selten angebrannt war. Es folgten Unterricht von neun bis um zwölf und eine Stunde Freigang, in der die Mädchen nach draußen geschickt wurden. Hierbei standen sie oftmals dicht aneinander gedrängt unter dem Dach, um sich gegenseitig zu wärmen, bis sie endlich wieder hineindurften. Mittagessen gab es um |44|eins, meist mit einem Reisauflauf vorab, der den ärgsten Hunger stillen sollte. Als Hauptmahlzeit des Tages folgte normalerweise Eintopf, der häufig aufgrund von ranzigem Fett und verdorbenem Fleisch kaum genießbar war. Nachmittags war wieder Unterricht von vierzehn bis um siebzehn Uhr. Anstelle eines Abendessens gab es dann eine kleine Stärkung in Form von einer kleinen Tasse Milch oder Kaffee und einer halben Scheibe Schwarzbrot. Die älteren Schülerinnen hatten danach noch weiteren Unterricht, die jüngeren Pause und Studierzeit. Um neunzehn Uhr gab es schließlich ein Glas Wasser mit einem trockenen Haferkuchen. Der Tag wurde mit einer ausgedehnten Bibellesung samt Gebet beschlossen, wonach die Mädchen erschöpft in ihre Betten krochen, die sie sich je zu zweit teilen mussten.
Wie anders war dieser rigorose Tagesablauf bei ständiger, strenger Aufsicht verglichen mit den zwanglosen Tagen im heimatlichen Haworth. Es muss für die Brontë-Mädchen ein Schock gewesen sein, plötzlich so streng überwacht und gemaßregelt zu werden. Von zu Hause nur den engen Familienverbund gewohnt, waren sie nun den ganzen Tag von fremden Menschen umgeben, ohne jede Rückzugsmöglichkeit und weitgehend ohne einander. Denn obwohl sich die Schwestern bei den Mahlzeiten und abends in den Schlafsälen sehen konnten, mussten sie sich tagsüber während des Unterrichts allein durchschlagen.
Ihnen stand ein langes Schuljahr bevor, das keine Heimatbesuche vorsah und ihnen selbst das Briefeschreiben nur alle drei Monate gestattete. Sie fügten sich ohne zu klagen, da ihnen wohl bewusst war, welche Opfer ihr Vater brachte, um sie in diese Schule zu schicken. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass das übereifrige, rigorose und letztlich dilettantische Regime in Cowan Bridge für zwei seiner Töchter den Tod bedeuten würde.
Vor allem an Essen und warmer Kleidung mangelte es den Schülerinnen, die in unbeheizten Räumen schliefen, mit leeren Mägen stundenlang beim Gebet saßen und bei jeder Witterung in ihren viel zu dünnen Schuluniformen nach draußen geschickt wurden. Auch die hygienischen Bedingungen waren miserabel: Es gab nur |45|einen einzigen Abtritt für die ganze Schule, die mitsamt dem Personal über fünfzig Leute zählte. Die Küche wurde, zumindest zu Beginn, von einer nachlässigen, unerfahrenen Köchin geführt, weshalb das Essen häufig nicht nur angebrannt, sondern auch verdorben oder von Ungeziefer befallen war. Waschen konnten sich die Mädchen nur dürftig mit kaltem Wasser aus einer Waschschüssel, die sie mit fünf anderen teilten mussten. Doch selbst das blieb aus, wenn im Winter das Wasser in den eiskalten Schlafsälen gefror. Es ist somit nicht weiter erstaunlich, dass die Schule bald von Epidemien heimgesucht wurde, bei der sich Krankheiten wie Keuchhusten und Typhus wie ein Lauffeuer unter den mangelernährten, geschwächten Kindern ausbreiteten.
Charlotte verarbeitete diese für sie traumatischen Erlebnisse in Cowan Bridge in ihrem ersten Roman Jane Eyre mit ihrer Darstellung der „Lowood School“, die ihre Romanheldin besuchen muss. Die Ich-Erzählerin Jane, die in mehrerlei Hinsicht als Alter Ego von Charlotte gelesen werden darf, beschreibt den Schulalltag, der im Winter besonders qualvoll war, sehr eindrücklich:
„Unsere Kleidung war als Schutz vor der strengen Kälte ungeeignet. Da wir keine Stiefel hatten, drang der Schnee in unsere Schuhe und schmolz dort; da wir keine Handschuhe hatten, wurden unsere Hände ganz taub vor Kälte und bekamen genauso Frostbeulen wie die Füße. Ich habe noch gut den quälenden Schmerz im Gedächtnis, der mich dieserhalb plagte, wenn sich meine Füße jeden Abend entzündeten; und dann noch die Tortur am Morgen, wenn ich die geschwollenen, wunden und steifen Zehen in die Schuhe zwängen mußte. Auch die karge Kost schlug uns aufs Gemüt; sie hätte kaum ausgereicht, einen gebrechlichen Kranken am Leben zu erhalten, geschweige denn den gesunden Appetit von heranwachsenden Kindern zu stillen. Aus diesem Mangel an Ernährung erwuchs ein Mißbrauch, unter dem die jüngeren Schülerinnen schwer zu leiden hatten: Wann immer die ausgehungerten großen Mädchen die Möglichkeit sahen, schwatzten sie den Kleinen ihre Rationen ab oder nahmen sie ihnen unter Drohungen weg. Mehr als einmal habe ich das kostbare Stückchen Schwarzbrot, das es zum Tee gab, an zwei energische Mitesserinnen abtreten müssen, und wenn ich einer dritten noch die Hälfte des Inhalts meiner Kaffeetasse überlassen mußte, dann trieb mir der nagende Hunger heimliche |46|Tränen in die Augen, während ich den mir verbleibenden Rest hinunterschluckte. Die Sonntage waren öde Tage in jener Winterszeit. Wir mußten zwei Meilen zur Brocklebridge Church gehen, wo unser Gönner den Gottesdienst hielt. Frierend machten wir uns auf den Weg, halb erfroren kamen wir in der Kirche an, wo wir während der ersten Morgenandacht dann fast gänzlich steif froren. Da es zu weit war, um zum Mittagessen nach Hause zu gehen, wurde zwischen den einzelnen Gottesdiensten ein Imbiß aus kaltem Fleisch und Brot ausgeteilt, und zwar in den gleichen knauserigen Portionen, wie wir sie von unseren normalen Mahlzeiten her kannten. Nach der Nachmittagsandacht gingen wir auf einer zugigen und hügeligen Straße zurück, wo der bitterkalte Winterwind über schneebedeckte Kuppen nordwärts pfiff und uns fast die Haut von den Gesichtern abzog.“ (Jane Eyre, S. 83)
Dieser Romanauszug darf durchaus als zuverlässige Schilderung der dunklen Wintermonate im „echten“ Cowan Bridge gelesen werden, deren tägliche Qualen Charlotte ihr Leben lang nicht vergessen sollte. Nicht nur die körperlichen Entbehrungen, sondern auch die seelischen Grausamkeiten, die sie hier (mit)erlebte, brannten sich für immer in ihr Gedächtnis ein, denn an der Schule wurde mit Strafen nicht gegeizt. Hielt sich ein Mädchen nicht an die Regeln oder ließ es an Sorgfalt und Gehorsam mangeln, wurde dies sofort und unerbittlich geahndet: Kleinere Fehltritte wurden mit Essensentzug oder öffentlicher Demütigung bestraft, etwa durch Am-Pranger-Stehen mitten im Klassenzimmer oder durch das Tragen eines „Schluder-Abzeichens“, das als eine Art Schandmal fungierte. Bei größeren Übertritten kamen Reisigbündel und Rute zum Einsatz.
Diese Maßnahmen bekam nun ausgerechnet die frühreife, hochintelligente Maria am meisten zu spüren. Nicht nur hatte sie trotz ihrer intellektuellen Fähigkeiten im Einstufungstest eher mittelmäßig abgeschnitten und wurde allenthalben wegen ihrer schlechten Handarbeit gerügt. Sie war überdies von Natur aus verträumt, vergesslich und unordentlich, was ihr in der neuen Umgebung sofort das Stigma der Nachlässigkeit und Schlamperei einbrachte. Eine Lehrerin hatte es deswegen besonders auf sie abgesehen und ließ keine Gelegenheit aus, sie zu drangsalieren und zu züchtigen, was Maria mit gottergebener Geduld ertrug. Für Charlotte war dies besonders |47|schwer mit anzusehen und sie sollte diese grausamen Episoden ebenfalls in ihrem Roman verewigen. Dort dient ihre geliebte Schwester als Vorbild für die Figur der sanftmütigen Helen Burns, die in Lowood ständig von der Lehrerin Miss Scatcherd schikaniert wird:
„Zu Beginn der Unterrichtsstunde hatte sie den Platz der Klassenbesten innegehabt, aber wegen irgendeinen Aussprachefehlers oder eines überlesenen Satzzeichens mußte sie plötzlich ganz nach hinten. Sogar in dieser unauffälligen Position blieb sie für Miss Scatcherd Gegenstand unablässiger Beobachtung. Ununterbrochen richtete sie Bemerkungen an das Mädchen wie diese: ‚Burns‘ (das schien ihr Name zu sein; alle Mädchen wurden mit ihren Familiennamen angesprochen, so wie es anderswo bei den Jungen üblich ist), ‘Burns, steh nicht so x-beinig da! Die Zehen sofort nach außen!‘ – ‚Burns, streck dein Kinn nicht so widerlich vor! Kinn auf die Brust!‘ – ‚Burns, nimm gefälligst den Kopf hoch! Ich dulde nicht, dass du so vor mir stehst!‘…
‚Du schmutziges, widerliches Mädchen! Du hast dir heute morgen noch nicht einmal die Fingernägel saubergemacht!‘
Burns gab keine Antwort. Ich staunte über ihr Schweigen.
‚Warum‘, so überlegte ich, ‚erklärte sie ihr nicht, daß sie weder ihre Nägel saubermachen noch ihr Gesicht waschen konnte, weil das Wasser gefroren war?‘“ (Jane Eyre, S. 74)
Doch Burns sollte selbst dann noch schweigen, als sie kurz darauf wegen dieses Vergehens die Rute zu spüren bekommt. Denn sie hatte, ebenso wie die „echte“ Maria, ein duldsames, frommes Gemüt und war stets um Besserung bemüht. In Jane Eyre wird sie beinahe als Heilige dargestellt, die für ihre noble Haltung allerdings kaum belohnt wird. Charlotte lässt sie stattdessen eine Art Märtyrertod im festen Glauben auf ein besseres Leben im Jenseits sterben – ganz so, wie es der Leiter und Gönner der Schule als idealen Tod angepriesen hat. Zugleich macht der Roman jedoch unmissverständlich klar, dass der Tod dieses frommen jungen Mädchens unnötig und letztlich von denjenigen mit verschuldet war, in deren christliche Obhut man sie vertrauensvoll gegeben hatte.
Man hat Charlotte Brontë später oft vorgeworfen, sie habe viele Dinge in ihrer fiktiven Darstellung von Cowan Bridge im Nachhinein |48|ausgeschmückt, übertrieben und verzerrt – was verschiedentlich ihrer künstlerischen Freiheit, ihrem unzuverlässigen, kindlichen Erinnerungsvermögen oder auch Rachegelüsten zugeschrieben wurde. Sie hielt dem jedoch stets entgegen, dass alles, was sie geschrieben habe, wahr sei, auch wenn sie natürlich nicht so faktisch präzise erzählt, als stünde sie als Zeugin vor Gericht. Nicht zuletzt ist Lowood School ein literarisches Setting und deshalb nicht in allen Details einer objektiven Wahrheit verpflichtet. Dennoch kann die Schilderung der Schule und ihrer Akteure in Jane Eyre als Zeitzeugenbericht aus Charlottes Perspektive begriffen werden. Dabei ist nicht auszuschließen, dass sie manche Dinge besonders kritisch und überspitzt dargestellt hat, sollte sie doch den Rest ihres Lebens voll hilfloser Empörung und blinder Wut daran zurückdenken, wie ihre sanftmütige, kluge Schwester in Cowan Bridge gequält und zugrunde gerichtet worden war.
Was Marias Martyrium betrifft, scheint Charlotte jedenfalls nicht übertrieben zu haben. Ehemalige Mitschülerinnen wussten Jahre später von ähnlichen Schikanen zu berichten, die Maria von der „echten“ Miss Scatcherd erleiden musste. Diese hörten auch dann nicht auf, als Maria schon ernsthaft krank geworden war. Eines Morgens etwa, als die Glocke zum Morgengebet ertönte, klagte Maria, sie fühle sich so furchtbar elend, dass sie das Bett nicht verlassen könne. Man hatte sie zudem erst kurz zuvor wegen ihres starken Hustens mit einem Zugpflaster behandelt, dessen Wundmal auch noch nicht völlig abgeheilt war. Die anderen Mädchen drängten sie daher, lieber im Bett zu bleiben, sie würden ihr Fehlen bei der Vorsteherin entschuldigen. Doch Maria wollte das lieber selbst tun und so begann sie sich, vor Kälte zitternd, in ihrem Bett anzukleiden. Da kam plötzlich besagte Lehrerin aus dem Zimmer nebenan geschossen. Ohne der kranken, verängstigten Maria auch nur die Chance zu geben, sich zu erklären, packte sie sie – an der Seite, wo sie von dem Zugpflaster noch ganz wund war –, riss sie aus dem Bett und schleuderte sie auf den Fußboden. Währenddessen schalt sie sie unablässig wegen ihrer „dreckigen, unordentlichen Angewohnheiten“ und ließ sie schließlich auf dem Boden liegen. Maria |49|erduldete diese brutale Behandlung wie immer schweigend, rappelte sich auf und machte sich zitternd fertig, um nach unten zu gehen –wo sie prompt fürs Zuspätkommen bestraft wurde.
Schulleiter Carus Wilson
Solche rabiaten Zurechtweisungen waren dabei ganz im Sinne des Schulleiters Carus Wilson, der keinerlei Sonderbehandlungen duldete. Charlotte machte vor allem ihn verantwortlich für den Tod ihrer Schwestern und setzte ihm in der Figur von Mr. Brocklehurst, dem Leiter von Lowood, ein Denkmal, das seinen sadistischen Übereifer und seine Scheinheiligkeit gnadenlos herausstellt. In Jane Eyre entlarvt sie ihn als vermeintlichen Wohltäter, der für Kinder offiziell nur das Beste will, tatsächlich jedoch ihr größter Peiniger ist.
Dementsprechend erscheint Mr. Brocklehurst bei seinem ersten Auftritt der kleinen Jane wie eine „schwarze Säule“, die von einem finsteren, mürrischen Gesicht gekrönt wird: „Das grimmige Antlitz hoch droben war wie eine starre Maske, gleichsam als Kapitell auf |50|den Säulenschaft gesetzt.“ (Jane Eyre, S. 43) Mit seinen „forschenden grauen Augen, die unter einem Paar buschiger Brauen hervorfunkelten“, und seiner „Baßstimme“ wirkt diese schwarze Eminenz auf die kindliche Erzählerin geradezu unmenschlich und dämonisch.
Doch nicht nur in solchen Beschreibungen, sondern vor allem, wenn Charlotte ihn selbst zu Wort kommen lässt, wird ihre ganze Verachtung gegenüber seiner als Nächstenliebe getarnten Hartherzigkeit offenbar. Dies zeigt sich besonders schön in der Episode, als die Oberlehrerin Miss Temple von ihm dafür getadelt wird, dass sie, als das Essen wieder einmal ungenießbar ist, etwas Brot und Käse ausgeben lässt, damit die Mädchen nicht hungern müssen:
„Einen ganz kleinen Augenblick, Madam. – Sie sind sich bewußt, daß es nicht zu meinem pädagogischen Konzept gehört, diesen Mädchen eine Gewöhnung an Wohlstand und Überfluß anzuerziehen, sondern sie robust, diszipliniert und entsagungsvoll zu machen. Sollte es zufällig zu einer kleinen Vereitelung der Eßlust kommen, wie zum Beispiel durch ein mißlungenes Mahl oder weil eine Speise zu wenig oder zu sehr durchgebraten ist, dann sollte die Begebenheit nicht dadurch rückgängig gemacht werden, daß man sie mit einer Delikatesse für die entgangene Labsal entschädigt und damit den Leib verzärtelt und die Zielsetzung dieser Anstalt unterläuft. Vielmehr soll ein derartiger Zwischenfall zur geistigen Erbauung der Schülerinnen genutzt werden, indem man sie ermuntert, im Angesichte einer zeitweiligen Entbehrung ihre moralische Standhaftigkeit zu bekunden. Eine kurze Ansprache bei einem solchen Anlasse wäre nicht unangebracht, in der eine umsichtige Erzieherin die Gelegenheit ergreifen und den Bezug herstellen würde zu den Entbehrungen der frühen Christen; zu den Folterqualen der Märtyrer; zu dem Aufruf unseres Geliebten Herrn, den Er höchstselbst gerichtet an seine Jünger, sie mögen ihr Kreuz auf sich nehmen und Ihm nachfolgen; zu Seiner Mahnung, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt; zu Seiner göttlichen Tröstung, daß ‚ihr da selig seid, die ihr Hunger leidet oder Durst um Meinetwillen‘. O ja, Madam, wenn Sie Brot und Käse anstelle von verbranntem Haferbrei in die Mäuler dieser Kinder stecken, dann mögen Sie damit in der Tat deren sündige und vergängliche Leiber nähren, wobei Sie allerdings nicht bedenken, wie sehr Sie ihre unsterblichen Seelen darben lassen!‘“ (Jane Eyre, S. 87f.)
|51|Solche salbungsvollen Worte hatte Charlotte in ihrer Schulzeit häufiger aus Reverend Wilsons Mund hören dürfen. Tatsächlich waren ihre Reproduktionen solcher Standpauken so gut getroffen, dass ausgerechnet sie es waren, die in der Öffentlichkeit keinen Zweifel daran ließen, welcher Pastor und welche Institution für Mr. Brocklehurst und seine Schule Modell gestanden hatten: Man musste nur einen Blick in Wilsons zahlreiche Publikationen zum Thema gottgefälliger Kindererziehung werfen, etwa in sein Magazin The Children’s Friend, schon stieß man auf ebendiese Rhetorik.
Vor allem Wilsons stets zur Schau getragene scheinheilige Frömmigkeit war Charlotte ein Dorn im Auge. Denn während seine Schützlinge in erbaulicher Armut darbten, pflegten er und seine Familie, ihres Zeichens aristokratische Großgrundbesitzer, einen standesgemäßen, luxuriösen Lebenswandel. Diesen Umstand führt sie mit unverhohlenem Sarkasmus in zuvor zitierter Szene von Mr. Brocklehurts Schulinspektion vor, die folgendermaßen weitergeht:
„,Miss Temple, Miss Temple, was – was ist denn das – dieses Mädchen da mit dem gelockten Haar? Rote Haare, Ma’am, noch dazu gelockt –auf dem ganzen Kopf nichts als Locken!‘
Und mit einem Stock zeigte er auf das grauenvolle Objekt, wobei ihm die Hand zitterte.
‚Das ist Julia Severn,‘ erwiderte Miss Temple in aller Ruhe.
‚Julia Severn, aha! Und warum hat sie – oder haben andere – gelocktes Haar? Warum huldigt sie, jeder Regel und Richtlinie dieses Hauses hohnsprechend, so ungeniert dem Weltlichen – hier in einer evangeliumsgläubigen, wohltätigen Anstalt, indem sie ihre Haare als einen einzigen Wust von Locken trägt?‘
‚Julia hat von Natur aus Locken‘, entgegnete Miss Temple, noch ruhiger. ‚Von Natur aus! Jaja – aber wir dürfen nicht unbesehen der Natur huldigen. Ich will aus diesen Mädchen Kinder der Gnade Gottes machen. Und warum diese Üppigkeit? Wieder und wieder habe ich zu verstehen gegeben, daß ich das Haar straff, züchtig und schlicht angeordnet haben möchte. Miss Temple, die Haare dieses Mädchens werden radikal abgeschnitten; morgen schicke ich einen Barbier her. … Alle diese Haarknoten und -büschel müssen abgeschnitten werden.‘
Miss Temple schien aufbegehren zu wollen.
|52|‚Madam‘, insistierte er, ‚ich stehe im Dienste eines Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Mein Auftrag lautet, in diesen Mädchen die Fleischeslust abzutöten, sie zu lehren, sich schamhaft und schlicht zu kleiden und sich nicht mit geflochtenem Haar und teurer Tracht herauszuputzen. …–‘
Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen; drei neue Besucher, und zwar Damen, betraten den Raum. Eigentlich hätten sie ein bißchen früher kommen sollen, um sich seinen Vortrag über Kleidung anzuhören, denn sie waren prachtvoll gewandet in Seide, Samt und Pelz. Die beiden jüngeren des Trios (hübsche Mädchen von sechzehn und siebzehn Jahren) trugen graue Seidenzylinder, damals die große Mode, mit Straußenfedern dekoriert, und direkt unter den Rändern dieser anmutigen Kopfbedeckung quoll eine Fülle blonder, kunstvoll gekräuselter Locken hervor. Die ältere Lady war in einen teuren Samtumhang mit Hermelinbesatz gehüllt und trug ein Haarteil mit Korkenzieherlöckchen.“ (Jane Eyre, S. 88–90)
Man ahnt es bereits: Bei diesen königlich herausgeputzten, aufgetakelten Damen handelt es sich um niemand Geringeres als Mrs. Brocklehurst und ihre beiden Töchter. Doch aller Satire, die hier zum Schmunzeln verleiten mag, zum Trotz: Für die junge Charlotte war Cowan Bridge ein Albtraum, über den Carus Wilson herrschte und dem sie und ihre Schwestern machtlos ausgeliefert waren. Sie selbst war dort eine recht unscheinbare Schülerin. Allerdings wurde ihr intellektuelles Potenzial bereits beim Einstufungstest erkannt, der zu dem Ergebnis kam: „Insgesamt recht clever für ihr Alter – ihre Kenntnisse sind jedoch allesamt unsystematisch.“ (Gérin, S. 1; KP) Der Unterricht bereitete ihr keine Probleme und das Schicksal ihrer großen Schwester lehrte sie, in Sachen Ordentlichkeit und Pünktlichkeit stets auf der Hut zu sein. Emily, von den Lehrerinnen die „hübsche Em“ getauft, kam auch ganz gut zurecht, zumal sie die jüngste Schülerin des Pensionats und somit das Nesthäkchen war. Doch Maria schwand zusehends dahin und auch die stille, unscheinbare Elizabeth war inzwischen krank geworden. Sie hatte ein leichteres Pensum als ihre Schwestern, da sie im Einstufungstest so schlecht abgeschnitten hatte, dass man sich entschieden hatte, bei ihr nicht in die volle Gouvernanten-Ausbildung zu investieren |53| Somit wurde ihr schon jetzt das Los der Haushälterin ihres späteren Ehemannes oder ihres Vaters beschieden. Doch so weit sollte es gar nicht erst kommen. Sowohl bei ihr als auch bei Maria war der verschleppte Keuchhusten längst einer Lungentuberkulose gewichen, die sie im Zusammenspiel mit den erbarmungswürdigen Lebensbedingungen langsam, aber sicher verzehrte. Beide überstanden den Winter nicht.
Am 14. Februar 1825 wurde die todkranke Maria nach Hause geschickt, wo sie nach drei Monaten am 6. Mai verstarb. Sie hatte nur ein knappes halbes Jahr in Cowan Bridge überlebt. Dass sie schon länger an der Schwindsucht gelitten hatte, war Patrick nicht mitgeteilt worden. Erst im Januar hatte er die Halbjahresaufstellung für die Kosten von Maria und Elizabeth erhalten, doch dort war ihr Gesundheitszustand mit keinem Wort erwähnt worden. Bevor er daraus irgendwelche Konsequenzen ziehen konnte, wurde Ende Mai auch schon Elizabeth heimgeschickt. Sie war in einem noch schlechteren Zustand als Maria und starb bereits wenige Tage später. Da zögerte Patrick nicht länger und nahm seine beiden anderen Töchter sofort von der Schule. Angesichts der generell schwächlichen Konstitution seiner Kinder war dies auch allerhöchste Zeit, denn in Cowan Bridge wütete seit April eine Typhus-Epidemie, die die Schülerinnenzahl um ein Sechstel dezimieren sollte.
Als Charlotte und Emily im Juni 1825 heimkehrten, lebte nur noch ein Teil der vielköpfigen Familie, die einst nach Haworth gekommen war, im Pfarrhaus – beinahe die Hälfte lag, keine vier Jahre später, in der Familiengruft der angrenzenden Kirche begraben.