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Jonah
ОглавлениеGraue Wolken lagen schwer und dunkel wie ein unheimlicher Schleier über dem kleinen Waldfriedhof am Rande von Underwood, der verlassen und still seine Ruhe einforderte. Das letzte Mal, als ich hier gewesen war, standen hier noch einige Birken, die zumindest etwas Beruhigendes in das erdrückende Bild von Tod und Endlichkeit hineinbrachten. Jetzt allerdings war nichts mehr von ihnen zu sehen.
Es schauderte mich, daran zu denken, dass mein bester Freund hier nun für immer seinen Frieden würde finden müssen. Er war doch noch so verdammt jung. Ben hätte sein ganzes Leben noch vor sich haben müssen. Frau, Kinder, Familie. Alles, wovon er immer geträumt hatte. Und doch war heute der Tag seines Begräbnisses. Würde ich nicht hier stehen und es mit eigenen Augen sehen, ich würde es nicht glauben.
Annie ließ ihn direkt neben ihren Eltern beerdigen. Vermutlich war das sein Wunsch gewesen. Gesagt hatte er es mir zumindest nie. Auch wenn ich, so oft ich konnte, bei ihm gewesen war und ihn im Krankenhaus oder zu Hause besucht hatte, hatten wir nie darüber geredet, dass es irgendwann vorbei sein würde. So waren wir nun mal nicht und das war auch gut so. Wir genossen die seltene gemeinsame Zeit, die wir die letzten zwei Jahre hatten, quatschten über Sport, über alte Zeiten und manchmal sogar über Gracey.
Ben wusste von meiner Tochter, er wusste, wie es dazu gekommen war, dass es nicht geplant und trotzdem eines Tages passiert war. Und er war es auch, der wohl am besten wusste, wie dankbar ich für dieses unverhoffte Wunder war. Ben kannte mich besser als jeder andere, vermutlich besser, als ich mich selbst kannte. Deswegen stellte er auch keine dummen Fragen, sondern freute sich einfach mit mir. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, er war erleichtert, dass es so gekommen war und Grace mein Leben auf den Kopf stellte. Vielleicht weil es seitdem eine Sache weniger war, um die er sich sorgen musste. Nämlich darum, dass mir der Ruhm zu Kopf steigen und ich zusammen mit meinem Ego und meinem verfluchten Selbstzerstörungsdrang eines Tages untergehen könnte.
Blieb nur noch Annie. Bens Schwester war immer sein größtes Sorgenkind gewesen. Kein Wunder, schließlich war sie eine unglaubliche Träumerin. Zumindest war sie das früher einmal. Annabelle war Bens Ein und Alles – zugegeben, ebenso wie meins. Wann immer Ben nicht in ihrer Nähe war, war ich es, der sie stets vor allem Bösen beschützte. Ich war immer für sie da, so wie auch sie immer für mich da gewesen war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich alles änderte.
Dass ich Annie nun ausgerechnet auf der Beerdigung ihres eigenen Bruders nach sieben Jahren der Funkstille zum ersten Mal wiedersehen würde, machte mich nervös. Tierisch nervös! Ich wollte sie so nicht sehen, nicht aus diesem Grund. Nicht, weil ihr Bruder tot war.
Dennoch hatte ich nicht gekniffen und war heute Morgen hierhergefahren, zurück in unsere alte Heimat. Ich wollte meinem besten Freund die allerletzte Ehre erweisen und bei ihm sein, wenn er seinen endgültigen Weg in die Unendlichkeit ging. Meine Angst, zum ersten Mal nach so vielen Jahren Annabelle gegenübertreten zu müssen, blendete ich daher mühsam aus.
Die Zeremonie schien sich ins Endlose zu ziehen, während es draußen hörbar zu regnen begann. Ich stellte mir vor, wie Ben sich darüber freuen würde. Er liebte den Regen, anders als die meisten Menschen. Und so musste ich unweigerlich schmunzeln, als der Geistliche seine Rede endlich beendete und ein letztes Gebet zu sprechen begann.
Tief durchatmend schaute ich hoch zur Kuppel der kleinen Friedhofskapelle und schloss für einige Sekunden die Augen. Es war an der Zeit – an der Zeit, meinen besten Freund an seine letzte Ruhestätte zu begleiten. Schon als ich die Nachricht bekommen hatte, Ben würde heute beigesetzt werden, hatte ich mich dazu entschieden, mich freiwillig als Sargträger zu melden. Ehrensache in meinen Augen. Mein bester Freund hatte es verdient, von mir getragen zu werden. Außer mir gab es nämlich nur noch Annabelle, die ihm näherstand.
Ich war mir sicher, Bens kleine Schwester würde mich dafür hassen, dass ich das tat. Überhaupt dafür, dass ich heute hier war. Doch es war nicht ihre Entscheidung. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie, dass ihr Bruder es so gewollt hätte.
Hier und heute ging es nicht um sie und mich. Es ging nicht darum, was ich damals getan und wie sehr ich sie damit verletzt hatte. Es ging nicht darum, sie hintergangen und verlassen zu haben. Es ging nicht um uns beide. Nicht um das, was damals vorgefallen war. Es ging heute einzig und allein um Ben. Um seinen letzten Willen, seinen Frieden.
Annabelle wusste das. Und so würde sie mich ignorieren und ausblenden, sie würde so tun, als wäre ich gar nicht hier, würde mich keines Blickes würdigen und mich deswegen auch nicht wutentbrannt vom Friedhof jagen. Für sie wäre ich unsichtbar und das war sicher auch besser so.
Noch lange, nachdem der Sarg heruntergelassen worden war und die Gäste gegangen waren, stand ich am Grab meines besten Freundes und starrte hinunter in das dunkle Loch, das ihn verschluckte. Noch immer regnete es in Strömen, doch das machte mir nichts aus. Ich war glücklich darüber. Heiterer Sonnenschein hätte einfach nicht zu Bens Abgang gepasst. Und so tat uns der Himmel den Gefallen und ließ die Sintflut über unseren Köpfen nieder, so wie mein bester Freund es geliebt hatte.
Durch den dichten Regenschleier erkannte ich erst jetzt, dass ich nicht allein war. Annabelle stand direkt neben mir und starrte ausdruckslos hinunter zum Sarg, der mit Erde und unzähligen Rosen bedeckt war. Ich hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen, dass ich sie kaum wiedererkannte. Bis eben war sie mir nicht einmal aufgefallen zwischen all den anderen Trauernden und ich hatte auch nicht nach ihr gesucht.
Jetzt aber, da sie direkt neben mir stand, fragte ich mich, wie ich sie bloß übersehen konnte. Natürlich hatte sie sich in den letzten sieben Jahren verändert. Neben mir stand kein sechzehnjähriges Mädchen, hier stand eine junge Frau, die dem Mädchen von damals lediglich ähnelte. Dennoch wusste ich, dass sie es sein musste. Ich erkannte es an ihren wenigen Sommersprossen, die um ihre Nase und an den Wangen leicht aus ihrer Blässe hervorstachen. Exakt dreizehn an der Zahl, genau wie früher.
Annabelle wirkte abgemagert und schrecklich klein und zerbrechlich. Ihr Blick ging ins Leere und ich war sicher, sie nahm mich nicht einmal wahr. Mit verlaufenem Mascara, der ihr schwarze Schlieren auf die weißen Wangen malte, und klitschnassen Haaren verharrte sie stumm und reglos am Grab ihres Bruders, während der kalte Regen uns beiden regelrecht ins Gesicht peitschte.
Annie schien nicht traurig. Viel eher wirkte sie wütend und enttäuscht. Auf was oder wen, konnte ich nur raten. Vermutlich aber auf das verdammte Universum mit all seinen physikalischen Gesetzen und unvorhersehbaren Plänen.
Unsicher darüber, ob ich sie ansprechen sollte oder nicht, war es mein Mund, der sich längst selbstständig machte, und ein leises Räuspern verließ meine Kehle. »Witzig, dass es ausgerechnet heute regnet, findest du nicht? Fast so, als hätte Ben das mit Absicht arrangiert«, sagte ich nur halb so locker, wie es klingen sollte. Statt ihr mein aufrichtiges Beileid zu wünschen oder sie einfach in den Arm zu nehmen, machte ich wieder einmal Witze und zog damit die ganze viel zu ernste Situation ins Lächerliche. Das war so schrecklich typisch für mich, dass ich beinahe erwartete, Annie würde zu mir aufschauen und mir ein müdes Lächeln schenken für so viel Taktgefühl. Stattdessen aber passierte nichts. Weder rührte Annabelle sich, noch reagierte sie auf meinen dämlichen Spruch.
Mit größter Mühe versuchte ich mich zusammenzureißen und nur dieses eine Mal ernst zu bleiben, um ihr das zu sagen, was ich eigentlich hatte sagen wollen. »Ich weiß, ich kann dir die Trauer nicht nehmen, und vermutlich bin ich auch der Letzte, den du zurzeit sehen möchtest, doch … Ich wollte dir nur sagen, dass ich für dich da bin. Immer.«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, klärte sich Annabelles Blick und plötzlich, für einen winzigen Moment, schien sie mich anzusehen. Oder zumindest durch mich hindurch. Da sie jedoch immer noch schwieg, sprach ich einfach weiter. Denn es war mir wichtig, dass sie es wusste. Dass sie wusste, dass ich immer für sie da sein würde, wenn sie mich brauchte.
»Bitte lass mich wissen, wenn ich irgendetwas für dich tun kann. Falls du jemals etwas brauchst … Oder jemanden. Ich werde da sein. Hast du verstanden?«
Fassungslosigkeit paarte sich mit siedend heißer Wut und das einst so warme Apfelgrün wurde dunkler. »Du wirst da sein?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Du meinst, so wie du auch die letzten Jahre für mich da gewesen bist?«
Ich schluckte hart. Annabelle hatte jeden Grund, auf mich sauer zu sein. Ich verstand das. Vor allem jetzt, da sie auch noch ihren eigenen Bruder hatte beerdigen lassen müssen. Und doch wusste ich absolut nicht, was ich auf ihre Frage antworten sollte. Daher tat ich das, was schon so lange überfällig war.
»Es tut mir leid, Annabelle. Ehrlich! Es tut mir aufrichtig leid«, entschuldigte ich mich aus tiefstem Herzen. Schließlich wollte ich sie niemals verletzen, ich wollte ihr nicht wehtun.
»Was tut dir leid, Jonah? Dass du verschwunden bist? Dass du mir dafür niemals eine Erklärung geliefert hast? Oder tut es dir leid, dass du die Frechheit besitzt, mich ausgerechnet jetzt und heute darauf anzusprechen?« Es war purer Hass, der aus ihr sprach. Eine Verachtung, die ich bei ihr so noch nie gesehen hatte.
»Alles davon tut mir leid, Annabelle. Und ich erwarte nicht, dass du mir je verzeihst. Ich wollte nur, dass du es weißt, dass du es von mir hörst. Mehr wollte ich nicht.«
Fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Verschwinde, Jonah! Tu das, was du die letzten Jahre auch getan hast, und lass mich einfach in Ruhe. Du bist schon lange kein Teil meines Lebens mehr und ich bitte dich, belass es auch in Zukunft dabei. Bitte, geh. Geh und komm nie wieder.«
Wie konnte sie das nur einfach so sagen? Gerade jetzt brauchte sie mich, das wusste sie genauso gut wie ich. Dennoch war mir klar, es war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihr darüber zu diskutieren. Zumal ich ihr den Tag heute nicht noch schwerer machen wollte, als er ohnehin schon war. Ich hatte gesagt, was es zu sagen gab. Meine Worte waren ehrlich und es war mir ernst, dass sie sich auf mich verlassen konnte. Ich würde für sie da sein, wenn sie mich brauchte. Falls sie mich brauchte.
Ich wusste, was ich zu tun hatte, und so zog ich wortlos einen Stift aus meinem schwarzen Sakko, den ich heute früh für alle Fälle eingesteckt hatte, gefolgt von einem alten, verblichenen Foto, das ich aus meiner Brieftasche holte. Es zeigte uns drei. Ben, Annie und mich – als alles noch einfach schien und wir die unzertrennlichen drei Musketiere waren, die wir immer sein wollten.
Ohne lange darüber nachzudenken, was ich tat und ob es das Richtige war, schrieb ich Annabelle meine Handynummer auf die Rückseite des Fotos und reichte es ihr. Sie würde schon verstehen. Dessen war ich mir sicher.
Neun Jahre zuvor
»Hey, Annie, nicht so schnell. Warte auf uns!«, schrie Ben, als er hechelnd und mit sichtlicher Mühe versuchte, seiner Schwester und mir mit seinem Board hinterherzukommen.
»Was heißt hier uns? Du bist der Einzige, der hier so lahm fährt«, korrigierte ich ihn neunmalklug und lachte. »Wenn du noch langsamer machst, kommen wir zu spät zum Essen und wir wissen, wie angepisst eure Mom reagiert, wenn sie warten muss«, sagte ich und erntete ein zustimmendes Nicken der beiden Geschwister, gefolgt von Annies amüsiertem Kichern.
Ben war es nicht gewohnt, auf einem Skateboard zu stehen. Basketbälle waren eher sein Ding. Annabelle hingegen war von Beginn an ein Naturtalent auf dem Board. Gleich nachdem wir es ihr vor zwei Jahren geschenkt hatten, hatte ich es ihr beigebracht. Mittlerweile fuhr sie schneller und sicherer als ich. Überhaupt schien mir, dass dieses Mädchen mit ihren vierzehn Jahren Ben und mich bereits in einigen Dingen überholt hatte. Sie war klüger und intelligenter als jeder andere Mensch, den ich kannte. Selbst ihre Eltern wussten oftmals nicht, worüber sie sprach, wenn sie mal wieder irgendetwas über Neurowissenschaft erzählte. Medizin war Annabelles wahre Leidenschaft, es faszinierte sie wie kaum etwas anderes. Zusammen mit ihrem Interesse für Naturwissenschaften und Literatur war sie zu einem kleinen Genie geworden, das überdurchschnittlich breites wie tiefes Allgemein- und Fachwissen besaß. Es gab selten etwas, das Annie nicht wusste oder nicht zumindest schon mal gehört hatte. Deswegen galt sie auf der Jefferson als der Musterprimus schlechthin, ganz im Gegensatz zu mir.
Meine Noten waren eher durchschnittlich und mein Interesse, daran etwas zu ändern, eher gering. Für mich reichten sie aus. Ich würde ohnehin nie aufs College gehen. Dazu fehlte meiner Mom schlicht das Geld. Deswegen wusste ich, ich würde nach meinem Highschool-Abschluss arbeiten müssen, so wie es meine Mutter damals musste. Sie hatte genauso wenig wie ich die Chance, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen, und bereute es heute noch. Manchmal fragte ich mich, ob sie es sogar bereute, so früh mit mir schwanger geworden zu sein.
»Jonah, pass auf!« Annies Schrei riss mich aus meinen Gedanken und noch in letzter Sekunde konnte ich dem plötzlich vor mir auftauchenden Zaun mit einem nicht ganz eleganten Sprung ausweichen und darüber hüpfen. Ächzend landete ich samt meinem Board im weichen Gras von Bens und Annies Vorgarten. Im Hintergrund hörte ich Ben belustigt lachen, während Annie erleichtert ausatmete.
»Geiler Stunt, Alter. Sah fast aus wie gewollt«, sagte mein bester Freund grinsend und reichte mir seine Hand, um mich hoch auf die Beine zu ziehen.
»Klar, war auch volle Absicht. Kennst mich doch«, erwiderte ich lachend, während ich mein Board vom Boden aufhob und Annie mir ein grinsendes Kopfschütteln schenkte, das ich so mochte.
»Ihr seid beide Spinner, das wisst ihr, oder?«, fragte sie mit funkelnden Augen, in denen sich der glühend rote Sonnenuntergang spiegelte. Es war ein unglaublich schöner Sommertag gewesen, einer der unvergesslichen Sorte, obwohl nichts Besonderes geschehen war. Es reichte, dass meine beiden besten Freunde bei mir waren und wir die Zeit zusammen genießen konnten. Mehr als das brauchte ich eigentlich nicht, um glücklich zu sein.
»Und trotzdem liebst du uns, nicht wahr, Sommersprosse?« Zufrieden lächelnd legte ich Annabelle meinen Arm um die Schulter und zog sie zu mir heran, als wir eilig zusammen mit Ben ins Haus gingen, um Mrs. Parker nicht zu verärgern. Doch im selben Moment trat sie mit einer Kamera um den Hals nach draußen und strahlte uns drei wie ein Honigkuchenpferd an.
»Seht mal, was ich heute auf dem Flohmarkt gefunden habe!«, rief sie und redete, ohne unsere Antwort abzuwarten, einfach weiter. »Eine Polaroid! Seht ihr das? Meine Güte, ich bin ja so aufgeregt. Ich wollte schon immer so eine haben!« Annie und Ben tauschten einen vielsagenden Blick und grinsten sich gegenseitig an. Ich kannte meine Freunde gut genug, um zu wissen, dass sie mit der Polaroid-Sache etwas zu tun hatten und Mrs. Parker nicht durch reinen Zufall heute diese Kamera auf dem Flohmarkt gefunden hatte.
»Netter Zug von euch, Sommersprosse«, flüsterte ich Annabelle ins Ohr und sie lächelte ertappt.
»Wartet! Bleibt so stehen, ich mache ein Foto von euch. Der Sonnenuntergang im Hintergrund ist gerade so schön«, sagte Mrs. Parker plötzlich euphorisch, und wie auf Kommando blieben wir drei sofort stehen. Ben links von mir, mit seinem Board in der Hand, Annie auf der anderen Seite, mit meinem Arm ganz fest um ihre Schulter, mit dem ich sie eng an meine Brust drückte. Etwas, das ich häufig bei ihr tat, nur damit sie sich dann an mich schmiegte. Ich mochte das. Es gab mir das Gefühl, sie beschützen zu können. Vor allem aber gab es mir das Gefühl, dass sie mir vertraute.