Читать книгу Wundersame Weihnacht - Das Wispern der Bücher - Kerstin Peschel - Страница 6

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Der Wunschbrunnen


von Niklas Quast

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»Hast du schon vom neuen Wunschbrunnen gehört?«

Während der Schnee sanft vom wolkenverhangenen, grauen Himmel auf den Asphalt fiel und dort liegen blieb, blickte Gregor sich um. Überall roch es nach Weihnachten – sei es der sanfte Duft von Zimt, der durch die Gassen wirbelte, oder das fettige Aroma von Schmalzgebäck – all das hatte sich unter das nächtliche Ambiente der Stadt gemischt und verteilte sich in den Straßen.

»Klar, es stand ja direkt auf der Titelseite der Kreiszeitung. Aber ich glaube irgendwie nicht an so was. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich funktioniert.«

Gerade in Momenten wie diesen musste er über Rusty nachdenken. Vor einem halben Jahr war der Familienhund, sein treuer Freund und Begleiter mit vier Pfoten an einem Tumor verstorben – im beachtlichen Alter von fünfzehn Jahren. Doch selbst der Umstand, dass er ein langes, erfülltes Leben gehabt hatte, stimmte Gregor nicht wirklich zufrieden. Er hatte Rusty gekannt, seit sie beide klein waren – seine Eltern hatten ihm im Alter von zehn Jahren dieses besondere Geschenk zum Weihnachtsfest gemacht, eines, welches er nie vergessen würde.

Ja, auch ihnen war Rusty im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen, selbst seinem Vater, der sich bis zuletzt vehement dagegen ausgesprochen hatte, ehe er dann irgendwann seiner Mutter zuliebe eingeknickt war. Dieses Jahr war das erste Weihnachtsfest ohne Rusty, dementsprechend war das heute auch nochmal ein ganz anderer, tragischer Moment. Gregor erinnerte sich noch gut daran, wie er Rusty letztes Jahr sein Lieblingsfutter aufgetischt hatte – ja, dieser Tag war schon immer für alle etwas ganz Besonderes gewesen.

»Ich finde schon, dass es etwas Magisches hat.«

Marie blieb stehen und sah ihn an. Unter ihrer grauen Wollmütze war ihr lockiges Haar zu sehen, was ihr bis über die Schultern hing.

»Lass uns doch mal hingehen. Ich meine, schaden kann das doch nicht, oder? Immerhin ist heute Weihnachten!«

Gregor warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Sie hatten noch eine Dreiviertelstunde bis siebzehn Uhr Zeit – dann war nämlich die Bescherung und das Festessen im Hause seiner Eltern geplant, ein Event, von dem seine Mutter schon seit Wochen schwärmte. Er wollte keinesfalls zu spät kommen, und hatte eigentlich auch keine Lust, einen Abstecher bei dem neuen Wunschbrunnen einzulegen – doch er konnte Marie einfach keinen Wunsch absprechen, weshalb er nachgab.

»Okay, dann lass uns kurz mal einen Blick dorthin werfen. Vielleicht gibt es ja doch noch so etwas wie Weihnachtswünsche, die in Erfüllung gehen.«

Es fühlte sich merkwürdig an, ohne die Leine in der Hand durch die Stadt zu gehen. Wie oft haben wir das wohl gemacht? Rusty, Marie, und ich. Meine Güte, ich habe das immer so als selbstverständlich angesehen. Er versuchte irgendwie, sich in diesem Moment von seiner Trauer nicht überwältigen zu lassen, konnte aber nicht verhindern, dass eine Träne aus seinem Auge herauslief. Bevor Marie etwas bemerken konnte, wischte er sich die Stelle mit dem Ärmel trocken. Nein, heute wollte er nicht trauern, sondern sich eher darüber freuen, die Zeit der Besinnlichkeit im Kreise seiner Liebsten zu verbringen. Auch wenn ein Platz im flauschigen Körbchen heute leer bleiben wird ...

Sie mussten noch zwei Querstraßen entlang und an der Bäckerei vorbei, in der Gregor am Morgen noch Brötchen geholt hatte. Sie war mittlerweile natürlich schon geschlossen, denn sie hatte, wie die meisten anderen Geschäfte auch, an Heiligabend nur halbtags geöffnet gehabt. Sie wagten sich nun in die Richtung vor, aus der der Schnee kam – die feinen Eiskristalle wehten ihnen entgegen und schmolzen auf der warmen Gesichtshaut. Gregor hob seinen Blick, und konnte, im Licht einer fernen Laterne am Wegesrand, den Wunschbrunnen schon von Weitem sehen.

Er war geschmückt, irgendjemand hatte sich die Mühe gemacht, einen Adventskranz mit vier brennenden Kerzen und ein paar Tannenzweige, an denen noch weihnachtlicher Schmuck prangte, dort abzulegen. Marie war schon ein paar Schritte vorausgegangen, Gregor war so in Gedanken versunken gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass sie ihre Hand von seiner gelöst hatte. Als er den Wunschbrunnen schließlich erreicht hatte, kniete sie auf dem Boden und sah sich den Schmuck an.

»Schau mal, der sieht aus wie Rusty.«

Sie deutete auf einen winzigen Hund aus Holz. Die Figur war augenscheinlich Handarbeit, und sie sah dem verstorbenen Vierbeiner wirklich verdammt ähnlich.

»Stimmt«, meinte er.

»Wirklich süß.«

Er ließ seinen Blick weiterschweifen und entdeckte noch ein kleines Männchen mit einer Zipfelmütze und mehrere getrocknete Sternanis, die den würzigen Geruch ausstrahlten, der sofort an die weihnachtliche Zeit erinnerte.

»Hast du einen Wunsch?«, fragte Marie im nächsten Moment.

Es war so eine verdammt simple Frage, die Gregor jedoch direkt zum Nachdenken anregte.

»Viele«, entgegnete er.

»Aber einen ganz besonderen.«

Sie lächelte, es war fast so, als könnte sie ihm in diesem Moment alles aus den Augen ablesen. Auch sie hatte sehr um Rusty getrauert, obwohl sie erst seit knapp drei Jahren zusammen waren. Doch selbst diese kurze Zeit hatte für eine tiefe Bindung zwischen beiden gereicht. Auch Rusty hatte Marie auf Anhieb gemocht, was Gregor das Ganze um einiges erleichtert hatte. Vielleicht hatte er sich das ja auch damals nur eingebildet, doch er glaubte, sich so noch schneller in sie verliebt zu haben.

»Ich weiß, und ich kann dich da so gut verstehen.«

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Er fehlt mir auch wirklich sehr.«

Gregor griff in seine rechte Hosentasche. Er konnte sich daran erinnern, dass er, nach dem morgendlichen Brötchenkauf in der Bäckerei, das Rückgeld nicht in sein Portemonnaie, sondern einfach so in die rechte Tasche gesteckt hatte. Es handelte sich um genau zweiundfünfzig Cent.

»Und wie soll das funktionieren?«

Er wandte sich fragend an Marie.

»Durch positives Denken«, meinte sie einfach nur.

»Du musst nur fest daran glauben, und dann wird dir dein Wunsch erfüllt.«

Auch, wenn es sich irgendwie merkwürdig anfühlte, ja, so hatte die Situation am heutigen Heiligabend auch etwas Magisches, was Gregor gefiel. Er schloss die Augen, legte die Hand, in der er die zwei Münzen hatte, auf den Rand des Brunnens und atmete tief durch. Hey, Kumpel, dachte er. Ich hoffe, du bist gut über die Regenbogenbrücke gekommen. Er schluckte. Ich wünsche mir, dass ich einen neuen Begleiter finde, der genau so einen tollen Charakter hat, wie du ihn hattest. Und selbst, wenn das der Fall sein würde, würde ich dich niemals vergessen. Erneut kullerte ihm eine Träne aus dem Augenwinkel. Er beugte sich etwas über den Rand, öffnete seine Hand, die er zuvor zur Faust geballt hatte, und spürte, wie sich die beiden Münzen langsam lösten. Wenige Sekunden später waren sie bereits mit einem leisen Plätschern am Grund des Brunnens gelandet. Gregor hielt die Augen noch einen Moment lang geschlossen und wartete auf eine Art Signal, was jedoch nicht kam. Fast schon ein bisschen enttäuscht wandte er sich ab.

»Wir sollten so langsam zu meinen Eltern. Nicht, dass die Gans noch kalt wird.«

Bei dem Gedanken an den Festtagsbraten lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Als er jedoch wieder daran dachte, wie Rusty in den letzten Jahren auch immer ein bisschen was von dem Fleisch abbekommen hatte, fühlte er sich gleich wieder etwas schlechter. Marie griff erneut nach seiner Hand, er ließ es zu und war in diesem Moment einfach nur froh, dass sie ihm Halt und Zuversicht spendete. Es hatte in der Zwischenzeit aufgehört zu schneien, auf dem Boden hatte sich bereits ein festgetretener, matschiger Untergrund gebildet. Gregor kämpfte sich voran, ließ mit jedem Schritt jedoch Vorsicht walten, da er definitiv die falschen Schuhe trug. Tja, auch, wenn ich diese verdammten Turnschuhe jeden Tag trage, eignen sie sich noch lange nicht für solch winterliche Verhältnisse. Plötzlich, nur wenige Meter von dem Wunschbrunnen entfernt, war ein leises, aber beständiges Geräusch zu hören. In den ersten Sekunden dachte er, sich verhört zu haben – als der Ton jedoch nicht abnahm, sondern gefühlt noch lauter wurde, wandte er sich an Marie.

»Hörst du das auch?«, fragte Gregor.

»Was denn?«

Er legte sich einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr so, leise zu sein. Das Geräusch klang wie ein leises Fiepen, und es führte ihn in Richtung der Büsche an der Seite. Das Licht der nächsten Straßenlaterne war hier nur sehr schwach, weshalb er sein Handy hervorkramte und die Taschenlampe anschaltete. Er durchleuchtete das Dickicht, bis er etwas Dunkles entdeckte. Es sah von Weitem aus wie ein durchnässter Pappkarton, und als Gregor sich direkt davor befand, sah er, dass er recht hatte. Das Fiepen wurde immer lauter, Marie schien es jetzt ebenfalls mitbekommen zu haben und wagte auch einen Blick ins Buschwerk. Gregor versuchte, die Äste vorsichtig zur Seite zu schieben, ging dabei jedoch etwas zu hastig vor. Einer der Dornen ritzte ihm in die Haut, er versuchte, den leichten Schmerz zu ignorieren und hatte die Stelle kurz darauf freigelegt. Er öffnete den Karton ... und konnte das, was er sah, nicht glauben.

Es gibt wirklich noch Wunder!

Sein Herz begann zu rasen. Ob der Welpe im Inneren des Kartons, der ihn aus großen Augen hilfesuchend und liebevoll anblickte, wirklich eine Art Weihnachtswunder war, welches auf die Magie des Wunschbrunnens zurückzuführen war, darauf würde er wohl niemals eine Antwort erhalten. Er hatte das kleine Fellknäuel jedoch direkt ins Herz geschlossen, und spürte sofort, dass in diesem Moment eine ganz besondere, neue Freundschaft entstanden war.

––––––––


ENDE

Wundersame Weihnacht - Das Wispern der Bücher

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