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Kapitel 4
ОглавлениеPerlen subtilen Humors und Spaghetti mit Tomatensauce – es kann viele Gründe dafür geben, mit jemandem zusammen zu sein
Als ich bei Dennis eintraf, hatte er schon einiges im Garten geschafft. Ich hatte wenig bis gar keine Lust, mich körperlich zu betätigen, aber er forderte mich auch nicht dazu auf.
Mit baumelnden Beinen saß ich auf dem Gartentisch, mampfte einen Apfel und berichtete ihm, was die Schwestern mir erzählt hatten, während er mit einem Rechen Blätter und abgeknipste Blüten zu mehreren Haufen zusammenharkte.
Als ich geendet hatte, lehnte Dennis den Rechen an einen Baum und kam zu mir herüber. »Klingt ja abenteuerlich. Glaubst du ihnen?«
Ich zuckte mit den Schultern und warf das Kerngehäuse des Apfels zielsicher auf den nächstbesten Laubhaufen. »Gute Frage – nächste Frage. Sie halten den plötzlichen Tod ihres Mitbewohners Heribert für fragwürdig, das glaube ich ihnen unbesehen. Ob es ein natürlicher Tod war – keine Ahnung. Ich werde kaum zur Küpper gehen können, um sie zu bitten, mal eben seine Leiche ausbuddeln und obduzieren zu lassen.«
Bei der bloßen Vorstellung zuckte ich zusammen. Kommissarin Astrid Küpper würde mich nicht einmal zu Ende erzählen lassen, bevor sie mich aus ihrem Büro jagte. Was die Sache nicht eben besser machte: Sie kannte die Schwestern von ihren letzten Ermittlungen, bei denen sich unsere Wege einmal mehr gekreuzt hatten. Und todsicher erinnerte sich die Küpper an die Leidenschaft der Schwestern für Kriminalfälle.
Ich seufzte. »Wahrscheinlich wird man nie herausfinden können, ob Heribert ermordet wurde oder nicht. Aber …« Ich brach ab.
»Aber?«, fragte Dennis nach, als ich schwieg.
»Das mit den verschwundenen Sachen lässt mich nicht los, um ehrlich zu sein. Das bilden sie sich nicht ein. Die Uhr und der Teppich wurden offenbar wirklich ausgetauscht.«
Er nickte und rieb sich mit der Hand die Stirn, was einen breiten Streifen Schmutz hinterließ. »Wir vertiefen das später, okay? Ich wäre dir ewig dankbar, wenn du mir kurz hilfst, das Laub in Säcke zu stopfen. Der Wetterbericht hat für heute Nacht starken Wind angekündigt, und ich schieße mir eine Kugel in den Kopf, wenn das Zeug morgen früh wieder über den ganzen Garten verstreut ist.«
Ewige Dankbarkeit?
Wie könnte ich mir das entgehen lassen?
Ich hielt die großen Plastiksäcke auf, und Dennis schaufelte die verblühten Pflanzen und abgefallenen Blätter hinein. Die perfekte Arbeitsteilung; außerdem ging es so bedeutend schneller, als wenn er es alleine erledigt hätte. Nach kaum einer halben Stunde waren wir fertig, und Dennis sah sich zufrieden im Garten um.
»Ich füttere noch meine Schätzchen, und dann springe ich rasch unter die Dusche«, sagte er. »Ich bin völlig verschwitzt und stinke wie ein Iltis.«
Er gab mir einen Kuss und ging dann zu seinen ›Schätzchen‹, bei denen es sich um seine geliebten Zwergseidenhühner handelte. Sie residierten in einem großzügigen, teilüberdachten Gehege mit einer luxuriösen Hütte, die eine detailgetreue Miniaturnachbildung von Dennis’ Bauernhaus war. Allein dafür musste man diesen Mann lieben, fand ich.
Von der Küche aus hörte ich ihn liebevoll mit seinen Hühnchen sprechen, die ihm leise gackernd antworteten. Die kleinen Tiere waren so zutraulich, dass sie sich von ihm sogar auf den Arm nehmen und streicheln ließen.
Durch die Hintertür kam er in Haus, nahm erfreut zur Kenntnis, dass ich mit Kochen beschäftigt war, und stapfte die Treppe hinauf in den ausgebauten Dachboden, wo sich Schlafzimmer und Bad befanden. Sekunden später hörte ich die Dusche rauschen.
Als er wieder herunterkam, goss ich gerade die Spaghetti ab.
»Kann ich irgendwas helfen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Der Tisch ist gedeckt, der Parmesan ist geraspelt. Du könntest den Wein einschenken; ich bringe die Nudeln.«
Ich füllte zwei tiefe Teller mit Spaghetti und Sauce, dann folgte ich ihm in den Nebenraum und stellte das Essen auf unsere Plätze.
Dennis beugte sich über seinen Teller und schnupperte genießerisch. »Hmmm, köstlich … Du weißt, wie du mich glücklich machen kannst: ein paar Nudeln, dazu Tomatentunke und Parmesan. Gut, früher habe ich mich mit Ketchup zufriedengegeben, aber diese Version … Es gibt nichts Besseres.« Konzentriert wickelte er Spaghetti auf die Gabel und schob sich den Riesenbissen in den Mund.
Ich musste grinsen. »Ich konnte nichts falsch machen, schließlich handelt es sich dabei um das Lieblingsessen aller Kinder.«
»Na, na, na – nicht frech werden, Frolleinchen. Wäre ich ein Kind, dann wäre unsere Verbindung höchst unstatthaft, das musst du zugeben.«
»Nicht nur kindisch, sondern auch noch geschmacklos.« Ich seufzte theatralisch. »Sieht so aus, als wäre es Zeit, unsere Beziehung neu zu buchstabieren.«
Dennis warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
»Und auch noch überaus leicht zu erheitern«, fügte ich amüsiert hinzu.
Schnaufend winkte er ab. »Ach komm, nur deshalb hast du mich doch genommen. Weil ich über deine schrägen Witze lache.«
»Schräge Witze?« Ich hob die Brauen. »Ich muss doch sehr bitten. Das sind Perlen subtilen Humors, funkelnde Diamanten intelligenter Geistesblitze, und du hast das Privileg, den lieben langen Tag in ihren einzigartigen Genuss zu kommen. Nur deshalb hast du mich genommen.«
Wieder prustete er los. »Ich kann nur hoffen, dass uns nicht irgendwann mal jemand heimlich belauscht, wenn wir so einen Quatsch erzählen.« Er stockte. »Apropos: Denkst du, die Wohnungen in der Residenz sind tatsächlich verwanzt?«
»Für die Schwestern ist das die einzige Möglichkeit, wie jemand vom Wert der Uhr und des Teppichs erfahren haben könnte. Und ob die Taschenuhren auch verschwunden sind, wissen wir nicht.«
»Hm. Hast du nicht vorhin erwähnt, dass dieser Heribert die Sachen versteigern und den Erlös über sein Testament gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen wollte? Dann müsste doch spätestens dem Testamentsvollstrecker aufgefallen sein, dass weder die kostbaren Gegenstände noch das Geld existieren.«
»Sehr guter Punkt«, sagte ich anerkennend. »Aber die Schwestern sind nicht sicher, ob er das Testament schon verfasst hatte. Zwar wollte er die Sachen eigentlich noch zu Lebzeiten versteigern lassen, aber zur Sicherheit hätte er es bestimmt im Testament festgelegt, dass sein Plan umgesetzt wird, falls er vorher sterben sollte. Also: Was schließen wir daraus?«
»Dass es kein entsprechendes Testament gibt, denn sonst wäre das Verschwinden der Gegenstände ratzfatz aufgeflogen«, erwiderte Dennis wie aus der Pistole geschossen. »Wer weiß – vielleicht hat ihn sein unfreiwilliges Ableben daran gehindert, das Testament zu verfassen?«
Erwartungsvoll sah er mich an, aber ich zögerte, ihm zuzustimmen. Ich wollte einfach nicht, dass es sich so abgespielt hatte. Denn das bedeutete, dass eventuell noch weitere Leute in der Residenz in Gefahr waren. Vielleicht sogar die Schwestern, weil sie zu viel wussten.
Herrje, was für ein Schlamassel.
»Überleg doch mal«, fuhr Dennis fort, »gehen wir mal davon aus, dass die Wohnung von Heribert tatsächlich verwanzt war. Und gehen wir weiter davon aus, dass jemand das besagte Gespräch zwischen ihm und den Schwestern belauscht hat. Es wird rasch gehandelt, und Heribert kriegt ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Wenn er die Kaminuhr und den Teppich um sich haben wollte, gilt das bestimmt auch für seine Taschenuhren. Ich wette, die lagen in einer Schublade seines Wohnzimmerschranks.«
»Aber die Täter mussten doch damit rechnen, dass der Diebstahl nicht unentdeckt bleibt. Ein Mord vielleicht, aber das Verschwinden der Kostbarkeiten? Mussten sie nicht davon ausgehen, dass es dieses Testament gibt?«
Dennis zuckte mit den Schultern. »Was wissen wir schon, was die alles mitgehört haben? Vielleicht ja auch ein Telefonat mit seinem Anwalt, bei dem es ums Testament ging? Sprich: um einen Termin, um es zu verfassen?« Er grinste breit und fügte hinzu: »Mannomann, Ermitteln macht echt durstig. Ich hole den Wein.«
Er stand auf und ging rüber in die Küche. Ich hörte die Kühlschranktür und das Klirren von Flaschen, dann kam er wieder herein. Seine Augen funkelten, seine Wangen glühten: Dennis war Feuer und Flamme bei der Vorstellung, dass es in der Residenz für uns – uns! – tatsächlich einen Kriminalfall aufzuklären gab.
»Und wenn nicht?«, fragte ich, als er eingeschenkt und mir gegenüber wieder Platz genommen hatte. »Wenn es das Testament doch schon gab? Was dann?«
Dennis zuckte mit den Schultern. »Heribert wäre vermutlich nicht der Erste, der Besitztümer für kostbar hält, bei denen sich dann herausstellt, dass es sich nur um wertlosen Plunder handelt. Und wenn er tatsächlich keine Verwandten hatte, die etwas dazu sagen können … tja.«
Unsere Nudeln wurden langsam kalt, aber wir hatten unser Essen längst vergessen.
Dennis’ Enthusiasmus freute und verwirrte mich gleichermaßen. Zum ersten Mal waren wir in der Situation, gemeinsam einen eventuellen Fall zu konstruieren und uns über eine mögliche Lösung beziehungsweise Aufklärung Gedanken zu machen. Er schien es kaum abwarten zu können, sich mit kriminellen Halunken anzulegen.
Mit Pascal, meinem Ex-Freund, war es komplett anders gewesen. Er hatte es gehasst, wenn ich bei ungeklärten Todesfällen tätig geworden war. Nein, ›gehasst‹ ist das falsche Wort – er hatte Angst um mich gehabt. Und das nicht ohne Grund, denn ich war dabei einige Male durchaus in Lebensgefahr geraten, und das hatte er irgendwann nicht mehr ausgehalten. Vor die Wahl gestellt, mich zwischen ihm und meinen Ermittlungen zu entscheiden … Nun, wir haben uns getrennt, und das sagt wohl alles.
Dennis dagegen war von meinen Aktivitäten stets fasziniert gewesen und hatte sie unterstützt; meist indem er mich vom Dienst freistellte, wenn ich die Zeit brauchte. Nicht zuletzt deshalb, weil ich auch ihm mal sehr geholfen hatte: Damals hatten wenig zimperliche Ganoven mit erheblicher krimineller Energie alles darangesetzt, in den Besitz des Callcenters zu gelangen. Unseren Einsatz hatten Frank und ich zu Dennis’ großer Bestürzung nur knapp überlebt.
Aber die bösen Buben – und Mädchen! – waren geschnappt und das Callcenter gerettet worden, wodurch Dennis sich mir gegenüber zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet fühlte. Ich sah das nicht ganz so dramatisch, aber schon seinerzeit hatte sich unser Chef-Angestellte-Verhältnis in eine sehr freundschaftliche Beziehung verwandelt. Und jetzt waren wir ein Paar, verrückt.
»Loretta! Träumst du?«
Dennis’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken, und ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe über den Fall nachgedacht«, erwiderte ich nicht ganz wahrheitsgemäß. »Ich frage mich, was wir tun könnten. Zu diesem Fräulein Rottenmeier von Heimleiterin gehen und sie bitten, die Wohnungen nach Wanzen durchsuchen zu dürfen? Das ist nicht realistisch.«
»Ich wüsste momentan auch noch nicht, wie wir aktiv werden können. Vielleicht sollten wir morgen mal mit Erwin darüber sprechen.«
»Gute Idee. Hör mal, ich fahre jetzt nach Hause, Baghira wartet bestimmt schon. Außerdem müssten die Schwestern mir jede Menge Informationen geschickt haben. Zumindest haben sie es versprochen. Fotos von allen, Informationen über die Bewohner und das Personal, wer wo wohnt … Ich muss das erst mal sortieren.«
Ich merkte Dennis an, dass er mich ungern gehen ließ, aber weder versuchte er, mich aufzuhalten, noch wollte er mich zu mir begleiten.
Kluger Mann.
Als ich meine Wohnung betrat, kam kein Baghira angelaufen, um mich zu begrüßen. In seinem Krähennest hoch oben auf dem Kratzbaum war er nicht, also schaute ich im Schlafzimmer nach. Das Bettzeug lag als zerwühlter Haufen auf dem Bett, und bei genauerem Hinsehen entdeckte ich die kleinen, dreieckigen Spitzen schwarzer Katzenohren, die verräterisch herauslugten. Ich setzte mich auf die Bettkante, und Baghiras Kopf fuhr hoch. Der Kater miaute leise, rollte sich auf den Rücken und ließ beim Gähnen prachtvolle Reißzähne aufblitzen.
Ich kraulte seinen Bauch, dann stand ich auf und sagte: »Komm, Dicker. Du hast doch bestimmt Hunger.«
Trippelnd folgte er mir in die Küche und wartete erstaunlich ruhig ab, bis sein Napf gefüllt auf dem Boden stand.
Ich sah ihm beim Fressen zu und spürte wieder einmal mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Seit ich mit Dennis zusammen war, musste mein Kater durchaus mal auf meine Gesellschaft verzichten. Eigentlich gehörte es nicht zu seinen Angewohnheiten, in meinem Bett zu schlafen, jedenfalls nicht, wenn ich darin lag. Bedeutete die Tatsache, dass ich ihn in letzter Zeit mehrfach dort entdeckt hatte, dass er mich vermisste? Anderseits brachte er gefühlt zwanzig von den vierundzwanzig Stunden eines Tages im Tiefschlaf zu, und ich fragte mich, ob er meine Abwesenheit überhaupt bemerkte.
Ich hatte sogar schon überlegt, ihn bei Frank und seiner Familie einzuquartieren. Die Kinder liebten ihn abgöttisch, außerdem könnte er dort durch den Garten stromern – ein deutlich größeres Revier als meine Terrasse. Hatte Frank nicht letztens von Mäusen im Lagerschuppen gesprochen? Baghira könnte dort als offizieller Mäusejäger anheuern.
Ich kicherte und schüttelte den Kopf. Baghira und jagen, das konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Außer, man würde die Mäuse in Alufolie wickeln, die nach Döner duftete. Und selbst dann würde mein träger Kater die Beute vermutlich lediglich durch die Gegend dribbeln, bis er das Interesse daran verlor.
Aber was wusste ich schon? Vielleicht schlummerte in ihm ja doch ein gefährlicher Kleinwildjäger, der in Franks Schuppen zu ganz großer Form auflaufen würde?
Man wusste es nicht.
Man wusste überhaupt so wenig.
Die Schwestern hatten mir tatsächlich tonnenweise Informationsmaterial geschickt. Von den Bewohnern gab es exzellente Fotos; offenbar hatten alle bereitwillig für ein Porträt posiert. Beim Personal waren die Bilder von ganz unterschiedlicher Qualität; zum Teil sah man ihnen an, dass sie heimlich geschossen worden waren. Die beiden Gärtner – Vater und Sohn Wohlfahrt – hatten sie bei der Arbeit erwischt, und es ragten einige Blätter ins Bild, denn vermutlich hatten die Schwestern sie aus der Deckung einiger Büsche heraus geknipst. Den glatzköpfigen Koch, Micky Thomsen, schienen sie überrumpelt zu haben – er streckte sogar abwehrend die Hand aus, war aber trotzdem ganz gut zu erkennen. Serviererin Susi lächelte offen in die Kamera, während ihre Kollegin Janina aussah, als hätte sie am liebsten zugeschlagen. Den Hausmeister hatte ich ja ohnehin schon gesehen, und die Küchenhilfe war ein farbloses Mädchen mit langem Zopf, das im Moment der Aufnahme in der Küche am Arbeitstisch stand und überrascht in die Kamera guckte.
Ich verbrachte den Rest des Abends damit, alles zu sortieren und ein Dossier zu erstellen, das ich an meinen Rechner im Callcenter schickte.
Es war bereits weit nach Mitternacht, als ich den Laptop zuklappte und ins Bett ging.