Читать книгу Void - Mandy Hopka - Страница 5

2 Was sind wir?

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Deneb

Meine eigene Hölle brannte in meinem Körper. Ich spürte, wie jede Faser, jede Zelle in mir, gegen die Wunden ankämpfte. Für jemanden, der keinen Schmerz kannte, war das ein Martyrium. Noch nie wurde ich so schwer verwundet. Noch nie hatte ich so viel Blut, mein eigenes Blut, vergossen. Wenn ich denjenigen fand, der mich sabotiert hatte, würden Köpfe rollen - oder zumindest einer. Wobei … Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wusste ich, wer mein Shuttle beschädigt hatte. Aber solange ich nichts beweisen konnte, durfte ich ihn unmöglich beschuldigen. Nicht in meiner Position. Nur langsam schlossen sich meine Wunden und ich spürte, dass etwas mit meinen inneren Organen nicht stimmte. Nie werde ich diesen Blick der Frau vergessen, die aus dem Maisfeld gerannt kam und fassungslos mein zerstörtes Shuttle musterte. Sie hatte mich noch nicht bemerkt, während ich mit mir selbst haderte. Sollte ich fliehen, wegrennen, bevor sie mich sehen konnte? Ich durfte keinen einzigen Menschen dort mit hineinziehen. Noch nicht zumindest. Das alles ruinierte meinen Plan. Ich hustete und spuckte erneut Blut. Versuchte aber, diese Frau im Auge zu behalten. Sie schien mich gehört zu haben und rief erneut nach Überlebenden. Meine Beine waren gebrochen und nur schwerfällig knackten die zersplitterten Knochen, die sich wieder miteinander verbanden.

„Verdammt noch mal“, fluchte ich, als ein tierischer Schmerz mich durchzog. Meine Beine waren zwar jetzt endlich wieder hergestellt, aber dafür hatte sie mich gehört und lief an dem brennenden Wrack vorbei. Eine Flucht war jetzt unmöglich. Ihre Augen trafen auf meine und auch, wenn ich die Welt um mich herum immer verschwommener wahrnahm, konnte ich den panischen Ausdruck in diesen smaragdgrünen Augen erkennen. Das Licht des Feuers tanzte über ihr Gesicht, als sie vor mir stand. Hatte ich jemals so ausdrucksstarke Augen gesehen? Volles und dunkles Haar, fiel an ihrem Kopf hinab und in ihr Gesicht. Hastig schob sie die Strähnen beiseite und verbannte sie auf ihren Rücken. Ihre enge Jeans, spannte sich um ihre Hüften, als sie sich zu mir hinunter beugte und meine Aufmerksamkeit sich an ihren zierlichen Händen verlor, die auf ihrem Oberschenkel lagen. Sie begann auf mich einzureden und ich wanderte mit meinen Augen an ihr hinauf. Mein Blick auf ihren Lippen haftend, verstand ich allmählich, was sie mir sagen wollte. Niemand durfte wissen, dass ich hier war. Unter gar keinen Umständen durfte jemand wissen, was hier geschehen war. Aber diese unschuldige, faszinierende Frau, brachte sich selbst mit in das Spiel, indem sie nicht auf mich hörte und mir dabei half, mich aufzurichten. Was trieb sie dazu? Waren Menschen denn nicht grundlegend egoistische Wesen? Ich hatte sie gewarnt, aber sie rettete mich. Weshalb? Ich war dabei, das Bewusstsein zu verlieren und auch, wenn ich gelernt hatte, Menschen nicht zu vertrauen, lieferte ich mich ihr aus. Mein Körper war noch immer mit sich selbst beschäftigt und das Denken fiel mir zunehmend schwerer. Ich konnte nicht anders, als mich von ihr führen zu lassen. Ich verlor vollständig die Kontrolle über mich und meinen Körper. Das nagte an meinem Stolz. Noch nie hatte ich mich so elend, noch nie so hilflos gefühlt, wie in diesem Augenblick. Das machte mich rasend. Unsagbar wütend auf mich selbst, auf denjenigen, der mir das angetan hatte.

Als ich in der Nacht aufwachte, spürte ich Schweißperlen auf meiner Haut. Mein Körper stand in Flammen und arbeitete auf Hochtouren. Mein Kopf schmerzte tierisch. Es fühlte sich an, als würde mein Gehirn gleich explodieren. Meine Augen öffneten sich und mein Blick haftete erneut auf diesen verdammt grünen Augen, dieses reizenden Wesens. In ihnen lag ein sorgsamer Ausdruck. Noch nie hatte mich jemand so angesehen, wie sie in diesem Augenblick.

„Shhh …“, hauchte sie mir entgegen und legte mir etwas Kaltes auf die Stirn. Es fühlte sich göttlich an. „Alles wird gut. Ich bin hier.“ Ich bemerkte, wie sie an ihren eigenen Worten zweifelte. Automatisch rutschte meine Hand zu der ihren. Ich drückte sie leicht. Was zum Teufel geschah hier nur mit mir? Warum fühlte ich mich so? So ... erleichtert und beseelt.

„Keinen Arzt“, ächzte ich erneut, da ich unbedingt verhindern musste, dass sie noch einen Menschen mit in diese Angelegenheit brachte. Das warme Licht einer kleinen Lampe, erleuchtete den Raum und mein Blick schweifte erneut über ihren Körper. Sie saß auf der Bettkante, hatte ihre Jeans gegen eine Leggings und ihre Jacke, gegen ein enges Shirt getauscht. Ihr Busen, ein kleiner Bauch und ihre Hüften zeichneten sich darin deutlich ab. Es war zu schön, mal eine Frau zu sehen, die nicht wie all die anderen war. Die nicht Perfekt und makellos daherkam. Noch anerkennenswerter war es, echte Gefühle in ihr zu sehen. Vielleicht machte mich das so ... sorglos. Zu wissen, dass sie ... so ist wie ich ... zum Teil.

„Ich weiß ja.“ Ihre zarte Stimme hallte in meinem Kopf wieder, als stünden wir in einem Orchestersaal. Wieso war sie nur so? Ich schloss entkräftet meine Augen. In der Dunkelheit wurden die Schmerzen besser und aufgrund ihrer weichen Stimme, die beruhigende Wörter flüsterten, ließ ich mich erneut in einen tiefen Schlaf fallen. Als wäre sie mein Engel in der Not und nicht der Abschaum, für den ich die Menschheit hielt.

Als ich das nächste Mal erwachte, war es bereits hell in diesem Raum. Die Sonne drang durch die Vorhänge und die Uhr an der Wand, zeigte schon zwölf Uhr mittags an. Ich hatte mehr als zehn Stunden geschlafen! Mein Körper hatte sich die Zeit genommen, die er zur Regeneration brauchte. Prüfend begutachtete ich meinen Körper. Die äußerlichen Wunden waren wie immer rasch verheilt. Ich richtete mich auf und offenbar war wieder alles in Ordnung. Die Wut entfachte erneut in mir. So schnell brachte mich niemand um, das war sicher! Meine Rache würde kommen. Geduld war hier das Schlüsselwort.

Meine Augen flogen durch das Zimmer. Für eine Frau schien sie verdammt wenig Kleidung zu besitzen. Selbst ich hatte daheim einen begehbaren Kleiderschrank. Aber hier gab es lediglich einen Schrank, der geschätzt ein Meter breit und keine zwei Meter hoch war. Dann eine Kommode mit ein paar Schubfächern und einem Schuhschrank. Verteilt im Raum, standen und hingen Bilder in weißen Rahmen. Die meisten von ihnen waren ... wie nannten sie es doch gleich? Selfie’s? Mit ihr und anderen Menschen darauf. Sie sah auf jeden der Bilder fröhlich und glücklich aus. Ich beneidete sie darum. Darum, ein so lockeres und freies Leben zu haben.

Und dort, auf der Kommode stand sogar eine dieser asiatischen Winkekatzen. An sich hatte dieses Zimmer aufgrund der Farbwahl etwas Warmes an sich. Diese Frau war scheinbar verschwunden. Ich schlug die Bettdecke beiseite und stellte meine Füße auf dem Boden ab. Soweit so gut. Auch das Stehen war also kein Problem für mich. Ich durchquerte den Raum, mit seinen roten Wänden und dem roten Teppich und öffnete die Tür ihres recht großen Schlafzimmers – im Gegensatz zu meinem, war es dennoch ein Witz von einem Zimmer.

Ich hatte noch nie einen so kleinen Flur gesehen. Es war ein einziges Labyrinth mit Türen. Doch bevor ich Rätseln musste, sprang eine auf. Jetzt, im hellen Schein der Sonne, konnte ich ein paar Sommersprossen auf ihrer Haut entdecken. Sie hatte ein paar Sachen in ihrer Hand, die ihr aus dem Arm glitten, als sie mich erblickte. Kopfschüttelnd bückte sie sich und hob sie auf. Dann stand sie erneut vor mir. Sprachlos. Mich musternd. Aus ihren Haaren lösten sich Wassertropfen, die auf ihr Shirt fielen. Scheinbar hatte sie geduscht. Etwas, was auch ich nur zu gern machen würde. Ich war verschwitzt, an meinem Oberteil klebte noch immer das Blut und auch meine Hose war zerrissen und voller Dreck und Erde. Sicherlich kein reizvoller Anblick.

„Was bist du.“ Ihre Worte streiften ehrfürchtig durch den engen Flur. Das gleich könnte ich sie auch fragen. Hatte sie etwa Angst vor mir? Eigentlich sollte sie das auch aber aus irgendeinem Grund wusste ich, dass ich ihr niemals etwas antun würde. Ganz egal was sie war. Etwas lief hier ganz gewaltig schief. Ich machte einen Schritt auf sie zu. Dieses Wesen, welches doch so schändlich und töricht auf dieser Welt wandelte, wirkte so ganz anders. So ... rein. Ihre weiche und sanfte Stimme, dieses warme Grün in ihren Augen. Sie hatte mir nicht das Leben gerettet, aber sie hatte mir geholfen. Durch sie hatte ich die Nacht nicht in dem Feld, auf der Erde kauernd verbringen müssen. Sie schien mir besonders zu sein. Anders, als die Menschen, die ich in Erinnerung hatte.

„Wieso hast du mich gerettet, anstatt dir selbst zu helfen und zu verschwinden?“, fragte ich sie und ließ ihren Mund dabei nicht aus den Augen. Diese Gefühle in mir waren mir gänzlich neu. So etwas hatte ich noch nie zuvor verspürt. Doch durch sie - dieses fühlenden, menschlichen Wesens, erwachte wohl der Mensch in mir zum Leben. Dennoch ließ ich mir nichts anmerken und sah auf sie hinab mit ernstem Ausdruck.

„Ich konnte Sie doch nicht sich selbst überlassen.“ Sie wich einen Schritt zurück und zuckte zusammen, weil sie gegen eine der Wände stieß.

„Ich tue dir nichts“, versuchte ich, sie zu besänftigen, und ließ es zu, dass meine Stimme sanfter Klang. Es war mir sonst nicht gestattet, Gefühle zu offenbaren aber das hier … war anders, als alles, was ich zuvor erlebt hatte.

Als ich dicht vor ihr stand, bemerkte ich, wie zierlich sie im Gegensatz zu mir war. Ich war gut einen Kopf größer als sie und ja ich wusste, dass sie sich von mir bedrängt fühlte. Aber alles, was ich glaubte zu wissen, wurde von ihr außer Kraft gesetzt. Ich musste sie hassen. Sollte sie verabscheuen, aber stattdessen wollte ich sie berühren. Wollte ich, dass sie mich noch einmal so ansah. So voller ... Bedeutung. Oh ja, das waren die ausdrucksstärksten paar Augen, die ich je gesehen hatte.

„Wie…“, flüsterte sie und wich meinen durchdringenden Blicken aus, musterte stattdessen meine Arme. „… haben Sie das gemacht?“

„Sie hätten gehen sollen, anstatt mir zu helfen.“ Meine Finger flogen zu ihren Haaren und ich nahm eine nasse Strähne zwischen meine Finger. Merkwürdig, dass sich mein Herz so beschleunigte. Bildete ich mir das jetzt schon ein oder fühlten sich selbst ihre Haare anders an? Meine Finger wanderten zu ihren Wangen. Ihre Haut war so weich und zart, als wäre sie das zerbrechlichste Wesen, welchem ich jemals begegnet war. Ich mochte den Anblick dieser Sommersprossen. Ihre Nase war ein klein bisschen zu groß für ihr schmales Gesicht. Dennoch, ich konnte diese Unvollkommenheit verdammt gut leiden.

„Wie ist dein Name?“, wollte ich wissen und erwiderte ihren scheuen Blick, den sie mir zuwarf, als ich sie dies fragte.

„Lacy.“ Welch ungewöhnlicher Name. Stille legte sich über uns.

„Ich danke dir.“ Mit diesen Worten löste ich mich von dieser Frau und sie schien sich schlagartig zu entspannen.

„Erklären Sie mir, was gestern passiert ist!“ Oho, wieder dieser bestimmende Ausdruck in ihrer Stimme. Ich lächelte verstohlen. „Es ist besser, wenn du so wenig wie möglich weißt.“ In ihren Augen blitzte Wut auf. Sie war mit der Antwort wohl nicht zufrieden und es schien fast so, als kehrte ihr Selbstbewusstsein zurück. Gerade, als sie protestieren wollte, legte ich ihr einen Finger auf die Lippen und brachte sie damit zum Schweigen. Prompt reagierte ihr Körper auf diese Berührung und sie wurde stocksteif vor mir. Wieder konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Diese Frau war ein offenes Buch für mich und ich mochte es, wie sie auf mich reagierte. Und wie sie versuchte, mir die Stirn zu bieten. Noch nie hatte jemand versucht, mir einen Befehl zu erteilen. Das war amüsant.

„Es ist nur zu deinem Besten.“ Wieder diese vielsagenden Blicke zwischen uns. Energie knisterte zischen ihr und mir. Was auch immer es war, dass mich zu dieser Entscheidung trieb, ich konnte dem Drang nicht widerstehen. Etwas lag zwischen uns, etwas, was ich nicht erklären konnte, erst recht nicht mit Worten. Aber ich wollte es beschützen. Bewahren, vor allem was kommen würde.

„Hier.“ Ich griff nach dem Amulett, welches stets um meinen Hals hing, aber von dem Shirt verdeckt wurde und schob es mir über den Kopf. Meine Hand umfasste die ihre und ich ließ die kleine Metallkette in ihre Handfläche sinken. „Deine Welt wird sich schon bald verändern. Wenn du jemals in Gefahr bist, zeig ihnen dieses Amulett und niemand wird dir jemals etwas antun. Das verspreche ich dir. Lacy.“ Ich ließ mir dabei zeit, ihren Namen auszusprechen. Diese Bekanntschaft war für mich wahrlich einmalig.

„Ich verstehe nicht ...“ Ich verschloss ihre Lippen erneut mit einem meiner Finger, war erstaunt, wie sanft sie sich anfühlten. Ich war nicht dumm, ich fühle mich zu ihr hingezogen ich fragte mich nur, warum ausgerechnet zu ihr? Einem Menschen! Weil sie Gefühle hatte?

Misstrauisch begutachtete sie den Anhänger in ihrer Hand, der unser Familienwappen zeigte.

„Du wirst es schon bald verstehen, Lacy.“ Immer noch knisterte es zwischen uns. Wie Glut, die dabei war Feuer zu fangen. Aber genau das, durfte nicht passieren oder? Konnte ich ihr denn wirklich das Amulett geben? Seit über einem Jahrzehnt gehörte es mir und baumelte an meinem Hals. Nie hatte ich es abgelegt, dafür war es zu wichtig für mich. Aber Fakt war doch, dass dies das Einzige war, was ihr Leben retten konnte und aus unerklärlichen Gründen, wollte ich nicht, dass ihr etwas passierte.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ich einen Menschen erwählen würde?

Void

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