Читать книгу Ryloven - Manuel Tschmelak - Страница 6
ОглавлениеNächtliche Flucht
Am nächsten Morgen wurde Keron vom Licht geweckt, das durch das Fenster genau auf sein Gesicht schien. Langsam richtete er sich im Bett auf und gähnte. Er fühlte sich nicht ausgeruht, denn er hatte nicht gut geschlafen. Immer wieder träumte er vom toten Körper seines früheren Lehrmeisters und auch jetzt noch konnte Keron den blutigen Leichnam vor seinem geistigen Auge sehen. Deshalb entschied er, nicht länger liegen zu bleiben, sondern aufzustehen und seine neue Umgebung bei Lichte zu entdecken. Keron stand auf, nahm sein Hemd, das er am Abend zuvor abgelegt hatte, und streifte es sich über. Erst dann realisierte er, dass letzte Nacht noch jemand in diesem Zimmer geschlafen hatte. Er versuchte sich so beiläufig wie möglich umzudrehen und als er das verwaiste Bett erblickte, atmete er erleichtert auf. Anscheinend war sein Zimmergenosse schon sehr früh am Morgen aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen, ohne dass Keron es bemerkt hatte.
Schlaftrunken wankte er zum Fenster und warf einen Blick hinaus auf die Straße. Es war ein sehr schöner Frühlingstag und die Händler fuhren mit Karren, auf denen sie ihre Waren geladen hatten, unter seinem Fenster in Richtung des großen Marktes von Reduna. Da Reduna die Hauptstadt des Reiches Ryloven war, kamen Händler aus allen Ecken des Landes, um ihre Waren am berühmtesten Markt des Reiches feilzubieten. Keron hatte bis jetzt noch keine Zeit gehabt, sich das Treiben und Feilschen der Leute auf diesem Markt anzusehen, aber er nahm sich fest vor die Stadt in den nächsten Tagen, wenn möglich, zu erkunden. Mit Mühe wendete sich Keron vom Fenster und dem Treiben unter ihm ab und ging auf die Tür zu, um sich etwas umzusehen. Als er an dem kleinen runden Eichentisch vorbeiging, der in der Mitte des Zimmers stand, bemerkte er etwas, das gestern noch nicht da gewesen war. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem etwas geschrieben stand. Überrascht stellte er fest, dass der Zettel an ihn adressiert war:
Nicolas hat mir gesagt, dass wir einen Neuzugang haben und ich mich um dich kümmern soll, während er in der Stadt etwas zu erledigen hat. Wenn du bereit bist, findest du mich in den Stallungen des Gasthofs.
Will.
Keron las die Nachricht erneut und steckte sie dann in die Innentasche seines Hemdes. Von Neugierde getrieben, weil er erfahren wollte, wer dieser Will war, öffnete er die Tür und betrat den Flur. Er ging gerade die Treppe hinunter, als er fast mit einem Mädchen zusammenstieß. Nachdem er sich höflich entschuldigt hatte, grüßte er sie und sie stellten sich einander vor. Ihr Name war Clara. Die Tochter des Wirtes war ungefähr in seinem Alter, hatte langes, welliges braunes Haar und einige ihrer Haarsträhnen waren zu Zöpfen geflochten. Aber was Keron besonders an ihrem Aussehen fesselte, waren ihre strahlend blauen Augen, die ihn in ihren Bann zogen. Als er bemerkte, dass er sie schon einige Zeit lang anstarrte, wurde er etwas rot und verabschiedete sich schnell. Die Treppe weiter hinuntergehend stellte er fest, dass er zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte. Im Schankraum angekommen, saßen viel weniger Menschen an den Tischen als am vergangenen Abend. Viel weniger war eigentlich noch untertrieben, denn es saß nur ein einziger Mann in einer dunkleren Ecke des Raumes, dessen Gesicht Keron nicht erkennen konnte, weil es von der Kapuze seines Umhanges fast vollkommen verdeckt wurde. Keron kümmerte sich nicht weiter um diesen Mann und ging auf die andere Seite des Raumes, an der der Wirt gerade Krüge hinter der Theke säuberte.
„Guten Morgen“, brummte der Wirt mit seiner tiefen rauen Stimme, die seine Ähnlichkeit mit einem Bären nur noch deutlicher machte.
„Guten Morgen“, gab Keron als Begrüßung zurück. „Entschuldigen Sie Sir, könnten Sie mir bitte sagen, wie ich zu den Ställen komme?“ Plötzlich brach der Wirt in lautes Gelächter aus und hätte fast den Krug fallen gelassen, den er gerade zu reinigen versuchte.
„Oh Junge, so höflich war schon lang keiner mehr zu mir. Bitte nenne mich einfach Bert, denn es kommt mir merkwürdig vor, wenn mich jemand mit Herr oder Sir anredet. Bist du nicht der Junge, der gestern mit Nicolas angekommen ist?“
„Ja, das bin ich wohl, aber sage mir bitte, wo der Stall ist.“
„Kannst es wohl kaum abwarten zu arbeiten, was? Den Stall findest du, wenn du durch die Tür dort hinten gehst, doch vorher wird meine Frau dir ein richtiges Frühstück machen.“
Keron wandte den Blick verlegen ab. „Das ist sehr nett, aber ich habe kein Geld, um es zu bezahlen“, sagte er mit einem entschuldigenden Schulterzucken.
„Das ist kein Problem. Da du zu Nicolas gehörst, geht diese Mahlzeit, aber nur diese Mahlzeit, auf mich Kleiner, denn irgendwie muss ich auch mein Geld verdienen“, brummte er und gab Keron einen Klaps auf die Schulter, der so stark war, dass er fast wieder von dem Hocker rutschte, auf dem er sich gerade niedergelassen hatte. Der Wirt rief ins Zimmer hinter der Theke, damit Keron etwas zu essen bekam.
Kurz darauf brachte ihm Clara einen großen Teller mit Brot und gekochten Eiern. Als Keron ihr wieder in ihre blauen Augen schaute, hatte er wie schon auf der Treppe zuvor so ein komisches Gefühl. „Danke“, sagte Keron, als sie ihm den Teller hinstellte.
Dieses Mal erwiderte sie nichts, sondern kehrte gleich wieder ins Hinterzimmer zurück. Derweil er den ersten Bissen des Brots genoss, merkte er, dass er schon seit gestern Nachmittag nichts mehr zu essen gehabt hatte. Während Keron aß, unterhielt er sich noch ein bisschen mit Bert über die Stadt und der Wirt erzählte ihm, dass gestern ein bedeutender Mann des Reiches auf offener Straße ermordet worden war. Keron verkrampfte sich der Magen bei der schmerzhaften Erinnerung an Sir Francis, er verblieb allerdings stumm und erzählte dem Wirt nicht, dass er der Schüler dieses Mannes gewesen war. Aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht ganz verstand, wollte er von diesem großen Bären kein Mitleid. Schließlich bedankte Keron sich für das Mahl und ging auf die Tür zu, die zum Stall führte, um Will zu treffen.
Als er den Stall betrat, stieg ihm gleich der übliche, beißende Stallgeruch in die Nase, doch da er nicht zum erster Mal an so einem Ort war, gewöhnte er sich schnell an den Geruch von nassem Stroh und Pferdekot. Er schaute sich etwas um, konnte aber niemanden außer den fünf Pferden entdecken. Keron vermutete, dass die Pferde auf der rechten Seite des Durchgangs dem Wirt gehörten und das graue Pferd etwas weiter dahinter dem Mann im Schankraum, der die Kapuze seines Mantels übers Gesicht gezogen hatte. Jedoch konnte er sich nicht sicher sein, denn er wusste ja nicht, wie viele Leute sich noch in den Gästezimmern des Gasthofes befanden. Ganz hinten im Stall entdeckte er noch drei weitere Pferde, die nahe dem Ausgang standen. Das mittlere der drei war sehr groß und entsprach der Statur eines Schlachtrosses, weshalb er vermutete, dass es Sir Nicolas’ Pferd war. Weiters dachte er, könnte das rechte Pferd Will gehören, weil es etwas kleiner war als das mittlere Ross. Doch am meisten verwunderte ihn das fünfte und damit letzte Pferd im Stall. Er musste zweimal hinschauen, um ganz sicher zu gehen. Es war braun, ungefähr so groß wie das von Will, aber es hatte einen weißen Fleck um das rechte Auge. Es war sein eigenes Pferd, das er, wegen der Wirrnisse des vergangenen Tages ganz vergessen, bei der Herberge seines früheren Meisters gelassen hatte. Schnell lief Keron zu dem Tier, um es zu begrüßen.
„Hallo, Weher! Wie geht es dir, mein alter Freund?“ Weher wieherte kurz, was die vertraute Antwort war, wenn Keron sein Pferd begrüßte. Vor lauter Freude, dass er sein Pferd wiederbekommen hatte, war ihm zunächst gar nicht aufgefallen, dass neben seinem Pferd in einem Haufen trockenen Strohs jemand lag und schlief. Leise schritt er um sein Pferd herum, um sich den Schläfer genauer anzusehen. Keron schätzte ihn ungefähr auf sein Alter, doch weil der Fremde nicht ganz ausgestreckt dalag, konnte Keron seine Größe nicht genau bestimmen. Er war grob geschätzt einen Kopf größer als er selbst. Keron beugte sich hinunter, um zu erfahren, ob der junge Mann vor ihm wirklich nur schlief. Doch sein Atem war laut und deutlich zu hören.
„Will?“, versuchte Keron den Schlafenden zu wecken, doch dieser reagierte gar nicht auf diesen Versuch. „Bist du Will?“, fragte Keron nun etwas lauter als zuvor, doch wieder war keine Reaktion auszumachen. Weher verfolgte die Versuche seines Freundes, Will so diskret wie möglich zu wecken, geduldig, doch dann begann er plötzlich ganz laut zu wiehern. Will schreckte aus seinem Schlaf hoch und hielt sich die Ohren zu.
„Achhh, sei doch still du dummer Gaul, warum musst du mich auch aus dem Schlaf reißen?“, fragte Will das Pferd mit einem beleidigten Unterton in seiner Stimme.
„Hey, wen nennst du hier dummen Gaul!“ fuhr ihn Keron an, den Will bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bemerkt hatte. Will zuckte zusammen und drehte sich schnell zu Keron um. Sein erstauntes Gesicht über den unerwarteten Zwischenruf wich schnell einem breiten Grinsen und einem herzhaften Lachen. „Hahaha! War doch nicht so gemeint, aber dieses Pferd hat mich nun mal geweckt und das mag ich gar nicht. Tut mir leid, Brauner“, fügte er an Weher gewandt hinzu, ohne sein Grinsen zu verlieren.
„Du musst wohl Keron sein oder liege ich da etwa falsch? Nicolas sagte mir, dass wir einen Neuzugang haben.“
„Ja, der bin ich und ich vermute mal, dass du Will bist“, antwortete Keron dem immer noch grinsenden Will.
„Der einzig Wahre, möchte ich hinzufügen“, sagte dieser und machte einen hochmütigen Adeligen nach, bevor er wieder zu lachen begann. „Komm, gehen wir in den Schankraum und unterhalten uns dort weiter. Vielleicht gibt uns der alte Bert einen Trunk aus.“ Während sie den Stall durchquerten und Will fröhlich vor sich hin summte, konnte Keron sich schließlich nicht mehr zurückhalten.
„Du bist aber ein sehr fröhlicher Zeitgenosse, oder?“
„Bin ich das?“, gab Will erstaunt über die Frage seines Kameraden zurück. Zum ersten Mal verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht und er wurde nachdenklich. Keron war schon dabei, im Geiste seine Entschuldigung zu formulieren, weil er Will auf keinen Fall zu nahe treten wollte. Doch bevor er etwas sagen konnte, fing Will, der die schuldbewusste Mimik seines neuen Reisegefährten zum Schreien komisch fand, wieder an zu lachen. „Ja das bin ich wohl, Key“, brachte er zwischen seinem Lachen heraus. Und dieses Mal schloss sich Keron ihm an, der begriff, dass sein neuer Freund ihn gerade hereingelegt hatte. Guter Laune betraten sie den Schankraum und setzten sich auf die abgenutzten Holzstühle an einen Tisch nahe der Treppe, die in den ersten Stock führte.
„Also Key, erzähl mal. Was ist deine Geschichte?“, fragte Will während er aus dem Fenster auf die Straße schaute.
„Geschichte?“, gab Keron verwundet zurück.
„Na ja, du musst doch eine Geschichte haben, jeder hat doch eine. Zum Beispiel würde mich interessieren, wie es dazu kam, dass du jetzt hier bei mir sitzt“, versuchte Will nachzubohren, damit Keron ihm etwas erzählte. Also begann Keron ihm von seinen Reisen mit Sir Francis zu berichten. Doch schon bald unterbrach Will ihn.
„Ist das nicht der Mann, der gestern auf offener Straße erstochen wurde?“ Schweigen breitete sich über die zwei aus, denn Keron wollte nicht über die Geschehnisse des gestrigen Tages reden und Will erkannte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, woraufhin er lieber nicht weiter nachfragte.
„Aha, ist ja auch nicht so wichtig“, sagte Will und wechselte das Thema. „Nicolas hat mir gesagt, dass er erst gegen Abend wiederkommen wird, deshalb schlage ich vor, dass wir uns die Stadt etwas genauer anschauen gehen“, versuchte Will etwas unbeholfen das Gespräch zu beenden. Keron nickte zustimmend und so machten sich die beiden auf in die Stadt. Keron konnte es nicht genau erklären, aber seit dem ersten Moment konnte er Will gut leiden und er hatte so ein Gefühl, dass sie schon bald gute Freunde werden würden.
Als Keron den Gasthof verließ und auf die Straße hinaustrat, musste er zuerst einige Male blinzeln, weil sich seine Augen an das trübere Licht im Gasthof gewöhnt hatten. Mittlerweile herrschte bereits geschäftiges Treiben auf den Straßen der Stadt. Sie beschlossen die Richtung zum Markt- und Handelsviertel der Stadt einzuschlagen. In dieser Gegend von Reduna, die sie gerade durchquerten, lagen hauptsächlich Wohnhäuser von einfachen Bürgern, wenn man von den einzelnen Schenken und Gasthöfen einmal absah. Links und rechts an den Seiten standen Steinhäuser, die nicht mehr als zwei Stockwerke besaßen. Es war ein sehr einfacher architektonischer Stil ohne unnötige Verzierungen, abgesehen von wenigen einfachen Mustern an den Eingängen. Vor jedem Fenster gab es braune oder grüne Fensterläden und vor manchen waren Schnüre gespannt, um dort Wäsche zum Trocknen aufhängen zu können.
Erst jetzt bemerkte Keron, wie groß Will wirklich war. Seine erste Schätzung hatte sich als richtig erwiesen, denn Will war ungefähr einen Kopf größer als er und seine Arme und Beine waren auch dementsprechend lang. Sein Gang hatte etwas Federndes an sich und er strahlte eine gewisse Kameradschaft aus, die Keron noch nie verspürt hatte und die er sich nicht wirklich erklären konnte. Plötzlich blieb Will vor Keron stehen.
„Hörst du das?“, fragte er ihn. Und wirklich. Wenn Keron ganz genau hinhörte, konnte er viele Stimmen von Menschen ausmachen, die miteinander redeten.
„Wir müssen schon nah am Marktplatz von Reduna sein“, stellte Keron fest. Will nickte nur und wies seinem Freund, ihm in eine Seitengasse zu folgen. Dort kletterte er auf drei übereinandergestapelte Kisten und sprang hoch, um sich mit den Händen an der Kante des niedrigen Daches festzuhalten und hinaufzuziehen. Will machte dies mit so einer Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit, dass Keron nur über seinen neuen Freund staunen konnte und er schwor sich, Will bei der nächsten Gelegenheit zu fragen, wo er so etwas gelernt hatte. Kurz darauf konnte Keron ihn nicht mehr sehen, doch dann tauchte sein Kopf wieder auf und er rief zu Keron herab.
„Komm endlich rauf. Du musst das sehen.“ Keron stieg auf die drei großen Kisten, die unter seinem Gewicht etwas nachgaben, aber zum Glück nicht zusammenbrachen. Nach einem kurzen Moment des Zweifels wagte er den Sprung zur oberen Kante des Hauses und versuchte sich hochzuziehen, allerdings hatte er nicht genug Kraft in den Armen. Doch mit der Hilfe von Will schaffte er es schließlich hinauf. Oben auf dem kleinen Dach angekommen, kletterten sie weiter auf das Dach des Hauses nebenan. Dort zeigte Will ihm eine Leiter, die sie benutzten, um auf nächsthöhere Gebäude zu gelangen. Und wieder erkletterte Will die Leiter, ohne Probleme dabei zu haben. Doch als Keron hinaufklettern wollte, schaffte er es nicht die Leiter so schnell und flink zu erklimmen wie sein Freund. Er beneidete Will um dessen Geschicklichkeit.
Will hatte wirklich recht damit gehabt, dass es sich lohnen würde, auf das Dach zu klettern, denn von dort oben hatten sie eine wunderbare Aussicht auf den unter ihnen liegenden Marktplatz und die verschiedenen Leute, die dort Handel trieben. Es war einfach großartig. Keron erkannte Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen des Reiches und vor allem die Menschen der östlichen Region von Ryloven fielen ihm wegen ihrer besonders bunten Kleider gleich auf. Nachdem sie einige Zeit an der Kante des Daches gestanden und dem Treiben unter ihnen schweigend zugesehen hatten, wurde Kerons Neugierde einfach zu groß. „Will?“
„Hmmm“, kam es nur als Antwort zurück.
„Du hast mich doch vorher nach meiner Geschichte gefragt, aber du hast noch gar nichts von dir erzählt. Ich würde gerne wissen, woher du so gut auf Dächer klettern kannst?“
„Soso, das wüsstest du gerne, was?“, sagte er und grinste dabei, ohne den Blick von den Leuten zu nehmen. „Du musst dazu erst einmal wissen, dass ich in einer ähnlich großen Stadt wie Reduna als Waise aufgewachsen bin. Die meiste Zeit des Tages habe ich damit verbracht, auf der Straße zu sein, auf Häuser zu klettern, mir geheime Schlupfwinkel zu suchen und am Leben zu bleiben“, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu. „Die beste Zeit des Jahres war die, wenn die Gaukler ihr Können auf den Plätzen öffentlich zeigten. Ich bin dann einige Tage nicht ins Waisenhaus zurückgekehrt, sondern habe mit den Gauklern gelebt und einiges von ihnen gelernt. Zum Beispiel habe ich von einem Mann namens Haster das Messerwerfen gelernt und ein paar andere Leute haben mich im Bestehlen von Menschen unterrichtet. Im Nachhinein kann ich es nicht gut heißen, was ich damals getan habe, aber zu meiner Entschuldigung muss man hinzufügen, dass ich es nicht besser wusste und das Gauklerleben wirkte so aufregend. Allerdings bedauere ich die Erfahrungen nicht, die ich gemacht habe, denn ohne sie hätte ich Nicolas nie getroffen.“ Keron unterbrach ihn nicht, um eine Zwischenfrage zu stellen, da er die Geschichte unbedingt hören wollte. Er ließ Will also einfach weiterreden und hörte gespannt zu.
„Es war eines Tages ziemlich genau um die Mittagsstunde, als ich versuchte einen Apfel von einem der Händler zu stehlen. Doch noch bevor ich den Apfel auch nur berührt hatte, wurde mein Arm plötzlich von einer Hand gepackt und aufgehalten. Ich dachte schon eine der Stadtwachen hätte mich erwischt und es wäre aus mit mir. Aber als ich hochschaute, erblickte ich das erste Mal Nicolas Tirion, der mir direkt in die Augen sah und langsam den Kopf schüttelte. Er nahm mich etwas zur Seite und als sich sein Griff lockerte, riss ich mich los und rannte so schnell ich konnte durch die Menge auf die andere Seite des Platzes. Ich versteckte mich in einem meiner geheimen Schlupfwinkel, der ganz in der Nähe war und ruhte mich aus. Mein Herz klopfte wie wild und ich war froh, dass ich gerade noch so entkommen war. Allerdings wie heißt es so schön, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Will lachte über seine eigene Geschichte, doch Keron war zu gefesselt, um sich ihm anzuschließen. Nachdem Will sich wieder gefangen hatte, bat Keron ihn, er solle doch bitte weiter erzählen und dies tat Will dann auch.
„Am nächsten Tag kam Nicolas im Waisenhaus vorbei und schlug der Frau, die das Waisenhaus leitete vor mich mitzunehmen und mich zu unterweisen. Zuerst habe ich mich gegen diese Vorstellung gewehrt und ich konnte mir auch nicht erklären, wie mich dieser Mann wiedergefunden hatte. Aber da er wohl irgendetwas in mir gesehen hatte und ich das Leben im Waisenhaus und auf der Straße schon ziemlich satthatte, entschied ich mich mit diesem Mann mitzugehen. Was ich bis heute nie bereut habe.“ Für einen kurzen Moment hatte Keron den Eindruck, dass sich Wills Miene verdunkelte. Doch dann war der Moment auch schon wieder vorbei.
„So, nun kennst du meine Geschichte und ich möchte betonen, dass ich um einiges mehr erzählt habe als du. Aber lassen wir es derweilen gut sein. Los, lass uns wieder nach unten steigen und schauen, was die Händler so zu verkaufen haben.“
Und bevor Keron etwas einwenden konnte, hatte Will sich umgedreht und war bereits halb die Leiter hinuntergeklettert. Schnell folgte ihm Keron und schon bald befanden sie sich mitten im Getümmel des Marktes. Mit großen Augen bestaunten sie die wunderlichsten Dinge, die es an den einzelnen Ständen zu kaufen gab. Es gab dort fast jede erdenkliche Ware, die Keron sich vorstellen konnte. An einem Stand begutachtete er wunderschöne gewebte Teppiche, an anderen Ständen wurden Waffen, Helme und Brustpanzer verkauft, die alle schön poliert waren und in der Sonne glänzten. Neben Haushaltsgegenständen und kleinen Möbelstücken wurden ebenso Blumen, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse angeboten. Während sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten, musste Keron sich immer wieder bei Leuten entschuldigen, weil er sie in diesem Gedränge unabsichtlich angestoßen hatte. Will hingegen hatte keine Probleme, sich ohne Zusammenstöße durch die Menschenmasse zu bewegen und bekam dafür gelegentlich einen bösen Blick von Keron, der einfach nicht verstehen konnte, wie sich sein Freund so mühelos von einem Stand zum nächsten bewegte. Keron war ganz fasziniert von dem Schauspiel, das sich ihm bot. Er hörte Käufer beim Feilschen mit Händlern zu, er hörte das wütende Schreien eines Verkäufers, wenn seine Kundschaft ihm weniger Geld geben wollte, als er es sich vorstellte. Doch man hörte auch oft Ausrufe der Freude und sah energisches Händeschütteln, wenn ein Händler ein gutes Geschäft gemacht hatte. Keron sah viele Gegenstände, die ihm sehr gefielen, wie ein Schwert, das mit Rubinen am Griff besetzt war, die in der Mittagssonne rot leuchteten. Aber weil Keron kein Geld hatte, um sich so ein wertvolles Stück leisten zu können, folgte er Will einfach, der ab und zu bei einem Stand stehen blieb, den Händler fragte, wie viel er für dieses oder jenes Stück verlangte und dann wieder weiterging. Nur einmal blieb Will länger bei einem Stand stehen und Keron konnte sehen, wie seine Augen glänzten, als er ein Set von fünf Dolchen begutachtete. Will versuchte sogar mit dem Händler zu feilschen, um sich diese Dolche zu kaufen, aber der Mann war sehr stur, was den Preis anbelangte und ließ nicht mit sich verhandeln. Verärgert über die Dickköpfigkeit des Händlers gab Will seine Versuche, die Dolche zu erwerben, auf und drehte sich zu Keron um.
„Komm, lass uns etwas zu essen kaufen und dann setzen wir uns an einen ruhigeren Ort. Ich bekomme auf diesen Märkten immer Hunger“, bemerkte er mit einem grimmigen Gesicht. Keron stimmte seinem Freund zu. Deshalb gingen sie zum nächsten Bauernstand und kauften dort einen kleinen Laib Brot und etwas Obst. Danach verließen sie den Platz durch eine kleine Seitengasse und kamen an einem weiteren Platz heraus. Er war nicht so groß wie jener, auf dem die Händler ihre Waren feilboten, allerdings war es auch nicht so laut. In der Mitte des Platzes befand sich eine Statue auf einem etwas erhöhten Plateau, zu deren Füßen sie sich hinsetzten und aßen. Nach dem sie beide etwas im Magen hatten, besserte sich Wills Laune wieder und er vergaß die unerreichbaren Dolche. Diesen Umstand nützte Keron gleich aus, um Will eine weitere Frage zu stellen.
„Will, wie ist Sir Nicolas eigentlich so?“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Nicolas ist ein guter Lehrer und ich habe gehört, dass er nicht jeden als Schüler akzeptiert, deshalb können wir uns glücklich schätzen, denke ich.“
„Das ist ja alles schön und gut, aber kannst du mir nicht bitte mehr über ihn erzählen“, ließ Keron nicht locker, der vermutete, dass Will noch mehr wusste. Immerhin reiste er schon längere Zeit mit Sir Nicolas durch Ryloven.
„Na gut. Ehrlich gesagt, redet er kaum über sich selbst, aber das ist vermutlich so, wenn man ein Mitglied der Reichsschützen ist, denn die sind ein eher verschwiegener Orden.“ Bei diesem Wort wurde Keron neugierig. Er hatte Geschichten gehört, allerdings nie erfahren, ob sie auch wahr waren.
„Stimmt es, dass sie die besten Bogenschützen des Reiches sind?“, fuhr ihm Keron dazwischen.
Will nickte. „Ja, ihre Schussgenauigkeit auf weite Distanzen ist sehr gefürchtet und die Tatsache, dass sie äußerst schnell zwischen verschiedenen Zielen wechseln können, macht sie zu sehr gefährlichen Gegnern. Allerdings habe ich Nicolas noch nie schießen sehen. Er trägt den Bogen und den Köcher zwar meistens bei sich, doch ich konnte ihn noch nie in Aktion sehen.“
„Wenn das stimmt, dann würde ich es sehr gerne von ihm lernen. Aber erzähl mir noch mehr über ihn“, drängte Keron auf weitere Informationen.
„Tja, ich bin selbst noch nicht einmal ein Jahr bei ihm und bis jetzt hatten wir, abgesehen von ein paar Grundstellungen im Schwertkampf, nicht viel Zeit uns mit meiner Ausbildung zu beschäftigen, weil wir eigentlich ständig auf Reisen waren. Viele Menschen treten Sir Nicolas mit großer Ehrfurcht gegenüber, da er im letzten großen Krieg gegen die Teatoken, deren Land an das Gebirge im Nordwesten angrenzt, eine wichtige Rolle gespielt hatte. Doch was er wirklich getan hatte, weiß ich selber nicht so genau.“ Will unterbrach seine Erläuterungen kurz und schien zu überlegen. Doch schließlich erschien erneut sein vertrautes Grinsen auf seinem Gesicht: „Genau, bevor ich es vergesse, sollte ich dir sagen, dass du ihm lieber nicht zu viele Fragen stellst. Denn das kann er nicht so gut leiden. Außerdem verlangt er beim Training und bei jeder anderen Arbeit, die er dir aufträgt, vollste Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich glaube, das ist das Wichtigste, das du über ihn wissen musst. Alles andere wird er dir schon selber erzählen, wenn er es für notwendig empfindet.“
Während Keron noch über die Worte seines Freundes nachdachte, stand dieser schon auf, um die Stadt etwas weiter zu erkunden. Will wollte noch unbedingt zur großen Burg des Königs gehen. Er ersuchte Keron hier kurz auf ihn zu warten, während er in die Schenke auf der anderen Seite des Platzes ging, um den schnellsten Weg zu erfragen. Nachdem Keron einige Zeit den vorbeigehenden Leuten zugesehen hatte, kam Will wieder und die beiden machten sich auf den Weg. Sie waren noch nicht weit gegangen, da konnten sie schon die Turmspitzen über den Dächern der Häuser aufragen sehen. Umso näher sie der Burg kamen, umso mehr veränderte sich auch der Stil der Häuser.
„Ohne Zweifel befinden wir uns jetzt in den Adelsvierteln“, dachte Keron. Und sein Eindruck betrog ihn nicht, denn die Häuser waren nun um einiges größer und prunkvoller gebaut als in den Straßen zuvor. Sie hatten alle große Eingangsportale und zu einigen führte eine Marmortreppe hinauf. Keron entdeckte sogar Statuen auf kleinen von den Dächern abstehenden Sockeln. Doch keines dieser Gebäude war wie die Burg selbst. Es war das beeindruckendste Gebäude, das Keron je gesehen hatte. Sie war von einem breiten Burggraben umgeben, der mit dem Fluss verbunden war, der durch die Stadt ins Meer und damit direkt zum Hafen von Reduna führte. Hinter dem Burggraben stand eine sehr hohe Mauer, die das ganze Gebäude umgab, und in jeder der fünf Ecken der Mauer befand sich ein Wachturm. In das Innere der Festung konnten die beiden nicht genau hineinsehen, aber sie erkannten ein riesiges Gebäude aus weißem Stein im hinteren Teil der Anlage, das das Herzstück der Burg bildete. In diesem Palast würden sich vermutlich die königliche Familie, alle Adeligen und die Diener aufhalten. Außerdem vermutete Keron den großen Prunk- und Ballsaal in diesem Gebäude, von dem er schon manche Leute in Gasthöfen schwärmen gehört hatte.
Nachdem Keron und Will sich einige Zeit diesem Anblick hingegeben hatten, beschlossen sie langsam wieder zurückzugehen. Sie nahmen nicht den direkten Weg zurück zum Gasthof, sondern streiften noch länger durch das Adelsviertel, in dem es mehrere Geschäfte gab, in denen man zum Beispiel prachtvolle Ballkleider kaufen konnte. Ohne ein besonderes Ziel gingen sie durch die Gassen, bis sie wieder am Marktplatz ankamen, auf dem nun nicht mehr so viele Leute waren wie vor einigen Stunden. Viele der Händler fingen sogar bereits an ihre Stände abzubauen und ihre überzähligen Waren wieder auf die Karren zu laden. Mit leichten, schnellen Bewegungen überquerte Will den Platz und Keron folgte ihm mit geringem Abstand, weil er noch einige Gegenstände der Händler betrachtete, die er bei ihrem ersten Besuch aufgrund der vielen anderen Personen nicht gesehen hatte. Am Anfang der Straße auf der anderen Seite des Platzes wartete Will auf seinen neuen Freund, damit Keron ihn einholen konnte. Langsam wurde der Himmel immer dunkler und erstrahlte bereits in einem hellen roten Licht, als Keron das Schild des Gasthofes vor ihnen entdeckte. Er ging voraus durch die Tür und die beiden bahnten sich einen Weg durch die lachenden und trinkenden Arbeiter, die nach ihrem Tagewerk in den Gasthof gekommen waren, um sich etwas zu vergnügen. Will setzte sich auf einen freien Hocker an der Bar und bestellte bei Bert etwas zu essen, während Keron sich neben ihn setzte. Als Bert ihnen zwei Teller vor die Nase stellte, sah Will das breite Grinsen unter seinem buschigen Bart.
„Warum denn so fröhlich heute?“, fragte Will und musste ebenfalls grinsen.
„Es ist nichts Besonderes, aber es kommt eben nicht so oft vor, dass ich schon so früh so viele Kunden habe und da sich, während ihr weg wart, ein umherreisender Barde ankündigte, werden die Leute bis spät in die Nacht bleiben und sich viel zu trinken bestellen“, antwortete der Wirt mit seiner tiefen Stimme. Kurz bevor die beiden ihr Mahl aufgegessen hatten, kam wirklich ein Mann mit einem recht bunten Mantel und einem Zupfinstrument in den Schankraum und fing an zu spielen. Begeistert lauschten die beiden dem Gesang und der Musik des Mannes und aßen weiter.
Es dämmerte bereits, als Sir Nicolas über die hölzerne Zugbrücke ging, um endlich die Burg zu verlassen. Aber es war nicht seine Art sich zu beschweren, denn immerhin hatte er, als einer der angesehensten Leute am Hofe des Königs und als wichtiges Mitglied der Reichsschützen, eine gewisse Verantwortung zu tragen. Das ganze letzte Jahr hatte er verschiedenste Nachforschungen angestellt, deren Ergebnisse er nun dem Obersten der Reichsschützen mitgeteilt hatte. Sir Nicolas ging nicht über die Hauptstraßen zurück zum Gasthof, denn obwohl es ihm sonst nicht viel ausmachte, dass die Menschen oft etwas seltsam reagierten, wenn sie einem Mann in Reichsschützengewändern begegneten, wollte er heute nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er verstand sehr gut, warum die Leute misstrauisch auf Mitglieder seines Ordens reagierten. In den letzten Jahren hatten sich Gerüchte entwickelt, dass ihre Schnelligkeit und ihr Können im Bogenschießen einen unheilvollen Grund hatten, was natürlich vollkommener Unsinn war. Doch andererseits hatte dieser Aberglaube einige Vorteile, denn zum einen wurde den Reichsschützen ein gewisser Respekt entgegengebracht und zum anderen konnten Streitigkeiten oft schon durch die Anwesenheit eines Reichsschützen beendet werden, weil sich die meisten nicht mit einem Reichsschützen messen wollten, was auch daher rührte, dass dieser Bund direkt dem König unterstand und nicht den Fürsten der einzelnen Gebiete von Ryloven.
In dem Bestreben nicht aufzufallen, versuchte Sir Nicolas deshalb nur Seitengassen zu benutzen. Als er den Marktplatz durch mehrere Seitenstraßen umrundete, war es bereits dunkel geworden. Er hatte den großen Platz gerade hinter sich gelassen, als er in der Gasse hinter sich ein Geräusch hörte. Mit einer schnellen Bewegung drehte er sich um und starrte in die Finsternis, doch er konnte niemanden erkennen. Wachsam ging er weiter und änderte manchmal seine Schrittfolge, um zu hören, ob ihn jemand verfolgte. Das Geräusch war kaum wahrnehmbar, aber als er plötzlich ohne Vorwarnung ganz kurz stehen blieb, hörte er jemanden, der in sicherer Entfernung noch einen Schritt machte und dann innehielt. „Das ist kein normaler Straßenräuber“, dachte er. „Denn niemandem ohne eine spezielle Ausbildung ist es möglich, sich so präzise zu bewegen, dass er genau in demselben Takt geht wie ich und sich den veränderten Schrittfolgen so schnell anpasst.“
Ohne sich anmerken zu lassen, dass er von seinem Verfolger wusste, ging er weiter die Gasse entlang, änderte allerdings seine Richtung, weil er seinen Verfolger nicht zum Gasthof führen wollte. Nach einigen Minuten, in denen er vergeblich versuchte die Position seines Schattens zu bestimmen, bog er um die Ecke in eine leicht erhellte Straße und hielt abrupt an. In der Mitte stand eine einzelne, von einem Mantel umhüllte Figur, die auf ihn zu warten schien. Misstrauisch blieb Nicolas mit genügend Abstand zwischen ihm und dem Fremden stehen. Ohne eine Vorwarnung zog die dunkle Gestalt ihr Schwert und machte einen Satz nach vorne. Nicolas hatte gerade noch genügend Zeit sein eigenes Schwert zu ziehen, es hochzureißen und den Schwertstreich seines Gegenübers zu parieren. Immer wieder führte sein Gegner heftige Schläge aus und Sir Nicolas musste erstaunt feststellen, dass die Schwerthiebe schneller auf ihn niederprasselten, als es einem durchschnittlichen Kämpfer möglich sein dürfte. Er parierte einen Seitenhieb, aber der nächste Schwertstreich, der ihm den Kopf von den Schultern getrennt hätte, wenn er sich nicht schnell genug weggeduckt hätte, ließ nicht lange auf sich warten.
Nicolas wich zurück, um etwas Distanz zwischen ihm und seinem Angreifer zu bekommen, doch dieser ließ ihm keine Pause und griff unermüdlich an. Erneut wehrte Nicolas mehrere schnell geführte Hiebe ab, aber er konnte sich in keine bessere Position bringen. „Ich muss irgendetwas unternehmen, sonst könnte dieser Kampf schlecht ausgehen“, dachte Sir Nicolas, duckte sich erneut geschickt unter einem Schwertstreich hinweg und versuchte seinen Gegner an der Seite zu treffen. Nicolas grinste, denn er war sich sicher, dass er es nun endlich geschafft hatte, die Verteidigung seines Angreifers zu durchbrechen. Doch mit einer schon fast übermenschlichen Geschwindigkeit drehte sich der Kämpfer herum und blockte seinen Hieb mit Leichtigkeit ab. Überrascht taumelte Nicolas einen Schritt zurück. Als er glaubte eine weitere Schwäche in der Verteidigung seines Gegners entdeckt zu haben, griff er ihn frontal an, doch zu spät erkannte er, dass diese einladende Bewegung eine Falle gewesen war. Schnell zog der verhüllte Krieger mit seiner freien Hand einen Dolch unter seinem Gewand hervor und versuchte Nicolas’ Schwertarm zu treffen. Der konnte diesem präzise geführten Streich nicht schnell genug ausweichen und so durchschnitt der Dolch sein Gewand und brachte ihm eine Schnittwunde an der Schulter bei. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Arm und er musste schnell die Schwerthand wechseln, um den nächsten hart geführten Schlag abwehren zu können. Sir Nicolas konnte das Gesicht seines Gegners nicht genau sehen, aber trotzdem glaubte er kurz ein Lächeln erkannt zu haben. Es wurde immer schwieriger für ihn seinem Gegner Widerstand zu leisten. Sein Arm pochte vor Schmerzen und durch die immer wiederkehrenden harten Schläge wurde sein Handgelenk langsam taub. Wieder versuchte sein Gegenüber ihn mit dem Dolch in der Seite zu treffen, doch dieses Mal erkannte Sir Nicolas die Finte und konnte noch rechtzeitig ausweichen. Bei dieser Gelegenheit erhellte der Schein eines nahen erleuchteten Fensters die Klinge des Dolches, den sein Gegner führte. Sie war tiefrot und dies lag nicht an dem Blut, das sich darauf befand. Während seiner Nachforschungen hatte Sir Nicolas Gerüchte über Attentäter gehört, deren Markenzeichen angeblich Dolche mit roten Klingen waren. Allerdings gelang es den Reichsschützen nie, diese Gerüchte zu bestätigen, weil es nie einen Augenzeugen gegeben hatte, den sie befragen hätten können. Angeblich war jeder, der einen dieser Männer gesehen hatte, am Ende tot. Sir Nicolas hatte keinen Zweifel daran, dass er vor genau solch einem Mann, einem Nah’ranen, stand, was seine Chancen auf einen Sieg nicht gerade verbesserte.
Plötzlich hörte Sir Nicolas hinter sich schnelle Schritte, die, wie er vermutete, zu den Nachtwachen gehörten, die in der Stadt patrouillierten. Und da der Nah’rane nun noch schneller angriff, hatte sein Gegner vermutlich denselben Gedanken. Doch so einfach wollte es Nicolas ihm nicht machen und hielt weiter stand. Umso näher die Wachen kamen, umso schneller und stärker wurden die Schwerthiebe seines Gegners, aber je stärker diese wurden, desto unvorsichtiger wurden diese auch. Gerade als die Wachen in ihre Gasse bogen, schaffte es Sir Nicolas, seinem Gegenüber den Dolch aus der Hand zu schlagen, was ihm allerdings eine weitere Schnittwunde einbrachte. Sir Nicolas hoffte, dass der Nah’rane nun die Flucht ergreifen würde, doch zu seiner Überraschung rannte er an ihm vorbei und direkt auf die Patrouille zu. Die vollkommen unvorbereiteten Wachen sahen sich plötzlich einem tödlichen Gegner gegenüber und noch bevor sie ihre Waffen gezogen hatten, waren schon zwei von ihnen der Klinge des Attentäters zum Opfer gefallen. Die restlichen vier Wachen versuchten ihn aufzuhalten, aber nachdem noch ein Soldat tot zu Boden sank, hatte sich der Attentäter schon einen Weg durch die Wachen gebahnt und lief vom Kampfgeschehen weg. Sir Nicolas eilte zu den Wachen und nahm sich einen Bogen, der einem der toten Wachen gehört hatte. Schnell spannte er einen Pfeil ein und schoss auf den flüchtenden Feind. Der Pfeil sirrte durch die Luft und drang in die rechte Schulter des Nah’ranen ein, der jedoch einfach weiter lief, als wäre nichts gewesen, und im nächtlichen Nebel verschwand.
„Kümmert euch um die Toten!“, befahl er den Wachen noch bevor er den zurückgelassenen Dolch in ein Tuch wickelte und sich auf den Weg zum Gasthof machte. Nicolas machte sich Sorgen. Er konnte sich nicht vorstellen, worauf dieser Mann es abgesehen hatte und er handelte möglicherweise nicht alleine. Er musste nachsehen, ob es Will und Keron gut ging. Aber selbst wenn dieses Monster es nur auf ihn abgesehen hatte, sollten sie so schnell wie möglich Reduna verlassen, um herausfinden zu können, wer dieser Nah’rane war und warum er überhaupt angegriffen worden war.
„Da ist etwas in der Dunkelheit. Es ist nahe. Ich kann es in der Stille atmen hören.“ Keron wagte nicht seine Augen zu öffnen. Er blieb reglos liegen und lauschte auf weitere Geräusche. Plötzlich nahm er eine Bewegung neben sich war. Keron schoss hoch, aber eine Hand über seinem Mund hielt ihn davon ab, sich ganz aufzurichten. Sein Herz raste, aber als er sah, wer ihm den Mund zuhielt, entspannte er sich wieder. Es war nur Will, der neben seinem Bett stand. „Wen hatte ich auch erwartet?“ Doch irgendetwas stimmte nicht, denn Wills Hand ließ ihn nicht los und die andere ruhte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seinen eigenen Lippen.
„Da draußen ist jemand“, flüsterte er und ließ Keron los.
Keron blickte zur Tür, und wirklich, langsam bewegte sich die Türklinke nach unten. So ernst hatte er Will bis jetzt noch nicht gesehen. Es gab nicht einmal ein Anzeichen eines Lächelns auf seinem Gesicht. Die Tür immer fest im Blick bewegte Will sich, ohne dass der Boden knarrte, auf die andere Seite des Zimmers und ließ etwas Glänzendes unter seinem Hemd erscheinen. Die Tür zu ihrem Zimmer schwang mit einem leisen Quietschen auf, aber Keron konnte nur die Umrisse einer großen Gestalt erkennen.
„Steck das Messer weg, Junge“, befahl der Mann leise, doch laut genug, um seinem Befehl Nachdruck zu verleihen. Wills Körper entspannte sich sofort und so schnell, dass Keron es gar nicht sehen konnte, verschwand der Gegenstand in Wills Hand auch schon wieder. Nun kam die Gestalt weiter ins Zimmer hinein und Keron erkannte, wer ihr Besucher war: Sir Nicolas.
„Packt eure Sachen zusammen! Wir müssen Reduna so schnell wie möglich verlassen.“
„Was??? Aber …“
„Keine Diskussion, es ist hier nicht mehr sicher. Beeilt euch, wir treffen uns im Stall“, schnitt Sir Nicolas Will das Wort ab und verließ das Zimmer mit einem leichten Hinken.
Keron zog sich fertig an und packte alle seine Habseligkeiten in einen kleinen ledernen Reisebeutel. Und auch Will machte sich schnell daran, seine Sachen zusammenzusuchen und kurz darauf waren die beiden aufbruchsbereit. Keron öffnete die Tür einen Spalt breit und spähte in den dahinter liegenden dunklen Flur. Niemand war zu sehen. Unsicher betraten die beiden den Flur und stiegen leise die Treppe hinunter. „Da noch alles dunkel ist, muss es noch tief in der Nacht sein“, folgerte Keron in Gedanken. Doch trotz der Finsternis schafften sie es, ohne dabei zu stürzen, in den Schankraum. Schnell und vorsichtig gingen Will und Keron auf die Tür zum Stall zu. Doch noch bevor Will seine Hand auf den Türknauf legen konnte, wurde die Tür von der anderen Seite geöffnet. Kerons Muskeln entspannten sich wieder, als er den großen Wirt in der Tür stehen sah.
„Kommt schnell“, brummte er und hielt die Tür für sie offen. Mit schnellen Schritten durchquerten sie den Stall, bis sie die Pferde erreichten, die Nicolas gerade sattelte. Nachdem die drei ihr Gepäck auf den Sätteln festgebunden hatten, führten sie die Pferde nach draußen.
„Pass auf dich auf, Kleiner“, verabschiedete sich Bert von Will, als dieser gerade auf sein Pferd stieg.
„Reitet schon einmal vor, in Richtung des westlichen Tores. Will, du kennst den Weg. Ich komme gleich nach“, sagte Sir Nicolas mit ernster Miene, die jedes Widerwort unterband. Will hob die Hand zum Abschied. In diesem Moment bemerkte er am Dach des gegenüberliegenden Hauses eine Bewegung.
„Passt auf“, rief er noch im Wegreiten, aber da sirrte das Geschoss schon durch die Luft. Sir Nicolas hechtete auf die Seite, jedoch konnte Bert nicht so schnell reagieren wie der Reichsschütze und brach mit einem dumpfen Laut zusammen. Ein dunkler Fleck breitete sich auf der Brust des Wirtes aus und in dessen Mitte steckte ein Dolch, der dem in Sir Nicolas Tasche auf beunruhigende Weise glich. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung hievte er sich auf sein Pferd und ritt Will und Keron hinterher. „Es tut mir leid, alter Freund. Es wird die Zeit kommen, in der mir dein Mörder Rede und Antwort stehen muss.“
Er floh, so schnell sein Pferd es zuließ, aber er schaffte es trotzdem nicht, seinen Verfolger abzuschütteln. Erneut verblüffte ihn die Schnelligkeit, mit der sich der Nah’rane bewegte. Flink und ohne ein Anzeichen von Müdigkeit sprang er von Dach zu Dach, die in diesem Viertel der Stadt alle gleich hoch waren. Sir Nicolas setzte sich im Sattel auf und steuerte sein Pferd nun nur noch mit den Beinen, während er seinen Bogen nahm, den er an seinem Sattelknauf befestigt hatte, einen Pfeil anlegte und auf seinen Verfolger schoss. Der Pfeil sirrte durch die Luft und verfehlte sein Ziel, das blitzschnell die Richtung änderte und hinter einem Kamin verschwand. Kurz darauf hatte er seine beiden Schüler eingeholt und zusammen ritten sie im vollen Galopp durch die verlassenen Straßen von Reduna.
„Was ist passiert? Wie geht es Bert?“, fragte Keron. Doch Sir Nicolas antwortete nur mit einem einzigen Wort: „Später.“
„Aber …“
„Ich sagte später!“, schnitt ihm Nicolas das Wort ab. „Wir sind immer noch nicht außer Gefahr!“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, preschten die drei weiter voran. Als die Wachen beim Tor Sir Nicolas erkannten, öffneten sie auf seinen Befehl hin das große Holztor und ließen sie passieren. Nachdem sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, drehte sich Keron noch einmal um und konnte schwören jemanden die Mauer hinunterspringen gesehen zu haben. Diesen absurden Gedanken verwarf er gleich wieder, weil dieser Sprung von so einer Höhe bestimmt jeden getötet hätte. Sie ritten die ganze Nacht hindurch, bis schon die ersten Sonnenstrahlen hinter den grünen Hügeln hervorkamen. Während ihres Weges versuchten Keron und Will immer wieder zu erfragen, was in der Abwesenheit von Sir Nicolas eigentlich passiert war und wohin sie jetzt unterwegs waren. Aber sie erhielten keine Antwort.
Keron kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Nicolas vor ihm in einem Wäldchen anhielt und entschied, dass sie hier im Schutz der Bäume ihr Lager aufschlagen würden. Erleichtert, dass er endlich aus dem Sattel steigen konnte, nahm Keron sein Gepäck von Weher und begann sein kleines Zelt aufzustellen. Während die drei ihr Lager aufbauten, sprach keiner von ihnen ein Wort. Erst als sie fertig waren und Sir Nicolas mit Zweigen im Arm, die er für ein Lagerfeuer gesammelt hatte, zurückkam, konnte sich Will nicht mehr beherrschen.
„Dürfen wir endlich erfahren, warum wir wie die Besessenen um unser Leben reiten mussten?“
Sir Nicolas antwortete nicht, sondern schlichtete die Zweige zu einem Haufen und begann seine Wunden zu versorgen. Will machte bereits wieder den Mund auf, doch noch bevor er etwas sagen konnte, beantwortete Sir Nicolas seine Frage: „Ich weiß nicht genau, warum man uns angegriffen hat. Aber ich glaube zu wissen, wer versucht hat uns zu töten.“
„Und wer war es?“, mischte sich nun auch Keron ein.
„Ein Nah’rane.“
„Was ist denn ein Nah’rane?“, wollten Keron und Will wissen.
„Das hätte ich schon erklärt, wenn ihr mich nicht immer unterbrechen würdet“, entgegnete Sir Nicolas zornig. „Ich bin während unserer Reisen immer wieder auf Gerüchte über sie gestoßen. Der Orden der Nah’rane besteht aus kaltblütigen Mördern. Den Besten, wie so mancher behauptet. Sie besitzen besondere Fähigkeiten und das ist es, was sie so gefährlich macht. Früher wurden sie von vielen hohen Adeligen als Attentäter angeheuert, aber der König verhängte einen Bann über die Gilde der Nah’rane und erklärte, dass wenn er von irgendeinem Adeligen hörte, der einen Nah’ranen in seinen Diensten hätte, er ihn aus seinem Reich verbannen und alle seine Besitztümer beschlagnahmen würde. Es dauerte nicht lange, bis kein Adeliger mehr dumm genug war dieses Gesetz zu brechen. Und deshalb verschwanden auch die Nah’rane mit der Zeit aus der Öffentlichkeit und dem Bewusstsein der Menschen. Immer wieder gab es zwar Gerüchte von Nah’ranen, doch bis gestern gab es keine Beweise, dass die Gilde im Untergrund noch existiert.“
Will und Keron erbleichten, setzten sich dann und lauschten Sir Nicolas, während er berichtete, was ihm auf seinem Rückweg vom Schloss passiert war. Als er seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, holte er den Dolch, den er in seiner Tasche verwahrt hatte, heraus und zeigte ihn den beiden.
„Er ist sehr scharf“, erklärte Sir Nicolas, „Legenden zufolge, werden ihre Klingen nie stumpf. Aber ich vermute eher, dass ihre Schmiedekunst so gut ist, dass die Klinge einfach nur sehr lange scharf bleibt. Allerdings weiß niemand, wie sie das anstellen.“
Begeistert nahm Will den Dolch entgegen und wiegte ihn in der Hand. „Er ist perfekt ausbalanciert“, bemerkte er und Sir Nicolas nickte.
„Ja, das ist er, weil sie ihn auch als Wurfmesser benutzen. Eine Tatsache, die uns leider nur allzu deutlich bewiesen wurde.“
Keron dachte schmerzlich an den überraschten Gesichtsausdruck von Bert. Während Will den Dolch noch genau betrachtete, stellte Keron eine Frage, die ihn sehr beschäftigte: „Ist dieser Nah’rane immer noch hinter uns her?“
„Ich glaube nicht, aber wir sollten uns nicht zu sicher fühlen. Zuerst werden wir uns hier etwas ausruhen und dann zu einem verlassenen Ort im Norden aufbrechen. Da wir nicht wissen, warum wir angegriffen wurden, halte ich es für das Beste, wenn wir für eine Weile untertauchen.“
„Was ist das für ein Ort, zu dem wir reiten?“, fragte Will, als er den Dolch an Keron weiterreichte.
„Es ist ein alter Zufluchtsort meines Ordens. Eine Hütte tief im Wald. Es kommen nur selten Leute vorbei und nur wenige wissen von der Hütte, deshalb glaube ich, dass wir dort für eine Zeit lang sicher sein werden.“
„Und was werden wir dort machen?“, fragte Keron und gab den Dolch an Sir Nicolas zurück.
„Ich muss meinen Orden kontaktieren, um mehr herauszufinden. Außerdem ist es wichtig, dem König mitzuteilen, dass ein Nah’rane gesehen wurde. Aber primär werden wir uns um eure Ausbildung kümmern.“
„Warum ist die Information eines gesehenen Nah’ranen so wichtig?“, wollte Will wissen.
„Weil man, wie ich bereits sagte, dachte, dass es überhaupt keine mehr von ihnen gibt und es sicher nichts Gutes zu bedeuten hat, wenn sie wieder aktiv werden. Genug von der Rederei. Geht schlafen. Ich übernehme die Wache.“
Erst jetzt bemerkte Keron, wie müde er eigentlich war. Ihn interessierte zwar noch, warum man die Nah’rane für tot gehalten hatte, aber Sir Nicolas hatte ziemlich klar gemacht, dass er keine weiteren Fragen beantworten würde. Deshalb schlüpfte er in sein Zelt und versuchte einzuschlafen. Es war nicht leicht mit all den neuen Dingen, die ihm durch den Kopf gingen. Er lag noch länger wach und hörte dem Gesang der Vögel zu, der immer wieder durch die Schnarchgeräusche von Will unterbrochen wurde, bis ihn seine Müdichkeit schließlich übermannte. Er schlief schlecht, denn Kerons Träume waren voller Monster und verschwommener Bilder, die ihn beunruhigten.
Als er schließlich geweckt wurde und missmutig sein kleines Zelt wieder abbaute, war er kaum erholt. Seine Träume waren eine Folter für ihn gewesen. Wenn sie nicht gerade vom blutenden Leichnam Sir Francis handelten, rannte er um sein Leben, weil Gestalten, die er nicht genau sehen konnte, versuchten ihn umzubringen. Am späten Nachmittag erblickten die drei ein Dorf in der Ferne. Kurz bevor sie es erreichten, hatte Nicolas ihnen befohlen anzuhalten. Sie stiegen von ihren Pferden und führten sie ein wenig weg von der Straße. „Ich werde ins Dorf gehen und ein paar Sachen einkaufen, die wir noch benötigen, und ihr bleibt hier und wartet“, verkündete Sir Nicolas.
„Warum können wir nicht mitgehen?“, fragte Will.
„Weil ich nicht will, dass wir zusammen gesehen werden, falls jemand versucht uns aufzuspüren“, antwortete er und ließ es so klingen, als hätte Will sich das eigentlich auch selber denken können.
Nachdem Sir Nicolas gegangen war, sprachen Will und Keron mit gedämpfter Stimme darüber, was sie von Sir Nicolas über die Nah’rane erfahren hatten. Aber da sie nicht sehr viel wussten, drehten sie sich mit ihren Spekulationen nur im Kreis und ließen das Thema schließlich ruhen. Es breitete sich eine Stille zwischen ihnen aus, keine unangenehme Stille, wie sie entstand, wenn man nicht wusste, was man sagen sollte. Nein, sie lagen einfach neben einander im Gras und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Es fühlte sich für Keron an, als ob es Stunden gedauert hätte, bis Sir Nicolas mit einem großen Sack auf dem Rücken wieder zurückkam. In Wirklichkeit konnte es allerdings auch nur eine Stunde oder sogar weniger gewesen sein.
Nachdem Sir Nicolas den zusätzlichen Proviant bei seinem restlichen Gepäck verstaut hatte, setzten sie ihre Reise fort. Sie ließen das Dorf hinter sich und als sie sicher waren, dass man sie nicht mehr sehen konnte, verließen sie die Straße und folgten einem kleinen Feldweg, der gerade breit genug für ein Pferd war. Dieses Mal ritten sie nicht die ganze Nacht hindurch, sondern schlugen ihr Lager auf einer kleinen Lichtung auf, die sich einige Meter vom Weg entfernt befand. Gleich nachdem die drei ihr Nachtlager errichtet hatten, wünschte Keron ihnen eine gute Nacht und legte sich hundemüde in sein Zelt. Die Ereignisse der letzten Tage zehrten an ihm.
Als Sir Nicolas ihn weckte, war es früh am Morgen und die Sonne noch nicht zur Gänze aufgegangen. Der unruhige Schlaf hatte ihn nur wenig erfrischt. Er setzte sich neben Will, der schon länger wach vor dem Feuer saß. Dankend nahm er ein Stück Brot und Käse an, die Nicolas ihm reichte. Nachdem sie alle etwas in den Magen bekommen hatten, machten sie sich daran, ihr Lager wieder abzubauen. Während Will und Keron damit begannen ihre Zelte behutsam auseinander zu nehmen, löschte Sir Nicolas das Feuer und machte sich dann selbst auf den Weg zu seinem Zelt. Keron fragte sich, ob Sir Nicolas überhaupt geschlafen hatte. Ihre Zelte abzubauen und zusammenzupacken erschien Keron viel einfacher, als das Aufbauen am Vortag. Seine Finger waren klamm gewesen und sein ganzer Körper hatte vom langen Reiten geschmerzt. Doch nun, da er sich nach dem Frühstück etwas besser fühlte, ging die Arbeit leichter von der Hand. Sie verstauten ihr Gepäck wieder in den Satteltaschen ihrer Pferde und ritten los. Immer in Richtung Norden.
Will und Keron versuchten ihre Reise angenehmer zu gestalten, in dem sie sich über dieses und jenes Thema unterhielten. Sie stellten sich vor, wie es wohl so war, einem Nah’ranen im Kampf gegenüber zu stehen. Aber auch ihre bevorstehende Ausbildung war ein beliebtes Thema, das sie immer wieder diskutierten. Sie ritten immer sehr früh am Morgen los und hielten nur für eine Stunde an, wenn die Sonne am höchsten stand, damit sich ihre Pferde etwas ausruhen konnten. Ansonsten blieben sie kaum stehen. Außer bei den seltenen Gelegenheiten, wenn Sir Nicolas ihren Weg mit dem auf seiner Karte verglich. Keron fiel auf, das sie nie auf großen Straßen unterwegs waren. Die meiste Zeit ritten sie auf kleinen Wald- und Wiesenwegen, was natürlich dazu führte, dass sie kaum anderen Menschen begegneten.
Vier lange Tage ritten sie hintereinander her, bis sie ihr Ziel endlich erreicht hatten. Neben einem kleinen Weiher stand eine alte Holzhütte. Keron vermutete, dass sie früher als Jagdhütte benutzt worden war, allerdings sah es nicht danach aus, als wäre jemand vor kurzem hier gewesen. Das komplett aus Holz errichtete Gebäude war zwar nicht besonders heruntergekommen, allerdings begannen einige Pflanzen bereits damit, sich ihren Weg die Außenwände hinauf zu bahnen. Auch das Innere der Hütte sprach dafür, dass schon einige Zeit niemand mehr hier gewesen war. Alles war verstaubt und verdreckt. Aber sie schien allgemein noch in einem soliden Grundzustand zu sein. Vor der Eingangstüre befand sich eine Holzveranda und im Inneren bestand die Holzhütte hauptsächlich aus einem größeren Raum, in dem sich ein Tisch mit vier Stühlen, eine Feuerstelle, die als einzige komplett aus Stein war, ein Kasten mit Töpfen und Holzschalen darin und ein alter Besen, der verlassen in einer Ecke lehnte, befanden.
Durch den Hauptraum gelangte man zu zwei weiteren, viel kleineren Räumen. Beide waren so klein, dass darin gerade genug Platz für zwei Betten war. Keron hätte sich einen gemütlicheren Unterschlupf gewünscht, doch wenigstens hatte der letzte Bewohner für genügend Feuerholz gesorgt. Und an der Rückseite der Hütte fanden sie sogar einen beträchtlichen Vorrat an Heu für ihre Pferde. Will und Keron bekamen das eine Zimmer und Sir Nicolas trug seine Sachen in das andere. Kaum hatten sie ihre Sachen verstaut, teilte Nicolas ihnen schon weitere Aufgaben zu. Will sollte sich um die Pferde kümmern und Keron schnappte sich, wie befohlen, den Besen und versuchte die Zimmer so gut er konnte vom Staub zu befreien Es war mehr Arbeit, als er zu Beginn gedacht hatte. Doch als Will mit den Pferden fertig war, nahm er einen anderen Besen zur Hand, den er hinter dem Haus gefunden hatte, und half seinem Freund. Während die zwei sich abrackerten, holte Nicolas Holz und begann in einem der großen Töpfe einen Eintopf zu kochen. Schon bald war die ganze Hütte vom leckeren Geruch des Essens erfüllt, was Kerons Arbeit nicht gerade erleichterte, weil ihm bereits das Wasser im Munde zusammenlief. Doch nachdem die beiden schließlich auch mit der Veranda fertig waren, rief Nicolas sie hinein, um den köstlichen Eintopf zu verspeisen, den er zubereitet hatte. Keron und Will setzten sich an den Tisch und begannen ihr Mahl aus den Holzschüsseln zu essen, die Sir Nicolas zuvor mit Wasser aus dem Weiher gesäubert hatte. Sie genossen das Essen so sehr, dass keiner von ihnen etwas sagte. Sie saßen nur stumm am Tisch und löffelten sich die deftige Brühe eifrig in den Mund. Die Tatsache, dass die beiden einmal nicht unaufhörlich miteinander redeten, entlockte Sir Nicolas sogar ein kleines Lächeln, was die zwei aber nicht bemerkten, da sie in diesem Moment nur Augen für ihr Essen hatten.