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Auszeit am Meer Kapitel 1 Vince

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Beklemmende Gefühle suchen mich heim, als ich das Büro betrete. Ich schleppe mich regelrecht ins Gebäude und weiß genau, dass ich gar nicht hier sein will. Natürlich ist es meine Firma, aber mir wächst seit ein paar Monaten alles über den Kopf. Die Verantwortung, die Entscheidungen, ich lebe nur noch für mein Unternehmen. Und das zerrt seit einer Weile gewaltig an meiner Psyche.

Ich bin ausgebrannt, schlafe kaum noch und habe jedes Mal das Gefühl, dass ich kurz vor einem Erstickungstod stehe, wenn ich durch diese Türen trete. Wahrscheinlich stehe ich mir selbst im Weg, aber ich kann einfach nicht mehr, bin vollkommen fertig.

Klar, ich weiß, dass es immer mein Ziel war, einmal erfolgreich zu sein und hunderte von Arbeitsplätzen zu schaffen. Doch dass dieses Leben auch seine Schattenseiten mit sich bringt, habe ich damals nicht gesehen. Umso bitterer ist es nun für mich, zu erkennen, dass ich für dieses Leben offensichtlich nicht gemacht bin. Ich fühle mich, als hätte ich meine Zeit verschwendet und Jahre vergeudet, indem ich einer Sache nachgejagt bin, die mich nicht glücklich macht. Natürlich tue ich Gutes, weil ich den Leuten Arbeit gebe. Aber dadurch habe ich auch eine unglaubliche Verantwortung, über die ich vorher nicht nachgedacht habe. Die Geschäfte laufen zwar gut, jedoch ist das auch die einzig positive Tatsache für mich.

Unruhig betrete ich das Büro meiner Sekretärin und befürchte, dass ich gleich wieder einen Stapel Unterlagen auf meinem Schreibtisch vorfinden werde, sobald ich durch meine Bürotür schreite. Zusätzlich zu den hunderten von E-Mails, die in meinem Postfach auf mich warten. Ich weiß schon lange nicht mehr, wie ich das alles schaffen soll, kämpfe mich aber trotzdem pflichtbewusst Morgen für Morgen hierher.

Ich begrüße Kerstin, nicke ihr zu und verschwinde anschließend direkt an meinen Platz. Dabei schließe ich die Tür, denn ich ertrage es gerade nicht, auch nur eine Menschenseele zu sehen. Kerstin wird mich sicherlich noch auf den neuesten Stand bringen wollen, aber ihr ist inzwischen auch bekannt, dass ich in den letzten Wochen immer erst einmal einen Moment für mich brauche, bevor ich für sie ansprechbar bin. Mir ist selbst klar, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Meine Mitarbeiter erwarten von mir, dass ich sie führe, doch ich muss mir immer öfter eingestehen, dass ich es nicht mehr kann. Ein untragbarer Zustand, denn persönliche Befindlichkeiten haben in einer Firma nun einmal nichts zu suchen. Das weiß jeder und ich als Geschäftsführer sollte das am allerbesten wissen. Aber was soll ich machen?

Angespannt trete ich ans Fenster und sehe hinaus. Der Sommer hat Einzug gehalten und ich befürchte, dass es in wenigen Stunden bereits wieder unerträglich heiß sein wird. Das war in den letzten Tagen auch so und wird heute nicht anders sein. Ein weiterer Grund, dass ich es einfach nicht mehr aushalte und mir buchstäblich die Luft zum Atmen fehlt. Nervös reibe ich mir meine Stirn und sage dann wie in Trance zu mir selbst: „Ich muss hier raus!“

Worte, die ich noch nie ausgesprochen habe, allerdings gibt es ja immer ein erstes Mal.

Nachdenklich stütze ich mich am Fensterbrett ab und höre, wie es an der Tür klopft. Auch wenn ich noch immer nicht so weit bin, jemanden zu empfangen, nehme ich dennoch Haltung an, als die Tür geöffnet wird. Genau so, wie man es von mir erwartet.

„Es tut mir leid, aber ich brauche eine Entscheidung von Dir, denn ich muss Sanders und Partner mitteilen, ob wir zukünftig mit ihnen zusammenarbeiten werden. Darf ich kurz reinkommen?“

„Natürlich, Kerstin.“ Daraufhin wende ich mich ihr zu, nehme ihr die Unterlagen ab, die sie mir entgegenhält. Kurz überfliege ich diese und bemerke, wie die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen. Daher drehe ich mich mit dem Rücken zu ihr, kneife kurz meine Lider zusammen, fasse mir an meine Nasenwurzel und sammele mich, bevor ich einen erneuten Blick auf das Dokument werfe. Ich muss mich zusammenreißen, denn so geht das nicht weiter.

„Sieht doch alles ganz gut aus. Sagen wir zu!“ Ich drehe mich zu ihr zurück und reiche ihr die Unterlagen.

„Ok. Das mache ich.“

„Danke, Kerstin!“

„Äh, ich möchte Dir keinesfalls zu nahetreten, Vince, aber Du siehst nicht gut aus. Kann ich etwas für Dich tun?“

Einen Moment lang mustere ich sie, ohne, dass ich mir eine Reaktion anmerken lasse. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis auch meine Angestellten von meinem Zustand Wind bekommen. Und da Kerstin eng mit mir zusammenarbeitet, ist es nur logisch, dass sie es als erstes bemerkt. Ich muss verhindern, dass das die Runde macht.

„Ich komme zurecht, danke! Was steht heute auf dem Plan?“, wechsele ich das Thema.

„Zwei Termine. Einen mit der Berufsgenossenschaft und einen mit den Abteilungsleitern. Die Unterschriftsmappen habe ich auf Dein Sideboard gelegt. Außerdem ist eine E-Mail mit Forderungen des Betriebsrates eingegangen. Frist bis Ende der Woche. Wir sollten jedoch umgehend darauf antworten. Die restlichen Themen habe ich nach Wichtigkeit absteigend sortiert und gestapelt.

„Danke, Kerstin.“, entgegne ich nickend. „Bitte schicke Karsten zu mir ins Büro.“

„Wird sofort erledigt.“

Daraufhin wendet sie sich ab und schließt die Tür hinter sich. Erst als sie aus meinem Blickfeld verschwunden ist, atme ich aus. Meine Entscheidung ist getroffen. In dem Moment, als ich nach Karsten gefragt habe, war mir klar, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Und das werde ich ihm jetzt mitteilen.

Keine zehn Minuten später, klopft es an meiner Tür und ich bitte darum, einzutreten. Nach wie vor stehe ich am Fenster und sehe hinaus, kann mich nicht dazu aufraffen, mich meiner Arbeit zu widmen.

„Moin, Vince. Was gibt’s?“

Ich drehe mich um und sehe meinen gutgelaunten Partner vor mir stehen. Allein der krasse Gegensatz unseres Gefühlszustandes sagt mir, dass meine Entscheidung die richtige ist.

„Guten Morgen, Karsten. Setz´ Dich bitte.“, biete ich ihm den Stuhl vor meinem Schreibtisch an. Er kommt meiner Aufforderung umgehend nach und macht es sich bequem. Anschließend setze auch ich mich in meinen Schreibtischsessel.

„Ich werde meine Anteile verkaufen.“ Jetzt ist es raus und sogleich sehen mich zwei geschockte Augen an.

„Was? Hast Du Dir das denn gut überlegt!?“

Nein. Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Es ist eine Kurzschlussreaktion, das weiß ich genau. Aber ich kann nicht mehr. Ich habe das dringende Bedürfnis, mir eine Auszeit nehmen zu müssen. Und selbst wenn ich mir eine Vertretung auf Zeit suchen würde, wüsste ich nicht, ob ich danach in die Firma zurückkehren könnte … ob ich dazu in der Lage wäre. Die Situation hier belastet mich mehr, als ich es mir eingestehen möchte. Und ich habe Bedenken, dass es wieder von vorne losgehen würde, wenn ich zurückkomme. Ich könnte auch nicht wirklich zur Ruhe kommen, wenn ich wüsste, dass jemand in meinem Namen in meiner Firma agiert. Entscheidungen trifft, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie in meinem Sinne wären.

All das sage ich natürlich nicht. Selbst meinen Partner geht es nichts an, wie es in meiner Psyche aussieht. Daher ist alles, was ich dazu sage, ein schlichtes „Ja!“.

Fassungslos blickt er mir entgegen und streicht sich anschließend nachdenklich über seinen akkurat geschnittenen Drei-Tage-Bart. Karsten und ich kennen uns seit dem Kindergarten. Wir sind gute Freunde, doch seit wir auch Partner sind, habe ich mich mehr und mehr von ihm entfernt. Ich weiß selbst nicht genau warum, vermute jedoch, dass es mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich mit dem Druck, der auf mir lastet, nicht mehr zurechtkomme.

Karsten war sofort Feuer und Flamme, als ich mit der Idee um die Ecke kam, eine Firma zu gründen. Wir haben alles zusammen aus dem Boden gestampft und daher habe ich jetzt schon ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn damit alleine sitzen lasse. Das hier ist unser Projekt. In dieser Firma steckt unser beider Herzblut und ich verpasse dem Ganzen einen Arschtritt. Es ist unfair und respektlos ihm gegenüber und trotzdem habe ich keine andere Wahl.

„Was hast Du denn jetzt vor?“

„Ehrlich gesagt, weiß ich es noch nicht.“

„Du hast doch irgendein Problem, oder? Sag mir, worum es geht. Es gibt auch andere Möglichkeiten, die wir in Erwägung zie…“

„Nein!“, falle ich ihm ins Wort. Andere Möglichkeiten kommen für mich nicht in Betracht.

„Ich werde verkaufen, Karsten! Und das so schnell wie möglich. Ich wollte es Dir mitteilen, bevor ich mich erkundigen werde, welche Optionen es gibt. Somit kannst Du Dir überlegen, ob Du meine Anteile übernehmen möchtest, oder ob wir Dir einen neuen Partner suchen, der meine Aufgaben übernehmen und in die Firma eintreten wird. Bitte akzeptiere jedoch meine Entscheidung.“

In diesem Moment wird mir klar, dass wir in unterschiedlichen Welten leben. Meine Welt, die sich immer enger um mich zusammenzieht und seine, in der alles möglich zu sein scheint. In der es Kompromisse und Lösungen gibt. Früher war meine Welt seiner so ähnlich. Wir dachten, dass wir zusammen alles schaffen und unseren Weg ewig zusammen beschreiten würden. Wann hat es angefangen, dass wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt haben?

Heute jedoch hält mich die Enge um mich herum gefangen. Enttäuscht sieht er mich an und ich kann ihm das noch nicht einmal verdenken. Dann steht er kommentarlos auf und verlässt mein Büro. Niedergeschlagen setze ich meine Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und stütze den Kopf auf meine Hände, vergrabe mein Gesicht in ihnen. Dabei reibe ich mit den Fingerspitzen über meine Stirn. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück.

***

Bereits zwei Tage später habe ich für viel Geld einen kurzfristigen Notartermin ergattern können. Der Notar ließ sich glücklicherweise bestechen, uns am späten Abend noch zu empfangen. Karsten sitzt neben mir und sieht mich immer wieder an. Er kann es nach wie vor nicht glauben, dass mir das hier verdammt ernst ist. Daher hat er sich bereiterklärt, meine Anteile zu übernehmen. Er will mir wohl den Rückweg freihalten und sich erst in ein paar Wochen auf die Suche nach einem neuen Partner machen. Auch wenn ich ihm mehrfach versichert habe, dass er das nicht muss, ließ er sich nicht davon abbringen. Doch damit kann ich mich nicht mehr befassen. Er muss nun selbst entscheiden, wie lange er ohne einen Partner klarkommt. Für mich wird es keinen Weg zurück geben.

Nachdem ich alle notwendigen Dokumente unterschrieben habe, greift Karsten nach mir ebenfalls zum Kugelschreiber. Auch er setzt seine Unterschrift unter den Vertrag. Natürlich wird die Austragung meiner Person aus dem Handelsregister noch eine Weile brauchen, doch mit der heutigen Unterschrift bin ich offiziell raus aus dem Geschäft.

Immer noch angespannt erhebe ich mich aus meinem Stuhl, Karsten steht ebenfalls auf und ich umarme ihn noch ein letztes Mal. Er kann nicht wissen, dass wir uns nun eine Weile nicht sehen werden, doch mein Entschluss steht längst fest. Für mich ist es ein Abschied auf lange Zeit. Freundschaftlich schlage ich ihm auf die Schulter und murmele ein: „Danke, Mann!“ Er nickt nur, sieht mich jedoch immer noch zweifelnd an. Ich hingegen nehme meine Jacke und gehe ohne ein weiteres Wort aus dem Raum. Schnell verlasse ich das Notariat und atme erst einmal tief durch. Dabei breitet sich eine große Leere in mir aus, trotzdem geht es mir damit nicht besser. Alles was ich erschaffen habe, ist mit einem Schlag zunichtegemacht.

Da ich am Ende der Fußgängerzone geparkt habe, muss ich zwangsläufig hier durch. Noch immer herrscht zwischen den vielen Geschäften eifriges Treiben und ich spüre, wie mir schon wieder die Luft wegbleibt. Zwar sind inzwischen weniger Menschen hier, als es mittags der Fall ist, für meinen Geschmack sind es jedoch immer noch zu viele. Das alles engt mich unglaublich ein. Und obwohl Wiesbaden eine sehr saubere und gepflegte Stadt ist, fühle ich mich hier inzwischen unwohl. Mit eingezogenem Kopf laufe ich vorwärts und fühle mich, als hätte ich Scheuklappen auf, sehe Menschenmassen an mir vorbeiziehen und habe das Gefühl, dass der Abschluss mit der Firma immer noch nicht reicht. Ich muss hier raus! Raus aus der Stadt, raus aus meinem Leben!

Nach schier endlosen Minuten habe ich mein Auto endlich erreicht und steige ein. Einen Moment muss ich mich sammeln, dann schnalle ich mich an, starte den Motor und parke aus. Mein Fahrzeug rollt los und ich steuere es an der nächsten Kreuzung in Richtung meiner Wohnung. Doch je näher ich ihr komme, desto langsamer werde ich. Eigentlich möchte ich mich gerade einfach nur verkriechen, mich in meine eigenen vier Wände einschließen und so schnell nicht mehr vor die Tür treten. Mich von allem und jedem fernhalten. Doch ich weiß, dass es das nicht besser macht. Was also tun?

In meinem Kopf formen sich Worte zusammen. Drei Worte, um genau zu sein und sie setzen sich in meinem Hirn fest. Nehmen immer mehr Raum ein und zwingen mich dazu, erneut abzubiegen, um dem beklemmenden Gefühl in mir zu entkommen.

WEG VON HIER, ist alles, was ich denken kann und ehe ich mich versehe, fahre ich auch schon auf die Autobahn auf. Ich gebe Gas, fahre nach Norden und lasse die Stadt, die Firma und mein altes Leben hinter mir.

Erstaunlicherweise löst sich der Druck auf meinem Brustkorb immer mehr auf, je weiter ich mich entferne und schon bald kann ich kurz anhalten. Am nächsten Rasthof fahre ich ab, um einmal tief Luft zu holen, spüre dabei, wie sich die schwere Last auf meinen Lungen langsam zu lösen beginnt. Alles Einbildung, und trotzdem kann ich jetzt freier denken. Ein paar Minuten bleibe ich hier, ziehe gierig Sauerstoff in mich hinein und suche die Toiletten auf, bevor ich meinen Weg fortsetze. Ich habe keine Ahnung, wohin ich fahre, folge einfach nur der Straße und spüre, wie nach und nach aller Ballast von mir abfällt.

Mein rationaler Verstand funkt immer wieder dazwischen und ich frage mich, was ich hier eigentlich tue. Wo ich hinwill? Wo ich übernachten soll? Doch ich bringe ihn immer wieder zum Schweigen. Mit solchen Lappalien kann ich mich gerade nicht beschäftigen und bin wild entschlossen, meinen Weg fortzusetzen. Es wird sich schon alles weisen, an Geld mangelt es mir schließlich nicht. Zur Not schlafe ich einfach im Auto, was im Sommer schließlich kein großes Problem darstellen sollte.

Ich habe einfach das dringende Bedürfnis, aus meinem Leben zu flüchten, halte es dort keinen Tag länger mehr aus. Das alles hier will ich nicht mehr, will wieder glücklich sein können. Natürlich habe ich keine Ahnung, ob ich das Glück dort finden werde, wohin mich mein Weg führt. Allerdings will ich auch einfach nicht glauben, dass es nicht möglich sein könnte. Schließlich habe ich kein Ziel, überlasse es dem Schicksal, wo es mich hintragen wird. Vielleicht ist es tatsächlich möglich, wenn man sich nur darauf einlässt? Vielleicht ist es manchmal an der Zeit, höheren Mächten zu vertrauen und das eigene Leben in fremde Hände zu legen?

Im Radio spielen sie „Wincent Weiß – An Wunder“ und irgendwie erinnert mich der Song gerade an mein eigenes Leben. Ich habe schlicht keinen Grund, zu bleiben, wo ich war und ich fühle, wie mir der Sänger förmlich aus der Seele spricht. Ein Gefühl von Freiheit erfasst mich und durchzieht meinen Körper. Daher drehe ich die Lautstärke auf, drücke das Gaspedal noch ein wenig weiter durch, gebe meinem schicken Sportwagen die Sporen und fahre dem Sonnenuntergang entgegen.

***

Kurz vor der deutschen Grenze zu Dänemark bin ich einer Eingebung folgend links abgebogen und habe mich in der Schlange zum Sylter Autozug wiedergefunden. Dummerweise ging anschließend nichts mehr vor und nichts mehr zurück. Also habe ich notgedrungen ein Ticket gekauft und bin mit meinem Auto auf den nächsten Zug aufgefahren, wohlwissend, dass es ja auch noch eine Fähre nach Dänemark gibt, die mich im Zweifel wieder von der Insel hätte fortbringen können. Doch bereits die ersten Impressionen der Insel, während der Autozug den Damm überquert, ziehen mich absolut in ihren Bann.

Ich sehe Meer, fühle die frische Brise durch das heruntergelassene Fenster, erspähe die ersten reetgedeckten Häuser vor mir und liebe die Küste bereits jetzt, die sich um die Insel herum erstreckt. Natürlich bin ich die ganze Nacht durchgefahren und habe jetzt die Möglichkeit, mich ein klein wenig gehen zu lassen, denn so lange ich mich mit meinem Fahrzeug auf dem Zug befinde, kann ich etwas entspannen. Ich habe das Gefühl, dass ich der Ruhe entgegenfahre, sowohl in mir selbst als auch um mich herum. Und als ich mein Fahrzeug vom Zug herunterrollen lasse, begrüßen mich bereits die ersten Sylter mit einem herzerwärmenden Lächeln.

Nur wenig später laufe ich über die Holzbrücke auf die Aussichtsplattform, stehe kurz darauf über dem weißen Sandstrand von Kampen und blicke auf die unendlich wirkende Nordsee. Plötzlich bin ich tatsächlich von tiefer Ruhe erfasst. Der ganze Stress löst sich in Luft auf und ich fühle, dass ich hier genau richtig bin, weit weg von allem. Ich will überhaupt gar nicht mehr irgendwo anders hin, denn hier fällt alles von mir ab.

Das Rauschen der Wellen zieht mich in seinen Bann und ich schließe meine Augen, höre in der Ferne Möwen kreischen und spüre, wie die salzige, frische Brise durch meine Haare weht und meine Haut kühlt. Keine Spur mehr von unerträglicher Hitze. Nichts als erfrischende Kühle schlägt mir entgegen, obwohl es später auch hier durchaus warm werden dürfte.

Ich krempele meine Hose hoch, ziehe meine Schuhe und Strümpfe aus. Anschließend nehme ich beides in meine Hand und schreite über die Holzbretter zurück und zum Strand hinunter. Dort laufe ich einfach drauf los, spüre den weichen, noch kühlen Sand unter meinen Füßen, während ich die hohen, mit Gras und Moos bewachsenen Dünen zu meiner rechten Seite mustere. Dieses Gefühl von Freiheit, das mich jetzt umgibt, treibt mir fast die Tränen in meine Augen. Ich bin erfüllt von diesem aufregenden Gefühl, das mich durchzieht und sich wohltuend in mir ausbreitet.

Noch ist es früh am Morgen und ich sehe lediglich ein paar Jogger an mir vorbeiziehen, doch sonst ist der Strand menschenleer. Ich laufe ein paar Meter und sehe weiter hinten ein Strandrestaurant auftauchen, das ich zu meinem Ziel erkläre. Doch ich muss feststellen, dass der Weg dorthin länger dauert, als ich angenommen hätte. Denn die Strecke durch den Sand ist länger und beschwerlicher, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Man merkt eben doch, dass ich aus der Stadt komme und damit keinerlei Erfahrung habe.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mir selten Urlaub gegönnt habe und wenn, dann bin ich nie weggefahren. Denn ich musste auch im Urlaub für die Firma erreichbar sein. Wäre ich es nicht gewesen, hätte das unter Umständen ernste Konsequenzen nach sich ziehen können. Meine Entscheidungen werden in der Regel sofort benötigt… wurden sofort benötigt, korrigiere ich mich. Hätte ich einmal einen Tag nicht in meinen E-Mail Account gesehen, hätte das einen ernstzunehmenden Flächenbrand an Problemen auslösen können.

Wie gut es dagegen jetzt tut, kein Firmenhandy und keinen Laptop mehr mit sich herumtragen zu müssen. Es fühlt sich an, als hätte ich mit den elektronischen Geräten eine Menge Ballast abgeworfen und hinter mir zurückgelassen.

Endlich habe ich das kleine Strandrestaurant erreicht und steige die vielen Holztreppen hinauf, um auf die Terrasse zu gelangen. Von hier oben gleitet der Blick noch ein ganzes Stück weiter über das Meer in Richtung Horizont. Die Aussicht ist unglaublich und ich fühle mich pudelwohl auf diesem hübschen Fleckchen Erde. Zum ersten Mal bemerke ich, dass sich ein winziges Lächeln auf meine Lippen schleicht. Ein Lächeln, das bewirkt, dass meine Seele langsam zu heilen beginnt. Es ist ein seltsames Gefühl, das ich seit Monaten nicht mehr gespürt habe, aber es tut unglaublich gut. Bereits jetzt fühle ich, dass es wohl so sein sollte, dass ich ausgerechnet hier gelandet bin. Ob ich mich von dieser wundervollen Insel jemals wieder werde lösen können?

Ich suche mir einen Platz in der Sonne, von dem aus ich auch eine gute Aussicht habe. Das Restaurant hat gerade erst geöffnet und es sind noch keine weiteren Gäste hier. Daher kommt die Kellnerin sogleich auf mich zu. Ich bestelle ein reichhaltiges Frühstück mit Orangensaft, Espresso, Brötchen und Croissants, denn inzwischen habe ich richtig Hunger! Dazu wird Marmelade und eine Auswahl an Käse und Wurst gereicht. Auch ein hartgekochtes Ei findet den Weg auf meinen Tisch, über welches ich mich direkt als erstes hermache. Anschließend genieße ich mein neues Lebensgefühl und lasse mir das Frühstück schmecken.

***

Nachdem ich mich gestärkt habe, zahle ich und verlasse das Restaurant wieder. Zwar werde ich später noch einmal hierhin zurückkehren, doch jetzt suche ich mir erst einmal einen Platz am Strand. Zuerst miete ich mir einen Strandkorb und mache es mir darin gemütlich. Mein Jackett ziehe ich aus, lege es neben mich auf die Sitzbank und lasse mir die Sonne ein wenig auf den Pelz scheinen. Wärme umgibt mich, jedoch niemals so heiß, dass es unangenehm wäre, da hier immer ein angenehm kühler Wind geht. Dabei döse ich immer wieder weg, denn schließlich war ich die ganze Nacht unterwegs. Der Schlafmangel macht sich allmählich bemerkbar und die Ruhe um mich herum, sowie die monotonen Geräusche der rauschenden Wellen, bewirken ihr Übriges. Entspannt schlafe ich ein und kann das erste Mal seit langem wieder etwas Kraft tanken.

Als ich gegen Mittag wieder aufwache, fühle ich mich noch leicht benommen aber gut erholt. Es dauert ein wenig, bis ich die Müdigkeit vollständig abschütteln kann, was wahrscheinlich an der frischen Seeluft liegt, die mich fantastisch hat schlafen lassen.

Inzwischen ist jedoch deutlich mehr los. Touristen laufen an mir vorbei und Kinder spielen neben mir im Sand. Einige Gäste baden im Meer und irgendwie würde ich das jetzt auch gerne machen. Mich in die erfrischenden Wellen werfen und mich auf ihnen ein wenig treiben lassen, planlos, ziellos und sorglos.

Da ich allerdings lediglich das dabeihabe, was ich am Leib trage, kann ich diesen Plan jedoch momentan schlecht verwirklichen. Mein Business-Anzug ist wohl eher keine angemessene Badekleidung und mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, möchte ich meinen Strandnachbarn dann auch nicht zumuten. Eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses kann ich nun wirklich nicht gebrauchen, obwohl Badekleidung ja streng genommen auch nicht viel mehr darstellt als Unterwäsche. Trotzdem werde ich es nicht darauf anlegen. Also bleibe ich einfach weiterhin am Strand sitzen und genieße meine Aussicht.

Seit ein paar Minuten hat die Flut wohl ihren Höchststand erreicht, denn die Wellen fließen immer wieder bis kurz vor meinen Standkorb. Also beschließe ich, meine Hosenbeine noch ein Stück höher zu krempeln und zumindest mit den Füßen durch Wasser zu laufen.

Ich bin erstaunt, wie kalt die Nordsee doch ist, obwohl wir Sommer haben. Aber gleichzeitig ist es herrlich erfrischend und tut mir unglaublich gut. Immer wieder schlängeln sich die Wellen um meine Füße herum. Das kalte Wasser umspült meine Knöchel und lässt die Fußabdrücke sofort vollaufen, die ich beim Hin- und Herwandern im Sand verursache. Schnell spült das Meer wieder Sand hinein und wenig später sieht man bereits keine einzige Fußspur mehr von mir. Alles ist wie vorher und niemand könnte erahnen, dass ich einmal meine Abdrücke in diesem Sand hinterlassen habe.

Wie tiefsinnig, denke ich bei mir. Und trotzdem kann ich nicht verhindern, dass ich anfange, genau diese Gedanken auf mein Leben zu beziehen. Auch an mich wird sich irgendwann kein Mensch mehr erinnern. Von mir wird einmal nichts weiter übrigbleiben als ein Name auf einem Grabstein. Dann wird keiner mehr daran denken, dass ich einst eine Firma hatte, Arbeitsplätze geschaffen habe und meinen Angestellten hoffentlich ein guter Chef war. Sollte es das tatsächlich schon gewesen sein?

Plötzlich wird in mir der Wunsch nach einer Familie laut und ich wundere mich, wo diese Gedanken auf einmal herkommen. Nach einer Frau, mit der ich mein Leben verbringen und nach Kindern, die ich lieben kann und die mich lieben würden. Denen ich ein guter Vater sein könnte und die mir vielleicht hoffentlich auch irgendwann einmal Enkelkinder schenken werden. Genau das sollte der Sinn des Lebens sein, nicht Geld und Macht, sinniere ich. Nachfahren zu zeugen, die Linie zu erhalten, so dass man weiterhin ein Stück von einem selbst auf der Welt hinterlässt. Dass die Fußspuren eben nicht vollständig ausgelöscht werden.

Ich kann nicht verhindern, dass sich eine gewisse Melancholie durch meine Gedanken zieht, die eine tiefe Sehnsucht in mir weckt. Vielleicht bin ich auch depressiv, wer weiß das schon? So abwegig ist das schließlich nicht. Wenn ich mir die letzten Monate so ins Gedächtnis rufe, wäre es zumindest nicht verwunderlich. Vielleicht ist es jedoch auch nur dieser Ort, der mich ins Grübeln bringt. Oder aber er ist es, der mich zu mir selbst finden lässt. Zu meinem wahren Ich, zu meiner Natur. Was es auch sein mag, ich habe das Gefühl, dass alles richtig ist, was mir bei meinem Aufenthalt hier widerfahren wird.

Da es bereits Nachmittag ist, gehe ich noch einmal zurück zum Strandrestaurant und hole mir ein Sandwich auf die Hand sowie etwas zu trinken, bevor ich zu meinem Strandkorb zurücklaufe. Dort lasse ich mir meine Mahlzeit schmecken, doch die Sonne hat ihre Position geändert, ist weiter nach Westen gewandert und da ich sie noch etwas genießen möchte, gebe ich den Schlüssel des Strandkorbes zurück und setze mich anschließend noch ein wenig in den Sand. In den Dünen finde ich ein hübsches Plätzchen, lege mich dort hin und genieße weiterhin die Aussicht aufs Meer.

Das Wasser zieht sich bereits wieder zurück und bald wird das Watt vor mir auftauchen. Ich sehe dem Lauf der Natur dabei zu, wie sie sich langsam aber stetig vor meinem Auge verändert und denke darüber nach, dass auch der Lauf des Lebens nicht aufzuhalten ist. Ich sollte in den folgenden Wochen alles komplett umkrempeln, doch noch habe ich keine Kraft dafür. Auch eine Bleibe sollte ich mir für die nächsten Nächte suchen, kann mich jedoch auch dazu nicht aufraffen. Und so hänge ich noch eine Weile meinen Gedanken nach und starre vor mich hin.

Den ganzen Tag habe ich hier verbracht und so langsam leert sich dieser Standabschnitt. Die Touristen gehen nach Hause und nur noch wenige Leute spazieren am Strand entlang. Ich sollte jetzt auch aufstehen, doch ich kann es nicht. Etwas hält mich hier, das ich nicht benennen kann. Diese Stille und diese Ruhe, abgesehen vom stetigen Meeresrauschen, lassen mich nicht los und verhindern, dass ich mich erhebe. Mir ist bewusst, dass ich vermutlich die Nacht hier verbringen werde oder spätestens dann im Auto schlafe, wenn es mir hier draußen doch zu frisch wird, aber irgendwie hat es auch etwas verdammt Romantisches, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.

Was soll ich sagen? Normalerweise habe ich für Romantik nichts übrig, bin eher der abgeklärte Geschäftsmann, der sich an Zahlen orientiert und davon sein Leben bestimmen lässt. Doch ich bin ausgebrochen, habe mein bisheriges Leben hinter mir gelassen, weshalb sollte ich dann der Romantik nicht auch eine Chance geben, mich zu überzeugen?

Allein die Tatsache, wie ich derzeit denke, kann ich selbst gar nicht fassen. Diese Insel macht definitiv seltsame Dinge mit mir! Sie bringt mein Innerstes zum Schwingen, verzaubert mich und lässt neue Sichtweisen entstehen, die bisher außerhalb von meinem Horizont gelegen haben.

Plötzlich sehe ich eine Frau den Strand ablaufen. Sie begutachtet das Watt, geht hin und wieder in die Knie, um etwas einzusammeln und spaziert dann weiter. Ihre schlanke Figur, ihre langen Beine und ihre anmutige Art, mit der sie sich bewegt, ziehen mich komplett in den Bann. Ich verfolge sie mit meinen Augen, sauge jede ihrer Bewegungen in mich auf und bin komplett fasziniert von ihrer Erscheinung.

Sie ist noch ein Stück weit entfernt und doch sehe ich deutlich ihre Augen, die jetzt ebenfalls meinen Blick finden. Erstaunen schlägt mir entgegen, doch ich spüre auch eine gewisse Ablehnung, die von ihr ausgeht. Ob es an meiner Kleidung liegt, dass sie mich offensichtlich nicht mag? Schließlich sieht man selten Leute mit einem Anzug am Strand sitzen.

Ich schaue an mir herunter, betrachte meine hochgekrempelte Anzughose, meine sandigen Füße und mein zerknittertes Hemd, da ich heute bereits in meiner Kleidung geschlafen habe. Dazu meine gelockerte Krawatte und vermutlich stehen meine Haare inzwischen ebenfalls wirr in alle Richtungen. Zumindest letzteres sollte aufgrund des Windes nicht so sehr auffallen, weil es hier allen Leuten so gehen wird, der Rest von mir dürfte jedoch gerade recht unansehnlich sein. Kurz: Ich muss ziemlich erbärmlich aussehen, soviel ist klar.

Jetzt sehe ich wieder zu ihr zurück und betrachte dagegen ihre Kleidung. Sie trägt ein helles Sommerkleid mit Spaghetti-Trägern. Dazu Gummistiefel, die sicherlich absolut angemessen sind, da sie langsam durch das Watt wandert.

Ihr Blick wird immer abweisender und ich kann nicht verhindern, dass ich mich dagegen immer mehr von ihr angezogen fühle. Es ist grotesk, wahrscheinlich trennen uns Welten und ich weiß natürlich absolut nichts über sie, dennoch kann ich nicht genau benennen, was mich so unglaublich an ihr fasziniert. Sie scheint hübsch zu sein, ja, doch für mich ist es weitaus mehr als das, weshalb sie mir so gefällt. Diese Frau erscheint mir plötzlich wie das unfassbare Licht in meiner gottverdammten Dunkelheit. Zum Teufel, was ist das nur?

Eine ganze Weile hat sie meinen Blick gehalten, als sie am Strand vorbeigelaufen ist. Jedoch wendet sie sich jetzt wieder ab. Unbeirrt läuft sie weiter und wird nach und nach immer kleiner, als sie über den weißen Sand davonläuft.

Sollte ich ihr nachlaufen? Ob ich es wagen soll, sie anzusprechen? Doch dann sehe ich wieder an mir herunter und entscheide mich dagegen. Außerdem habe ich ihre Abweisung deutlich gespürt. Weshalb also sollte ich sie belästigen?

Daher mache ich es mir wieder bequem und starre auf das leere Watt hinaus. Das Meer ist jetzt ziemlich weit hinten, fast ist es gar nicht mehr zu sehen. Eine Weile hänge ich meinen Gedanken nach, dann fallen mir irgendwann die Augen zu und ich gleite in einen traumlosen Schlaf.

Auszeit am Meer

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