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Kapitel 3 Amina
ОглавлениеAm Abend betrete ich meine Wohnung und balanciere das Essen vom Chinesen auf meiner einen Hand, während ich in der anderen den gereinigten Anzug von Vince halte. Ich gebe der Tür hinter mir einen Schubs, lasse sie ins Schloss fallen und laufe auf die Küche zu.
Vince finde ich auf dem Balkon und er springt sofort auf, als er mich hört.
„Hallo Amina!“, begrüßt er mich mit seiner dunklen Stimme, die mir direkt durch und durch geht.
„Hallo Vince!“, erwidere ich. Ganz gentlemanlike nimmt er mir das Essen ab und bringt es nach draußen auf den Balkon. „Danke!“, murmele ich ihm nach und mustere dabei seinen Rücken mit diesen herrlich breiten Schultern. Er ist wahrhaftig ein Prachtexemplar von einem Mann, das muss ich zugeben. Doch da ich ihn nicht länger anstarren will, wende ich mich eilig wieder ab.
Vince hat bereits den Abwasch erledigt, den Tisch neu gedeckt und auch die Wäsche aufgehängt, worum ich ihn ja gebeten hatte. Ich bin wirklich beeindruckt!
Seinen Anzug hänge ich von außen an die Badezimmertür, gebe ihm sein Restgeld und gehe dann kurz ins Bad, um eine weitere, Waschmaschine mit heller Wäsche anzuschalten. Anschließend trete ich zu ihm nach draußen auf den Balkon.
„Ich hoffe, Du magst Chinesisch?“, frage ich ihn unsicher, doch er nickt schnell und reicht mir dabei eine Essensbox.
„Absolut! Bei mir gab es das auch öfter, wenn ich mal wieder spät aus der Firma herausgekommen bin.“
Das erleichtert mich, denn so wirklich wusste ich ja nicht, was er gerne isst.
„Wie war Dein Tag?“, will er anschließend wissen und schon allein diese einfache Frage erwärmt mein Herz. So etwas hat mich noch kein Mann vor ihm gefragt. Weder meine bisherigen Ex-Freunde noch sonst jemand. Das zeigt mir, dass er sich tatsächlich für mich und mein Leben interessiert, was ich absolut unglaublich finde! Denn prinzipiell bin ich ja absolut fremd für ihn.
„Ehrlich gesagt, war alles so wie immer. Aber das ist gut so, denn das bedeutet, dass es auch keine größeren Katastrophen gab.“, erkläre ich und lächele ihn an.
„Warum so negativ? Kommen Katastrophen denn in Deinem Job öfter vor?“
„Ja, das kann man wohl sagen.“
„Und um welche Katastrophen handelt es sich dann?“
„Ich bin Krankenschwester. Im Krankenhaus werden schließlich öfter Notfälle eingeliefert.“
„Oh, ja, das kann ich mir denken.“
„In welchem Bereich warst Du eigentlich mit Deiner Firma tätig?“
„Ich hatte eine Personalvermittlungsfirma. Wir haben uns hauptsächlich mit Headhunting beschäftigt. Also Vorstandsmitglieder und Personen für leitende Funktionen abgeworben und neu vermittelt.“
„Wow! Also ziemlich große Fische…“, stelle ich beeindruckt fest.
„Ach, das sind auch nur Menschen. Nichts Besonderes.“, wiegelt er ab und ich denke über seine Aussage nach. Eigentlich hat er da Recht.
„Nur die Vermittlungsprovisionen sind ein wenig höher, als bei normalen Vermittlungen.“, erwähnt er noch und grinst mich dabei an. Ja, das glaube ich ihm aufs Wort und lächele ebenfalls. Dann wechsele ich das Thema, weil ich das Gefühl habe, dass er nicht wirklich über seine Firma sprechen möchte.
„Und was hast Du heute so gemacht?“, frage ich ihn, weil es mich wirklich interessiert.
„Nicht viel. Hauptsächlich habe ich in der Sonne gesessen und dabei genossen, einmal nichts tun zu müssen.“
„Das kann ich absolut verstehen. Eigentlich sollte man sich viel öfter eine Auszeit nehmen. Wenn das nur immer möglich wäre …“ Eine Weile sitzen wir uns gegenüber und lassen uns das Essen schmecken, bevor ich erneut zu sprechen beginne.
„Ich habe morgen frei. Wollen wir gemeinsam etwas unternehmen? Vielleicht könnte ich Dir ein wenig die Insel zeigen oder wir gehen einkaufen. Ich denke, es könnte nicht schaden, wenn wir Dir das ein oder andere neue Kleidungsstück kaufen oder?“
Schmunzelnd beäuge ich ihn und mustere dabei die Kleidung, die ich ihm gegeben habe. Sie ist von Henrik, einem Freund von mir. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, weshalb er sie bei mir hat liegen lassen, aber ich muss gestehen, dass sie an ihm nicht halb so gut aussieht, wie an Vince.
„Ja, ein paar neue Klamotten sollte ich mir tatsächlich zulegen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mich dabei begleitest und mir nebenbei noch ein wenig die Insel zeigst.“
„Dann machen wir das so!“, bestätige ich und freue mich, während ich ihn so betrachte.
Irgendwie gefällt er mir, ich kann jedoch nicht genau sagen weshalb. Irgendetwas hat dieser Mann an sich, dass mich ziemlich nervös macht.
Nun mustere ich ihn genauer. Er hat dunkle, kurze Haare, eine gerade Nase und unglaublich intensive Augen. Sie sind braun und so dunkel, dass man die Pupille kaum von seiner Iris unterscheiden kann. Trotzdem wirken sie groß und freundlich. Dazu noch diese sinnlich geschwungenen Lippen, die so verführerisch zum Küssen einladen. Ich könnte ihn wirklich stundenlang ansehen!
Auch die Tatsache, dass ich heute auf der Arbeit nur noch seine männliche Brust vor mir gesehen habe, macht die Situation nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ständig habe ich meine Augen geschlossen und mir vorgestellt, wie mich diese starken Arme an sich ziehen. Bin ich verrückt, wenn ich mir wünsche, dass mir dieser Mann näherkommt? Ist es verwerflich, dass ich an so etwas denke, obwohl ich ihn gar nicht kenne? Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich ihm nur deshalb angeboten, hier zu bleiben, weil er mich einfach unglaublich fasziniert. Und jetzt, da ich weiß, dass er auch noch richtig nett ist, bin ich tatsächlich froh, ihm meine Hilfe angeboten zu haben.
Vermutlich wird mir meine Wohnung ziemlich leer vorkommen, wenn er wieder geht. Aber daran will ich jetzt gar nicht denken. Vielmehr werde ich genießen, dass momentan jemand zu Hause auf mich wartet, wenn ich heimkomme. Auch wenn das zwischen uns vermutlich rein platonischer Natur bleiben wird.
Gerade als ich ihm mitteilen will, dass wir morgen in die Stadt gehen werden, klingelt es an der Tür. Es ist schon recht spät und eigentlich erwarte ich heute niemanden mehr. Nach einem kurzen Blick auf Vince, erhebe ich mich und laufe zur Tür, um sie zu öffnen.
„Hi, Amina. Wie geht’s Dir?“ Henrik steht vor mir und zieht mich in seine Umarmung, bevor er in meine Wohnung tritt.
„Gut, danke. Und Dir?“
„Ja, auch.“, antwortet er und lächelt mich an, bis sein Blick auf Vince fällt, der jetzt vom Balkon hereinkommt. „Zumindest bis eben.“, fährt Henrik lautstark fort, damit Vince es ebenfalls mitbekommt.
„Was ist das denn für ein Kasper?“, will er plötzlich von mir wissen. „Und wieso hat der meine Klamotten an?“
„Der Kasper heißt Vincent. Und die Kleidung bekommst Du gewaschen zurück, keine Sorge.“, antwortet Vince nun für mich. Ich stehe mit offenem Mund daneben und beobachte beide Männer dabei, wie sie sich feindlich gegenübertreten. Habe ich hier etwa gerade etwas nicht mitbekommen?
Vince hat seine Arme vor der Brust verschränkt und steht lässig am Türrahmen der Balkontür gelehnt, während Henrik seine Hände zu Fäusten ballt.
„Danke, aber die will ich jetzt nicht mehr zurück. Kannst sie behalten.“, murrt er abweisend und wendet sich dann mir zu.
„Kann ich einmal kurz Deine Toilette benutzen, Amina?“
„Klar, Du weißt ja, wo Du hinmusst.“, antworte ich und folge ihm, um den Anzug von Vince von der Tür zu nehmen, damit Henrik sie schließen kann. Ich lege das gereinigte Kleidungsstück über die Couch und gehe dann auf Vince zu.
„Es tut mir leid.“, flüstere ich ihm zu, weil mir Henriks Auftritt wirklich unangenehm ist. „Er ist sonst nicht so.“, fahre ich fort und sehe Vince dabei an.
„Mach Dir keinen Kopf. Mir tut es leid, dass Du meinetwegen solche Schwierigkeiten hast. Schließlich bin ich hier der Neue.“
„Ich habe deinetwegen keine Schwierigkeiten. Henrik bekommt sich schon wieder ein.“, erkläre ich. Zumindest hoffe ich das. Da ich jedoch weiß, dass er halt ein echter Hitzkopf ist, mache ich mir da keine Sorgen.
Inzwischen tritt Henrik wieder aus dem Bad heraus und fixiert Vince mit seinem Blick. Und natürlich ist dieser alles andere als freundlich.
„Danke, Amina.“, sagt er nun, ohne mich dabei anzusehen, denn seine Augen sind weiterhin auf seinen Rivalen gerichtet. „Sehen wir uns morgen?“, fragt er mich noch und ich nicke.
„Klar. So wie immer.“, bestätige ich und gehe ihm nun entgegen, um ihn hinauszubegleiten. Henrik nimmt mich noch einmal in den Arm und gibt mir dann unerwartet einen Kuss auf meine Wange, der jedoch verdammt nah an meinen Mund herankommt.
„Bis Morgen.“, flüstert er mir jetzt zu und greift dann nach der Türklinke. Nach einem letzten Blick auf Vince, geht er und ich schließe die Tür hinter ihm.
Verwirrt bleibe ich hinter der Tür stehen und taste gedankenverloren meine Wange mit meinen Fingerspitzen ab. Henrik hat mich noch nie geküsst, warum fängt er jetzt damit an, wenn Vince in meiner Wohnung steht?
„Dein Freund?“, will Vince nun wissen und ich wende mich ihm wieder zu.
„Kommt drauf an, wie Du >Freund< definierst.“, antworte ich ihm, während ich ihn noch einmal betrachte. Seine lässige und selbstbewusste Ausstrahlung, die er versprüht, nimmt mich vollkommen ein. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt behaupten, dass mein Herz einen Tick schneller schlägt, wenn ich ihn betrachte.
„Platonisch oder eher Beziehung?“, bohrt er weiter und ich frage mich, ob ich da tatsächlich ein wenig Anspannung in seiner Stimme höre.
„Keine Beziehung!“, antworte ich ihm nun und füge weiter hinzu „Gott bewahre…!“
„Und warum küsst er Dich dann auf den Mund?“
„Hat er nicht.“
„Das sah aber ganz danach aus.“, hakt er nach, woraufhin ich schnaube.
„Dann hast Du da etwas Falsches gesehen.“ Fest schaue ich ihm in seine wunderschönen, braunen Augen und frage mich, weshalb ich mich eigentlich vor ihm rechtfertigen möchte. Im Grunde genommen könnte es mir doch total egal sein, wie Vince über Henrik und mich denkt. Ist es mir aber nicht, schießt es mir durch den Kopf. „Tja, dann wollte er wohl sein Revier markieren.“, stellt Vince nun das Offensichtliche fest und spricht damit aus, was ich mir insgeheim auch bereits gedacht habe.
Ich mag Henrik, aber eben nur als Freund. Und es passt mir gar nicht, dass er nun Besitzansprüche auf mich geltend machen will. Daher fasse ich kurzerhand einen Entschluss.
„Möchtest Du mich morgen begleiten? Wir treffen uns jeden Samstag mit ein paar Freunden im Pub. Du kannst gerne mitkommen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist, Amina. Denn ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass es Stress gibt.“
„Das wird bestimmt nicht passieren. Solange Henrik unter Leuten ist, wird er keinen Stress anfangen.“, gebe ich zurück, während ich nebenbei noch die Wäsche aus der Maschine hole, um sie aufzuhängen. „Außerdem würde ich mich freuen, wenn Du mitkommst.“
„Wenn das so ist, dann gerne.“, entgegnet er und lächelt mich dabei an. Und warum auch immer, aber bei seinem Lächeln geht mir das Herz auf.