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Erwachen

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„Dann arbeitet dieser hässliche Kerl mit der Hakennase also für dich? Du solltest ihn feuern“, sagte Ben voller Abscheu. Sein Onkel zog anerkennend die linke Augenbraue hoch. „Du hast ihn bemerkt?“

„Es war unmöglich, ihn nicht zu bemerken. Er sieht aus wie das Klischee eines Privatdetektivs aus dem Comic-Heft. Und benimmt sich auch so. Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte ihn mir vorgeknöpft - ich rede hier natürlich von reiner Selbstverteidigung. Der Mann hat mich schließlich bedroht.“

Onkel Vinzenz entging der Sarkasmus in Bens Stimme nicht. Im Schein einer Ampel, an der sie vorbeifuhren, erkannte Ben, dass er missbilligend die Nase rümpfte. Wahrscheinlich ärgerte er sich vor allem deshalb, weil Ben es geschafft hatte, seinen Detektiv zu enttarnen. Das schmälerte die Dramatik, mit der Onkel Vinzenz aus dem Nichts aufgetaucht war, ein wenig. Und Onkel Vinzenz liebte es jemand zu sein, der die Dinge zu 100 Prozent unter Kontrolle hatte. In dem Punkt und auch beim Klang seiner Stimme ähnelte er seinem Bruder, Bens Vater, sehr. Am Bahnhof hatte Ben einen Moment lang tatsächlich gedacht, dass er aus der Hölle zu ihm zurückgekehrt war.

Aber auch so war es nicht unbedingt besser. Sein Onkel war noch skrupelloser, berechnender und geradliniger. So etwas wie seinem Vater würde Onkel Vinzenz niemals passieren. Er war voll und ganz ein Hartzberg. Ein Mann von Stolz und Ehre - nach außen hin. Zum Kotzen, dachte Ben.

„Ach ja. Du hast mal Karate gemacht.“ Die schmalen Augen seines Onkels blitzten auf. „Eines der vielen Dinge, die du angefangen und nicht zu Ende gebracht hast.“

„Oh. Ist es das, was du mir sagen willst? Dass ich ein Versager bin? Eine Art Schande für die Familie? Hast du mir deshalb auf dem dunklen Bahnhof aufgelauert? Dann hast du dir die Mühe umsonst gemacht, lieber Onkel. Das weiß ich alles schon.“

Onkel Vinzenz lachte auf. „Sei froh, dass ich dich gefunden habe. Alleine hättest du es nicht einmal zurück zu deinem ... Verhau geschafft, in dem du jetzt wohnst. Es ist der Fuß, richtig. Zu fest aufgetreten?“

Ben saß auf dem Rücksitz im Fond des schwarzen S-Klasse-Mercedes - so weit von seinem Onkel entfernt wie es nur ging und er war versucht, die Tür zu öffnen und sich herausfallen zu lassen. Wahrscheinlich würde er sich dabei nicht einmal verletzen. Der Chauffeur, ein stämmiger Mann mit kurz geschorenem grauen Haar, lenkte den Wagen mit wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit. Er verschaffte seinem Chef damit die Zeit, die er wahrscheinlich verlangt hatte, um dieses Gespräch führen zu können.

„Es gibt eine Zeit zu trauern und eine, um wieder ins Leben zurückzukehren, mein Junge.“ Onkel Vinzenz versuchte, seinem markanten Gesicht einen gütigen Ausdruck abzutrotzen. Es gelang ihm nicht. Dazu waren seine Augen zu hart und das Weiß seiner gebleichten Zähne zu hell. Er sah in diesem Moment aus wie die Karikatur eines Öl-Tycoons in einer billigen amerikanischen Serie.

„Wie kommst du darauf, dass ich um meine Eltern trauere?“

Überrascht über die Schärfe von Bens Worten zuckte Onkel Vinzenz zusammen.

„Das solltest du aber. Es war nicht alles schlecht, was sie getan haben. Und sie haben dir, verdammt nochmal, eine Perspektive gegeben. Vielleicht solltest du daraus so etwas wie eine Verpflichtung ableiten, statt dich in Selbstmitleid zu suhlen.“

Jetzt war es Ben, der lachte. Es war ein bitteres Lachen. 'Verpflichtung'. Worte wie diese hatten ihn seine ganze Jugend lang verfolgt. Sie hatten seinen eigenen Willen verdrängt und seinen Geist am Ende in die dunkelste aller Kammern gesperrt.

„Du bist ein Graf von Hartzberg! Zeig, was du kannst!“

Selbst beim Tischtennis hatte ihn seine Mutter mit solchen Sprüchen gequält. Und dabei war es ihr nicht darum gegangen, Ben anzufeuern oder sogar aufzumuntern. Allein die Ehre der Familie hatte für sie Bedeutung gehabt. Jede Niederlage war eine Schande gewesen, jede Schwäche erbärmlich. Eine lächerliche Fassade, die schon damals so brüchig gewesen war.

„Es ist interessant, dass ausgerechnet du von Verpflichtungen sprichst“, sagte Ben.

Die Miene des Endfünfzigers neben ihm wurde zu der eines Falken, bereit zuzuschlagen, sollte eine Gefahr heraufdämmern. Das Thema gefiel ihm nicht. Es machte ihn wütend.

„Ich weiß, worauf du anspielst, Benedikt. Und du kennst meinen Standpunkt. Was dein Vater getan hat, lässt sich mit Geld nicht ungeschehen machen. Ein paar Anwälte hätten daran verdient. Mehr wäre nicht passiert.“

„Doch. Wir hätten damit anerkannt, dass Unrecht geschehen ist. Glaubst du nicht, dass wir das diesen Menschen schuldig sind? Wenigstens das?“

Onkel Vinzenz lächelte triumphierend. „Wir? Wer ist das?“

Ben schwieg. Sein Onkel fuhr fort.

„Bist du nicht derjenige, der sich aus unserer Familie verabschiedet hat? Der weder mit dem Unternehmen noch mit dem Geld deiner Eltern etwas zu tun haben will? 'Wir' ist in diesem Zusammenhang eine merkwürdige Wortwahl. Ben, du machst nicht die geringsten Anstalten, die Dinge so zu formen, wie du das möchtest. Das kann ich weder verstehen noch respektieren.“

„Wie könnte ich das tun?“, protestierte Ben. „Du würdest niemals jemanden neben dir dulden. Die 'Familie', das bist du, lieber Onkel. Das ist nun mal die bittere Wahrheit.“

Er schnaubte verächtlich, während der Mercedes gemächlich in eine schmale Landstraße einbog und dort ungeduldig von einem alten, tiefergelegten BMW überholt wurde.

„Wir werden hier unsere Meinungen nicht auf einen Nenner bringen, Benedikt“, sagte er dann. „Aber das müssen wir vielleicht auch nicht.“

„Aha“. Ben heuchelte Interesse. „Dann kommst du jetzt also auf den Punkt. Schön, dass wir den Teil mit den Vorwürfen und der Familienehre endlich abgehakt haben. Ich nehme an, du willst meine Anteile.“

Onkel Vinzenz setzte seine Geschäftsmann-Miene auf. Das wenige, was davor noch an Gefühlen bei ihm zu erahnen war, verschwand nun vollends dahinter. Kalkül und Verhandlungsstrategien beanspruchten den Großteil seines Verstandes für sich. Er kramte ein Couvert aus einer Krokodil-ledernen Aktentasche und reichte es Ben.

„Darin findest du ein Angebot, Benedikt. Vieles darin wirst du vielleicht nicht verstehen und ich vermute nicht, dass du einen Anwalt hast, der es dir übersetzen kann. Deshalb nenn ich dir die drei wesentlichen Punkte.“

Ben nahm den Umschlag und legte ihn, ohne einen Blick darauf zu werfen, auf seine Knie. Was sollte das alles? Seine Anteile waren ihm egal. Er wollte sie nicht. Aber noch weniger wollte er, dass sie sein Onkel besaß.

„Der wichtigste Punkt: Es ist ein gutes und faires Angebot. Egal, ob du mit mir Schäfchen hüten willst oder mir lieber eine Kugel durch den Schädel jagen würdest. Dieses Angebot ist fair. Nicht, weil ich dein Onkel und ein guter Mensch bin, sondern deshalb, weil ich im Gegensatz zu dir tatsächlich etwas von Familienehre halte. Zweitens: Ich biete dir 6,5 Millionen Euro für deine Anteile. Das ist mehr als sie auf dem Markt wert sind. Und drittens: Solltest du das wollen, werde ich dir nur 4,5 Millionen Euro überweisen und mit dem übrigen Geld die Menschen entschädigen, an denen sich dein Vater schuldig gemacht hat. Das allerdings wird ohne ein öffentliches Eingeständnis passieren müssen. Ich werde, verdammt nochmal, nicht zulassen, dass unser guter Name besudelt wird.“

Der Wagen kam auf einem Rondell zu stehen, vor einer Gruppe klappernder Masten mit bunten Fahnen der gängigsten Länder. In der Mitte des Rondells stand auf einer Insel aus Gras ein dezent angeleuchteter metallener Berggipfel. In verschnörkelter Schrift war darauf „Camping Seenland“ zu lesen - eine ziemliche Übertreibung, denn der Starnberger See lag mehr als 10 Kilometer entfernt, die Alpen noch viel weiter. Die meisten Urlauber beschwerten sich trotzdem nicht, denn die Lage des Platzes war großartig: Sowohl München als auch die vielen Seen lagen immerhin in Reichweite. Und die Preise waren verglichen mit den anderen Plätzen in der Region moderat.

Ben fasste nach dem Türgriff, aber Onkel Vinzenz hielt ihn zurück, indem er seine Hand fest auf den Arm legte.

„Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass du hier und jetzt voller Euphorie 'Ja' sagst. Aber schau es dir an! Denk darüber nach! Vielleicht ist es ja tatsächlich genau das, was du willst: Du nimmst mir damit unerhört viel Geld ab, du hilfst den Opfern deines Vaters, du kommst ein für alle Mal aus der Familie raus und du hast bei all dem noch genug Geld übrig, um einen eigenen Campingplatz aufzumachen oder was auch immer. Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal, was du willst oder was du tust. Aber ich weiß was ich will: Ich will das Unternehmen zusammenhalten. Und glaub mir, das wird mir so oder so gelingen.“

„Ist das eine Drohung?“

„Nenn es, wie du willst. Ich biete uns beiden einen sauberen einfachen Weg, die Sache zu klären. Natürlich gibt es einen Plan B und der würde dir nicht gefallen.“

Ben stieg aus und hielt das Couvert dabei seltsamerweise fest in der Hand. Vor Zorn vergaß er, es seinem Onkel vor die Füße zu knallen und er vergaß einen kurzen Moment sogar den Schmerz in seinem Fuß. Aber immerhin drehte er sich um und sah den hochnäsigen Mann in seiner schwarzen Limousine noch einmal voller Verachtung an.

„Was auch immer du vorhast, lieber Onkel. Feuer den hässlichen Kerl mit der Hakennase. Menschen wie du brauchen bessere Leute, die auf sie aufpassen. Danke für die Fahrt.“

Dann knallte er die Wagentür zu.

„Du siehst schlecht aus, Kleiner.“

Dora saß auf einem Klappstuhl vor Bens silbernem Wohnwagen. Ihre ordentlich mit Fett gepolsterten Füße steckten in Flipflops, das ebenso gut gepolsterte rechte Bein ruhte auf dem linken. Sie passte perfekt in die Camping-Kulisse, fand Ben. Für einen Werbeprospekt wäre sie aber trotzdem nicht geeignet gewesen.

„Ich hatte einen beschissenen Tag, Dora. Und: verdammt, ja. Ich habe vergessen, mich um Duschraum 3 zu kümmern. Tut mir leid. Ich mach's gleich morgen früh, okay?“

Ben humpelte auf die weiß gestrichene Alu-Tür zu und bemühte sich, nicht allzu viele Schmerzen zu zeigen.

„Geht klar.“ Doras füllige Backen drückten ihre strähnigen, roten Haare zur Seite und formten auf diese Weise einen erstaunlich runden, rötlichen Kreis. Ben wusste, dass sie weit über 50 sein musste, aber das sah man ihr nicht an. Sie machte keinerlei Anstalten aufzustehen und zu gehen.

„Die Sache ist die: Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Nicht nur um den Duschraum 3 und die anderen Jobs, die du in den letzten Tagen nicht gemacht hast. Ich mach mir Sorgen um dich, Kleiner. Du bist fast nie hier, wirst mitten in der Nacht von zweifelhaften Herren in dunklen Autos nach Hause gebracht und humpelst wie eine angeschossene Wildsau.“

Ben setzte sich auf die Stufe vor der Tür seines Wohnwagens. Das fehlte jetzt noch. Dora hatte einen ihrer Anfälle von Mütterlichkeit. Sie hatte ihm vor sechs Monaten diesen Job auf ihrem Campingplatz gegeben und ihn noch dazu in diesem silbernen 60er-Jahre-Wohnwagen einquartiert. Sicher nicht, weil er ein so fleißiger und guter Handwerker war, sondern nur, weil sie ihn mochte. Anders konnte es gar nicht sein, dachte Ben. Sie hatte seine Dankbarkeit verdient, und ihm war unwohl bei dem Gedanken daran, dass er die Dinge hier auf dem Platz in den letzten Tagen zugunsten von „Operation Rosswell“ hatte schleifen lassen.

„Es ist alles okay mit mir, Dora“, sagte er und lächelte sie an. „Und ab morgen bin ich auch wieder fit wie ein Turnschuh. Dann gehöre ich wieder ganz dir und 'Camping Seenland'. Versprochen!“

Mit einem leisen Ächzen erhob sie sich und sah ihn dabei zweifelnd an. Dora war keine Frau, der man so leicht etwas vormachen konnte. Dazu hatte sie zu viel erlebt. Sie hatte diesen Campingplatz ganz alleine aufgebaut und ihn zu halten, war ein niemals endender Kampf. Sie runzelte die Stirn.

„Gute Nacht, Kleiner. Morgen sehen wir weiter. Dr. Gabel hier im Ort ist ein feiner Kerl. Er sollte sich deinen Fuß mal anschauen. Wirklich.“

Mit einem schnellen Winken verabschiedete sie sich und schlappte zwei dicklichen Männern hinterher, die bewaffnet mit Kulturbeuteln und Handtuch auf dem Weg zu einem der funktionierenden Duschräume waren. Vermutlich hatten sie keine Ahnung, dass es die Besitzerin des Platzes war, die hinter ihnen zufällig den gleichen Weg hatte.

Ben lag keine zwei Minuten später in seinem Bett. Er war todmüde. Seine Gedanken kreisten um die seltsamen Ereignisse dieses Tages. Die Liix-Aktion gegen Zöllner, die Jagd durch München, der schwarz-weiße Kerl und schließlich sein Onkel. Ben war nicht mehr in der Lage, klare Gedanken zu fassen und Entscheidungen zu treffen. Nicht mehr heute, nicht jetzt. Aber dann, während der Schmerz in seinem Fuß wieder langsam abflaute, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Das Gefühl, dass bald etwas Bedeutendes mit ihm geschehen würde.

Weit weg von allem fraß sich etwas in das Nichts wie Maden in ein Stück Fleisch. Es geschah langsam. Aber es war nicht aufzuhalten. Das, was den alten Mann so lange in einen schwarzen, wohligen Mantel gehüllt hatte, war am Schwinden. Da, wo nichts war, entstand nun etwas. Es bedrückte ihn, drängte sich in sein Bewusstsein. Bewusstsein? Ja, auch er begann wieder zu existieren. Er war da, er war jemand und das Etwas, das sich anschickte, das Nichts zu besiegen, schrie nach ihm. Es forderte ihn. Er, der nicht einmal wusste, wer er war, sträubte sich dagegen zu tun, was geschehen musste. Er drängte vergeblich zurück in das Nichts, lechzte nach dem kleinen bisschen Dunkelheit und Vergessen, das noch übrig geblieben war - obwohl er wusste, dass er das Erwachen nicht mehr aufhalten konnte.

Und dann wurde ihm klar, dass es nicht mehr nur um ihn ging. Da war noch jemand und da war dieses ... Ding, das er bereits in Gang gesetzt hatte. Nur der Gedanke hatte gereicht, um die Wärme in seinem Inneren zu entfachen. Seine Macht breitete sich bereits aus und tat das, wofür sie geschaffen war. Es geschah bereits und er wusste, dass er es einst gewollt hatte, dass er daran schuld war. Aber er erinnerte sich nicht. Er sehnte sich nur zurück nach der Dunkelheit und nach dem Vergessen.

Verschlafen blickte Ben in den verkratzten Spiegel und stellte fest, dass er sich genau so fühlte, wie er aussah. Er strich sich über die unrasierte Wange und spürte dabei mit erstaunlicher Deutlichkeit jeden einzelnen Stoppel, hörte das schabende Geräusch, das er dabei verursachte. Ein Haarschnitt, eine Rasur und ein freundliches Lächeln, und er würde vermutlich ganz passabel aussehen, dachte Ben. Aber dazu hatte er keine Lust. Er stand in der winzigen Nasszelle seines Wohnwagens, starrte sich ins Gesicht und fragte sich, wozu er überhaupt Lust hatte. Aber so sehr er sich anstrengte: Ihm fiel nur immer wieder eine lange Negativliste ein. Darauf stand unter anderem: Zum Arzt gehen, Duschraum 3 herrichten, Onkel Vinzenz' Angebot lesen.

Er hatte Kopfschmerzen, es rauschte leicht in seinen Ohren, stach in seinen Augen und natürlich tat auch sein Fuß noch weh, den er in einen alten elastischen Verband gepackt hatte. Kaffee und etwas zu Essen würden helfen, dachte er und humpelte die paar Schritte hinüber zu seiner Kochstelle. Er setzte Wasser auf und warf zwei Eier und vier Scheiben Speck in die Pfanne. Ein paar Minuten später saß er auf dem kleinen Klappstuhl am Tisch des Wohnwagens, schlürfte seinen Fertigkaffee und stopfte hungrig Eier und Speck in sich hinein. Auf Brot hatte er verzichtet, denn das wenige, das er noch hatte, war verschimmelt.

Sein Notebook bootete sich surrend und zeigte schließlich drei neue E-Mails an. Die erste - eine Werbe-Mail für Science-Fiction-Bücher - löschte er sofort. In der zweiten machte sich Dora Sorgen um ihn - auf ihre Weise. „Melde dich, Kleiner, wenn du nicht ausgewandert bist. Damit ich weiß, wann ich wieder mit dir rechnen kann. Und auch wenn du ausgewandert sein solltest, geb mir kurz Bescheid, damit ich den Wohnwagen vermieten kann. Dora.“ Sie hatte sie einige Stunden vor seiner nächtlichen Rückkehr geschrieben.

Die dritte Mail war von Maus: „alter, das video über den schleimsack geht ab wie nachbars lumpi. 76 klicks in nur drei stunden. hammer! hab werbung auf ein paar blogs auf twitter gemacht. viktoria sagt: ist ein selbstläufer. liix wird berühmt. ich schwör's. und der typ kriegt keinen fuß mehr auf die erde. soll sich von seinen außerirdischen kumpels wegbeamen lassen. lol. apropos fuß: geht's wieder besser? bleib locker! maus.“

76 Klicks! Ben konnte Maus' Euphorie nicht wirklich teilen. Andererseits wusste er, dass das aus dem Nichts ein passabler Start war. Die Frage war jetzt nur, ob das Interesse an dem Video groß genug war und lang genug anhielt, damit es sich in den sozialen Netzwerken verbreiten konnte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass etwas anfangs gut lief und danach schnell wieder verhungerte.

„bleib locker!“ Maus meinte das genau so, wie er es sagte. Ben überlegte, ob er eine Blues-CD einlegen sollte, dann aber blieb sein Blick auf dem hellgrauen Umschlag haften, den ihm sein Onkel gegeben hatte. Er war 6,5 Millionen Euro wert. Ben hatte schon lange nicht mehr seine Kontoauszüge gecheckt. Vermutlich hatten sich auch dort wieder einige 100.000 Euro angesammelt - Erträge aus den Anteilen, die er von seinen Eltern geerbt hatte. Ben war stinkreich. Ob Maus auch dann noch so locker bleiben würde, wenn er das wüsste?

Die Versuchung war groß. Vielleicht sollte Ben das Angebot tatsächlich annehmen und etwas Vernünftiges aus dem Geld machen? Einen Teil spenden, vielleicht Liix aufpeppen und Doras Campingplatz aufmöbeln? Ben wusste, dass er zwar ganz gut lief, aber alles andere als eine Goldgrube war.

Und was noch wichtiger war: Ben wäre weit weg von der Familie. Er könnte ein neues Leben anfangen, vielleicht einen neuen Namen annehmen, den Adelstitel aus seinem Ausweis tilgen. Nichts sollte ihn mehr an die Grafen von Hartzberg erinnern. Aber er traute Onkel Vinzenz keine fünf Meter weit. Ihm war klar, dass er das zweite Angebot - einen Teil den Opfern seines Vaters zu geben - nur gemacht hatte, um ihn übers Ohr zu hauen.

Ben würde einen Anwalt nehmen und die Sache überprüfen lassen müssen. Er würde kämpfen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Energie. Er hatte einfach keine Lust.

Duschraum 3. Um ihn würde er nicht herumkommen. Er hatte es Dora versprochen. Wenigstens das auf seiner langen Liste würde er abarbeiten müssen.

Eine gute Viertelstunde später war er auf dem Weg zum Hauptgebäude. Er hatte unmodisch karierte Bermuda-Shorts an, ein ausgewaschenes T-Shirt, das einmal blau gewesen sein musste, und er trug Flipflops. Rasiert war er noch immer nicht und seine dunklen Haare fielen in speckigen Strähnen in die Stirn. Dass er humpelnd einen Wassereimer und einen Wischmopp trug, unterstrich in jeder Hinsicht den Eindruck, dass er zur untersten Riege des Personals gehören musste. Alles, nur kein Graf.

Und da waren sie wieder: die korpulenten Urlauber, die fast so unmotiviert wie er selbst zu den Waschräumen und Toiletten schlurften. Die Frauen sahen so aus, als hätten sie zuvor alles getan, um nicht in den Verdacht zu geraten, attraktiv zu sein. Und auch die Männer unterstrichen ihre abstoßende Optik mit gelegentlichen Grunzlauten. Ben hatte dieses Phänomen eine Weile lang auf sich bezogen, aber das Grunzen der Camper war nicht persönlich gemeint. Es war einfach nur da. So wie die abgewetzten Kulturbeutel, die fleckigen Handtücher und die Plastik-Schlappen. Natürlich gab es auch Gäste, die man ansehen konnte und die nicht grunzten, aber die schliefen in diesem Augenblick noch oder sie waren schon unterwegs.

Ben erreichte Duschraum 3. Modriger Gestank schlug ihm entgegen. Seit Tagen waren die Abflüsse verstopft - mit undefinierbaren Dingen, von denen er gar nicht genauer wissen wollte, was sie waren.

Knöcheltief stand er an manchen Stellen in der schlackigen Brühe und er wünschte sich einen langen Augenblick lang, doch etwas anderes angezogen zu haben als die alten Flipflops. Sein Verband war längst durchweicht.

Aber trotzdem fühlte es sich auf eine verworrene Weise auch richtig an, denn dieser Dreck war wenigstens real. Er stank und war ekelhaft, aber er konnte beseitigt werden. Es gab einen Plan, nach dem Ben vorgehen und am Ende ein Ziel erreichen konnte. Von dem Dreck, in dem sein Leben festgefahren war, konnte er das nicht wirklich behaupten.

Widerstrebend zog er lange dicke Gummihandschuhe an und machte sich an die Arbeit.

„I need to take a shower. But this is not working. Why?“, brummte ihn ein kräftiger, stark behaarter Mann mit hartem Akzent vorwurfsvoll an. Er hatte seine wuchtigen Beine fest in den siffigen Boden gestemmt. Der Gestank nach Alkohol überlagerte sogar den des Drecks in den Abflüssen.

Ben erklärte ihm geduldig, dass der Duschraum defekt sei, dass es aber einen weiteren auf der Rückseite des Hauptgebäudes und noch einen auf der Südseite des Campingplatzes gebe.

Der Mann breitete verständnislos die Arme aus und blickte Ben aus hohlen Augen an.

„Why?“, presste er noch einmal hervor. In seinem Blick lagen Dummheit, Verachtung und Streitlust. Er verstand Ben nicht, weil er ihn gar nicht verstehen wollte. Der Mann hatte das niedere Bedürfnis danach, Macht auszuüben.

Und genau das machte Ben wütend. Sein Bedarf an Menschen, die anderen ihren Willen aufzwingen wollten, war nach Zöllner und Onkel Vinzenz gedeckt. Wütend ging er einen Schritt auf den Kerl zu, hielt den Wischmopp dabei fest in beiden Händen und sah dem Kerl in die Augen. Ohne dass er es verhindern konnte, entlud sich sein Zorn in einer Welle von Energie, die auf eigenartige Weise auf den behaarten Mann zuschwappte. Die Luft vibrierte, ein sirrendes Geräusch erfüllte den Raum. Der Kerl wich zwei Meter vor ihm zurück. Seine Augen waren geweitet, sein Mund stand offen. Wortlos drehte er sich um und verließ hastig den Raum.

Ben wurde schwindelig. Was auch immer eben geschehen war, es hatte ihn einen Großteil seiner Kraft gekostet. Seine Schläfe pochte und die Augen fingen wieder an, zu brennen. Er legte den Mopp weg und stützte sich mit der Hand an den grauen Fließen der Wand ab. Ben atmete ein paarmal tief durch und fing sich allmählich wieder. Normal war das alles trotzdem nicht.

„Was hast du denn mit dem angestellt, Kleiner? Er sah aus, als wäre ihm der Leibhaftige erschienen?“

Dora sah ihn sorgenvoll an. In ihrer Hand hielt sie einen großen Pömpel. Sie trug Gummistiefel. Ben hatte gar nicht bemerkt, dass sie den Raum betreten hatte.

„Dora? Hallo! Er wollte hier duschen. Ich hab ihm erklärt, wo er die anderen Waschräume findet“, antwortete Ben knapp.

Dora legte den Kopf misstrauisch zur Seite. „Der Kerl ist ein Säufer und ein Stinkstiefel. Aber er zahlt gut und kommt mit seiner großen Familie jetzt schon zum dritten Mal hierher auf den Platz. Bist du sicher, dass du ihm nicht wehgetan hast?“

Ben versuchte, zu lachen. Aber es klang wenig überzeugend. „Vielleicht war einer der vielen Schnäpse schlecht, die er heute schon zum Frühstück hatte. Das würde erklären, warum er so blass war. Möglich ist aber auch, dass er vor meinem Wischmopp Angst bekommen hat.“

Dora brummte missmutig. Sie konnte sich offenbar noch immer keinen Reim darauf machen. Wie sollte sie, wenn nicht mal Ben wusste, was genau passiert war?

„Aber wie ich sehe, bist auch du bewaffnet“, fügte er schnell hinzu.

„Ich hab zwar keine Zeit, aber ich will dir helfen. Du siehst noch immer aus wie ein Haufen Schrott, Junge. Und dieser Pömpel hier kann, verdammt nochmal, wahre Wunder vollbringen.“ Sie streckte das Gummiteil kämpferisch in die Höhe.

Ben lächelte. „Du bist großartig, Dora. Aber ich schaffe das schon. Das hier ist mein Job. Ich hab es dir versprochen.“

„Ich will dich nachher nicht aus dem Abfluss kratzen müssen, Kleiner. Das ist es nicht wert.“

„Mir geht es gut. Und ich werde das hier durchziehen. Es kratzt nur meinen Stolz an, wenn du mir hilfst. Ehrlich.“

Dora zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Ein Hilfsknecht mit Ehrgefühl? Irgendwann werde ich herausbekommen, aus welchem Jahrhundert du wirklich kommst, Kleiner. Aber lass mich ruhig noch ein bisschen zappeln. Das macht es spannender.“

Ben schüttelte den Kopf. „Es ist keine schöne Geschichte Dora.“

„Ich würde mich trotzdem freuen, sie irgendwann einmal zu hören, Ben. Sag mir Bescheid, wenn du so weit bist. Und, verdammt nochmal, ruf mich, wenn du mit der Scheiße hier nicht klarkommst.“

Ihre Gummistiefel quietschten, als sie auf dem Absatz kehrtmachte.

„Dora?“

Sie hielt inne und sah sich nochmal nach ihm um.

„Kann ich den Pömpel haben?“

Das Nichts war nur noch ein Schleier. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Und er hatte das Gefühl zu fallen. Ein Schrei wollte über seine Lippen, aber es gelang ihm nicht, seinen Mund zu öffnen. Er wollte dem Drang nachgeben sich zu bewegen, aber seine Knochen und seine Muskeln waren hart wie Stein. Noch war er nicht erwacht. Er suchte in seinen Gedanken nach Antworten auf all das, aber er fand sie nicht. Es gab sie nicht, als hätte jemand auf einer Schrifttafel die Buchstaben weggewischt. Er wusste nur, dass es nun kein Zurück mehr in die Dunkelheit gab. Etwas Großes hatte begonnen. Und er hatte Angst davor.

Als Viktoria aufwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Sie brach durch die Lamellen der Jalousie am Fenster und legte ein strenges, gestreiftes Muster über Teile des Schlafzimmers. Auch Maus, der auf dem Rücken lag und im Schlaf angestrengt atmete, ähnelte einem unförmigen gemusterten Zebra. Seine Star-Wars-Decke hatte er fast vom Bett geschoben. Viktoria musste bei seinem Anblick lachen.

„Was ...?“, murmelte er und öffnete ein Auge.

„Schlaf weiter, Dicker!“, sagte Viktoria sanft und drückte ihm einen Kuss auf die Backe. Zufrieden brabbelnd schlief Maus sofort wieder ein. Er hatte bis zum frühen Morgen mit seinen Kumpels in Australien, Fidschi und Taiwan am Computer Trolle gejagt, Elfen gerettet und Drachen vernichtet. Jetzt war er platt.

Viktoria lächelte zufrieden. Maus war nicht gerade Brad Pitt. Aber er war ein verdammt feiner Kerl. Als die Natur den Respekt über die Menschheit verteilt hatte, hatte Maus den größten Brocken davon abbekommen - während ein großer Teil der Menschheit leider leer ausgegangen war.

O-Ton Maus: „Im Dschungel gibt es Tiere, die schießen Rotz auf andere, die sie fressen wollen. Und manche hängen sich zum Schlafen mit dem Schwanz an den Baum. Scheiße. Wie schräg ist das denn? Aber was soll's! Die tun auch nur, was sie können, um nicht unter die Räder zu kommen.“

Einer seiner Lieblingssätze, kurz bevor er seinem irritierten Gegenüber empfahl, Blues zu hören. Viktoria hatte damals bei ihrem ersten Treffen geantwortet, diese Philosophie sei Mist, weil es im Dschungel keine Straßen und damit auch keine Räder gebe. Sie musste sich heute eingestehen, dass diese Bemerkung weder besonders geistreich noch besonders nett gewesen war. Aber Maus war begeistert und hatte mit einem lauten, herzlichen Lachen reagiert. Und bald hatte eines das andere ergeben und jetzt waren sie schon drei Jahre zusammen - zwei schräge Tiere im Dschungel. Und Viktoria war glücklich darüber. Ohne Maus hätte sie diese angepasste Mainstream-Welt kaum ertragen können.

Sie hasste Falschheit und Unehrlichkeit wie die Pest. Ihre beiden älteren Schwestern hatten sich bei den Eltern immer angebiedert, um Süßigkeiten und später Geld zu erschnorren. Dabei waren sie vor keiner Schleimerei und keiner Lüge zurückgeschreckt. Immer waren die anderen schuld an allem gewesen. War das Fahrrad kaputt gegangen, dann aber nur, weil jemand anderes die Vorfahrt missachtet hatte. War die Note schlecht gewesen, dann ganz sicher nur deshalb, weil die Kopfschmerzen groß, der Stoff völlig unbekannt oder der Lärm der Banknachbarn unerträglich gewesen war. Dumm gelaufen. Und dabei hatten sie doch eigentlich nur immer alles richtig machen und den Eltern gefallen wollen. Widerlich. Aber das mit Abstand Schlimmste daran war, dass es funktioniert hatte. Viktorias Eltern waren Lämmer gewesen, die geglaubt hatten, was sie glauben mussten, damit das Gefüge ihrer heilen Welt nicht ins Wanken geriet. Sie hatten die Augen vor dem verschlossen, was offensichtlich war. Und sie hatten mit Viktoria absolut nichts anfangen können, weil sie sich dagegen gewehrt hatte. Unangenehme Wahrheiten, in unverblümter Direktheit vorgetragen, waren ihnen ein Gräuel gewesen. Viktoria war deshalb zuerst beim Kinderpsychologen und dann später im Internat gelandet, wo sie die bis dahin beste Zeit ihres Lebens gehabt hatte.

Danach war es allerdings schnell wieder dunkler geworden. Während sie ihren Mitschülern im Internat noch interessant und amüsant vorgekommen war, war sie an der Uni an allen denkbaren und undenkbaren Ecken angeeckt. Hier hatten Menschen studiert und gelehrt, die das eigene Tun unglaublich ernst genommen hatten, so ernst, dass Viktorias spitze Anmerkungen für sie nichts anderes als persönliche Angriffe gewesen waren. Sie war zur krassen Außenseiterin geworden und der Zorn darüber hatte ihren Drang nur noch verstärkt, bösartige Kommentare zu ersinnen. Erst mit Maus war sie wieder einigermaßen friedlich geworden. Jetzt hatte sie wieder das Gefühl, ihr Leben einigermaßen im Griff zu haben. Maus hatte sie ermuntert, mit ihrem grafischen Talent Geld zu verdienen. Sie designte freiberuflich Webseiten und Werbekampagnen und war damit erfolgreich genug, um ein ordentliches, wenn auch nicht wohlhabendes Leben zu führen. Zusammen mit Maus' Einkommen als Webmaster bei einer regionalen Bank reichte es jedenfalls.

Liix war die Kür in ihrem aktuellen Dasein. Aktionen, wie die gegen Zöllner, erfüllten sie mit großer Genugtuung. Das lag zu einem guten Teil am Nervenkitzel. Mehr noch als das berauschte sie aber das Gefühl, Menschen, die sie verabscheute, Böses anzutun. Das bediente ihre ausgeprägte aggressive Seite - da machte sie sich nichts vor. Aber bitte - wenn es Tiere gab, die andere mit Rotz beschossen ...

Viktoria schälte sich aus ihrem Bett, schlüpfte in einen hellblauen zu kurzen Bademantel und ging leise in die Küche. Dort steckte sie eine geschälte Banane und fünf Erdbeeren in den Mixer, gab Milch dazu und dachte kurz nach. Maus würde davon aufwachen, wenn sie jetzt auf den Knopf drückte. Sie zog den Finger wieder zurück. Viktoria würde ihren morgendlichen Fitnessdrink später genießen müssen. Schnell stopfte sie sich eine Erdbeere in den Mund und zog den zweiten Teil ihrer Morgenroutine vor: Den Computer checken.

Im Netz war immer irgendetwas los. Der Trick war, in den sozialen Netzwerken ein paar hundert „Freunde“ gesammelt zu haben. Und schon spielten so lästige Dinge wie zwischenmenschliche Aktivitäten, Sympathie oder Umgangsformen keine große Rolle mehr. Der Marktplatz schriller Bilder, schräger Sprüche und irrwitziger Neuigkeiten war eröffnet. Nein, falsch. Er hatte nie geschlossen. Die Menge der Leute, die der Welt etwas mitzuteilen hatte, schien grenzenlos. Viktoria genoss das von ganzem Herzen. Das war die Plattform, auf der sie ihre Spitzfindigkeiten ungestraft abfeuern konnte und auch noch Beifall dafür bekam.

Heute allerdings hielt sie sich nicht mit Twitter, Facebook und Google+ auf. Sie klickte sofort den YouTube-Button und rief das Video „Zöllners Armageddon“ auf, das sie am Tag davor unter den Namen „Liix“ hochgeladen hatte. Was sie sah, raubte ihr den Atem.

„Verdammte Axt!“

Viktoria ließ sich auf den schrillgelb lackierten hölzernen Bürostuhl sinken. Dann rieb sie sich die Augen und blickte noch einmal auf ihren 22-Zoll-Bildschirm. Kein Traum hätte so wunderbar sein können.

„Maus! Beweg deinen faulen Hintern und komm her. Das hier wirst du lieben“, schrie sie.

Viktoria ignorierte das nölige Gebrummel aus dem Schlafzimmer. Lange 20 Sekunden später tapste Maus an. Er kratzte sich am Bauch. Seine Haare sahen aus, als hätte er in eine Hochspannungsleitung gebissen.

„Kleine, du weißt, dass du für mich der Hammer bist!“, murrte er. „Aber wenn du mich aus den Federn gehauen hast, weil du bei eBay den Zuschlag für noch 'ne externe Festplatte bekommen hast, dann haben wir zwei ein echtes Problem.“

„Viel besser, Maus. Viel besser. Ben hat gestern nicht umsonst seinen rechten Fuß geopfert.“

„Es war der linke Fuß. Außerdem glaube ich nicht, dass ...“ Maus verstummte und wurde schlagartig wach. Ungläubig sah er zu Viktoria und dann wieder auf den Bildschirm.

7235 Aufrufe und das über Nacht. Die Liix-Lawine rollte unaufhaltsam durch das Internet. Maus hatte plötzlich große Lust zu feiern und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er Appetit auf Sekt, obwohl er weder Alkohol noch zu viel Kohlensäure leiden konnte. Das war einfach nur großartig.

„Dicker. Du hast diesmal sogar recht gehabt mit deinem Gerede vom großen Durchbruch!“, juchzte Viktoria.

Maus ballte die Faust und stieß einen martialischen Schrei aus. „So macht das Ganze Spaß“, fügte er hinzu. „Kommentare?“

„Ein ganzer Sack voll“, antwortete Viktoria. „Die meisten freuen sich mit uns. Es haben aber auch ein paar Zöllner-Zombies geschrieben.“

Sie scrollte zwei Bildschirmlängen weit nach unten und blieb bei einem in Großbuchstaben geschriebenen Eintrag stehen, den „ochdoi1701“ gepostet hatte: „IHR BLEIBT IHNEN NICHT VERBORGEN! SOBALD SIE EUCH ERWISCHEN, SEID IHR TOTES FLEISCH!“

„Gruselig, was?“, flüsterte Viktoria.

Maus winkte ab. „Quatsch! Wer droht, zeigt doch nur, dass er angreifbar ist.“ Dann grinste er. „Aber, wenn du meinst, dann aktiviere ich die Ionenkanone und unseren Schutzschirm. Da kommt nicht mal Vaders verdammter Todesstern durch.“

Viktoria versetzte ihm einen Klaps auf den Oberarm.

„Auch nicht schlecht. Schau dir das an!“

Überflüssigerweise las sie den Eintrag laut vor.

„'Dieser Zöllner-Idiot hat mir 150 Euro abgeknöpft. Dank euch weiß ich jetzt, dass er ein Betrüger ist. Ich bin sauer. Meint ihr, ich bekomme mein Geld zurück?'“

Maus lachte. „Für so viel Dummheit müsste der Typ nochmal so viel zahlen - diesmal an die Schulen und Unis. Muss ja nicht jeder so bescheuert sein und auf Zöllner reinfallen.“

Dann stutzte er und zeigte auf den Bildschirm.

„Oha. Das ist interessant. Schon gelesen?“

Viktoria schüttelte den Kopf und sah sich den Eintrag an. Autor war jemand, der sich „newsman68“ nannte. Sie las.

„Das war in München, richtig? Ich bin freier Journalist und schon länger an Zöllner dran. Kann ich euch treffen? Kontakt über FB. Informantenschutz versteht sich von selbst.“

Mit FB meinte er Facebook. Maus vermutete, dass er dort ein Konto unter falschem Namen hatte. Wenn man ihm darüber eine Nachricht schickte, die ebenfalls von einem Fake-Konto stammte, konnten beide Seiten anonym bleiben. Jedenfalls solange keiner von beiden über weitergehende Mittel und Wege verfügte, dachte Maus und schmunzelte.

„Ein cleveres Bürschchen“, raunte Viktoria.

„Hm“, antwortete Maus.

„Was so viel bedeutet wie?“, fragte Viktoria nach. Ihre Augen blieben auf dem Monitor haften. Sie rümpfte die Nase und sog stoßartig Luft ein. Maus liebte es, wenn sie das machte. Sie war Zucker und er wollte mit niemand anderem zusammen sein.

„Gar nichts. Vielleicht sollten wir das machen. Ein bisschen gute Presse kann Liix nicht schaden.“

„Ich weiß nicht. Vielleicht steckt Zöllner dahinter. Könnte mir vorstellen, dass er gerne wüsste, zu welcher Adresse er seine Schläger schicken soll.“

Maus zuckte mit den Schultern und kratzte sich am Kinn.

„Möglich. Aber ich hab ein gutes Gefühl dabei. Kann nicht schaden, ihn mal zu kontakten - nach dem Frühstück. Lust auf Shake?“

Viktoria nickte und legte ihren Arm um die eigentlich zu breite Hüfte ihres Freundes.

„Und ob. Wir dürfen aber auch unseren humpelnden Helden nicht vergessen. Der wird vor Freude durch die Decke seines Wohnwagens gehen.“

Lichtsturm

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