Читать книгу Die Seehunde haben heute Ruhetag - Markus Tönnishoff - Страница 6
ОглавлениеToilettenpapier kommt jetzt per Fax
Meine Freundin Nini und ich stehen dem Fortschritt uneingeschränkt aufgeschlossen gegenüber. Wir interessieren uns für jeden technischen Mumpitz und schließen selbigen auch schnell ins Herz. Da nimmt es nicht Wunder, dass in uns der Wunsch heranwuchs, unser Zuhause mit intelligent vernetzten Geräten auszustatten – ja, wir wollten ein Smart Home haben. Deshalb suchten wir einen entsprechenden Einrichtungshändler auf… und wir wurden auch nicht enttäuscht.
Ein ordinärer Duschkopf – das war das erste, auf das Ninis Blick fiel. „Er sieht nicht besonders intelligent aus“, stellte die schönste Frau diesseits des Universums fest. Mit dieser Äußerung rief sie jedoch gleich Jakob Wanzendreher, seines Zeichens Smart Home-Fachverkäufer, auf den Plan. „Dieser Duschkopf ist eine Revolution“, pries Wanzendreher das Produkt an. „Er merkt, wenn Sie unter der Dusche pupsen und übermittelt dieses Ereignis sofort telefonisch an den Toilettenpapierhalter. Dieser lässt sich dann schon mal vorsorglich Klopapier faxen“, erklärte der kompetente Verkäufer. „Zwei- oder dreilagig?“
„Mindestens! Und auf Wunsch sogar bedruckt mit Texten von Herbert Grönemeyer oder den Vorschlägen für die Lottozahlen der nächsten drei Wochen.“
Wir zeigten uns tief beeindruckt von so viel technischer Intelligenz, Nini jedoch war noch nicht ganz überzeugt. „Und was ist, wenn ich nicht unter der Dusche pupse?“, wollte sie wissen. „Nun, dann können Sie mit dem Duschkopf den Toilettenpapierhalter anrufen und ihm sagen, dass Sie gerade kein Klopapier brauchen“, erwiderte Wanzendreher. Doch nun war auch in mir eine weitere Frage herangereift: „Kann ich mit dem Duschkopf denn auch ins Fest- und Mobilfunknetz telefonieren?“
„Nein, das geht zurzeit noch nicht. Aber Sie können mit den Toilettenpapierhalter ein Fax an den Duschkopf schicken“, so Wanzendreher. Dann entdeckte Nini einen Badezimmerspiegelschrank. „Was kann der?“, wollte sie sofort wissen. Wanzendreher war stolz, die technischen Vorzüge dieses Wunderwerks erläutern zu dürfen. „Dieser Spiegel wird Ihr Leben bereichern. Er erkennt, wenn Sie deprimiert aussehen und vereinbart dann sofort per E-Mail einen Termin beim Psychologen. Wenn Sie hingegen glücklich aussehen, informiert er die Steuerfahndung.“
„Kann man mit dem Spiegel auch den Duschkopf anrufen?“, begehrte Nini zu wissen.
„Ja, aber nur an ungeraden Tagen in einem Monat, in dem der Buchstabe „R“ vorkommt.
„Kann der Spiegel auch Faxe verschicken?“, schaltete ich mich jetzt ein.
„Nur, wenn Sie ihn unter die Dusche stellen“, erklärte Wanzendreher.
Nun lenkten wir unsere Schritte in den Ausstellungsraum für Wohn- und Esszimmereinrichtungen. Nini steuerte eine Leselampe an. „Was ist das Besondere daran?“, richtete sie eine Frage an Wanzendreher, der selbstredend nicht um eine Antwort verlegen war: „Die Lampe erkennt, ob Sie etwas Anspruchsvolles lesen oder nicht. Wenn nicht, bestellt sie sofort etwas Anspruchsvolles aus dem Internet – zum Beispiel die Biografie von Pu der Bär oder die neueste Ausgabe des Playboy.“ Bei dem Wort „Playboy“ wurde ich schlagartig wieder wach. Ich zeigte auf einen Sessel. „Was macht der denn so?“, wollte ich wissen. „Nun, das ist ein Meisterstück der deutschen Sesselbau-Industrie“, erläuterte Wanzendreher und begann, vor dem Möbelstück auf die Knie zu sinken, bevor er fortfuhr. „Wenn Sie sich hineinsetzen, und Sie sind zu schwer, informiert der Sessel sofort die nächste Ortsgruppe der Weight Watchers. Wenn Sie hingegen zu leicht sind, wird ein naheliegendes Beerdigungsinstitut kontaktiert. Der Bestatter steht dann in der Regel in 15 Minuten vor der Haustür.“ Ein Schaudern bemächtigte sich unser, doch dann entdeckte Nini einen Esstisch auf Rollen, was ja bekanntlich eher ungewöhnlich ist. Wanzendreher erklärte diesen Umstand sofort. „Der Tisch misst die Kalorien in Ihrem Essen. Wenn Sie zu viel essen, fährt er einfach weg.“
Uns war fast schon schwindelig wegen der außergewöhnlichen Innovationskraft, mit der wir konfrontiert wurden. Jetzt musste allerdings noch die Küchenabteilung in Augenschein genommen werden. Enttäuschung nahm von uns Besitz, als wir eines Toasters ansichtig wurden, der dort sein Dasein fristete – doch Wanzendreher konnte sofort die Vorzüge des Gerätes aufzählen. „Dieser Toaster stellt einen Meilenstein in der technischen Entwicklung dar“, hob er an, „Sie stecken das Brot rein, und der Drucker im Wohnzimmer druckt es kurze Zeit später aus – wahlweise belegt mit Marmelade oder Eiersalat.“
„Kann der Toaster das Brot auch an den Toilettenpapierhalter faxen, sodass man es im Badezimmer essen kann?“, wollte ich wissen. „Selbstverständlich, Sie müssen nur vorher noch eine E-Mail an den Duschkopf schicken. Der faxt Ihnen dann im Gegenzug das Klopapier in den Toaster.“
„Mit Eiersalat oder ohne?“, fragte Nini.
„Gegen Aufpreis sogar mit Honig von biologisch angebauten Bienen“, triumphierte Wanzendreher.
Es war Nini vorbehalten, nun noch einmal eine Zusammenfassung der in Augenschein genommenen Gerätschaften zum Besten zu geben: „Also gut, man kann eine E-Mail an den Eiersalat schicken, der sich dann per Fax mit dem Honig in Verbindung setzt und später die Leselampe über Pu den Bären informiert, sodass der Toaster Klopapier an den Esstisch faxt, der dann wiederum einen Psychologen informiert, wenn man Probleme mit seinem Duschkopf hat und deshalb dauernd pupsen muss, sodass die Ortsgruppe der Weight Watchers sich zusammen mit den Beamten der Steuerfahndung in den Sessel setzt, der dann wiederum den Spiegelschrank anruft, um ihn mitzuteilen, dass die Bienen sich im Toaster verlaufen haben. Ist es so?“
„Genau richtig“, so Wanzendreher.
„Klasse. Wir kaufen das alles. Bitte faxen Sie uns die Sachen zu. Und informieren Sie uns, wenn Pu der Bär den Eiersalat an die Bienen verschickt und den Toaster an den Toilettenpapierhalter angeschlossen hat.“