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Kapitel 3 – Der Konvent
ОглавлениеDie Große Agora war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Delegationen Dutzender Welten hatten sich ihre Nischen zuweisen lassen. Tloxi-Assistenten und Ordonnanzen der fliegenden Crew waren um sie besorgt, erklärten ihnen den Gebrauch der Übersetzungs-KIs und reichten ihnen Wasser oder andere Erfrischungen, die ihren jeweiligen Bedürfnissen und Gewohnheiten angemessen waren. Viele Abordnungen vertrugen nicht einmal das Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch, das die Atmosphäre des Torus bildete. Es war der Erdatmosphäre nachempfunden und auf den menschlichen Organismus abgestimmt. Aber natürlich gab es unter den extraterrestrischen Zivilisationen zahllose, die an andere natürliche Lebensräume angepasst waren. Manche atmeten Wasserstoff, andere Helium, wieder andere atmeten überhaupt nicht. Die Bevorzugung der humanen Spezies, die sich in der Ausstattung des Torus niederschlug, hatte im Vorfeld zu einigen scharfen Protesten geführt. Ebenso die Tatsache, dass die Verhandlungssprache das Unierte Englisch sein würde.
Pikanterweise waren es vor allem jene Kulturen, die den Sinesern am engsten verbunden gewesen waren, die keine Gelegenheit ausließen, ihren Protest einzureichen. Die Laya etwa und die Zthronmic, vor deren fauchender Delegation sich auf den Gängen breite Gassen bildeten. Dabei atmeten sie das gleiche Luftgemisch wie die menschlichen Gastgeber des Kongresses, und auch des Unierten Englisch waren sie aufgrund von Handels- und anderen Kontakten mächtig. Sie benutzten jedoch jeden noch so banalen Anlass, um die Eröffnung des Kongresses zu torpedieren und ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Schon bei den bilateralen Vorgesprächen hatten sie immer wieder von »Siegerjustiz«, »Herrenmoral« und »imperialem Gebaren« geraunt, das die Union an den Tag lege. Man durfte gespannt sein, wie es den Verhandlungsführern der Union gelingen würde, sich mit diesen Vertretern auftrumpfender Völker auf eine Geschäftsordnung zu einigen.
Als die Agora voll besetzt war, herrschte ein Geräuschpegel wie in einem Sportstadium unmittelbar vor dem Anpfiff. Überall zischelten die Übersetzungscomputer und sprachen die Delegationsmitglieder miteinander. Zahllose Geräte, die den Gasaustausch der unterschiedlichsten Spezies steuerten, verbreiteten die Anmutung, man befinde sich in einem Großlabor. Mit klickenden Schritten ihrer metallenen Sohlen eilten Tloxi des protokollarischen Dienstes zwischen den Nischen hin und her, um jedem Deputierten des Kongresses jeden noch so abenteuerlichen Wunsch zu erfüllen. Gerade in der Anfangsphase der Tagung war jeder Eindruck zu vermeiden, es würde eine Abordnung benachteiligt oder man lasse die Anstrengung vermissen, jedem Vertreter den größtmöglichen Komfort zuteil werden zu lassen. Alle sollten sich, den Umständen entsprechend, wohlfühlen. Vor allem mussten alle sicher sein, mit der gleichen vorurteilslosen Zuvorkommenheit empfangen zu werden.
Sie alle waren Gäste der Union. Die ehemaligen Verbündeten der Sineser waren nur zu dem Kongress erschienen, indem sie hiergegen ihren formellen Protest eingelegt hatten. Die Frage, wer Hausherr und Gastgeber war, hatte ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt werden müssen. Sie entschied auch, wer das Vorschlagsrecht hatte, und darüber hinaus gab sie Auskunft darüber, wessen Wort in der Galaxis gelten würde.
Interessanterweise hatten aber auch etliche Völker protestiert, die auf ihre Neutralität Wert legten. Sie wollten um jeden Preis den Eindruck vermeiden, ihre Präsenz auf dem Kongress könne als Vorentscheidung darüber interpretiert werden, dass sie sich der Union anzuschließen gedächten – oder in Erwägung zögen, sie als relevante Macht anzuerkennen.
Und schließlich gab es Welten, die jahrhundertelang von Sina geknechtet, versklavt und ausgebeutet worden waren und die die Vernichtung Sinas in die Freiheit entlassen hatte. Weit davon entfernt, die neue Selbstbestimmung freudig anzunehmen, hatten auch sie zunächst einmal protestiert. Den meisten dieser Kulturen hatten die Sineser im Verlauf ihrer generationenlangen Vorherrschaft wichtige Denkmäler, Kultstätten und andere Heiligtümer geraubt und sie in ihrem Trophäenpark mitten im Herzen Sina Citys ausgestellt. Diese perverse Präsentation war bei der Zerstörung Sinas atomisiert wurden. Etliche der Völker, die sich weniger befreit als geschädigt sahen, hatten Forderungen gegenüber der Union erhoben, die auf Rückgabe der Heiligtümer – was faktisch unmöglich war – oder angemessene Entschädigung hinausliefen. Verhandlungsführer dieser Gruppierung waren die kuLau, deren Sonnentempel vor mehr als zweihundert Standardjahren von ihrer Heimatwelt verschleppt und in Sina City zur Schau gestellt worden war. Der Tempel war ein Monument, dessen identitätsstiftende Bedeutung unersetzlich war. Die kuLau hatten daher materielle Restituierung und eine darüber hinausgehende Strafzahlung gefordert. Es war klar, dass die Union dem nicht stattgeben konnte. Genauso klar war aber auch, dass die Völker diese Drohungen und Forderungen in den anstehenden Debatten als Verhandlungsmasse einsetzen würden. Man konnte so den Preis für jede Zustimmung nach oben treiben, und sei es für die Tatsache, an dem Kongress teilzunehmen. Die Union hatte sich den kuLau gegenüber bereit erklären müssen, die Entschädigungscausa auf die Tagesordnung zu setzen, da die Delegation sonst überhaupt nicht angereist wäre. Zwar war man weit davon entfernt, darin ein Zugeständnis zu sehen, dass die Entschädigung auch gezahlt werde. Dennoch begann der Kongress, bevor er offiziell eröffnet war, mit nicht unerheblichen Hypotheken.
Die Große Agora war in Form eines weiten Amphitheaters erbaut, das in hellen Grautönen gehalten war. Die halbkreisförmig ansteigenden Ränge trugen die Nischen der einzelnen Delegationen. Dazwischen führten flache Treppen und Quergänge hin und her. Die Stirnseite war von einer großen Tribüne gebildet, auf der ein Rednerpult aufgeschlagen war. Sämtliche Hoheitszeichen oder Embleme fehlten. Etwas zurückgesetzt schlossen sich zu beiden Seiten die Plätze der Protokollführer, des Ordnungsdienstes, der Hohen Repräsentanten und anderer Honoratioren an. Über den Rängen der Delegationen verlief ein zweiter, noch größerer Halbkreis, in dem die Vertreter der beobachtenden Abordnungen Platz genommen hatten. Die Union hatte ranghohe Mitglieder beider Stäbe in diese Logen entsandt. Der Nuntius des Prana-Bindu-Ordens hatte sich hier im Kreise seiner Begleiter niedergelassen. Und auch ein Wachbataillon war aufgezogen, dessen Uniformen man mit großer Sorgfalt neutral gehalten hatte.
Das Halbrund hallte von dem infernalischen Stimmengewirr und dem Getöse der verschiedenen technischen Einrichtungen wider. Ab und zu wurde dieses Grundgeräusch noch von dem Raubtiergebrüll der Zthronmic durchbrochen, woraufhin der Hintergrundlärm für einige Zeit nachließ. Jetzt scholl wieder ein lautes Fauchen auf. Mehrere Zthronmic waren aufgesprungen und gestikulierten wild, wobei sie ein Kreischen und Gurgeln ertönen ließen, das die ranghohen Vertreter des Militärs und Veteranen der Schlacht von Sina auf ihren Rängen erbleichen ließ. Ein Tloxi des protokollarischen Dienstes flog in hohem Bogen quer durch den riesenhaften Raum und zerschellte an einer der Seitenwände aus gehärtetem Elastalstahl. Seine Kameraden bargen die herabregnenden Trümmerstücke und trugen sie aus dem Saal. Der respektvolle Hof, der sich um die zthronmische Delegation gebildet hatte, wurde noch ein wenig größer. Die Soldaten des Wachbataillons spannten die Muskeln und richteten die Blicke auf ihren Hauptmann aus. Unten erhob sich der junge Mann, der die Delegation der Amish führte, und ging zur Nische der Zthronmic hinüber. In seinem schlichten weißen Gewand trat er den tobenden Monstra gegenüber. Anfangs sagte er kein Wort, sondern senkte nur einen tiefen, imponierenden Blick in sie. Dann sprach er leise auf sie ein. Es wurde so still im Saal, dass man seine eindringliche Rede hören, wenn auch nicht verstehen konnte. Er hatte die leeren Hände vor die Brust gehoben. Und natürlich war er unbewaffnet. Die Zthronmic trollten sich mit missmutigem Knurren und nahmen ihre Plätze wieder ein. Dabei schlugen sie die Blicke nieder wie Zirkuslöwen, die von ihrem Bändiger in den Käfig zurückgetrieben werden.
In diesem Augenblick erscholl eine Fanfare – eine Fantasiekomposition, der man möglichst wenig Ähnlichkeit mit der offiziellen Hymne der Union anhören sollte –, und die höchsten Vertreter des diplomatischen Korps betraten die Tribüne. Der Hohe Rat Xanda Salana schritt ans Rednerpult. Die meisten Delegierten erhoben sich. Einige Abordnungen blieben sitzen. Bei anderen war überhaupt keine Regung festzustellen, wie bei dem Repräsentanten G.R.O.M., dessen Wasserbecken in einer der vorderen Nischen stand.
Ursprünglich war vorgesehen gewesen, dass General a. D. Rogers die Ansprache halten, die Völker begrüßen und den Kongress für eröffnet erklären sollte. Es hatte im Vorfeld jedoch scharfe Proteste vonseiten jener Delegationen gegeben, die man inzwischen die Sinesische Fraktion nannte. Sie hatten Dr. Rogers für befangen erklärt, da er vor Persephone den rechtswidrigen Einsatz von Antimaterie-Waffen befohlen und sich so eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht habe. Außerdem sei er für die Auslöschung Sinas in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verantwortlich. Beide Anschuldigungen sollten vor einem unabhängigen Tribunal untersucht werden. Auch hier hatte man sich bereit erklären müssen, die Einsetzung und Zusammensetzung eines solchen Tribunals zum Gegenstand der ordentlichen Verhandlungen zu machen.
Als Ruhe eingekehrt war und die Delegierten ihre Plätze wieder eingenommen hatten, erhob Salana die Stimme. Er war um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Und es war ihm anzumerken, wie er beim Abfassen seiner Rede größtmögliche Sorgfalt darauf verwandt hatte, jedes einzelne Wort so neutral und unverfänglich zu halten, wie dies überhaupt nur möglich war.
»Ehrwürdige Vertreter, Repräsentanten, Räte und Delegierte«, begann er, »es ist mir eine große Ehre, Sie alle in der Großen Agora des Torus willkommen zu heißen und zu diesem Galaktischen Kongress begrüßen zu dürfen. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass für uns alle die Empfindung des Neuen und Fremden überwiegt. Wir müssen zuerst eine gemeinsame Sprache finden, eine Tagesordnung erarbeiten, unsere Aufgabe definieren. In diesem Sinne bitte ich um Ihrer aller Kredit, sollte ich bei dieser Begrüßung unwillentlich Gefühle verletzen oder Traditionen beflecken, Tabus brechen oder mir sonstige Entgleisungen zuschulden kommen lassen, von denen ich hier nur versichern kann, dass sie unbeabsichtigt wären und von mir zutiefst bedauert werden würden.«
Er ließ eine kurze Pause entstehen. Während der wenigen Worte war es schon wieder laut im Saal geworden. Zwischenrufe in allen Sprachen und Idiomen der Galaxis waren aufgebrandet. Die Protokoll-KIs verzeichneten mehrere Dutzend Einwände. Die Kraft seines Schweigens reichte aber hin, dass der Geräuschpegel allmählich wieder sank.
»Wir haben unruhige Zeiten hinter uns. Ein großer Krieg wurde ausgefochten. Schwere Schlachten wurden geschlagen. Die Galaxis stand am Abgrund, am Rande der Zerstörung. Noch lange wird sie die Narben dieses Ringens tragen.«
Sofort setzte Gebrüll vonseiten der Zthronmic und der Laya sowie einiger anderer Kulturen ein, die eng mit den Sinesern zusammengearbeitet hatten.
»Lassen Sie mich fortfahren!«, rief Salana. »Über alles, was Ihnen an diesen Worten zu beanstanden sein mag, wird in den Ausschüssen zu beraten sein. Jeder Einwand wird zu Protokoll genommen. Jeder Einspruch wird in den folgenden Tagen und Wochen zur Diskussion angenommen. Jeder einzelne Punkt wird noch geklärt werden!«
Er trank mit demonstrativer Ruhe einen Schluck Wasser.
»Wir sind heute hier zusammengekommen, um die Galaxie neu aufzubauen. Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Weltensystems begegnen sich Dutzende von Völker und Kulturen, die bis jetzt einander oft kaum dem Hörensagen nach kannten. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung. Uns kennen zu lernen und auszutauschen, zunächst, und dann, unsere ehrwürdige Heimatgalaxis, die wir die Milchstraße nennen, friedlich zu erschließen. Weit entfernt, die Rolle eines Hegemons oder Imperiums einnehmen zu wollen, bietet die Union sich als Plattform an. Wir erstreben weder eine Vorherrschaft noch Privilegien, wir wollen weder Klassensprecher noch Primus inter Pares sein – ich hoffe, die Übersetzer-KIs finden Entsprechungen zu dieser Redensart in Ihren jeweiligen Sprachen. Wir verstehen uns auf diesem Kongress als Gastgeber und Moderatoren, aber wir sind bereit, auch diese Rolle abzugeben, wenn die Mehrheit des Plenums dies wünscht und das Mandat einem anderen Teilnehmer überträgt.«
Wieder war die Unruhe sehr stark geworden. Während der Sinesische Flügel jedes Wort Salanas mit lautem Gebrüll begleitet hatte, waren andere Delegationen – hauptsächlich jene der neutralen Fraktionen – in eisiges Schweigen verfallen. Die Amish saßen mit versteinerten Mienen da, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen voller Verachtung, wobei sie den Tumult auf der anderen Seite des Plenums ebenso wenig zur Kenntnis nahmen wie die Handreichungen des Protokollarischen Dienstes. Salanas bis zur Selbsterniedrigung gehender Vortrag prallte an ihnen ebenso ab wie sein Lächeln und seine einstudierten Gesten, die gewinnend wirken sollten. Als er im Manuskript fortfuhr, wurde seine Stimme angestrengter, sein Ton brüchiger, sein Ausdruck verzweifelter.
»Die Union repräsentierte bislang die Menschheit, die führende Spezies des Planeten Erde. Bis jetzt hat sich das Volk der Tloxi ihr angeschlossen. Ein solcher Beitritt ist eine der Möglichkeiten, die wir uns vorstellen könnten, um unserem gemeinsamen Willen, die Galaxis in Frieden zu gestalten, Ausdruck zu verleihen und ihr einen institutionellen Rahmen zu geben. Selbstverständlich sind auch andere Formen der Zusammenarbeit möglich.«
Ganze Delegationen sprangen von ihren Sitzen auf.
»Wir wollen keine Zusammenarbeit!«, riefen sie.
Manche schrien in Uniertem Englisch auf Salana ein, andere bedienten sich der Übersetzungsautomatik, aus deren Kanälen eine undurchdringliche Kakophonie auf den Hohen Repräsentanten einprasselte.
»Wir wollen Entschädigung! Wir verlangen Restitution und Rehabilitation! Freiheit und Selbstbestimmung! Keine Einmischung in unsere Angelegenheiten! Das ist kultureller Imperialismus!«
Salana trat einen Schritt zurück. Im holografischen Livestream, der an die Stirnwand projiziert wurde, sah man, dass seine Hände zitterten. Jorn Rankveil, der sich dicht hinter ihm gehalten hatte, fasste ihn an der Schulter und flüsterte ihm ins Ohr:
»Gehen Sie nicht darauf ein. Lassen Sie sich nicht provozieren. Die warten nur darauf, dass ein falsches Wort ihnen den Vorwand gibt, die Sache hinzuschmeißen …«
Salana nickte und ging wieder ans Pult.
»Das alles wird zur Sprache kommen«, sagte er. »Heute geht es darum, uns gegenseitig unseres Vertrauens zu versichern. Wir alle sind Bürger dieser Galaxis. Dutzende hoch entwickelter und dabei höchst unterschiedlicher Völker, Rassen, Spezies und Kulturen. Wir werden hier den Grundstein für ein friedliches Miteinander legen. Dieser Kongress wird die Basis für das Erblühen unserer gemeinsamen Heimat schaffen und die Gründungsfeier einer neuen, Tausende von Welten überwölbenden Zivilisation sein.«
Es wurde ruhiger. Man schien abwarten zu wollen, welche Angriffsflächen Salana bot. In den Wohnmodulen und auf den Schiffen draußen im Parkraum arbeiteten schon jetzt Hunderte von Anwälten und Referenten, Persönlichen Beauftragten und Völkerrechtlern, die die Rede im Livestream verfolgten, an ihren Eingaben, die sie in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten den Kommissionen und Ausschüssen vorlegen würden, an Protestnoten und Petitionen, an Forderungen und Anträgen.
»Ich biete«, schloss Salana, »ich biete allen, die anderer Ansicht sind, den offenen und unvoreingenommenen Dialog an. Und ich begrüße alle, die bereit sind, an der gemeinsamen Aufgabe mitzuarbeiten. Ich erkläre den Ersten Galaktischen Kongress für eröffnet! Lassen Sie uns in Frieden beginnen!«
Noch während seine letzten Worte durch den Saal hallten, brach der Tumult wie eine Flutwelle über ihm zusammen. Die Unionsvertreter spendeten demonstrativ Applaus. Ebenso die Tloxi und einige andere der wohlwollenden Delegationen. Sie waren in der Minderheit. An der Rampe zogen Soldaten des Wachdienstes auf, um zu verhindern, dass die Zthronmic die Tribüne stürmten. Salana und sein Stab wurden unter Sicherheitsvorkehrungen hinausgebracht.
Sowie die Bühne leer war, beruhigte sich auch das Parkett. Die Delegierten verließen das Plenum. Auf den Zwischengängen kamen sie mit ihren Beratern zusammen, die der Rede in ihren Besprechungszimmern gefolgt waren. Sie begannen, den Auftakt des Kongresses zu analysieren und das weitere Vorgehen zu besprechen.
Vereinzelt kam es zu delegationsübergreifenden Kontakten. Die Gruppen, die lose zu Flügeln oder Fraktionen zusammengehört hatten, knüpften erste konkrete Gespräche an, um ihre Strategien für die Verhandlungen zu koordinieren. So sah man auf einem der Gänge einen Vertreter der Amish, der bemüht war, die Abordnung des Prana-Bindu-Ordens, die auf der Beobachtertribüne Platz genommen hatte, ins Gespräch zu ziehen. Offenbar war hier der Gedanke treibend, dass man die Mönche zum Beitritt ins Plenum bewegen wollte, um den Block der Neutralen zu stärken.
Auf der anderen Seite steckten einige Zthronmic mit den Abgeordneten der Laya die Köpfe zusammen. Sie hatten schon auf der Ebene der Störmanöver und Zwischenrufe eine gemeinsame Partei gebildet. Jetzt legten sie den Grundstein für die Zusammenarbeit in der Gruppe jener, die sich als Nachlassverwalter der Sineser zu verstehen schienen. Als die beiden anmutigen Vertreter der kuLau vorüberschwebten, wurden auch sie von ihnen angesprochen. Es war auf den ersten Blick klar, dass die filigranen pflanzenhaften Wesen und die raubtierartigen Zthronmic nie etwas anderes als eine Zweckgemeinschaft würden bilden können. Dennoch mussten sie einander aufgefallen sein, weil ihre Reaktionen auf Salanas Rede synchron gegangen waren. Vielleicht hatten sie auch im Vorfeld schon miteinander Bekanntschaft gemacht. Die Forderung nach Entschädigung für die zerstörten Heiligtümer wurde von ihnen gemeinsam unterstützt.
Begleitet von zwei Tloxi schwebte das Wasserbecken G.R.O.M.s aus dem Saal. Ihm folgte ein Wesen, das wie eine spindelförmige Wolke aus Rauch oder Dampf wirkte, die in intensiven Rot- und Grüntönen gebändert war. Es sah aus wie ein Gasplanet, den man in die Länge gezogen und dabei auf die Maße eines übergewichtigen Menschen verkleinert hatte. Vor seiner »Brust« war mittels eines berührungslosen Generatorfeldes eine Übersetzungseinheit angebracht. Ihre Aktivitätsanzeige wies darauf hin, dass das sonderbare Lichtwesen sich angeregt mit G.R.O.M. zu unterhalten schien, auch wenn die Szene in völlige Stille getaucht blieb.
Jennifer setzte ihren japanischen Bambus-Seide-Drink ab und fuhr die Lehne ihres gravimetrischen Liegestuhls bis zum Anschlag zurück. Dann streckte sie ihre endlosen Beine aus und machte es sich bequem. Ich hatte mir, gegen ihren Protest, eine Qatzigarette angesteckt, deren wohltuendes Aroma ich in tiefen Zügen inhalierte. Reynolds drehte eines der elektronischen Bauteile, an denen er beständig herumzubasteln pflegte, in den Händen. Sein Blick war in sich gekehrt. Jennifer studierte angelegentlich die Decke des kleinen Raumes.
Wir hatten die Übertragung von Salanas Rede zur Eröffnung des Kongresses im Livestream verfolgt. Da wir keine Delegierten waren, waren wir nicht für das Plenum zugelassen. Rogers hatte in Aussicht gestellt, uns für einige der Ausschüsse und Fachgruppensitzungen kooptieren zu lassen. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich Wert darauf legte. Wir waren Wissenschaftsoffiziere, Mitglieder der fliegenden Crew und Kommandanten. Was ging dieses Politikergeschwätz uns an? Eigentlich waren wir nur als militärische Eskorte hier, als Chauffeure, und um dem ganzen Auftritt einen gewissen Pomp zu verleihen. Die Anwesenheit der MARQUIS DE LAPLACE, die draußen im Parkraum schwebte, war ein Argument von nicht zu unterschätzender Schlagkraft. Gerade in den anstehenden Geheimverhandlungen, den Vieraugengesprächen, den Sitzungen hinter verschlossenen Türen und den Gremien, von deren Existenz kein Protokoll jemals etwas verraten würde.
Nicht ohne Genugtuung hatte ich zur Kenntnis genommen, dass die MARQUIS DE LAPLACE das mit Abstand mächtigste Schiff war, das über der Rotationsebene des Torus lag. Die Kreuzer, Zerstörer oder Frachtschiffe, mit den die anderen Delegationen angereist waren, konnten ihr nicht das Wasser reichen. Und es war immer noch das Schiff, das die Schlacht von Persephone für sich entschieden und das Sina den Todesstoß versetzt hatte. Seine Feuerkraft hatte, soviel wir wussten, in der Galaxis nicht ihresgleichen, seit wir Sina ausgeschaltet hatten. Das musste auch den anderen Abordnungen klar sein. Und es beruhigte mich umso mehr, als mir Salanas Rede ein wenig unterwürfig und leisetreterisch erschienen war. Sollten wir uns dafür entschuldigen, dass wir uns zur Wehr gesetzt und das Sinesische Imperium in den Rinnstein der Geschichte getreten hatten?
Ich zerquetschte den Qatstummel und gab den Aschenbecher der Ordonnanz mit, als sie zum nächsten Mal durch die Lounge kam, um nach dem Rechten zu sehen. Ich hatte durchsetzen können, dass Layra, die Kleine von der Bar, jetzt in der Offizierslobby des Unionsbereichs aufwartete, statt draußen den Thekendienst zu versehen. Jennifer hatte zwar die Brauen gerunzelt, sich dann aber in die Sache geschickt. Ich glaube, nichts amüsierte sie mehr als meine Versuche, bei diesen jungen Dingern Eindruck zu schinden, die, wenn sie in der betreffenden Geschichtsstunde gefehlt hatten, keine Ahnung hatten, was die »Schlacht von Sina« gewesen war.
Endlich glitt die Tür auf, und Dr. Rogers samt Gefolge stapfte in die Lounge. Er schnipste Layra hinterher und bestellte einen doppelten Scotch. Seine Adjutanten konnten sich das nicht erlauben. Sie ließen sich ein Fläschchen Wasser oder eine Tasse Tee kommen.
Rogers wartete, bis er sein Getränk in Händen hielt, das er ohne viel Federlesens herunterkippte. Solange schwiegen auch wir. Wir kannten ihn lange genug, um zu wissen, dass nichts ihn mehr verdrießen konnte, als wenn man ihm seinen Auftritt vermasselte. Nachdem er sich remontiert hatte, atmete er tief durch und ließ die Blicke theatralisch von einem zum anderen wandern.
»Was meinen Sie?«, fragte Jennifer. Seine ehemalige Lieblingsschülerin war die Einzige, die sich erlauben konnte, ihn direkt anzusprechen, ohne dazu aufgefordert zu sein.
Er nickte in einer seltsam grimmigen Weise vor sich hin, als wolle er einen Zynismus nach dem Motto »Da haben wir die Scheiße« folgen lassen. Stattdessen sagte er:
»Hut ab vor Salana!«
Ich wunderte mich und ließ ihn das auch erkennen.
»Ja«, rief er. »Natürlich. Diesen Auftakt über die Bühne zu bringen, ohne dass es zum Eklat kam, war eine Leistung.«
Ich stieß unzufrieden die Luft durch die Nase.
»Wenn wir so anfangen zu denken! Am Ende sind wir froh darüber, dass sie uns nicht auf unserer eigenen Station massakrieren. Waren wir nicht schon weiter?!«
Er lächelte in seiner überlegenen und überheblichen Art.
»Gemach, gemach!«
Ich sah ihm an, dass er mir im Grunde zustimmte. Dieses »im Grunde« bestimmte ziemlich genau die Differenz zwischen ihm, der notgedrungen so etwas wie ein Freizeitpolitiker hatte werden müssen, und mir, der ich dieses Geschäft zutiefst verachtete.
»Das kommt schon alles«, meinte er. »Der Anfang ist gemacht. Wir haben ihnen keinen Anlass gegeben, die Sache wieder hinzuschmeißen, ehe sie richtig angefangen hatte.«
Jennifer kippte ihre gravimetrische Liege nach vorne und setzte die Füße auf den Boden.
»Darauf haben sie es ja angelegt«, sagte sie.
»Natürlich«, nickte Rogers. »Als sie alle schrien: ›Wir wollen keine Zusammenarbeit‹, haben sie gehofft, Salana würde die Beherrschung verlieren und entgegnen: ›Dann geht doch!‹ Mindestens die Hälfte der Versammlung wäre im gleichen Augenblick aufgestanden und abgeflogen. Wir hätten die ganze Veranstaltung abblasen können. Aber er hat sich nicht provozieren lassen.«
Plötzlich kam doch der alte Militär und Schlachtenlenker wieder durch.
»Er hat ihnen keine Flanke geboten, sich keine Blöße gegeben, die sie hätten ausnutzen können.«
Er sah mich mit der Miene an, mit der auf der Akademie wichtige Weistümer auszusprechen pflegte.
»Keine Fehler zu machen, ist die halbe Miete!«
Ich verzog trotzig das Gesicht und suchte Reynolds’ Blick. Er drehte seinen Quantenchip in den Händen, als seien wir bei einem Seminar zur Konstruktion neuartiger Rechner und nicht auf einer heiklen diplomatischen Mission.
»Wir müssen sie einbinden«, sagte er in seiner näselnden Art. »Sie ins Boot holen, sie an den Verhandlungstisch zwingen.« Er sah mich an, belehrend wie in seinen alten Tagen als WO. »Solange sie debattieren, schießen sie nicht!«
Ich stand auf.
»Ist das alles?!«, rief ich. »Wir sind froh, wenn sie nicht auf uns schießen? Der Krieg ist aus! Wir haben ihn gewonnen! Habt ihr das vergessen? Wir sollten die Bedingungen des Friedens diktieren! Stattdessen machen wir mehr Zugeständnisse, als wir jemals wieder einsammeln können. «
Ich hatte mich in Rage geredet. Wie lächerlich das war, sah ich an dem feinen Schmunzeln, mit dem Jennifer meinen Auftritt verfolgte. Trotzdem war ich der Meinung, dass ich recht hatte.
»Wer sind denn diese Zthronmic? Diese Laya? Diese Blumenstängelwesen? Soll ich vor denen Angst haben?«
Rogers stand auf einmal neben mir. Ich roch seinen Whiskeyatem. Er legte mir die Hand auf den Oberarm.
»Du hast ja recht, Frank«, sagte er. »Aber wir dürfen nichts überstürzen. Wir müssen vorsichtig sein. Noch sind wir nur ein Spieler von vielen. Wir müssen eine gemeinsame Plattform finden. Denn eines können wir jetzt nicht brauchen: dass jeder seines Weges geht und die Galaxie im Chaos versinkt!«
Zwei Sonnen, eine blaue, eine rote. Die blaue war die kleinere, heißere, jüngere. Ihr Feuer war erst vor einigen Dutzend Millionen Jahren aufgesprungen, eine sphärische Wolke überdichten Wasserstoffs entzündend, das sie seither zu Helium brannte. Ihr Licht entsprach einem hohen Mittag im Gebirge, wenn der Himmel rein war und die Firne dunkelblau erschienen, eingebettet in blendenden Glast. Ihr Spektrum verlief stark zum Ultravioletten hin, mit mächtigen Peaks in der Röntgen- und Gammastrahlung. Ihr Gravitationstrichter war steil und glatt, ihre Ausbrüche heftig. Sie rotierte schnell. Alles an ihr hatte das Eruptive, Überhitzte, Gleißende der frühen Jugend, des reinen tropischen Vormittags, des heiligen Zornes adoleszierender Männer und des unwiderleglichen Aufbruchs einer neuen Kultur, deren Reiterhorden die Steppe erobern und sich die Barbarenvölker unterwerfen. Die Sternenkarten verzeichneten sie als β Horus und gaben ihre voraussichtliche Lebensdauer mit sechs Milliarden Jahren an.
Die rote Sonne, γ Horus, hatte einen großen Teil dieser Zeit schon hinter sich. Sie war die mit weitem Abstand ältere, kühlere, auch größere. In wenigen Jahrhunderttausenden würde ihr Brennstoff – gegenwärtig verschmolz sie Helium zu Kohlenstoff und Sauerstoff –aufgebraucht sein, dann würde sie sich zu einem Roten Riesen emporblähen, ihr Umfang würde um das Zwanzigfache steigen, ihre dunkel glühende Chromosphäre den heißen Rand ihres Nachbarn berühren, der in der Folge beginnen würde, sie langsam aufzuzehren. Eine Akkretionsscheibe würde sich bilden, in der ihr allmählich erkaltendes Fleisch spiralförmig auf jene blaue β-Sonne übergehen würde. Sie war von der glutenden Schönheit eines Nachmittags in alten Rosengärten, von der Milde eines alten Weines, von der sehrenden Hingabe einer erfahrenen Geliebten und der mürben Weisheit einer jahrtausendealten Kultur. Sie glich den Schätzen des Orients, den Geheimnissen Ägyptens, der tiefen Einsicht Zentralasiens – um terrestrische Metaphern zu bemühen. Alles an ihr war schwer und satt und müde. Aber auch reich, kostbar und unwiederbringlich.
Die beiden Sterne umkreisten einander auf einer engen, stark elliptischen Bahn. Sie waren wie Gegner, die einander belauerten. Wie ein Paar, das einander anzog und auf Distanz hielt. Wie ein Jäger, der noch eine Weile mit seinem Opfer spielte – und ein Opfer, das den Jäger in dem Glauben ließ, er sei der Überlegene. In einem Rhythmus von zweieinhalb Standardtagen kamen ihre Feuerbälle umeinander herum; und in einem Rhythmus von sechzig Standardstunden überschüttete rotes und blaues Licht den Torus, der in gemessenem Abstand von dem Doppel vor dem sternenlosen Raum hing.
Der Torus rotierte um seine unsichtbare Achse. Wo diese eine gedachte Ebene durchstieß, die parallel zu der seiner Ekliptik lag, in einigen Kilometern Distanz, befand sich der Parkraum des Kongresses. Er war an jenem Punkt eingerichtet, den man bei einem Planeten als Lagrange I bezeichnet haben würde. Zwar war der Torus nicht massiv genug, um die Gravitationswirkung einer Welt zu entfalten, dennoch stellte seine Anwesenheit einen stabilisierenden Faktor dar. Man hatte die Schiffe, die den Parkraum anflogen, angewiesen, die Rotationsbewegung des Torus nachzuvollziehen. Dadurch wurde die Zusammengehörigkeit des Systems herausgestrichen. Sie war für den außenstehenden Betrachter umso eindrucksvoller, als im Parkraum ständig Bewegung herrschte. Schiffe kamen und gingen, legten an und stießen sich ab, schwebten in die Quadranten ein, die das Tloxi-Kontinuum ihnen schweigend und unermüdlich zuwies, und entfernten sich wieder daraus.
Warpkorridore wölbten ihre heliumblau gewölbten Rüssel vor und spien Versorgungsschiffe oder Kreuzer aus. Zerstörer oder Cargodrohnen schlichen bei Kleiner Fahrt zu den Ausflugschneisen, zündeten die Warpkerne und verschwanden in weißblauen Lichtblitzen, deren Gegenstücke im gleichen Augenblick Tausende von Parsecs entfernt aufbrachen. Und zwischen den Schiffen sowie zwischen ihnen und dem Torus herrschte beständiger Flugverkehr von Shuttles, Drohnen und kleinen Scootern, mit denen Einzelpersonen oder Tloxi die Leere zwischen den gewaltigen Artefakten überwanden.
Unter allen diesen Schiffen stach eines ins Auge, das mit Abstand das mächtigste war. Sein lang gezogener schlanker Bau war von erhabenen Dimensionen und von unwiderleglicher Eleganz. Der Rhythmus seiner stählernen Segmente war harmonisch. Der silberne Glanz seiner Planken aus gehärtetem Titanstahl funkelte kostbar im wechselnden Licht der beiden Sonnen. Seine schieren Ausmaße waren eine Demonstration von Macht und Stärke. Es ruhte zwischen den anderen wie ein Flaggschiff im Zentrum der Flotte, die es führt, wie ein König unter den Fürsten, die ihren Eid bei seinem Leben geschworen haben, wie ein Feldherr, der inmitten seiner Generäle aus dem Zelt tritt und zur Schlacht ruft. Sein Name war MARQUIS DE LAPLACE, und es schwebte wie ein Szepter vor dem Raum, wie ein Insignium der Macht, geschaffen, über all die anderen Kreaturen dieser Welt zu herrschen …
»Das hättest du wohl gerne!«
Jennifer, die sich nach einem langen Tag ergebnisloser Verhandlungen in der Nasszelle erfrischt hatte, trat neben mich und würgte meine Allmachtsfantasien in der Gnadenlosigkeit ab, die ihr eigen war.
»Wir sind gleichberechtigte Völker einer neuen Union, in Frieden verbunden, um die Galaxis zur Blüte …«
Ich küsste ihr feuchtes Stoppelhaar und zog sie an mich.
»Erspar mir das Politikergeschwätz«, bat ich. »Nur weil ihr den ganzen Tag diese inhaltsleeren Phrasen dreschen müsst, heißt das nicht, dass das nach Feierabend ewig so weitergehen muss.«
Sie schmunzelte und rubbelte sich mit einer Ecke ihres Handtuchs aus selbsterwärmendem Elastil hinter den Ohren.
»Du solltest dich mal hören«, lachte sie. »Zu was willst du dich ausrufen lassen? Zum Kaiser?!«
Sie frottierte ihren Schädel, aus dem das nasse Kurzhaar ein junges Igelküken machte. Das warme Abendlicht der roten Sonne lag auf ihren Zügen. Auf den hohen Wangenknochen, der glatten Stirn, den Augenwinkeln, in denen sich die ersten zarten Falten bildeten. Der goldene Glanz, der etwas von einem Sonnenuntergang am Strand von Pensacola hatte, vertiefte noch die Schönheit ihres reifen, wissenden Gesichtes. Ich konnte nicht fassen, wie lange wir schon zusammen waren, was wir erlebt hatten und wie sehr ich sie immer noch liebte. Das Braun ihrer Augen glühte im satten Ton von frisch gebrochenem Bernstein. Und der schwarze Irisring verlieh ihrem Blick ein sinnlich lockendes Lodern. Obwohl sie die Mitte ihrer fünften Dekade überschritten hatte, war sie von der idealen und makellosen Schönheit einer Dreißigjährigen. Und wenn ihre durchtrainierte, von Prana-Bindu-Techniken gestählte Figur schon immer einen straffen, sportlichen Zug gehabt hatte, galt, seit sie ihr Haar geschnitten hatte, erst recht, dass alles an ihr eine asketische Kraft und Überlegenheit atmete.
»Es geht nicht um mich«, sagte ich, von der Präsenz ihrer Erscheinung geblendet. »Es geht um die Union. Sie hat den Krieg gewonnen. Unter enormen Opfern, wenn ich daran erinnern darf. Das Sonnensystem ist destabilisiert. Die Erde auf Generationen hin verwüstet. Abertausende kamen ums Leben. Und wir führen uns hier auf wie Bittsteller, wie tributpflichtige Vasallen, wie Sklavenvölker, die um die Gewährung einer Gnade einkommen!«
Sie strich mir schmunzelnd über die Wange.
»Wenn du dich aufregst, bist du richtig sexy.«
Ich atmete durch. Mit Frauen konnte man einfach nicht diskutieren!
»Habe ich nicht recht?!«, rief ich, halb über mich selber lachend. »Sag mir, dass ich recht habe!« Ich rang die Hände wie ein Freier, der seine Domina anfleht, ihm den Hintern zu versohlen.
»Natürlich hast du recht«, sagte sie. »Aber wir brauchen Zeit. Rogers hat das erkannt. Ein falsches Wort, und der ganze Laden fliegt uns um die Ohren.«
Das Licht wechselte abrupt die Farbe. Irgendwo in der Tiefe, hundert Millionen Kilometer von uns entfernt, schob der blaue Stern sich über seinen roten Bruder. Die Stimmung änderte sich. Jennifers Miene war auf einmal hart und steinern. Wie in Marmor gemeißelt sah sie mich an. Aus ihren Wangen schien das Blut gewichen. Ihr Gesicht war kalkweiß und unbeweglich. Und statt des goldenen Schimmers ihrer Augen drohten schwarze Abgründe. Die hageren und ausgezehrten Züge ihres Äußeren traten schmerzhaft hervor.
»Und wenn schon«, grummelte ich. »Was haben wir denn zu verlieren?«
Sie ging darauf nicht ein. Es war klar, dass eine solche Äußerung in ihren Ohren nicht mehr als ein Totschlagargument sein konnte.
»Ist dir etwas aufgefallen?«, fragte ich.
Sie hob nicht einmal die Augenbrauen.
»Alle Kulturen«, führte ich aus, »die sich zu uns bekennen oder uns in einer Art von wohlwollender Neutralität begegnen, sind technisch rückständig. Die meisten betreiben nicht einmal eigene Raumfahrt …«
Sie sah mit in sich gekehrten Blicken zur Scheibe aus polarisierendem Elastalglas hinaus. Dabei verzog sie keine Miene, sie schien nicht einmal zu blinzeln. Im harten blauen Eislicht dieser Stunde war sie wie ein Standbild, eine lebende Statue, eine griechische Göttin, deren Sympathie man mehr zu fürchten haben würde als ihren Zorn. Ihr Kuss war verheerender als ihr Fluch.
»Die Tloxi«, wandte sie ein, »sind die technisch am höchsten entwickelte Zivilisation, die wir kennen. Sie sind selbst uns überlegen. Und sie waren die Ersten, die der Union beigetreten sind.«
Manchmal wusste ich nicht, ob sie etwas nur aus reinem Widerspruchsgeist sagte oder weil sie es glaubte.
»Lass mich mit den Tloxi«, fuhr ich sie an. »Kein Mensch weiß, was sie wirklich sind und was sie wollen. Auf ihre Loyalität würde ich mich lieber nicht verlassen.«
Jennifer schwieg.
»Ich denke an die Amish, die nicht einmal ein Shuttle steuern können und die stolz darauf sind, mit der Spitzhacke in ihre Minen einzufahren. An die Prana-Bindu – du brauchst sie jetzt nicht zu verteidigen. Sie sind uns spirituell in dem gleichen Maße über wie die Tloxi technologisch. Aber wenn wir keinen Kurierdienst eingerichtet hätten, wären sie nicht hier. Der oder die G.R.O.M., was immer sie sein mögen, die kuLau. Falls es uns gelingt, sie auf unsere Seite zu ziehen. Die Zthronmic scheinen sie schon heftig zu umwerben!«
Mit einem Ruck wandte sie sich mir zu. Ihr Blick war so hart, dass ich erschrak. Jede Seele, jede Weiblichkeit war daraus verschwunden.
»Eben, du Schlaumeier«, sagte sie so leise, dass es drohend klang. »Merkst du eigentlich, was du da redest?«
Ich war verwirrt.
»Die Zthronmic …«, versuchte ich laut nachzudenken.
Jennifer wandte sich wieder ab. Ich folgte ihrem Blick. In der Tiefe trieben die Schiffe auf ihrem Parkraum. Auch sie schimmerten jetzt im metallischen und kalten Licht des blauen Sterns. Es sah aus, als hätten sie sich im Frost des Vakuums mit Reif und Eis bedeckt.
Die MARQUIS DE LAPLACE überragte das Feld, obwohl die anderen Schiffe zu dreien oder vieren voreinander lagen. Nur eines gab es, das ihr Konkurrenz machte. Das war die ZTHRONMA, das Pfalzschiff der Zthronmic, in dem sie verschwenderisch Hof hielten und, so gingen die Gerüchte, die anderen Delegationen zu wilden Orgien einluden. Es war ein brutal wirkender Zerstörer, ein weiterentwickeltes Schlachtschiff der sinesischen Feng-Klasse. Ein Gebirge aus Stahl, mit Zacken, Dornen und Rammschilden besetzt wie die Kampfanzüge der Zthronmic. Es war mehrere Kilometer lang, viel Milliarden Tonnen schwer. Das einzige Schiff, das die Liga der MARQUIS DE LAPLACE für sich beanspruchen konnte und das ihr in einer direkten Auseinandersetzung gefährlich werden würde.
Ich begriff, was Jennifer sagen wollte.
»Sie schicken sich an«, sagte ich langsam, »das Machtvakuum zu besetzen, das die Zerstörung Sinas aufgerissen hat.«
Der Hauch eines Lächeln ritzte ihre kühlen Wangen. Das Lächeln einer Pallas Athene.
»Aha «, spottete sie sanft. »Du fängst an, wie ein Politiker zu denken.«
Ich schob zweifelnd die Backen auseinander.
»Die einzige Kultur, die uns gefährlich werden kann, sind sie«, führte sie aus. »Sie sind die Einzigen, für die diese Ambition eine realistische Option darstellt. Sie sind militärisch stärker als alle anderen zusammen. Und sie sind von Haus aus ein kriegerisches, äußerst aggressives Volk.«
»Davon konnte ich mich überzeugen«, wagte ich einzuwerfen.
Jennifer nickte zustimmend. Aber darin war auch Ungeduld.
»Genau!« Sie grinste. Dann wurde sie wieder ernst. »Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie diese Leerstelle besetzen. Sie wären schlimmer als die Sineser selbst.«
Ich musste mich zusammenreißen, nicht laut loszuprusten.
»Jetzt tut ihr ihnen aber doch zu viel der Ehre an.«
»Sina hat immer auch als Stabilitätsfaktor gewirkt«, fuhr sie ungerührt fort, »in seiner Einflusssphäre jedenfalls. Es hatte enorme integrierende und organisierende Fähigkeiten. Gestützt auf das technische Ingenium der Tloxi, ihren Fleiß und ihre durchgebildete Struktur, haben sie ein Herrschaftssystem errichtet, das funktioniert hat.«
»Bis wir sie zur Hölle geschickt haben«, sagte ich.
»Sina hat seine Räume effizient verwaltet. Es hat Kulturen unterdrückt und Widerstände im Keim erstickt. Aber es hat ein prosperierendes Imperium geschaffen, das der halben Galaxis Ordnung und Frieden brachte.«
Ich schüttelte den Kopf. Was sollte diese Lobrede auf eine Militärmaschinerie, die ausgeschaltet zu haben wir uns glücklich schätzen konnten?
»Friedhofsruhe«, rief ich. »Die Ordnung eines Straflagers, die Stille eines Kerkers. Du tust so, als hätten wir einen Palast eingerissen, als wir sie vernichteten, dabei war das höchstens ein Mausoleum, ein Völkergefängnis …«
»Eben!«, rief sie jetzt ebenfalls. Meine Renitenz amüsierte sie mehr, als dass diese sie aus dem Konzept gebracht hätte. »Und die Trümmer davon fliegen uns jetzt um die Ohren! Die Zthronmic sind nicht in der Lage, etwas Vergleichbares an die Stelle dessen zu setzen, was die Sineser hinterlassen haben. Sie sind Krieger, Raubritter, Despoten. Kann sein, sie würden anfangen, ihre Nachbarvölker mit Krieg zu überziehen und sie zu unterwerfen. Doch das würde niemals in eine stabilisierende Struktur münden. Die Galaxis würde in einem Zeitalter von lokalen Konflikten, kleinen Kriegen und endlosen Streitereien versinken.«
Ich zuckte die Schultern.
»Dann sollten wir es nicht so weit kommen lassen.«
Noch immer wusste ich nicht, was die ganze Überlegung sollte.
»Machen wir ihnen eben den Garaus«, sagte ich. »Solange alle Macht bei uns liegt. Stattdessen hofieren wir sie und geben ihnen ein Forum, eine der kleineren und schwächeren Kulturen nach der anderen auf ihre Seite zu ziehen. Wir geben ihnen sogar recht, indem wir uns selbst als schwach und zögerlich präsentieren. Warum statuieren wir nicht ein Exempel?!«
Jetzt lag offener Schmerz auf Jennifers gestählter Miene.
»Das haben wir im Falle Sinas bereits getan«, erklärte sie. »Wenn du dich auf den Gängen umhörst, wirst du merken, dass wir in keinem guten Licht dastehen. Wir gelten als die Aggressoren. Unser Handeln gegenüber Sina wird als überzogen empfunden.«
»Wir haben uns nur zur Wehr gesetzt!«
»Gewiss. So sehen wir das. Aber es gibt andere Völker, mit anderen Traditionen, die es anders sehen. Wenn wir jetzt auch noch mit den Zthronmic anbandeln würden, hätten wir erst recht den Ruf des Unruhestifters weg. Wir würden ihnen alle kleinen Völker in die Arme treiben.«
»Löschen wir sie aus!«
»Das würde nicht gerade als Empfehlung wirken.«
So kamen wir nicht weiter. Ich sah ein, dass es nicht darum ging, mit ihr zu rechten. Sie gab nur wieder, was in diesen Tagen rund um die Eröffnung des Kongresses auf den Fluren und in den Kabinetten diskutiert wurde.
Im Stillen wunderte ich mich selbst darüber, dass ich mich als Falke gerierte. War ich so wild auf einen neuen Krieg? Das sicher nicht. Der letzte lag uns schwer genug in den Knochen. Ich hatte nicht vor, einen weiteren zu erleben. Wie eine ferne Ahnung an ein früheres Leben tauchte eine Erinnerung auf. Sie schimmerte in einem idyllischen Licht wie die Erinnerung an einen Urlaub auf einer südlichen Insel. Das war die Zeit der interstellaren Exploration gewesen. Wir hatten uns der zweckfreien Wissenschaft verschrieben und unser Leben der Erforschung des Kosmos geweiht. Wir hatten fremde Welten im Namen der Union in Besitz genommen und unsere Kenntnis unserer Heimatgalaxie Schritt für Schritt erweitert. Erkenntnis war unser einziges Interesse gewesen. Schon die wirtschaftliche Ausbeutung unbewohnter Welten war verpönt. Wir überließen sie den Prospektoren, die nach uns kamen. Hemdsärmelige Minentechniker und Exoingenieure. Wir hatten damit nichts zu schaffen. Wir schwelgten im reinen Äther. Aber das war lange her. Mit den ersten nichtmenschlichen Kulturen, auf die wir gestoßen waren, waren die ersten Konflikte gekommen. Nur wenige Jahre nach dem ersten extraterrestrischen Kontakt – einem Kilometerstein der Menschheitsgeschichte – hatte der erste interstellare Krieg datiert. Der Fluch der Weltgeschichte, von der man gesagt hatte, dass ihre Kapitel nach den Kriegen zählten und die Friedenszeiten leeren Seiten glichen, dieser Fluch, den wir abgeschüttelt zu haben glaubten, als wir die Union gründeten und in den Weltraum aufbrachen, dieser Fluch holte uns ein. Er wiederholte sich im neuen, größeren Maßstab. Zwei gewaltige Kriege hatten wir ausfechten müssen. Und nun?
Nun wurde abermals ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nach allem, was wir sahen, würde es kein friedlicheres sein. Auch diese Seiten des großen Buches würden nicht unbeschrieben bleiben. Und jeder Eintrag erfolgte mit Blut.
Erst langsam und widerstrebend begannen wir zu begreifen, was uns da in den Schoß gefallen war, als wir Sina vom Thron gestoßen hatten. Wir waren nun seine Erben. Ob wir es wollten oder nicht. Aber dieses Erbe war vergiftet. Es lud uns eine Bürde auf, für die wir Schultern von Stahl benötigt hätten. Gut möglich, dass wir darunter zerbrachen.