Читать книгу Typ 1 - Matthias Krügel - Страница 11
Оглавление3 Mittwoch
3.1 Teambesprechung
Am Morgen trifft sich das Polizeiteam im Besprechungsraum. Neben Julia Lensing sitzt Alexander Stenzel am Tisch mit Blick auf die langen schmalen Fenster. Gegenüber haben ihre Kollegen Raja Becker und Manfred Schneider Platz genommen. Alle schauen schweigend in ihre Unterlagen und Notizen, als Werner Strunz, Chef der Abteilung, den Raum betritt. Mit seinen Mitte 50 ist er ansatzweise korpulent sowie weißhaarig, hat dennoch eine sportliche Statur und immer ein seichtes, geradezu väterliches Lächeln um die Lippen. Er setzt sich auf den Drehstuhl am Kopfende und platziert vor sich eine Mappe mit seinen Unterlagen.
„Guten Morgen zusammen!“
Alle murmeln einen freundlichen Gruß zurück, jedoch nicht so entschlossen in der Stimmlage.
„Wie sieht es im Fall Kevin Schulte aus?“ Er blickt nach links. „Julia, fängst Du an?“
„Tut mir leid, ich habe nicht viel, was wir gebrauchen können. Mit Alex war ich gestern in der Wohnung. Da hat sich nichts Nützliches ergeben. Anschließend bin ich zu seinem Betrieb, einer Software-Firma, gefahren. Dort kennt man ihn als freundlichen und kompetenten Kollegen. Auffälligkeiten habe es nicht gegeben, alles sei friedlich gewesen. Einzig, dass er sich in den letzten Tagen kurzfristig ein paar Tage Urlaub genommen habe. Ziel unbekannt. So gut kenne man sich nicht, Sorgen habe sich keiner gemacht. Nun herrscht allgemeine Bestürzung. Motivlagen – inner- oder außerbetrieblich – sind für mich derzeit nicht erkennbar. Das war es.“
Kunz nickt, dann schaut er zu dem neben ihr sitzenden Alexander Stenzel. „Nach der Besichtigung der Wohnung habe ich mich bei den Nachbarn umgehört. Ähnliches Bild: Er sei ein netter Mann, höflich, kümmere sich um seine Aufgaben im Haus, Probleme habe es keine gegeben. Es sei hin und wieder laute Musik zu hören gewesen, aber kein Grund zur Beschwerde, das komme in einem Mehrfamilienhaus vor. So äußerte sich unter anderem eine Mutter von zwei Kleinkindern aus dem Erdgeschoss, über deren Lärm er sich seinerseits auch nie beschwert habe. In den letzten Tagen sei er nicht zu Hause gewesen. Wo er war, weiß keiner. Alles Weitere war unterhaltsam, wie der Nachbar, der sich mit mir über den Durchgangsverkehr auf der Straße unterhalten wollte, aber wertlos.“
Weiter geht es mit Manfred Schneider, der Alexander Stenzel gegenüber sitzt. Der rückt seine Brille zurecht und wirkt wie immer leicht verkrampft. Er selbst nennt es konzentriert, wenn man ihn auf seine unentspannte Körperhaltung anspricht. Julia hat den Eindruck, seine Schultern ziehen sich noch höher, bis auf Höhe seiner Ohren, und lassen seinen Hals verschwinden. Als einziger in der Runde hat er ein Tablet vor sich liegen.
„Die Liste der angenommenen Anrufe, die auf dem Smartphone gelöscht waren, habe ich beim Netzbetreiber abgefragt. Aus den letzten fünf Tagen gibt es keinen Telefonverkehr zu verzeichnen. In der Zeit davor waren es überwiegend Kollegen aus seinem Betrieb sowie ein Online-Shop. Verwandte oder Freunde waren nicht dabei, diesbezüglich erläutert gleich Raja mehr. Die kriminaltechnische Untersuchung hat mir Zugang zu seinem Computer verschafft. Viele Daten und Dateien. Bei seinem Beruf und Hobby nicht überraschend. Übrigens alles schön aufgeräumt. Ergebnis: Verbotenes oder Fragwürdiges habe ich nicht entdeckt. Dies schließt nicht aus, dass es etwas gibt. Mit seinen Kenntnissen wusste er bestimmt, wie man etwas ablegt, was nicht gefunden werden soll. Aber dafür gibt es derzeit keine konkreten Anhaltspunkte.“
Nun ist Raja Becker, mit der Julia das Büro teilt, an der Reihe, die neben Manfred Schneider sitzt. Mit Ende 20 ist sie die Jüngste im Team. Sie hat die Angewohnheit, immer mit schickem, heute dunkelblauem Hosenanzug, eleganter, heute weißer Seidenbluse sowie Pumps zum Dienst zu erscheinen. Auf ihre Schultern fällt ihr dunkelbraunes, lockiges Haar. Alles wirkt authentisch und trotz des förmlichen Outfits wesentlich entspannter als bei Manfred Schneider.
„Kevin Schulte scheint keine Familie zu haben. Eine Frau oder Kinder hat er nicht. Eltern sind verstorben, sie Deutsche, er Brite, die nicht verheiratet waren. Geschwister sind ebenfalls nicht vorhanden. Wie es mit Onkeln und Tanten aussieht, weiß ich noch nicht. Es ergeben sich keine Hinweise auf Kontakte, wie Manfred bereits beschrieben hat.“
Werner Kunz lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Ich fasse zusammen: Entscheidendes liegt uns leider nicht vor. Die bisherigen Untersuchungen haben keine Besonderheiten ergeben. Im Grunde haben wir keine Ahnung, was sich in der Wohnung von Kevin Schulte gestern abgespielt hat. Dieser ist polizeilich bisher nicht in Erscheinung getreten. Soweit ich das sehe, nicht einmal mit einer Geschwindigkeitsüberschreitung. Laut aktuellem Ergebnis der pathologischen Untersuchung ist von einer Vergiftung mittels oraler Einnahme auszugehen, also einer Kapsel oder Ähnlichem. Weitere Verletzungsspuren sind – wie nach dem ersten äußeren Anschein nach – nicht gefunden worden. Es ist anzunehmen, dass nicht mehr und nicht weniger als die Vergiftung die Todesursache ist. Eure Vorschläge zum Ablauf des Geschehens?“
Alexander Stenzel meldet sich zu Wort. „Bezüglich der Todesursache gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man hat ihn gezwungen, die Kapsel zu nehmen. Das macht wenig Sinn, denn das wäre eine umständliche Methode, jemanden umzubringen. Und ein Selbstmord lässt sich auf die vorgefundene Weise nicht vortäuschen. Es könnte aber ein echter Selbstmord gewesen sein. Die andere Möglichkeit ist nämlich, dass er die Kapsel bereits im Mund hatte. Das hieße, er müsste konkret erwartet und in Erwägung gezogen haben, dass er überfallen wird. Und dass er sich nur durch einen Selbstmord zum Beispiel einer möglichen Folter entziehen kann. Dies wiederum setzt voraus, dass er Informationen hatte, die er nicht preisgeben wollte und die für andere immens wichtig zu sein scheinen. Er hatte es nicht in Erwägung gezogen, die Polizei hinzuzuziehen. Also könnten es Informationen sein, von denen wir nichts wissen sollen.“
Strunz beugt sich vor. „Unser Kevin Schulte hatte Urlaub. Keiner weiß, was er in dieser Zeit unternommen hat. Anscheinend war er unterwegs. Nun ist etwas Sonderbares passiert. Über unsere zentrale Poststelle ist gestern Abend um exakt 20:00 Uhr eine E-Mail hereingekommen, die von ihm abgesendet wurde. Ihr habt richtig gehört: gestern Abend. Ich habe sie kurz überflogen. Lest Euch das bitte durch.“
Strunz verteilt an alle seine vier Kolleginnen und Kollegen jeweils einen Ausdruck der E-Mail.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie erhalten diese automatisch versendete E-Mail, weil ich seit mindestens 12 Stunden nicht mehr im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte oder auf andere Weise nicht mehr handlungsfähig bin. Vielleicht ist es ein Unfall. Vielleicht etwas Anderes. Zuvor habe ich einen wertvollen Schatz versteckt. Da ich ihn nicht mehr schützen kann, wende ich mich an Sie.
Ich kann ihn zum jetzigen Zeitpunkt nicht genauer benennen. Falls ich in nächster Zeit meine Handlungsfähigkeit zurückerlange, möchte ich Sie davon abhalten, an meinen Schatz zu kommen. Der Erklärungsbedarf für diese E-Mail wird dann ein anderes Problem sein.
Schritt für Schritt bringe ich Sie dem Schatz näher – und der Lösung für meinen derzeitigen Zustand.
Der erste Schritt geht in die Alpen, nach Oberstdorf. Meine nächste, automatisch generierte E-Mail sende ich vom jetzigen Zeitpunkt an gerechnet nach 36 Stunden, also morgens um 8 Uhr.
Es macht Sinn, wenn Sie jemanden dorthin schicken, der in der Lage ist, sich in den Bergen zu bewegen, möglichst über mehr als einen Tag. Haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen mit dieser Mail nicht mehr mitteile. Im Hinblick darauf, was Sie ansonsten von mir wissen, schätzen Sie die Notwendigkeit sicherlich richtig ein. Ich hoffe, dass ich im Laufe der Zeit Ihr Vertrauen gewinnen kann. Eine direkte Information aller Details erscheint mir zu riskant.
Kevin Schulte
Strunz schaut in die Runde und wartet, bis er den Eindruck hat, dass alle den Text gelesen haben. „Was meint Ihr?“
Manfred Schneider meldet sich mit seiner sonoren Stimme als erstes zu Wort. „Mag sein, dass es sich für manche spannend anhört. Für mich ist das ein Spinner, von dem man sich nicht an der Nase herumführen lassen sollte. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen seiner E-Mail und seinem Tod ist für mich nicht erkennbar.“
Gegenüber beugt sich Alexander Stenzel vor. „Das sehe ich anders. Er schreibt: Zuvor habe ich einen wertvollen Schatz versteckt. Also, bevor ihm etwas zustößt, versteckt er lieber diesen Schatz, damit ihn andere nicht finden. Das wäre die Information, die er nicht preisgeben wollte, die für andere jedoch immens wichtig zu sein scheint. Und es scheint jemand anderes zu geben, der diesen ominösen Schatz bei ihm gesucht hat. Und das sehr eindringlich.“
Manfred Schneider gibt sich damit nicht zufrieden. „Kevin Schulte schreibt der Polizei eine E-Mail und gibt Anweisungen, ohne Details zu verraten. Ich kann den nicht ernst nehmen.“
Neben ihm schaltet sich Raja Becker ein. „Er ist tot. Und das nicht durch einen Verkehrsunfall oder Herzinfarkt. Was ist da nicht ernst zu nehmen?“
„Der will einen von uns zu einer Tour durch die Berge schicken. Wie stellst Du Dir das vor?“
Raja Becker blickt wortlos zu Julia, die sich bisher zurückgehalten hat, aber sich nun aufgefordert sieht, ihre Ansicht zu äußern.
„Ich glaube, er hat sich alles durchdacht. Wobei ich nicht weiß, wie weit er seinen eigenen Tod erwartet hat. Suizidäre Anhaltspunkte haben sich nicht ergeben. Aber seine Nachricht hat genaue Zeit- und Ortsangaben. Und dann sein Urlaub, von dem keiner weiß, wo er war. Wir wissen es jetzt: Er war selbst irgendwo in den Bergen und hat sich um seinen Schatz sowie die Spur dorthin gekümmert. Ein ziemlicher Aufwand, wenn es um nichts gehen sollte. Ich nehme das ernst.“
Raja Becker hakt nach. „Und wie steht es um den Aufwand, seinen Anweisungen zu folgen?“
Julia schaut in die E-Mail. „Er schreibt: Sich in den Bergen zu bewegen, möglichst über mehr als einen Tag. Das hört sich nach einer Hüttentour an. Manfred, kannst Du kurz recherchieren, ob es im Umfeld von Oberstdorf Schutzhütten gibt?“
„Moment... nach Angaben im Internet befinden sich im Umfeld von Oberstdorf elf solcher Schutzhütten mit Übernachtungsmöglichkeit.“
„Gut. Er hatte nur ein paar Tage Urlaub. Folglich dürfte die Tour nicht länger ausfallen. Sofern die nötigen Informationen zügig geliefert werden. Wir haben vorliegend bereits eine Zeitspanne von 36 Stunden.“
Strunz beugt sich vor. „Ok. Wann kannst Du starten?“
Vier Augenpaare richten sich auf Julia, die nur den Blick von Strunz erwidert. Ihre Wanderleidenschaft ist den anderen bekannt, auch wenn sie das nicht offensiv kommuniziert. Aber aus üblichen Gesprächen, wie wo der Urlaub war, ist es kein Geheimnis, dass sie sich immer wieder gerne für einige Tage in den Bergen von Hütte zu Hütte bewegt.
„Ich müsste nur packen, bräuchte nichts beschaffen. Das könnte schnell gehen.“
„Siehst Du Dich in der Lage, die Zeit einzuhalten? Die 36 Stunden laufen morgen früh um 8 Uhr ab. Vor Ort in den Bergen, nicht hier. Wahrscheinlich geht es dann zügig weiter.“
Nach der schmalen schwarzen Smartwatch an Julias Handgelenk ist es kurz vor Neun. „Oberstdorf liegt auf dieser Seite der Alpen, das müsste bis heute Abend zu schaffen sein, wenn nichts dazwischen kommt.“
Schneider gibt Daten in seinem Tablet ein. „Von hier nach Oberstdorf sind es 6 Stunden, 47 Minuten, ohne Verkehrsbeeinträchtigung oder Pause.“
Strunz nickt. „Gut. Julia, Du machst Dich auf den Weg. Alex, Du nimmst mit der örtlichen Polizei Kontakt auf und sprichst Julias Besuch ab, mit der Bitte um Unterstützung, soweit möglich. Manfred, wie sind die Zuständigkeiten bezüglich Oberstdorf?“
„Landkreis Oberallgäu, Verwaltungssitz ist Sonthofen. Die sind hinsichtlich der Polizeistrukturen dort anders organisiert als wir in Nordrhein-Westfalen, also keine Kreispolizeibehörde. Es gibt in Oberstdorf und Sonthofen lediglich sogenannte Polizeiinspektionen. In Kempten befindet sich das Polizeipräsidium Schwaben Süd-West des Landes Bayern, an welches wir uns wenden müssen.“
„Gibt es sonst noch etwas zu klären?“
Alle schütteln den Kopf, auch Julia. So schnell kommt sie zu einer Hüttentour, verbunden mit einem besonderen Geocaching. Wenn es weiter nichts ist. Zumindest denkt sie sich das im Moment nach den ihr vorliegenden Informationen.
3.2 Julias Reisevorbereitung und Start
Julia kommt kurz vor Mittag an ihrem Haus in einem angrenzenden Ortsteil von Borken an. Sie hat ihre Dienstwaffe und Handschellen dabei. In der Polizeistation hat sie sich von Manfred Schneider zudem mit einem Tablet mit eigener SIM-Karte ausstatten lassen. Viel zu besprechen gab es nicht mehr. Unterwegs hat sie sich bei einem Discounter ein paar Müsli-Riegel und Kekse als Reiseproviant besorgt.
Sie bewohnt ein freistehendes Einfamilienhaus mit angebauter Garage. Ihr Polizeigehalt allein hätte dafür nicht gereicht, aber die Lebensversicherung ihres verstorbenen Lebensgefährten hat es ihr möglich gemacht, ihren Traum von einem Eigenheim zu verwirklichen. Bereits vom Elternhaus aus ist sie es gewohnt, in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Sich im und um das Haus herum mit anderen abstimmen zu müssen, missfällt ihr. Gerne hätte sie den Hausbau mit ihrem Lebensgefährten realisiert, aber das Schicksal hatte andere Pläne.
Über eine Fernbedienung öffnet sie das Garagentor und stellt den Wagen ein. Sie erreicht das Haus über eine Zwischentür zum Hauswirtschaftsraum, um von dort in den kleinen Flur mit einer offenen Treppe in das Obergeschoss zu gelangen. Sie betritt kurz das Wohnzimmer, das nach Süden und Westen mit großen Fenstertüren versehen ist. Es ist niemand da. Kein Mensch, kein Tier, von vereinzelten kleinen Wollmäusen abgesehen. Ansonsten ein paar Pflanzen, im Haus und natürlich im Garten. Sie blickt kurz auf ihr Telefon. Dieses zeigt keine entgangenen Anrufe an. Sie geht zurück in den Flur, über die Treppe nach oben. Dort befinden sich zu den Giebelseiten jeweils zwei Zimmer. Auf der einen Seite Badezimmer und Schlafzimmer, auf der anderen Seite ein Büro und ein leerstehender Raum. Die Treppe führt weiter in den Spitzboden; dort ist neben dem Heizungsraum ein weiteres Zimmer, ihr sogenannter „Snoozle-Raum“, ausgestattet mit Matratzen, Kissen, einer Musikanlage und einem großen Lichternetz. Zur Entspannung, nur für sie allein.
Sie begibt sich in ihr Schlafzimmer und entschließt sich, einen Trolley mit normaler Kleidung und den Rucksack mit kompletter Hüttentour-Ausstattung zu packen. Mit dem Trolley ist sie schnell fertig, mit dem Rucksack dauert es länger, da es vieler Kleinigkeiten bedarf, die in der Bergwelt fern von jeglichen Geschäften nicht fehlen dürfen. Zum Schluss ein kurzer Kontrollblick durch die Wohnung, ein kurzes Verharren, ob sie vergessen hat, etwas auszuschalten oder einzupacken, aber ihr fällt nichts mehr ein. Sofern nicht jemand einbricht, ein schweres Unwetter alles verwüstet oder ein Erdbeben das Haus zum Einsturz bringen lässt, wird sie es genauso vorfinden, wie sie es gleich verlassen haben wird. Wann immer das sein wird.
Julia macht sich auf den Weg zum Auto, Trolley und Rucksack sind schnell verstaut. Sie gibt das Ziel im Navigationsgerät ein: Oberstdorf. Geschätzte Fahrzeit: Sieben Stunden; geschätzte Ankunftszeit: 19 Uhr. Das wird sie nicht halten können, da sie im Berufsverkehr landen und Pausen machen wird. Zu spät soll es auch nicht werden.
Ein wenig realisiert sie, was da gerade abläuft: Da macht sie mal eben einen Kurztrip in die Berge, gesponsert vom Staat, die Zeit dienstlich. Hoffentlich hat sich dieser Kevin Schulte vor seinem Tod eine schöne Tour ausgedacht. Und wenn alles aufgeklärt ist, kann sie vielleicht ein paar Tage für eine eigene private Wanderung dranhängen. In den Alpen hat sie so manche Touren unternommen, aber noch keine im Allgäu. Sie startet den Wagen. Nach einer viertel Stunde ist sie auf der A 31, der ersten von mehreren Autobahnen, und gleitet auf der linken Fahrspur zügig gen Süden dahin.
3.3 Julia bei Düsseldorf: Landeskriminalämter
In Höhe von Düsseldorf erreicht sie ein Anruf von Alexander Stenzel, den sie mit der Freisprecheinrichtung annimmt.
„Hi, Alex.“
„Hi, Julia. Mit dem Polizeipräsidium in Kempten habe ich alles klären können. Man hält dort nicht viel von einer Schatzsuche. Da wahrscheinlich ein Mordfall dahinter steckt, konnte ich sie überzeugen. Aufgrund des zu erwartenden Ausfluges in die Berge wird Dir eine Mitarbeiterin der alpinen Einsatzgruppe Allgäu zugeteilt.“
„Alpine Einsatzgruppe? Gehört die zur Polizei?“
„Ja. In Bayern eine Form der Spezialeinheit, neben Spezialeinsatzkommandos oder mobilen Einsatzkommandos. Die Beamten werden je nach Lage als Gruppe oder wie in Deinem Fall einzeln eingesetzt. Das Einsatzgebiet liegt im alpinen oder sonst schwer zugänglichen Gelände.“
Julia hakt nach. „Du sagtest, mir ist dort jemand zugeteilt?“
„Eine Frau Rosalia Mancini wird Dich in Empfang nehmen. Sie arbeitet üblicherweise in der Polizeidienststelle in Sonthofen. Die Kontaktdaten sende ich Dir auf Dein Smartphone. Melde Dich bei ihr, wenn Du eine halbe Stunde vor Sonthofen bist. Ihr trefft Euch dort und nicht erst weiter südlich in Oberstdorf. Sie kümmern sich zwischenzeitlich für Dich um eine Unterkunft.“
„Vielen Dank, Alex. Sonst irgendetwas Neues?“
„Nein, nichts. Es ist völlig schleierhaft, was sich in der Wohnung von Kevin Schulte aus welchen Gründen abgespielt hat. Wir sind auf Deine Erkenntnisse in den Bergen angewiesen. Hoffentlich helfen sie entscheidend weiter. Viel Glück und weiter gute Reise!“
Julia legt auf und rauscht weiter Richtung Süden, auf die Alpen zu. Im Audiosystem wechselt sie wieder auf den Sender 1Live. Der laufende Syntpop ist nicht mit einem durchgehenden Bass, sondern von Ansätzen einer Samba unterlegt. Das Lied gefällt ihr und führt zu einer Lautstärke knapp unter der Schmerzgrenze.
Ein paar Kilometer westlich von ihr, im Süden von Düsseldorf, sitzt Adrian Dekker in seinem Büro im Hauptgebäude des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen an seinem Computer. Obwohl heute Innendienst ansteht, trägt er wie immer einen Anzug mit Weste, heute in grau, mit einem weißen Hemd, ohne Krawatte. Zu seinem Style gehört außerdem ein permanenter Dreitagebart und eine Frisur, die gezielt so aussieht, als sei er gerade erst aus dem Bett aufgestanden. Er ist vertieft in Recherchen, als ein Gespräch zu ihm durchgestellt wird.
„Adrian Dekker, LKA NRW; was kann ich für Sie tun?“
„Susanne Bordon vom LKA Hessen. Guten Tag, Herr Dekker.“
„Guten Tag, Frau Bordon. Wie ist das Wetter in Wiesbaden?“
„Danke. Angenehm. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“
„Für eine Kollegin aus einem benachbarten Bundesland jederzeit.“
„Vielen Dank. Ich wende mich an Sie mit einem Amtshilfeersuchen. Uns liegen Informationen auf eine konkrete Gefahrenlage vor. Eine Person mit Kontakten zu islamistischen Fundamentalisten scheint einen Anschlag auf die in Deutschland lebende Bevölkerung zu planen, vielleicht sogar schon in die Wege geleitet zu haben. Die Person ist flüchtig.“
Dekker streicht sich mit der Hand über sein Gesicht. Da war fast alles drin, was in eine wirkungsvolle Rede zum Islamismus gehört. Fehlt nur noch die nationale Sicherheit.
„Herr Dekker, ich brauche Ihnen nicht extra zu sagen, dass es um die Frage der nationalen Sicherheit geht. Die Person hat fundamentalistische Grundzüge, die man ihr nicht ansieht.“
„Wer ist der potentielle Attentäter?“
Seine Gesprächspartnerin macht eine bedeutungsvolle Pause, bevor sie antwortet. „Das kann ich ihnen aus ermittlungstechnischen Gründen nicht sagen.“
Adrian Dekker seufzt kurz. Da ist sie wieder, die nicht vorhandene Zusammenarbeit zwischen den Landeskriminalämtern. Offiziell werden vor allem nach ermittlungstechnischen Pannen neue Vereinbarungen für eine bessere Kooperation und einen reibungslosen Datenaustausch getroffen. Tatsächlich leben Konkurrenz und Eitelkeiten weiter.
„Frau Bordon, ich bin kein Pressevertreter, sondern vom LKA Düsseldorf. Sie haben mich angerufen. Und jetzt haben Sie Probleme, mir den Namen eines Ihnen bekannten Attentäters zu nennen?“
„Die Person hat bisher ausschließlich in Hessen gelebt, gewohnt, gearbeitet. Aktivitäten auf dem Gebiet des Landes Nordrhein-Westfalen sind nicht zu erwarten.“
„Soll ich mal eben recherchieren, wie lang die gemeinsame Grenze zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen ist? Abgesehen davon, dass mir Grenzkontrollen zwischen Bundesländern neu wären.“
„Herr Dekker…“
„Ok, ist schon gut. Was wollen Sie?“
„Danke. In Ihrem Zuständigkeitsgebiet hat es gestern einen Todesfall gegeben. Ein Kevin Schulte ist umgekommen. Ermittlungstechnisch tätig dürfte die örtliche Polizei in Borken sein.“
„Kleinen Moment.“ Adrian Dekker loggt sich in dem entsprechenden Portal ein und ruft den Fall auf. Eine Weile recherchiert er im System, welche Informationen hinterlegt sind, findet die von der Polizei Borken angelegten Dateien. Dazu gehören die Berichte zum Fund des Toten, verschiedene Ermittlungsversuche, die bisher ins Leere führten, sowie die E-Mail von einem Kevin Schulte vom heutigen Morgen und das Kurzprotokoll der Dienstbesprechung, erstellt von Raja Becker. „Ja, Kevin Schulte, verstorben gestern. Woher wissen Sie das?“
Er hört, wie auf der anderen Seite die Luft scharf eingezogen und dann seine Frage übergangen wird.
„Welche Ermittlungsergebnisse gibt es, Herr Dekker?“
„So gut wie keine. Todesursache Zyankali, Motiv und Ablauf sind nicht schlüssig nachvollziehbar. Es ist nach seinem Tod eine Nachricht von ihm eingegangen. Aktuell ist eine Kollegin auf dem Weg in die Alpen, um dort der Spur nachzugehen.“
„Lassen Sie mir die Nachricht bitte zukommen.“
Adrian Dekker ergreift die Gelegenheit für eine kleine Revanche. „Das ist aus ermittlungstaktischen Gründen leider nicht möglich.“
„Dann sagen Sie mir wenigstens, wo Ihre Kollegin hinfährt.“
„Ich kann hier nur erkennen, dass sie Kontakt zur Polizei in Sonthofen aufnehmen wird.“
Stille am anderen Ende.
„Hallo, sind sie noch da?“
„Ja, ja, Entschuldigung. Geben Sie mir bitte die Kontaktdaten der Kollegin.“
„Frau Bordon, Bezug nehmend auf die offiziellen Dienstwege bin ich Ihr Kontakt.“
„Dann bedanke ich mich für Ihre Bemühungen.“
„Gern geschehen. Vielleicht begegnet man sich.“
„Wie meinen Sie das?“
„Na, in einer Hotelbar eines netten Hotels in den Alpen.“
„Auf Wiederhören, Herr Dekker.“
„Auf Wiederhören, Frau Bordon.“
Adrian Dekker speichert den Mitschnitt des Gespräches im Dateisystem ab und legt hierzu einen Ordner „Kevin Schulte“ an. Dann geht er drei Zimmer weiter zu seinem Vorgesetzten, Torsten Helmer, einem hageren Typ im Anzug, der die Datei aufruft und sich die Aufnahme anhört. Während des gesamten Abspielens sagt keiner von beiden ein Wort. Danach wendet sich Helmer an seinen Mitarbeiter.
„Ich denke, Ihr Instinkt war richtig. Da spielt sich irgendetwas ab in den Alpen, was unsere Kollegin aus Borken in seinem Ausmaß anscheinend noch nicht erahnt. Aber wie Sie sicher bereits erwarten, fahren Sie da hin.“
„Das ist in Bayern. Die haben eine eigene Polizei und ein eigenes Landeskriminalamt.“
„Ja. Aber da ist ein Fall von uns aus Nordrhein-Westfalen involviert.“
„Sie fährt in die Berge. Ich will nicht auf die Berge. Da ist alles zu steil und viel zu voll mit diesen Kühen.“
„Wer sagt, dass Sie da hoch sollen?“
„Die E-Mail von dem Kevin Schulte, die auf dem Mail-Server der Wache in Borken abgelegt ist. Offenbar geht es auf eine mehrtägige Bergtour.“
„Beobachten Sie das halt von unten. Viel kann da oben nicht laufen. Und runter müssen alle irgendwann wieder.“
„Na schön. Ich mache mich morgen auf den Weg.“
Adrian Dekker will das Büro verlassen, da hält ihn Manfred Helmer auf.
„Eine Frage noch. Was hat dieser ominöse vereitelte Attentatsversuch mit unserem Fall zu tun?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“
„Ok. Dann finden Sie es heraus. Und genießen Sie die gesunde Bergluft.“
3.4 Julia bei Darmstadt: DaDia
Zunächst sind es ein paar Tropfen auf der Windschutzscheibe, so dass die Scheibenwischer gelegentlich ihre Arbeit verrichten müssen. Dann wird der Regen stärker, die automatischen Wischintervalle werden immer kürzer, bis sie in den Dauerbetrieb wechseln.
Julia nähert sich dem Darmstädter Kreuz, bei dem sie sich für die nächsten 70 Kilometer entscheiden darf, ob sie den Autobahnen A 67/A 6 oder der Autobahn A 5 nach Süden folgt, bis diese am Walldorfer Kreuz wieder zusammen treffen. Sie überlässt die Entscheidung ihrem Navigationsgerät, welches eventuelle Staulagen berücksichtigt, und wechselt auf die östlich gelegene A 5. Kurz darauf erscheint Blaulicht in ihrem Rückspiegel und ein Polizeiwagen zieht an ihr vorbei. Bleibt zu hoffen, dass es kein Unfall ist und die Autobahnwahl nicht falsch war.
Ein paar Kilometer östlich von ihr, in einem Gewerbegebiet von Darmstadt, steht Dr. Martin Gertz an der von außen voll verspiegelten Fensterfassade seines Büros im ersten Geschoss seines Betriebes. Der Himmel ist durch die von Westen aufziehenden Wolken stark verdunkelt. Die ersten Regentropfen perlen an den Scheiben herab und verschleiern seine Aussicht auf das Rheintal. Die nahe gelegene A 5 lässt sich durch die blühende Vegetation lediglich erahnen. Sichtbar ist das blinkende Blaulicht, welches sich von rechts nach links bewegt. Durch die schlitzartigen Augen seines massigen Kopfes folgt er dem Licht. Dort, wo sich noch Haar befindet, ist es kurz geschoren, aber nicht komplett rasiert. Sein beleibter, 56 Jahre alter Körper ist mit einem maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug bekleidet. Die grau-blau gestreifte Krawatte mit passendem dunkelblauem Grundton sitzt perfekt über dem weißen Hemd. Die schwarzen Schuhe sind blank poliert.
Auf dem Schreibtisch hinter ihm, einer ein Meter mal zwei Meter großen massiven Glasplatte, abgestützt auf vier Stahlsäulen, befindet sich neben einem schwarzen Computerbildschirm mit Tastatur und Maus, einem schwarzen Telefon sowie einer schwarzen Schreibunterlage der Controllingbericht seiner Firma über das erste Halbjahr. Er enthält Zahlen und Grafiken über Umsätze und Gewinne, wie sie jeder Inhaber oder Teilhaber liebt. Auf dem Deckblatt steht der Firmenname „DaDia – Darmstadt Diabetes“, als Foto ist das derzeitige Flaggschiff seines Unternehmens, das Insulinpumpensystem „DaDia 1.0“ abgebildet. Mit dieser, seiner Neuentwicklung ist er fast aus dem Stand an der Konkurrenz vorbei gezogen, die Marktanteile erhöhen sich gefühlt täglich. Lange Jahre seines Berufslebens musste er sich im Mittelmaß bewegen, doch nun ist ihm der Sprung an die Spitze dieser Medizintechnologie gelungen.
Leise, aber für ihn hörbar, öffnet und schließt sich seine anthrazitfarbene schwere Bürotür. Ohne sich umzudrehen, weiß er, dass es sich um seinen Vertrauten, Markus Anderson, handelt. Seit vielen Jahren ist er seine rechte Hand, nicht als leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter, sondern als Leiter der Sicherheitsabteilung. In dieser Funktion vermeidet er es, sich unnötig in der Firma sehen zu lassen, um bedarfsweise nicht erkannt zu werden. Sein heutiges Erscheinen ist eine der wenigen Ausnahmen.
Sein Äußeres passt ideal in den Raum: Er ist mit Anzug, Hemd und Krawatte komplett schwarz gekleidet. Im Unterschied zu seinem Chef ist er wesentlich schlanker, durchtrainierter, erst 43 Jahre alt, mit nur etwas hoher Stirn und sich daran anschließendem vollen dunkelroten Haar.
Gemeinsam schauen sie nebeneinander in den stärker werdenden Regen, bis Martin Gertz als Erster spricht.
„Die Firma steht vor ihrer größten Krise seit der Gründung. Gerade jetzt, zur Zeit des größten Erfolges. Und alles wegen dieser Franziska Vaillant. Wir hätten es anders lösen müssen, als sie in meine Firma zu holen.“
Es entsteht eine Pause, bis sich Markus Anderson äußert.
„Sie bleibt verschwunden. Sie könnte sich hier um die Ecke befinden, wir würden es nicht bemerken. Ihre Chefin und alte Freundin Beryl Summers macht in ihrem Institut weiter, als wäre nichts passiert. Aber wir wissen, dass sie vor ein paar Tagen, nach dem Verschwinden, Kontakt hatten. Die Auswertung der Anrufe vom und zum Smartphone von der Vaillant durch das LKA Wiesbaden hat eindeutig ergeben, dass die beiden telefoniert haben. Nun wird das Smartphone von der Summers überwacht, aber da passiert nichts mehr.“
Dr. Martin Gertz murmelt verächtlich vor sich hin. „Vielleicht hat die aus England stammende Familie der Summers mitgeholfen und die Vaillant ist über den Kanal.“
„Möglich. Aber dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Sie könnte überall sein, hier in Darmstadt, in Deutschland, in Europa, in einem anderen Erdteil.“
„Was ist mit anderen Unterstützern? Gibt es irgendwelche gleichgesinnte Fanatiker?“
„Ebenfalls keine Informationen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Andere ihr behilflich sind. Oder sie ebenfalls suchen.“ Markus Anderson atmet tief durch, bevor er seine aktuellsten Neuigkeiten übermittelt. „Der andere Telefonkontakt der Vaillant ist eine kalte Spur, aber der einzige Anhaltspunkt. Das LKA Wiesbaden hat nachgehakt: Es gibt Aktivitäten der Polizei aus Nordrhein-Westfalen in Richtung Allgäuer Alpen.“
Zum ersten Mal sieht Dr. Martin Gertz zu seinem Mitarbeiter, verzieht sein Gesicht. „Allgäuer Alpen? Was hat das alles mit den Bergen zu tun?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es nur ein Ort auf der Landkarte. Vielleicht auch ein geeigneter Ort, um etwas zu verstecken.“
„Hätte man da nicht ein Schließfach am Bahnhof nehmen können?“
Anderson zuckt als Antwort kurz mit den Schultern. Gertz schaut durch die verregnete Scheibe wieder nach draußen, bevor er leise weiterspricht.
„Wir können uns nicht alleine auf das LKA verlassen. Und nicht warten, bis wir von der Vaillant hören. Folgen Sie der Spur in die Alpen. Veranlassen Sie alles, was erforderlich ist, damit der Spuk ein Ende nimmt.“
Das ist der Moment, an dem Markus Anderson erstmals zu seinem Chef schaut. Er hat verstanden. Es geht auch um seine eigene Existenz. Er hat keinen Grund, sich zu beschweren, dass seine Leistungen bisher zu gering entlohnt worden sind. Er hat berechtigte Zweifel, dass er woanders dasselbe Gehalt bekommen würde. Schweigend dreht er sich um und verlässt das Büro. Es gibt nichts weiter zu besprechen.
3.5 Julia bei Heidelberg: Ein Diabetiker
Eine dreiviertel Stunde später passiert Julia die Stadt Heidelberg. Nach dem kurzen kräftigen Schauer bei Darmstadt verrichten die Scheibenwischer bei Nieselregen und aufspritzendem Wasser der vorausfahrenden Fahrzeuge in Intervallschaltung ihren Dienst. Der Polizeieinsatz auf der Autobahn war zu ihrem Glück nicht mit einem Verkehrsunfall verbunden. Weiterhin kommt sie gut voran. Von Heidelberg weiß sie, dass es ein schönes Schloss haben soll. Sie war noch nie da. Und Schlösser interessieren sie auch nicht.
Ein paar Kilometer östlich von ihr interessiert Roland Zimmermann das Schloss von Heidelberg ebenfalls nicht, obwohl er nur ein paar weitere Kilometer davon entfernt wohnt. Sein Wohnsitz hat er nicht wegen kultureller Sehenswürdigkeiten ausgewählt, sondern wegen seines Berufes als Logistikexperte.
Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau hierher gezogen. Gemeinsam bewohnen sie ein kleines Reihenhaus mit genügend Platz für eine kleine Familie. Zwei Zimmer könnten jederzeit in Kinderzimmer umfunktioniert werden. Der Kinderwunsch ist bei ihnen vorhanden. Bisher hat es nicht geklappt.
Woran er seinen Anteil hat. Vor 5 Jahren, im Alter von 27, war bei ihm Diabetes Mellitus Typ 1, festgestellt worden. Dies war für ihn trotz der mittlerweile hervorragenden Behandlungsmöglichkeiten ein Schock. Die Folge sind bis heute launische Zeiten und Zurückweisungen gegenüber seiner Frau, auch in den entscheidenden fruchtbaren Tagen.
Im Dachgeschoss des Reihenhauses hat er sich ein Büro eingerichtet, welches er gelegentlich – wie heute – zum Homeoffice nutzen kann. Sein Betrieb lässt ihm räumliche und zeitliche Flexibilität, die der Effektivität und Effizienz der Arbeitsergebnisse nicht abträglich ist.
In der Betriebskantine hat er heute gemeinsam mit Arbeitskollegen zu Mittag gegessen. Anschließend hat er sich auf den Weg nach Hause gemacht, um von dort in heimischer Atmosphäre in Ruhe ein Projekt weiter auszuarbeiten. Über das Internet hat er Zugriff auf alle erforderlichen Daten und Dateien, wie er sie auf dem Arbeitsplatz im Betrieb hat.
Mit der Konzentration auf das Projekt ist es heute etwas her. Auf dem Bildschirm seines Laptops erscheint zum wiederholten Male das Ergebnis einer Suchabfrage zu Diabetes und Heilung. Sie ist kombiniert mit weiteren Begriffen, da er die gängigen und bei ihm Frust auslösen Internetseiten fast auswendig kennt. So sucht er weiter, dem unlogischen Drang folgend, die Lösung befinde sich auf irgendeiner Internetseite und müsse dort nur gefunden werden.
Mit den Händen seiner muskulösen Arme stützt er seinen Kopf ab. Nachdenklich suchen seine grünen Augen den über die Bildschirmfläche. Da hat er sich aufgrund seiner Reisen und des Kinderwunsches gegen mehrere Krankheiten nachimpfen lassen und nun das. Warum gibt es keinen Impfstoff gegen Diabetes? Die Behandlung beinhaltet keine Heilung, sondern ausschließlich den Umgang mit den gegebenen Umständen.
Die Krankheit, an die er sich in seinem Alter schwer gewöhnen kann, nimmt ihn sehr in Anspruch, vor allem bei abweichenden Werten. Und bei seinem Perfektionismus sind Abweichungen schnell erreicht. Es setzt ihn unter Stress, da ihm aufgrund der verschiedenen Wirkungen und Wechselbeziehungen häufig die Ursachen und Zusammenhänge nicht klar sind. Dass es nicht so einfach steuerbar ist wie in seinem Beruf, sieht er in seinem Kontrollwahn nicht ein. Er stattet sich immer mit der Technik auf dem neuesten Stand aus, auch wenn er deshalb Eigenanteile zu tragen hat. Dazu gehört aktuell eine Insulinpumpe von Darmstadt Diabetes, die DaDia 1.0.
Roland Zimmermann wischt sich mit beiden Händen durch sein welliges mittellanges strähniges Haar und sein bärtiges Gesicht. Es ist heute der 30. Sucheintrag, den er aufruft und überfliegt. Doch langsam gerät er aus seiner Lethargie. Das, was er dort liest, macht ihn zunehmend aufmerksam.
Die Rede ist nicht wie sonst üblich von Wirkweisen der Bauchspeicheldrüse, sondern des Autoimmunsystems und deren Beeinflussung von außen, und zwar durch Impfungen. Hat er nicht schon woanders gelesen, dass ein Zusammenhang zwischen Diabetes und Impfung nicht nachgewiesen werden kann? Ein Ausschluss hört sich anders an. Und hat er sich nicht vor dem Auftreten der Krankheit impfen lassen?
In diesem Artikel wird es konkreter: Es werde untersucht, dass die Kombination von bestimmten Impfstoffen die Abwehrzellen mutieren lasse, die die insulinproduzierenden Zellen als feindlich ansehen und vernichten. Und dann der Schlüsselsatz: Die festgestellten Zusammenhänge werden im Rahmen von Gegenimpfungen überprüft. Er liest sich den Satz mehrmals durch. Die Zusammenhänge sind bereits festgestellt? Und es gibt Gegenimpfungen? Er will nicht auf jahrelange Forschungen und Zulassungsverfahren warten. Er will direkt daran teilnehmen. Es müssen seine Impfungen gewesen sein, die seinen Diabetes verursacht haben. Nun muss eine Gegenimpfung her.
Er untersucht die Internetseite weiter. Sie ist von einem Institut für innovative Heilmethoden, IfiH. Ansprechpartnerin ist eine Franziska Vaillant.
Er schaut kurz auf die Telefonnummer. Es ist nach 16 Uhr. So ein Anruf darf nicht überstürzt sein. Abgewimmelt werden will er nicht, nur weil gleich Feierabend ist. Er will nicht einer von vielen sein, die mit allgemeinen Aussagen vertröstet werden. Er will unmittelbar dabei sein. Schließlich ist sein Entschluss gefasst. Gleich morgen wird er dort anrufen.
Nicht zu erkennen ist, wie alt oder aktuell die Internetseite ist.
3.6 Reiseankunft Julia & Reisestart David
Mit ein paar Pausen, ohne Stau, passiert Julia gegen 19:30 Uhr das Ortsschild von Sonthofen im Allgäu. Wie vereinbart, hat sie vor einer halben Stunde Rosalia Mancini angerufen und sich mit ihr abgesprochen. So steuert sie die erste Tankstelle an und wird aufgrund ihres in dieser Region weniger üblichen Auto-Kennzeichens sofort erkannt: Eine Frau südländischen Typs winkt ihr freundlich zu. Sie steigt aus, geht dieser entgegen und gibt ihr die Hand. „Sie dürften Frau Mancini sein?“
„Dann sind Sie Frau Lensing?“
Julia lächeln zwei weiße Zahnreihen, gefühlt alle 32 Zähne, aus einem gebräunten und von schwarzen Haaren eingerahmten Gesicht an, welches von einem charmanten Knubbelnäschen geprägt ist. Über ihren tiefbraunen Augen verlaufen geschwungene dunkle Augenbrauen.
„Das bin ich.“ Höflich lächelt sie zurück. „Freut mich, dass Sie sich meiner annehmen. Die Berge sind mir zwar vertraut, aber diese Gegend nicht. Entschuldigen Sie, dass ich Sie von Ihrem verdienten Feierabend abhalte.“
„Passt schon. Mein Freund ist ganz anderen Kummer gewöhnt, wenn es spontan etwas zu tun gibt. Haben Sie Hunger?“
„Ja! Die Pausen zwischendurch waren kurz und wenig nahrhaft.“
„Dann gehen wir gemeinsam essen, bevor ich Sie am Hotel absetze. Regionale Speisekarte, wenn Sie Lust darauf haben.“
„Gern!“
Gemeinsam steigen sie in Julias Auto und starten Richtung Innenstadt von Sonthofen. Sie beäugt ihre Beifahrerin, die nicht nur südländischen, sondern auch sportlichen Typs zu sein scheint. Außerdem ist der bayrische Akzent eindeutig zu erkennen. Sie nimmt Rücksicht auf Julia als Auswärtige, die sie ansonsten nicht verstehen würde. „Sie sind von einer Alpinen Einsatzgruppe?“
„Yepp. Ich gehöre quasi zu einer Spezialeinheit der Bayrischen Polizei. Sobald ein Einsatz ins alpine oder schwer zugängliche Gelände geht, kann nicht jeder Streifenpolizist losgeschickt werden. Wir sind unterwegs bei Unfällen oder wenn es um die Suche von Vermissten oder die Bergung von Toten geht.“
„Was ist mit der Bergwacht?“
„Mit der arbeiten wir eng zusammen. Und da bin ich ehrenamtlich. Je nach Bedarf bin ich in der einen oder anderen Rolle unterwegs. Meinen Schein als Bergführerin konnte ich mir teilweise auf die Polizeibergführerin anrechnen lassen.“
„Da sind sie entsprechend durchtrainiert.“
„Na, machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden miteinander klar kommen. Und ganz unvorbereitet trifft es Sie ja auch nicht, wie ich gehört habe.“
Julia lächelt teils verlegen, teils irritiert zurück. „Geht so.“ Sie hat keine Ahnung, was Alex in Kempten zum Besten gegeben hat und dann nach dem Prinzip Stille Post bei dieser Rosalia Mancini angekommen ist. Weiter auseinandersetzen will sie das nun nicht.
Sie haben die Lokalität erreicht. Das Thema hat sich erledigt, bis es zum praktischen Einsatz kommt.
700 Kilometer weiter nördlich steht David am einzigen Bahnsteig von Borken und wartet auf den Zug nach Essen – die einzige Richtung, in die es in diesem Endbahnhof eine Bahnstrecke gibt. Am Tag hat er alles erledigen können, was zu erledigen war. Sein Chef war etwas irritiert über eine spontane Hüttentour – mehr sollte er nicht erfahren – hat dann aber mit einem leichten Schmunzeln und der Vermutung, dass eine weibliche Person im Spiel ist, den Urlaub bewilligt. David sah ihm diesen Irrtum an, beließ es dabei und war eher froh darüber, nicht mehr erklären zu müssen.
Der Zug fährt ein, die Türen öffnen sich, er bleibt davor stehen. Ist das wirklich richtig, was er macht? Noch könnte er zur Polizei gehen, die bisherige Verzögerung ließe sich irgendwie begründen. Aber was soll er erzählen, was dürfte nicht ohnehin schon bekannt sein? Die Polizei müsste ebenfalls eine E-Mail von Kevin bekommen haben. Dass er eine gleichlautende Nachricht erhalten hat, wird der Polizei nichts nutzen. Und mehr kann er nicht sagen. Außer der vagen Information, dass es mit einer weit verbreiteten Krankheit zu tun haben soll.
Trotzdem: Was kümmert er sich um Dinge, von denen er im Grunde nicht weiß, ob er ihnen gewachsen ist? Nur weil es der Wunsch von Kevin Schulte ist?
Er atmet tief durch. Genau so ist es. Und man wächst mit seinen Aufgaben. Mit Trolley in der Hand und Rucksack auf dem Rücken betritt er den Zug. Er sucht sich einen freien Platz, was zu dieser abendlichen Abfahrtszeit nicht schwer ist. Kurz darauf starten der Zug nach Essen und seine Reise in die Alpen.