Читать книгу Typ 1 - Matthias Krügel - Страница 12
Оглавление4 Donnerstag – Aufbrüche in die Bergwelt
4.1 Julias Morgen in Sonthofen
Da für acht Uhr die nächste Nachricht erwartet wird, ist Julia eine Stunde früher aufgestanden, hat gefrühstückt und ist kurz vor acht Uhr zu Fuß zur Polizeidienststelle von Sonthofen gegangen. Rosalia Mancini empfängt sie dort mit dem gleichen freundlichen Lächeln des Vortages und stellt sie ihrem dortigen dienstlichen Leiter, einem Christian Bach, vor.
„Guten Tag, Frau Lensing. Wir haben sicherlich Besseres zu tun, als unser Personal für eine Schatzsuche zur Verfügung zu stellen. Da da dies in Verbindung mit einem Todesfall steht, wollen und können wir uns dem selbstverständlich nicht entziehen.“
Obgleich sich dies für Julia bestimmend anhört, klingt er sehr höflich. Vielleicht etwas aufgesetzt, aber dennoch authentisch. Das Lächeln aus seinem gebräunten Gesicht wirkt aufrichtig. Genau genommen ist sein ganzer Kopf gebräunt. Selbst dort, wo noch Haar wachsen könnte, ist es glatt rasiert. Eine Haarfarbe ist für sie nicht auszumachen. Sie schätzt ihn auf Ende 40.
„Vielen Dank. Ich weiß das zu schätzen.“
Kurz nach acht Uhr piept ihr Smartphone. In der Polizeiwache in Borken ist um Punkt acht Uhr eine E-Mail von Kevin Schulte eingegangen und an sie weitergeleitet worden. Sie liest den Text mit dem Betreff Nachricht Nr. 2 den beiden anderen vor.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich hoffe, dass ich Ihr Vertrauen gewinnen konnte. Senden Sie diese E-Mail an ihren Kollegen, der sich in Oberstdorf aufhalten müsste. Sollte sich dort niemand befinden, wird der nachfolgende Inhalt dieser E-Mail keinen Sinn machen, da weitere entscheidende Informationen nur vor Ort hinterlegt sind.
Für die Person in Oberstdorf gilt Folgendes: Begeben Sie sich zum Edmund-Probst-Haus. Dort steht im Hüttenbuch, wohin sie mir in den Alpen folgen müssen.
Außerdem werden Sie das beigefügte Foto und die nachfolgenden Daten benötigen:
47°XX'23.4"N 10°YY'ZZ.5"E
XX=Todestag + 4
YY=Todesjahr - 8
ZZ=Abteilung + 4
Beachten Sie bei dem Foto: Ein zweiter Blick lohnt sich.
Das müssen Sie alles noch nicht verstehen, werden es aber bald.
Denken Sie an Ihre Hüttenausstattung!
Ich wünsche eine schöne Nacht in den Bergen!
Kevin Schulte
Julia öffnet das beigefügte Foto, auf dem der Teil eines Bergsees mit den dahinter liegenden Gipfeln zu sehen ist. Weiter nichts. Sie zeigt den anderen das Bild.
„Sagt Ihnen das etwas?“
Beide werfen einen Blick darauf, Rosalia Mancini nimmt die erste Einschätzung vor.
„Das dürfte der Schrecksee sein, am Rand ist die Insel erkennbar. Der ist ein paar Kilometer von hier entfernt, so auf 1.800 m Höhe, ausschließlich zu Fuß erreichbar, ein bis eineinhalb Stunden Aufstieg.“
Christian Bach räuspert sich. „Rosalia…“
„Ok, zwei Stunden Aufstieg. Aber da sollen wir jetzt eh nicht hin.“
„Was und wo ist das Edmund-Probst-Haus?“
„Das ist eine Berghütte des Deutschen Alpenvereins mit Übernachtungsmöglichkeit direkt neben der Bergstation der Nebelhornbahn.“ Rosalia Mancini wirft einen prüfenden Blick auf die Nachricht. „Ich nehme an, dass er einkalkuliert hat, dass da die Seilbahn hochgeht. Vermutlich ist das nicht das letzte Ziel des Tages. Die nächsten Hütten sind einige Stunden weiter entfernt, so dass wir nicht zu lange warten sollten. Zumal wir nicht wissen, welche weiteren Überraschungen er auf Lager hat.“
„Gut. Ich muss mich umziehen, so wie Sie. Wie machen wir es?“
„Ich bin in spätestens einer halben Stunde an Ihrem Hotel.“ Sie lächelt wieder. „Trifft mich nicht unvorbereitet.“
„Dann bis gleich. Herr Bach, ich danke Ihnen für Ihre freundliche Unterstützung.“
Er gibt ihr wieder sein formvollendetes Lächeln und seine Hand. „Nicht der Rede wert.“
Die nächste Begegnung wird weniger freundlich sein.
4.2 Davids Morgen in Sonthofen
Ein paar hundert Meter entfernt, im Bahnhof von Sonthofen, fährt die Regionalbahn von Immenstadt nach Oberstdorf ein. Die geplante Ankunftszeit um acht Uhr wird fast eingehalten. Vor Stillstand des Zuges meldet sich das Smartphone von David. Er öffnet die Nachricht von Kevin Schulte. Bevor er diese liest, muss er sich kurz um etwas anderes kümmern.
Wie geplant übergibt er seinen Trolley mit der normalen Kleidung an eine Servicekraft seines Stammhotels in Bad Hindelang, 10 km östlich von Sonthofen. Bei der Reservierung hat er angegeben, zunächst eine Hüttentour zu machen, wisse aber nicht, wie lange. Sein Zimmer gelte vom ersten Tag an gebucht, da er seine Tour flexibel gestalten wolle. Weitere Erklärungen waren nicht erforderlich und man war gerne bereit, seinen Koffer im Bahnhof entgegenzunehmen. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzt, widmet er sich der E-Mail.
Hi David,
ich hoffe, Du bist gut durchgekommen. Mit dem Zug? Haben die Umstiege geklappt?
Es könnte heute sonst spät werden. Nehme auf jeden Fall die Nebelhornbahn zum Edmund-Probst-Haus. Dort steht im Hüttenbuch, wohin es als Nächstes geht.
Außerdem wirst Du folgende Daten benötigen.
47°XX'04.0"N 10°YY'ZZ.2"E
XX=Todestag + 4
YY=Todesjahr - 8
ZZ=Abteilung + 2
Das musst Du alles noch nicht verstehen, wirst es aber bald.
Der Polizei mache ich es ein kleines Bisschen schwerer. Ich hoffe, die bekommen das hin.
Kevin
Was er sich dachte, trifft jetzt zu: Er kann sich direkt nach oben begeben. 20 Minuten später erreicht sein Zug den Bahnhof von Oberstdorf bei Sonnenschein und 20 Grad. Lächelnd nimmt er einen Rundumblick. Schön, wieder in den Bergen zu sein. Sein Blick bleibt an der Nebelhornbahn haften. Zu Fuß begibt er sich mit seinem Rucksack zur Talstation.
Nach einer weiteren Viertelstunde kauft er ein Ticket – nur Hinfahrt – und stellt sich bei den Menschentrauben an, die bei dem besser werdenden Wetter hinauf gefahren werden möchten. Die Gondeln fassen bis zu 60 Personen. Es ist so voll, dass er auf die nachfolgende Fahrt warten muss. Während der Zeit blickt er sich um. Ob jemand von der Borkener Polizei dabei ist? Haben sie überhaupt jemanden geschickt? Und ist diese Person für die Berge vorbereitet?
Müßig, darüber nachzudenken. Nach fünf Minuten kommt die entgegengesetzte Gondel von oben, in die er mit einsteigen kann. Seine Tour beginnt gegen Viertel vor Neun.
An der Bergstation angekommen, sind es wenige Meter bis zum Edmund-Probst-Haus. David betritt das Gebäude über die Außenterasse in den Gastraum und bestellt eine Zitronenlimonade. An der Theke vorbei gelangt er in einen Flur, in dem sich in einer Nische das Hüttenbuch befindet. Er blättert mehrere Seiten und damit einige Tage zurück bis zu dem entscheidenden Eintrag: Kevin Schulte, nächstes Reiseziel: Prinz-Luitpold-Haus.
David schmunzelt. Da hat ihm sein Freund eine schöne Tour ausgesucht. Die Strecke ist ihm bekannt, sie ist leicht zu gehen, vor allem bei diesem Wetter, so dass er am frühen Nachmittag dort ankommen müsste. Er macht mit seinem Smartphone ein Foto von der Seite, falls er später eine Information benötigt, der er aktuell noch keine Bedeutung beigemessen hat. Man weiß nie, was sich Kevin ausgedacht haben mag.
Zurück im Gastraum ist seine Limo fertig. Er bezahlt direkt und genießt das Getränk auf der Außenterasse mit einem ersten herrlichen Ausblick über die Alpen und in das Oberstdorfer Tal. Von seinem Rucksack löst er seine Wanderstöcke und stellt die Länge ein. Das Glas bringt er zurück zur Theke, setzt den Rucksack auf und nimmt sich die Stöcke. Aus der kleinen Tasche am Hüfttragegurt zieht er Kopfhörer, setzt sie auf und startet seine Musik.
Er lächelt. Das Adrenalin ist auf voller Leistung. Los geht’s!
4.3 Start Julia und Rosalia
Julia muss im Hotel eben ihre Kleidung wechseln. Der Rucksack ist unverändert komplett vorbereitet. Sie kontrolliert die Pistole im Regenfach unter dem Rucksack. Ihr Smartphone und ein Tablet packt sie in das Fach der oberen Abdeckung. Obgleich nicht mehr in Baumwolle, sondern in Polyester, fühlt sie sich in der Funktionswäsche wohl. Für heute hat sie eine dunkelgrüne Hose, praktischerweise in T-Zip-Ausführung, sowie ein langärmliges dunkelgraues Shirt mit Reißverschluss gewählt. Zu dieser Zeit und in der anzugehenden Höhe wird es kühler sein, aber wahrscheinlich laufen sie sich warm.
Nach der ausgemachten halben Stunde trifft Julia auf Rosalia Mancini am Eingang ihres Hotels und ist erstaunt. Während man ihre eigene Wanderbekleidung figurbetont nennen kann, ist das, was Rosalia Mancini da trägt, enganliegend, wie eine zweite Haut, die deutlich macht, dass unter dieser Haut nicht viel Körper ist. Sie als einen Strich in der Landschaft zu bezeichnen, wäre nicht gerechtfertigt, da sie einen durchtrainierten Eindruck macht, aber viel mehr ist es nicht. Und irgendwie fehlt es optisch an weiblichen Rundungen. Anatomisch eindeutig eine Frau, ebenfalls mit Sportunterbekleidung, die alles plättet, was stören könnte, und das scheint von vorneherein nicht viel zu sein. Da wirken die klobigen Bergschuhe wie Fremdkörper. Die vorhin noch offen getragenen schwarzen Haare sind locker geflochten. Ihr freundliches Lächeln hat sie unverändert.
„Wir lassen uns fahren. Ist ja nicht bekannt, wo wir wieder herunterkommen. Dann können wir uns abholen lassen.“
Julias Rucksack wird im Kofferraum verstaut. Die Autofahrt von Sonthofen zur Talstation in Oberstdorf dauert 20 Minuten. Sie kaufen sich wie alle anderen Fahrgäste jeweils ein Ticket und steigen in die nächste Gondel, die sich gegen Viertel nach Neun auf dem Weg nach oben begibt.
Das trockene Wetter lockt weiterhin die Touristen auf den Berg, die Kabine ist voll. Julia mustert kurz die Mitfahrer um sie herum. Manche sind so gekleidet, dass sie nur die Aussicht um die Bergstation oder – eine Station weiter – vom Gipfel aus genießen wollen. Andere scheinen – wie sie selbst – mehr vorzuhaben. Was auch immer es bei ihnen sein wird.
Und so fallen ihr nicht die beiden Männer auf, die auf der anderen Seite der Kabine stehen und ab und zu einen Blick auf sie werfen.
An der Bergstation angekommen, gehen die beiden Frauen direkt zum Edmund-Probst-Haus. Sie sind sich einig, als erstes im Hüttenbuch nach einem Eintrag zu suchen.
Julia blickt in das aufgeblätterte Buch. „Da ist er schon. Kevin Schulte, nächstes Ziel Prinz-Luitpold-Haus. Wie weit ist das?“
„Etwa vier Stunden von hier.“
„War das die normale Zeit oder Ihre Zeit?“
Rosalia Mancini lächelt. „Das ist die normale Zeit. Sollen wir uns auch eintragen?“
„Klar.“ Julia blättert zum nächsten freien Eintrag. „Moment. Warum ist nicht der heutige Tag aufgeblättert, sondern genau die Seite, auf der der Eintrag von Kevin Schulte ist.“ Sie blättert hin und her. „Da sind mehrere Seiten dazwischen. Das kann doch kein Zufall sein.“
Rosalia Mancini blättert auf den aktuellen Tag. „Da sind mehrere Einträge zum Prinz-Luitpold-Haus dabei. Aber das macht keinen Sinn, zurückzublättern, wenn man sich heute eingetragen hat.“
„Von wann ist der letzte Eintrag?“
„Acht Uhr zwanzig. Gehen ja alle immer recht früh los. Jetzt ist es Neun Uhr vierzig. Über eine Stunde später.“
„Komm‘, wir fragen nach.“
Sie machen beide mit ihren Smartphones Fotos von der Seite des Hüttenbuches, gehen in den Gastraum und wenden sich an die Bedienung hinter der Theke. Rosalia Mancini zeigt ihren Dienstausweis vor.
„Grüß‘ Dich. Polizei Sonthofen. Ist Dir in der letzten Stunde jemand aufgefallen, der nach dem Hüttenbuch geschaut hat?“
„Tut mir leid. Das Buch ist von hier aus nicht zu sehen. Außerdem sind wir voll im Betrieb. Seit der ersten Gondel haben wir mächtig zu tun. Da kann ich Dir nicht helfen.“
„Ok, trotzdem danke Dir.“
Sie gehen auf die Terrasse und schauen auf das erste kurze Stück des Weges, welcher zu einer Scharte führt, die einen herrlichen Ausblick verspricht. Unterwegs sind dort Dutzende von Spaziergängern und Wanderern, die ebenfalls mit der Nebelhornbahn hochgefahren sind und das letzte Stück zu Fuß gehen. Das Nebelhorn selbst ragt hinter ihnen auf. Rosalia Mancini deutet mit offenen Händen in die Richtung der Scharte.
„Das macht keinen Sinn. Da könnte jemand seit über einer Stunde weg sein.“
„Ja. Sie haben Recht. Aber wir müssen aufpassen. Da ist außer uns noch jemand unterwegs, der irgendeinen Bezug zu Kevin Schulte hat.“
„Apropos Sie. Hier oben duzt man sich.“ Rosalia Mancini setzt wieder ihr allerfreundliches Lächeln auf. Julia hat wie beim ersten Treffen das Gefühl, ihr blinkt das gesamte Gebiss entgegen. Sie lächelt höflich leicht zurück. „Na klar, Rosalia.“
„Schön. Machen wir uns auf den Weg, Julia. Oder hält uns noch etwas?“
„Nein. Los geht’s.“
Julia holt einmal tief Luft. Hoffentlich treibt diese Rosalia sie nicht zu sehr, da sie fast ohne Akklimatisierung durchstartet.
Sie begeben sich an einem Bergkamm entlang weg vom Edmund-Probst-Haus und der Bergstation zu einem kleinen abzweigenden, von den Gebäuden aus leicht erhöhten Grat. Der Weg ist eine gut ausgebaute Wandertrasse. Alle Menschen, die sich nicht in Gegenrichtung auf das Nebelhorn begeben, gehen zu diesem Grat.
4.4 Interessierte des Startes
Am Weg in Höhe des Edmund-Probst-Hauses schauen den beiden Frauen die beiden Männer nach, die sie bereits in der Gondel begleitet haben. Der eine von ihnen, Tom Horn, kaut hektisch auf seinem Kaugummi, dass sich in seinem schmalen kantigen Gesicht alle Muskeln mitbewegen. Mit Anfang 40 zeichnen ihn einige Falten, insbesondere um seine blauen aufmerksamen Augen, die in seiner Anspannung weit geöffnet sind, als dürfe ihm nichts entgegen. Mit seiner hageren und eher kleinen Statur fällt er wenig auf.
„Na, was meinst Du, Bock. Gehen wir Ihnen nach?“
Lars Boczony, der andere der beiden, mag nicht, wenn er in dieser Weise angesprochen wird. Er verzieht sein mit 30 Jahren sehr kindhaft aussehendes Gesicht. Seine dunklen Augenbrauen über seinen kleinen braunen Augen senken sich zur Mitte ab. Dabei macht sein Mund – geradezu symmetrisch – einen entgegengesetzten Bogen mit den Mundwinkeln nach unten. „Ich glaube, dafür sind wir nicht ausreichend ausgestattet.“
Lars Boczony schaut ihnen weiter hinterher. Genau genommen schaut er nur ihr hinterher. Lieber würde er ihr folgen. In der Gondel ist es ihm schwergefallen, den Blick von ihr zu lassen. Aber sie durften nicht bemerkt werden. Ein zufälliger – auffälliger – Blickkontakt, und sie wären entdeckt. Vorher, in der Warteschlange an der Talstation, hat er es geschafft, sich hinter sie zu stellen, den Duft ihrer schwarzen Haare einzuatmen. Ob es natürliches Schwarz ist? Ihr Gesicht wirkt südländisch, das Haar passt dazu. Also ist es Natur. Er lächelt; dass sich die Mundwinkel weit nach oben bewegen. Sie gefällt ihm. Alles an ihr gefällt ihm. Sicher werden sie sie wieder aufspüren. Wäre es schlimm, sie anzusprechen? Unverbindlich, nett, höflich, freundlich in ein Gespräch zu kommen? Vielleicht könnte er auf diese Weise an Informationen gelangen. Was sie vorhaben, wo sie hingehen. Was sie suchen oder gefunden haben. Damit würde er sich Respekt und Anerkennung verschaffen. Es nervt ihn, immer wie ein kleiner ahnungsloser naiver Bubi behandelt zu werden.
Tom Horn schaut sich zum Edmund-Probst-Haus um. „Lass uns die Hütte von innen ansehen. Irgendwas wird die beiden dorthin geführt haben.“
Sie schauen sich zunächst auf der Terrasse um, dann im Gastraum. Weiter geht es durch die Tür mit dem Hinweis zum WC. Auf dem Weg dorthin fällt Ihnen das Hüttenbuch auf. Tom Horn blättert durch die Seiten und gleitet mit einem Finger über die Namen bis zum Eintrag von Kevin Schulte. Er liest sich die dazugehörigen Informationen durch und macht sicherheitshalber Fotos mit seinem Smartphone. Wieder im Gastraum angekommen wendet er sich an die Bedienung.
„Entschuldigen Sie, wie weit ist es zum Prinz-Luitpold-Haus?“
„Vier bis fünf Stunden bei zügiger Wanderung. Also eine Strecke.“
„Gibt es noch einen anderen Weg? Ich meine, nicht als Wanderung?“
„Klar. Sie fahren wieder mit der Gondel runter und dann mit dem Auto im großen Bogen über Sonthofen und Hindelang in das Hintersteiner Tal. Dort steigen Sie in einen Bus um, weil die Straße ab da für den Autoverkehr gesperrt ist, und kommen dann zum Giebelhaus. Von da haben Sie dann einen Aufstieg, zweieinhalb bis drei Stunden. Das dauert mindestens genauso lange wie der Wanderweg. Und hängt davon ab, wie sie den Bus bekommen.“
„Gibt es da keinen Lift?“
„Nein, nur eine Materialseilbahn. Nicht für Personen.“
„Vielen Dank.“
Die beiden Männer gehen auf die Terrasse und schauen den beiden Frauen hinterher, die sich immer weiter von ihnen entfernen. Tom Horn nimmt sich sein Smartphone und sucht aus seinen Kontakten eine Person aus.
Unten im Tal, irgendwo in Oberstdorf auf einem Parkplatz, sitzt Karsten Hinrichs am Steuer eines weißen SUV. Er sinniert mit einem permanent starren Blick und dicht über seinen Augen liegenden Brauen vor sich hin.
Zunächst war es gut gelaufen: Mit der vagen Beschreibung, dass eine Polizistin aus Borken bei der Polizei in Sonthofen auftauchen wird, haben sie gestern Abend auf der Lauer gelegen. Da sich nicht viele Fahrzeuge mit dem Kennzeichen BOR hierher verirren, ist ihnen der schwarze Mazda sofort aufgefallen, obwohl der Wagen nicht die Polizeistation, sondern das in der Nähe gelegene Hotel angesteuert hat. Endgültige Gewissheit hatten sie erst, als ihre Zielperson sich heute Morgen zu Fuß zum Polizeigebäude begeben hat. Ihr danach weiter zu folgen, war kein Problem. Doch als sie sich vor dem Hotel mit der anderen Frau in Wanderkleidung traf, beide mit dick bepackten Rucksäcken ausgestattet, schwante ihm Böses. Dem Auto nach Oberstdorf zu folgen, war einfach. Nun sind die Frauen die Nebelhornbahn hochgefahren, so dass er ihnen Tom Horn und Lars Boczony hinterhergeschickt hat. Er selbst will so lange wie möglich im Tal bleiben.
Vor sich hat er ein Klemmbrett auf den Knien, angelehnt ans Lenkrad. Das oberste Blatt darauf hat mittig das Foto einer Frau. Darüber hat er mit seinem Stift „WANTED“ geschrieben, da drunter „Franziska Vaillant“. Für ihn und seine Begleiter geht es ausschließlich um eines: Sie zu finden. Und da ist das Problem, dass es keine Anhaltspunkte gibt, wo sie sein könnte. Stattdessen folgen sie der einzigen Spur, die sie kennen, in Person einer Gesetzeshüterin aus dem Westmünsterland. Als sein Smartphone klingelt, greift er blind danach und nimmt den Anruf an.
„Tom, wie sieht es bei Euch da oben aus? Habt Ihr die Dame aus dem Flachland gut im Blick? Ich meine, es wäre schade, wenn sie verloren gehen würde.“
„Sie ist in den Bergen unterwegs. Zusammen mit dieser Polizistin aus Sonthofen. Es ist anzunehmen, dass sie über die Berge zu einem Prinz-Luitpold-Haus wandern. Eine Hütte mitten in jenen Bergen. Wir haben einen entsprechenden Eintrag von Kevin Schulte gefunden, der vor ein paar Tagen dorthin gegangen ist. Sie folgen seiner Spur.“
„Warum geht Ihr nicht hinterher? Ich meine, Ihr verfolgt sie und das solltet Ihr auch weiterhin tun. Oder haben wir etwas anderes besprochen?“
„Das sind vier Stunden durch die Wildnis zu einer abgelegenen Hütte, wo sonst nichts ist. Und hier oben ist es frischer als bei Dir im Tal.“
Karsten Hinrichs malt mit einem Kugelschreiber Kreise unter das Bild von Franziska Vaillant. „Vielleicht finden sie unterwegs dorthin irgendetwas oder treffen jemanden.“
„Uns interessiert nur das Ergebnis, oder?“
„Wie meinst Du das?“
Tom Horns Stimme wird leiser. „Dass wir nicht hinterherlaufen müssen, wenn wir das Ziel kennen, sondern lediglich am Ziel ankommen. Sollten sie uns etwas von unterwegs mitbringen, nehmen wir es dankend entgegen.“
„Stimmt. Speedy, einmal zum Prinz-Luitpold-Haus?“
Ein junger Mann auf dem Rücksitz mit einem Laptop auf den Knien, der normalerweise Florian Brackmann heißt, fühlt sich angesprochen. Sein Spitzname resultiert nicht aus körperlichen Geschwindigkeiten, sondern seinen Fähigkeiten, Informationen aus dem Internet bereitzustellen. Seine Finger fliegen über die Tastatur.
„35 Minuten Fahrzeit zu einem Ort namens Hinterstein. Von dort ist die Straße für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Eine Busverbindung verläuft bis zu einem Giebelhaus. Dahinter gibt es weitere Fahrwege. Der weitest gehende befahrbare Punkt befindet sich von hier aus nach einer Stunde, zehn Minuten. Von dort sind es zu Fuß eine Stunde, 20 Minuten bis zum Prinz-Luitpold-Haus. Offiziell.“
„Schön. Das sind insgesamt zweieinhalb Stunden. Kommt mal wieder da hinunter. Wir rüsten unser Auto für Privatwege um und gehen schön für Euch einkaufen, dass Ihr alles für eine Bergtour inklusive Hüttenübernachtung habt. Ich meine, unsere Frau Lensing und ihre bayrische Kollegin sind etwas dicht auf der Spur. Da sollten wir dabei sein, wenn sie es finden. Oder schon gefunden haben.“
4.5 Laufbacher Eck
Als Julia und Rosalia nach fünf Minuten den abzweigenden Berggrat erreichen, haben sie freie Sicht nach Süden auf ein faszinierendes Alpenpanorama. Nach Norden schließt sich das wesentlich flachere Alpenvorland an.
Die meisten Leute führen hier wenig Gepäck mit sich. Sie sind mit den Gondeln der Nebelhornbahn hochgefahren und kurz bis hierher gelaufen, um die Aussicht zu genießen. Sie werden sich nicht auf einen weiteren Weg begeben, sondern nur zurück bis zur Bergstation. Mit der Angelegenheit der beiden Frauen werden diese Personen nichts zu tun haben.
Julia genießt kurz den Ausblick und schaut zu Rosalia. Sie blicken sich an, nicken sich zu und begeben sich ohne weiteres Warten auf den deutlich schmaleren Wanderpfad entlang des Hauptberggrates.
Der Weg hat zunächst wenige Anstiege und ist leicht zu begehen, so dass sie gut vorankommen. Julia hat immer wieder Gelegenheit, auf die vielen Berggipfel in die Ferne zu schauen, die üppigen Blumen- und Graswiesen in der Nähe zu betrachten oder einen Blick in das unten parallel verlaufende Oytal zu werfen. Das alles hat sie vermisst. Nun ist sie froh, auf diese Weise in diesem Jahr auf ihre Bergtour zu kommen, und vergisst fast, warum sie eigentlich hier ist. Sie wendet sich an die vor ihr laufende Rosalia.
„Ist diese botanische Vielfalt typisch für das Allgäu?“
„Nein. Wären wir zur Schwarzenberghütte geschickt worden, über das Koblat, sähe das anders aus. Auch schön, aber nicht so bunt.“
„Das Koblat?“
„Ja. So eine Art Hochfläche da drüben“ – sie deutet nach hinten links – „entlang der Bergkette namens Daumengruppe. Wobei Fläche nicht ganz zutreffend ist, da es laufend hoch und runter geht. Kannst gleich sehen.“
Rosalia bleibt in einem konstanten Abstand vor ihr. Auch wenn Julia nicht die Langsamste ist, ist sie sich sicher, dass ihre Wandergefährtin auf sie Rücksicht nimmt und ohne sie eine andere Geschwindigkeit gehen könnte. Trotzdem haben sie bisher andere Wanderer überholt und sind selbst nicht überholt worden.
Nach eineinhalb Stunden ragt vor ihnen eine steile Rasenfläche empor, an der sich in Serpentinen der Weg etwa 150 Höhenmeter hochschlängelt. Es steht der erste ernstzunehmende Aufstieg bevor. Die bisherige Strecke war Julia zur Aktivierung der Trittsicherheit nützlich. Der Hauptberggrat zweigt rechtwinklig nach rechts ab, der Weg wechselt oben geradeaus auf die andere Seite.
Am Fuß der steilen Fläche befindet sich eine Absenkung des Grates, so dass der Weg in dieser Mulde auf die Oberkante trifft. Dadurch haben sie eine Aussicht in ein anderes Tal. Julia bleibt stehen. Der Ausblick ist einfach traumhaft.
Sie setzen für eine Rast ihre Rucksäcke ab und greifen nach ihren Trinkflaschen. Rosalia erklärt die Umgebung. „Dies ist das Obertal. Von Oberstdorf ist es bis dahin über Talwege ein großer Bogen. Hier vorne rechts der abzweigende Grat ist der Giebel, der von unserem Bergkamm wie eine Einschiftung an einem Haus abzweigt. Aus der Ferne betrachtet ist der Grat, also der First, gerade. Die seitlichen Hänge, also die Traufen, verlaufen optisch glatt und ebenförmig. Dort hinten, von hier aus am anderen Ende, ist der namensgebende frontseitige Giebel und unten am Fuß das Giebelhaus. Da kommen die beiderseitigen Täler zusammen und verschmelzen zum Hintersteiner Tal. Auf der anderen Seite vom Giebel ist das Bärgündeletal. Da kommen wir hin, denn dort ist auf der gegenüberliegenden Talseite unser Ziel, das Prinz-Luitpold-Haus. Bis dahin sind es noch zweieinhalb Stunden. Ins Bärgündeletal kommen wir, wenn wir dort oben auf die andere Seite des Bergkammes wechseln.“
Wie Rosalia hinauf deutet und Julia ihrem Blick folgt, nehmen sie oben am Hang einen einzelnen Wanderer wahr. Er trägt einen schwarzen Rucksack, den zwei leuchtend rote streifenförmige Absetzungen zieren. Julia äußert als erste den Gedanken, den beide haben.
„Mittlerweile sind nicht mehr viele Leute unterwegs. Ob das der ist, der in dem Hüttenbuch nach Kevin Schulte gesucht hat?“
„Mag sein. Sollen wir hoch und ihn genauer anschauen?“
Julia winkt ab. „Ne, lass mal, bis ich da oben bin, ist der auf der anderen Seite weit herunter. Falls der tatsächlich zum Prinz-Luitpold-Haus läuft, treffen wir ihn dort.“
Sie wendet wieder ihren Blick in das Obertal und über das Tal hinaus. Sie sieht auf die Gipfel, die jenseits der das Tal umschließenden Berge und Grate emporragen. Sehnsucht schießt in ihr empor, auf die Ferne, immer weiter zu laufen, in eine immer weitere Stille und Gewaltigkeit der Berge, eins mit der Natur, allein im Umkreis von allem Sichtbaren. Um nicht die Sehnsucht zu spüren nach Nähe, nach Geborgenheit und Vertrauen, nach Gewissheit. Und keiner Angst vor Verlust und Einsamkeit.
In solchen Momenten lässt sie niemanden in sich hineinschauen, nicht erahnen, welche Gefühlswelten sie durchlebt. Ihr Gesicht nimmt eine neutrale Maske an, der keine Gefühlsregung anzuerkennen ist. Kein Lächeln und keine Trauer, kein Grübeln und keine Boshaftigkeit. Vor allem keine Wehmütigkeit und Verlassenheit.
Folglich kann Rosalia nichts mit ihrem Gesichtsausdruck anfangen, so dass ihr nur eine Frage bleibt. „Alles ok mit Dir?“
Julia setzt schnell ein freundliches Lächeln auf. Diese Gefühle gehören ihr und gehen keinen etwas an. „Ja, alles ok. Was sind das für Hütten im Tal?“
„Die sind teilweise bewirtschaftet, mit Gastronomie, da bekommst Du selbstgemachte Milch oder Käse. Und ganz dort hinten, auf halber Höhe des Hanges, ist die Schwarzenberghütte, eine Alpenvereinshütte und in diesem Obertal die einzige Hütte, die Übernachtungen anbietet. Aber die ist ja heute nicht unser Ziel.“
Beide schauen auf das weit entfernte Gebäude am oberen Rand einer größeren Lichtung. Julia meint, auf der Wiese eine Person sitzen zu sehen, aber das kann man sich auf diese Entfernung gut einbilden.
4.6 Die Vier im Bärgündeletal
Der weiße SUV stoppt am Rand des asphaltierten Wirtschaftsweges im Bärgündeletal. Karsten Hinrichs steigt als Erster aus, die anderen folgen ihm nach und nach. Er schaut sich das Fahrzeug an, versehen mit rot-weiß-gestreiften Markierungen, einer gelben Warnlampe auf dem Dach und einem Schild „Vermessung“ hinter der Windschutzscheibe.
„Ist es nicht herrlich, wie einfach es ist, gesperrte Straßen zu durchfahren? Es gibt immer und überall etwas zu vermessen. Blöd nur, dass wir uns jedes Mal erneut ein weißes Fahrzeug sowie Nummernschilder der Region besorgen müssen. Egal, es klappt wieder prima, nicht wahr, Freunde?“
Tom Horn gesellt sich zu ihm, neu ausgestattet mit Wanderschuhen, Wanderhose und Wanderhemd, und betrachtet die umgebenden Berge. „Ganz toll. Und wo geht es weiter?“
Passend erscheint Florian Brackmann an seiner Seite. „Ihr folgt diesem abzweigenden unbefestigten Fahrweg bis zu einer Alm, dort geht es weiter auf einem ortsüblichen Wanderweg. Einfach der Beschilderung Prinz-Luitpold-Haus folgen. Es dürfte nicht zu verfehlen sein.“
„Wie lange, sagtest Du, soll das für einen Normalsterblichen dauern?“
„Eine Stunde, zwanzig Minuten.“
Alle drei schauen den Hang hinauf, wo sie das Gebäude vermuten, als Lars Boczony dazukommt, ebenfalls mit neuer Wanderbekleidung und mit bereits aufgesetztem Rucksack. Karsten Hinrichs nimmt ihn als Erstes wahr.
„Na, Bock, Du kannst es kaum abwarten, was?“
„Natürlich. Weißt Du, wann wir wirklich da oben ankommen? Nicht, dass sie weitergehen und wir sie verpassen. Oder worauf warten wir?“
Tom Horn dreht sich kopfschüttelnd ab, geht aber zum Auto, um seinen Rucksack zu holen und aufzusetzen. „Na, wenn Du es nicht erwarten kannst, starten wir.“ Er sieht Lars Boczony hinterher, der sich die ersten Schritte auf den Weg macht. Als sich auch Florian Brackmann ein wenig entfernt, um sich die Gegend anzuschauen, geht er zu Karsten Hinrichs und legt ihm seinen Arm um dessen Schultern.
„Bist Du schön artig, während ich weg bin?“
„Komm‘ schnell wieder da hinunter und laufe Dir keine Blasen.“
Seine Hand gleitet herab bis auf das Gesäß und greift dort kurz zu. Die Reaktion ist ein breites verschmitztes Lächeln. „Blasen ist ein schönes Stichwort. Ich hoffe, die Mädels halten uns nicht zu lange auf und wir können uns einen schönen Abend machen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, geht er Lars Boczony hinterher.
4.7 Der Nachmittag am Prinz-Luitpold-Haus
„Wir sind gleich da.“
Julia kann Rosalias aufmunternde Worte gut gebrauchen. Seit dem Seitenwechsel des Berggrates am Laufbacher Eck in das Bärgündeletal hat sie vom Prinz-Luitpold-Haus nichts mehr gesehen. Zunächst waren sie kurz vor dem Talschluss 500 Höhenmeter abgestiegen und haben am Bachlauf eine Pause gemacht. Anschließend haben sie sich auf der anderen Talseite auf die Schlussetappe begeben, die sie wieder um 250 Höhenmeter nach oben gebracht hat.
Es waren auf diesem Teilstück weitere Wanderer unterwegs. Julia hat sich aber intuitiv auf den einzelnen mit dem schwarz-roten Rucksack festgelegt, der vor ihnen in dem Hüttenbuch geblättert haben muss. Seit dem Abstieg ins Bärgündeletal hat sie von ihm nichts mehr gesehen. Sie geht dennoch davon aus, dass er auf demselben Weg ein Stück voraus ist.
Die beiden Frauen wandern um eine weitere Biegung, hinter der in nur 100 Metern Entfernung das Prinz-Luitpold-Haus sichtbar wird. Julia kommt es vor wie ein Déjà vu. Vor ihr liegt das Gebäude, welches sie auf dem Poster in der Wohnung von Kevin Schulte gesehen hat. Mit dem Unterschied, dass die Abbildung bei weitem nicht mit der Realität mithalten kann. Sie bleibt stehen und saugt die Eindrücke in sich auf.
Nach ihrer Erinnerung scheint das Foto für das Poster von dieser Stelle aufgenommen worden zu sein, an der sie gerade steht, mit Sicht auf die Front sowie auf die Seite mit dem Haupteingang. Über dem Erdgeschoss, eingefasst in grauem Stein, befindet sich ein Satteldach mit Zinkabdeckung und zwei weiteren Geschossen. Auch an die grandiose Felskulisse dahinter erinnert sie sich.
Kurz darauf erreichen sie die Hütte. Julia reicht es für heute - nach lediglich einer Nacht Akklimatisierung auf zwar 800 Metern, während die heutige Tour meist weitere 1000 Meter höher verlief. Sie mustert das Schild über dem Haupteingang. Demnach liegt die Hütte auf 1.846 Meter.
Auf der zum Tal hin ausgerichteten, nach Nordwesten liegenden Terrasse sieht sie dutzende Personen, die bei verschiedenen Kaltgetränken mit oder ohne Alkohol die Sonne genießen. Sie zieht ihr Smartphone heraus, die digitalen Ziffern zeigen 14 Uhr an. Und die Striche daneben keinen Empfang. Wahrscheinlich ist das der Fall, seit sie den Berggrat am Laufbacher Eck überschritten haben.
Rosalia stupst sie an. „Gehen wir hinein?“ Schmunzelnd fügt sie an: „Einchecken?“
Julia folgt in den Vorraum, wo die ersten Übernachtungsgäste ihre Schuhe und Wanderstöcke abgestellt haben. Die Beiden streifen ihre Rucksäcke ab und stellen sie an eine Wand. Dann gehen sie an der Anmeldung vorbei in den Gastraum, der mit Wanderschuhen betreten werden darf. Auf der linken Seite befindet sich das Hüttenbuch. Ein paar Seiten zurück, dieses Mal noch nicht aufgeblättert, finden sie den Eintrag von Kevin Schulte mit dem Ziel Bockkarscharte. Direkt machen sie Fotos von der Doppelseite.
Rosalia grübelt. „Bis dahin sind es bloß ein paar Meter den Hang hoch.“
Julia blättert das Hüttenbuch wieder auf die aktuelle Seite zurück. „Definiere Ein-paar-Meter.“
„Rund dreihundert Höhenmeter. Dürfte eine dreiviertel Stunde dauern.“
Rosalia wendet sich ab und verlässt den Gastraum auf die zweite, bergseitig liegende Terrasse. Diese ist zu zwei Seiten von Gebäudeteilen begrenzt und liegt mehr im Schatten. Julia folgt ihr bis auf die andere Seite an das Geländer und von dort ihrem Blick nach oben. Am Rand der felsigen Bergformation schließt sich eine grasbewachsene Mulde an, die schräg daran hinauf führt. Oben wird diese von einem weiteren felsigen Berg begrenzt, der zur anderen Seite in das Bärgündeletal abfällt. Vom Prinz-Luitpold-Haus verläuft durch eine Mischung aus Felsen und Wiesen ein Weg in dieser Mulde aufwärts zu der Scharte, die ihr Rosalia benennt. „Die Bockkarscharte.“
„Wohin führt der Weg dahinter?“
„Da ist die Grenze zu Österreich. Die nächsten bewirtschafteten Hütten sind weitere vier bis sechs Stunden entfernt. Und bis zur nächsten Bebauung runter in das Lechtal dauert es genauso lange. Zum Schrecksee, den Du als Foto hast, gelangt man durch die Scharte ebenfalls, aber da gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit.“
„Moment.“ Julia ruft auf ihrem Smartphone die Bilder auf. „Schau hier. Der Eintrag von Kevin Schulte in dieser Hütte ist einen Tag später erfolgt als auf dem Edmund-Probst-Haus. Er hat demnach im Prinz-Luitpold-Haus übernachtet.“
„Sollten wir das gleichfalls tun?“
Julia schaut wieder hoch zur Scharte. „Denke schon. Zumal wir da oben vielleicht rätseln müssen, wohin es weitergeht. Offenbar ist da kein Hüttenbuch mit einem deutlichen Eintrag.“
„Yepp. Wir müssten nicht nur wandern, sondern auch suchen.“
„Das könnte in diesem Fall mit dem Schrecksee zu tun haben. Wir haben aber immer noch keinen eindeutigen Bezug zum Foto. Außerdem kann ich unseren Wanderkameraden von unterwegs nicht an dem Hang entdecken. Anscheinend bleibt der ebenfalls über Nacht.“
Sie schlendern wieder in das Gebäude zur Anmeldung. Betten sind alle belegt, so dass ihnen zwei Plätze im Matratzenlager zugewiesen werden. Sie tauschen die Wanderschuhe gegen Sandalen, begeben sich mit ihren Rucksäcken in das Obergeschoss und dort in einen von mehreren Schlafräumen. Auf beiden Seiten verlaufen die Schlafplätze jeweils über zwei Etagen und füllen bis auf den Gang dazwischen den Raum aus. Am Ende befindet sich ein kleines Fenster. Fast überall liegen dicht aneinandergereiht die dunkelbraunen Schlafdecken und die weißen Kissen. Auf der schmalen Holzkante am Fußende sind die Nummern der Schlafplätze geschrieben. Demnach sind sie nahe der Tür in der unteren Reihe untergebracht. Julia stellt fest, dass mehrere der abgestellten Rucksäcke noch nicht ausgepackt sind. Nur vereinzelt sind die ersten Schlafsäcke ausgerollt. Sie stellt ihren Rucksack neben dem von Rosalia ab und spricht sie an. „Sollen wir erst etwas trinken gehen, bevor wir duschen und uns weiter einrichten?“
„Yepp. Aufgrund der verbrauchten Reserven kann ich mittlerweile Zuckerhaltiges vertragen. Ansonsten könnte es grenzwertig werden.“
Julia ist irritiert, misst dem aber keine weitere Bedeutung zu. Sie begeben sich wieder in das Erdgeschoss und kurz darauf mit je einem halben Liter Skiwasser als ersten Durstlöscher auf die zum Tal hin gelegene Terrasse. Zusammen blicken sie nach links auf den Streckenabschnitt, als sie am Laufbacher Eck in das Bärgündeletal gewechselt sind. Vor Ihnen erstreckt sich auf der gegenüberliegenden Talseite die südliche Traufe des Giebels. Halb rechts liegt von hier aus gut sichtbar am Hang des Obertales die Schwarzenberghütte, die sie vorhin aus der anderen Richtung gesehen haben. Weiter unten, im Tal, befindet sich das Giebelhaus mit der Endstation der privaten Buslinie.
4.8 Landeskriminalämter am Giebelhaus
Das Giebelhaus ist ein freistehendes einzelnes Gebäude mit Innen- und Außengastronomie. Es befindet sich im Tal auf einer flachen Ebene zwischen den Berghängen. Ungefähr hundert Meter entfernt fließen an einer Brücke die Bäche aus dem Obertal und dem Bärgündeletal zur Ostrach zusammen.
Direkt vor dem Gebäude gibt es eine ausreichend große Fahrbahnfläche, um einen Bus wenden zu können. Zur Mitte des Nachmittages lässt der Zustrom von Touristen nach, während sich viele zurück nach Hinterstein transportieren lassen.
Einer derer, die noch aussteigen, ist Adrian Dekker. Er begibt sich ein paar Meter von der Haltestelle weg auf dem asphaltierten Wirtschaftsweg, der in das Bärgündeletal führt. Er wartet wie besprochen eine Weile, bis sich vom Giebelhaus eine weibliche Person nähert. Sie schaut sich kurz um, um ein Versehen auszuschließen, dann spricht sie ihn an.
„Wir sind verabredet, nehme ich an.“
Adrian Dekker mustert die großgewachsene, schlanke Frau, die er auf Ende 50 schätzt. Wachsame, tief liegende dunkelbraune Augen fixieren ihn, die fast gänzlich schwarz wirken. Auf den schmalen Lippen ist ein angedeutetes Lächeln zu erkennen.
„Dann sind Sie Susanne Bordon, nehme ich an.“
„Freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Herr Dekker.“
„Grundsätzlich gern. Aber musste es in dieser Einöde sein? Wie in unserem gestrigen Telefongespräch erwähnt, hätte ich Sie lieber an einer gemütlichen Hotelbar getroffen.“
Sie deutet mit ihrem Blick auf die umgebenden Berge. „Wirklich? Ihr Schützling ist doch hier oben unterwegs.“
„Genau in dieser Gegend? Woher wissen Sie das?“
„Das Landeskriminalamt Wiesbaden besteht aus mehr als einer Person.“ Sie mustert ihr Gegenüber, der wie gewohnt einen Anzug trägt, während sie zwar nicht in Wanderkleidung, aber legerer angezogen ist. „Sie sind ziemlich berguntypisch gekleidet, Herr Dekker, wenn ich das einmal sagen darf.“
„Ich werde mich nicht einen Schritt weiter in die Berge begeben, als mich der Bus hierher gebracht hat. Mein Weg geht als Nächstes dieselbe Strecke zurück. Folglich brauche ich keine andere Kleidung.“
„Haben Sie nicht Sorge, Frau Lensing aus den Augen zu verlieren?“
„Sollte das nicht meine alleinige Sorge sein, Frau Bordon? Immerhin habe ich jemanden, den ich aus den Augen verlieren könnte. Sie dagegen scheinen gänzlich im Dunkeln zu tappen, sonst wären Sie nicht so anhänglich. Wie wäre es, wenn Sie mit mehr Details herausrücken würden, damit wir uns gegenseitig ebenso mehr helfen könnten?“
Es entsteht eine Pause, als müsse Susanne Bordon erst überlegen, ob sie ihm das großartige Geheimnis anvertrauen darf, bevor sie ihm antwortet.
„Sie haben Recht, Herr Dekker. Ich denke, es ist an der Zeit, Sie mit weiteren Informationen zu versorgen. Nur eine konstruktive vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Landeskriminalämtern von Düsseldorf und Wiesbaden kann dazu führen, dass ein großes Unheil abgewendet wird.“ Sie dreht sich kurz um und schiebt ihn ein paar Meter vom Giebelhaus weg. „Wie ich Ihnen gestern sagte, plante eine Person mit Kontakten zu islamistischen Fundamentalisten einen groß angelegten Angriff auf die deutsche Bevölkerung. Es ist nicht sicher, ob ihr Plan erfolgreich vereitelt worden ist. Sie ist zwar aufgeflogen, aber sie hat möglicherweise schon alle erforderlichen Maßnahmen für eine effektive Umsetzung ihrer Tat abgeschlossen. Ein aktives Zutun von ihr ist in dieser Phase der Ausführung nicht mehr geboten.“
„Um wen handelt es sich bei der Person?“
Susanne Bordon setzt sich langsam in Richtung der Brücke in Bewegung. „Ihr Name ist Franziska Vaillant. Sie dürfte Ihnen nicht bekannt sein. Die Radikalisierung hat sich bei ihr kurzfristig vollzogen. Eine kriminaltechnische Vorgeschichte besteht nicht. Sie handelt aus reiner Frustration infolge ihrer missglückten Lebenssituation. Anstatt sich einfach umzubringen, meint sie, dem Ganzen einen letzten Sinn geben zu müssen, indem sie einer extremistischen Weltanschauung folgt und unschuldige Menschen mit in den Tod reißen will.“
Adrian Dekker bleibt an ihrer Seite. „Und welche Waffen verwendet sie?“
„Insulin.“
„Insulin?!“
„Wie sie wissen, beschränkt sich die Ausführung von Attentaten nicht mehr auf Bomben an belebten Orten oder in Flugzeugen. Stattdessen fahren Lastwagen in Menschenmengen oder es wird in Zügen mit Äxten auf Passagiere losgegangen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Personenkreis ist längst nicht mehr auf überzeugte Fanatiker limitiert, sondern beinhaltet zusätzlich psychisch gestörte Persönlichkeiten, die wirkungsvoll über elektronische Medien ferngesteuert werden.“
Auf dem Wirtschaftsweg nähert sich aus Richtung des Bärgündeletal ein weißer Pkw mit rot-weißen Streifen, einer gelben Warnlampe auf dem Dach und dem Schild Vermessung hinter der Windschutzscheibe. Drinnen sitzen zwei Personen. Der Wagen fährt talabwärts in Richtung Hinterstein weiter. Die beiden Kriminalisten schenken ihm keine Beachtung.
Adrian Dekker hakt nach. „Was bedeutet das im Fall dieser Frau Vaillant?“
„Sie ist Diabetikerin und gleichzeitig Forscherin auf diesem Gebiet. Daran sehen Sie, wie sehr sie ihre Krankheit mental beschäftigt und leider zusätzlich psychisch beeinträchtigt. Offenbar kommt sie nicht mehr mit ihrer verfahrenen Situation zurecht. Das deprimierende Krankheitsbild und die ausbleibenden Forschungserfolge haben bei ihr eine weitreichende und nachhaltige Frustration ausgelöst. Vor Kurzem erhielt ich einen Notruf der Firma Darmstadt Diabetes, kurz DaDia. Diese ist erfolgreich in der Herstellung von gleichnamigen medizinischen Insulinpumpensystemen. In diesen technisch ausgefeilten Geräten sind mittlerweile äußerst komplexe Algorithmen programmiert, um eine automatisierte Insulinzufuhr zu steuern. Dabei spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle: Wann wird wie viel zugeführt.“
Sie erreichen die Brücke. Adrian Dekker stützt sich auf dem Geländer ab. Unter ihm schießt das Wasser hindurch. „Das läuft alles vollautomatisch?“
Susanne Bordon steckt neben ihm gleichgültig ihre Hände in die Hosentaschen. „Manuelle Korrekturen oder Feinjustierungen sind selbstverständlich möglich und in gewissem Maße auch erforderlich. Außerdem muss die Insulinreserve regelmäßig aufgefrischt werden. Das System läuft dabei stetig weiter. Und dort hat sie mittels Fernwartung ergänzende Programmierungen vorgenommen. Zu einem bestimmten, in der Zukunft liegendem Zeitpunkt sollen sehr viele im Umlauf befindliche Geräte eine hohe Menge Insulin abgeben.“
„Das merken die betroffenen Personen nicht?“
„Die Insulinabgabe erfolgt stetig über einen Katheter in den Körper hinein. Und zwar so, wie die Voreinstellungen der Pumpe es vorsehen. Die von Frau Vaillant programmierte Menge wäre so hoch, dass innerhalb kurzer Zeit die Bewusstlosigkeit eintritt. Kommt niemand zur Hilfe, ist mit dem Tod zu rechnen.“
Adrian Dekker betrachtet das Tal und die angrenzenden bewaldeten Berghänge. „Damit ich das richtig verstehe: Zu einem bestimmten Zeitpunkt würden in ganz Deutschland viele Menschen umfallen, weil sie Träger dieser Pumpe sind?“
„Sie würden es nicht. Sie werden es. Die Spezialisten von DaDia und meine Kollegen aus Wiesbaden arbeiten mit Hochdruck daran, die Geräte über die Fernwartung wieder umzuprogrammieren.“
„Und wenn sie es nicht rechtzeitig schaffen?“
Susanne Bordon sieht ihn eindringlich an, sagt aber nichts.
Adrian Dekker schaut sich um und deutet mit den Händen auf die umgebenden Berge. „Glauben Sie, dass sich Franziska Vaillant hier aufhält?“
„Hier draußen? In der Wildnis? Eher nicht. Aber anscheinend befinden sich in dieser Gegend entscheidende Hinweise, die zu ihr führen. Denken Sie bitte daran, diese ohne Zeitverzug an mich weiter zu leiten. Frau Vaillant stellt eine große Gefahr für sich und andere dar. Sollten Sie oder ihre Kollegin auf sie treffen, ist sie umgehend an das Landeskriminalamt Wiesbaden zu überstellen. Kann ich mich auf Sie verlassen?“
„Selbstverständlich, Frau Bordon. Nur stelle ich mir die Frage, was ich mit Ihrer Suche zu tun habe? Oder anders ausgedrückt: Was hat Franziska Vaillant mit Kevin Schulte zu tun? Frau Lensing ist nicht wegen ihr, sondern wegen ihm in dieser Gegend. Und ich wegen einer möglichen Verbindung zwischen diesen beiden Personen, die mir nicht klar ist.“
„Herr Schulte war meines Wissens ein Sympathisant von Frau Vaillant. Offenbar wurde er für sie überflüssig, aufgrund seiner Kenntnisse sogar gefährlich. Sie hat sich seiner entledigt. Das dürfte ihnen klar machen, wie kaltblütig sie ist. Nur wusste sie nicht, dass er Informationen hinterlassen hat, denen Ihre Kollegin nun nachgeht. Und die zu ihr führen können.“
Adrian Dekker mustert die steile grüne Wand des Giebels. „Auf was kann Frau Lensing in dieser Gegend stoßen?“
Susanne Bordon schaut ihn eindringlich an. „Ich weiß es nicht. Denken Sie nur daran: Frau Vaillant ist an mich zu überstellen. Und nun lassen Sie uns zurückfahren.“
Sie begeben sich zurück zur Bushaltestelle. Adrian Dekker nutzt die Wartezeit, um sich die Wegweiser anzuschauen. In das eine aufsteigende Tal geht es unter anderem zum Prinz-Luitpold-Haus, offenbar der aktuelle Aufenthaltsort von Julia Lensing und ihrer hiesigen ortskundigen Kollegin. In das andere Tal führt der Weg unter anderem zu einer Schwarzenberghütte. Er fragt sich, ob es hier einen schwarzen Berg gibt. Er fragt sich nicht, wer sich dort gerade aufhalten könnte.
4.9 Der Abend im Prinz-Luitpold-Haus
Julia hat sich mit Rosalia im Gastraum des Prinz-Luitpold-Hauses - geduscht, umgezogen und ungestylt - zum Abendessen eingefunden. Es ist zwar nicht Wochenende, aber das trockene Wetter im August sorgt dafür, dass sich über 100 Personen in größeren und kleineren Gruppen und von jung bis alt in dem Raum befinden. Hinzu kommen die, die draußen auf der angrenzenden hinteren Terrasse essen.
Nachdem die Beiden ihr Abendessen ausgewählt und bestellt haben, stöbert Julia in ihrer Speisekarte, als sie auf ihre Kollegin aufmerksam wird. „Was machst Du da mit Deinem Smartphone? Gibt es irgendetwas Nützliches ohne Empfang?“
„Ich kontrolliere die Entwicklung meiner Blutzuckerwerte.“
„Wieso das?“
„Ich habe Diabetes. Typ 1.“
„Du hast Diabetes? Schränkt Dich das nicht deutlich ein?“
Rosalia schmunzelt. „Hast es bisher nicht bemerkt, obwohl wir schon den ganzen Tag zusammen unterwegs sind.“
Julia lächelt erstaunt zurück. „Stimmt. Ich habe Dich nicht einmal messen oder spritzen sehen.“
„Das brauche ich nicht. Also fast nicht. Ich habe ein System, bestehend erstens aus einer Pumpe, welche mich mit Insulin versorgt. Sowohl dauerhaft als auch ergänzend bei Bedarf. Die trage ich in dem speziellen Bauchgürtel. Von dort geht ein Schlauch an die Bauchdecke.“ Sie hebt ihr Shirt hoch, dass Julia den Gürtel sehen kann. Der ist so flach, dass er ihr bisher nicht aufgefallen ist. Und das an diesem Körper, wo die kleinste Falte im Shirt auffallen müsste. Rosalia setzt ihre Erklärung fort. „Da sitzt ein Katheder, über den das Insulin in den Körper gelangt. Zweitens habe ich einen Sensor auf der Bauchdecke angebracht. Dort wird kontinuierlich der Blutzuckerwert ermittelt. Die Daten werden an die Pumpe weitergeleitet. Diese reagiert auf bedeutsame Schwankungen oder Entwicklungen. Bedarfsweise wird die Insulindosis erhöht oder abgeschaltet, ohne dass ich etwas veranlassen muss. Nennt sich Close Loop System.“
„Das arbeitet völlig eigenständig?“
Rosalia bearbeitet weiter ihr Smartphone. „Nicht ganz. Die Messung bildet den Blutzuckerwert mit einer Verzögerung von einigen Minuten ab und mein Insulin wirkt nicht sofort, sondern über einen Zeitraum von ungefähr drei Stunden. Da das Gerät nicht hellsehen kann, muss ich ab und zu manuell nachsteuern. Zum Beispiel vor unserer Wanderung heute sowie jetzt beim Essen. Ansonsten kann auch das System ein zu hohes Abgleiten nach oben oder unten nicht verhindern.“
Julia deutet auf das Gerät. „Und wozu das Smartphone?“
„Die Pumpe ist recht klein und hat daher nur ein kleines Display mit den nötigsten Funktionen. Über die dazugehörige App habe ich mit dem Smartphone mehr Möglichkeiten und Übersichten. Ich kann alles steuern und falle nicht auf. Es sei denn, ich habe keinen Empfang.“ Sie lächelt.
„Gibt es so etwas schon lange?“
Rosalia schaltet ihr Smartphone ab. „Nein. Das System, was ich habe, gibt es erst seit wenigen Monaten. Vorher hatte ich bereits eine Pumpe, aber diese ist echt genial. Nennt sich DaDia 1.0, steht für Darmstadt Diabetes.“
Ein paar Tische weiter sitzt David bei einer Gruppe gleichaltriger Wanderer. Wie üblich fällt es ihm leicht, Kontakte zu anderen zu knüpfen. Er hat ein Gespür, ob er willkommen ist. Meist zeigt sich bei der Begrüßung, ob man unerwünscht ist, so dass die Gelegenheit bleibt, rechtzeitig abzudrehen.
Zwanglos tauscht er sich mit den anderen am Tisch aus. Es geht – wie so oft – um die Erfahrungen des Tages, die gegangene Strecke oder die Qualität der Hütte, speziell der Nachtlager, des Essens und der Bedienung. Es besteht Einigkeit, dass hier nichts auszusetzen und alles gut durchorganisiert ist. Sie reden über Persönliches, bleiben aber an der Oberfläche, erzählen sich lustige Geschichten und Witze. Sie haben sich mit Namen vorgestellt, die in wenigen Tagen vergessen sind, weil sie sich – wenn überhaupt – nur zufällig wiedersehen werden.
Sein Blick schweift gelegentlich durch den Raum, um zu sehen, wer hier sonst so sitzt oder geht. An einem Tisch bleibt er hängen. Könnte es sein, dass da die beiden Frauen sind, die hinter ihm auf dem Weg vom Edmund-Probst-Haus hierher unterwegs waren? Zuletzt hat er sie oben vom Laufbacher Eck gesehen, als sie unten vor dem Aufstieg Pause gemacht haben. Die Schwarzhaarige sitzt mit dem Rücken zu ihm, die Blonde mit ihrem Gesicht.
Er mustert Letztere. Sie gefällt ihm, könnte in seinem Alter sein. Aber er bleibt seinem Grundsatz treu: Auf Hüttentouren Finger weg vom anderen Geschlecht. Das könnte unnötigen Stress verursachen, der bei seinem schönsten und nur selten durchführbaren Hobby zu vermeiden ist. Aber ab und zu schauen darf man ja. Vor allem, als die Schwarzhaarige aufsteht und die Aussicht auf die Blonde frei gibt. Wenn er sich nicht täuscht, wird sein Blick hin und wieder erwidert. Nein, ansprechen wird er sie nicht.
Rosalia geht kurz zur Theke, weil am Tisch der Pfefferstreuer leer ist. Als sie sich mit einem gefüllten Gefäß wieder umdreht, steht plötzlich ein Mann vor ihr. Sie schätzt ihn auf Mitte 30 in ihrem Alter, mit vollem, dunklen welligen Haar, dunklen Augen und Augenbrauen. Sein ganzes Gesicht lächelt ein wenig verkrampft. Und er sagt nichts, sondern steht nur da. Gespannt sieht sie ihn an.
„Ja, bitte?“
Er holt zunächst Luft. „Hallo.“
„Hallo.“ Höflich lächelt sie zurück. Nichts passiert. „… und?“
„Sie sind heute ebenfalls gewandert?“
„Ja.“ Zwinkernd spricht sie weiter. „Und genau genommen gibt es keine andere Möglichkeit, hier hinzukommen.“
„Entschuldigung, wie blöd von mir. Wahrscheinlich werden Sie morgen auch wieder wandern.“
„Ja, ich denke, das werden wir machen. Weiß nicht, wie wir sonst hier wegkommen sollen. Oder was machst Du morgen?“ Wie gewohnt, duzt Rosalia ihn wie jeden anderen in den Höhen der Berge.
„Nein, natürlich gehe ich morgen wandern. Wo gehen Sie hin?“
Rosalia behält äußerlich ihr freundliches Gesicht bei, aber innerlich schaltet sie auf Alarm. War das wirklich beiläufig gefragt oder clever eingefädelt? Selbst wenn er lediglich ein netter, naiver, anhänglicher Zeitgenosse sein sollte: Es geht ihn nichts an. Außerdem hat sie kein Interesse an einem längeren Gespräch.
„Ich denke, dass entscheide ich in Ruhe mit meiner Freundin. Möglichkeiten gibt es bekanntlich viele. Wohin wird es bei Dir morgen gehen?“
„Das weiß ich noch nicht. Mal sehen, wie das Wetter wird.“
Ihr reicht es. Jetzt bloß kein Gespräch über das Wetter. „Dann schauen wir mal. Ich gehe wieder rüber zu meiner Freundin. Vielleicht sieht man sich morgen.“
„Ja, vielleicht sieht man sich!“
Als sie bemerkt, wie er aufblüht, fürchtet sie, in ihm eine überflüssige Hoffnung ausgelöst zu haben. Es lässt sich nicht ändern. Sie nickt höflich und geht an ihm vorbei zurück zum Tisch. Vermutlich wäre er ewig stehen geblieben. Und möglicherweise steht er da weiterhin ohne sie. Sicherheitshalber dreht sie sich nicht ansatzweise in seine Richtung. Julia hat die Begegnung mitverfolgt, aber nichts hören können.
„Ein Bekannter?“
„Nein.“
„Ein neuer Verehrer.“
„Ich fürchte. Und ich drehe mich lieber nicht um. Kannst Du sehen, was er macht?“
„Nein. Er ist verschwunden.“
Lars Boczony spürt als erstes einen Ellenbogen im Rücken, dann hört er die Stimme von Tom Horn. „Was war denn das?“
Lächelnd dreht er sich um und zuckt mit der Schulter. „Nur eine nette Unterhaltung, eine erste Kontaktaufnahme. Auf diese Weise komme ich an Informationen.“
Tom Horn zieht ihn aus dem Blickfeld der beiden Frauen. „Und?“
„Was und?“
„Erzähl‘, was machen die hier, was haben die als Nächstes vor?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Was weißt Du denn?“
„Sie gehen morgen weiter wandern.“
Tom Horn wischt sich mit der Hand durch das Gesicht. „Ok, lass gut sein. Essen wir. Am besten draußen. Zum Glück haben die Beiden mich noch nicht gesehen.“
„Was siehst Du da?“ Rosalia schaut Julia fragend an.
„Wo?“
„Du schaust immer in derselben Richtung an mir vorbei.“
„Ich halte nach unserem Mitwanderer Ausschau.“
„Immer in derselben Richtung? Sitzt dort jemand alleine?“
„Nein, da sind überall Wandergruppen, mindestens zwei Leute, aber nie jemand alleine. Schade, dass wir unterwegs nicht näher an ihn herangekommen sind, um ihn jetzt besser erkennen zu können.“
„Was ist das Besondere an der Gruppe, die Du im Auge hast?“
„Du bist hartnäckig.“
Rosalia grinst über beide Ohren. „Ich bin Polizistin.“
Julia gibt ein kleines Lächeln zurück. „Na gut. Da sitzt einer dabei, der ständig zu mir hinüber schaut.“
„Das könnte er von Dir auch behaupten. Kann es sein, dass er Dich kennt?“
„Wüsste ich nicht. Dienstlich ist es ja nur ein Zufall, dass ausgerechnet ich von der Polizei hier bin. Und privat ist er mir unbekannt.“
„Gefällt er Dir? So rein privat.“
„Hörst Du mit dem Grinsen auf?“ Dabei kann sich Julia selbst ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Gemeinsam fangen sie an, zu lachen. Dann wechseln sie das Thema.
Rechtzeitig zur Hüttenruhe richten die beiden Frauen ihre Lager ein. Jede zieht ihren „Hüttenschlafsack“ - welches einem Schlafsack-Inlett entspricht - unter die bereitliegende Decke und über das Kopfkissen. Julia schaut sich zu den Mitschläfern im Raume um, die sich ebenfalls für die Nacht vorbereiten. „Ist Deine Bekanntschaft hier dabei?“
Rosalia schüttelt den Kopf. „Hier nicht. Zuletzt ist er mir zum Zähneputzen hinterher geschlichen. Aber untergebracht ist er woanders. Und Deiner?“
„Was heißt hier Deiner? Es geht um die Frage, wer außer uns auf den Spuren von Kevin Schulte unterwegs ist.“
„Ist klar. Hast Du ihn noch einmal gesehen?“
„Nein. Er muss ebenfalls in einem anderen Zimmer untergebracht sein. Wann stehen wir auf, wann starten wir?“
„Pünktlich, würde ich sagen.“
„Pünktlich. Geht klar, Rosalia.“
Lachend schlüpfen die beiden in ihre Schlafsäcke und stecken sich Ohrstöpsel ein. Dann sorgen die in dieser Höhe dünnere Bergluft, die heutige Wanderung und das gute Essen dafür, dass es mit dem Schlaf nicht lange dauert.
4.10 Der Abend in Heidelberg
Roland Zimmermann sitzt in seinem Büro im Dachgeschoss seines Reihenwohnhauses. Ein schwacher Lichtschein der Abenddämmerung dringt von draußen durch das kleine Dachflächenfenster hinein. Die einzige Lichtquelle im Zimmer ist der Bildschirm des Laptops. Den Kopf in seine Hände gestützt, liest er sich immer wieder die Zeilen der Internetseite durch, die er gestern Nachmittag gefunden hatte. Und vor allem den Schlüsselsatz: Die festgestellten Zusammenhänge werden im Rahmen von Gegenimpfungen überprüft.
Wie geplant, hat er heute bei dem Institut für innovative Heilmethoden angerufen. Während des Vormittages konnte er sich in einen entlegenen Bereich des Betriebes zurückziehen und hat die auf der Internetseite angegebene Durchwahlnummer von Franziska Vaillant gewählt.
Das Drama nahm direkt seinen Lauf, als sich nicht die gewünschte Person meldete, sondern die Stimme eines zunächst freundlichen Mannes. Auf die Frage nach Frau Vaillant hieß es, sie würde dort nicht mehr arbeiten. Wie er sie erreichen kann, könne er ihm nicht sagen. Weder privat, noch dienstlich.
Eigentlich interessieren ihn weniger die Frau als die Forschungsergebnisse zur Heilung von Diabetes. Die Forschung sei aber mit dem Verlassen von Frau Vaillant aus dem Institut eingestellt worden. Ergebnisse seien seinem Gesprächspartner nicht bekannt.
Irritiert hat er das Gespräch beendet. Noch von seinem Arbeitsplatz aus hat er begonnen, im Internet nach Franziska Vaillant zu recherchieren. Aber es gab nichts Verwertbares zu finden außer dieser einen Internetseite. Auch die Suche nach Wohnort oder Telefonnummer blieb erfolglos.
Mit dem Finger streicht er über die Zeilen. Sein einziges Stück Hoffnung besteht aus ein paar Pixeln auf dem Bildschirm. Zwar nur ein Text, aber real. Er bildet sich nicht ein, was dort steht. Es hat eine ebenso reale Person verfasst und dort abgelegt. Doch die Suche nach ihr und ihren Ergebnissen steckt in einer Sackgasse.
Roland Zimmermann greift nach seiner Computermaus und scrollt den Bildschirm hoch und runter, verzweifelt auf der Suche nach zusätzlichen Hinweisen. Die weiteren Internetseiten des Institutes beschäftigen sich mit vielen Erkrankungen und Heilungsansätzen, aber nicht ansatzweise mit Diabetes.
Die weiteren Klicks führen ihn über die Kontaktseite zur Inhaberin des Institutes, Beryl Summers. Mit ein paar Worten ist ihre Vita beschrieben und ein Foto hinterlegt. Ernst und zumindest mit dem Anschein von Seriosität schaut ihn eine Frau von Mitte 30 an, mit intensiven, wahrscheinlich bildlich nachbearbeiteten blauen Augen und kurzem blonden Haar.
Er starrt sie an, als würde sie ihm gegenüberstehen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass nur dies die Lösung sein kann: Ihr in der Realität gegenüber zu stehen, Auge in Auge, um die Wahrheit zu erfahren, was es mit der Forschung und der Frau Vaillant auf sich hat. Als Inhaberin des Institutes wird sie ihm Antworten geben müssen.
Ein Anruf kommt für ihn nicht mehr in Frage. Er recherchiert über einen Routenplaner die Adresse und die Strecke. Bis zu dem Ortsteil südlich von Heidelberg wären es 50 Kilometer. Dank der Autobahn A 5 wäre das in 40 Minuten zu schaffen.
Morgen ist Freitag. Er wird sich frei nehmen, irgendwie. Länger zu warten, kommt nicht in Frage. Er muss erfahren, wo er dran ist.
Seine Insulinpumpe meldet sich. Er greift nach dem Gerät in seiner Hosentasche. Auf dem Display ist erkennbar, dass sein Blutzuckerwert massiv ansteigt und soeben die Marke von 250 überschritten hat. Automatisch wurde längst die Insulinzufuhr erhöht, aber aufgrund der verzögerten Wirkung kann dem schnellen Anstieg nicht ausreichend entgegengewirkt werden.
Gegessen hat er nichts. Es muss der Stress und ein wenig Panik sein, die seinen Wert nach oben treiben. Auch deshalb sieht er keine andere Wahl, als sich am nächsten Tag auf den Weg nach Darmstadt zu dem Institut zu machen.
Noch ein Blick auf den Bildschirm, dann schaltet er das Gerät ab. Er begibt sich durch das dunkle Treppenhaus leise eine Etage hinab in das Schlafzimmer. Dort ist seine Frau bereits eingeschlafen. Von seinen Recherchen und Plänen hat sie nichts mitbekommen.