Читать книгу Typ 1 - Matthias Krügel - Страница 8
ОглавлениеFranziska Vaillant sitzt im Wartezimmer ihrer Diabetesambulanz und betrachtet ein Plakat an der Wand. Abgebildet ist eine Familie: Vater, Mutter und Kind. Freudestrahlend laufen die drei über eine Blumenwiese. Unter dem Bild wird das neueste Produkt von DaDia beworben, einem Unternehmen, welches Insulinpumpensysteme für Menschen herstellt, die an Diabetes Mellitus Typ 1 erkrankt sind.
Sie erkennt nicht, wer in der Familie Diabetes hat. Oder wer da die Insulinpumpe tragen müsste. Sie weiß, dass dies niemand erkennen soll. Die drei sehen aus, als führten sie ein normales, sorgloses Leben. Und so hat jede betrachtende Person – sofern sie von Diabetes betroffen ist – die persönliche freie Wahl, in wem sie sich wiedererkennen möchte.
Das genaue Gegenteil davon sieht Franziska Vaillant unterhalb des Bildes auf drei Stühlen im Warteraum sitzen. Es handelt sich zwar ebenfalls um eine Familie mit Vater, Mutter und Tochter. Aber anders als auf dem Plakat ist die Stimmung eindeutig betrübt. Und es ist erkennbar, dass das Kind, um das die Mutter schützend ihren Arm legt, die betroffene Person ist.
Sie schätzt die Situation derart ein, dass die Familie gerade die Diagnose erhalten hat. Infolgedessen setzen sich bei ihnen die standardisierten Mechanismen der Behandlung in Gang: stationäre Aufnahme, das Einstellen des Insulins, die Schulungen des Kindes und der Eltern über die - vermutlich nicht mehr funktionierenden – Stoffwechselprozesse, Blutzuckermessungen, Insulingaben, Aufklärung über den Zuckergehalt verschiedener Nahrungsmittel, Überzuckerungen und Unterzuckerungen sowie die Beantragung des Schwerbehindertenausweises.
Am liebsten würde Franziska Vaillant das arme Mädchen in den Arm nehmen. Wie alt mag sie sein? Zehn, vielleicht zwölf Jahre?
Innerhalb ihres jungen Körpers ist die Krankheit noch gar nicht vollständig ausgebrochen. Es sind weiterhin insulinproduzierende Zellen vorhanden. Das Mädchen muss es hinnehmen, dass ihr eigenes Immunsystem in den nächsten Monaten ebenso diese letzten Zellen vernichten wird. Die standardisierten Mechanismen sehen nicht den geringsten Heilungsversuch vor. Alles schaltet auf Symptombehandlung, noch bevor die Ursache komplett eingetreten ist.
Franziska Vaillant schätzt die Mutter auf Ende 30 – in etwa so alt wie sie selbst. Allerdings hat sie selbst kein Kind. Und keinen Mann. Was daran liegt, dass sie ihr Schicksal nicht als normales Leben empfunden hat. Als bei ihr die Diagnose gestellt wurde, war sie ein paar Jahre älter als das Mädchen. Sie hat sich durch die Krankheit nicht aufgegeben, jedoch von ihr dominieren lassen. Und sie hat sich mehr mit ihr beschäftigt, als es erforderlich wäre.
In der Tür zum Wartezimmer erscheint eine Arzthelferin. „Frau Vaillant?“
Franziska Vaillant folgt der in weißer Jeans und dunkelblauem Polohemd gekleideten Person in ein Sprechzimmer zu ihrem behandelnden Arzt, Dr. Bachmann. Er trägt die gleiche Kleidung, versehen mit einem Aufdruck der Praxis. Sein Ruf als herausragender Experte in der Behandlung von Diabetespatienten ist weit bekannt. Und er ist bekannt für das Chaos in seinem Behandlungsraum. An einer Wand steht ein riesiges Regal, das mit Fachbüchern überfüllt ist. Bücher, die es nicht dort hineingeschafft haben, lagern davor. Der Schreibtisch ist übersäht mit Akten, Mappen und Dokumenten. Franziska Vaillant fragt sich immer wieder, wie er in diesem Durcheinander den Überblick behalten kann.
Ohne von seinen Unterlagen aufzuschauen, bittet Dr. Bachmann sie mit einer Handbewegung, sich zu setzen. „Tja, Frau Vaillant, das sind ja hervorragende Werte. Blutzucker – voll im Normbereich. Und auch die weiteren Blutwerte geben keinen Anlass zur Sorge.“ Über seine Lesebrille – und Aktenstapel – schaut er sie an. „Wie fühlen Sie sich?“
Sie setzt ihr charmantestes Lächeln auf. „Danke, bestens!“
Einige Wochen ist es her, seit ihr insulinbildende Stammzellen transplantiert wurden. Keine künstliche Bauchspeicheldrüse, sondern echte biologische Zellen. Sofort nahmen diese ihre Arbeit auf. Die Sache hat jedoch einen Haken: Franziska Vaillant muss stark wirkende Medikamente einnehmen, die die Funktionen des Immunsystems vermindern, sogenannte Immunsuppressiva. Ansonsten würde ihr Immunsystem auch diese Zellen, die den gleichen Charakter wie die ursprünglichen Zellen haben, wieder abstoßen.
Dr. Bachmann nimmt seine Lesebrille ab und schaut seine Patientin eindringlich an, die Stirn in Falten gelegt. „Auch wenn ich mich wiederhole – aber es muss Ihnen klar sein, dass dies nicht lange gut gehen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Immunsuppressivum zu Nebenwirkungen führen wird, die Sie beim Insulin nicht hätten. Und ob der Kampf gewonnen wird oder Ihr Immunsystem auch die neuen Zellen trotzdem wieder vernichten wird, ist offen.“
Diesen Text hört Franziska Vaillant nicht zum ersten Mal von ihrem Arzt. Und er wiederholt ihn nicht für sie. Sie mustert ihn. Er wiederholt ihn für sich. Er merkt, dass bei ihr etwas anders läuft. Dass es nicht so läuft, wie er es gewohnt ist. Doch das will er sich nicht eingestehen. Noch nicht. Solange er es nicht zugibt, spielt sie das Spiel mit. Und so schaut sie wie ein zurechtgewiesenes kleines Mädchen schuldbewusst auf ihre Hände, die in ihrem Schoß liegen. „Ja, Herr Dr. Bachmann, das ist mir bekannt.“
Zufrieden lehnt er sich zurück in seinem Stuhl und fragt: „Wie kommen Sie mit Ihrer Forschung voran? Machen Sie Fortschritte?“
Sie nickt ein wenig, sagt aber nichts.
„Machen Sie sich nichts vor. Glauben Sie, mit Ihren bescheidenen Mitteln am … Wie heißt es noch? Fifi?“
„IfiH, Dr. Bachmann, das Institut für innovative Heilmethoden.“
„Ja, am IfiH, glauben Sie, da können Sie etwas Entscheidendes bewegen? Etwas, auf das die größten Forscher und Labore der Welt noch nicht gekommen sind? Quälen Sie sich doch nicht so und finden Sie sich damit ab, dass sich an der Situation für Diabetiker auf lange Jahre nichts ändern wird.“
Franziska Vaillant hält sich an die Kleines-Mädchen-Rolle, denkt aber etwas anderes. Himmel, wie kann man so eine Arroganz und Ignoranz an den Tag legen? Ist das sein Schutzschild? Ihr Erfolg wäre für ihn eine Katastrophe. Nicht nur für seine Überzeugungen. Einen neuen Job könnte er sich zusätzlich suchen. Stattdessen stellt er ihren Arbeitsplatz infrage.
„Und die Inhaberin dieses Instituts, diese Deutsch-Engländerin Summers, da ist doch bald das Erbe aufgebraucht, das alles kann die sich nicht mehr lange leisten. Oder hat sie jemanden gefunden, der ihr den ganzen Unfug bezahlt? Und Ihr Gehalt gleich mit?“
Das Institut ist tatsächlich nicht das größte. Doch für Franziska Vaillants Zwecke reicht es. Und um ihr Gehalt macht sie sich ebenfalls keine Sorgen, während Dr. Bachmann weiter philosophiert.
„Mit der alternativen Medizin kann man den Menschen schön etwas einreden und eine Menge Geld machen. Aber die Fakten in Bezug auf Diabetes lassen sich damit niemals aus der Welt schaffen.“
„Innovative Medizin, nicht alternative. Wir bewegen uns zwischen der konservativen Schulmedizin und der alternativen Heilpraxis, nutzen die Erkenntnisse aus beidem.“
„Das hört sich für mich an wie die Entdeckung der Welt zwischen Kugel und flacher Scheibe.“ Er lacht über seine Worte, als wäre es ein gelungener Witz. Franziska Vaillant findet ihn nicht lustig und schweigt. Nach einer bedeutungsvollen Pause erhebt sich Dr. Bachmann. „Frau Vaillant, leider muss ich Sie jetzt verabschieden. Sie sehen ja …“ mit einer ausholenden Handbewegung deutet er über seinen Schreibtisch. „Und draußen wartet ein neuer Patient.“
Franziska Vaillant erhebt sich von ihrem Platz, verabschiedet sich, verlässt den Raum und das Gebäude. Mit ihrem grünen Audi hat sie es nicht weit in den Vorort von Darmstadt, zu ihrer Drei-Zimmer-Eigentumswohnung in einer netten, unauffälligen Wohnsiedlung. Zu Hause angekommen, begibt sie sich in ihre Küche, die nicht steril, aber aufgeräumt ist. An einer Wand stehen und hängen weiße Küchenschränke mit dunkelgrauen Türen. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich ein Kühlschrank sowie ein Küchentisch mit drei Stühlen, die Sitzflächen in Weiß mit dunkelgrauen Rückenlehnen.
Von der Arbeitsplatte nimmt sie sich eine Flasche Apfelsaft mit extra hohem Zuckeranteil und trinkt einige Schlucke. Ohne die bremsende Wirkung durch Ballaststoffe oder Fette erreicht der Zucker zügig die Blutbahnen. Sie wartet ab, läuft hin und her, nimmt am Küchentisch Platz und bereitet die Blutzuckermessung vor. Mit einem Desinfektionstuch wischt sie über ihren Mittelfinger. Sie setzt die Stechhilfe an, die wie ein Kugelschreiber gestaltet ist, und für eine Millisekunde schießt die Lanzette schmerzfrei in ihre Fingerkuppe. Sie drückt um die Einstichstelle und wischt den ersten Blutstropfen ab. An den nächsten Tropfen hält sie ein Messgerät. Auf dem Display läuft ein Countdown von fünf auf null. Dann sieht sie den Wert.
Zufrieden lächelnd lehnt sie sich auf dem Stuhl zurück. Perfekt. Sie nimmt eine Tablette aus der Verpackung des Immunsuppressivums, dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger. „Na, Du kleines Mistding? Du könntest an meinen Organen verdammt viel Schaden anrichten. Zum Glück brauche ich Dich nicht.“
Sie schnippt das Medikament im hohen Bogen ins Waschbecken. Dann nimmt sie aus einer unbeschrifteten Packung eine andere weiße Tablette und schluckt sie herunter.
Geht doch. Meint sie.