Читать книгу DIE GABE - Michael Stuhr - Страница 5
01 TOTENGANG
ОглавлениеMir ist kalt. Die Luft ist feucht und es riecht modrig. Der Boden ist mit kalkiger Nässe und milchigen Pfützen bedeckt. Fröstelnd ziehe ich die dünne Sweatjacke enger um meine Schultern. Aber die Gänsehaut bleibt.
Langsam gehe ich weiter durch diesen düsteren Gang, der kein Ende zu nehmen scheint. Die anderen sind schon lange vorgegangen, aber ich kann mich nicht so schnell trennen von diesem Anblick. Dunkle Augenhöhlen starren mich aus Totenschädeln an, die ordentlich ausgerichtet in Reih und Glied an beiden Seiten des Stollens gestapelt sind.
All diese vergangenen Leben voller Freude und Trauer, Liebe und Hass. Was mögen diese nun leeren Augenhöhlen wohl alles gesehen haben? Ich stehe vor einem Schädel und versuche mir auszumalen, wie dieser Mensch wohl ausgesehen haben mag. War es ein Mann oder eine Frau? Wie alt war er? War er glücklich in seinem Leben? Hat er geliebt, wurde er geliebt, musste er einen schmerzhaften Tod sterben?
Mich schaudert, denn mir wird bewusst, dass nichts übriggeblieben ist von all diesen Menschen, weder ihre Namen, noch ihr Geschlecht oder ihr Alter. Sie durften noch nicht einmal die Knochen behalten, die früher zu ihrem Körper gehört haben. Die liegen nun seit Jahrhunderten in einer grotesk geometrischen Anordnung aufeinandergestapelt in diesem Gruselkabinett.
Ein paar von Diegos Leuten könnten diese Menschen hier noch gekannt haben. Tatsächlich, das wäre doch möglich, wenn ich Diegos Erklärungen richtig verstanden habe. Darksider können sehr alt werden. Nachdenklich betrachte ich den Schädel vor mir. Vielleicht war dies hier ja ein Händler und Adriano hat mit ihm in längst vergangener Zeit in einer Schänke zusammengesessen und Geschäfte gemacht. Dieser Mensch hat vielleicht Pastis getrunken und Adriano wahrscheinlich Wasser, weil Darksider ja keinen Alkohol vertragen. Und dann, als dieser arglose Bürger von Paris ein bisschen angetrunken war, hat sich Adriano unauffällig etwas näher zu ihm gesetzt, um sich ganz nebenbei ein wenig von seiner Lebenskraft zu nehmen.
Am nächsten Morgen hatte der ahnungslose Kerl dann einen heftigen Kater und hat das auf den übermäßigen Genuss von Pastis zurückgeführt. In Wirklichkeit hat er ein paar Jahre seines Lebens verloren. Mich schaudert, und wieder stehen die Ereignisse des letzten Sommers so lebendig vor mir, als sei das alles gerade erst geschehen.
Hinter mir höre ich ein leises Atmen. Erschrocken fahre ich herum und starre in den halbdunklen, nur von wenigen Lampen beleuchteten Stollen. Nichts! Erleichtert atme ich auf. Ich dachte schon, da hätte mich einer belauert.
‚Ach quatsch Lana, das ist vorbei!’ schimpfe ich mich selbst. Trotzdem mache ich mich lieber auf den Weg. Kaum bin ich ein paar Schritte gegangen, höre ich ein gedämpftes Räuspern. Wie unter Zwang bleibe ich stehen, drehe mich langsam um und starre in das gespenstische Dämmerlicht. Eigentlich will ich nur weg hier, ich will fliehen, aber meine Muskeln versagen mir den Dienst, sie sind wie erstarrt.
In meinem Kopf wummert es in gleichmäßigem Takt. Ich will den anderen hinterher, aber ich kann mich nicht rühren. ‚Das kenne ich, das kenne ich doch!’ Ich fühle mich, als würden sich bleischwere Hände um meinen Schädel legen und vor mir taucht das Bild einer Yacht auf. ‚Du musst dich losreißen Lana’, schreit es in mir, ‚das ist derselbe Trick wie damals. Reiß dich los! Befreie dich!’ Mit einem Aufschrei gelingt es mir, diese merkwürdige Starre, die mich befallen hat, zu überwinden.
Unsicher drehe ich mich um und versuche, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es geht langsam, viel zu langsam. Ich komme mir vor, wie in einem Traum, in dem man fliehen will und nicht vorwärts kommt.
‚Nimm deine Kräfte zusammen Lana und geh schneller.‘ Ich versuche es, aber es wird nur ein Dahinstolpern daraus. Erst als ich in eine Pfütze trete, und die kalte, kalkige Brühe mir bis an die Knöchel spritzt, werde ich wirklich wach und meine Muskeln gehorchen mir wieder.
Viele Gedanken wirbeln mir im Kopf herum. Bilder von dieser Yacht, Dolores, die mich aus ihren Katzenaugen mustert, das Whisky-Glas, der Sprung über die Reling, das Wasser, das kalte dunkle Wasser und das Gefühl zu ersticken. Wo ist oben, wo ist unten? Die Strömung will mich in die Schiffsschraube hinein reißen. Die Erinnerung wird übermächtig, hier, in diesem dunklen unheimlichen Gang. Ich höre mich selber keuchen und mir wird bewusst, dass ich kurz davor bin, in Panik zu geraten. Wie besinnungslos hetze ich weiter.
Meine todbringende Feindin mit ihren mächtigen Helfern hat immer noch Macht über mich. Ich spüre noch den kalten tiefen Sog unter dem Schiffsrumpf und meine schreckliche Angst, nie wieder Luft holen zu können. Wenn Diego nicht gewesen wäre, würde ich jetzt nicht hier sein. Andererseits wünsche ich mir in diesem Moment eigentlich nichts sehnlicher, als wirklich nicht hier zu sein.
Meine Nackenhaare und mein ganzer Rücken geben mir knisternde Signale, die sagen, dass ich verfolgt werde! Aber wenn ich einen vorsichtigen Blick über die Schulter wage, sehe ich keine Bewegung, keinen Schatten, nur die Gebeine längst Verstorbener. Dass ich das mal als beruhigend empfinden würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.
Schweiß rinnt mir in die Augen. Wo verdammt noch mal sind die Anderen? Wie lange habe ich denn dort gestanden, ohne zu merken, dass die alle schon weg sind?
„Diese Inschrift hier sagt uns, das die sterblichen Überreste 1859 vom Friedhof Madeleine hierher verbracht wurden ...“ Die rauchige Stimme von Madame Ulliette hallt gedämpft von den Wänden wider und klingt in meinen Ohren wie Engelsmusik. Endlich in Sicherheit. Schatten von Menschen sind hinter der nächsten Biegung zu sehen. Ich werde langsamer und versuche meinen keuchenden Atem in den Griff zu bekommen. Es muss ja nicht gleich jeder merken, das Lana Rouvier hier wie ein panisches Karnickel um die Ecke geflitzt kommt.
Na, ja, jeder merkt es nicht, aber Beatrice allemal. „Hey, Lana, wo warst du denn? Mein Gott, wie siehst du denn aus? Hast du einen Geist gesehen?“
„Halt die Klappe Bea!“, unterbreche ich sie leise und stelle mich möglichst unauffällig neben sie, während mir das Herz immer noch bis zum Hals hinauf hämmert. Ich versuche meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Unruhig schaue ich mich zum Gang hin um, aber dort ist niemand.
Beatrice Dupont ist meine älteste Freundin. Wir kennen uns seit der ersten Vorschulklasse. Sie mustert mich mit kritisch zusammengekniffenen Augen und schluckt weitere lustige Sprüche runter. Ist auch besser so. Bea kennt mich gut genug um zu wissen, dass ich es wirklich ernst meine, wenn ich so pampig werde. Schließlich stupst sie mich an und flüstert: „Ey, ist ja gut, beruhig dich.“
Es ist kalt, es ist feucht, es ist gruselig, was Madame Ulliette aber leider nicht daran hindert, uns in der Crypte de la Passion ausführlich Einzelheiten aus der Geschichte der Katakomben zu erzählen: „Von den über 300 Kilometern dieses Stollensystems haben wir gerade mal zwei Kilometer gesehen“, berichtet sie mit wichtiger Stimme und erhobenem Zeigefinger.
Ich gähne leise hinter vorgehaltener Hand.
„Pass lieber auf und merk dir das!“ flüstert Coco und schubst mich.
„Merk‘s dir doch selbst!“, flüstere ich zurück.
„Nö!“ Coco streicht sich grinsend über ihre lila gesträhnten kurzen Haare, zwinkert mir zu und gesellt sich zu ihrem Freund Hervé.
Hervé legt den Arm um sie und schaut sie dabei zärtlich lächelnd an. Die beiden sind seit einem halben Jahr ein Paar. Wie schon so oft frage ich mich, wie er sich gleich nacheinander in zwei so unterschiedliche Mädchen verlieben konnte: Zuerst in mich. - Fast so groß wie er, dünn und blond, und dann in die kleine Coco mit ihren schwarz-lila kurzen Haaren und dem ewigen Kaugummi zwischen ihren gepiercten Lippen. Ich bin nicht eifersüchtig, ganz im Gegenteil, ich mag Coco sehr. Auch wenn sie ganz anders aussieht, sie erinnert mich in ihrer lustigen, kumpelhaften Art ein bisschen an Felix.
Felix! Während ich Hervé und Coco folge, tauchen die Erinnerungen an sie und Port Grimaud wieder auf: Unsere Aktion bei der Miss Teen Beach Wahl und der Spaß, den wir beim Üben hatten und wie sie tanzen konnte und dann ...
Ein leichter Stupser in die Seite treibt mich vorwärts. „Träum nicht, Chérie, jetzt geht’s an die frische Luft.“ Bea drängt sich an mir vorbei in den Aufgang zu einer schmalen Wendeltreppe.
„Oh Gott, ich krieg Platzangst!“, stöhne ich auf, als ich zögernd in diese steinerne Enge schaue.
„Los, mach schon, sonst hältst du noch den ganzen Verkehr auf. Jetzt komm! Du schaffst das schon, sind ja nur 83 Stufen.“
„Nur ist gut“, maule ich und folge ihr.
Keuchend erreichen wir den Ausgang. „Tatsächlich, 83 Stufen“, schnauft Bea vor mir.
Ich hab nicht gezählt. Ich bin froh, dass ich diese bedrückende Enge endlich hinter mir habe und wieder frei atmen kann.
„Na toll, wenn da unten einer umkippt, muss man erst bis hier hoch hecheln, um Hilfe zu holen“, meckert Bea und deutet auf den Defibrillator an der Wand.
„Na, der hat’s wohl nicht mehr geschafft“, prustet Coco hinter mir los und zeigt auf einen Totenschädel, der neben dem Glaskasten mit dem Elektroschockgerät auf einer Ablage liegt. - Vermutlich das konfiszierte Beutestück eines Touristen.
Zwei Bedienstete der Katakomben kontrollieren sorgfältig unsere Taschen und Rucksäcke. Sie finden unser Gespräch gar nicht witzig, denn sie sind Knochenjäger. Sie suchen nach geklauten ‚Souvenirs‘ aus den Katakomben. Unser Grinsen quittieren sie mit ziemlich bösen, misstrauischen Mienen. Aber sie werden nicht fündig. Keiner von uns hat Knochen oder Schädel dabei - außer dem eigenen natürlich.
Helles Sonnenlicht blendet mich und eine wohltuende Wärme schlägt mir entgegen, als ich endlich auf die Straße hinaustrete. Mit dem Sonnenlicht schwinden jetzt endlich auch meine Beklemmungen, die ich die ganze Zeit über dort unten empfunden habe. Dieses leise Atmen hinter mir habe ich mir bestimmt nur eingebildet. Vielleicht waren das ja auch Geräusche vom Belüftungssystem. Und dass ich mich wie betäubt gefühlt habe und kaum weglaufen konnte, diese Muskelstarre, nein, das war wohl doch kein hypnotischer Einfluss. Bestimmt ist die Luft dort unten von betäubenden Gasen durchsetzt und es war ja auch ziemlich kalt, rede ich mir ein. Trotzdem fühle ich mich so, als sei ich gerade in großer Gefahr gewesen.
Nach und nach sammeln wir uns am Geländer vor dem Ausgang. Ich könnte jetzt ne Cola gebrauchen, aber hier gibt es leider keinen Kiosk. Komisch eigentlich. Die Pariser Katakomben locken doch jede Menge Touristen an.
Bea stößt mir leicht in die Rippen. „Du sag mal, was war denn vorhin los mit dir?“ Neugierig sieht sie mich an.
„Ach nichts, mir war nur unheimlich, weil ich euch nicht gleich gefunden habe“ - Tolle Erklärung! Es gab dort nur einen Gang. Unmöglich, eine Gruppe von 20 Schülern zu verfehlen.
„Mmh“, meint Bea nur und sieht mich stirnrunzelnd an.
„Na Kinder, auch froh, wieder an der frischen Luft zu sein?“ Mit hochrotem Gesicht erscheint Madame Ulliette im Ausgang und tupft sich mit einem Taschentuch seufzend die schweißglänzende Stirn. Ihr Blick fällt dabei auf meine Schuhe. „Na Lana, bist wohl auch in so eine Kalkpfütze getreten. Ob du das wieder raus kriegst?“, zweifelnd schüttelt sie den Kopf.
„Ihre Schuhe sehen aber auch nicht besser aus, Madame Ulliette“, meint Coco. „Oh und meine eigentlich auch nicht“, fügt sie betroffen hinzu, als sie an sich selber hinunter schaut. Keiner ist bei diesem Marsch durch die Katakomben gut weggekommen und überall wird Genörgel laut.
Schmieriges Weiß bedeckt meine Chucks. Während ich sie betrachte und meine Zehen darin hin und her bewege, merke ich, dass sich der rechte Schuh total vollgesogen hat. Na toll, die Schuhe habe ich mir vorige Woche erst gekauft.
„Wir fahren jetzt mit der 4 von Alésia zur Châtelet und gehen dann an der Seine entlang zum Louvre“, verkündet Madame Ulliette und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Och nee!“, stöhnt Hervé auf, „warum können wir denn nicht in die 1 umsteigen und direkt bis zum Louvre fahren? Wozu gibt es denn die Metro?“
Madame Ulliette schüttelt energisch den Kopf. „Also bevor wir in Ch?telet durch diese vielen Tunnel gelaufen sind, haben wir den Louvre dreimal erreicht.“
„Oh ja, da hat sie leider Recht“, sagt Bea zu Hervé und verzieht betrübt die Lippen.
„Außerdem hab ich genug von unterirdischen Gängen“, fügt Madame Ulliette hinzu. „Ein bisschen frische Luft wird uns nach diesem Moder in den Katakomben bestimmt gut tun!“ Das allseitige Murren nimmt sie als Zustimmung und marschiert einfach los.
Als wir ihr zögernd zur Metro folgen, sehe ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Ausgang der Katakomben. Ein Mann tritt blinzelnd auf die sonnige Straße und schaut sich suchend um. Wie zufällig streift mich sein Blick. Mir wird ganz kalt. Ich hake mich bei Bea ein, ziehe sie vorwärts und drängele mich durch die Gruppe unserer Mitschüler, ohne auf ihre Proteste zu achten.
„Was ist denn mit dir los?“, mault Bea neben mir und gerät fast ins Stolpern, so heftig reiße ich an ihrem Arm. „Wieso hast du es denn plötzlich so eilig? Werden wir verfolgt?“ Sie schaut neugierig zurück und sagt dann laut - viel zu laut: „Na der hat sich seine Schuhe aber auch ganz schön ruiniert. Warum starrt der uns denn so an?“
Ich drehe mich nicht um und zerre weiter an ihrem Arm. Wieder spüre ich diese knisternde Anspannung in meinem Rücken.
„Was ist denn nur los mit dir?“, meckert Bea. „Du bist heute so komisch, so als wärest du vor irgendwas auf der Flucht. Vorhin da unten auch schon.“
Wenn sie wüsste, wie Recht sie hat. Ich bin auf der Flucht. Auf der Flucht vor den Schatten des Sommerurlaubs in Port Grimaud. Auf der Flucht vor Darksidern, die mich schon einmal entführt und fast umgebracht haben. Ich habe immer noch Angst vor Dolores´ Leuten.
„Jetzt sag doch mal, was ist los mit dir?“, drängelt Bea.
„Erzähl ich dir später“, murmele ich gereizt und zerre sie weiter, bis wir endlich in die nächste Straße einbiegen und im Schutz der hohen Häuser verschwinden können.