Читать книгу STURM ÜBER THEDRA - Michael Stuhr - Страница 10

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KAPITEL 6 - DIE KAO-LAD

Auch wenn der Weg nicht das Ziel ist, so ist er doch der Weg.

Klobig wie ein altersgrauer Holzschuh lag die `Kao-lad' an der Kaimauer des Schneckenhafens. "Ein Schneckenschiff, das seinen Namen sicher verdient", meinte Gerit, als sie mit ihren Bündeln bepackt den Liegeplatz erreichten.

Insgeheim gab Teri ihm recht. Als Kind einer Hafenstadt hatte sie schon Tausende von Schiffen aller Art gesehen. Dieser alte Frachter mit seinen kurzen Masten und den kleinen Segeln würde starken Wind brauchen, um überhaupt von der Stelle zu kommen. Betrübt schaute sie zu dem hohen Felsenriff hinüber, das den Schwalbenhafen und die Werft der fliegenden Schiffe vollständig von der Stadt abtrennte. - Wie schön wäre es gewesen, hätten sie mit einem Schiff der Edelsteinklasse reisen können. - Aber das war natürlich völlig unmöglich. Erstens gehörten sie nicht zur Sturmflottenschar und durften die Schiffe noch nicht einmal aus der Nähe sehen, und zweitens hättenTanas und Gerits Ersparnisse aus vielen Jahren Arbeit noch nicht einmal ausgereicht, auch nur ihr Gepäck nach Isco, der Kaiserstadt des Kontinents, bringen zu lassen. So waren Tana und Gerit gezwungen gewesen, ein langsameres und billigeres Transportmittel zu wählen.

Teri spürte, wie Ärger in ihr aufkam. Dreißig Tage würde die `Kao-lad' etwa brauchen, bis sie die Kaiserstadt erreichte - das Zehnfache der Zeit, die ein Schwalbenschiff benötigte.

Eigentlich hatte Teri sich auf die Reise gefreut, aber jetzt schlich sie mürrisch und lustlos an Bord.

"Was ist mit dir? Hast du jetzt schon Heimweh?"

Teri beantwortete Gerits Frage nur mit einem unbestimmten Laut, der alles und nichts bedeuten konnte.

Tana hatte mit dem Kapitän vereinbart, dass für die Familie auf dem Vorschiff ein kleines Rechteck aus geöltem Tuch gebaut würde. Teri fand diesen Schutz reichlich überflüssig. Wind und Regen hatten ihr noch nie viel ausgemacht. Achtlos warf sie ihr Bündel in das winzige, mit Stroh ausgepolsterte Zelt und überließ Tana das Einrichten.

Gerit war inzwischen auf das Achterdeck gegangen und unterhielt sich mit dem Kapitän. Teri sah, wie er dem Mann etliche Münzen übergab. Unwillkürlich tastete sie nach dem flachen Lederbeutel, den sie unter ihrer Kleidung auf der Hüfte trug. Acht Bronzestücke waren darin und nochmals der Wert von zwei Bronzestücken in Kupfer- und Zinnmünzen. - Ein Vermögen! Teri schaute sich weiter um.

Oft schon war Teri auf Schiffen gewesen, die im Hafen lagen. Die grauen Planken, das ordentlich zusammengelegte Tauwerk, die wettergebleichten Segel aus grobem Tuch, das alles war ihr ein wohlvertrauter Anblick. Auch die Matrosen aus allen Ländern des Kontinents waren nichts Besonderes für sie. - Trotzdem war diesmal etwas anders: Noch nie war ihr ein Schiff so fremdartig und beängstigend vorgekommen, wie die Kao-lad. Die Matrosen, obwohl großenteils Einheimische, sahen so groß und roh aus. Selbst das Hafenwasser, Freund und Spielgefährte aller thedranischen Kinder, wirkte dunkel und bedrohlich. Die Kaimauer, die jetzt bei Ebbe hoch über das Deck der Seidenprinzessin aufragte, kam ihr seltsam vertraut und verlockend vor, und die Hafenausfahrt, dieser Felsdurchbruch am anderen Ende des Hafenbeckens, erschien ihr wie das Tor in eine fremde, feindselige Welt.

Teri erschauerte. Sie würde den Hafen verlassen. Sie würde Thedra an Bord dieses grauen, alten Frachters verlassen und jahrelang nicht zurückkommen. Sie hatte ihr Zuhause bereits verloren und war nun gerade dabei, auch noch den Rest aufzugeben.

Teri hatte Angst. Es war ungerecht von den Erwachsenen, sie in diese Sache mit hineinzuziehen. Was konnte sie denn dafür, dass ihre Stiefmutter sich von Zunft und Stadt losgesagt hatte? Einmal noch - nur einmal noch an Land gehen, die alten Freunde sehen, die bekannten Spiele spielen. Teri hatte Angst. Angst, die Sicherheit Thedras zu verlassen. Angst vor der Fremde. Angst vor der ganzen Welt! Unwillig gestand Teri sich eine unangenehme Tatsache ein: Möglich, dass Gerit Recht hatte mit seiner Vermutung. Möglich dass sie Heimweh hatte, schon hier, bevor es überhaupt losgegangen war.

Die Ankunft der Kraan an Bord war ein Ereignis für das ganze Hafenviertel.

Die Artisten nutzten den Abschied von Thedra für eine letzte glanzvolle Darbietung ihrer Künste. Hoch wirbelten die Holzstäbe der Jongleure, während die Wurfhölzer der Frauen in atemberaubendem Tempo wirbelnd die Masten der Schiffe umkreisten und immer wieder zu den Werferinnen zurückkehrten.

Durch die Beschläge des großen Holzreifens waren zwei feste Stäbe gesteckt worden, die sich in der Mitte kreuzten. Dieses Gerüst, getragen von drei Männern, diente als wandernde Plattform für die Künstler. Begleitet wurde das Spektakel von aufpeitschenden Rhythmen der Trommeln und Ratschen der Kraan, so dass für kurze Zeit alle Blicke im Hafen auf die Gaukler gerichtet waren und die Arbeit vollständig ruhte.

Bgobo, der Anführer der Truppe, nutzte die augenblickliche Aufmerksamkeit, sprang mit einem großen Satz auf das tragbare Podest und sprach den `Schlechten Dank'.

"Leute von Thedra", rief er, “ihr werdet traurig sein und ihr werdet verzweifeln, denn die Kraan verlassen jetzt eure Stadt! - Bgobo, Sohn eines hohen Fürstengeschlechts aus Wajir in der Steppe hinter der Wüste hinter dem Meer und seine göttinengleiche Mutter Aska haben sich herabgelassen, eurer kalten grauen Stadt einen Besuch abzustatten. Ihr habt uns empfangen wie es eurem Ruf entspricht, und dafür danken wir euch!

Thedraner, ihr seid ein hartes Gewächs, in Fels verwurzelt, und eure Herzen sind genauso steinern wie die Türme eurer Stadt! Steinern ist sogar eure Währung, wie mir scheint, denn bei unseren Darbietungen regneten mehr Kiesel als Kupfer auf unsere Decken.

Thedraner! - Eure Großzügigkeit ist die von Krämern und eure Gastfreundschaft die von Kerkermeistern. Eure Fürsorge ist die Fürsorge der Wachen, und das Bett, das ihr den Fremden bietet, taugt nicht einmal für eine sterbende Ziege! Darum werden Prinz Bgobo und seine königliche Mutter jetzt eure Festung des Geizes und der Habgier an Bord der Seidenprinzessin verlassen.

Ja, heult und zetert nur, werft euch zu Boden und weint! Zu spät! Zu spät kommt alle Reue! Ich und mein Gefolge fahren nun zum Berg der ewigen Jugend, und erst wenn ihr alle gestorben seid, kehren wir wieder und werden sehen, ob die Härte eurer Herzen auch auf eure Kinder übergegangen ist.

Lebt wohl, Thedraner, und fallt nur nicht ins Wasser. - Die Steine in eurer Brust würden euch sofort hinabziehen!"

Mit diesen Worten sprang Bgobo von der Plattform herab, während die Zuhörer in donnernden Applaus ausbrachen und ihm zujubelten. So schön hatte schon lange kein Artist mehr den `Schlechten Dank' gesprochen.

Schnell breiteten zwei der Frauen eine große Felldecke auf dem Hafenpflaster aus und von allen Seiten setzte ein wahrer Regen kleiner Gegenstände ein. Leider hatte Bgobo aber nur zu recht gehabt. Nach wenigen Augenblicken war die Decke förmlich mit kleinen Kieseln übersät, während nur da und dort der metallische Glanz eines kleinen Kupferstücks zu erkennen war.

"Selten ist mir der `Schlechte Dank' leichter über die Lippen gekommen", raunte Bgobo Gerit vertraulich zu, als er zurückwinkend das Schiff betrat. "Du wirst dich noch wundern, Thedraner, wie andere Völker ihre Gäste behandeln."

"Hom!" Neue Passagiere waren angekommen. Seltsame Männer in langen schwarzen Gewändern, deren Anführer jetzt gemessenen Schrittes über das Deck der Kao-lad ging und immer wieder dieses seltsame "Hom!" aussprach.

"Pilger des Harmuged", erklärte der Kapitän, der Gerits fragenden Blick bemerkt hatte. "Habt ihr noch nie von ihnen gehört?"

Gerit verneinte und auch Teri schüttelte den Kopf, hoffend, der Mann möge mehr über diese unheimlichen Pilger berichten.

"Es sind Wanderprediger. Ihr Gott heißt Harmuged. Ursprünglich kommen sie aus Hestron, der Steinwüstenstadt."

"Aus Hestron, der Magierfestung?" Gerits Stimme war die Erregung anzuhören. Von Magiern hatte er eine hohe Meinung.

"Ja", bestätigte der Kapitän. "Allerdings haben sie mit den Magiern dort nichts zu tun. - Mehr noch. - Man sagt, sie leben mit ihnen in ständiger Fehde. Die Jünger des Harmuged halten nichts von den Dingen dieser Welt. Ihr ganzes Wirken ist auf ein Leben nach dem Tode ausgerichtet. Sie suchen nach dem Tisch der Macht, der die Welt zeigt, und an dem der alte Kaiser des Kontinents darauf wartet, die Menschen von sich selbst zu erlösen. - Hoffentlich ist der Kerl bald damit fertig, seine Segnungen über das Schiff zu sprechen. So etwas macht meine Mannschaft immer ganz nervös."

Gerit schüttelte verwirrt den Kopf und auch Teri kam die Geschichte reichlich absonderlich vor.

"Für einen Mann, der sein wahres Leben erst nach dem Tode beginnen will, gibt dieser Mann sich aber reichlich Mühe, das Schiff zu verzaubern", meinte Gerit halblaut.

Der Kapitän zog vielsagend die Schultern hoch. "Auch Bronzestücke haben sie erstaunlich gerne", raunte er Gerit zu. "Nie sah man einen von ihnen irgend etwas arbeiten - aber Bronze haben die Burschen! Sie ziehen nur über Land und versprechen den Leuten einen Platz auf einer traumhaft schönen Insel, wenn sie nur fleißig opfern. - Das heißt, opfern müssen sie schon hier, auf die Insel kommen sie aber erst als Tote."

Teri drehte sich weg und ging zu Tana. Das Gespräch der Erwachsenen wurde ihr zu kompliziert. Einen Tisch suchen, der die Welt zeigte und die Menschen erlöste, war das etwas, womit Erwachsene sich beschäftigen konnten?

"Hom!" Der Pilger war mit seinen Segnungen jetzt beim Ruderbalken angekommen und kehrte zu seinem demütig wartenden Gefolge zurück.

Mit diesen Leuten auf einem Schiff reisen zu müssen, schlug Teri aufs Gemüt. Sehnsüchtig schaute sie auf den Kai.

Mittlerweile hatte das auflaufende Wasser die Kao-lad so weit angehoben, dass das Deck mit dem Hafenpflaster eine gerade Linie bildete. Plötzlich war die Angst wieder da. Der Augenblick der Abfahrt war nahe und rückte immer näher. Teri war versucht, vom Schiff zu fliehen, sich einfach auf die Laufplanke zu stürzen, über den Hafenplatz zu laufen und sich in einem ihrer vielen Verstecke zu verbergen.

"He, Teri!" Aska, die älteste der Kraan-Frauen, winkte ihr zu. "Du nicht Angst vor Weggehen. Du Welt sehe. Das gut!"

Teri lächelte schwach und zuckte hilflos die Schultern.

"Du komme und sitze auf Decke! Ich singe Lied von Welt."

Widerstrebend ließ Teri sich auf der Felldecke der Alten nieder. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich die Matrosen an den Leinen der Kao-lad zu schaffen machten. Panik breitete sich in ihr aus. Gleich würde es zu spät sein. Das Schiff legte schon ab. Wann würde sie Thedra wiedersehen? Es war ihr, als verlöre sie ihre Eltern ein zweites Mal. Mit tränenverschleiertem Blick saß sie da und spürte die Hand der Fremden auf ihrem Arm. Aska begann leise, ganz leise zu singen.

Schon nach wenigen Takten der komplizierten Melodie spürte Teri, wie die Angst, die sie fast überwältigt hatte, einer sanften Traurigkeit wich. Aber in der Melancholie des Abschieds schwang noch etwas anderes mit: Erwartung.

Schneller wurde die Melodie und fröhlicher. Teris Geist verließ voller Ungeduld den Hafen Thedras und flog weit auf das Meer hinaus. Ungeduldig strebte er den fernen, unbekannten Ländern zu, die so voller Wunder waren. Und dann sah Teri. - Sah, wie die Erzählungen des Großvaters Gestalt annahmen. - Sah die federleichten, dicken Drachen, die sich im starken Wind an Felsbrocken klammerten und wütend feurigen Rotz ausspien. - Sah die Menschen, denen die Zunge oben angewachsen war. - Sah die Türme aus Kristall, die die Einfahrt zur Kaiserstadt flankierten. - Sah alle Wunder dieser Welt, von denen sie je gehört hatte und konnte nicht genug davon bekommen. Jauchzend vor Glück überflog Teri die Welt. Tauchte tief in den Dschungel von Ceon und die Schluchten der Westlichen Berge. Schwang sich hoch über die Felsbarriere, die Estador vom restlichen Kontinent trennte und kehrte langsam, schwebend, wieder in den Hafen von Thedra zurück. Dann war Askas Lied zu Ende.

Teri war vor überschäumender Freude kaum noch zu bändigen. Mit strahlendem Gesicht schnellte sie hoch und schaute sich um. Noch immer war die Kao-lad mit einem letzten Tau am Kai festgemacht. Ein Ruderboot lag parat, das große Schiff aus dem windgeschützten Hafen herauszuschleppen. Die Matrosen in den Rahen waren bereit, beim geringsten Windhauch die Segel zu setzen.

Teri war glücklich. Endlich war es so weit. Sie würde die Welt sehen; die Kaiserstadt, Tigan, Gebirge und Wüsten und vieles andere mehr! Konnten die Matrosen sich nicht beeilen? Konnten die Ruderer nicht schneller rudern? Konnte der Wind nicht schon hier im Hafen wehen? Teri hatte es eilig. - Eilig, all die Wunder zu sehen, die auf sie warteten!

Das letzte Tau fiel polternd auf die Planken der Kao-lad.

"Es geht los! Endlich geht es los!" Teri hüpfte ausgelassen auf Tana und Gerit zu, die eng umschlungen vor dem kleinen Zelt auf dem Vorschiff saßen. Die ernsten, traurigen Gesichter der beiden Erwachsenen fielen ihr gar nicht auf. - Sie hätte auch kein Verständnis dafür gehabt. Die Welt wartete. Wie konnte man da traurig sein?

Am dritten Tag nach der Abfahrt kam in der Morgendämmerung das Finderschiff.

Zunächst war in dem Frühdunst über dem Wasser nicht genau zu erkennen gewesen, wer sich der Kao-lad in der Nacht genähert hatte. Der Matrose, der hoch oben im Mast in einem Segeltuchsitz Wache hielt, hatte ganz normal Meldung gemacht.

Dann, als die Sonne etwa vier Höhen über der Kimm stand, wurde es offensichtlich. Ein Dramilischer Dreimaster lief mit voller Fahrt auf die Kao-lad zu. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Vorsichtshalber gab der Kapitän die notwendigen Kommandos für einen Kurswechsel.

Sofort reagierte der Kapitän des fremden Schiffes und änderte ebenfalls den Kurs. Wieder lag die Kao-lad direkt vor dem Bug des Dreimasters. - Die Jagd war eröffnet.

Der Kapitän der Kao-lad hielt die Besatzung des Finderschiffs in Atem. Jedes Mal, wenn der Finder sich auf einen Kollisionskurs eingerichtet hatte, wechselte die Seidenprinzessin eilig ihren Kurs. Da sie erheblich kleiner war als das Finderschiff, ging das auch recht schnell, so dass die Piraten ein ums andere Mal mit voller Fahrt ins Leere stießen.

Aufgeregt verfolgten die Passagiere der Kao-lad die Bewegungen des feindlichen Schiffs; allen voran Teri, die mit großen Augen an der Reling stand und bewundernd auf den riesigen Dreimaster starrte, der jedes Mal, wenn er in Rufweite vorbeigerauscht war, behäbig wendete und die Verfolgung erneut aufnahm.

Lange konnte dieses Spiel nicht mehr gutgehen. Die Kao-lad glich einem verzweifelten Mäuschen, das vor einer gierigen Katze flieht. Schon begann der Finder die Taktik des Frachterkapitäns zu durchschauen und änderte fast gleichzeitig mit ihm den Kurs. Bedrohlich nahe kam das fast doppelt so lange Schiff der Kao-lad.

Aufgeregt rief Tana nach Teri, die sich unwillig von der Reling löste. Sie kannte zwar viele blutrünstige Geschichten, die die Seeleute im Hafen sich von Findern erzählten, aber dass es bei dieser Jagd auf hoher See tatsächlich um Leben und Tod ging, hatte sie noch gar nicht begriffen. Das änderte sich auch nicht, als ein vielstimmiger Schrei an Bord ertönte. Von dem Finderschiff aus war ein brennender Pfeil abgeschossen worden, der jedoch mehrere Mannslängen von der Kao-lad entfernt zischend im Meer versank.

Der Kapitän der Kao-lad gab ein paar schnelle Kommandos. Träge legte sich das schwere Schiff auf die andere Seite. Wieder blieb der Finder ein gutes Stück zurück.

"Teri, komm jetzt!" Tana war schon seit der Abreise aus Thedra seekrank. Sie hatte sich in der Nähe des Zeltes hinter das niedrige Schanzkleid des Frachters gehockt und streckte jetzt schwach die Hand aus. Teri dachte nicht daran, sich feige zu verstecken, andererseits war es hier auf Deck tatsächlich nicht ganz sicher. Ungeachtet der Rufe Tanas flitzte Teri zum Hauptmast und brachte sich schnell aus Gerits Reichweite, der auf dem Deck umherhüpfte und nach ihren Knöcheln haschte.

Je höher Teri in den Mast stieg, desto wohler fühlte sie sich. Das vielfach verstärkte Schwanken des Schiffs, die Kraft des Windes, die bessere Übersicht - das alles gefiel ihr.

"Hau ab, Kleine. Du störst hier!" Das war ein Matrose, der vom Ende einer Rahe mit der Faust drohte. - `Lächerlich!' - Teri kletterte weiter.

Nachdem sich der Abstand zwischen den beiden Schiffen kurzfristig vergrößert hatte, nahm der Finder nach einer Wende schon wieder Fahrt auf. Seine Absicht war klar: Er wollte längsseits der Kao-lad gehen, um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie so zu stoppen. - Wie das Manöver auch immer ausging, das Finderschiff würde nahe herankommen, dieses Mal. Sehr nahe sogar.

Geschmeidig erhoben sich aus der Gruppe der Kraan zwei der jüngsten Frauen und gingen zur Reling. Gleichzeitig begann Aska, die Mutter Bgobos, mit einem ängstlichen, dünnen Gesang, der schlagartig allen, die an Bord waren, den Mut nahm. Sie waren allein auf hoher See den schnellen und brutalen Attacken eines rücksichtslosen Angreifers ausgesetzt. Sie waren verloren! Die Matrosen in den Rahen, die sich für den nächsten Befehl des Kapitäns bereithielten, ließen die Hände sinken. Die ganze Flucht hatte doch keinen Sinn, das wußte plötzlich jeder an Bord. Warum also das Ende hinauszögern? Das Beste war doch, einfach aufzugeben und sich den Findern auszuliefern. Selbst der Kapitän auf dem Achterdeck schaute resignierend auf die Planken und ließ dem Schiff seinen Lauf. Was war seine seemännische Kunst im Vergleich zu der Überlegenheit der Finder? Früher oder später würde ein Feuerpfeil die Segel der Kao-lad in Brand setzen, und dann war die Fahrt ohnehin zu Ende.

Das Finderschiff hatte inzwischen stark aufgeholt. Es würde sich etwa dreißig Mannslängen von der Seidenprinzessin entfernt vor den Wind legen. Hatte die plumpe Kao-lad erst einmal Fahrt verloren, war der Rest ein Kinderspiel. In weniger als vier Sonnenhöhen würde an Bord des Frachters niemand mehr leben, und die Finder würden wieder einmal einen guten `Fund' zu feiern haben. Jedermann an Bord der Kao-lad hatte in diesem Moment mit dem Leben abgeschlossen.

Plötzlich änderte sich das Lied der Alten dramatisch. Lauter werdend, ließ sie Melodie und Rhythmus schneller und härter klingen. Innerhalb weniger Takte war aus dem klagenden Jammergesang einer ängstlichen Seele ein kraftvolles Kampflied geworden.

Die Wirkung war erstaunlich. Wie eine Windböe in einen schlafenden Wald, so fuhr das Lied in Mannschaft und Passagiere der Kao-lad. Überall fand das Fünkchen aufflackernden Mutes reichliche Nahrung. Muskeln strafften sich und Hände ballten sich zu Fäusten. Was immer als Waffe dienen konnte, wurde aufgenommen. - Sollten die Finder doch kommen. Die Menschen auf der Kao-lad würden ihnen eine Lektion erteilen, dass ihnen die Lust am Finden für immer verging!

Wie ein Waldbrand mit rasender Geschwindigkeit von Baum zu Baum springt, so brauste die Stichflamme des Mutes über die Kao-lad hinweg und setzte die Herzen in Brand. Mochten die Finder nur kommen! Hier an Bord war jeder bereit, für jeden anderen mit seinem Leben einzutreten. Mochten die Finder nur kommen! Wie schwach war doch ihre Gier nach den Reichtümern der Seidenprinzessin gegen die Liebe, die die Menschen hier an Bord plötzlich füreinander empfanden. Hier würde man nicht für Fracht und Geld kämpfen! Tiere mußten abgewehrt werden! Wilde Tiere! Hier würde jeder jeden beschützen! Die Menschen der Kao-lad konnten nicht verlieren, denn sie waren in diesem Augenblick wie ein einziger Leib und eine einzige Seele.

In diesem Moment höchster Einigkeit und Zuversicht schob sich das gewaltige Segel des Finderschiffs vor den Wind.

Augenblicklich richtete die Kao-lad sich auf und lag manövrierunfähig im Wasser.

Genau in diesem Moment beugten sich die beiden Kraan-Frauen an der Reling weit zurück und warfen mit mächtigem Schwung ihre Flughölzer in flachem Bogen über das Wasser.

Atemlos verfolgte Teri hoch oben im Mast die Bahn der wirbelnden Krummhölzer, die sich in genau berechnetem Bogen rasend schnell auf das Finderschiff zu bewegten. Es schien ihr, als strahle das Holz einen besonderen Glanz aus, fast wie Metall. - Aber das konnte natürlich nicht sein.

Die Männer des Finderschiffs waren vollständig überrascht von der Attacke. Nahezu bewegungslos standen sie da und beobachteten die Flugbahn der Hölzer. Sogar der Bogenschütze mit dem Brandpfeil vergaß für einen Augenblick seine Absicht.

Sirrend, metallischen Glanz ausstrahlend, kamen die seltsamen Waffen flach über das Wasser gewirbelt und hoben sich erst kurz vor der Bordwand über die Reling hinweg. Erschreckt zogen die Finder in der Nähe des Hauptmastes die Köpfe ein und manche ließen sich sogar auf das Deck fallen, um nicht getroffen zu werden, aber da waren die wirbelnden Krummhölzer schon zwischen ihnen hindurchgeflogen.

Erste Lacher wurden laut über diesen wunderlichen, vergeblichen Angriff, als urplötzlich das Verhängnis über den Dreimaster hereinbrach.

Ein lauter Knall hinter ihrem Rücken ließ die Finder herumfahren. Jetzt erst sahen sie, was das Ziel der Wurfhölzer gewesen war. Nicht auf die Männer der Besatzung hatten die Werferinnen gezielt, das Schiff selbst hatten sie verwunden wollen. Die Flughölzer hatten die Abspannungen des Hauptmastes auf der Windseite des Finderschiffs glatt durchschlagen. Mit einem Geräusch wie Peitschenknall waren die Wanten hoch in den Himmel gestiegen und hatten auf ihrem Weg eine Schneise der Zerstörung in Rahen und Segel gerissen. - Aber das war nicht das Schlimmste. Da die seitliche Abspannung plötzlich fehlte, konnte der riesige Hauptmast dem enormen Winddruck nicht mehr standhalten. Zwar war er fest im Deck verkeilt und reichte bis zum Kiel hinunter, aber ein voll aufgetakelter Hauptmast kann sich unmöglich aus eigener Kraft vor dem Wind behaupten.

Das erste Krachen reißender Holzfasern wurde zu einem immer lauter werdenden Prasseln. Immer weiter neigte sich der Mast des Finderschiffs der Kao-lad zu. Die Männer in den Rahen versuchten schon, sich mit verzweifelten Sprüngen in Sicherheit zu bringen und die Matrosen an Deck liefen wild durcheinander. Vergessen war der Angriff auf die Kao-lad. Jetzt hieß es nur noch "Rettet das Schiff!" Mit einem Geräusch wie qualvolles Stöhnen gab das Innerste, die Seele des Mastes, nach. Immer schneller neigte sich das Takelwerk dem Wasser zu und schlug klatschend auf die Wellen.

In gefährlicher Schräglage trieb das eben noch so bedrohliche Finderschiff hilflos vor dem Wind.

Langsam nahm die Kao-lad wieder Fahrt auf. Der Gesang der alten Aska war zu einer ruhigen, friedlichen Weise geworden und die jungen Frauen kehrten von der Reling zurück.

Aska nickte zufrieden. Der eigentliche Text des Liedes handelte von einer Mutter, die mit ihrem Kind in der Steppe unterwegs ist. Die beiden werden von wilden Tieren verfolgt, und die Mutter nimmt den Kampf auf. Ihrem Kind zuliebe trotzt sie der tödlichen Gefahr und findet am Ende eine sichere Zuflucht. Das `Lied des einsamen Kampfes' hatte noch nie seine Wirkung verfehlt. Es kehrte die besten und edelsten Seiten der Zuhörer hervor und spornte sie zu enormen Leistungen an. Die jungen Frauen hatten die Taue des feindlichen Schiffs überhaupt nicht verfehlen können.

Stolz kamen die beiden Werferinnen zu der Alten und setzten sich nieder. Erwartung lag in ihren Augen.

Ernst griff Aska in die Vorratstöpfe der Kraan und gab jeder der jüngeren ein Stück Brot und Trockenfisch. - Von einem guten Essen nach überstandener Gefahr hatte sie in dem Lied schließlich auch gesungen, und so etwas macht Appetit.

Teri, hoch oben im Mast der Kao-lad hatte alles genau verfolgt. Jetzt sah sie schadenfroh auf das Finderschiff hinab, das hilflos vor dem Wind treibend hinter der Seidenprinzessin zurückblieb. Es würde Tage dauern, Mast und Segel zu bergen und das Schiff wieder einigermaßen manövrierfähig zu machen.

Die Finder hatten ein Beiboot zu Wasser gebracht, das jetzt in weitem Bogen um das Schiff herumfuhr und sich um die Männer kümmerte, die durch den Bruch des Hauptmastes ins Meer geschleudert worden waren.

Immer kleiner wurde das Finderschiff, immer schneller entfernte sich die Kao-lad. Teri sah gerade noch, wie die ersten Finder auf dem schiefliegenden Mastbaum entlangbalancierten und sich an Segeltuch und Tauwerk zu schaffen machten, dann war nicht mehr genau zu erkennen, was auf dem schwer beschädigten Schiff vor sich ging.

Wieder ertönte ein Lied auf der Kao-lad. Doch nicht die Worte der Kraan-Sprache waren es diesmal, die die Luft durchdrangen; die Mannschaft hatte ein fröhliches Seemannslied angestimmt, in dem lauter fürchterliche Gestalten ein Schiff bedrohten, die allesamt von einem pfiffigen Schiffsjungen auf witzige Art abgewehrt werden konnten. So bekam zum Beispiel ein riesiges Seeungeheuer ein Fässchen scharfer Gewürze zu schmecken und der Feuermann, der auf den Rahen tanzte, wurde mit einem Schwall Wasser aus einem Ledereimer verjagt.

Vergnügt kletterte Teri auf das Deck hinab. Die schlechte Laune der Erwachsenen war bestimmt verflogen. Außerdem hatte sie großen Hunger. Sollten Tana und Gerit wegen ihres Ungehorsams noch böse auf sie sein - die Kraan würden ihr bestimmt etwas zu essen geben.

Tana war nicht böse. Tana war erleichtert, dass der Angriff so unblutig hatte abgewehrt werden können. Zum Schein grummelte sie ein wenig herum, suchte Teri dann aber ein Stück besonders gut duftenden Gewürzbrotes aus der kleinen Vorratskiste der Familie. Tana tat Teri Leid, wie sie so schwach dalag und von den köstlichen Vorräten nicht einmal essen konnte. Gerit war zuerst auch seekrank geworden, hatte sich aber nach zwei Tagen wieder gefangen. Voller Mitleid biss Teri in ihr Gewürzbrot und ging fort, als Tana wieder würgende Geräusche von sich gab.

"Wir sollten Harmuged danken!" Der Wind wehte einige Wortfetzen vom Achterdeck herüber, wo Acon, der Pilger, lautstark auf den Kapitän einredete. "Harmuged hat dieses Schiff auf wunderbare Weise errettet!", schrie er fast. "Wir müssen ihm opfern!"

Teri schlenderte näher. Genüßlich kaute sie an der harten Brotrinde herum und verfolgte gebannt das hitzige Gespräch der Männer.

"Ganz offensichtlich habt Ihr nicht recht achtgegeben, Pilger." Der Kapitän sah belustigt auf Acon hinab. "Wenn Euer Harmuged das Schiff errettet hat, wie Ihr sagt, dann haben die Kraan ihm aber sehr gut dabei geholfen."

"Harmuged hat die Hände der Kraan geführt, wie er all unser Tun lenkt! Ihr solltet ihm dankbar sein, dass Ihr noch leben dürft!"

"Ich werde Eurem Harmuged meine Dankbarkeit beweisen, indem ich die Menschen und Waren sicher in den Hafen der Kaiserstadt bringe."

"Harmuged hat geholfen. Harmuged gebührt ein Opfer", beharrte Acon. "Wir Pilger werden die Worte des Dankes zelebrieren und erwarten, dass sich alle an Bord daran beteiligen. Weiterhin erwarten wir, dass Ihr, Kapitän, aus Euren Vorräten ein Opfer für Harmuged hergebt."

"Na gut", willigte der Kapitän ein, "werft meinetwegen einen Löffel Grütze ins Meer, oder wie auch immer Ihr opfert - aber macht mir meine Leute nicht verückt." Er wandte sich ab, um seinem Bootsmann Weisungen zu geben.

Acon wurde blass. So sehr hatten die Worte des Kapitäns ihn getroffen, dass er nach Atem ringen mußte. "Ihr, Ihr spottet Harmuged! Fürchtet Harmugeds Zorn! Fürchtet die Verbannung auf die Insel der ewigen Kälte, wo der lebendige Geist der Spötter und Narren in eisigen Nächten ohne Schutz und Nahrung umherirrt! - Fürchtet das Lachen der Auserwählten, deren Geist auf der Insel der ewigen Wärme in Freuden lebt! - Fürchtet die Boten Harmugeds, die Euch verfolgen werden; die die Stunde Eures Todes schon kennen und ihre Krallen in Euren lebendigen Geist schlagen werden! Neigt Euer Haupt zu Boden und tut Buße! Noch ist es Zeit, der ewigen Kälte zu entfliehen!"

"Gut!" Der Kapitän drehte sich wieder Acon zu, der geifernd vor den Stufen des Achterdecks stand und sich fürs erste verausgabt zu haben schien. "Gut! Das Schiff wurde errettet, und ich sehe ein, dass ich dankbar zu sein habe!"

Acon wartete mit steinernem Gesicht ab. Konnte es sein, dass seine Brandrede so schnell zum Erfolg geführt hatte?

"Gerade habe ich angeordnet, dass aus meinen privaten Beständen ein großer Krug des besten Weines geopfert wird. - Möge er den Kraan gut munden!" Damit war das Gespräch für den Kapitän beendet.

Abrupt drehte Acon sich um und ging zu seinen Leuten, die demütig einige Schritte hinter ihm gewartet hatten. Teri schaute zu, wie die Männer zu ihrem Lagerplatz auf dem Deck gingen und sich dort niederließen.

"Worte des Dankes!", fing Acon unverzüglich an zu rezitieren.

"Worte des Dankes!", wiederholte die kleine Schar seiner Gefolgsleute.

"Dank sei dir, oh Harmuged, für deine große Güte!"

"Dank sei dir, oh Harmuged, für ..."

Teri wurde es langweilig und sie wandte sich wichtigeren Sachen zu. Gemächlich schob sie sich das letzte Stückchen Brot in den Mund und ging dann zu den Kraan hinüber. Aska hatte versprochen, ihr heute das Lied der Mildtätigkeit beizubringen.

Langsam begann Teri die komplizierten Zusammenhänge der Kraan-Sprache zu begreifen. Die Kraan waren Meister der Zwischentöne. Je nach Aussprachetempo, Klangfarbe und Betonung konnte ein Wort bis zu neun verschiedenen Bedeutungen haben. Stundenlang hatte Teri schon mit der Alten zusammengesessen und leise singend die Vokabeln der fremden Sprache geübt. Aska war dabei eine sehr strenge, aber auch eine sehr geduldige Lehrerin gewesen. Teri machte der Unterricht zwar Spaß, aber ab und an war sie doch etwas ungehalten gewesen, wenn ihre Zunge ihr wieder mal nicht gehorchen wollte und ihre Lippen ganz andere Töne formten, als sie eigentlich wollte.

Es wäre Aska ein leichtes gewesen, das nervöse Kind mit ein paar Tönen des Liedes der Duldsamkeit zu beruhigen, genauso wie sie alle Vorgänge innerhalb der Reichweite ihrer Stimme bis zu einem gewissen Grad beeinflussen konnte. Trotzdem zog sie es vor, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.

So lernte Teri denn die Gesänge der Kraan, wie jedes andere Kind sie auch gelernt hätte. Mal mehr, mal weniger begeistert - eifrig oder gelangweilt - je nach Stimmung. Aber immer wieder kam sie an das Lager der Kraan, um von Aska neue Texte zu hören. - Und immer war sie Aska willkommen.

Aska wußte nicht genau, was sie von Teri halten sollte. Einerseits war diese kleine Thedranerin ein zartes, nahezu zerbrechlich wirkendes Geschöpf, das durch seine aufgesetzte Oberflächlichkeit und scheinbare Kühle nicht gerade die Sympathien auf sich zog. Andererseits hatte Aska festgestellt, dass Teri eine ständige Angst davor hatte, sich an Menschen zu binden und nur darum eine so abweisende Art an den Tag legte.

Und dann war da noch etwas mit Teri: Sie sprach auf die Gesänge der Kraan so stark an, wie es Aska nicht für möglich gehalten hätte. Nicht nur, dass sie auf die feinsten Nuancen der Lieder reagierte; dieses kleine, blonde Mädchen war sogar als Kind schon in der Lage, Bilder und Stimmungen auf Aska zu übertragen.

Nun war das Einfangen von Stimmungen nichts so Besonderes für die alte Kraan. Ständig war sie von den diffusen Strömungen fremder Gedanken umgeben. Es machte ihr keine Schwierigkeiten, einen Menschen seiner Ausstrahlung nach richtig einzuordnen. Oft schon hatte sie die Artistengruppe vor Nachteilen bewahren können, indem sie Diebe, betrügerische Herbergswirte oder Kapitäne frühzeitig entlarvte. Dank dieser Fähigkeit Askas geriet die Gruppe so gut wie nie in Streit mit Außenstehenden, da deren Absichten sofort durchschaut und vereitelt werden konnten.

Hatten diese Empfindungen aber immer nur weich und verwaschen Askas Geist gestreift wie treibender Seetang, der umschlingt, aber nicht verletzt, so schnitten Teris Gedanken geradezu schmerzhaft in das Bewußtsein der Alten. Teri konnte Bilder machen, Gefühle wecken, Angst und Freude vermitteln. Seit Aska im Fremdenhaus von Thedra zum ersten Mal den Geist des Kindes berührt hatte, stand sie in ständiger Verbindung mit ihm.

Es war eine Qual für die alte Frau, die Gedanken des Kindes auch nicht einen Augenblick lang abschütteln zu können. War Teri wach, mußte Aska all ihre kleinen Kinderabenteuer miterleben, schlief sie, träumte Aska all ihre Träume. Nur beim Lernen der Lieder schwangen ihre Seelen im gleichen Takt. Voller Hingabe konzentrierte Teri sich auf das Erlernen der alten Gesänge. Dies waren die einzigen Zeiten, in denen Aska vor dem Ansturm von Teris Gedanken einigermaßen sicher war.

Und noch etwas hatte Aska an Teri entdeckt, das sie sehr beunruhigte: Teri verstand die Sprache der Dinge! Die Planken unter Teris Füßen waren nicht tot. Es waren Teile von Stämmen, die einmal in einer schattigen Senke gestanden hatten. Berührte Teri ein Tau oder ein Segel, spürte sie zugleich die Kraft der lebenden Pflanzen, aus denen die einzelnen Fasern stammten. Das Meer, das sie alle in seiner endlosen Weite umgab, war für Teri Liebkosung und Bedrohung zugleich.

Für Aska war es, als habe sich durch Teri eine Tür in eine neue, gänzlich unbekannte Welt geöffnet. Wie erschreckt war sie gewesen, als Teri sich hier an Bord zum ersten Mal auf einer der Felldecken der Kraan niedergelassen hatte. Augenblicklich waren Bilder in ihrem Geist aufgetaucht. Bilder von einer so beängstigenden Intensität, dass Aska versucht hatte, sich diesen Eindrücken zu verschließen. Aber es war umsonst gewesen.

Eben noch hatte Aska lächelnd zugesehen, wie Teris Finger spielerisch im Fell der Decke spielten, da spürte sie auch schon eine dumpfe, satte, träumerische Trägheit, die nur durch das Verlangen nach Wasser ein wenig getrübt wurde.

- Weit war die Steppe, die sich im hellen Sonnenlicht vor der Herde ausbreitete. Aska schwebte sacht über die dürftigen Grasbüschel. Sie spürte den Wind, der heiß um ihre Nüstern wehte. Sie würde mit dem Wind zum Wasserloch gehen müssen. Das war nicht gut! Unruhig ließ sie ihre Ohren spielen, aber außer den Geräuschen der wandernden Herde war nichts zu hören.

Jetzt war es nicht mehr weit, und sie würde trinken können. träge schob sie sich in der lastenden Hitze auf das Wasserloch zu.

Plötzlich war sie hellwach. Der Leitbulle hatte warnend geschnaubt und war stehengeblieben. Auch Aska wartete nahe der Buschreihe, die den flachen Tümpel von der Steppe trennte.

Jetzt raschelte es heftig im Gebüsch. Aska warf sich herum und wollte fliehen. Aus den Augenwinkeln sah sie einen dunklen Schatten auf sich zukommen und spürte im selben Augenblick, wie sich etwas in ihre Flanke bohrte. Nach einigen schnellen Sätzen begann sie zu taumeln. Sie empfand keinen Schmerz und kein Entsetzen, als sie zu Boden stürzte, nur eine tiefe Verwunderung darüber, dass ihre Beine sie nicht mehr trugen. Dann war es dunkel geworden in der sonnendurchfluteten Steppe. Das Letzte, was Aska sah, war die fliehende Herde. Sie empfand ein tiefes Bedauern, nicht mit ihr laufen zu können, dann war der Schatten aus dem Busch über sie gekommen.

"Bringst du mir heute das Lied des Lachens bei?"

Plötzlich hatte Aska sich wieder auf dem Deck des Schiffes wiedergefunden, vor sich die erwartungsvolle Teri auf der Felldecke. Die Vision konnte nur einen Augenblick lang gedauert haben.

Aska war erschüttert. Eben hatten sie beide den Tod eines Tieres miterlebt - hatten in diesem Tier gelebt - waren mit ihm gestorben - und dieses Kind fragte sie nach dem Lied des Lachens!

Erst später kam Aska darauf, dass derartige Erlebnisse für Teri ganz normal waren. Dass sie schon tausend Tode gestorben war, mit Tieren, Bäumen und Gräsern. Was immer sie berührte, die Dinge begannen zu sprechen; erzählten lange und kurze, lustige und traurige Geschichten. Aska kannte nur ein einziges Volk auf dem Kontinent, das ähnliche Fähigkeiten besaß. Sie nahm sich vor, gelegentlich einen dieser Leute auf Teri aufmerksam zu machen.

Tage später offenbarte sich in einem verworrenen Traum Askas, dass Teri selbst es war, die auf diese toten Dinge einwirkte, so dass sie zu erzählen begannen. Der Grund war einfach: Teri selbst gehörte nicht wirklich zu den Lebenden. Ihre Existenz balancierte auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Bei ihrer Geburt war etwas passiert. Etwas, das sie von allen Menschen unterschied. Sie hatte mit dem Tod im Mutterleib gelegen. Er war ihr unsichtbarer Zwilling. Teri, Tochter der Former Ael und Erin, hätte es nicht geben dürfen. Sie hätte tot sein sollen im Augenblick ihrer Geburt.

Am vierunddreißigsten Tag der Reise ließ der Kapitän in Sichteite der Küste die Segel reffen und die Kao-lad trieb unter der milden Nachmittagssonne träge im Wind. "Bei günstigem Wind ist es nur noch ein halber Tag bis Isco", erklärte er den Passagieren. "und ich kann nicht bei Nacht dort einlaufen."

"Wieso nicht?" Acon war seit der Opferfehde der geschworene Feind des Kapitäns. Jetzt sah er eine Gelegenheit aufzubegehren. "Mit Harmugeds Hilfe werden wir den Hafen auch in der Dunkelheit finden. Wir waren lange genug auf See!"

Beifälliges Gemurmel erhob sich unter den Pilgern.

"Leider kann ich euch den Gefallen nicht tun, obgleich auch ich meine, lange genug auf See gewesen zu sein", antwortete der Kapitän. "Allerdings wundert es mich doch sehr, dass weitgereiste Leute, die ihr Pilger doch seid, nicht wissen, dass die Einfahrt zum Hafen der Kaiserstadt jede Nacht mit einer bronzenen Kette versperrt wird. Wollt ihr Pilger wirklich, dass ich die Kao-lad bei Dunkelheit in diese Sperre treibe, damit alles auf Deck ein leichtes Ziel für die kaiserlichen Bogenschützen wird?"

"Ach!" Unwillig wandte sich der Pilger unter dem Gelächter der Umstehenden ab.

"Kommt", wurden Tana, Gerit und Teri von Bgobo eingeladen. "Lasst uns ein letztes Mal zusammen essen."

Gern folgten die drei der Aufforderung. Die gut gewürzten Speisen der Kraan hatten ihnen immer hervorragend gemundet.

Auf See hatte Aska an so manchem Tag nichts kochen können, weil Wind und Dünung zu stark gewesen waren. Heute lag das Schiff aber ruhig auf dem glatten Wasser, und so brodelte nun wieder ein köstliches Mahl in dem großen Topf über dem Holzkohlebecken.

Seltsam ruhig verlief dieses letzte gemeinsame Essen. Die fröhliche Stimmung, die sonst immer an der Tafel der Artisten geherrscht hatte, war einer stillen Melancholie gewichen, die sich sacht auf alle Anwesenden ausbreitete. Die Reisegesellschaft würde morgen auseinandergehen.

Viele Tage waren sie auf der Kao-lad zusammengewesen, hatten gemeinsam die Seekrankheit und die Gefahr der Finder ausgestanden, hatten sich gegenseitig geholfen, wo immer es ging, aber das würde morgen vorbei sein. Jeder würde seiner Wege gehen: Die Kraan wollten in die Steppe hinter der Wüste, heim nach Wajir, wo Bgobo wirklich ein Prinz war, wie er oft und gern versicherte. Dort würden die jungen Frauen Kinder bekommen und zu wirklichen Frauen werden. Dadurch würden auch sie die Kraft der Stimme erhalten, die ihnen Macht über andere Menschen verlieh. Damit sei dann auch ihre Reisezeit beendet, erklärte Bgobo. Nur wenigen Müttern war es erlaubt, die Gruppen der Artisten auf ihren Reisen zu begleiten.

Teri dagegen würde mit ihrer Familie auf einem Löwenboot weiterfahren, nach Tigan. Mit jedem Tag würde der Abstand zwischen den beiden Gruppen größer werden und es war gewiß, dass man sich nie mehr wiedersah.

Zum Schluß nahm Bgobo Teri beiseite. "Meine Mutter hat mich gebeten, dir etwas auszurichten. - Sie ist eine Kraan, sie versteht sich nicht aufs Bitten. - Teri, du hast einige Lieder der Kraan gelernt, und wenn du erst eine wirkliche Frau bist, wirst du sie auch anwenden können. - Wenn du alt genug bist, allein zu reisen, komm nach Wajir. Wann immer du dich dazu entschließt, du wirst erwartet! Du bist würdig, das ganze Wissen der Kraan zu erwerben. Die weisen Frauen werden dir noch vieles beibringen. Dann wirst du eine mächtige Sängerin sein. Mächtiger als alle Heere des Kontinents. Mächtiger als alle Frauen der Kraan. - Die mächtigste Sängerin des Zeitalters!"

Teri stand wie versteinert da. Zwar hatte sie schon gespürt, dass die Lieder der Kraan Einfluß auf die Seelen der Menschen hatten, aber dass es sich dabei um erlerntes Wissen handelte, war ihr dabei nicht in den Sinn gekommen. Sie hatte eher gedacht, das sei eine Sache des Gefühls gewesen.

Auf einmal fiel ihr alles wieder ein: Wie Aska mit ihren Liedern immer wieder unmerklich Gefühle und Willen der Zuhörer gelenkt hatte. Wie sie Schaden abgewendet und das Gute gefördert hatte. Wie sie mit unwiderstehlichen Gesängen die Menschen nach Belieben führte. - Und diese Kunst sollte sie, Teri, erlernen dürfen?

"Ich werde kommen!" Teri sah Bgobo fest in die Augen - und noch einmal, diesmal zu Aska gewandt: "Ich werde kommen!"

Wenig später machten alle auf Deck sich für die letzte Nacht auf der Kao-lad zurecht. Aska war zufrieden. Zwar hatte sie auf der Fahrt zwei ihrer ungeheuer wertvollen stählernen Klingen, zusammen mit den Wurfhölzern, eingebüßt, aber was hatte sie nicht auch dafür gewonnen. Wann immer Teri den Weg nach Wajir fand, Aska würde dafür sorgen, dass man sie erwartete.

STURM ÜBER THEDRA

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