Читать книгу STURM ÜBER THEDRA - Michael Stuhr - Страница 12

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KAPITEL 8 - DIE `SESIOL'

Jeder Herr sollte besonders auf diejenigen seiner Diener achten, die seinen Namen am lautesten preisen.

"Wir sind gekommen, euer Geld zu stehlen und eure Weiber zu verführen! Wir wollen eure Haustiere schlachten und eure Kinder mit uns in die Wüste schleppen!"

Wieder stand Bgobo auf dem tragbaren Podest und sprach vor dem Publikum im Hafen von Isco die `Böse Verheißung'. Immer neue Ungeheuerlichkeiten schleuderte er den Stadtbewohnern entgegen, die seinen Dreistigkeiten, je nach Temperament feixend, oder vor Vergnügen johlend, zuhörten.

"Seid sicher, dass wir auf euren Märkten stehlen und euer Vieh verderben wollen! In Brand setzen werden wir eure Häuser und die Tore der Stadt dem Feind öffnen! - Wie? - Der Feind steht nicht vor den Toren? Dann senden wir eben Verräter aus und holen ihn!"

Die Menge kreischte vor Vergnügen.

"Zuerst aber werden wir euch alle mit dem lähmenden Fieber und dem stinkenden Aussatz überziehen! Und weil ihr dann sowieso nicht mehr sprechen könnt, sagt mir lieber jetzt sofort, ob wir in eurer Stadt willkommen sind!"

Ohrenbetäubender Applaus beendete Bgobos Rede, der geschickt von der Plattform heruntersprang und einem Jongleur Platz machte. Sieben umherwirbelnde Holzstäbe ließen die Umstehenden die Köpfe einziehen, und wieder umkreisten die Wurfhölzer der Frauen die Masten der Schiffe. Langsam setzte sich der Zug der Gaukler in Bewegung.

Teri lag leise vor sich hin schluchzend in dem kleinen Zelt auf dem Vorschiff der Kao-lad. Tief hatte sie ihr Gesicht in das weiche Fell der Decke gepresst, die die Kraan ihr zum Abschied geschenkt hatten. Warum war Reisen nur mit so viel Abschiednehmen verbunden? Warum fand man Freunde, die man gleich darauf wieder verlor?

Teri hatte sich fest vorgenommen, der Einladung der Kraan zu folgen und sie in Wajir, der geheimnisvollen Stadt in der Steppe hinter der Wüste zu besuchen. Aber bis sie das tun könnte, würde noch so viel Zeit vergehen, so unendlich viel Zeit.

"Teri, komm jetzt." Sachte berührte Tana die Schulter des Mädchens. Die Trommeln und Ratschen der Artisten waren verklungen. Wahrscheinlich waren sie auf einem Zug durch die Gassen der Stadt, um für ihre erste Aufführung zu werben.

Langsam bewegte Teri sich und rieb ihre verquollenen Augen mit den Handballen.

"Komm, Schatz!" Tana war ungeduldig. "Die `Sesiol' wartet schon. Wir können gleich an Bord."

"Gehen wir nicht ins Fremdenhaus?" Heimlich hatte Teri darauf gehofft, die Kraan am Abend doch noch einmal wiederzusehen.

"Wir sind hier in Isco. Hier gibt es kein Fremdenhaus", erinnerte Tana.

"Ach ja", fiel es Teri wieder ein. Bgobo hatte ja erzählt, wie trefflich es sich bei den Herbergswirten von Isco feiern ließ. Besonders von einer jungen Wirtin hatte er geschwärmt, die er unbedingt wieder hatte besuchen wollen. Teri sprach inzwischen leidlich die Sprache der Kraan, und Bgobo hatte das wohl nicht bedacht. Jedenfalls hatte sie genau gehört, was Bgobo, ihr Bgobo, mit dieser Frau machen wollte.

Teri war das gar nicht recht gewesen. Aus einem Grund, der ihr selbst unerklärlich war, war sie plötzlich aufgesprungen und davongelaufen. Stumm hatte sie an der Reling der Kao-lad gestanden und auf die Wellen hinausgestarrt, als Bgobo neben sie getreten war.

Lange hatte er wortlos dagestanden. Dann, nach einer Weile, hatte er seine Hand auf Teris Schulter gelegt und sie ganz sanft gedrückt. Ohne ein Wort zu sagen, war er dann wieder zu seinen Leuten gegangen.

Da hatte Teri gewußt, das Bgobo sie sehr mochte und dass er es nicht böse gemeint hatte. Mochte er nur zu der Wirtin gehen und mit ihr herumalbern und seine Spiele spielen - das machte nichts aus. Mit ihr, Teri, hatte er auf das Meer geschaut und geschwiegen - und das war sehr viel mehr.

Tana wartete.

Schnell raffte Teri ihre Sachen zusammen und stopfte sie achtlos in ihr Bündel. Zum Schluß schnürte sie ihre neue Felldecke darauf und folgte Tana an Land, nachdem sie sich bei dem Kapitän der Kao-lad für die gute Überfahrt bedankt hatten.

Auf der Pier überholten sie Gerit, der sich mit dem Gepäck der Familie abmühte. Zwei große Proviantkisten und sein eigenes Reisebündel mußte er bewältigen. Abwechselnd trug er immer eines der Teile ein Stück voraus, um dann die anderen beiden nachzuholen. Der arme Kerl schwitzte abscheulich!

Freundlich winkten Tana und Teri ihm zu und hüpften die Gangway zur `Sesiol' hinauf.

Die `Sesiol' war ein Löwenboot reinster Prägung. Mit kaum fünfzehn Mannslängen vom Bug bis zum Heck sehr klein und wendig, konnte sie mit ihrem hochgezogenen Dollbord aus kohlschwarzem Hartholz selbst Rammstößen weitaus größerer Schiffe trotzen. Der überlange, weit nach hinten geneigte Mast aus demselben Material trug keinerlei Rahen; nur am Anfang des letzten Drittels waren unter einer winzigen Plattform die Wanten angeschlagen.

"Ah das ist gut!" Ein alter Mann, so schwarz wie das Holz des Mastes, kam den Niedergang heraufgepoltert. "Gut, dass Sie hier sind, gut dass Sie endlich da sind! Die Stadt ist nicht sicher! - Kommen Sie, kommen Sie!" Der Mann ergriff Tanas Hand und zerrte sie über das Deck, hin zum Vorschiff. Dabei sah er sich ständig um und tat so, als seien sie von tausend Feinden umgeben. Teri runzelte die Stirn. Sie fand dieses nervöse Getue einfach albern.

"Kommen Sie! Da, sehen Sie! Das ist ihre Kabine!" Aufgeregt wedelte der Mann mit den Händen in Richtung Bug.

Die `Kabine' war nicht mehr als ein Holzdach, das das eigentliche Deck in Höhe der Reling ein Stück weit überzog. So entstand ein dreieckiger, zum Schiff hin offener Raum, ganz ähnlich dem Zelt, das die Familie auf der `Kao-lad' bewohnt hatte.

Tana bückte sich und sah sich in dem Verschlag um, während der Kapitän ununterbrochen auf sie einredete.

"Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt? Wir selbst hatten guten Wind bis Cebor, Sie wissen schon! - Sie waren nicht in Cebor, nicht wahr? - Ja, ja. Neunzehn Harmugeds aus Cebor! Allein aus Cebor, stellen Sie sich vor! - Da soll man sich keine Sorgen machen! - Gefällt Ihnen die Kabine? Ich habe sie frisch ausscheuern lassen - müßte eigentlich noch feucht sein! - Ist sie auch? - Schön! - Aber ich mache mir Sorgen! - Wissen Sie eigentlich, dass der Kaiser selbst sich Sorgen macht? - Na ja, egal! - Jedenfalls kommen sie von überall! - Ü-ber-all! - Kaum zu glauben, was die ..."

"Was ist überall los?" Tana war auf Händen und Knien in den triefnassen Verschlag gekrochen und schaute zornig daraus hervor.

"Ach, es sind schwere Zeiten!", lamentierte der Kapitän weiter, wobei er sich ununterbrochen umsah. "Schwere Zeiten für Reisende! Seien Sie nur froh, dass Sie hier auf der `Sesiol' wohnen können! - Gefällt Ihnen die Kabine, ja? - Frisches Stroh ist auch da. - Haben Sie keine Sorge. Hier kommen diese Leute nicht hin! - Sie haben doch nichts mit denen zu tun, oder? - Nein, nein, bestimmt nicht, ich weiß! - Aber ich, ich muß sie transportieren! - Und alle, alle wollen sie nach Isco! - Das gibt Ärger, sage ich Ihnen! Das gibt Ärger! - Das lassen sich die Sucher nicht bieten, dass die anderen Sucher hier herkommen! - Oh das gibt Ärger! - Aber haben Sie keine Angst! Sie und Ihr Töchterlein sind ..."

"Teri, reich mir mal das Stroh!" Blitzböse schoß Tana aus der Kabine, schob den Kapitän einfach ein Stück zur Seite und zeigte auf den Sack an der Reling, aus dem ein paar gelbe Halme ragten.

"Aber es ist ganz naß da drin!", protestierte Teri.

"Haben Sie gemerkt, wie sauber alles ist?" Der Kapitän schaute sich um. "Hab ich extra für Sie schrubben lassen. - Wissen Sie, man weiß heute ja nie ..."

Tana stieß einen grollenden Laut aus und nahm Teri bei der Schulter. "Komm, wir sehen mal nach dem restlichen Gepäck."

So kam Gerit doch noch zu etwas Hilfe bei seinem Transport, was er äußerst dankbar zur Kenntnis nahm.

Tana bückte sich und griff nach einer der Kisten.

"Warte, ich hel...", begann Gerit. Aber da hatte sie den schweren Kasten auch schon hochgewirbelt, als sei er mit Federn gefüllt. Tana mußte wirklich sehr böse sein, stellte Teri fest.

"Wie konntest du nur?", bekam Gerit zu hören. "Wie konntest du nur unsere Passage bei diesem Trottel buchen? Du hast ihn doch gesehen! Du hast doch mit ihm gesprochen! Was hast du dir dabei gedacht?"

"Wieso?"

"Er redet!" Tana begann, unter ihrer Last zu wanken. "Er redet in einer Tour! Er redet und sagt gar nichts! Er hat uns nicht in Ruhe gelassen! Die Kabine steht unter Wasser! Er ist ein so fürchterlicher Dummkopf!"

"Ich fand ihn ganz in Ordnung", meinte Gerit. "Klar, er redet ein bisschen viel, aber er ist billig. - Außerdem ist er bereit, in Tigan unser Spiel mitzumachen. - Soll ich dir nicht lieber doch helfen?"

"Ich schaffe das schon!" Trotzig machte Tana einen Schritt, stolperte und knickte um. Ihr Wehlaut ging im Bersten der Kiste unter, die auf dem Hafenpflaster zerschellte.

Teri drehte sich weg und ging zur Kaimauer. Dort setzte sie sich still hin und schämte sich ein wenig. Sie ließ die Beine baumeln und schämte sich für diesen albernen Kapitän - und erst recht für diese beiden Erwachsenen, die hinter ihr auf dem Hafenpflaster herumkrabbelten, ihre Habseligkeiten zusammenkramten und sich dabei ankläfften wie zwei Straßenköter.

Später wurde es dann aber doch noch recht nett an Bord. Der Kapitän hatte sich nach mehreren erfolglosen Versuchen, ein Gespräch mit seinen Passagieren anzuknüpfen, ganz auf Gerit konzentriert, der lässig an der Brüstung des Achterdecks lehnte und willig zuhörte.

Nach und nach bekam Gerit heraus, was dem Mann solche Sorgen bereitete: Von seinen Kapitänskollegen hatte der Löwenbootmann gehört, dass in letzter Zeit auffällig viele Diener des Harmuged nach Isco gereist waren, und auch er selbst hatte neunzehn von ihnen an Bord gehabt. Mittlerweile mußte die Stadt förmlich von Pilgern wimmeln.

Nun war Isco aber schon von altersher das Zentrum des Ofisa-Kults; und die Ofisa-Anhänger waren die eingeschworenen Feinde der Harmuged-Jünger. Allgemein wurde befürchtet, dass die Harmuged-Leute es auf das Ofisa-Heiligtum, den Tempel der sprechenden Höhlen, abgesehen hatten.

In seiner weitschweifigen Art hatte der Kapitän Gerit erklärt, dass ein Aufeinanderprallen der beiden Religionen kaum noch zu verhindern war. Auf der einen Seite standen Ofisas Anhänger, die in Isco sozusagen Hausrecht hatten. Sie kontrollierten weite Teile des öffentlichen Lebens und setzten die für alle verbindlichen Maßstäbe in Sachen Moral und Ethik. Dass der Orden dabei immer reicher wurde, war angeblich nur ein angenehmer Nebeneffekt.

Auf der anderen Seite stand der Wanderorden Harmugeds. Sein Gefolge war über den ganzen Kontinent verbreitet. Wie viele Anhänger diese Gemeinschaft zählte, ließ sich nur ahnen. Ebenso konnte niemand auch nur annähernd schätzen, welches Aufgebot an Pilgern sich mittlerweile zwischen den Hügeln Iscos aufhielt.

Mit anderen Worten: Der Löwenbootmann hatte kaum übertrieben; die Situation war brisant. Ganz davon abgesehen, dass er von Natur aus recht redselig und nervös zu sein schien, machte der Kapitän sich wirklich Sorgen um die Sicherheit seiner Passagiere. Hätte er nicht noch auf den Rest seiner Fracht warten müssen, wäre die `Sesiol' schon lange auf hoher See gewesen.

Tana und Teri hatten mittlerweile den Verschlag am Bug wohnlich hergerichtet. Sogar einen Vorhang aus einem alten Stück Segeltuch gab es, der als Sicht- und Wetterschutz zugleich diente.

Nachdem Teri eine Weile zugehört hatte, wie die wütende Tana in der Kabine herumrumorte und dabei zornig Halbsätze wie "...nicht einmal 'ne Plane", oder "...können alle reingucken", vor sich hingezischt hatte, war sie einfach losgegangen und hatte vom Kapitän einen Vorhang gefordert. Und siehe da: Es gab nicht nur ein genau passendes Stück Segeltuch in einer Kiste vor dem Mast, sondern das Dach des Verschlags war obendrein noch mit einer sinnreichen Klemmvorrichtung versehen, in welcher das obere Ende des Vorhangs befestigt werden konnte.

Von da an war es um Tanas Laune wieder besser bestellt. Am Abend saß die ganze Familie unter dem festen Dach hinter der Plane, und alle fühlten sich so wohl dabei, dass sie im Sitzen einschliefen.

Am nächsten Vormittag wurde es unruhig in der Stadt. Ein Händler, der auf dem Kai zu tun hatte, berichtete, dass die Harmuged-Leute begannen, sich vor dem Ofisa-Heiligtum zu sammeln. Sofort schickte der Kapitän einen seiner Leute an Land, der nach der Restfracht fragen sollte. Er hatte Order, dem Auftraggeber mitzuteilen, die `Sesiol' liefe auf jeden Fall mit der Abendflut aus, ob er nun geliefert habe oder nicht.

Gegen Mittag hörte Teri einen vielstimmigen Schrei von jenseits der Hafenmauern. Immer wieder erbebte die Luft über Isco unter den Rufen einer gewaltigen Menschenmenge.

Wachmannschaften sammelten sich am Hafen und stiegen dann zögernd die Stufen zur Stadt empor. Fliegende Händler räumten eilig ihre Stände ab und verschwanden in den winkligen Gassen. Hafenbewohner verbarrikadierten ihre Hauseingänge und Fenster mit Brettern und Balken.

Teri saß auf dem Dach der Kabine und sah zu, wie sich der Hafenplatz leerte. Ab und zu hastete noch eine Gestalt über das Pflaster. Es schien Teri, als seien die Leute auf der Flucht.

Ganz leise war es im Hafen geworden. Kein Lüftchen regte sich. Wie ausgestorben lag der Hafenvorplatz in der Mittagssonne. Nur das tausendstimmige Summen in der Luft drang über die Häuser hinweg. Manchmal verstummte es fast; dann hörte es sich wieder an wie ein Schwarm weit entfernter Insekten, bis sich die Leidenschaft der Masse wieder in einem tosenden Aufschrei entlud.

Gespenstisch war es, das alles zu hören, aber nichts davon zu sehen. Jetzt bewegte sich im Hafenviertel absolut nichts mehr. Nur die Besatzungen der Schiffe standen auf den Decks und schauten besorgt auf den Kai hinaus. Mancher Kapitän wäre jetzt wohl gern ausgelaufen, aber daran war nicht zu denken. - Es war jetzt erst kurz nach der Tagteilung und die auflaufende Flut würde erst gegen Abend ihren Höchststand erreichen. Bis dahin saßen alle größeren Schiffe mit ihrem Kiel im Schlick des Hafengrundes fest.

Plötzlich tönte ein dumpfes Grollen aus einer der tiefer gelegenen Gassen. In vollem Lauf kamen drei Männer mit einem großen Karren aus der Stadt, orientierten sich kurz und lenkten das Gefährt dann zu der `Sesiol'.

Sofort begannen zwei von ihnen, mehrere kleine Kisten über die Laufplanke auf das Löwenboot zu schleppen, während der dritte dem Kapitän einen Lederbeutel in die Hand drückte. "Achthundert", sagte er hastig. "Wie besprochen. - Lauft so schnell aus, wie ihr könnt!"

Der Kapitän grunzte nur unwillig. Offenbar hatte es ihm die Sprache verschlagen.

"Die Harmuged belagern den Tempel der sprechenden Höhlen", berichtete der Fremde. "Sie fordern die Ofisa zum Kampf. - Der Tempel ist verschlossen. Die Ofisa haben sich dort versammelt. Sie wollen kämpfen bis zum Tod. Wenn sie die Tempeltore öffnen, dann wird Isco brennen! - Ich muß zurück in die Stadt. Ich muß meine Ware retten!"

Mit diesen Worten drehte der Mann sich um und hastete über die Planke davon. Seine Gehilfen hatten die Kisten achtlos auf das Deck gestellt, wo sie gerade Platz fanden und waren mit dem Karren schon eilig zwischen den Häusern der Stadt verschwunden.

Wieder begann das Warten auf die Flut. Ein leises Gluckern zwischen Bordwand und Kaimauer verriet, dass das Wasser in Bewegung war. Aber es würde noch Zeit vergehen, bis die `Sesiol' wieder frei auf dem Wasser des Hafens von Isco schwamm.

Am späten Nachmittag endlich verriet ein Knarren im Schiffskörper, dass die `Sesiol' langsam aus dem Schlick gehoben wurde. Trotz der Windstille im Hafen begann der lange Mast ein wenig zu schwanken. Ein gutes Zeichen.

Teri machte sich Gedanken um die Kraan. Traumverloren auf den leeren Kai schauend, kraulte sie geistesabwesend die Felldecke, das Geschenk Askas. Wie mochte es den Artisten wohl ergehen? Der Lärm in der Stadt war zu einem nichtendenwollenden, tausendstimmigen Schrei der Wut geworden. Er war, als tobe hinter den Häusern des Hafens ein gigantisches Ungeheuer in maßlosem Zorn.

Teri dachte an den Armreif, den sie aus dem Stroh ihres Lagers für Aska geflochten hatte. Dieser Eine war ihr besonders gut gelungen, und stolz hatte sie ihn der alten Frau zum Abschied überreicht. Ob es den Reif wohl noch gab, oder ob er sich, wie all ihre früheren Werke, schon nach kurzer Zeit wieder in einzelne Halme aufgelöst hatte?

Angst überkam Teri, wenn sie daran dachte, dass ihre Freundin und Lehrmeisterin irgendwo in dieser brodelnden Masse sein könnte, die auf dem Platz vor dem Tempel tobte und kreischte. Aber die Kraan waren ein kluges Volk. Sicher hatte Aska die drohende Unruhe rechtzeitig erkannt und ihre Gruppe an einen sicheren Ort geführt.

Plötzlich schwoll der Lärm noch mehr an. Teri schrak aus ihren Betrachtungen auf. Undeutlich sah sie Bewegungen in den schmalen Gassen und auf den Treppen, die in die Stadt führten. Schnelle Schritte und einzelne Rufe drangen durch das fanatische Geheul, das immer näher kam. Unwillkürlich sprang Teri auf und wich einen Schritt zurück.

Ungeordnet und in offenbar panischer Flucht stürzte ein gutes Hundert der Wachmannschaften auf den Hafenplatz. Hinter ihnen quoll aus allen Gassen eine unglaubliche Menge dunkel gekleideter Gestalten hervor, die in wilder Hast bemüht waren, sich heller gekleideten Angreifern, die ihnen nachsetzten, zu entziehen.

"Ha! Die Ofisa hatten Waffen im Tempel!", rief der Kapitän aus. "Hab ich's doch gewußt! - Heilig tun sie! - Niemand etwas zuleide tun können sie! Aber ..."

Jetzt sah auch Teri, dass die Hellgekleideten mit schweren Waffen ausgerüstet waren. Mit Spießen und Keulen, Wurfspeeren und sogar Schwertern stachen und schlugen sie auf ihre Widersacher ein. "Für Ofisa!", brüllten sie jedes Mal, wenn ein Gegner niedergestreckt wurde, wogegen das "Harmuged! - Harmuged!" der Schwarzgekleideten schon lange den Schreien der Angst und der Not gewichen war.

Zwar blinkten in den Händen der Harmuged-Pilger ebenfalls Waffen. - Aber was waren Dolche und bronzebeschlagene Schlaghölzer schon im Vergleich zu dem Arsenal von blanken Langwaffen, das die Ofisa einsetzten.

Teri sah, wie einem Mann ein Spieß durch den Hals getrieben wurde und wie ein anderer einen furchtbaren Schwerthieb in den Rücken erhielt. Eine dunkle Gestalt rannte in kopfloser Flucht genau in die Reihen der Gegner hinein.

Wild aufeinander einschlagend und stechend, wälzte sich die Masse der ineinander verkeilten Leiber auf die Kaimauer zu.

"Zieht die Laufplanke ein! Macht die Leinen los! Stoßt ab!", kommandierte der Kapitän. Darauf hatten seine Leute nur gewartet. Gleich zu viert rissen sie so stark am Ende der Planke, dass sie krachend auf das Deck flog. Zwei andere waren an Land gesprungen und hoben die schweren Trossen von den Pfählen. Mit großen Sätzen kamen sie mittschiffs wieder an Bord und halfen den anderen Matrosen, die `Sesiol' mit langen Stangen von der Kaimauer wegzudrücken. Kaum zehn Ellen weit war das Löwenboot von der Kaimauer entfernt, als seine Bewegung langsamer wurde und schließlich ganz aufhörte. Das Deck neigte sich ein wenig dem Hafenbecken zu. - Die `Sesiol' war im Schlick steckengeblieben.

Teri sah, wie auch die Mannschaften der anderen Schiffe versuchten, das freie Wasser des Hafenbeckens zu gewinnen; die meisten hatten aber noch weniger Erfolg. Nur einige sehr kleine Schiffe trieben schon weitab von der Kaimauer in relativer Sicherheit.

Nun griff auch die Stadtwache, die zuerst vor der alles niedertrampelnden Masse hatte fliehen müssen, in den Kampf ein. War sie ohne die Unterstützung der Ofisa den Harmuged-Pilgern zahlenmäßig weit unterlegen gewesen und hatte sich nicht getraut gegen sie vorzugehen, so schlug sie nun umso heftiger drein.

Das besiegelte nun das Ende des Harmuged-Aufstands von Isco. - Selbst die fanatischsten Pilger sahen nun ein, dass die Sache verloren war und dass es nur noch um das eigene Überleben ging.

Eine Gruppe Schwarzgekleideter nach der anderen versuchte, sich heimlich in die Durchgänge zwischen den Häusern zu schieben und vom Kampfplatz zu verschwinden.

Die Zurückgebliebenen sahen sich alleingelassen und setzten nun ihrerseits zu kopfloser Flucht an. Einer der Männer hielt genau auf die `Sesiol' zu. "Legt ab! Legt ab! - Um Harmugeds Willen, legt ab!", schrie er schon von weitem. Mit einem mächtigen Satz versuchte er das Deck des Löwenbootes zu erreichen, sprang aber zu kurz. Dumpf prallte sein Körper gegen das Schanzkleid der `Sesiol'. Verzweifelt versuchte er sich festzuhalten.

Sofort sprang der Kapitän mit erhobenen Händen auf den Hilflosen zu. Teri sollte nie erfahren, ob er ihn an Bord ziehen, oder ins Wasser stoßen wollte, denn im selben Moment zischte vom Ufer ein Pfeil heran und durchbohrte den Unglücklichen, aus dessen Mund bei seinem letzten Schrei ein dünner Blutnebel schoß.

Teri schloß die Augen. Hatte das Gemetzel auf dem Hafenplatz für sie bislang kaum anders ausgesehen, als eine Balgerei der Kinder am Strand von Thedra, so hatte sie hier zum ersten Mal den Tod eines Menschen gesehen. Noch lange verfolgten sie der blutige Schrei und das Aufklatschen des Körpers auf das Wasser in ihren Träumen.

Wieder drückten die Matrosen mit aller Kraft die Holzstangen gegen die Kaimauer, da kam die `Sesiol' plötzlich frei. Mannschaft und Passagiere jubelten laut. - Zwar war der Kampf der feindlichen Kongregationen schon lange entschieden; nur vereinzelt wehrten sich noch kleine Gruppen der Harmuged-Pilger gegen die Ofisa-Übermacht. Aber nun würde bald die Jagd nach den Entkommenen beginnen. Isco war in der kommenden Nacht mit Sicherheit kein guter Ort für harmlose Reisende.

Die größeren Schiffe lagen alle noch unbeweglich an der Kaimauer. Die `Sesiol' hatte freie Fahrt. Schon in der Hafenmitte ließ der Kapitän die großen Dreieckssegel setzen. Langsam blieb der Kampfeslärm zurück.

Zehn Tage war die Sesiol nun schon auf See, und noch immer war der Kapitän es nicht müde geworden, Gerit und jedem anderen, den er erwischen konnte, seine Mutmaßungen über die Vorgänge in Isco zu erläutern.

Gerit schien das nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil. Obwohl er weder den Tempel der sprechenden Höhlen oder die Innenstadt von Isco je gesehen hatte, beteiligte er sich fleißig an den Spekulationen über den Verlauf der Schlacht. Ganze Tage standen er und der Kapitän auf dem Achterdeck und redeten sich die Köpfe heiß. Tana gegenüber behauptete Gerit steif und fest, dass er das nur tue, um die alte Plaudertasche von ihr fernzuhalten; aber jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, welchen Spaß ihm seine Opfergänge machten.

Tana und Teri verbrachten die meiste Zeit in der Nähe ihrer Kabine. Zu Tanas Erstaunen hatte es bei ihr keine Anzeichen von Seekrankheit gegeben; ihr Körper hatte sich hervorragend an das schaukelnde Stampfen gewöhnt. Immer wieder sang Teri ihrer Stiefmutter die Lieder der Kraan vor, die sie auf dem ersten Teil der Reise gelernt hatte; und wenn die seltsam hypnotische Wirkung der Melodien auch vollständig ausblieb, so waren sie doch schön.

Teri fand es ein wenig bedauerlich, dass die `Sesiol' nicht so viele Klettermöglichkeiten bot, wie die Kao-lad. Trotzdem stieg sie manchmal die Wanten hinauf, hoch zu der kleinen Plattform am Mast.

Das Löwenboot fuhr bauartbedingt mit erheblich größerer Schräglage, als der klobige Zweimaster. Es machte Teri Spaß, hinabzuschauen und direkt unter sich die Wellen dahinjagen zu sehen.

Tana liebte diese Ausflüge ihrer Stieftochter nicht sonderlich, aber sie ließ sie gewähren. Teri war gewandt und kräftig. Außerdem träumte sie schon seit Jahren davon, Scharfrau auf einem der Schwalbenschiffe zu werden. - Warum sollte sie sich nicht schon jetzt einen kleinen Vorgeschmack auf ihr zukünftiges Leben holen?

Trotzdem ließ Tana das Kind keinen Augenblick lang aus den Augen und war erst wieder beruhigt, wenn Teri sicher auf das Deck der `Sesiol' zurückgekehrt war.

Oft saß Teri auch in der Runde der Matrosen und hörte sich allerlei Geschichten aus aller Welt an. Die Männer wetteiferten darum, dem Kind mit immer neuen, abenteuerlichen Geschichten zu imponieren: Seeungeheuer tauchten natürlich darin auf und der Feuermann, der auf den Rahen tanzte. Auch Fische, die so groß waren, dass kein Schiff sie an Bord nehmen konnte, so dass man sie im Wasser zerteilen mußte. Riesenhafte Tiere sollte es im Lande Ceon geben, deren Nase so lang war, dass sie damit die Früchte von den Bäumen pflücken konnten. Auch sei in Ceon ewiger Sommer - man stelle sich vor!

Teri glaubte natürlich kein Wort von diesem Gefasel. Sie wußte sehr gut, dass die Matrosen sich nur einen Spaß mit ihr machen wollten. - Aber die Männer erzählten gut und spannend, so dass die Zeit schneller herumging.

Seit mehr als zwei Monaten war das Löwenboot nun schon unterwegs. Die `Sesiol' hielt sich immer in der Nähe der Küste und lief nahezu jeden Hafen an. Als Stückgutfrachter war sie in mehrere Laderäume unterteilt, von denen abwechselnd mal dieser und mal jener be- oder entladen wurde. Da nach jeder Änderung in der Beladung die Trimmung durch Umverteilen großer Frachtmengen in andere Laderäume korrigiert werden mußte, lag der kleine Frachter oftmals zehn Tage und mehr an den Kais der Häfen.

Teri durchstreifte tagelang die Gassen von Osange, wo die Leute aus Furcht vor Erdbeben nur ganz flache Häuser mit leichten Dächern zu bauen wagten. Teri fand das etwas übertrieben, wann würde denn wohl je die Erde beben? Die Erklärung eines der Matrosen, dass das hier sehr oft geschähe, nahm sie nicht ernst.

So war sie denn auch furchtbar erschrocken gewesen, als eines Tages plötzlich ein dumpfes Grollen aus der Erde drang und die Kaimauer, auf der sie gesessen hatte, zu vibrieren anfing. Total entsetzt, unfähig, auch nur aufzuspringen, hatte sie dagesessen und versucht, ihre Fingernägel in das steinerne Pflaster des Hafenplatzes zu krallen. Nach wenigen Augenblicken war der Spuk vorbei gewesen und nur noch die wild schwankenden Masten der Schiffe hatten von dem Geschehen gekündet. Nach diesem Erlebnis war Teri in Osange nur noch widerwillig an Land gegangen.

Die nächste Station war Kaji gewesen; die Stadt der Ziegenhirten und des Leders, die Heimat Fakuns, des verlassenen Kranken aus dem Fremdenhaus.

Fakun hatte erzählt, dass es thedranische Kaufleute in der Stadt gäbe, und so beschloß die Familie, sich auf die Suche nach ihnen zu machen. Der Kapitän der `Sesiol', der die Landessprache einigermaßen beherrschte, hatte herausgefunden, dass die Thedraner in einem Haus etwas außerhalb der Stadt, direkt am Meer wohnten. "Fragt einfach nach den Giriji", hatte er Tana und Gerit erklärt. "Das bedeutet in der Landessprache so etwas wie `Geizhälse'."

Zunächst war die Familie aber über den Markt geschlendert. Teri hatte auf der Reise nun schon Gelegenheit gehabt, sich Märkte in verschiedenen Hafenstädten anzusehen, aber der Markt von Kaji war schon etwas Besonderes.

Eigentlich handelte es sich gar nicht um einen Markt, sondern um einen gewaltigen Ziegenpferch, dem eine Schlachterei und eine Ledermacherei angegliedert waren. Zum Glück wehte ein frischer Wind von See her über die Stadt, sonst wäre der Geruch wohl nicht auszuhalten gewesen.

Ziegen hatten Kaji berühmt gemacht. Ziegen waren der Reichtum des Landes. Ziegen waren einfach überall.

Warteten in den großen Gattern ganze Herden darauf, verschifft oder geschlachtet zu werden, so liefen außerhalb der Umzäunung die etwas glücklicheren Exemplare herum, denen noch ein wenig Zeit blieb. - Ziegen grasten zwischen den Häusern und suchten in deren Eingängen Schutz vor der Sonne. - Ziegen schauten aus Fenstern und kletterten in die Kronen flacher Bäume, um das Laub von den Zweigen zu fressen. - In den Straßen wurden Ziegen gemolken, und an langen Leinen war zwischen den Häusern Ziegenfleisch zum Trocknen aufgehängt.

An die Gerberei, wo in großen Trögen Menschen mit braun verfärbten Gliedmaßen in einer stinkenden Brühe die Ziegenhäute zu Leder machten, schloß sich der eigentliche Markt an. Köstlicher Käse wurde hier feilgehalten und frisches Fleisch. Auch Fisch und viele Früchte waren im Angebot. Nach thedranischer Sitte kaufte Tana von allem etwas ein, um ihren Gastgebern nicht mit leeren Händen entgegentreten zu müssen.

Weiter ging es, den Strand entlang. Nie zuvor hatte Teri so weißen Sand gesehen. Einheimische Fischer hockten in der Mittagssonne bei ihren Booten und verbrachten die heißeste Zeit des Tages unter ihren gewaltigen, geflochtenen Hüten. Jedermann in Kaji schien solch einen Hut zu besitzen. Teri erinnerte sich, dass auch Fakun mit so einer riesigen, äußerst unpraktischen Kopfbedeckung in das stürmische Thedra gekommen war. Hier schien ihr jetzt die Sonne so sehr auf Kopf und Schultern, dass sie sich wünschte, auch so einen großartigen Schattenspender zu besitzen. - Aber die Reisekasse der Familie war knapp bemessen. Teri fragte lieber nicht.

Die Thedraner, zwei Kaufmannsfamilien, waren eine herbe Enttäuschung. Zwar wurden die Gäste in dem großen Haus freundlich empfangen. - Aber nachdem sie weidlich ausgefragt - und die mitgebrachten Vorräte von allen gemeinsam verzehrt worden waren, hatten die Gastgeber es plötzlich sehr eilig gehabt, ihre Landsleute wieder loszuwerden. Allerlei wichtige Geschäfte vortäuschend, hatte einer nach dem anderen das Haus verlassen, bis die Familie mit einer alten Frau allein zurückgeblieben war, die alsbald mitten in der Unterhaltung einschlief.

Nicht gerade begeistert von der Gastfreundschaft ihrer Landsleute waren die drei an Bord des Schiffes zurückgekehrt. Nach thedranischen Maßstäben war der ganze Besuch zwar ein voller Erfolg für beide Seiten gewesen, aber Tana, Gerit und auch Teri hatten sich auf der Reise doch schon sehr an die Offenheit und Gastfreundschaft anderer Völker gewöhnt.

Besonders beschämend hatten die drei gefunden, dass niemand auch nur das Geringste von Fakun hatte hören wollen. Für die Kaufleute war er nur ein Ziegenhirte gewesen, den sie auf einer Reise eingebüßt hatten.

Einige Tage später war Teri mit einem feuchten Gefühl an einer gewissen Stelle ihres Körpers erwacht. Sie war nicht sonderlich schockiert, nachdem sie nachgesehen hatte, schließlich wußte sie, dass so etwas irgendwann jeder Frau passiert. - Trotzdem sagte sie Tana lieber Bescheid.

"Ach!" Auch Tana war nicht sonderlich überrascht. "Dann ist es jetzt bald so weit, dass man dich nicht mehr Kind nennen darf."

"Wieso?" Teri wußte wohl vieles, aber nicht alles. "Wie meinst du das?"

"Ich meine - das bedeutet, dass du jetzt reif genug bist für die Liebe."

"Hä?"

Tana mußte kurz auflachen. "Na, vielleicht doch nicht", meinte sie dann. "Aber dein Körper ist jetzt so weit, dass du Kinder bekommen kannst. Du wirst zur Frau."

Teri war zwar der Meinung, schon lange eine Frau zu sein - aber Kinder bekommen, das war neu und interessant.

"Wenn man ein Kind bekommen will ..." Sie sah Tana fragend an.

"Ja?"

"...dann muß man doch das machen, was du manchmal mit Gerit tust, nicht?"

"Ja, Schatz!", wieder lachte Tana auf. "Genau das!"

"Aha!"

"Und jetzt willst du bestimmt wissen, warum ich noch nicht schwanger bin?", kam Tana Teris nächster Frage zuvor.

"Ja! - Warum nicht?"

"Tja, ich weiß es auch nicht. Vielleicht sind die Götter nicht einverstanden. Wir würden schon gern ein Kind haben wollen. - Wie ist es mit dir? Würdest du dich auch über ein Geschwisterchen freuen?"

Teri überlegte kurz. Dann nickte sie gönnerhaft. "Ja. Nicht schlecht. - Aber eine Tochter würde mir natürlich auch gefallen!" Mit diesen Worten ließ sie die leicht entgeisterte Tana stehen und schlenderte über das Deck davon, um mal wieder in die Wanten zu klettern.

Teri genoß den Ausblick von der Plattform des Mastes. Der Matrose, der hier Dienst tat, hatte ihr Platz gemacht und trank jetzt unten auf Deck einige Schlucke Wasser. Dem Kapitän war das recht. Einen besseren Ausguck als Teri konnte er sich kaum wünschen, das wußte er.

Teri behielt die Wasserfläche vor der `Sesiol' scharf im Auge. Nichts regte sich auf dem Meer. Der ganze Horizont lag in vollständigem Gleichmaß da, nur an Backbord war in weiter Ferne ein dunklerer Streifen zu erkennen. - Die Küste von Bru, dem Goldland, wie der Kapitän erzählt hatte.

Dem Schiff drohte keine Gefahr. Teri konnte es sich leisten, ein wenig zu träumen: - Ein Kind bekommen, was für ein Gedanke! Ihr Blick fiel auf das Deck, auf dem die Männer sich mit allen möglichen Arbeiten beschäftigten.

Da war auch Gerit. Gerit war so ein feiner Kerl. Kein Wunder, dass Tana ihn mochte. Prüfend sah Teri Gerit an, der aus lauter Langeweile den Matrosen bei der Arbeit half. Dann entschied sie sich: - Nein! Sie war sich ziemlich sicher, dass sie kein Kind von ihm wollte!

Es ging etwas vor mit Teri. Je länger die Fahrt dauerte, umso mehr veränderte sie sich. War sie zu Beginn der Reise lustig auf dem ganzen Schiff herumgeturnt und hatte mit den Matrosen herumgealbert, war sie nun eher in sich gekehrt, geistesabwesend und manchmal sogar ein wenig mürrisch.

Ein Kind bekommen. Ein eigenes Kind. Was für ein seltsamer Gedanke! Träumend saß Teri auf dem Dach der Kabine und ließ sich den warmen Wind durch die Haare wehen.

Ein Kind haben können, das war ein Gedanke, mit dem man sich erst einmal abfinden mußte.

Teri schloß die Augen und überlegte: War Kinderkriegen schön?

Moid, eine ältere Spielgefährtin Teris, hatte sich mit zwölf Jahren verlobt und war bald darauf Mutter geworden. Sie lebte jetzt bei ihrem Mann im Felsen der Kupferschmiede und hatte ziemlich zugenommen. Die Wohnung hatte sie kaum noch verlassen, und bei Teris Abreise war sie auch schon wieder schwanger gewesen. Teri hatte auch nicht mehr richtig mit ihr reden können, seit sie sie ein `fettes Erdhörnchen, das kaum noch in seinen Bau paßt' genannt hatte. - So wollte sie auf keinen Fall werden!

Trotzdem war es nicht zu leugnen, dass mit ihrem Körper etwas vorging. Phasen der Appetitlosigkeit wechselten sich mit Anfällen ungeheurer Eßlust ab. Teri merkte an ihren Kleidern, dass sie nicht nur wuchs, sondern auch zunahm. Oft legte sie prüfend Daumen und Zeigefinger beider Hände um einen Oberschenkel und mußte feststellen, dass die Fingerspitzen sich nur noch mit Mühe zusammenbringen ließen.

"Oh, ihr Götter, bin ich fett!", stöhnte sie bei solchen Gelegenheiten manchmal auf und versuchte dann bei der nächsten Mahlzeit ihren Appetit ein wenig zu zügeln. - Wenn sie nämlich weiter alles in sich hineinschlang und immer mehr zunahm, dann würde sie bei ihrer Rückkehr nach Thedra fett sein wie eine Schnecke - und aus wäre es mit dem Traum vom Leben als Scharfrau.

Auch zeigte sich nun ein leichter Haarflaum an ihrem Körper, wo vorher keiner gewesen war. - Nun gut, damit konnte man leben. - Aber ihre Brüste machten ihr Sorgen!

Vor einigen Monaten schon hatte sie ein unangenehmes Ziehen unter ihrer Haut gespürt und das Gewebe über den Rippen war äußerst druckempfindlich geworden. Seitdem wuchsen dort zwei kleine, spitze Hügel, die sich aber zusehends gerundet und an Umfang zugenommen hatten. Schon jetzt waren sie kaum noch zu übersehen, wie ihr die Blicke der jüngeren Matrosen verrieten.

Teri hatte versucht, sich mit ihren Brüsten anzufreunden, hatte stumme Zwiesprache mit ihnen gehalten, hatte sie überzeugen wollen, dass es sinnlos sei, so groß zu werden, aber es war umsonst. - Noch bevor die `Sesiol' in Tigan anlegte, bot Teri das Erscheinungsbild einer jungen, ungemein attraktiven, wenn auch noch sehr kindlichen Frau.

STURM ÜBER THEDRA

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