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Buch 2 Nightjack
ОглавлениеEine ausgeprägte Fantasie, ein Hang zum Unsinnigen und eine Portion Verrücktheit hatten sowohl ihre Vor- als auch Nachteile. Zumindest was das Schreiben von Geschichten angeht. Mein nächstes Buch Nightjack wurde aus einer Kombination aus all diesen Eigenschaften geboren. Natürlich durften eine persönliche Portion Angst und Verfolgungswahn nicht fehlen.
Seit ich mich zurückerinnern kann, begannen meine Ängste, als ich meine allererste Wohnung bezog. Sie befand sich in einem Außenbezirk einer Großstadt. Sie war nicht besonders groß, aber geräumig und hatte immerhin ein renoviertes Badezimmer. Doch dann hörte ich Geräusche und sah die Schatten. Tagsüber wirken alle Objekte um mich herum harmlos, leblos und alles andere als gefährlich. Doch sobald die Nacht hereinbricht und alles um einem herum in dunkles Gewand hüllt, verwandeln sich selbst die unschuldigsten Kuscheltiere, Stühle und knarrenden Fußböden zu potenziellen Tötungsmaschinen. Sobald sich die Zahnräder in meinem endlosen Gedankengestrüpp zu drehen begannen, gab es kein Halten mehr, und jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, tauchte vor meinem geistigen Auge der Mann mit der Maske und dem scharfen und spitzen Messer auf, der nur darauf wartete, es mir durch den Schädel zu stechen. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, um mir das Shampoo aus den Haaren zu waschen, sah ich, wie dieser Mörder mir die Kehle durchschneiden und mich in der Badewanne liegen lassen würde, mit dem Kopf unter Wasser. Manchmal stand er einfach nur da oder versteckte sich auffällig in einer Ecke. Jeder Schatten nahm die Gestalt dieses eingebildeten Mörders an. Dieses Nightjacks, wie ich ihn nannte.
Als ich wegzog und der tobenden Großstadt den Rücken zukehrte, dachte ich, dass ich Nightjack hinter mir lassen und endlich an meinem nächsten Roman arbeiten könnte, obwohl mir jegliche Inspirationen fehlten und ich keine Fortsetzungen von meinem ersten Buch schreiben wollte.
Doch Nightjack verfolgte mich. Meine neue, größere Wohnung bot ihm einfach noch mehr Verstecke und potenzielle Orte, aus denen er herausspringen und mich niedermetzeln konnte. Jede Nacht gab es daher ein Ritual: Ich durchsuchte die gesamte Wohnung, verbarrikadierte die Fenster und Eingangstüren, beobachtete jedes potenzielle Versteck, kontrollierte sie erneut, benutzte ein letztes Mal die Toilette, dann verkroch ich mich in mein Zimmer, verschloss die Tür und platzierte eine Glasflasche genau davor. Der Lärm sollte mich wecken, wenn Nightjack es schaffen sollte, die Tür zu knacken. Dann durchsuchte ich mein Zimmer erneut und legte mich schlafen. Insgesamt dauerte diese Prozedur meistens zwanzig Minuten. Die Situation wurde komplizierter, wenn ich zu viel getrunken hatte und vielleicht in der Nacht nochmal auf die Toilette musste.
Nightjacks Terror wurde schlimmer; jede Nacht fand ich neue Verstecke und sah neue Möglichkeiten, wie er in meine Wohnung eindringen konnte. Ich erschuf eine intelligente Figur, einen Mörder, der vielleicht so schlau und hinterhältig war, dass tatsächlich kein Polizist oder Detektiv in der Lage wäre, seine Fälle zu lösen. Ein Mörder, der sogar imstande wäre, ein gesamtes Dorf zu ermorden. Langsam und schrittweise würde er sich von einem Haus zum anderen schleichen und die Leute im Schlaf ermorden. Am Ende der Nacht wäre ein gesamtes Dorf tot.
Als ich eines Nachts durch die Straßen der Kleinstadt ging, in der sich meine neue Wohnung befand, fand ich mich im Stadtzentrum wieder. Ich blickte um mich herum und hörte nichts. Die Stadt wirkte wie ausgestorben. Kein Mensch ging spazieren, keine streunenden Tiere marschierten durch die Nacht und kein Auto fuhr auf den Straßen, selbst die bestbesuchten Lokale lagen still und dunkel vor mir. Hätte jemand eine Stecknadel fallen gelassen, bin ich mir sicher, dass ich diese gehört hätte.
Als ich langsam zurückging, überkam mich wieder dieser Gedanke an Nightjack. „Du Bastard“, dachte ich mir, „würdest du mich tatsächlich mitten auf der Straße töten?“
Ich blickte um mich und sah überall ein Versteck oder einen Winkel, geschützt durch die Dunkelheit, durch welchen er hervorstürmen, mich zu Boden reißen und mir das Messer mindestens zwanzig Mal in den Torso stechen könnte. Meine Schreie würden durch die Stadt hallen und keiner käme mir zu Hilfe.
Ich weiß es noch genau, dass ich in jener Nacht, als ich schweißgebadet die Tür hinter mir verschloss, beschloss, diesem Nightjack Paroli zu bieten. Aber wie kann man sich gegen eine Figur wehren, die nur in den Gedanken eines Menschen existiert? Wie soll ich den Mörder erledigen, der stets an meiner Seite ist und mich in einer Ecke stehend beobachtet, während ich esse oder fernsehe? Sein Messer kann mich im echten Leben nicht verletzen, das wusste ich. Aber die Angst, jemanden zu finden oder zu begegnen, der dazu fähig wäre, lief mir eiskalt den Rücken herunter.
Daher beschloss ich, seinem Treiben ein Ende zu bereiten. Es sollte ein literarischer Exorzismus werden, eine Geisterjagd des Schriftstellers.
Wenn ich Nightjack loswerden wollte, musste ich seine Geschichte erzählen, seiner Mordlust freien Lauf lassen und ihm am Ende eines langen und blutigen Weges ein grausames Schicksal ereilen lassen, eines, das viel schlimmer sein musste als der Tod.
Nur wie sollte ich wissen, wie ich Nightjack am besten bestrafen konnte? Hier nutzte ich erneut, seit meiner Rache an Mr. Prawley und Mr. Andrews, die finsteren, labyrinthartigen Winkel meines Gehirns in der Abteilung der dunklen Fantasien.
Ich benötigte ein Versuchskaninchen, ein Opfer, jemanden, der meinen Zorn verdient hatte. Prawley und Andrews hatte ich bereits gedemütigt und in der Realität der Chance beraubt, erfolgreich zu werden. Ich ließ sie zwar noch leiden, aber nur, indem ich die Szene ihrer Demütigung immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge in einem Theater vorspielte. Deshalb brauchte ich jemand anderen, eine Person, die eine ganz andere Wutflamme in mir entfachte.
Interessanterweise gab es nur einen Menschen, der meinen Vorstellungen gerecht wurde: Mrs. Ingrid Bellshaw, meine ehemalige Mathematiklehrerin aus der Highschool. Sie war ein Monster, eine wahre, abscheuliche Kreatur. Mit ihren grauen, schulterlangen Haaren, ihren dunklen Augen und ihrer Brille mit starken Gläsern und einem dicken, schwarzen Rahmen. Wie jede hinterhältige Schlange war auch sie bei unserem ersten Treffen charmant, freundlich und schien eine Person zu sein, die ihre Schüler unterstützte und gernhatte. Doch bereits am nächsten Tag war ihr Unterricht die Hölle selbst. Sie versprühte eine dunkle Aura und wenn jemand etwas tat, was ihr nicht zum Gesicht stand, oder anderer Meinung war, biss sie zu und pumpte einen voll mit ihrem Gift. Beleidigungen und Zerstörung des Selbstbewusstseins standen an der Tagesordnung. Selbst als die Großmutter einer Schülerin, Mary Terrek, ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil sie einen Unfall hatte, blieb Mrs. Bellshaw hart. Sie sprach vor der gesamten Klasse aus, dass Miss Terrek keine Sonderleistungen beziehen wird und dass sie ihre Tränen nicht in ihrem Unterricht vergießen sollte. Sollte sie es dennoch wagen, würde sie zum Direktor geschickt und eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen werden. Und wer würde ihr schon glauben? Sie ist ja nur eine Schülerin.
Mrs. Bellshaw hatte uns in der Hand wie der Kerkermeister seine Opfer. Selbst der härteste Footballspieler und der reichste Snob wurden bei ihrer Anwesenheit zu Eisfiguren, die es kaum wagten, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Auch mich hatte sie mehrmals in der Mangel gehabt. Sie hatte dabei meine Versuche im Mathematikunterricht kritisiert, mir eine grauenhafte Karriere versprochen und sogar die Intelligenz meiner Eltern beleidigt.
Es war für mich also ein Gefühl der Ekstase, als ich in den dunkelsten Ecken meiner Fantasie, den ich mir immer als langen, eleganten Schlosskorridor vorstelle, der mit jedem Meter dunkler und bedrohlicher wird, ein Zimmer fand, in dem Mrs. Bellshaw vor mir stand. Bereit, um meinen sadistischen Gedanken als Versuchskaninchen zu dienen. Für immer und ewig. Und ich hatte noch viele, viele Zimmer frei, die sich im Lauf meines Lebens und meiner Karriere nach und nach füllen sollten.
Nach Tagen der Folter an Mrs. Bellshaws Trugbild und nachdem ich sie immer wieder aufs Neue habe töten lassen, fiel mir endlich ein Weg ein, wie ich Nightjack für seine Taten büßen lassen konnte.
Ich hatte auch bereits eine Geschichte parat: eine Stadt, die von einem reichen Bürgermeister kontrolliert wurde. Dieser hatte einen sadistischen Sohn, dessen größtes Bedürfnis es war, die Bürger seines Vaters zu töten. Aus diesem Grund erließ der Bürgermeister der reichsten und sichersten Stadt Amerikas ein Gesetz. Ein Spiel. Jene Person, die durch ein Lotteriesystem erwählt werden würde, musste eine Nacht, von zwanzig Uhr abends bis sechs Uhr morgens, auf den Straßen der Stadt überleben. Die Stadt durfte nicht verlassen und nur Gebäude und Räume, in denen sich keine Bürger befanden, durften betreten werden. Pistolen, Gewehre und Sprengkörper waren verboten und im Dunkel der Nacht würde der berüchtigte Mörder Nightjack seine Opfer jagen. In dieser einen Nacht würde er seine Zelle im Keller des Rathauses verlassen und wie eine Katze flink durch die Straßen laufen, immer auf der Suche nach einem Opfer. Wer die Nacht überleben würde, bekäme ein Preisgeld von zehntausend Dollar.
Der Köder war ausgeworfen, ich brauchte nur mehr einen Protagonisten und eine Methode, wie ich Nightjack erledigen konnte.
Während ich über sein Schicksal grübelte und die Geschichte auf einer Schreibmaschine tippte, fühlte ich mich von Nightjack beobachtet. Ich spürte, wie er neue Wege suchte, um in mein Apartment einzudringen und um mich von hinten aufzuschlitzen, während ich am Schreibtisch saß. Doch das beschwingte meine Gedanken noch mehr und kurz darauf hatte ich meine Heldin: Mona Tyler, zu Ehren meiner ehemaligen Mitschülerin Mary Terrek.
Das Buch war zwar nicht lang, schließlich hatte es kaum hundert Seiten, aber in diesen wenigen Kapiteln hetzte sich Mona durch die ganze Stadt und entkam mindestens dreimal ihrem messerschwingenden Angreifer. Doch sie würde sich wehren und beschließen, dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Sie setzte zum Gegenangriff an.
Ich war stolz auf mich, nicht einmal der Protagonist Marcus French aus dem Heroes vs. Wizards-Roman war so mutig wie Mona Tyler. Sie würde Nightjack jagen und ihm eine Falle stellen.
Gefangen wie eine Spinne im Netz eines fremden Arachniden, versuchte Nightjack, sich zu befreien. Triumphierend beobachtete Mona ihn in seinem Käfig. Nachdem dieser sie durch die Stadt gejagt und mehrere Male versucht hatte zu töten, saß sie nun am längeren Hebel.
Ich nahm meine Zigarettenspitze, steckte sie mir in den Mund, zündete die Zigarette an und schrieb das große Finale, den Moment, für den ich Mrs. Bellshaw immer wieder aufs Neue habe töten lassen. So eine Theaterbühne mit unbeschränkten Realitäten und Möglichkeiten hatte schon ihren Vorteil. Zumindest solang sie sich in meinem Kopf befand.
Nightjack sollte das Schicksal Nummer 109 ereilen. Während dieser im Käfig saß, würde Mona Tyler den Spieß umdrehen. Als sie triumphierend fünf Minuten nach sechs Uhr am Hauptplatz der Stadt erschien, wurde sie von einer jubelnden Menge und einem erstarrten Bürgermeister empfangen. Mona hielt eine Rede und bot dem Bürgermeister und der Stadt einen Handel an: Jedes Jahr, am Geburtstag von Nightjack, würde ein Bürger durch ein Lotteriesystem ausgelost werden, der entweder Nightjack oder seinen Vater, den Bürgermeister der Stadt, foltern dürfte. Ein Preisgeld gab es keines, aber die Chance auf Rache.
Es dauerte keine zwei Minuten, da hatte die Stadt ihre Entscheidung getroffen, und am Ende des Romans warteten Nightjack und sein Vater, beide in getrennten Zellen, auf den diesjährigen Gewinner der Lotterie. Die Frage, die sie sich stellten, war allerdings, wer dieses Jahr das Opfer der Stadt sein würde.
Grausam, nicht wahr? Ich dachte mir, in manchen Fällen ist der Tod vielleicht doch eine zu belohnende und gütige Strafe als das Leben.
Ich war fertig. Sie war zwar nicht meine beste Arbeit, aber ich war zufrieden. Die Geschichte war ganz gut. Und als ich den letzten Punkt am Ende meines Romans setzte, war auch der Schatten von Nightjack verschwunden. Ich hatte ihn in einem Roman festgenagelt und sein Schicksal niedergeschrieben. Er war aus meinem Kopf verbannt und in das Buch eingesperrt worden. Jetzt würde er immer wieder aufs Neue leiden, jedes Mal, wenn jemand die Geschichte las. Viele Leser wussten das nicht, aber so konnte ich das Schicksal meines imaginären Verfolgers noch verschlimmern. Und es fühlte sich gut an.
Die Kritiken über mein Buch waren eher durchschnittlich, obwohl sie die Spannung und den Höhepunkt gelobt hatten. Weitaus weniger beeindruckend und viel mehr beängstigend war der Schweif, den mein Buch durchs Land gezogen hatte. Tausende Menschen verfielen nach meinem Roman in Angst und Schrecken. Eine Kritik hatte sogar erwähnt, dass ich indirekt Verbrechern eine Chance gegeben habe, ihre dunkelsten Taten zu vollziehen. Immerhin war Nightjack einer der raffiniertesten Mörder in der Geschichte der Literatur und jeder, der den Roman lesen würde, könnte von dessen dunklen Taten inspiriert werden. Ich wollte, dass die Leute Angst beim Lesen meines Romans verspürten. Obwohl ich Nightjack in das Buch eingesperrt und mich somit von seinem Schatten befreit hatte, habe ich doch einen Fluch auf die Menschheit losgelassen. Jedes Mal, wenn ich heute noch die Zeitung aufschlage oder die Nachrichten lese und ich zufällig einen Artikel über einen Mord erblicke, hoffe ich von ganzem Herzen, dass der Mörder nicht von Nightjacks Taten inspiriert wurde. Auch wenn es für manche lächerlich klingt, aber bis zum heutigen Tag fürchte ich die Rache von Nightjack.
Natürlich wurden die grausamen Morde des Nightjacks verfilmt und ich erhielt erneut einen saftigen Haufen Geld. Wie zu erwarten, war auch dieser Film eine Enttäuschung und das, obwohl er von guten Kritiken überhäuft und die Hauptdarstellerin sogar für einen Oscar nominiert wurde. Doch ich konnte keine Freude empfinden. Die Menschen schienen sich über die Abenteuer dieses Mörders zu amüsieren und dabei hatten sie vergessen, dass Nightjack einst eine gefährliche Figur war, die das ganze Land und ihre Bürger in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Immerhin hatte ein einfacher Autor diese Figur erschaffen. Was wäre wohl passiert, wenn ein landesbekannter Massenmörder diese Pläne entwickelt hätte?
Dieser Film hatte den Namen Nightjack nicht verdient und er verbreitete keine Angst und keinen Schrecken. Ich spürte nichts, als ich diesen Film bei der großen Premiere sah: keine Angst, keine Furcht, nicht einmal ein leichtes Zittern. All die fürchterlichen Gedanken, die ich jahrelang hatte, und all die Furcht, die ich empfunden hatte, schienen wie weggeblasen.
Als ich nach der Premiere erneut allein in meinem Apartment saß, überkam mich der Gedanke, ob Nightjack vielleicht davon wusste und ob er vielleicht eines Tages aus dem Buch emporsteigen würde, um mich dafür büßen zu lassen, was ich seinem Erbe angetan hatte. Weil ich seine Geschichte an Hollywood verkauft hatte. Seine Seele an die Götter der Gier verkauft.
Tatsächlich ist dieses Buch das einzige von all meinen Werken, das ich nicht in meinem Bücherregal stehen habe.