Читать книгу Tödliches Rätsel - Paul Doherty - Страница 5
Prolog
ОглавлениеEdwin Chapler, Schreiber in der Kanzlei vom Grünen Wachs, saß in der kleinen, muffigen Kapelle, die mitten auf der London Bridge stand. Draußen war die Sonne untergegangen, aber der Himmel war noch blutrot. So leuchteten die Sterne nur blaß, und die Einwohner von London hatten einen Vorwand, weiter Handel zu treiben, zu spielen oder Arm in Arm am Flußufer entlangzuspazieren. Schenken und Herbergen waren voll. Die Lieder aus den Bierkneipen hallten durch das Gewirr der Straßen. Leiden und Hunger des Winters waren jetzt vergessen; die Ernte war gut gewesen, und auf den Märkten herrschte geschäftiges Treiben. Edwin Chapler aber war das Herz schwer, und so würde es jedem Mann ergehen, wenn er der Wahrheit ins Auge schauen müßte und sie doch niemandem erzählen könnte. Er schaute sich in der Kapelle um. Am vorderen Ende war der kleine Chor, zur Linken stand ein Marienaltar und zur Rechten eine große Statue von St. Thomas à Becket, dem ein Schwert grotesk in den Schädel getrieben war.
»Ich sollte im ›Bäckerdutzend‹ sitzen«, flüsterte Chapler. »Sollte einem Fiedler zuhören und mich fragen, ob Alison wohl zu seiner Musik tanzen könnte.«
Er war hergekommen, wie er es oft tat – um Anleitung zu suchen. Aber er konnte nicht beten. Er öffnete den Mund, doch es kam kein Wort heraus. Er schaute hinauf zu dem buntbemalten Glasfenster. Im rasch verblassenden Licht des Tages wand sich der gemarterte Christus an seinem Kreuz.
Chapler wandte den Blick wieder ab. Hier drin war es kalt, und er war ganz allein; es könnte noch Tage dauern, bis er endlich einen Entschluß faßte. Lautloses Grauen ergriff ihn. Wenn er nun gar nichts unternähme und es entdeckt würde? Chapler schluckte angestrengt. Vor zwei Sommern hatte er gesehen, wie ein Mann wegen Verrats hingerichtet wurde, ein Schreiber, der Geheimnisse an die Spanier verkauft hatte. Chapler schloß die Augen, aber die grausige Szene wollte nicht vergehen: die schwarzverhangene Plattform, die Fleischbank unter dem hoch aufragenden Galgen in Tyburn. Man hatte den unglückseligen Schreiber abgeschnitten und von der Gurgel bis zum Unterleib aufgeschlitzt, wie eine Hausfrau es mit einem Huhn macht. Dann hatte man ihm den Kopf abgehackt und den Leib gevierteilt, um ihn in Pech zu kochen und über dem Stadttor zur Schau zu stellen.
Fröstelnd spähte Chapler durch das Halbdunkel. Die beiden Kerzen, die er vor der Figur des hl. Thomas angezündet hatte, glühten wie feurige Augen. Dunkelheit drängte herein. Chapler hatte das Gefühl, daß eine böse Macht in der Nähe lauerte, bereit, ihn anzuspringen wie eine monströse Katze. Die donnernden Hufe eines Pferdes draußen ließen ihn zusammenfahren. Chapler erinnerte sich, weshalb er hier war. Man hatte ihn hinreichend davor gewarnt, den Mund aufzumachen. Er war in den Stall gekommen, und sein Pferd hatte sich in Schmerzen gewunden. Ein mitfühlender Stallknecht hatte sich bereitgefunden, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Als man den Kadaver zum Abdecker geschleift und den Bauch aufgeschnitten hatte, da hatte man darin nicht Heu und Stroh, sondern Angelhaken und stachlige Distelblätter gefunden. Chapler hatte sich beschwert, aber der Wirt mit dem fettglänzenden Gesicht, dem der Stall gehörte, hatte nur die Achseln gezuckt.
»Gebt mir nicht die Schuld!« hatte er geblafft. »Die Pferde sind hier gut versorgt. Seht Euch um, Meister, seht Euch nur um! Weshalb, um Himmels willen, sollten wir ein armes Pferd mit Angelhaken und Disteln füttern?«
Chapler hatte ihm beigepflichtet und war weggegangen. Ein Feind hatte es getan. Wieder schloß er die Augen und ballte die Fäuste, als er neben dem Pfeiler niederkniete. Ein Geräusch über ihm ließ ihn zusammenschrecken. Entsetzt riß er die Augen auf, als er die schwarze Gestalt erblickte, die unter den wuchtigen Deckenbalken schwebte. Angstvoll stöhnte er auf. Ein Dämon? Eine finstere Seele, die ihn jagte? Der schwarze Schatten kehrte um, und fedrige Schwingen schlugen sanft durch die Luft. Chapler entspannte sich: Es war nur ein Rabe, einer der großen schwarzen Vögel, welche die London Bridge heimsuchten und auf den Pfeilersockeln unten nach Aas stöberten oder – noch besser – auf die abgeschlagenen Köpfe von Verbrechern und Verrätern warteten, die hier auf Stangen gesteckt wurden. Anscheinend war der Rabe hier hereingeflogen und fand den Ausgang nicht mehr. Chapler beobachtete ihn neugierig. Der Vogel krächzte nicht, sondern flatterte auf ein Fenstersims und pochte mit dem gelben Schnabel gegen das horngefaßte Glas. Dann drehte er sich wieder um. Chapler vermutete, daß der Rabe ihn betrachtete. Ein Vorzeichen? Ein Teufel? Er überlegte, ob er die Tür aufmachen sollte, um zu sehen, ob das Tier hinausflog, aber er konnte sich nicht rühren. Eigentlich lohnte sich die Mühe auch nicht; zumindest leistete der Vogel ihm Gesellschaft. Der Rabe krächzte, als könne er seine Gedanken lesen, und drehte den Kopf zur Tür. Seufzend wollte Chapler sich aufrappeln, als die Tür krachend aufflog. Der Rabe krächzte triumphierend, schwebte hinunter und hinaus ins schwindende Licht. Chapler achtete nicht auf ihn, hatte nur Augen für die Schattengestalt, die in die Kirche geschlurft kam.
»Wer bist du?« rief er.
Die verhüllte Gestalt antwortete nicht. Statt dessen blieb sie vor dem Christophorus-Altar stehen, der sich gleich neben dem Eingang befand. Eine Münze fiel in einen Kasten, ein Kienspan wurde angezündet, eine brennende Kerze auf einen eisernen Dorn vor der Statue des Schutzheiligen der Reisenden gesteckt. Die Gestalt drehte sich um. Es war eine Frau. Ihr zottiges Haar fiel unter der Krempe ihres spitzen Hutes hervor und lag in struppigen Locken auf ihren Schultern. Schlurfend kam sie näher. Chapler erkannte ein runzliges Gesicht, glitzernde Knopfaugen und fest zusammengepreßte Lippen, die zwischen den Falten der Wangen fast verborgen waren. Er seufzte erleichtert auf. Es war nur die alte Harrowtooth, eine Hexe, eine weise Frau, die in einer schäbigen Behausung weiter unten an der Brücke wohnte. Man nannte sie Harrowtooth – Eggenzahn –, weil ein einzelner vorstehender Zahn wie der Zinken einer Egge über ihre Unterlippe hinunterragte.
»Ich bete gern über dem Wasser«, krächzte die alte Harrowtooth und lächelte gezwungen. »Ein guter Ort zum Beten«, sage ich. Immer still. Gottes Wasser unter mir, Gottes Himmel über mir.« Ihre Klauenhand schloß sich um Chaplers Handgelenk. »Und es tut immer gut, wenn man sieht, wie ein stattlicher junger Mann seine Gebete spricht. So manchen jungen Mann hab’ ich im Leben gesehen«, plapperte sie weiter. »Ich erinnere mich an einen hier, der mich mit Flüchen vertreiben wollte, als ich ihn um eine Münze bat.« Sie schob ihr häßliches Gesicht dichter an seines heran. »Krank ist er geworden, ein Fieber hat er bekommen, und schrecklicher Durst wütete in seiner Kehle. Trotzdem wagte er nicht, sich die Lippen zu befeuchten, denn er ertrug es nicht mehr, das Wasser zu hören oder zu fühlen.«
Chapler zog die Hand weg, öffnete seine Börse und reichte ihr einen Penny.
»Gott segne dich, mein Herr.« Sie hielt die Münze in die Höhe. »Gott segne dich. Ich komme herein und gebe einen Farthing für eine Kerze aus, und wie es aussieht, gehe ich reicher wieder hinaus. Wer sagt da, daß Gott unsere Gebete nicht erhört?« Die schmalen Schultern der Alten bebten vor Lachen. Sie öffnete die Tür und drehte sich noch einmal um. »Ein Wort der Warnung, junger Mann.« Ihre Stimme klang jetzt rauh und überraschend stark. »Der Rabe ist ein Vorbote des Unheils!« Sie schlug die Tür hinter sich zu.
Chapler kehrte zu seinem Pfeiler zurück und kauerte sich nieder. Trotz der Erscheinung der alten Harrowtooth war ihm gelassener zumute, als habe er einen Entschluß gefaßt. Wenn er tat, was recht war, wenn er tat, was sich gehörte, würde ihm nichts geschehen, und alles würde gut werden. Er blieb noch eine Weile und überdachte, was er tun würde. Er sank auf die Knie. Jetzt, da seine Seele ruhig war, konnte er beten. Vielleicht sollte er auch noch eine Kerze anzünden, bevor er ginge? In seiner Andacht versunken, hörte Chapler nicht, wie die Tür sich leise öffnete.
Die Schattengestalt kam schnell wie eine Spinne heran, huschte über die Steinplatten, und man hörte keinen Laut, bis die eisenbeschlagene Keule Chaplers Hinterkopf zerschmetterte und der junge Mann zu Boden fiel, während ihm das Blut aus dem Mund floß.
Die Gestalt bückte sich und schleifte ihn hinaus auf die Stufen vor der Tür. Dort verharrte der Mörder. Niemand war in der Nähe. Es war dunkel geworden, und die Geschäfte des Tages waren beendet. Er hob Chapler auf, als sei das Opfer ein Freund, der zuviel getrunken hatte, und eilte mit ihm seitlich um die Kirche herum zum Brückengeländer. Hier konnte man ihn nicht sehen. Strebpfeiler der Kapelle ragten zu beiden Seiten heraus und schirmten ihn vor fremden Blicken ab. Er wuchtete Chaplers Leichnam auf das Geländer und kippte ihn dann wie einen Sack hinunter in den Fluß, der unten schäumte.
Drei Abende später, als der Fluß mit voller Kraft dem Meer zuströmte, löste sich eine lange Barke von St. Paul’s Wharf und überquerte die wogende Flut. Verhüllte Gestalten stakten die Barke voran, und im Bug und im Heck standen weitere, ähnlich gekleidete und hielten Fackeln in den Händen. In der Mitte der Barke saß der Menschenfischer, die Kapuze zurückgeschlagen, und starrte mit lidlosen Augen über den Fluß. Er suchte nach Leichen. Er und die Seinen, die Ausgestoßenen von London, wurden von der Gemeinde nach einem festen Gebührensatz für jede Leiche bezahlt, die sie aus dem Wasser zogen – eine bestimmte Summe für einen Unfalltoten, eine andere für einen Selbstmörder. Den höchsten Preis erzielte natürlich ein Mordopfer. Der Menschenfischer, der sein gespenstisches, birnenförmiges Gesicht zum Schutz vor dem kalten Wind auf dem Fluß sorgfältig eingefettet hatte, gurrte ein Wiegenlied, während er das Wasser absuchte.
»Es wird Leichen geben«, murmelte er. »Schaut nur angestrengt und lange hin, meine Hübschen!«
Die wenigen Barken und Kähne, die auf dem Fluß unterwegs waren, machten einen weiten Bogen um sie. Der Menschenfischer war nicht beliebt, und besonderen Schrecken besaß er für diejenigen, die an der Themse arbeiteten. überall in den Schenken und Bierstuben munkelte man, daß der Menschenfischer und seine Kumpane sich nicht zu schade seien, auch selbst für die Opfer zu sorgen, die sie dann aus der Themse fischten. Jeder Bootsmann zwischen Southwark und Westminster betete unablässig zu seinem Schutzpatron, sein Leichnam möge nicht vom Menschenfischer gefunden und in seine seltsame Kapelle geschafft werden, wo er in einem Behelfssarg liegen würde, bis man ihn identifiziert hätte.
Heute nacht war der Fischer voller Hoffnung. Vor zwei Tagen hatten sie die Leiche eines Betrunkenen und die eines Brabanter Matrosen, der in einer Wirtshausprügelei ums Leben gekommen war, aus dem Wasser gefischt. Sir John Cranston, der dicke Coroner der Stadt, hatte sie gut bezahlt. Jetzt war der Menschenfischer wieder auf der Jagd.
»Ah ja, meine Hübschen!« wisperte er und zitierte falsch aus der Totenmesse. »Gedenket jenes schrecklichen Tages, da die Erde ihre Toten herausgeben wird und die Flüsse Gottes ihre Geheimnisse.«
Dann bellte er einen Befehl, und die Barke fuhr einen Bogen, um einem Mistkarren auszuweichen, der am Rande der Fleet stand und den Kot und Müll der Stadt einfach in den Strom kippte. Die Mistsammler fluchten und machten ein Zeichen zum Schutz vor dem bösen Blick, als die grausige Barke des Menschenfischers vorüberglitt.
»Steuert auf die Uferböschung zu«, befahl der Menschenfischer. Er deutete auf die Stelle, wo der Fluß eine Biegung machte, ehe er nach Westminster weiterrauschte.
»Bist du sicher, Meister?« fragte Ichthys, der beste Schwimmer des Menschenfischers. »Sollten wir nicht in der Strommitte bleiben?«
»Nein, nein«, antwortete der Fischer. »Ich kenne den Fluß, da fließt er zu schnell. Leichen aus Southwark oder von der London Bridge werden hier ins Schilf geschwemmt.«
Die Barke wendete, die Pechfackeln flackerten und knisterten im Abendwind. Der Menschenfischer griff zu seiner Handglocke und läutete sie. Ominös hallte ihr Klang über den Fluß und warnte andere davor, näher zu kommen. Die Barke steuerte dichter ans Ufer.
»Ich sehe einen!« schrie ein Ausguck. »Meister, ich sehe einen! Da, im Schilf!«
Der Menschenfischer spähte durch das Dämmerlicht. Für ihn war es immer noch hell genug. Er suchte das Schilf ab, und dann sah auch er es: den Schimmer einer Gürtelschnalle und noch etwas anderes.
»Fahrt näher heran!«
Die Barke tat es. Ichthys sprang ins Wasser. Er schwamm wie ein Fisch, und »Fisch« bedeutete ja auch sein Name. Und bald hatte er Edwin Chaplers vom Wasser aufgedunsenen Leichnam, der da dümpelte, gepackt. Er sah das verquollene Gesicht, die starren Augen und den blutverkrusteten Mund.
»Ein Toter!« krähte Ichthys. »Meister, wir haben einen Toten gefunden!«
In der Ratcat Alley, gleich hinter der Watling Street im Schatten der turmhohen Massen der St.-Paul’s-Kathedrale, war auch Bartholomew Drayton, ein Geldverleiher, der in dem Ruf stand, so schlecht wie der Satan zu sein, kurz davor, dem Tod ins Auge zu sehen. Drayton lag auf dem Boden in seinem Kontor und stöhnte in Todesqualen, denn ein Armbrustbolzen mit Widerhaken saß tief in seiner Brust. Er wälzte sich auf die Seite und schaute zur Tür, aber er konnte unmöglich die zahlreichen Riegel zurückschieben oder die Schlüssel in den drei großen Schlössern umdrehen. Drayton schloß die Augen und ächzte. Er war immer so stolz gewesen auf diese Tür. Sechs Zoll dick, mit stählernen Angeln, außen von starken Messingnägeln geschützt – für ihn erwies sie sich nun als tödlich. Er hatte sich stets sicher geglaubt, hier unten in seinem Kontor. Hier konnten keine Diebe einbrechen, und keiner seiner habgierigen Schreiber konnte sich nehmen, was der Geldverleiher im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Keine Fenster. Nicht einmal eine Schießscharte. Und am Ende erwies sich nun alles als nutzlos. Drayton, ein alter Soldat aus den Frankreichkriegen des Königs, wußte, daß er sterben würde. So seltsam – hier in dieser Gewölbekammer. Er starrte auf die Wand am hinteren Ende. Vielleicht war es richtig so. Die Gerechtigkeit hatte ihn eingeholt. Er schloß die Augen. Die Beine und die Füße wurden ihm so kalt.
Wie Chapler, versuchte auch Drayton zu beten, aber ihm fielen nur die Worte aus der Heiligen Schrift über jenen reichen Mann ein, der seine Scheuern gefüllt hatte und sich nun auf ein Leben des Schmausens und der Fröhlichkeit freute. »Narr!« hatte Gott da gedonnert. »Weißt du denn nicht, daß der Ruf erging nach deiner Seele?« Drayton murmelte ein Gebet. Er hatte noch Zeit, Gott um Verzeihung zu bitten, aber wie stand es mit dem anderen Verbrechen? Drayton drehte sich auf die andere Seite. Mit all seinen schwindenden Kräften versuchte er, zur hinteren Wand zu kriechen und sie zu berühren. Ja, wenn er sie berühren könnte, dann könnte er um Vergebung bitten. Aber er war nur ein paar Handbreit vorangekommen, als der Schmerz ihn überwältigte. Kälte strömte in seinem Körper herauf, und Bartholomew Drayton gab seine Seele auf.