Читать книгу Trevellian und die Sekte der Grausamen: Action Krimi - Pete Hackett - Страница 6
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ОглавлениеWir waren ausgesprochen erfolgreich gewesen. Mit der Festnahme der Lacenby-Brüder hatten wir dem organisierten Verbrechen in New York einen empfindlichen Schlag versetzt. Es war uns gelungen, Jennifer Johnson unversehrt aus der Gewalt des eiskalten Killers Antonio Felli zu befreien. Und wir hatten verhindert, dass ein Kleintransporter voller russischer Kalaschnikows und zigtausend Schuss Munition in die falschen Hände gelangten.
Mr. McKee, der Special Agent in Charge des FBI Field Office New York, sparte nicht mit Lob und Anerkennung. Er schickte uns für den Rest des Tages nach Hause. Der vergangene Tag und die Nacht waren weiß Gott an die Substanz gegangen.
Nicht ahnend, dass sich über unseren Häuptern die dunklen Wolken des Unheils ballten, holte ich am kommenden Morgen Milo ab…
Wir fuhren in Richtung Federal Plaza.
Der Tod streckte die knöcherne Klaue nach Milo und mir aus, als wir uns auf der Lafayette Street befanden, einen Steinwurf vom Federal Building entfernt. Ein schwerer Truck ohne Aufleger brauste von rechts auf der Worth Street heran. An der Ecke Lafayette Street/Worth Street stand ein Schwarzer und hielt ein Handy an sein Ohr. Das Begreifen kam bei mir mit der Schärfe eines Blitzschlages.
Die Kumpane der Lacenby-Brüder hatten uns observiert und nun waren sie drauf und dran, blutige Rache für ihre Bosse zu nehmen. Um nichts anderes ging es. Um billige Vergeltung. Wir sollten eine volle Breitseite abkriegen…
Milo brüllte mit kippender Stimme: "Jesse, mein Gott, der fährt uns in Grund und Boden!" Sein entsetzter, in der jähen Panik flackernder Blick traf mich von der Seite. Unwillkürlich stemmte Milo die Beine gegen das Bodenblech des Wagens und die Arme gegen das Armaturenbrett.
Es war der Reflex, vielleicht auch der Instinkt, auf keinen Fall aber der bewusste Verstand, der mich handeln ließ. Bar jeglichen Gedankens, jeglichen Willens beraubt, drückte ich auf die Tube. Ich gehorchte nur noch dem Selbsterhaltungstrieb. Die Räder drehten durch, unvermittelt griffen sie, der Sportwagen bäumte sich auf und vollführte einen Satz nach vorn. Die Distanz zum vor mir fahrenden Wagen betrug allenfalls zehn Schritte. Die Tachonadel schnellte hoch auf 70 kmh.
Obwohl ich nahezu ansatzlos reagiert hatte, knallte der Laster dem Sportwagen in die Seite. Allerdings nicht auf Höhe der Beifahrertür, was Milo wahrscheinlich zermalmt hätte, sondern am hinteren Kotflügel. Es gab einen gewaltigen Bumms. Der Wagen wurde halb herumgewirbelt. Milo und ich wurden durch und durch geschüttelt. Die Gurte verhinderten, dass wir von den Sitzen geschleudert wurden. Meine Ohren waren voll von dem Knall, den der Zusammenstoß verursachte. Es schepperte und klirrte.
Ich gab Gas und kurbelte wie von Sinnen am Lenkrad. Die Fliehkraft drückte Milo und mich in die Sitze. Dann waren wir an dem Laster vorbei, und ich stieg auf die Bremse. Die Räder blockierten mit protestierendem Gekreische. Die Nase des Sportwagen wurde nach unten gedrückt. Sicherlich ging der Frontspoiler bei diesem brutalen Bremsmanöver am Boden auf.
An die Schäden an meinem Auto aber dachte ich in diesem Moment weiß Gott nicht.
"Raus hier!", keuchte ich und löste den Verschluss des Sicherheitsgurtes. Meine Tür flog auf, ich ließ mich nach draußen kippen. Als ich ziemlich unsanft auf dem Asphalt aufschlug, hatte ich schon die SIG in der Faust. Es ging alles wie automatisch, keine meiner Aktionen wurde von einem bewussten Willen geleitet. In mir lief ein Programm ab…
Der Motor des Lasters heulte auf, dann stieß der schwere Brummer zurück.
Holte er etwa noch einmal Anlauf? Himmel, er würde den Sportwagen über mich hinweg schieben. Ich weigerte mich, mir auszumalen, was von mir übrig bleiben würde. Eine eiskalte Hand schien mich zu berühren. Und einen schrecklichen Augenblick lang brachte ich es nicht mehr fertig, eine chronologische Reihenfolge in meine Gedanken zu zwingen. Ich handelte rein instinktiv. Ich musste überleben.
Blitzschnell wuchs ich hinter dem Wagen hoch. Von Milo sah ich nichts. Aber die Beifahrertür stand sperrangelweit offen. Hinter der Windschutzscheibe des Transporters nahm ich zwei dunkle Gesichter wahr, zu denen das Weiße der Augen einen scharfen Kontrast bildete. Eines dieser Gesichter schob sich plötzlich aus dem Seitenfenster. Und gleichzeitig wurden breite Schultern und zwei Arme sichtbar, die eine MPi hielten.
Mit dem Erkennen der tödlichen Gefahr ging ich hinter dem Wagen wieder auf Tauchstation. Die MPi begann zu rattern. Feuergarben stießen aus der Mündung wie gierige Zungen. Die Geschosse harkten in das Stahlblech der Karosserie und stanzten eine ganze Reihe von Löchern hinein. Die Seitenscheiben zerplatzten in einem Schauer von Scherben. Mir blutete das Herz. Nicht nur, dass der Laster meinen roten Flitzer total verbeult hatte, nun riss ihm auch noch heißes Blei Wunden über Wunden.
Ich hatte auf den ersten Blick erkannt, dass es eine HK53 war, die schwere Maschinenpistole von Heckler & Koch also, deren Kugeln mir um die Ohren flogen. Eine Mischung aus HK5 und HK33, MPi-Kompaktbauweise also gepaart mit der Durchschlagskraft eines Sturmgewehres vom Kaliber 5,56 x 45 mm. Diese Maschinenpistole gehört neben der MP5-Serie - die auch das FBI benutzt - weltweit zur bevorzugten Waffe von Sondereinheiten.
Und während der schwarze Gangster aus dem Seitenfenster des Lasters eine Salve nach der anderen feuerte, fuhr das Vehikel, dem der Crash kaum etwas ausgemacht hatte, mit Volldampf los. Die MPi verstummte. Rücksichtslos rammte der Truck einen Pkw, schob ihn zur Seite und überquerte die Lafayette Street, um gleich darauf nach links in die Centre Street hinter dem Criminal Courts Building zu verschwinden.
Milo und ich kamen gleichzeitig hoch. Hinter dem Wagen hatte ein Pontiac angehalten. Das Fahrzeug, das bis zum Crash vor uns fuhr, war verschwunden. Der Schwarze an der Ecke, der wahrscheinlich für das Timing verantwortlich gewesen war, schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Mein Freund und Partner winkte mir mit der SIG und rannte los. Er flitzte in die Worth Street und legte sich in Kurve, als es in die Centre Street ging.
Ich hinterher.
Der Truck bog gerade nach rechts in die White Street ab. Wegen des Verkehrs war er nicht besonders schnell voran gekommen. "Merk dir das Kennzeichen!", schrie ich und versuchte selbst, es mir einzuprägen.
Wir fegten um das Criminal Courts Building herum, erreichten die Baxter Street und sahen beim Columbus Park den Transporter stehen. Die beiden Schwarzen rannten zwischen die Büsche. Der eine schleppte die MPi mit sich. Der andere schien unbewaffnet zu sein.
"Stehenbleiben!", brüllte ich überschnappend. "FBI! Bleiben Sie stehen!"
Meine Worte waren in den Wind gebrüllt. Ich legte noch einen Zahn zu. Die Büsche und Bäume des Parks schienen an mir vorbeizufliegen. Plötzlich ratterte wieder die MPi los. Milo hechtete zwischen das Gestrüpp. Ich stieß mich ebenfalls ab und flog nach links. Zweige zerrten an meiner Jacke, peitschten mein Gesicht und knickten ab. Schlagartig verstummte das MPi-Feuer. Hastende Schritte erklangen…
Ich kam hoch und sah ein paar Schritte von mir entfernt Milo auf die Beine schnellen. Wir nahmen wieder die Verfolgung auf. Aber in dem Park gab es tausend Möglichkeiten, sich zu verkriechen. Von den beiden Gangstern war jedenfalls nichts mehr zu sehen. Kurze Zeit durchstreiften wir noch das Gelände, die gebotene Vorsicht nicht außer Acht lassend, dann kehrten wir zu dem Lastwagen zurück. Die Beschriftung auf den beiden Türen des Führerhauses verriet, dass das Fahrzeug aus dem Fuhrpark einer Spedition in Queens stammte.
Ich holte mein Handy aus der Tasche und rief im Field Office an. Clive Caravaggio nahm ab. Er war Chef vom Dienst. Ich erklärte ihm mit knappen Worten, was vorgefallen war und bat ihn, einige Kollegen von der Spurensicherung herzuschicken, damit sie den Laster abholten.
Clive sagte es zu.
Ich bat Milo, hier ohne mich auf die Kollegen zu warten, denn mein übel ramponierter Sportwagen stand noch mitten auf der Lafayette Street und würde wahrscheinlich den gesamten Verkehr behindern.
Ich beeilte mich.
Zwei Patrolcars waren bereits aufgefahren. Man hatte den Wagen zur Seite geschoben. Einer der Cops regelte den Verkehr, zwei standen beim Sportwagen, der vierte saß in seinem Einsatzfahrzeug und hielt das Mikrofon des Funkgerätes vor seinem Gesicht. Seine Lippen bewegten sich.
Ich wies mich den Cops gegenüber mit meiner ID-Card aus und erstattete ihnen einen kurzen Bericht.
"Der Laster steht in der Baxter Street?", fragte einer der Officers wie zu Sicherheit noch einmal nach.
"Ja, gleich bei der Einmündung der Bayard Street neben dem Park", erwiderte ich. "Es ist ein Sattelschlepper ohne Aufleger. Ich habe veranlasst, dass er abgeholt wird. Bei dieser Gelegenheit können Sie sicher für mich feststellen, auf wen er zugelassen ist."
"Kein Problem, Special Agent, vorausgesetzt, sie kennen die Zulassungsnummer."
Ich nannte sie. Der Officer ging zu seinem Fahrzeug und klemmte sich hinter das Bordfunkgerät. Wenige Minuten später berichtete er mir, dass das Fahrzeug in der Nacht aus dem Hof einer Spedition in Queens gestohlen worden war. Der Besitzer des Lasters hatte zwischenzeitlich Anzeige erstattet.
Der Abschleppdienst, den die Cops informiert hatten, kam nach etwa zwanzig Minuten. Ich nannte dem Fahrer die Werkstatt, zu der er den Sportwagen bringen sollte.
Milo, der kurz vorher eingetroffen war, legte mir die Hand auf die Schulter. "Er ist nur angekratzt, Partner", murmelte er. "In einer Woche erstrahlt er wieder in seinem alten Glanz. Du brauchst ihn also nicht zu Grabe zu tragen."
Er sprach vom Wagen.
Und es klang echt mitfühlend.