Читать книгу Lust aufs Alter - Peter Scheer - Страница 9
Sie sind unwichtig
ОглавлениеLeider ist es mir schon seit meiner Kindheit unverständlich, wie Menschen sich selbst so ernst nehmen können. Mit der ersten Todesangst, dem Wahrnehmen, dass ich sterblich bin, hat mich die Fähigkeit verlassen, mich ernst zu nehmen. Dazu kam noch, dass Menschen in meiner nächsten Umgebung lebten, welche die Besten beim Hinscheiden beobachtet hatten. Meine Kindheit war voll von Geschichten über die Shoah5 und es waren so viele hervorragende Gestalten, wie der Kinderarzt meiner Mama, Prof. Knöpfelmacher, deren Opfer. Sein Bild sah ich in jenem Spital, in dem ich als junger Turnusarzt meine Ausbildung begann, er war für mich ein Vorbild. Er ging am 23. April 1938 in den Tod, der wohl so freiwillig nicht war. Er, der als einziger Arzt die Tuberkulose meiner Mama sofort erkannt hatte, er, der das von Julius Tandler gegründete Karolinen-Kinderspital leitete, er mit all seinen Verdiensten und seinem Abstand zur jüdischen Religion. Aber diese Zugehörigkeit durch Geburt war sein Todesurteil, entehrt wollte er nicht leben und wohl auch nicht in einer Zeit, die nur das Leben einer selbstdefinierten Herrenrasse als wertvoll ansah. Viele Kinderärzte, die den Nationalsozialisten dienten und Kinder auf alle möglichen Weisen ums Leben brachten, hätten sich an ihm ein Beispiel nehmen sollen. Stattdessen wurden sie zu Mördern. In Wien waren von zirka achthundert Kinderärztinnen und Kinderärzten plötzlich nur mehr etwa hundert übrig, weil fast neunzig Prozent von ihnen Jüdinnen und Juden im Sinne der Rassengesetze waren.
Es kommt aber noch schlimmer: Nicht nur die Tatsache, dass sie sterblich sind, nicht nur die Erfahrungen, dass Menschen andere Menschen ermorden, macht sie unwichtig, nein, sie sind auch unwichtig, weil es ohne sie ebenso gut gehen würde. Vielleicht sogar noch ein bisschen besser. Sie stehen nämlich im Weg. Das Raumschiff Erde hat inzwischen so viele Kopien der Spezies Mensch, dass viele Tier- und Pflanzenarten verdrängt werden und schließlich aussterben. Alles, was wir essen, ist geronnenes Sonnenlicht. Wer es verbraucht, ist egal, aber er nimmt es jemandem anderen weg. Daran ist nicht zu rütteln. Sie stehen im Weg und standen immer schon im Weg. Wenn Sie nicht ein außergewöhnliches Genie sind, gleich welcher Art, stehen Sie im Weg. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Martin Luther King (1929 – 1968) hat das Leben der Afroamerikaner in den USA wesentlich verbessert – er war wichtig, nützlich und starb früh. Mahatma Gandhi (1869 – 1948) hat einen friedlichen Weg aus der Sklaverei des Kolonialismus aufgezeigt und aß zudem noch wenig. Er stand wenigen im Weg. Nur wer für andere da ist, steht manchmal nicht im Weg. Alle anderen tun es.
Ich durfte mir fast vierzig Jahre lang einreden, nützlich zu sein. Ich war Kinder- und Jugendfacharzt, behandelte Kinder und junge Menschen und es schmeichelte mir, wenn Eltern und Kinder mir ein gutes Zeugnis ausstellten. Sogar Wissenschaft durfte ich betreiben, Studenten ausbilden und die Fachliteratur um ein paar hundert Seiten bereichern. Ich war, so dachte ich, der Inbegriff der Nützlichkeit. Ich half in der Standespolitik und änderte mehrere Gesetze im Sinne der Kinder und ihrer Familien. Es war wirklich toll. Vielleicht habe ich meinen Rüssel vollgekriegt, wurde satt an Nützlichkeit und glaube daher, sie nicht mehr so dringend zu brauchen.
Das ist gut so. Wenn es bei Ihnen aber anders ist, wenn Sie nicht nützlich waren oder es sich nicht so gut haben selbst einreden können oder einreden lassen, dann machen Sie sich keine Hoffnungen: Jetzt werden Sie es sicher nicht mehr. Wozu auch? Der Friedhof ist übervoll von Nützlichen, die sich zudem auch noch für unersetzbar hielten. Sie hatten Termine und Gespräche, Bedeutung, die Sie sich gaben oder die man Ihnen gab. Sie schienen wichtig zu sein. Dann gingen Sie und es war, als wären sie nie da gewesen.
Ich erinnere mich, dass ich einmal bei einer Patientin, acht Jahre alt, auf Bitten ihres Vaters, den ich flüchtig kannte, im Nachtdienst ins Krankenzimmer kam. Die Krankheit – juveniles Rheuma – galt als bekannt und wurde fachgemäß von der Spezialistin des Hauses diagnostiziert und behandelt. Aber das Mädchen wurde nicht gesund. Die anerkannte Kollegin hatte sich geirrt. Ich empfahl lediglich die Vorstellung in einer Spezialklinik in Garmisch-Partenkirchen, wo eine Sonderform gefunden und sie geheilt wurde. Heute ist sie eine zwanzigjährige Frau ohne Behinderung. Ich ging mit stolzgeschwellter Brust hinaus und wuchs noch einmal zehn Zentimeter, als mich der Vater anrief und sagte, dass ich geholfen hätte.
Komisch, die Klinik, an der ich arbeitete, steht und funktioniert auch ohne mich. Die Kranken werden versorgt und alle Patienten und deren Eltern, die mir schmeichelten, dass es ohne mich schlechter sei, dass ich ihnen und ihrer Familie so wichtig wäre – sie kommen jetzt ohne mich aus. Kinder leiden, werden gesund, manche werden kränker, manche sterben – alles geht seinen normalen Gang. Freunde sagen mir, dass die Klinik ohne mich zugrunde ginge. Das erinnert mich nur an einen alten Witz aus meiner kommunistischen Studentenzeit.
Ein Genosse des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird nach New York geschickt, um den Kapitalismus zu beobachten. Er bleibt über die ausgemachte Zeit von vier Wochen in New York, bereist dann noch die gesamte USA und erreicht schließlich Hollywood, von wo er vom lokalen NKWD (Geheimdienst der Sowjetunion) schleunigst in ein Flugzeug in die UdSSR verfrachtet wird. Angekommen, befragen ihn die Genossen, wie es gewesen sei, was er gesehen habe. „Genossen“, hob er an und seufzte, „der Kapitalismus liegt im Sterben! Der Kapitalismus ist tot! Nur der Sozialismus lebt!“ Erfreut lehnen sich die Genossen, die wegen der langen Abwesenheit ihres ZK-Mitglieds schon skeptisch geworden waren, zurück. „Aber ich sage euch, Genossen: Was für ein Tod!“, fügt der Zurückgekommene noch hinzu. Das war sein Todesurteil.
Wie kommen Sie darauf, dass es ohne Sie schlechter gehen würde? Wie erklären Sie sich Drohungen älterer Menschen wie: „Werdet’s schon sehen, wenn ich nicht mehr bin!“ oder „Schauts nur, wie ihr das ohne mich macht!“. Anders werden sie es machen, und Sie können – wenn sie noch die Phase vier erreichen – ihnen sogar dabei zusehen. Wie viel Leid könnte verhindert werden, wenn die Alten es nicht immer besser wüssten und wenn sie den Jungen nicht im Wege stünden. Was zählt Ihre Erfahrung? Nichts. Erfahrung, so sagt der erfreulicherweise mit mir befreundete Univ.-Prof. Dr. I. D. Mutz, einer der besten Kinderärzte Österreichs, ist etwas für Leute, die nicht lesen können. Denn die anderen haben begriffen, dass das Wissen der Menschheit aufgezeichnet wurde und so allen zur Verfügung steht, die keine Analphabeten sind. Also auch Ihnen, wenn Sie das gerade lesen. Niemand gibt irgendwas auf Ihre Erfahrung, niemand braucht sie; sie ist meist aus einer anderen Zeit. Schön, wenn sie andere Alte treffen, die sich noch an das Vierteltelefon erinnern und daran, wie es war, wenn man keinen Schilling eingesteckt hatte und zu Hause anrufen musste, weil man den Zug oder den Bus versäumt hatte. In Zeiten der Mobiltelefonie ist das so aktuell wie die Hellebarde des mittelalterlichen Ritters. Historisch lustig, für Sie eine nette Erinnerung, aber nichtsdestotrotz unwichtig. Ebenso ist es verzichtbar zu erfahren, wie Sie Ihre Kinder aufgezogen haben. Sie haben eine Wirtschaftswundergeneration aufgezogen, die eine aus den Zerstörungen des Krieges auferstehende Wirtschaft möglich gemacht hat. Alle Kräfte waren gefragt. Meine Generation war so zahlreich, weil Platz war. Heute sind zu viele da. Vieles ist ersetzbar. Die „Märkte“ sind zu einem kaum steuerbaren Individuum geworden, das selbst Finanzfachleute nur ansatzweise verstehen. Viele Tätigkeiten wurden durch Maschinen ersetzt und es gibt deshalb keinen Brockhaus, kein fünfzig Bände umfassendes Nachschlagwerk mehr, weil alle Informationen über das Internet verfügbar sind. Man braucht es schlicht nicht mehr, es ist unnötig geworden. Wie schön!
Daher sind Ihre Erfahrungsberichte über die Schwierigkeiten der Recherche zu Ihren Zeiten so bedeutend wie alle Geschichten, die Ihre Kindheit, Jugend, Adoleszenz und Erwachsenenzeit betreffen. Ihre Kinder gehen mit den eigenen Kindern anders um. Vielleicht besser, vielleicht bereiten sie diese auf eine andere Welt vor, in der andere Anforderungen auf diese Kinder warten. Vielleicht machen sie es richtig, wenn sie die Kinder verwöhnen. Vielleicht machen sie es richtig, wenn sie ihnen beibringen, nichts zu essen, was ihnen nicht schmeckt. Vielleicht soll es so sein und sie bereiten ihre Kinder auf eine Überflussgesellschaft vor, die diese nur so und nicht anders kennen. Dass Sie noch mit dem Befehl aufgewachsen sind, alles aufzuessen, was auf den Tisch kam, war das Ergebnis eines extremen Mangels vor und im Krieg, den Ihre Eltern erlebt hatten. Deswegen sind Sie heute vielleicht übergewichtig und essen mehr, als Ihnen guttut. Vielleicht haben Sie wahrgenommen, dass es wunderbar ist, ein Auto zu haben, und dass es schön ist, überall hinfahren zu können. Ihre Kinder wissen aber, dass die fossilen Energien begrenzt sind und dass es daher – auch aus gesundheitlichen Gründen – besser ist zu gehen. Daher werden sie ihre eigenen Kinder auf Fahrrädern mitnehmen und zum Gehen anhalten und dabei verwöhnen und eventuell sogar tragen, obwohl sie den Kinderwagen dabei haben. Sie werden das Kind im Tragetuch haben und nebenher den Wagen schieben und hoffen, dass sie das Kind in den Wagen legen können, wenn es eingeschlafen ist. Vergleichen Sie das nicht mit der Art, wie Ihr Kind aufgewachsen ist. Es war eine andere Zeit und Sie können stolz sein, wenn Sie das Kind so großgezogen haben, dass es für die Zeit, in der es nun selbst Erziehungsaufgaben wahrzunehmen hat, diese auch wahrnehmen kann. Das ist alles.
Eine kleine Geschichte dazu: Ein Vogelvater erkennt, dass er seine Kinder retten muss. Der zu einem reißenden Strom angewachsene Fluss droht das Nest hinwegzuschwemmen. Die Kleinen können in dem Sturm und über die tosenden Wogen noch nicht hinwegfliegen. Also nimmt der Vater eines nach dem anderen in den Schnabel und fliegt über den Fluss. „Wirst du mich auch einmal retten, wenn ich alt und schwach bin?“, fragt er das Erste. „Nein“, antwortet dieses. Er lässt es fallen. Ebenso ergeht es dem Zweiten. Das Dritte aber antwortet: „Nein, aber ich werde meine Kinder ebenso retten wie eben du mich!“
Das ist die richtige Antwort. Es geht um die Sicherung des Genoms, des Überlebens der Art. Dafür sind wir ausgestattet, das ist es, was wir tun müssen, auch wenn es schon zu viele Menschen gibt.
Wenn Sie in meinem Alter sind, haben Sie Ihre „Aufzuchtspflichten“ erfüllt. Die Kinder sind groß, haben ihr eigenes Leben und ihre eigenen Vorstellungen. Ihnen zuzusehen reicht völlig, und liebevoll da zu sein, sollten sie einen doch noch brauchen. Ihnen Geschichten zu erzählen, um ihnen zu sagen, wie sie es besser machen könnten, ist verzichtbar und macht nur böses Blut. Den Geschichten der Kinder zuzuhören hingegen wird Ihnen Freude bringen.
Ich kann Sie beruhigen: Unwichtig zu sein ist schön. Sie sind plötzlich frei. Nichts bedrängt oder hetzt Sie mehr, Sie müssen nichts tun. Denn die Wahrheit ist: Sie werden nicht gebraucht! Und wenn doch, dann nur wie die Bauern am Markt, die den Jungen bei der Erwerbsarbeit helfen. Wenn sie aber nachlassen, geschieht etwas, was viele nicht wahrhaben wollen: Es geht auch ohne sie. Denn plötzlich hat vielleicht die Schwiegertochter Zeit oder der Enkel, und die machen es eben anders, aber genauso gut, und wenn Sie Glück haben, dürfen Sie manchmal noch ein wenig mithelfen.
Daher zerstreiten Sie sich nicht. Vermeiden Sie es, recht haben zu wollen und Anweisungen zu geben. Sie sind unwichtig, man lässt Sie bestenfalls leben, man sagt Ihnen, dass das, was Sie wissen, obsolet geworden ist – und auch wenn Sie vielleicht mit den neuen Medien und den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft Schritt halten, wozu? Was wollen Sie damit bezwecken? Sich wichtig machen? Wichtig sein?
Ich bin Mitglied in einem Herrenclub. Eine wunderbare Sache. Wir reden uns ein, den Armen zu helfen und die Welt zu verbessern. So weit, so gut. Wir reden uns auch ein, dass der, der mehr Fähigkeiten hat, einen größeren Beitrag für die Gemeinschaft leisten soll und dass höhere Posten eine höhere Verantwortung bedingen und nicht der Ehre wegen da sind. Und dann die traurige Realität: Die alten Männer beschimpfen sich, unterstellen einander das Schlimmste: Diebstahl, Raub, auch Nepotismus6. All das widerspricht dem Regelkanon des Herrenclubs. Es ist wie in einem Senat, der nicht von seiner Macht lassen kann. Selbst in so wunderbaren Zukunftsfilmen wie „Star Wars“ oder „Matrix“ findet sich ein Senat. Das sind immer alte Menschen, die das Sagen haben. Und das, obwohl die Schwächen des Alters nur allzu sichtbar sind. Man wird ängstlicher, obwohl man nichts mehr zu verlieren hat. Man wird dümmer, weil man vieles vergisst. Man wird zögerlicher, weil man alles besser und genauer zu überlegen meint, und doch nur langsamer denkt. Man beginnt sich selbst zu glauben, weil man sich weniger überprüft. Man wird starrer, vor allem, weil im Gehirn die Neuronen langsam abgebaut (und kaum ersetzt) werden und sich stattdessen im besten Fall weiße Substanz an diesen Stellen ausbreitet, wenn nicht Amyloid wie bei Alzheimer oder Kalk wie bei der vaskulären Demenz. Man fürchtet die Jungen, und zwar zu Recht: Sie werden diese Welt übernehmen und die Alten hinwegfegen, auf den Kehrrichthaufen der Geschichte werfen und ihnen ankreiden, dass sie viele Probleme der Welt, wie Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Kriege, Elend, Hunger und Not, nicht ausreichend bekämpft haben. Sie fürchten die Jungen so wie der Leitwolf den jungen Wolf fürchtet, da dieser – schon im Interesse des Genoms und der Auswahl des Besten – ihn verdrängen und ungerührt zulassen wird, dass sein Vater oder Onkel allein verhungert. Seien wir froh, dass Kultur und Anstand die Alten überleben lassen. Wenn wir klug sind, dann leben wir in der Stadt und nicht im Ausgedinge oder im Kellerstöckl, wie es in der Steiermark heißt, leben im eigenen Haus und nicht im Altersheim. Nur wenn wir nicht weitergeben wollen, wenn wir den Hof nicht überschreiben, die Jungen nicht ins Grundbuch lassen, dann werden wir zu Recht rausgedrängt, weil wir nicht loslassen können, unterdrückerisch sind oder einfach besserwisserisch. Also seien Sie fröhlich und heiter und geben Sie keine Ratschläge!
Während ich das an einem noch kalten Vorfrühlingstag schreibe, muss ich zweimal zurückscrollen, um mich der Kapiteleinteilung zu vergewissern. Dies, obwohl ich joggen war und hin und zurück mit dem Fahrrad zum Treffpunkt mit dem Partner gefahren bin. So ist das mit der Verfasstheit eines Pensionisten. Sie wird schlechter.
Inzwischen schreiten die Jungen voran. Sie wissen mehr, und was sie nicht wissen, schauen sie nach. Sicher, auch sie haben Schwächen. Ihr Computer stürzt gern aufgrund von Überlastung ab und das, was sie in Wikipedia finden, stimmt nicht immer und sie können den Wahrheitsgehalt von Meldungen oft nicht richtig einschätzen. Aber diese kleinen Fehler lassen sich ausbügeln.
Die Fehler der Alten hingegen sind schwerwiegender. Sie erinnern sich gern an „ihre“ Zeit, sie kennen das Heute wenig oder schlecht, sie wollen von sich reden und zuletzt: sie wissen es besser.
Vor nichts muss man sich so hüten wie vor Besserwisserei. Nicht nur dass sie unsympathisch macht, nein, meistens hat man auch noch unrecht.
Der österreichische Architekt Harry Glück (* 1925) wurde zu seiner Zeit wegen seiner Gemeindebauten heftig angefeindet. Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000) warf ihm vor, er mache nur das, was die Stadt Wien und die Betonierer von ihm verlangten. Dann schuf er den Wohnpark Alt-Erlaa mit Schwimmbecken am Dach und Blumentrögen auf den Terrassen. Er sprach von seiner Philosophie, davon, dass der Mensch Wasser und Pflanzen brauche, um leben zu können – und heute ist er ein Genie, das zu seiner Zeit eben verkannt war. Was haben die Menschen geschimpft! Der Wind verfinge sich in den Bauten, sie würden wegen ihrer Höhe schwanken, das Schwimmbad am Dach sei nicht zu benutzen, weil im Sturm zu kalt, und überdies seien die Wohnungen zu teuer und zu entlegen, der Verkehr würde durch sie um ein Vielfaches zunehmen und daher seien diese Bauten mehr Belastung als Freude. All diese Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Dasselbe geschah bei der Schleifung der Wiener Stadtmauer und der Errichtung der Ringstraßenpalais. Manche lehnten das damals ab. Vielleicht muss das so sein. Das Neue überrascht, ist unvertraut und wird daher zurückgewiesen.
Auch in der Politik weiß fast jeder, wie es besser zu machen wäre. Einmal gab es in Österreich eine Koalition aus ÖVP und FPÖ. Wesentliche Weichen wurden gestellt, das Pensionsrecht verändert, so dass es möglich scheint, dass die Pensionen noch ein paar Jahre bezahlt werden können. Ein „Solidarbeitrag“ wurde bei den höheren Pensionen eingeführt, also eine Kürzung, der man diesen schönen Namen gegeben hat. Sicher komisch. Da zahlt der Staat seinen Beamten eine gute Pension, weil diese im Erwerbsleben ein geringeres Einkommen hatten als zum Beispiel Freiberufler, allerdings auch nicht deren Risiko. Es wird eine Lebensarbeitssumme errechnet und ausgezahlt. Natürlich haben alle anderen längst vergessen, dass sie jahrelang ein höheres Einkommen hatten als die Beamten, und wenn sie sich doch erinnern, rechnen sie es ihren Fähigkeiten und der Faulheit der Beamten zu. Somit gönnt keiner den Beamten ihre Pension. Der Souverän, das Volk, reduziert sie also, und damit das ohne Streik und ohne allzu viel Lärm einhergeht, nennt man es „Solidarbeitrag“ und schon ist die Pille mit einem Zuckerguss überzogen und wird geschluckt. Was kann man da besser machen? Nichts. Denn die Pensionen sind nicht finanzierbar. Entweder müssen die Menschen mehr zahlen oder früher sterben oder mehr Kinder haben. Zu viele Alte, zu wenige Junge und mäßige Wirtschaftsdaten erforderten diese Reformen.
Wie leicht kränkt man sich dann über eine solche Vorgehensweise. Denn wer will schon auf etwas verzichten, indem er zum Beispiel dazu beiträgt, dass auch in Zukunft, dann, wenn er längst nicht mehr lebt, die Pensionen finanzierbar bleiben?
Noch leichter lässt es sich über Kränkungen durch die Kinder und Enkel verzweifeln, die auf die Meinung der Alten keinen Wert legen. Das sollte Sie aber keineswegs kränken, denn es macht nichts. Was heißt schon „Wert legen“? Dass man Sie ernst nimmt. Warum wollen Sie unbedingt ernst genommen werden? Das will doch nur jemand, der sich selbst ernst nimmt, und das sollen Sie nicht tun. Es macht nur traurig.
Sie könnten auf den Gedanken kommen, dass Sie es wirklich besser wissen. Das wäre schade. Wie kommen Sie darauf? Und selbst wenn es so sein sollte: Erinnern Sie sich, jede Generation muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Was denken Sie, wie viele junge Menschen dieses Buch lesen werden? Wie viele werden meinen Erfahrungsschatz in Anspruch nehmen wollen? Sie sind an einer Hand abzuzählen. Ich finde das nicht gut, weil ich natürlich hoffe, dass alle Menschen mein Buch kaufen und lesen. Meine Träume weisen mir diesen Weg. Aber natürlich wird es nicht so sein. Noch kann ich meine Träume von der Wirklichkeit unterscheiden. Mein Buch wird vielleicht von älteren Menschen gelesen, sie werden manches gut, manches schlecht finden. Auf jeden Fall aber werden meine Leser wissen, wie es besser zu machen gewesen wäre. Ich habe es da leicht. Ich vergleiche mich neuerdings mit jenen, die nichts tun. Diese Gruppe ist gar nicht so klein. Es gibt einfach Menschen, die gern ein Buch geschrieben hätten, die gern in der Früh aufgestanden wären, gern auf den Berg gegangen wären, gern mehr reisen würden. Nur, sie machen es nicht. Der Hund braucht sie, die Enkel oder andere Umstände halten sie an dem Ort, an dem sie angeblich nicht sein wollen. Und so verhält es sich mit allem, was man machen will. Die Umstände lassen es scheinbar nicht zu. Manchmal mag das ja stimmen, aber öfter sind wir es selbst, die es nicht zulassen, die wir uns im Weg stehen. Dabei ist es doch viel wichtiger, dass sie das kurze Stück, das sie noch gesund gehen können, erleben, genießen und freudig annehmen. Denn das, was sie weiterzugeben haben, das, für das sie wertgeschätzt werden wollen, das ist vorbei.