Читать книгу Marattha König Zweier Welten Gesamtausgabe - Peter Urban - Страница 7
Kapitel 5 Das Rad des Lebens
ОглавлениеArthur hatte Sir John Shore seinen Plan für eine Offensive gegen Spanisch-Manila und ein langes, detailliertes Papier über die Organisation eines militärischen Nachrichtendienstes übergeben. Er hatte geheimnisvolle nächtliche Ausflüge nach Hoara unternommen, um mit Lutuf Ullah zu diskutieren, dem Pferdehändler aus Kabul. Er war mehrmals mit William Hickey zusammengetroffen, und schließlich auch mit dem für Kartographie verantwortlichen Offizier der Ostindischen Kompanie. Er hatte einen herrlichen Sonntag im Haus von Sir Edwin Hall verbracht und dabei die Zeichnungen und Aquarelle von Charlotte betrachten dürfen, in denen das junge Mädchen ihr Bengalen darstellte, und er hatte sich mit Eochaid angefreundet, seinem neuen vierbeinigen Gefährten. Und seit er für sein 33. Regiment neue, strenge Verhaltensmaßregeln festgeschrieben hatte, verkürzte sich die Krankenliste mit traumhafter Geschwindigkeit.
Wesley war mit seinem Leben zufrieden und glücklich, den Weg nach Indien gewählt zu haben. Das Klima, mit dem John Sherbrooke noch immer zu kämpfen hatte, machte ihm nicht im geringsten zu schaffen, und der märchenhafte Orient, den er nun tagtäglich mit eigenen Augen zu sehen bekam, schien ihm noch um ein Vielfaches reizvoller und interessanter als die Geschichten in seinen Büchern.
Alles ging ihm leicht von der Hand. Er stand um vier Uhr morgens auf und befasste sich mit seinen Männern, mit dem Studium des Kriegsschauplatzes und mit den unerwarteten, aber aufregenden Aufgaben, die Sir John Shore ihm übertrug. Trotz der vielen Aufgaben und der zusätzlichen Arbeit, die er sich selbst auferlegte, blieb ihm noch reichlich Zeit, die Gegend zu erkunden, neue Bekanntschaften zu schließen und alte aufzufrischen. Sein Körper schien überhaupt keiner Ruhepause zu bedürfen, und je mehr er sich aufbürdete, umso ausgeglichener wurde er.
Manchmal stieg er auf sein Pferd und verschwand aus dem Umkreis der Stadt, ohne jemandem zu sagen, warum und wohin er unterwegs war. Meist trieb es ihn hinaus zum Dakshinewar-Tempel, einem hinduistischen Gotteshaus, das Kali geweiht war. Dort stand er dann abseits der indischen Pilger auf einem Hügel und betrachtete das bunte, fremde Treiben mit Kinderaugen. Manchmal zog es ihn ans linke Ufer des Hoogley und in den Botanischen Garten, den gelehrte Männer aus England für die Ostindische Kompanie angelegt hatten, um die Pflanzenvielfalt Bengalens auf engem Raum zu sammeln und zu katalogisieren. Von Zeit zu Zeit wagte er sich sogar bis nach Diamond Harbour hinunter, an die Mündung des Hoogley. Oft ritt er alleine; ab und an erlaubte er John Sherbrooke, ihn zu begleiten.
Doch mit Sherbrooke durch die Gegend zu streifen war nicht unproblematisch. Der Oberstleutnant maß Indien an europäischen Maßstäben. Er hatte Angst davor, mit den Einheimischen in zu engen
Kontakt zu kommen. Er traute sich nicht, bei irgendeinem Straßenhändler seinen Magen mit einem »curry« zu füllen, oder für ein paar Annas heißen Tee mit Milch, Zucker, Kardamom und Kaneel zu trinken. Er fürchtete sich vor Krankheiten, vor der Dunkelheit und davor, sich in diesem weiten, fremden Land zu verirren.
In Indien schien sich fast alles zu ändern. Zu Hause in England – und während das 33. Regiment in Dublin stationiert gewesen war – war John Sherbrooke stets der unternehmungslustigere, selbstbewusstere und forschere Offizier gewesen. Arthur dagegen war ein Arbeitstier gewesen: Er hatte die Soldaten gedrillt, hatte sich mit den Lieferanten und den Horse Guards herumgeschlagen und sich nicht getraut, in seiner abgetragenen Uniform bei irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen zu erscheinen, während Sherbrooke dank seiner einflussreichen Familie und seinem prallen Geldbeutel die politischen Aktivitäten übernahm. Jetzt war es Arthur, der antichambrierte, lavierte und Kontakte knüpfte, der einlud und eingeladen wurde und von Tag zu Tag sicherer und selbstbewusster wurde.
In Indien schien es niemanden zu stören, dass er nur ein einfacher junger Oberst war, und im Unterschied zu all jenen, die sich schon längere Zeit in den drei britischen Besitzungen Westbengalen, Madras und Bombay aufhielten, konnte er neben einer gründlichen militärischen Ausbildung und Fronterfahrung während des Krieges gegen Frankreich überdies mit aktuellem Wissen aufwarten, was die politischen Verhältnisse in England und ganz Europa betraf. Während man ihn in Dublin nicht einmal nach der Uhrzeit gefragt hatte, erkundigte man sich in Kalkutta nach seiner Meinung zu hochexplosiven Themen, bei denen der Einsatz nicht mehr und nicht weniger war als die Vorherrschaft Albions im asiatischen Teil der Welt.
Er ging in Fort William ein und aus, als würde er zu Sir Johns Familie zählen. Der Generalgouverneur hatte sich nach ihrem ersten Treffen die Zeit genommen, den jungen Mann aus der Reserve zu locken, indem er ihn immer stärker in politische Fragen einband, die die Regierung der drei britischen Stützpunkte im allgemeinen und Bengalens im besonderen betrafen. Um so mehr Aufgaben er Wesley auf die Schultern lud, um so besser schienen dessen soldatische Leistungen zu werden, und um so offener und umgänglicher wurde er. Selbst der Resident der Ostindischen Kompanie, William Hickey, verlangte täglich mit Wesley zu sprechen. Er war nicht so ehrgeizig wie die meisten anderen jungen Offiziere, die es nach Indien zog, aber er war ein kluger Kopf und benützte seinen gesunden Menschenverstand und die gründliche Allgemeinbildung, die er sich in langen, einsamen Nächten angeeignet hatte. Wenngleich er einem Gegenüber stets mit Respekt begegnete, konnte er seine Meinung überzeugt vorbringen und furchtlos vertreten.
Arthur war nun seit drei Monaten mit seinem Regiment in dieser neuen Welt und fühlte sich ihr bereits tief verbunden. Irland, seine lieblose Familie und seine unglücklichen Jugendjahre hatte er bereits verdrängt und vergessen. An dem Tag, an dem die Caroline den Hafen von Portsmouth verlassen hatte, hatte er den heiligen Schwur geleistet, nie mehr zurückzublicken. Während seine Offiziere sehnsüchtig nach Hause schrieben, sinnierte Arthur über den Vorteil, Zugochsen vor Geschütze zu spannen. Und wenn ein Schiff aus England in die Hoogley-Mündung einfuhr, konnte man sicher sein, Arthur nicht im Büro des Hafenmeisters zu finden und nach dem Postsack zu schielen.
Während John Sherbrooke sich an einem Spätnachmittag Anfang Mai gemeinsam mit Major West aufmachte, in den Hafen zu reiten und nach Briefen aus der Heimat zu fragen, sattelte Arthur seinen Hengst, um Miss Charlotte Hall einen Besuch abzustatten. Er sah die junge Frau oft und verbrachte viel Zeit mit ihr. Doch wenngleich man hinter Arthurs Rücken über eine Romanze zwischen ihm und Charlotte tuschelte und bereits Wetten abschloss, ob und wann er ihr einen Antrag machte, waren die Treffen so harmlos, dass Lady Hall den jungen Offizier sogar mit ihrer Tochter allein ließ.
Niemand hätte es ihm geglaubt, doch sein einziges Interesse an Charlotte galt ihrer ausgezeichneten Kenntnis der Landessprachen. Immer wenn er Zeit hatte, packte er seine Bücher in die Satteltaschen, ritt nach Chowringee und verbrachte Stunden damit, wie ein Schuljunge vor einer Schiefertafel zu sitzen, an die Charlotte Worte in Hindustani schrieb, die Arthur dann artig wiederholte, bevor er sie sorgfältig in sein kleines Notizbuch notierte.
Die beiden hatten ein sehr gutes Verhältnis, lachten viel zusammen und amüsierten sich – aber mehr auch nicht: Die Frau in Charlotte schien Arthur ebenso wenig zu interessieren, wie sie sich für seinen roten Rock und seine breiten Schultern interessierte. Man hätte glauben können, sie wären Bruder und Schwester.
Charlotte war so ganz anders als Katherine Pakenham zu Hause in Irland oder Henrietta Smith in Kapstadt. Sie hatte ihrer Brille wegen bereits in Kindertagen viel Spott ertragen müssen, doch statt sie zu verschüchtern, hatten der Spott und die Ablehnung sie selbstsicher und stolz gemacht. Charlotte trat ganz anders auf als die meisten jungen Mädchen in ihrem Alter: Sie kokettierte nicht und schmeichelte nicht, sie war selbständig, aufrichtig, mitunter sogar ruppig, und sie schien weder ängstlich noch schutzbedürftig zu sein.
Vor allem war sie überaus gebildet und intelligent: Weil ihr die meisten gesellschaftlichen Vergnügungen trotz ihres hohen gesellschaftlichen Ranges verschlossen geblieben waren, hatte sie die Zeit damit verbracht, zu lernen und ihren Verstand zu schulen. Sir Edwin Hall hatte den Lerneifer seiner Tochter noch gefördert, indem er sie von teuren Privatlehrern aus Europa unterrichten ließ. Außerdem war es ihr zur Gewohnheit geworden, alleine – oft in Landeskleidung – die neue Welt zu erkunden und die Einheimischen zu beobachten.
Als Arthur an diesem Nachmittag bei den Halls eintraf, erwarteten ihn keine Schiefertafel und kein Sprachunterricht. Noch bevor er sein Pferd in Sir Edwins Stall abgesattelt hatte, tauchte eine schmächtige Gestalt in Reithosen, einem weiten Hemd und einer bunt bestickten ärmellosen Weste neben ihm auf. Die langen Haare wurden von einem sorgsam geschlungenen Turban aus dunkelblau gefärbter Baumwolle verborgen. Nur an der kleinen runden Brille konnte man erkennen, dass es sich um die Tochter des Hauses handeln musste. Mit einer forschen Bewegung warf sie dem Kommandeur des 33. Regiments ein Bündel Kleider vor die Füße.
»Los, Wesley! Lasse den Sattel, wo er ist, und zieh den roten Rock aus. Wir werden uns heute amüsieren, und du wirst eine Menge über dieses Land erfahren.«
Während Arthur verdutzt das Kleiderbündel aufhob, schlug Charlotte ungeduldig mit einer Reitpeitsche gegen ihre Lederstiefel. »Beeil dich, oder wir verpassen das Spannendste«, trieb sie ihn an. Sie machte keine Anstalten, den Stall zu verlassen, also ergab sich der Offizier in sein Schicksal und zog Jacke und Hemd in ihrem Beisein aus. Charlottes blaue Augen blickten amüsiert hinter den Brillengläsern. Als Arthur sich ein weites Hemd, eine lange Jacke und eine Art Umhang mit Kapuze übergezogen hatte, nickte sie ihm zufrieden zu. Als er nach seinem Degen greifen und die Waffe wieder umgürten wollte, hielt Charlotte ihn zurück. »Lasse das Ding hier im Stall. Wo wir hinreiten, brauchst du es nicht.«
Sie öffnete die Tür der ersten Box und zog ein gesatteltes, dunkelbraunes Vollblut hinter sich in den Hof. Arthur folgte ihr mit seinem Goldfuchs. Nachdem beide aufgesessen und vom Grundstück der Halls zurück in die Chowringee getrabt waren, konnte Arthur seine Neugier nicht mehr zügeln.
»Was hast du vor, kleine Lady? Was soll diese Verkleidung?«
»Ich will dir etwas zeigen. Und wo wir hinreiten, ist es nicht angebracht, in europäischer Kleidung aufzutauchen. Wieviel Zeit hast du?« Charlotte trieb ihren Dunkelbraunen durch die Menschenansammlung, die um diese Tageszeit auf dem Shyambazar Gemüse und Obst einkaufte. Sie achtete dabei kaum auf die Fußgänger mit den schweren Lasten in geflochtenen Körben. Ab und an schimpfte man den beiden Reitern lautstark hinterher. Doch meist verstand Arthur die Schimpfworte nicht, denn Charlotte beeilte sich, und er hatte Mühe, ihr zu folgen.
»Der Rest des Tages und die Nacht gehören dir, kleine Lady. Und hinterher erschlägt mich dann dein Vater. Ich würde es ihm nicht einmal übelnehmen ...«
»Ach was! Papa weiß, dass ich mit dir ausreite!«
»Und er gestattet seiner Tochter eine solche Verkleidungskomödie? Was würden die anderen sagen, wenn sie wüssten, dass Sir Edwin Halls Tochter in Hosen und mit einem Turban auf dem Kopf durch die übelsten Viertel der Stadt reitet ... noch dazu mit einem Mann?«
»Was kümmern mich die anderen, Arthur. Ich will nichts von denen, und die wollen nichts von mir«, entgegnete Charlotte. Dann trieb sie ihr Pferd in einen scharfen Galopp.
Die beiden Reiter hatten soeben den Stadtrand Kalkuttas hinter sich gelassen. Auf die Menschenmengen, den Lärm und die Aufregung folgten mit einem Mal Einsamkeit und eine unendlich weite, flache, baumlose Ebene. Zwei Stunden lang folgte der Offizier dem jungen Mädchen schweigend. Das Tempo war halsbrecherisch, und ihr kleines Pferd verfügte über eine erstaunliche Ausdauer. Nur ab und an, wenn sie Wesleys Goldfuchs laut schnaufen hörte, wählte sie für wenige hundert Meter eine langsamere Gangart.
So plötzlich, wie sie hinter Kalkutta auf eine menschenleere Ebene gelangt waren, stießen die beiden auf einen dichten, grünen Dschungel, der sich entlang eines Nebenarms des Ganges auftat.
»Wie heißt der Fluss, Charlotte?« erkundigte Arthur sich ein wenig atemlos.
»Matla!« erwiderte das Mädchen gelassen. Der schnelle Ritt schien sie nicht im Geringsten anzustrengen.
»Willst du mir jetzt nicht wenigstens sagen, wohin wir reiten?« »Wir müssen in spätestens einer halben Stunde in Bramanagahr sein!«
Arthur sparte sich die Frage, wo sich Bramanagahr befand und warum sie so eilig dorthin mussten. Er beschränkte sich darauf, seinen Goldfuchs hinter dem Dunkelbraunen her zu treiben und von Zeit zu Zeit einem Hindernis auszuweichen. Sie mussten sich bereits mindestens zwanzig Meilen von Kalkutta entfernt haben, als Charlotte ihr Pferd zügelte und vom Weg ab mitten in den dichten Mangrovendschungel ritt. Arthur wusste, dass es Mangroven waren, weil er es auf einem Schild im Botanischen Garten von Kalkutta gelesen hatte.
Mit einem Mal wurde Charlotte gesprächig. Im ruhigen Schritt bahnten sich die beiden Pferde ihren Weg durch die Bäume. »Hier, siehst du? Diese Pflanzen heißen >sundri<. Die Gelehrten nennen sie auf Latein Heritiera litoralis. Sie haben der Gegend ihren Namen gegeben. Jetzt sind wir in den Sunderbans. Das wollte ich dir unbedingt zeigen. Außerdem ein Tier, das du noch niemals mit eigenen Augen gesehen hast ... Du musst jetzt nur genau hinter mir bleiben. Die Sunderbans sind eine Sumpflandschaft. Wer sich nicht auskennt, riskiert Kopf und Kragen.«
Arthur spürte, wie sein Hengst bis zu den Fesseln im weichen Boden versank. Doch Charlotte schien sich nicht zu bekümmern. Zielstrebig lenkte sie ihren Dunkelbraunen in einem Zickzack-Kurs durch die Mangroven hindurch. Aus den Baumwipfeln tönte lautes Vogelzwitschern. Ab und an trafen Sonnenstrahlen die Reiter und erleuchteten die Blätter um sie herum in einem frischen, hellen Grün. Die Hufe der Pferde schienen immer tiefer in den Boden zu sinken. Und immer noch wich Charlotte nicht von ihrem Kurs ab.
Arthur focht einen inneren Kampf aus. Sollte er umkehren oder einfach darauf vertrauen, dass dieses junge Mädchen wusste, was es tat? Er entschloss sich für die zweite Lösung. Neugierig schweiften seine Blicke zwischen den Bäumen hindurch. Wenn er es rascheln hörte oder Bewegungen sah, fragte er Charlotte oft danach, wie die Tiere hießen, die den Mangrovenwald bevölkerten. Das Mädchen schien sie alle mit Namen zu kennen; auf Hindustani, auf Englisch und auf Latein.
Auf einer kleinen Lichtung zügelte sie ihren Dunkelbraunen und gebot dem Offizier abzusteigen. »Binde deinen Fuchs gut fest, damit er sich nicht von der Stelle rührt. Es ist nicht ganz ungefährlich hier – für Pferde.«
»Und du hast mich dazu überredet, meine Waffe in eurem Stall zu lassen ...«
Arthur folgte ihr durch das dichte, lichtlose Unterholz.
»Der Degen hätte dir nicht viel genützt, mein Freund.« Geschickt kletterte sie über einen umgestürzten Stamm auf eine große Wasserwurzel. »Setz dich neben mich und halt den Mund«, befahl sie dem Soldaten, während sie gleichzeitig ein kleines Paket aufschnürte, dass sie die ganze Zeit irgendwo in einer Jackentasche versteckt gehabt hatte. Arthur wunderte sich ein wenig über den Inhalt. Es war ein großes Stück blutigen Fleisches.
»So, jetzt sperre die Augen auf!« Ihre Hand deutete auf eine dicht von Schilf überwachsene Wasserfläche mitten im Wald. Man konnte nicht erkennen, ob es ein See oder das Teilstück eines Flusses war. Mit einer kräftigen Bewegung warf sie das blutige Stück Fleisch ins Wasser – und plötzlich herrschte im Schilf heller Aufruhr. Spitze Köpfe und lange, schuppenbewachsene Schwänze erschienen. Die Leiber waren schmutziggrün. Man konnte messerscharfe Zahnreihen blitzen sehen, die sich um die Beute schlugen, und tückische gelbe Augen, die durch das Schilf blitzten. Es mussten mindestens zehn Tiere sein. Keines war kürzer als anderthalb Meter.
»Krokodile!« Charlotte schmunzelte Arthur zufrieden an. »Sie können den ganzen Tag regungslos im Wasser liegen, so gut wie unsichtbar. Nur ihre Augen kann man an der Oberfläche erkennen. Wagt sich ein Hirsch an die Tränke oder ein Wildschwein, tauchen zwanzig von ihnen auf und reißen ihr Opfer mit unglaublicher Geschwindigkeit in Stücke, um es zu verschlingen. Es ist kein schönes Schauspiel ...« Sie ließ dem Offizier noch einige Augenblicke Zeit, das Spektakel zu betrachten. Dann zog sie ihn leicht am Ärmel und mahnte zum Aufbruch. »Die Viecher sind hässlich, aber zeigen wollte ich sie dir trotzdem. Jetzt reiten wir zu meinem Freund Boubah und seiner Familie.
Er lebt in den Sunderbans. Diese Sümpfe sind nicht nur voller Krokodile, dort wachsen auch wunderschöne Orchideen. Die Inder kaufen Orchideengirlanden, um sie ihren Göttern zu schenken, oder um sich damit zu besonderen Anlässen zu schmücken.«
»Und was tun wir bei deinem Freund und seiner Familie?« Nach dem Erlebnis mit den Krokodilen war Arthur neugierig geworden.
»Die Pferde in einen sicheren Stall stellen und dann mit seinem Boot in die Sümpfe hinausfahren.« Mehr wollte Charlotte ihm nicht verraten. Die Pointe kam immer zum Schluss.
Boubah lebte unweit der Lichtung, an der sie die gefährlichen Echsen beobachtet hatten, in einer Hütte an einer Biegung des Flusses Matla. Obwohl die Hütte aus Bambus und Schilf errichtet war und mitten im Mangrovenwald stand, hatte Boubah genügend Bäume gerodet, um sich einen Garten anzulegen und eine Weidemöglichkeit für ein Dutzend Ziegen zu schaffen.
Charlotte stieg vom Pferd und begrüßte ihn nach indischer Sitte mit vor der Brust gefalteten Händen. Boubah erwiderte ihren Gruß. Eine Zeitlang tauschten die beiden sich in einer sonderbaren Sprache aus, die nicht wie Hindustani klang. Dann zeigte Charlotte auf ihren Begleiter und stellte ihn in der Sprache Westbengalens vor.
Arthur war ihrem Beispiel gefolgt und vom Pferd gestiegen. Und genau wie die junge Frau faltete er die Hände vor der Brust, um Boubah zu begrüßen. Während der Inder die Pferde der beiden Briten in seinen Stall brachte, erklärte Charlotte dem jungen Offizier, dass es sich um einen Angehörigen des Stammes der Khasis handelte, einem kleinen Volk, das vor tausend Jahren möglicherweise aus Burma in die Sunderbans gekommen war. Sie sprachen eine eigene Sprache, die offenbar stark dem Dialekt der Himalaja-Region ähnelte, und sie hatten eine eigene Religion, die nur wenig mit dem Glauben der Hindus, der Sikhs oder der Moslems aus den Ebenen gemein hatte.
Boubah und Charlotte gingen voraus, wobei sie in der unverständlichen Sprache aufgeregt miteinander schwatzten. Arthur folgte ihnen gespannt. Einen kurzen Fußmarsch von der Hütte entfernt befand sich ein Bootssteg aus dickem Bambus. Ein flacher, aus einem großen Holzstamm geschnitzter Kahn lag im Wasser. Boubah sprang als erster behände ins Boot. Dann half er Charlotte und Arthur. Mit einer langen Stange stieß er den Kahn vom Ufer ab, dann deutete er auf kleine flache Paddel und wies seine Passagiere an, ihm dabei zu helfen, auf den Fluss hinauszufahren.
Die Sunderbans waren eine riesige Sumpflandschaft, die sich über das gesamte Gangesdelta zwischen der Mündung des Hoogley im Westen und dem Teuilia-Fluß erstreckten. Mangrovenwälder wechselten sich mit palmenbewachsenen Inseln und schmalen Wasserläufen ab. Bald schon hatte das Boot den Matla verlassen und sich zwischen mehreren Inseln hindurch in einen Seitenarm des Flusses geschoben, der von Bäumen so dicht überwachsen war, dass das Sonnenlicht kaum bis zur Wasseroberfläche drang. Rasch verlor Wesley die Orientierung. Boubah und Charlotte sprachen nur noch ab und an ganz leise miteinander.
Etwa eine halbe Stunde glitt das flache Boot fast lautlos über das tiefschwarze Wasser. Dann gab der Inder seinen beiden Passagieren Zeichen, die Paddel nicht mehr zu benutzen. Getrieben von der sanften Strömung des Flusses, glitt das Boot weiter und weiter in das grüne Labyrinth hinein. Man hörte die lauten Schreie von Papageien und Beos. Kleine, hellbraune Äffchen mit weißem Brustpelz schwangen sich durch die Baumkronen, um sofort wieder im Blätterwald der Mangroven zu verschwinden. Ab und an glitt ein Krokodil aus der Uferböschung ins Wasser.
Irgendwo tief im Dschungel, als das flache Boot nur noch ganz sanft dahintrieb, drängte Boubah es mit wenigen, fast lautlosen Schlägen seines Paddels gegen eine weit ins Wasser ragende Mangrovenwurzel. Charlotte stieg an Land, und der Inder warf ihr einen starken Strick zu, mit dem sie den Kahn geschickt festmachte. Dann folgte er ihr und bedeutete Arthur, es ihm gleichzutun.
»Du darfst jetzt keinen Lärm machen, Wesley«, flüsterte das Mädchen ihm mit leuchtenden Augen zu. »Und du musst immer genau dort hintreten, wo Boubah hintritt, oder du versinkst im Sumpf. Es ist nicht mehr weit, aber dieser letzte Teil unserer kleinen Reise ist der gefährlichste.«
Irgendwann gelangten die drei auf eine kleine Lichtung, und der Boden unter ihren Füßen wurde wieder fester. Von der Lichtung aus führte der Inder seine beiden Begleiter in ein dichtes, schwer zugängliches Gebüsch, und plötzlich standen sie erneut vor einem schmalen Flussarm. Auf der anderen Seite des Flusses war die Böschung nicht so undurchdringlich, der Wald um vieles lichter. Eine Art Trampelpfad führte ins Wasser hinein. Arthur konnte mit bloßem Auge die unterschiedlichsten Tierspuren erkennen. Seine innere Uhr sagte ihm, dass hoch oben über dem Blättermeer gerade die Sonne unterging.
Boubah legte sich flach auf den Bauch. Charlotte tat es ihm gleich und zog auch Arthur neben sich zu Boden. »Jetzt ist alles nur noch eine Frage der Geduld, mein Freund.«
Sie mussten nicht lange warten. Während sie ganz still auf ihrer Seite des Flusses zwischen den Büschen verborgen lagen, regte sich am anderen Ufer plötzlich die Natur. Ein Rascheln. Blätter und Äste, die sich wie von Geisterhand bewegten. Schrille, panische Schreie kleiner Affen. Wildes Krächzen der Vögel, die aufgeregt davonflatterten. Und dann tauchte er auf.
Es war eine riesengroße, gelb und schwarz gestreifte Katze, die aus den Mangroven kam und majestätisch hinunter zum Fluss schritt. Bei jeder Bewegung bebten Muskelberge unter dem glänzenden, dichten Fell. Der Kopf des Tieres war gewaltig. Als es sich zu trinken anschickte, konnte Arthur ihm genau in die Augen sehen. Dann tauchte ein zweites Tier aus dem Dickicht auf. Es war ein wenig kleiner und zierlicher, jedoch nicht minder imposant als das erste. Als es sich dem Wasser näherte, riss der gelb-schwarze Koloss den Kopf hoch und öffnete weit das Maul. Ein tiefes, drohendes Knurren ließ das kleinere Tier zurückweichen, doch es flüchtete nicht, ging nur respektvoll auf Abstand. Erst als der Koloss getrunken hatte und genauso geschmeidig, wie er zuvor den kleinen Abhang hinuntergekommen war, wieder nach oben schritt und zwischen den Mangroven verschwand, wagte das kleinere Tier sich ans Wasser. Wenige Minuten später verschwand auch der weibliche Tiger wieder im Nichts.
Arthur hatte kaum zu atmen gewagt. Als das Schauspiel vorüber war, drehte Charlotte sich zu ihm hin und lächelte ihn zufrieden und glücklich an. »Das war der bengalische Königstiger, mein Freund. In diesen Sümpfen gibt es viele von ihnen, aber sie sind so scheu und leben so zurückgezogen, dass man sie eigentlich nur beim Trinken beobachten kann ... und das auch nur, wenn man weiß, an welchen Stellen sie zum Fluss kommen.«
»Sie sind wunderschön, Charlotte. Sie sehen so ganz anders aus als die räudigen Katzen, die auf den Stichen und Gravuren in meinen Büchern zu sehen sind.«
»Kaum einer, der einen Königstiger zu zeichnen versuchte, hat wirklich einen gesehen, Arthur. Die meisten Gelehrten, die Fauna und Flora des Subkontinents erforschen, begegnen nur dem gewöhnlichen indischen Tiger oder Bergtigern. Der bengalische Königstiger aber ist der seltenste und der edelste. Es ist ein Privileg, ihn in seinem natürlichen Umfeld beobachtet zu haben. Selbst wenn du noch zehn Jahre in diesem Land verbringen solltest ... es ist unwahrscheinlich, dass du je wieder einem so prächtigen Exemplar begegnen wirst wie diesem riesigen Männchen. Auch ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen, obwohl ich oft in die Sunderbans komme.« Das Mädchen tauschte ein paar Worte in der sonderbaren Sprache mit ihrem Freund Boubah aus. Der Khasi schüttelte den Kopf. »Auch er hat den Riesen heute zum ersten Mal gesehen, obwohl er in diesen Sümpfen lebt. Du scheinst ein Glückskind zu sein, Wesley! Boubah sagt, es sei ein gutes Omen, den König selbst gesehen zu haben.«
Nach einem schlichten Abendessen vor Boubahs Hütte, bei der Arthur auch die Frau des Inders und seinen Schwarm munterer Kinder kennenlernte, machten die beiden Briten sich wieder auf den Rückweg nach Kalkutta. Doch Charlotte schlug eine andere Route ein als am Nachmittag. Der Sternenhimmel war klar, und obwohl bereits die Nacht hereingebrochen war, erleuchtete ein abnehmender Mond die Umgebung.
In ruhigem Schritt trotteten die beiden Pferde an einem breiten Flusslauf entlang in Richtung Stadt. So schweigsam und geheimnisvoll Sir Edwin Halls Tochter auf dem Weg in die Sunderbans gewesen war, so gesprächig wurde sie nun. Sie erzählte Arthur ausführlich über die anderen sonderbaren Tiere, die diese Küstenlandschaft bevölkerten – ein Gemisch aus Süß- und Salzwasser, denn die Flüsse vermengten sich in ihren Mündungsgebieten mit Meerwasser im Golf von Bengalen. Deshalb gab es hier große Wasserschildkröten und einen Delphin, den die Hindus als heiliges Tier verehrten. Charlotte erklärte Arthur, dass es sich dabei allerdings bloß um einen rosafarbenen, rammsköpfigen Süßwasser- oder Gangesdelphin handelte, der ein Überbleibsel aus grauer Vorzeit sein musste und eigentlich gar nichts Heiliges an sich hatte.
Über die Fauna und Flora kam sie auf die buntgemischte Bevölkerung Bengalens zu sprechen, auf die Vielzahl unterschiedlicher Religionen, die jedoch friedlich miteinander lebten, auf das Sprachgewirr und die unzähligen Dialekte, und schließlich auf die eigentümliche Geschichte dieses Teils des Subkontinents. Arthur hörte ihr gebannt zu. Charlotte glich einer wandelnden Enzyklopädie, und so erfuhr der Offizier, dass die junge Frau nicht nur Hindustani sprach und den sonderbaren Dialekt der Khasis, sondern auch noch Farsi und Kannada, einen Dialekt, der in Orissa und bis hinunter in den Karnatik gebräuchlich war. Es war schon spät am Abend, als sie wieder in Chowringee eintrafen. Ein bengalischer Bursche schien die beiden erwartet zu haben, denn er nahm ihnen die Pferde ab und führte sie zum Stallgebäude des Anwesens von Sir Edwin. Charlotte zog sich den Turban mit einer lässigen Bewegung vom Kopf und schüttelte kräftig ihr langes Haar, bevor sie Wesley bedeutete, ihr ins Haus zu folgen.
Mit einem Mal war aus dem abenteuerlustigen Wesen, das ihn den ganzen Nachmittag begleitet hatte, wieder eine wohlerzogene Tochter aus guter Familie geworden. Arthur kam sich in seiner einheimischen Verkleidung plötzlich fehl am Platze vor. Doch man schien an alles gedacht zu haben. Lord und Lady Hall erwarteten die jungen Leute im Salon, und nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung geleitete der alte Majordomus des hohen britischen Beamten Arthur in ein Gästezimmer, in dem seine Uniformjacke und seine übrigen Kleidungsstücke samt Waffe ordentlich ausgebreitet auf einem Bett lagen. »Gewiss möchten Sie sich vor dem Dinner ein wenig erfrischen, Sir!« erklärte der Bedienstete und wies auf ein Badezimmer, in dem ein mit Wasser gefüllter Zuber stand. »Miss Charlotte wird sich ebenfalls umkleiden. In einer halben Stunde erwarten Mylord und Mylady Sie unten im Salon.«
Als Arthur schließlich auftauchte – in der offiziellen Verkleidung eines ordentlichen britischen Offiziers –, war Charlotte bereits bei ihren Eltern und erzählte munter vom gemeinsamen nachmittäglichen Ausflug in die Sunderbans. Lebhaft schilderte sie ihrem Vater und ihrer staunenden Mutter die Begegnung mit dem riesigen bengalischen Königstiger und seiner Gefährtin.
Der Richter und seine Frau machten auf Arthur den Eindruck, als würde die Abenteuerlust ihrer Tochter sie nicht im Geringsten beunruhigen. Sir Edwin winkte Arthur freundlich an seine Seite, und ein Mädchen in schwarzem Kleid mit ordentlich gestärkter weißer Schürze und Spitzenhaube bot ihm ein Glas Portwein an.
»Dann habt ihr zwei euch also gut amüsiert«, wandte Sir Edwin sich an Arthur.
»Es war beeindruckend, Mylord. Ich habe kaum zu atmen gewagt, als der Riese uns gegenüberstand. Ein prachtvolles Tier.«
»Ich bin jetzt schon seit fünfundzwanzig Jahren in diesem Land und habe noch immer keinen Königstiger gesehen.« Sir Edwin schmunzelte. »Charlotte hütet ihre kleinen Geheimnisse sehr eifersüchtig und erklärt mir andauernd, dass solch verwegene Ausflüge sich in meinem Alter nicht mehr geziemen.«
»Das ist nicht fair von dir, Papa! Wir waren letztes Jahr zusammen fast zehn Tage unterwegs, nur weil du dir in den Kopf gesetzt hattest, Schneeleoparden zu suchen. Erinnerst du dich noch? In Bagdogra hätten wir beinahe Ärger bekommen, und der alte Hickey wollte uns den Kopf abreißen, weil wir illegal die Grenze zum Sikkim überschritten hatten.«
»Eine engstirnige Krämerseele, der gute William. Als ob zwei Briten dem König in Gangtok gefährlich werden könnten ... Ich bin sicher, dass >John Company< in die Hände geklatscht hätte, hätten sechshundert Mann im roten Rock sich bis in den Schnee vorgewagt.«
Sir Edwin hatte mit einem Mal nichts mehr von einem seriösen, ehrwürdigen britischen Beamten an sich. Seine Augen funkelten vergnügt, und in seinem Gesicht stand der pure Übermut geschrieben. »Lasst uns bei Tisch weiterreden«, meldete Lady Hall sich zu Wort. »Oberst Wesley muss nach einem so anstrengenden Tag hungrig sein. Und wenn er es nicht ist ... mir knurrt jedenfalls der Magen.«
Auch beim Abendessen ging es im Haus der Halls locker und wenig förmlich zu. Charlotte und ihr Vater warfen sich Schlagworte zu, und jeder erzählte Anekdoten über lustige oder denkwürdige Erlebnisse, die sie im Verlauf ihrer gemeinsamen Reisen durch den nördlichen Teil des Subkontinents gehabt hatten. Lady Hall lächelte Arthur zu und erklärte ihm kopfschüttelnd, dass ihr Mann und ihre Tochter nicht besonders ernsthaft und wohlerzogen seien, denn sie mussten sich dauernd an Orte begeben, an die anständige Briten sich nicht wagten. Verkleidungskomödien waren an der Tagesordnung, und selbst Lahore, Lucknow und Amritsar waren vor ihnen nicht sicher gewesen, obwohl diese Gebiete nicht zum britischen Herrschaftsgebiet zählten. »Wie kommt es eigentlich, dass ein Jurist so gut die Landessprachen spricht?« wollte Arthur wissen.
»Wenn es in den unabhängigen Fürstentümern zu Konflikten kommt, gelten wir sozusagen als neutrale Vermittler. Ich bin schon mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Subkontinent ... außerdem sind die Personen, mit denen ich in Rechtsfragen zu tun habe, in den seltensten Fällen Briten. Oft geht es darum, dass irgendjemand >John Company< irgendetwas nicht oder beschädigt geliefert hat, oder die Angestellten von Hickey haben mal wieder zu spät oder zu wenig gezahlt, und der indische Lieferant hat eine Klage eingereicht. Aber jetzt haben wir genug von mir geredet, Oberst Wesley. Wir sehen Sie so häufig in unserem Haus und wissen immer noch nicht, wer der junge Mann, dem unsere Tochter Hindustani beibringt, denn nun wirklich ist.«
Arthur errötete leicht. Es gab ein Thema, über das er gar nicht gerne sprach: über sich selbst! Wenn er solch peinlichen Befragungen ausweichen konnte, tat er es für gewöhnlich, und wenn er reden musste, beschränkte er sich meist auf das Hinunterbeten seines Eintrags in der Regimentsliste. Charlotte blickte ihn provozierend über den Rand ihrer runden Brille hinweg an, Sir Edwin nickte ermunternd, und Lady Hall konnte ihre Neugier nur schwer hinter dem großen Rotweinglas verbergen. Arthur atmete tief durch und ergab sich in sein Schicksal.
Nachdem er seinen Eintrag in die Regimentsliste heruntergeleiert hatte, schüttelte Sir Edwin nur den Kopf. Charlotte lachte schallend. »Glaubst du, das alles hätten wir von Sir John Shore nicht schon längst erfahren? Na, komm schon ...«
Arthurs Blick war strafend, aber dieses Mal konnte er sich nicht drücken. Also beschloss er, von seiner Zeit an der Militärakademie in Angers zu erzählen. Zumindest war dies ein Teil seiner Jugend, an den er gerne und häufig zurückdachte. Die Jahre, die er bei Monsieur de Pignerolles in Südwestfrankreich zugebracht hatte, um die Grundlagen des Soldatenhandwerks zu erlernen, waren glückliche Jahre gewesen.
»Gütiger Himmel!« bemerkte Lord Hall nachdenklich, nachdem Wesley seine kleine Geschichte beendet hatte. »Wer hat Sie dermaßen eingeschüchtert? Ein Leben, das nur aus vier kurzen Jahren zu bestehen scheint ... Es ist wohl nicht leicht, Richard Lord Morningtons jüngerer Bruder zu sein?«
Beinahe hätte Arthur seinem alten Reflex nachgegeben und die Augen niedergeschlagen, doch eine innere Stimme befahl ihm, es nicht zu tun und es für einen Abend bei seinem üblichen Misstrauen bewenden zu lassen. Er zwang sich zu einer ehrlichen Antwort. »Nein, Mylord, es ist nicht einfach, der Bruder dieses Mannes zu sein. Doch es gibt auch Dinge, über die ich nicht sprechen möchte und die nichts mit Lord Mornington zu tun haben.«
»Vielleicht gibt es aber auch ein paar Dinge, über die Sie sprechen möchten. Shore hat mir Ihren Plan für den Aufbau eines militärischen Nachrichtendienstes gezeigt. Während Sie und Charlotte in den Sunderbans waren, haben wir in Fort William eine lange Diskussion über dieses Thema geführt ... Shore, Hickey, St. Leger, John Goldingham, der Astronom der Kompanie, William Petrie vom Geographischen Observatorium und noch einige andere ...«
Arthurs bedrückte Stimmung, die sich wegen der Erinnerungen an Mornington und seine Vergangenheit für kurze Zeit eingeschlichen hatte, wich augenblicklich einer unbändigen Euphorie. Der Kommandeur des 33. Regiments sprang fast aus dem Stuhl hoch. »Und? Was halten die Herren von der Idee?« platzte er mit einem Mal heraus wie ein Schuljunge.
Sir Edwin grinste breit. Mit seinem prachtvollen grauen Backenbart ähnelte er einer zufriedenen, satten Katze. »Sie haben gewonnen, junger Mann! Fünf zu eins! Aber was zählt schon St. Legers Stimme ... Ich glaube, er hat nur nein gesagt, weil er beim spannendsten Teil unserer Diskussion seinen Rausch von gestern abend ausgeschlafen hat.«
»Heißt das, man wird diesen Dienst einrichten?« Arthur war aufgeregt wie ein Kind am Weihnachtsabend.
»Nicht >man<, Oberst Wesley! Sie selbst werden ihn einrichten. Offiziell unterstehen die Mitarbeiter zwar dem kartographischen Dienst der Ostindischen Kompanie und dem Observatorium, aber ansonsten gehören die Spione, Agenten und anderen finsteren Gestalten zur Armee. Und gehen Sie nicht gleich auf die Palme, weil >John Company< die Finger im Spiel hat. Die ehrenwerten Direktoren in der Leadenhall Street werden nur finanziell für Ihr Informantennetz geradestehen. Ansonsten werden sie sich nicht einmischen. Der Profit für die Kaufleute besteht in der allgemeinen Verbesserung des Kartenmaterials über Indien. Dafür sind ihnen die schweren Silbermünzen, die Sie schon bald Ihren Spionen in die
Hand drücken können, nicht zu schade. Shore wird Sie morgen nach Fort William bestellen und Ihnen offiziell diese Entscheidung mitteilen. Seien Sie ein guter Junge, Oberst Wesley, und machen Sie ein erstauntes Gesicht. Sie müssen dem großen Shore ja nicht unbedingt verraten, dass der alte Hall sein loses Mundwerk wieder mal nicht halten konnte.«
Der Jurist zwinkerte Arthur fröhlich zu und stieß sein Weinglas gegen das seine. »Auf Ihre glückliche Zukunft in Indien! Den Anfang dürften Sie jetzt gemacht haben. Alles Weitere liegt nun in Ihren eigenen Händen. Das Rad des Lebens, wie die Inder so schön sagen. Halten Sie es immer ordentlich in Bewegung, und Sie werden Ihren Weg machen.«
Charlotte legte den Kopf schief und betrachtete Arthur aufmerksam durch ihre runde Brille. Trotz ihrer achtzehn Jahre war sie felsenfest davon überzeugt, dass ein ungefährliches, ruhiges Leben nur etwas für alte Frauen und die dummen Gänse von Kalkutta sei. Die Sache, über die ihr Vater und Wesley sich gerade so angeregt unterhalten hatten, war nicht uninteressant, und ihr war eine Idee gekommen, wie sie sich dabei auch ein bisschen amüsieren und gleichzeitig ein paar Gegenden des Subkontinents in Augenschein nehmen konnte, die sie bislang noch nicht besucht hatte. Wenn es ihr gelang, sich den Kommandeur des 33. Regiments in einem ruhigen Augenblick und unter vier Augen zu greifen, würde sie ihm einen Vorschlag machen, den er nur schwer ablehnen konnte.
Unerwartet nahm Lady Hall ihrer Tochter einen Teil der Sorge ab. Die alte Dame warf zufällig einen Blick auf eine große Standuhr und stellte fest, dass es bereits weit nach Mitternacht war.
»Oberst Wesley, es ist schon spät. Möchten Sie heute Nacht bei uns zu Gast bleiben? Der Ritt in die Sunderbans war weit, und Sie hatten einen langen Tag. Außerdem tut es Ihrem hübschen goldfarbenen Pferd sicher gut, wenn es Sie jetzt nicht mehr bis zu den Kasernen des 33. Regiments zurücktragen muss ...«
Arthur überlegte kurz. Charlottes aufmunternder Blick half ihm, seine Entscheidung zu treffen. »Danke, Mylady. Sehr gerne!« Er fühlte sich in der Gesellschaft dieser freundlichen Familie wohl und hatte nichts dagegen, ausnahmsweise nicht um vier Uhr morgens aufzustehen und auf den Exerzierplatz hinaus zu hetzen.
Nachdem Sir Edwin Halls Neuigkeiten über seinen ersten großen
Sieg in der Machtzentrale von Britisch-Indien Arthur in eine zutrauliche und redselige Stimmung versetzt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, seinen aufmerksamen Zuhörern detailliert zu schildern, warum er auf die Idee gekommen war, einen militärischen Nachrichtendienst ins Leben zu rufen, dem nicht Soldaten, sondern einheimische Zivilisten angehören sollten. Ausführlich schilderte er den grauenvollen Flandernfeldzug der Jahre 1793 bis 1794 und die Probleme, die die Truppen des Herzogs von York mit ihren französischen Feinden gehabt hatten, weil sie nicht über zuverlässige Informationen bezüglich des Kriegsschauplatzes verfügt hatten.
Als Arthur Englands geschlagene Truppen gerade die Weser, Ems und Alle überqueren ließ, ging es Sir Edwin durch den Kopf: »Als hätte der Junge die Chronik des Feldzugs geschrieben. Er hat nicht ein einziges Wort über seine eigenen Erfahrungen und seinen eigenen Krieg gesagt. Er erzählt das alles völlig ruhig und ungerührt, obwohl es einen Soldaten doch prägen müsste, wenn er das erste Mal auf einem Schlachtfeld kämpft.«
Charlotte ging ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf. Aber sie hatte im Gegensatz zu ihrem Vater sofort eine Erklärung parat: Die schlimmen Dinge, über die Arthur heute, vier Jahre später, so gelassen berichtete, waren in Wirklichkeit noch viel schlimmer und grauenvoller gewesen, und er hatte einfach Angst davor, sich zu erinnern. Also versteckte er sich hinter militärischen Fakten und spielte allen die Rolle des unbeteiligten Beobachters vor, der nur Schlüsse zog und neue Ansätze für die Zukunft aufzeigte.
Hätte Arthur die Gedanken der jungen Frau lesen können – er hätte ihr zähneknirschend Recht gegeben. Nur mit größter Selbstbeherrschung gelang es ihm, sich hinter der Fassade äußerer Ruhe und Unberührtheit zu verstecken. Manchmal, nachts, wenn er nach einem sehr anstrengenden Tag erschöpft die Augen schloss, schlich die grausame Realität des Krieges in Flandern sich in sein Unterbewusstsein, und tief in seinem Inneren durchlebte er den ganzen Krieg, wie er damals gewesen war: blutig, grausam und ohne Menschlichkeit. Meist schrak er irgendwann schweißgebadet und zitternd vor Angst in seinem Bett hoch, weil er wieder die furchtbaren Schreie der Verletzten und Sterbenden hörte und das Grollen der Kanonen vernahm. Diese Alpträume von den Schanzen von Boxtel plagten ihn nur selten, aber jedesmal, wenn sie ihn heimsuchten, stellte er sich die Frage, ob er wirklich für den Soldatenberuf geschaffen war, oder ob es nicht besser wäre, die Armee weit hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Dann aber stellte sich die Frage, was er eigentlich noch konnte, außer Soldat zu sein, und jedesmal lautete die Antwort: »Nichts, das dir ein erträgliches Auskommen sichert.« Deshalb ergab er sich nach jeder schlaflosen Nacht wieder in sein Schicksal und tröstete sich damit, dass man vielleicht nur von der ersten Begegnung mit dem Krieg Alpträume bekam und dass mit der Zeit und der Gewohnheit alles leichter und besser würde.
An diesem Abend beruhigte Arthur sich mit dem Gedanken, dass er nicht alleine war, sondern umgeben von freundlichen, gutherzigen Menschen und in einem friedvollen Haus. Er redete sich ein, dass die Gespenster des Krieges solche Orte mieden wie die Pest. Darum verabschiedete er sich zwei Stunden später voller Zuversicht von seinen Gastgebern und zog sich in sein Zimmer zurück. Der Nachmittag mit Charlotte und der herrliche bengalische Königstiger, dem er in den Sunderbans begegnet war, waren der Stoff, aus dem ein wunderbarer, erholsamer Traum gemacht sein würde.
Charlotte hatte die Tür ihres Zimmers sorgsam hinter sich geschlossen. Doch anstatt sich auszuziehen und brav ins Bett zu gehen, wie es sich für eine Tochter aus gutem Hause um drei Uhr morgens gehörte, schlüpfte sie aus ihrem Kleid in eine bequeme lange Hose und ein weites Hemd. Dann öffnete sie mit allergrößter Vorsicht die Tür, die hinaus auf die Veranda führte. Indische Häuser hatten einen großen Vorteil: Sie bestanden nur aus großen, luftdurchlässigen Öffnungen, die hier und da ein schmales Holzteil zusammenhielt.
Im Schlafzimmer von Lady Hall erlosch das Licht schnell. Die Dame des Hauses hatte sich prächtig unterhalten und entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit drei Gläser schweren Rotweins getrunken. Rotwein und Wärme ließen jeden Menschen in einen Zustand wohltuender Trägheit und Müdigkeit verfallen. Bald schon vernahm Charlotte durch die dünnen Wände den gleichmäßigen Atem ihrer Mutter. Sie schien tief und fest zu schlafen. Aus dem Schlafzimmer ihres Vaters drang zwar noch sanftes Licht auf die Veranda, aber das junge Mädchen bekümmerte es wenig. Sir Edwin hatte die leidige Angewohnheit, vor dem Schlafen noch zu lesen. Meist jedoch blieb es bei dem Versuch, und er schlief bereits nach der ersten Seite ein. So auch diesmal: Die Kerze brannte zwar noch, aber das Schnarchen des königlichen Justizbeamten war kaum zu überhören.
Wie ein Geist schlich Charlotte auf der Veranda um das Haus herum bis zu den Gästezimmern. Sie bewegte sich lautlos, denn seit frühester Kindheit wusste sie genau, auf welche Holzleiste man treten konnte und welche quietschte. Sie unternahm oft nächtliche Ausflüge durch Kalkutta, von denen weder ihre Eltern noch die Bediensteten etwas wussten.
Als sie auf der entgegengesetzten Seite des großen Hauses angekommen war, stellte sie zufrieden fest, dass ihr Opfer offenbar nicht nur fest schlief, sondern ihr auch leichtes Spiel gewährte. Sie hatte sich bereits eingehend überlegt, wie sie in Wesleys Zimmer gelangen könnte, ohne ihn sofort zu wecken. Doch statt sich mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert zu sehen, die das Geschick eines Diebes und das Feingefühl eines Chirurgen verlangt hätten, fand sie sich vor einer geöffneten Tür wieder. Einige Augenblicke verharrte sie still. Als sie nur ruhiges Atmen hörte, schlich sie auf nackten Füßen bis zum Bett und öffnete vorsichtig das Moskitonetz. Dann legte sich ihre kleine Hand leicht auf die Schulter des Schlafenden.
Charlotte hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem, was nun folgte. Sie war dermaßen erschrocken, dass ihr der Schrei im Halse steckenblieb. Denn kaum hatte sie die Schulter berührt, schloss sich ein eiserner, schmerzhafter Griff um ihr Handgelenk, und sie spürte direkt unter der Kehle etwas Kaltes und Spitzes. Ein Paar graublauer Augen funkelte sie in der Dunkelheit an. Genauso schnell, wie man ihr Handgelenk gepackt hatte, ließ man es wieder los, und das kalte, spitze Objekt verschwand von ihrer Kehle. Leise hörte sie eine ruhige, emotionslose Stimme.
»Tu das nie wieder, kleine Lady! Ich hätte dir aus Versehen fast den Hals durchgeschnitten.« Und dann, mit einem leisen Vorwurf: »Es ist halb vier in der Früh, und du kommst ohne Vorankündigung in das Zimmer eines männlichen Wesens, ohne dich vorher zu überzeugen, ob der Herr in einem schicklichen Zustand ist oder nicht.«
Schemenhaft sah Charlotte in der Dunkelheit, wie zwei Hände blitzschnell das Leintuch über die Schultern zogen. »Dreh dich um, damit ich mich wenigstens wieder anziehen kann ...«, knurrte es nun etwas ungehalten unter dem weißen Stoff hervor. »Was willst du eigentlich?«
»Arthur, ich muss unbedingt mit dir reden! Unter vier Augen«, flüsterte Charlotte. Sie machte keine Anstalten, sich umzudrehen. Schließlich lief ganz Indien halbnackt durch die Gegend, aus Tradition oder wegen der Hitze. Charlotte kannte diese eigentümliche Scheu nicht, die den Offizier in diesem Augenblick plagte. Kalkutta und die Straße nach Benares waren voll mit Saddus, heiligen indischen Männern, die außer einer Blumengirlande um den Hals nichts trugen. Solange sie sich erinnern konnte, hatte sie nackte Menschen gesehen. Es dauerte einen Augenblick, bis Wesley begriff, dass das Mädchen weder provokativ noch schlecht erzogen war. Sie war einfach ein Kind ihrer indischen Welt. Während der ersten Tage in Indien hatten die unbekleideten Saddus Wesley schockiert. Inzwischen beachtete er sie gar nicht mehr. Wie konnte er da von Charlotte erwarten, dass sie sich umdrehte? Leicht beunruhigt kam er unter seinem Leintuch hervor. »Also, ich höre«, flüsterte er, während er den Baumwollstoff um die Hüften schlang und verknotete.
»Du kennst dich hier noch nicht richtig aus, und mit der Sprache hast du auch noch einige Probleme ... Ich dachte, du könntest vielleicht Hilfe brauchen, wenn du diesen militärischen Nachrichtendienst aufbaust ...«
»Kleine Lady, du musst völlig verrückt geworden sein. Überleg mal, was du da gerade gesagt hast. Weißt du, wie gefährlich solche Spiele werden können?« Arthur hatte sich neben Charlotte auf die Bettkante gesetzt und schüttelte verzweifelt den Kopf.
»Eben, Arthur! Du hast den Punkt getroffen. Solche Spiele können verteufelt gefährlich werden, wenn man nicht weiß, was man tut, oder wenn man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat ... Wie willst du überhaupt deine Agenten und Spione finden, wenn du dich nicht vernünftig mit ihnen verständigen kannst? Erwartest du etwa, dass alle hier so gut Englisch sprechen wie dein Diener Vingetty oder Lutuf Ullah?«
Der Kommandeur des 33. Regiments schrak zusammen, als Charlotte den Namen des Pferdehändlers aus Kabul nannte. Er ließ stets allergrößte Vorsicht walten, wenn er Lutuf besuchte, und bis vor wenigen Augenblicken war er felsenfest davon überzeugt gewesen, dass niemand das Geheimnis seiner nächtlichen Ausflüge nach Hoara kannte. »Wie bitte?« fauchte er Sir Edwins Tochter ungehalten an.
»Pssst, Arthur! Du weckst noch meine Eltern auf. Glaubst du etwa, du bist der einzige, der den alten Lutuf besucht? Ich kenne ihn, seit ich gehen kann. Man könnte ihn einen guten Freund nennen. Den Dunkelbraunen hat er mir letztes Jahr geschenkt, weil Papa ihm aus einer ziemlichen Patsche geholfen hat. Ein britischer Offizier wollte ein Pferd nicht bezahlen und hatte Lutuf verklagt, weil der Gaul angeblich schon krank war, als er ihn gekauft hatte ...«
»Hat Lutuf dir erzählt ...?« erkundigte Wesley sich misstrauisch. »Nein. Du kannst beruhigt sein. Der alte Lutuf ist verschwiegen wie ein Grab, aber vor ein paar Tagen war ich zufällig draußen in Hoara. Ich habe mich im Kaschmir-Serai herumgetrieben und gesehen, wie du ihn besucht hast. Mitten in der Nacht und ohne deine rote Jacke ... Sei vorsichtig, Wesley! Dein Goldfuchs ist ein viel zu auffälliges Pferd, um unbeobachtet waghalsige Ausflüge zu unternehmen, und dein Hindustani ... Du gibst dir redlich Mühe, aber schon am Akzent kann man bis auf eine Meile genau bestimmen, in welcher Ecke Irlands du das Licht der Welt erblickt hast.« Charlotte hatte den Kopf schief gelegt und schaute Wesley herausfordernd an. Ihr Blick löste genau die gewünschte Reaktion aus.
»So? Aus welcher Ecke denn?«
»County Meath!« Das junge Mädchen lachte leise. »Vermischt mit einem Hauch Belgisch oder Französisch ... so genau kann ich’s nicht sagen, weil mein Französisch etwas eingerostet ist. Und schließlich Dublin – wobei das Bemühen, das Erbe der grünen Insel aus der Aussprache verschwinden zu lassen, nicht zu überhören ist. Warum eigentlich? Ich find’s hübsch.«
»Gut! Wirklich gut, kleine Lady. Wie kann jemand, der noch nie seinen Fuß auf britischen Boden gesetzt hat, so genau bestimmen, woher jemand kommt?«
Arthurs wissenschaftlicher Geist hatte die Oberhand gewonnen. Es bekümmerte ihn nicht mehr im Geringsten, mitten in der Nacht halbnackt auf einem Bett neben der Tochter des höchsten britischen Justizbeamten in ganz Indien zu sitzen.
»Eben darum, Wesley. Du hörst hier Briten aus allen Winkeln der Inseln, und dabei lernst du herauszuhören, wer aus Devonshire ist, aus Connemara, aus Kent, von Arran oder Islay. Ihr hört doch immer nur die Leute aus eurer unmittelbaren Umgebung. Was unsere eigenen Leute angeht, ist es ein Kinderspiel. Schwieriger wird es bei den Indern. Du weißt zwar ziemlich schnell, wo jemand herkommt, aber du musst dich dann auch noch mit ihm verständigen können. Ein Mann aus Orissa oder dem Maharastra spricht eine ganz andere Sprache als einer aus Rajasthan oder dem Punjab. Um sich in diesem Turm von Babel miteinander zu unterhalten, gibt’s das sogenannte >Vernacular< ... es ist irgendwie Hindustani, aber immer von der Gegend gefärbt, in der du dich befindest. Und dann mischen sich noch Tamil und Englisch und sogar ein wenig Portugiesisch und Französisch hinein, wenn man unten im Süden ist.«
Wesley ließ sich eine Zeitlang Charlottes Darlegungen durch den Kopf gehen. Er musste zugeben, dass Lord Halls Tochter in fast jeder Beziehung recht hatte: Er musste Agenten rekrutieren, doch sein Hindustani reichte noch nicht aus, ganz zu schweigen von anderen Dialekten. Er kannte die Menschen nicht gut genug und wusste noch nicht einzuschätzen, wem man vertrauen konnte und wem nicht. Alles, was er über Sitten und Gebräuche seines zukünftigen Kriegsschauplatzes sorgfältig im Kopf gespeichert hatte, war nur Bücherwissen, untermalt mit ein bisschen Lokalkolorit aus Kalkutta und Umgebung ...
»Na gut, kleine Lady. Aber nur als Berater ... und ich will mit deinem Vater darüber sprechen.« Wesley malte sich bereits lebhaft Sir Edwins Reaktion aus, wenn er ihm diese Idee vortrug. Der freundliche alte Herr mit Backenbart würde sich in einen bengalischen Königstiger verwandeln und ihn kurzerhand in der Luft zerreißen – und er hätte nicht einmal Unrecht.
»Mit Papa? Aber erst, wenn ich dir sage, dass du es tun kannst. Und versprich mir bei deiner Soldatenehre – kein Wort zu meiner Mutter! Sie würde vor Angst einen Herzanfall bekommen.«
»Ich kann deine Mutter verstehen, Charlotte. Schon bei dem Gedanken, dich in irgendeiner Verkleidung durch einen Bazar streunen zu sehen, bekomme ich eine Gänsehaut ... Nicht alle Männer sind so wohlerzogen wie ... und sie könnten sich ... wenn sie merken, dass du ein Mädchen bist ...«
Charlotte fuhr von der Bettkante hoch und baute sich vor Arthur auf wie ein Racheengel: »Da haben wir’s! Will das große Spiel spielen und kann’s nicht lassen, wie ein Engländer zu denken. Wesley, du musst lernen, lernen und nochmals lernen. Du willst dieses Land begreifen? Dann vergiss deine Vorurteile und Ansichten von zu Hause. Was du in England als unschicklich empfindest ...«, sie packte mit ihrer kleinen Hand energisch seine nackte Schulter, »... ist hier normal, und keiner stört sich dran. Weil ihr Jungs im roten Kittel nur noch unterhalb der Gürtellinie denkt, sobald ihr einen Weiberrock seht, heißt das noch lange nicht, dass der alte Lutuf Hintergedanken hat, wenn ich bei ihm aufkreuze ...« Charlotte hatte sich in Rage geredet. Über soviel Leichtgläubigkeit konnte sie sich nur ärgern.
»Gütiger Himmel! Das war eine erfolgreiche Unterrichtsstunde in indischer Zivilisation. Miss Hall, Sie haben mich überzeugt.« Arthur hatte sich ebenfalls von der Bettkante erhoben und verbeugte sich spielerisch vor Charlotte. Vor soviel Scharfsinn und einer so spitzen Zunge konnte man nur den Hut ziehen. Sie mochte ja erst achtzehn sei, aber sie war eine Meisterin ihres Fachs.
»Übrigens, kleine Lady«, fügte Arthur plötzlich sehr ernst hinzu, »nicht alle Männer, die den Rock des Königs tragen, denken beim Anblick einer klugen und sehr schönen Frau nur noch unterhalb der Gürtellinie. Du bist intelligent, und du weißt sehr viel, aber du musst trotzdem noch erwachsen werden. Nur weil der eine oder andere dich respektlos behandelt hat oder über dich spottet, weil du dieses Ding hier trägst ...«, er stupste Charlotte die kleine runde Brille mit dem Finger auf den Nasenrücken, »... und lieber mit anderen jungen Mädchen tanzt, darfst du uns nicht alle in einen Topf werfen und uns hassen oder uns Dinge unterstellen, an die wir überhaupt nicht denken. Du bist noch viel zu jung, um schon so bitter und so zynisch zu sein. Jeder erlebt Härten und Enttäuschungen, Charlotte, doch deswegen darf man nicht alles wegwerfen oder davonlaufen, nur um zu versuchen, das zu sein, was man nicht sein kann.«
Plötzlich sah Arthur nur noch eine junge, zutiefst enttäuschte Frau vor sich, die ihren Kummer und ihre Einsamkeit hinter einer Maske aus Selbstsicherheit, Ruppigkeit und Abenteuerlust verborgen gehalten hatte. Charlotte liefen Tränen über die Wangen – Tränen der Wut, weil Wesley sie durchschaut hatte, und Tränen der lang aufgestauten Trauer, stets von allen vor den Kopf gestoßen zu werden.
Arthur nahm vorsichtig ihr Gesicht in seine Hände und schüttelte den Kopf. Doch statt den Tränenfluss zu beenden, löste die Berührung das Gegenteil aus. Er zog Charlotte an seine Schulter und nahm sie fest in die Arme, damit sie sich ausweinen konnte. Fünf Minuten später beruhigte das Mädchen sich wieder, aber den Weg zurück zu ihrer gewohnten Selbstsicherheit hatte sie noch nicht gefunden.
»Jetzt verachtest du mich und denkst, ich sei nicht besser als die anderen jungen Gänse, mit denen du sonst immer zu tun hast, nicht wahr?« flüsterte sie enttäuscht.
»Gewiss nicht, kleine Charlotte«, antwortete er sanft. »Manchmal tut es gut, seine Sorgen und seinen Kummer einem guten Freund anzuvertrauen, bei dem man weiß, dass man sich seiner Gefühle nicht zu schämen braucht. Glaubst du etwa, mir wäre noch nie zum Heulen gewesen, nur weil ich einen roten Rock und eine Waffe trage?«
Er bedeutete ihr, sich neben ihn auf die Bettkante zu setzen. Der Morgen dämmerte bereits, und weiches Licht drang durch die offene Tür ins Zimmer. Arthurs Gesichtsausdruck war nachdenklich.
»Weißt du, vor nicht allzu langer Zeit ging es mir ähnlich wie dir heute Abend. Nur hab ich nicht so vernünftig und mutig reagiert wie du ...«
»Mutig? Was für ein Unsinn, Arthur! Ich habe geheult wie ein kleines Kind.«
Charlotte gewann langsam ihre übliche Selbstsicherheit zurück. Arthur zog amüsiert die Brauen hoch und schaute ihr fest in die Augen. »Genau das ist mutig. Ich war nicht so klug wie du ... Als sie mich in die Armee gesteckt haben, war ich todunglücklich. Es war schrecklich. Ich hatte furchtbare Angst, habe mich allein und verlassen und von meinen Angehörigen verstoßen gefühlt. Dauernd sagten sie mir, ich sei völlig unnütz, deshalb wäre es am besten, wenn ich mich am anderen Ende der Welt totschießen ließe, damit sie keine Sorgen mehr mit mir hätten. Kanonenfutter! Außerdem hatten sie mir erfolgreich eingeredet, dass ich ein Vollidiot wäre, der nicht mal eins und eins zusammenzählen könne. Und ich hab’s geglaubt, weil man es mir immer und immer wieder sagte ...«
»Und?«
»Und weil ich schließlich überzeugt war, dass sie recht hatten, habe ich mich aufgeführt, wie man es von mir erwartete – wie ein Vollidiot eben. Statt meiner heißgeliebten Familie zu zeigen, dass sie sich irrt, habe ich jeden Unsinn angestellt, um meiner besorgten Mutter und meinem lieben Bruder zu beweisen, dass ich ein Taugenichts bin. Ich hab gespielt, gesoffen, Hurenhäuser besucht und hatte Umgang mit schlechten Menschen. Ich hab mich so oft duelliert, als ob’s mein Lebensinhalt wäre, und ich hab mich dreimal täglich vor den Spiegel gestellt und mir gesagt, wie missraten und verachtenswert ich doch wäre und was für eine gute Tat es sei, meine noblen Angehörigen von meiner jämmerlichen Existenz zu befreien ...«
Jetzt schüttelte Charlotte ernst den Kopf. »Arthur, wenn hier einer bitter und zynisch ist ...«
Er lachte. »Kleine Lady, natürlich ist es zynisch, was ich dir gerade erzähle, und es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich verbittert und enttäuscht und habe hinter jedem Baum und jedem Strauch einen üblen Menschen vermutet, der mir Böses wollte. Was den Zynismus betrifft, hast du zwar immer noch recht, aber alles andere ... das ist vorbei, das legt sich, wenn man ein bisschen älter wird, ab und zu über den Zaun sieht und feststellt, dass nicht alles so furchtbar düster ist, wie man es sich einbildet.«
»Was hast du dann getan?« erkundigte Charlotte sich interessiert. Wesley hatte das Gefühl, dass es eine gute Sache gewesen war, einen Teil seines gewohnten Schutzpanzers abzulegen und ein paar Karten offen auf den Tisch zu legen. Vielleicht würden seine Ehrlichkeit und Offenheit Charlotte davor bewahren, auf die schmerzhafte Art und Weise erwachsen zu werden.
»Ich habe versucht, meinen Kopf zum Denken zu benutzen und nicht nur, um einen Zweispitz durch die Gegend zu tragen. Dein Vater hat gestern Abend etwas sehr Kluges gesagt, über das Rad des Lebens, an dem man selbst nur fleißig drehen muss ... Ich hab mich gewehrt, hab nicht mehr alles ergeben hingenommen und bin zu der Einsicht gelangt, dass man nur vernünftig an alles herangehen muss, dann erledigen die Probleme sich irgendwann von selbst.«
»Ist das wirklich so, Arthur?«
»Ja! Ein Teil deines Ärgers und deiner Sorgen verschwindet. Glaub mir, kleine Lady. Sicher, manche Dinge sind zäh und nur schwer zu bekämpfen, aber irgendwann sieht man kleine Fortschritte und hat das Gefühl, dass sich mit der Zeit und mit ein wenig gutem Willen auch hier alles einrenken lässt ... Und dann gibt es immer wieder mal ein kleines Wunder, bei dem man viel von seinem verlorenen Glauben zurückgewinnt oder die Niederlagen und Enttäuschungen vergisst, die einem trotzdem noch begegnen ...«
»Bist du sicher?« fragte Charlotte in einer Mischung aus Misstrauen und Hoffnung.
Der junge Offizier zog die Knie unters Kinn und grinste das Mädchen an. »Was dich betrifft, kleine Charlotte? Ja, hundert Prozent. Was mich betrifft? Vielleicht, vielleicht auch nicht.«
»Warum?«
»Hör mal, für eine durchwachte Nacht reicht es jetzt, sonst erschlägt dein Vater mich noch, weil er seine Tochter im Bett eines fast unbekleideten Mannes findet. Lasse uns ein andermal weiterreden und verschwinde brav zurück in dein Zimmer.«
Folgsam erhob Charlotte sich von der Bettkante und ging zur Tür, die auf die Veranda führte. Als sie fast schon im Freien war, drehte sie sich noch einmal um. »Versprich mir, dass du Papa um Erlaubnis fragst.« »Ich verspreche es. Du hast mich überzeugt«, erwiderte der Kommandeur des 33. Infanterieregiments Seiner Majestät.