Читать книгу Aveline Jones im Bann der Hexensteine (2) - Phil Hickes - Страница 7
ОглавлениеKapitel 2
Die Beobachterin im Kreis
Aveline musste nicht lange warten, bis sie das geheimnisvolle Mädchen wiedersah. Am nächsten Morgen hatte sie es sich gerade auf dem Sofa bequem gemacht, als sie das unverkennbare Trappeln von Pferdehufen vernahm. Nach ihrer Ankunft hatte sie schon mehrere Leute durch die Gassen und über schmale Pfade reiten sehen. Es war schön, dass der Verkehr zur Abwechslung einmal nicht nur aus Autos und Bussen bestand. Neugierig stand sie auf, öffnete die Haustür und ging zum Gartentor.
Ein schwarzes Pferd trottete die Dorfstraße entlang. Es war anders als alle Pferde, die Aveline je gesehen hatte. Es war groß und schlank und es warf arrogant den Kopf in die Höhe, als wüsste es genau, was für ein prachtvolles Tier es war. Der Schweiß auf den glänzenden Flanken betonte das Spiel der Muskeln. Als es die dunklen Schopfhaare aus den Augen schüttelte, musste Aveline unwillkürlich an ihren Freund Harold mit seiner dauerzerzausten Frisur denken.
Während das Pferd näher kam, richtete Aveline nun den Blick auf die Reiterin, deren lange schimmernde Haare farblich perfekt zur Pferdemähne passten. Es war das Mädchen, das sie tags zuvor am Steinkreis gesehen hatte. Aveline hatte immer gedacht, Reiter müssten wie Motorradfahrer einen Helm tragen, aber die Haare des Mädchens flatterten wild im Wind wie ein schwarzes Banner auf einem Burgturm. Sie trug lederne Reitstiefel, eine Reithose und eine olivgrüne Jacke. Sie sah aus wie eine kriegerische Königin aus vergangenen Zeiten, die ihr Heer in eine Schlacht führte. Aveline wich in den Schatten des großen Apfelbaums zurück, der am Tor Wache hielt. Sie wollte nicht den zweiten Tag in Folge beim Starren erwischt werden.
Aber es war zu spät.
Avelines Magen krampfte sich zusammen, als das Mädchen mit einem Ruck an den Zügeln zog. Mit einem ungeduldigen Stampfen wirbelte das Pferd herum und warf Aveline einen überheblichen Blick zu. Die Sonne blitzte hinter Pferd und Reiterin auf und Aveline musste die Augen zusammenkneifen, um die von goldenen Strahlen umrahmte schwarze Silhouette zu erkennen. Ich wünschte, ich könnte auch einmal so einen Auftritt hinlegen, dachte sie. Ihre Versuche endeten meist damit, dass sie an einem Türknauf herumfummelte oder über ihre Schnürsenkel stolperte.
Während sie dastand und ihre Augen gegen die Sonne abschirmte, überkam sie das gleiche Gefühl wie am Abend zuvor, als sie die Flasche entdeckt hatte. Es war wieder dieses Kribbeln, das ihr über Hals und Rücken lief – als würde sie für einen Augenblick in eine andere Welt eintreten. Schüchtern schob sie ihre Brille hoch und hob die Hand, um zu winken. Das Mädchen musterte sie von Kopf bis Fuß. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie reagierte, doch als sie das Pferd wendete, hob sie grüßend eine Hand. Es war nur eine winzige Geste, aber dennoch freundlich.
Gerade als Aveline etwas sagen wollte, zog das Mädchen leicht die Zügel an und das Pferd setzte sich wieder in Bewegung. Es trabte weiter, bis die beiden schließlich um die Ecke verschwanden. Aveline holte tief Luft und folgte ihnen vorsichtig. Sie wollte nicht wieder beim Spionieren ertappt werden, aber sie war neugierig, wohin das Mädchen unterwegs war. Als sie um die Ecke bog, war jedoch keine Spur mehr von Pferd und Reiterin zu sehen.
Wie merkwürdig.
Auf der Hauptstraße des Dorfes waren sie nicht mehr, obwohl sie unmöglich so schnell am Ende der Straße angelangt sein konnten. Also mussten sie wohl von der Straße zu einem der Häuser abgebogen sein. Gemächlich ging Aveline weiter bis zum Dorfladen, in dem sie am Vortag Süßigkeiten gekauft hatte. Dort gab es frisches Brot und Eier, Aufschnitt und Apfelwein von einem Bauernhof aus der Gegend und Konservendosen, die aussahen, als hätte sie seit Jahren niemand angerührt.
Während Aveline noch vor dem Geschäft stand und überlegte, ob sie weitergehen sollte, hörte sie hinter sich die Türglocke bimmeln. Sie drehte sich um und sah, wie eine seltsam gekleidete Frau aus dem Laden trat. Sie war klein, kaum größer als Aveline, aber ziemlich breit. Ihr Gesicht war rötlich und voller Runzeln, als würde sie sehr viel Zeit im Freien verbringen. Sie trug ein langes, fließendes schwarzes Gewand, dazu schwere Stiefel ohne Schnürsenkel, über deren Schaft regenbogenfarbene Wollsocken hervorblitzten. Aber das Seltsamste war der Bowlerhut auf ihrem Kopf. So etwas kannte Aveline bisher nur von Schwarz-Weiß-Fotos mit Geschäftsleuten in Nadelstreifenanzügen.
»Guten Morgen!«, rief die Frau und lupfte kurz den Hut, um sich damit Luft zuzufächeln. »Puh, hier draußen ist es heißer als Weihwasser im Kochtopf.«
Aveline lächelte zögernd.
»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht«, sagte die Frau geschäftsmäßig. »Darf ich fragen, was dich hierher nach Norton Wick führt?«
Aveline stieg ein süßer, würziger Geruch in die Nase.
»Meine Mum und ich machen hier Ferien. Wir kommen aus Bristol.«
»Verstehe, eine Pause von der Großstadt. Hoffentlich ist es hier nicht zu langweilig für dich. Ich fürchte, in Norton Wick gibt es nicht sehr viele Bewohner in deinem Alter.«
»Ehrlich gesagt habe ich gerade erst ein Mädchen in meinem Alter gesehen. Sie saß auf einem Pferd und ich frage mich, wo sie abgeblieben ist. Haben Sie vielleicht gesehen, in welche Richtung sie geritten ist?«
Die Frau runzelte die Stirn. »Leider nein. Wie sah sie denn aus?«
»Sie hat lange schwarze Haare. Und sie ist sehr hübsch«, sagte Aveline und wurde rot.
»Genau wie du, meine Liebe«, erwiderte die Frau, woraufhin Aveline sie sofort mochte. »Ich weiß nicht, wer das gewesen sein könnte. Jedenfalls habe ich niemanden vorbeireiten sehen, auf den diese Beschreibung passt.«
Die Frau sprach nicht weiter und blickte einen Moment lang gedankenverloren in die Ferne, dann streckte sie ihre schmutzige Hand aus. »Ich bin übrigens Alice, die Pastorin von Norton Wick. Du musst mich einmal in St. Michael’s besuchen.« Als sie Avelines ratlosen Blick sah, fügte sie hinzu: »St. Michael’s ist unsere Kirche, du kannst sie nicht verfehlen. Ein großes, steinernes Gebäude mit bunten Glasfenstern. Du weißt schon, der Ort, wo alle spätestens dann landen, wenn sie tot sind. Die Kirche ist nicht weit vom Steinkreis entfernt, direkt auf der anderen Seite der Felder. Ich nehme an, du hast unseren berühmten Hexensteinen schon einen Besuch abgestattet?«
»Ja, wir wohnen ganz in der Nähe«, sagte Aveline mit einem Anflug von Stolz in der Stimme.
»Wie schön. Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um Ferien zu machen. Aber glaub besser nicht all die wilden Geschichten, die dir vielleicht zu Ohren kommen.« Alice senkte die Stimme. »Es gibt immer noch Leute im Dorf, die nach Sonnenuntergang keinen Fuß in die Nähe des Steinkreises setzen.«
»Wirklich?«, fragte Aveline und trat ein Stückchen näher. Das klang vielversprechend.
»Oh ja, in Norton Wick hält sich Aberglaube sehr hartnäckig«, flüsterte Alice verschwörerisch. »Die Geschichten werden von Generation zu Generation weitergegeben. Du weißt bestimmt, was ich meine. Geister und Ghule und Kobolde. Böse Feen, die jeden schnappen, der sich bei abnehmendem Mond dorthin verirrt.«
Aveline nickte. Wie es der Zufall wollte, wusste sie ganz genau, wovon Alice sprach.
»Nimm nicht alles für bare Münze, was du hörst. Manche Menschen hier glauben immer noch, dass der Mond aus Käse ist. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben sie …« Alice hielt abrupt inne und drückte ihren Bowlerhut wieder auf ihre kurzen grau-weiß melierten Haare. »Wie auch immer, ich muss jetzt los. Wie war noch mal dein Name?«
»Aveline. Meine Mum und ich machen hier Urlaub.«
»Aveline und ihre Mum. Okidoki. Ich werde euch in meine Gebete einschließen.« Sie gaben einander lächelnd die Hand.
Alice hatte Aveline zwar nicht weiterhelfen können, aber das kurze Gespräch mit ihr hatte dem Tag eine spannende Wendung gegeben. Die Hexensteine schienen ihrem geheimnisvollen Namen tatsächlich alle Ehre zu machen.
Sie überlegte, ob sie zum Cottage zurückkehren oder ihren Spaziergang fortsetzen sollte. Vielleicht würde sie irgendwo ein Haus mit einem Stall entdecken? Am Ende gewann ihre Neugier die Oberhand. Ihre Mum würde wissen, dass sie nicht weit weg war.
Die Häuser in der Dorfmitte waren ziemlich beeindruckend. Sie waren so alt wie der Rest von Norton Wick, aber die Eigentümer waren offensichtlich sehr wohlhabend. Es waren große Landvillen mit makellosem Rasen und Kieswegen, auf denen blitzblanke BMWs und Mercedes parkten. Einige der Wohnhäuser waren so herrschaftlich, dass es dort vielleicht Stallungen gab, aber Aveline wagte es nicht, die Grundstücke zu betreten. Vorerst gab sie sich damit zufrieden, dass das Mädchen vermutlich in einem dieser Anwesen wohnte, und schlenderte weiter.
Sie genoss das warme Summen des Spätsommermorgens und den Geruch von frischem Heu. Neben dem Dorfplatz befand sich ein Pub mit dem Namen Mond & Sichel. Auf dem Wirtshausschild war ein aufgerichteter Stein zu sehen, hinter dem ein dürrer Mann mit langem weißem Bart und weißem Gewand eine Sichel in den Nachthimmel reckte. Das sollte wohl ein Druide sein, einer der geheimnisvollen keltischen Priester, von denen Aveline gelesen hatte. Sie hatten oft lange Bärte. Vielleicht sollte sie mehr über sie in Erfahrung bringen, um dem Geheimnis der Hexensteine auf die Spur zu kommen. Waren sie gut oder böse? Aveline wusste es nicht. Ein weiterer Punkt auf der Liste für Harold. Dieser Druide wirkte jedenfalls ziemlich düster. Das Schild war in Schwarz und Silber gestaltet und der Künstler hatte viel Mühe darauf verwendet, die Steine beinahe bedrohlich wirken zu lassen. Die Szene wirkte so, als würde im nächsten Moment etwas Schreckliches passieren. Trotz der Hitze des Tages fröstelte Aveline plötzlich.
Etwas weiter die Straße entlang wurden die Gebäude immer kleiner und verschmolzen zu einer Häuserreihe. Danach war das Dorf auch schon zu Ende. Die Straße wurde schmaler, und statt Häusern gab es zu beiden Seiten nur hohe Hecken, die wie natürlich gewachsene Mauern wirkten. Zufrieden, dass sie nun fast ganz Norton Wick erkundet hatte, kehrte Aveline zum Cottage zurück. Dort saß ihre Mutter im Freien und nippte an einem Glas.
»Und, hast du etwas Interessantes entdeckt?«, fragte sie Aveline. »Im Kühlschrank ist selbst gemachte Limonade, wenn du möchtest.«
»Es gibt nicht besonders viel zu entdecken«, erwiderte Aveline. »Ich habe ein Mädchen auf einem Pferd gesehen, die örtliche Pastorin kennengelernt und bin an einem Pub mit einem gruseligen Schild vorbeigekommen.«
»Bei dir ist immer alles gruselig, Aveline«, sagte ihre Mum. »Komm, hol dir was zu trinken. Klingt, als hättest du dir eine Erfrischung verdient.«
Später, nachdem sie beide gegessen und Aveline ihre Mum anschließend im Kartenspiel geschlagen hatte, ging sie in ihr Zimmer und gähnte lang und ausgiebig. In den Ferien war es nicht schlimm, wenn man müde war. Morgen war keine Schule und ihre Mum musste nicht zur Arbeit, daher konnte Aveline so lange schlafen, wie sie wollte.
Ihr Zimmer war klein und gemütlich, das Bett weich und vom Fenster aus hatte sie einen perfekten Blick auf den Steinkreis. Die Sonne ging gerade unter und schien sich mit einem regelrechten Feuerwerk aus Farben verabschieden zu wollen. Der Horizont glühte, als hätte ein Maler einen Riesenpinsel in Orangerot, Violett und Pink getaucht, um damit einmal quer über den Himmel zu streichen. Der süße Geruch von Gras, Heu und abkühlenden Steinen erfüllte ihr Zimmer. Irgendwo in der Ferne ratterte ein Traktor. Wahrscheinlich holte der Bauer die letzten Heuballen des Sommers ein.
Aveline kniete sich ans Fenster, stützte die Ellbogen aufs Fensterbrett und sah zu, wie die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Sie lauschte dem Gesang der Vögel, die einander Gute Nacht sagten. Eine schwarze Silhouette glitt im Tiefflug zwischen den Steinen hindurch. Aveline folgte ihr mit den Augen, doch dann blieb ihr Blick an etwas anderem hängen.
An jemand anderem.
In der Mitte des Steinkreises stand eine Gestalt. Aveline konnte im Dämmerlicht nicht erkennen, wer es war. Obwohl Aveline die Augen der Person nicht sehen konnte, hatte sie das unheimliche Gefühl, dass sie direkt auf sie gerichtet waren. Ein oder zwei Minuten lang starrte sie in die Richtung und fragte sich, ob ihre Augen ihr einen Streich spielten. Die Gestalt rührte sich nicht vom Fleck. Einen Moment lang überlegte Aveline, ob sie einen der aufgerichteten Steine fälschlicherweise für eine Person hielt, aber nein, es waren eindeutig die Umrisse eines Menschen. Avelines Ellbogen rutschten vom Fensterbrett. Sie streckte die Hand aus und zog langsam den Vorhang zu, ohne die Gestalt auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Aveline verharrte eine Weile hinter dem geschlossenen Vorhang, bevor sie ihn wieder einen Spaltbreit öffnete, um durch die Lücke hindurchzuspähen.
Die Gestalt war verschwunden.
Nur noch die Steine standen da, starr und still wie seit Tausenden von Jahren.