Читать книгу Die moderne Erlebnispädagogik - Rainald Baig-Schneider - Страница 5
ОглавлениеEinleitung
Ausgehend von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten nehmen die Bezugswissenschaften (…) mit ihren verschiedenen Disziplinen (…) sowie die Praxis Einfluss auf die Erlebnispädagogik. Dies ist natürlich ein wechselseitiger Prozess, denn die Erlebnispädagogik verändert und beeinflusst wiederum durch Bildung/ Ausbildung/Realisierung und Therapie Mitglieder der Gesellschaft und somit diese selbst.1
Will man sich mit der „Erlebnispädagogik“2 wissenschaftlich auseinandersetzen, steht man am Anfang vor einem riesigen Berg an Ansätzen, Einflüssen, Aspekten, Modellen, Erklärungen, Methoden, Richtungen, Beschreibungen, Wirkmodellen, Didaktiken, Verfahrensweisen, Zuordnungen. Kurz gesagt man befindet sich unversehens in einem riesigen „Erlebnislabyrinth“. Friedrich Kron findet bei der Durchsicht von elf Lehrbüchern der Pädagogik insgesamt 40 „Ansätze, Richtungen oder Positionen der Pädagogik3“. Bei der „Erlebnispädagogik“ kommen noch Einflüsse aus den Bezugswissenschaften dazu, vor allem handelt es sich dabei um Psychologie und Soziologie, und der Basiswissenschaft Philosophie.4 Es ist daher nicht verwunderlich, dass in der Schriftreihe „Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik“5 des Institutes für Erlebnispädagogik an der Universität Lüneburg zurzeit 56 (!) Wegbereiter benannt werden.
Uneinigkeit besteht auch darüber, ob es sich um eine „Methode“ oder um eine „Teilwissenschaft der Pädagogik“ handelt. Diese Diskussion ist noch nicht entschieden und sie wird wahrscheinlich auch nie entschieden werden. Eine Methode ist ein „planmäßiges und folgerichtiges Verfahren“6 und davon ausgehend kann man durchaus von der „Methode Erlebnispädagogik“ sprechen. Aus diesem Verfahrenscharakter resultiert eine große Heterogenität „der Erlebnispädagogik“, denn zur Begründung für das „folgerichtige Verfahren“ werden Lerntheorien aus der Psychologie, Ansätze aus der Soziologie, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung bis hin zu Ansätzen aus dem Grenzbereich der Esoterik herangezogen.
Es gibt wohl wenige Ansätze, Theorien bzw. „Trends“ in den letzten 15 Jahren die nicht in Verbindung mit „der Erlebnispädagogik“ gebracht wurden und werden7. Dies ist jedoch nicht wirklich überraschend, es handelt sich eben auch um einen „handlungstheoretischen Ansatz“, das TUN ist also Programm.
Als „Teilwissenschaft der Pädagogik“ ist ein Beschreibungsversuch der „Erlebnispädagogik“ einfacher. Denn am Anfang der „Erlebnispädagogik“ steht die „Erlebnistherapie“ des Reformpädagogen Kurt Hahn und von diesem ausgehend lassen sich viele Bezüge herstellen: zu dem Pädagogen Rousseau, zum Begründer der Geisteswissenschaft Wilhelm Dilthey, zu anderen Reformpädagogen wie Hermann Lietz bis hin zu den Pragmatikern. Hier bewegen wir uns also im Bereich der pädagogischen Theorien, was zumindest gewisse Anhaltspunkte der Betrachtungen liefert. Dabei lässt der Bezug zur Reformpädagogik – der Beginn „der Erlebnispädagogik“ ist in diesem Bereich zu verorten – den Begriff des Gegenmodells in den Vordergrund treten und hier treffen sich wieder Methode und Teildisziplin. Denn sowohl Methode als auch pädagogischer Ansatz sind als Gegenmodell zu verstehen, als Gegenmodell gegen das „verkopfte Lernen“, gegen „erstarrte Lernstrukturen“.
In dieser Arbeit wird sowohl die (Ideen)Geschichte eines „pädagogischen Gegenmodells“ als auch die Entwicklung der „Erlebnismethode“ dargestellt. Die Ursprünge der Erlebnispädagogik bis hin zu den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts werden in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6 dargestellt. Diese Ideengeschichte wird ergänzt durch eine Auseinandersetzung mit dem „erlebnispädagogischen Begriffsvokabular“, vor allem in Kapitel 1 und der Darstellung der institutionellen Entwicklung in Kapitel 4. Die Expansion der „modernen Erlebnispädagogik“ in den 80er Jahren8, vor allem als „methodische Anwendung“ – von der Zielgruppe der Jugendlichen hin zur Zielgruppe der Erwachsenen und somit (auch) in den Bereich der „Arbeitswelt“ und die daraus resultierenden Folgen wird vor allem in den Kapiteln 7 und 8 beschrieben. In jenen beiden Kapiteln wird auch der Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen hergestellt und in Kapitel 11 wird die Entwicklung der professionellen Erlebnispädagogik kritisch betrachtet. Die Merkmale der Erlebnispädagogik stehen im Mittelpunkt von Kapitel 9 und basierend auf dem „Tree of Science“ wird schließlich in Kapitel 10 aus den „Erlebnispädagogischen Merkmalen“ eine „Systematik der Erlebnispädagogik“ entwickelt.
Eine umfassende Beschreibung der „Erlebnispädagogik“ bedarf also sowohl der „pädagogischen Ideengeschichte“, der analytischen Beschreibung der Begrifflichkeiten, Merkmale und Methoden, der Beschreibung der historischen Entwicklung der Institutionen und des Bezuges zu gesellschaftlichen Veränderungen. Methodisch handelt es sich somit um eine geisteswissenschaftlich-phänomenologisch-hermeneutische Arbeit. Es wird versucht, das „Phänomen Erlebnispädagogik“ durch die Analyse der verwendeten Begriffe möglichst genau zu beschreiben und diese gegeneinander abzugrenzen. Gleichzeitig macht dies nur Sinn, wenn die einzelnen Begriffe in ihrem historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang beschrieben werden. Nicht zuletzt geht es darum, das pädagogische Fundament der Erlebnispädagogik (wieder) zu entdecken. Zurzeit besteht eine Tendenz, die Erlebnispädagogik als eine Art „Technik der Gruppenarbeit“, als eine „innovative pädagogische Verfahrensweise“ zu sehen. Diese Arbeit möchte entgegen diesem Trend den Blick auf die (wissenschaftlichen) Fundamente wieder freilegen. Denn die aktuellen praktischen Verfahrensweisen“ haben sich aus den verschiedensten theoretischen Ansätzen heraus entwickelt und sind Produkt einer langen Entwicklungskette. Wissenschaftliche Theorie und wissenschaftliche Methoden ergeben ein wissenschaftliches Konstrukt und erst auf Basis dieser wissenschaftstheoretischen Fundamente können sich praktische Verfahrensweisen entwickeln9. Somit sind das Konzept und die Umsetzung der Hahnschen Erlebnistherapie ohne die Grundlage der geisteswissenschaftlichen Pädagogik nicht vorstellbar.
Denn einiges kehrt immer wieder, vieles der heutigen „modernen Erlebnispädagogik“ ist nur Altes im neuen Gewand und so kann man manche „Verfahrensweisen“, ganz im Sinne eines Wilhelm Diltheys, erst dann verstehen, wenn die historischen Bezüge und die wissenschaftstheoretischen Fundamente des „Phänomens Erlebnispädagogik“ aufgespürt werden.
Das Neue ist in der Tat nichts Anderes als die Wiederbelebung des Alten zum rechten Augenblick.10
1 Rehm (1996), S. 144.
2 Prinzipiell wird mit dem Begriff der Erlebnispädagogik das gesamte Spektrum der Möglichkeiten bezeichnet. Soll der Aspekt der Unheitlichkeit hervorgehoben werden, wird der Begriff unter Anführungszeichen gesetzt. Ebenso trifft dies auf andere in Anführungszeichen gesetzte Begriffe zu.
3 Kron (1999), S. 263. bzw. S. 248 – 290; vgl. dazu auch die Struktur der Pädagogik nach Dieter Lenzen in Gudjons (2003), S. 22 – 23 bzw. S. 30 – 68.
4 vgl. dazu Gudjons (2003), Kron (2001), Kron (1999), König, Zedler (2002) und Krüger (2002) als Referenzliteratur.
5 siehe auch http://www.uni-lueneburg.de/einricht/erlpaed/verlag_shop.htm#wegbereiter; Stand 06. November 2006. Die Reihe wird herausgegeben vom Verlag edition erlebnispädagogik.
6 Duden (1996), S. 490.
7 Ein kleiner Auszug: Neurolinguistisches Programmieren, Themenzentrierte Interaktion, Ansätze der (sozialen) Systemtheorie, Kognitivismus. Gestalttherapie, Entwicklungspsychologisches Modell von Piaget, Kohlberg, Erikson, soziologische Theorien von Parson und Mead, Gesellschaftstheorien von Beck (Risikogesellschaft) und Schulze (Erlebnisgesellschaft), Theorien der Personalentwicklung und Betriebswirtschaft, spirituelle Ansätze wie Schamanismus uvm.
8 vgl. Meier-Gantenbein (2000), S. 31. Meier-Gantenbein setzt den Beginn der „modernen Erlebnispädagogik“ bzw. den Anfang der Diskussion in der Fachliteratur konkret mit dem Jahr 1984 an. In anderen Publikationen wird „von einem Anfang in den 80ern“ gesprochen.
9 Dieses wissenschaftstheoretische Fundament schwingt zumindest in Form von „Haltungen, Ein- und Ansichten, Formulierungen und Leitbegriffen“ mit, ist allerdings oft nicht explizit ausgewiesen. Diese Bezüge herzustellen und nachzuweisen ist Aufgabe einer wissenschaftlichen Arbeit. Vgl. dazu Kron, Friedrich (1999).
10 Heckmair, Michl (2002), S. 267.