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Wie ein silbernes Schlangenpaar zog sich das schmale Gleis der neuen elektrischen Bahn vom nördlichen Benares hinaus in das Land.

Wagen auf Wagen rollte aus den riesigen Lagerhäusern am Bahnhof und nahm den Weg zur neuentstandenen Märchenstadt, die fast über Nacht aus dem Nichts gewachsen war. Zwanzig Kilometer vom heiligen Ufer des Ganges, mitten in der Einsamkeit. Walter-Werndt-Stadt sagten die Europäer, Stadt des Zauberers nannten sie die Eingeborenen.

Jeder Wagen, der das Gleis entlang rollte, war hochbeladen mit Material aller Art: Eisenträger, Aluminiumtafeln, Glasscheiben, Bretter, Betonplatten, verschnürte Pakete.

Indische Lastträger hockten auf dem hinteren Trittbrett und pressten sich unter die überstehende Ladung, um eine Handbreit Schatten zu finden vor der glühenden Sonne.

Oder sie schimpften mit den braungebrannten Burschen, die mit verwegenem Übermut auf den Wagen herumturnten und sich jeden Augenblick das Genick zu brechen drohten.

Stadt des Zauberers... Je näher die dunkle Masse am Horizont rückte, desto lebhafter wurde das Treiben. Baracken, Lagerschuppen, Betonhäuser schoben sich an die Gleise heran und verteilten sich spinnennetzartig nach allen Seiten.

Weiße, gelbe, braune Gestalten wimmelten zwischen den freien Räumen, zu Fuß und mit dem Pferd, mit Ochsen und Elefanten, hastig rennend oder keuchend unter allerlei Lasten.

Tausend Geräusche zerschnitten die Luft, Hämmern und Kreischen, Rattern und Knarren, Bohren und Sägen, ein höllischer Lärmpegel. Dazwischen das Schreien der Arbeiter, die kurzen Rufe der Aufseher, Dampfsirenen und Pfeifensignale, Läutwerke und Motorknattern. Die ganze Szenerie glich einem bunten Jahrmarkt mit Hunderten von beschäftigen Menschen.

Europäische Techniker empfingen die Züge und verteilten die Wagen nach flüchtigem Blick auf die Anschrift der Ladung auf Anschlussgleise. Wie das dunkle Zentrum einer Schießscheibe lag der Bahnhof inmitten der anderen Bauten, die das größte Laboratorium aller Zeiten enthielten.

Riesige Hallen und langgestreckte Steingänge waren ebenso zu sehen, wie breite, runde und eckige Türme von seltsamen Formen. Dazwischen befanden sich dicke Betonwände, tief in die Erde versenkt, bergwerkartige Stollen und erdüberdachte Labors. Die Wachen vor ihren Eingängen zeigten, das ihre gefährliche Ladung schon innen verstaut war.

Von einem der bremsenden Wagen löste sich die schlanke Gestalt eines einzelnen Mannes. Einer der Techniker kam ihm diensteifrig entgegen. »Ah - Mister Nagel - schon wieder zurück?«

Der Ankömmling reichte ihm freundlich die Hand. »Direkt von München. Hier noch alles in Ordnung?« Er schob den Hut in den Nacken und streckte den sehnigen Körper. Mit aufmerksamen Augen überblickte der das Gelände und quittierte das geschäftige Treiben mit einem zufriedenen Lächeln.

»Ihr habt tüchtig geschafft in der letzten Woche. Halle drei und vier sind schon fertig -«

»Und eins und zwei schon ganz eingerichtet. Auch Ihr Sternwartengebäude. Wir kommen noch schneller voran, als gedacht.«

»Wo ist Doktor Werndt jetzt?«

Dem Techniker strahlte der Stolz aus den Augen. »Im Hauptbau fünf. Er richtet die beiden Turmräume ein. Der neue Ingenieur ist auch bei ihm.«

Doktor Nagel hob erstaunt die Brauen. »Ein neuer Ingenieur? Seit wann...?«

Der andere schien den Einwurf erwartet zu haben. »Es ist der Vertreter der internationalen Stiftungskommission. Ein Franzose oder Bulgare.«

»So.« Das sonnengebräunte Gesicht des Ingenieurs verfinsterte sich. »Na, ich werde ja sehen.«

Mit einem kurzen Gruß drehte er sich ab und ging geradenwegs auf den Turmbau zu, der die Mittelstadt abschloss.

Beim Anblick der lärmenden Arbeit erhellte sich seine Miene allmählich. Mit impulsiver Lebhaftigkeit erwiderte er die Grüße der Aufseher und Ingenieure, an deren Herzlichkeit er seine Beliebtheit erkennen konnte.

Einer der älteren Herren schloss sich ihm an. Sie stiegen die Treppe zum Hauptbau hinauf. »Hier hat sich einiges verändert in den acht Tagen, die Sie in Deutschland waren. Wir sind mächtig vorwärtsgekommen. Was sagen Sie zu unserem Hauptsaal?«

Doktor Nagel blieb überrascht stehen, die Klinke der Türe noch halb in der Hand.

»Alle Achtung!« entfuhr es ihm. »Es wirkt doch in WirkIichkeit noch etwas anders als auf dem Papierplan.«

Der andere strahlte. »Diesen Saal macht uns auch niemand nach. Mein Ressort, der Apparatepalast. Sehen Sie sich nur einmal diese Torsionswaage an, die auf ein milliardestel Gramm reagiert. Diese ganze Wand hier enthält alle Vorrichtungen für die Bestimmung von Längen und Volumen, für Dichte-, Druck- und Temperaturmessungen. Die Instrumente liefern im Durchschnitt sechs Dezimalen ihrer Messeinheit - bitte!«

»Und Doktor Werndt?« fragte Nagel. Seine Gedanken schienen ganz woanders zu sein, als bei diesen zahllosen Apparaten, die auf Stellagen und Tischen verstreut standen, lagen und hingen.

Aber der Ingenieur ließ ihn nicht los. Mit liebevoller Sorgfalt fuhr seine Hand über eine funkelnde Linse. »Wir haben hier die besten Apparaturen vereinigt, die bisher auf dem Gebiet der Photographie, Photochemie, Kristallographie und Spektroskopie konstruiert wurden.«

»Um Himmels willen!« Der Jüngere hielt sich mit gespielter Bestürzung die Ohren zu.

»Aber den Vogel schießen doch meine optischen und elektrischen Messinstrumente ab, für Brechungsindex, Beugungserscheinungen, Linsenkrümmungen und Interferenzen. Da sehen Sie mal das große Sphärometer an, das Spektrometer, Pyrheliometer, Bolometer -« Er unterbrach sich mit einem verwunderten Blick auf den Kollegen.

Nagel flüchtete mit einem katzenähnlichen Sprung auf die obere Treppenstufe zum Mittelsaal. »Bolometern Sie mal ruhig allein in Ihrem Panoptikum weiter, lieber Fred«, rief er lachend von oben, »ich habe einige tausend Kilometer im Leib und sonst nichts. Weitere Meter verträgt er für heute nicht mehr.«

Ehe der andere sich von seiner Entrüstung erholt hatte, verschwand er durch die gepolsterte Türe.

»Oho!« empfing ihn eine sonore Stimme, als er in den Saal schoss. »Schon da? Und so heiter?«

Nagel drehte sich mit einem Ruck um. Vor ihm stand ein hagerer, wettergegerbter Mann in weißem Labormantel, das Gesicht mit der scharf gebogenen Nase und den wachen klaren Augen erinnerte an ein Adlerprofil.

Herzlich streckte der Jüngere ihm die Hand hin, noch immer lachend.

»Verzeihung, Herr Werndt! Herr Fred überfiel mich mit seiner Bolo- und Sphärometerei da drüben. Er war auf dem besten Weg, die Krümmungskurve meines leeren Magens zu messen. Ich konnte mich nur durch schleunigste Flucht retten. Guten Tag, lieber Freund!«

Walter Werndt drückte ihm kräftig die Hand. Immer wieder erfrischte ihn die unverwüstliche, sonnige Art des jungen Freundes, mit dem er so seltsame und gefährliche Abenteuer überstanden hatte. Erst jetzt bemerkte dieser den Fremden an Walter Werndts Seite. Der berühmte Erfinder sah diesen Blick und stellte den Unbekannten vor.

»Doktor Nagel, mein treuer Assistent und langjähriger Adjutant - Herr Dumascu, Mitglied der internationalen Ingenieurskommission aus Paris, dem wir das Modell unseres großen Explosionsraums verdanken.«

Mit einem seltsam forschenden Blick reichten sich die beiden Männer die Hand. Dann huschte ein liebenswürdiges Lächeln über Dumascus Gesicht.

»Ich habe schon so viel von Ihren Taten gehört, geehrter Herr Kollege, dass ich mich sehr freue, Sie auch einmal persönlich kennenlernen zu dürfen. Vor allem wegen Ihrer Jagd nach dem Meteor, der uns jetzt alle beschäftigt, wurden Sie für die ganze Welt zu dem Symbol für - für...« Er stockte, ein wenig verlegen.

»Für Dusel!« ergänzte Werndt lächelnd. »Sagen Sie es ruhig. Er ist es tatsächlich.« Er wandte sich seinem Freund zu. »In Deutschland war alles in Ordnung?«

Sein Assistent nickte. »Ich habe eine größere Menge Radium aufkaufen können, als alle Laboratorien der Erde zusammen besitzen. Auch die Röntgenapparate habe ich mitgebracht. Es war eine wertvolle Fracht...«

»Und die junge Frau als wertvollste?«

Nagels Augen strahlten. »Sie kam mit mir im Flugzeug. Ich setzte sie in Benares ab und fuhr selbst mit der Elektrobahn.«

Dumascu blickte interessiert auf. »Ah - die Tochter des Mathematikers Earthcliffe? Sie haben die seltsamste Hochzeitsreise gemacht, die jemals zwei Menschen zusammen erlebt haben.«

Nagel wandte sich ihm höflich zu. »Welche Abteilung werden Sie leiten, Herr KolIege?«

Werndt kam ihm zuvor. »Herr Dumascu hat die Isolierungsarbeiten der einzelnen Räume übernommen. Diese Aufgabe erfordert ganz besondere Sorgfalt und Erfahrung, da wir mit einer Reihe netter, unerhört durchdringender Strahlungsarten zu rechnen haben, die leicht als unsichtbare und ungebetene Störenfriede bei unseren Versuchen auftreten könnten. Herr Dumascu ist Spezialist auf diesem Gebiet. Er wird übrigens auf Wunsch der internationalen Stiftungskommission bei unseren Experimenten anwesend sein.«

Nagel wollte etwas erwidern, aber ein schneller, mahnender Blick Werndts ließ ihn verstummen. Er kannte diesen Blick aus den Jahren der Zusammenarbeit genau. Er war ein Zeichen, dass sein Lehrer und Freund etwas zu sagen hatte, was nicht für Dritte bestimmt war.

Doktor Werndt hatte den Arbeitsmantel abgelegt und ging zu den nördlichen Säalen. An der Türe stockte er plötzlich.

Ein lautes Durcheinander von Rufen und Schreien kam ihnen entgegen. Dazwischen eine einzelne, schimpfende Stimme. Die Metallwände und Glasfenster vervielfachten den Schall, wie durch einen Trichter.

»Mio dio! Caramba torri...«

Einige indische Arbeiterinnen kreischten hell auf.

»Wer hier hineinsieht, dessen Seele fährt durch die Röhre hinauf in die Sterne und zerstäubt dort in zwei Zentner Atome, dass die ganze Welt niesen muss, ohne Pause...! Fort da von der Röhre, stoß nicht gegen den Tubus! Kerls! Wartet nur, ich drehe hier an diesen Schrauben...«

Man hörte das Knacken von Schaltern und ängstliche Rufe.

»Ihr verdient es nicht, Krokodilnasen, dass ich euch noch einmal verschone, aber wer seine fettigen Finger nicht von diesen Linsen hier lässt, den vergrößere ich, bis seine Eingeweide zerplatzen wie ein aufgeblasener Frosch! Finger weg!«

Die Inder verstanden ihn nur zur Hälfte, aber sie standen mit offenen Mündern da, die einen lachend, die anderen mit ängstlichem Zweifel, und starrten hinauf zu dem zornigen Sprecher.

Werndt lächelte Nagel verständnisvoll zu.

»Ihr Don Ebro als Wachhund.«

Der Redner hörte das Klirren der eisernen Tür. Sofort unterbrach er seine Schimpftirade und stellte sich in Positur. Unbeweglich, würdevoll, einen Fuß leicht nach vorne geschoben, als wolle er tanzen. Das gelbe Gesicht von Falten zerfurcht, ohne Regung, mit todernstem Ausdruck. Nur die pechschwarzen Augen lachten.

Nagel gab ihm die Hand. »Wieder so zornig, mein Lieber?«

Don Ebro zog den Fuß wieder an. Die Falten seines Ledergesichts machten einen hastigen Rundmarsch und standen dann wieder. »Wie soll ein galanter Spanier hier seine Würde behalten? Ich verstehe die Inder nicht, sie verstehen mich nicht, sie turnen mit unseren Röhren herum, wie mit Stöcken aus Bambus. Man wird den Angstschweiß nicht los, wie in Madrid im Juli - sennor mio -, dass sie etwas zerbrechen.«

»Vorsichtig mit dem Konkavgitter, du Heupferd! Bobby, schaffen Sie das Uviolsystem und den kleinen Kometensucher in das Sternwartengebäude. Wo ist das Meridianinstrument?!«

Seine hagere, schwarze Gestalt verschwand in einem Labyrinth von Kisten und Ballen, im Gedränge der Träger...

»Eine Perle von Diener!« meinte Dumascu. »Seine Teilnahme an der Fahrt Ihres ‚Falken‘machte ihn zu einer internationalen Berühmtheit.«

Werndt blickte befriedigt über die vollen Stellagen und blitzenden Tische. »Ich möchte mir noch die Kühlanlagen und unseren elektrischen Ofen ansehen. 1600 Grad soll er geben. Nur zwei Wochen noch, dann kann unsere Arbeit beginnen.«

Die Fahrt ins Nichts

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