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Missionales Potenzial

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Die Diskussion um die Missio Dei hat die evangelische Missionstheologie zweifellos einen Schritt weitergebracht. „Wir sind von einer ekklesiologischen zu einer trinitarischen Missiologie fortgeschritten“, bemerkt David Bosch.110 Durch eine trinitarische Missionsbegründung wird die Sendung der Kirche in Gott selbst verankert. Um eine kopernikanische Wende handelt es sich nicht. Es scheint mir angebrachter, von einem Fortschritt oder einem Potenzial zu sprechen. Abschließend möchte ich die Diskussion um die Missio Dei mit je einer Erkenntnis über Gott, die Welt und die Kirche versehen und damit das missionale Potenzial des Konzepts unterstreichen:

Erstens hat christliche Mission ihren Ursprung in Gottes liebender Selbstverpflichtung gegenüber der Welt. Bosch gibt diese Tatsache treffend wieder: „Mission hat ihren Ursprung weder in der offiziellen Kirche noch in speziellen kirchlichen Gruppen. Sie hat ihren Ursprung in Gott. Gott ist ein missionarischer Gott, ein Gott, der Grenzen auf die Welt hin überschreitet.“ Mission heißt: „Gott gibt sich selbst auf, wird Mensch, legt seine göttlichen Vorrechte ab und nimmt unsere Menschheit an. Gott kommt in die Welt, in seinem Sohn und seinem Geist. Das bedeutet, dass der dreieinige Gott das Subjekt der Mission ist.“ Und noch deutlicher: „Mission hat ihren Ursprung im Vaterherzen Gottes. Er ist die Quelle der sendenden Liebe. Das ist die tiefste Quelle der Mission. Es ist nicht möglich, noch tiefer vorzudringen: Es gibt Mission, weil Gott die Menschen liebt.“ 111

Zweitens ist die sich im Widerspruch zu Gott befindende und doch von ihm geliebte Welt das Objekt der Mission. Gott liebt diese Welt so sehr, dass er seinen eigenen Sohn zu ihrer Rettung sandte (Joh 3,16). Es ist die Welt, die im Fokus der Heilsabsichten Gottes ist. Die Kirche existiert nicht um ihrer selbst, sondern um Gottes Verherrlichung und um der Welt Willen. Bosch spricht von einer dreifachen Verpflichtung der Kirche gegenüber der Welt:

„Die Kirche schuldet der Welt Glauben.“ 112 Es ist die Aufgabe der Kirche, Menschen zum Glauben an Christus zu rufen. „Dieser Aufruf zum Glauben kommt nicht aus der Höhe einer überlegenen Position, sondern aus der Tiefe der Solidarität. Wir sind an dieser Stelle nur Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es Brot gibt.“ Die Botschaft der Versöhnung, welche die Kirche predigt, ist einzigartig und die Kirche „hat nur dann ein Recht auf Fortbestand, wenn das, was sie anbietet, einzigartig bleibt“.

„Die Kirche schuldet der Welt Hoffnung“.113 Die Kirche ist ein Zeuge der „kommenden neuen Ordnung“ und darum „muss sie bereits jetzt Zeichen des Reiches Gottes aufrichten“. Für Bosch sind es vor allem Zeichen der Solidarität mit Leidenden und Unterdrückten: „Jemand, der weiß, dass Gott eines Tages alle Tränen abwischen wird, kann nicht resignierend die Tränen derjenigen akzeptieren, die heute leiden und unterdrückt sind (…) Der Vorschlag, die Dinge sollten so bleiben, wie sie sind, ist das genaue Gegenteil des Evangeliums. Er ist nichts anderes als eine Leugnung der Auferstehung Christi und des Anbruchs des neuen Zeitalters.“

„Die Kirche schuldet der Welt Liebe.“ 114 Die Kirche gibt Gottes Liebe weiter. Dabei geht es nicht um irgendeine Liebe, sondern eine Liebe, die sich an der Liebe Christi misst: „Die Liebe Christi konstituiert das Modell und den Maßstab für die Liebe der Kirche für die Welt.“ Bosch denkt wie Reimer Kirche konsequent von ihrer Weltverantwortung her. Die Kirche ist keine Insel der Glückseligen, die das Ende abwartet. Sie ist eine Gemeinschaft von Dienern, die zum Glauben ruft, Hoffnung bringt und Liebe übt.

Drittens ist die Kirche das Werkzeug der Mission und darum kann sie nur als missionarische Kirche die Kirche von Jesus Christus sein. In der Mission der Kirche setzt sich die Sendung des Sohnes durch den Vater fort. Es ist biblisch verfehlt, mit dem Hinweis darauf, es sei doch Gott, der in der Welt wirke, die Kirche als unnötig zu betrachten. Wenn die Missio Dei nicht zur Missio Ecclesiae führt, greift sie zu kurz. Bosch bringt es auf den Punkt: „Die Kirche in der Welt ist nur Kirche, insofern sie eine missionarische Dimension hat.“ 115 Was die Kirche ist, lässt sich am besten von der Missio Dei ausgehend beantworten: „Kirche und Mission können nicht voneinander getrennt werden, da die Mission Gottes der Seinsgrund von Kirche ist. Daher ist die Kirche nicht zuerst und erhält dann einen Auftrag zur Mission, sondern die Kirche existiert aufgrund der Missio Dei. Sie ist als Mission existent. Und so bezeugt die Kirche mit all ihrem Tun, dass sie in der Sendung Gottes steht. Sie kann gar nichts anderes sein als eine missionarische Kirche, ansonsten hört sie auf Kirche zu sein.“ 116

Es ist wesentlich für die missionale Theologie, dass die Mission der Kirche vorgeordnet ist: „Die Mission gehört nicht der Kirche, vielmehr nimmt sie Teil an Gottes heilbringendem Handeln in der Welt. Der Ansatz stellt bisherige Begründungen von Mission als einem der Kirche nachgeordneten Auftrag regelrecht auf den Kopf: Mission im Sinne der Missio Dei wird zum Konstitutivum von Kirche und ist dieser vorgeordnet.“ 117 Gleichzeitig gilt: Die Kirche ist „als Leib Christi das primäre Werkzeug von Gottes Mission in seiner Welt“.118

Biblisches Sendungsverständnis


Missionale Theologie

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