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3. Atelier

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8. September 2010

Das Künstleratelier direkt unter dem Dach verdiente seinen anspruchsvollen Namen zu Recht: Es wurde durchweht vom Atem eines kreativen Chaos. Der wellige Parkettboden war übersäht mit alten Zeitungen voller Farbe. Etwa in der Mitte stand ein Tisch, auf dem sich gebrauchte Paletten, ein voller Aschenbecher, eine halb leere Flasche Wein und mehrere verklebte Gläser zu einem Stillleben verbanden. Das an sich gemütliche Sofa war belegt von alten Zeichnungen und Skizzen. An den geraden Wänden hingen großflächige abstrakte Bilder, während die Freiflächen darunter vollgestapelt waren mit Materialschränken, Leinwand, Holzteilen und kaputtem Werkzeug.

Sigi trug über seiner Alltagskleidung einen ehemals grauen Kittel, der völlig verschmiert war. Während er mit einem Kunden von Bild zu Bild schritt, versuchte er immer wieder vergeblich, den störenden Unrat aus dem Weg zu räumen.

Der stattlich gebaute, mittelalterliche Wirt nickte begeistert. »Also, was du da machst, ist … toll, sensationell!« Ede trat unentschlossen von einer Wand zur anderen. »Welches passt jetzt am besten in meine Kneipe? … Dies hier … oder das andere?«

Sigi breitete die Arme aus, als wolle er seinen Segen gleichmäßig zwischen seinen Bildern und ihrem potentiellen Aufkäufer verteilen. »Nimm doch einfach beide, dann bist du den Druck los.«

Der Wirt schlug ihm jovial auf die Schulter. »Würde ich wirklich gern! Du weißt ja, wie das ist: Die Umstände sind auch nicht mehr, wie sie einmal waren. Aber du bist ein feiner Kerl, und Kunst soll man ja unterstützen. Also, ich mache dir einen Vorschlag: Ich nehme dieses Bild hier mit, und du bekommst als Anzahlung bar auf die Hand fünfzig Euro! Spätestens in einem Monat erhältst du die restlichen Zweihundert.«

Der Künstler griff sich an die hohe Stirn. »Hatten wir in deiner Kneipe nicht von Dreihundert gesprochen – und das mit der Anzahlung …«

Ede schüttelte seinen voluminösen Kopf, dessen Resthaar zu einem rachitischen Pferdeschwanz gebündelt war. »Dreihundert ist völlig unmöglich. Schon die Zweihundertfünfzig sind eigentlich zu viel. Ich mache das nur, weil ich dein Freund bin, mehr ist beim besten Willen nicht drin.«

Er riss den Mund auf wie ein Walfisch auf dem Trockenen, gähnte ausgiebig und wandte sich zum Gehen. »Also überlege es dir. Aber nicht zu lange – du weißt, die Bilder von Oskar sind fast genauso gut wie deine; und der ist absolut wild drauf, seine Ergüsse bei mir hängen zu sehen …« Der Wirt eilte mit stampfenden Schritten in Richtung Ausgang.

Sigi hastete hinterher und lächelte verkrampft. »Nein, es ist schon in Ordnung. Ich dachte nur, die Anzahlung … könntest du nicht vielleicht doch hundert …?

Ede wandte sich zu ihm um und feixte. »Nichts da, fünfzig Euro, mehr habe ich gar nicht dabei. Wenn du willst, kriegst du die Kohle sofort, und ich nehme das Bild gleich mit.«

Sigi fühlte einen leichten Schwindel; einen Augenblick lang drehten sich seine wunderbaren Bilder, die Farbtiegel, Paletten und Haufen von alten Zeitungen vor ihm im Kreis. Sein Blick irrte durch die sich bewegende Materie, stieß sich an den Schweinsaugen des Wirts und brachte den schwankenden Raum zum Stillstand.

»Also gut!« Er seufzte leise, nahm vorsichtig das Bild von der Wand, strich abschließend über die farbige Leinwand und wickelte es in Papier. »Pass gut darauf auf! Das ist eines meiner Lieblingsbilder.«

»Na klar.«

Ede nahm das Werk in Empfang und zog mit großer Geste den Geldbeutel aus der Tasche. Er war prall gefüllt mit Scheinen. Der Wirt leckte sich die Finger, zog einen Fünfziger heraus und drückte ihn Sigi in die Hand. »Aber nicht gleich alles ausgeben!« Er schlug dem Maler auf die Schulter und hastete endgültig zum Ausgang.

Sigi blickte nachdenklich dem Bild und seinem neuen Besitzer hinterher. Einen Moment blieb er versonnen mitten im Raum stehen. Dann gab er sich einen Ruck und eilte an die Staffelei, wo er vergessene Farbtuben aufräumte. Er summte eine alte Melodie von den Rolling Stones. Sigi spürte einen warmen Luftzug im Rücken und drehte sich um.

Joana stand in der Tür zum Wohnbereich und blickte ihn erwartungsvoll an. Sein Blick glitt über ihre braune Haut und blieb wie so oft an ihren Händen haften.

Das Bild der Zeit

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