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12. Büro

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Sein Freund Sigi machte sich auf den Weg durch Friedrichshain in die Richtung von Karl-Heinz’ Büro. Er hatte es nicht eilig. Die Nachmittagssonne beschien gleichermaßen Wiesen und Bäume, telefonierende Manager, türkische Hausfrauen mit riesigen Tüten und die immer zahlreicher werdenden Bewohner der Straße.

Er ging über die Brücke, die zur Köpenicker Straße führte, schlenderte den Kanal entlang und bewunderte die Ausflugsboote. Unermüdlich pendelten sie von einem Ende der Stadt zum anderen und beförderten Touristen, die gierig den Geschichten über ehemalige Todeszonen und Stacheldraht lauschten. Scharen von Tauben kreisten über dem Wasser und verlangten gurrend, dass man sie bediente. Ein bärtiger Landstreicher teilte seine Brotzeit mit den Vögeln, die ihn aufgeregt umflatterten und versuchten, sich gegenseitig die Brocken wegzuschnappen.

Sigi senkte seine Hand in den ungewohnten Stoff seiner Hose, kramte eine von Karl-Heinz’ Münzen hervor und legte sie dem Mann auf die Decke. Der Landstreicher lockte eine zögerliche Taube, die ihn aus starren Augen anblickte. Er war so in den stummen Dialog versunken, dass er nicht einmal nach oben sah.

Sieben Tage, dachte Sigi. Wenn man dabei war, ein Bild zu malen und nachts davon träumte, etwas zu schaffen, das noch viel mehr war: ein Strudel, in den man absinken konnte und sich in seinen Untiefen verlieren; um dann vielleicht wieder aufzutauchen in einem Blitz des Erkennens – dann konnte eine Woche sehr kurz sein. Wenn man auf einen verlorengegangenen Körper und seine ausgeliehene Frau wartete, war sie wahrscheinlich entsetzlich lang.

Man konnte diese Zeit aber auch wie ein Bild sehen; ein Kunstwerk, das er schuf, indem er es lebte. Ein Lernen und, wer weiß, am Schluss ein Gelingen. Er beschloss, eine vielleicht gerade jetzt unter seinem fremden Körper liegende Joana zu vergessen und horchte nach innen. Er betrachtete seine angespannten Hände mit den hervorstehenden Venen und strich über seine arrogante Nase und den Mund wie ein Blinder, der mit dem Tastsinn sieht; er meinte zu fühlen, wie sein drängendes Blut durch die dünnen Adern strömte. Und er lauschte der fast quälenden Unruhe, die in jeder Faser dieses Körpers pulste. Sein Besitzer, dachte er befremdet, hatte sich zum Erfolghaben verurteilt …

Fast wie von selbst gelangte er nach Kreuzberg und in die Oranienstraße. Wie immer, wenn er hier war, genoss er die an sich unverdauliche Mischung aus Kiez, Kunst und Kommerz; ein schickes indisches Restaurant, das zur Dekoration den halben Palast eines Maharadschas geplündert zu haben schien, lag neben einem nach Kebab duftenden Türkenladen. Die Enklave von Istanbul fand sich nicht weit entfernt von Greenwich Village; gleich daneben stieß man auf Auslagerungen Persiens, Afghanistans, Polens und der Ukraine. Ein Drogensüchtiger konnte hier neben einem Börsianer sitzen, und ein russischer Zuhälter neben einer Beauftragten für Frauenrechte.

Sigi wusste, dass diese Lebendigkeit gegen den Lauf der Zeit ankämpfte. Ein einfacher Laden nach dem anderen gab auf und wich einer Designer-Bar oder einem angesagten Sushi-Imbiss. In ein paar Jahren würden all die schrägen Vögel und Landstreicher, die vergessenen Punks, Literaten und Artisten eine andere trostlose Nische gefunden haben und sie zum Blühen bringen; bis man sie auch von dort wieder vertrieb.

Karl-Heinz hatte gut gewusst, warum er sich hier schon vor Jahren zu einem Spottpreis zwei Wohnungen im gleichen Gebäude gekauft hatte. Es lag am Anfang der Straße etwas abseits vom Rummel. Im Erdgeschoss in der Ladenwohnung hatte er sein Büro eröffnet, und hoch oben unter dem Dach wohnte er, mit fantastischem Blick auf den Fernsehturm und die technokratische neue Welt des Potsdamer Platzes.

Sigi blickte auf die diskreten Edelstahllettern über der Tür: Antiquitäten. Ein flüchtiger Beobachter hätte sie wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen. In dem – natürlich mit Alarmanlage versehenen – Schaufenster ruhte das ausgewählte Exemplar einer kleinen Truhe. In winzigen Buchstaben war darunter zu lesen: Wien, circa 1675. In dem modernen Büroraum selbst wies nichts darauf hin, dass hier jährlich etwa zweihundert erstklassige Antiquitäten den Besitzer wechselten. Sigi seufzte in sich hinein und öffnete die Tür.

Monika, seine Sekretärin, blickte vom Schreibtisch hoch, sah entrüstet auf die Armbanduhr und begann umgehend zu schimpfen. »Ich glaube es nicht. Konntest du nicht einmal anrufen? Den ganzen Vormittag lief hier das Telefon heiß, und ich war nicht in der Lage, jemandem eine vernünftige Antwort zu geben!«

Sigi konnte nicht anders. Er sah in ihren Augen eine mühsam unter Verschluss gehaltene Mischung aus Widerwillen, Verbitterung und Schmerz. Auf Samtfüßen trat er vor ihren Drehstuhl und fiel auf die Knie. »Mea maxima culpa!«

Mit galanter Geste ergriff er ihre Hand und küsste sie sanft. Seine stahlblauen Augen scheiterten an der Aufgabe, den geplanten Blick in die Tat umzusetzen, doch allein schon der Kuss erzielte eine verblüffende Wirkung.

Monika riss ihre dezent geschminkten Augen auf und starrte ihn an. »Hast du getrunken? Bist du verliebt? Hattest du einen Schlaganfall?«

Er erhob sich vom Boden und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Nichts dergleichen«, erwiderte er zerknirscht. »Ich bitte dich nur um Verzeihung!«

Sie zögerte einen Moment, als sei sie in einer Agonie gefangen. Dann griff sie mit fliegender Hand nach einem Designer-Kugelschreiber und beugte sich über ihren Kalender. »Den Tag muss ich mir rot anstreichen.« Sie zeichnete ein dickes Kreuz und schrieb zweimal unterstrichen daneben: Karl-Heinz bat mich heute auf Knien um Verzeihung!

Ihr hübsches, ein wenig pummeliges Gesicht erlebte in Sekundenschnelle eine Metamorphose. Die chronische Anspannung wich einer leichten Röte, die sich wie von magischer Hand gezeichnet über ihre Wangen, den Hals und die Schultern legte. Ihre zusammengepressten Lippen wurden weich, und in die kastanienbraunen Augen trat ein Ausdruck, der Sigi auffällig an die Bedienung in seiner Stammkneipe erinnerte.

Monika öffnete ihren Mund zu einem weiteren Statement, überlegte es sich anders, sah geflissentlich auf ihren Kalender und sagte mit völlig veränderter Stimme: »Zwei – nein, drei Kunden haben angerufen und bitten um Rückruf. Der Bauer aus Niederösterreich hat sich gemeldet. Dein Steuerberater kann einen Termin freimachen am Freitag um zehn Uhr.« Sie zögerte kurz und kräuselte ihre hübsche Stirn. »Sabine hat sich gemeldet und bittet … nein – fordert ebenfalls einen Rückruf, und zwar gestern.«

Sie versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken und hauchte dann: »Ich weiß nicht, ob du mich heute noch brauchst … Ansonsten wäre ich ja jetzt fertig.« Ihre Körpersprache brachte deutlich zum Ausdruck, dass sie noch lange nicht fertig zu sein wünschte.

»Ohne dich wäre ich nur Schall und Rauch«, erwiderte Sigi und seufzte. »Aber für heute ist es genug. Ich muss mich schließlich noch mit österreichischen Viehhändlern, dem Steuereintreiber und zahlungsunwilligen Kunden herumschlagen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben …«

Er hauchte einen Kuss gefährlich nahe an ihre Lippen. Monika sah ihn mit einer Mischung aus Unsicherheit, Misstrauen und Hingabe an. »Du bist heute so … anders …«

Sigis Augen wanderten nachdenklich über ihren Ausschnitt. »Weißt du, wo ich jetzt gerne wäre?«

Sie hing erwartungsvoll an seinen Lippen.

»Auf einem Heuwagen irgendwo im Grünen, zusammen mit einem rundlichen blonden Mädchen … so wie du …«

Monika erhob sich schwankend aus ihrem Drehstuhl. Sie überlegte einen Augenblick, sich an seine Brust zu stürzen, hielt sich im letzten Augenblick zurück und stolzierte hüftenwackelnd zur Garderobe, wo sie ihre Tasche und einen leichten Mantel vom Haken nahm. Sie schritt zur Tür, wandte sich noch einmal um und hauchte ihm eine Wagenladung voller Küsse zu.

Sigi schloss einen Moment lang die Augen. Er machte Anstalten, sich über die Stirnglatze zu streichen, stieß erneut auf das fremde Büschel dunkler, kratzender Locken und schüttelte angeekelt den Kopf. Halbherzig griff er nach dem Kalender, trat damit in sein Büro, setzte sich in den Biedermeierstuhl und deponierte die Beine auf dem gläsernen Schreibtisch. Was sollte er als erstes tun? Die Kunden anrufen? Den Steuerberater? Ein Gefühl sagte ihm, dass zunächst einmal der Bauer dran war. Er wählte die österreichische Nummer und hörte das Freizeichen.

»Hackelhofer«, erklang eine missgelaunte Stimme mit Dialekt.

»… Was würde ich jetzt gerne auf einem niederösterreichischen Heuhaufen sitzen«, spann Sigi das eben erfundene schöne Bild weiter. »Ein kühles Bier in der Hand, und in der anderen vielleicht ein Mädchen …«

»Wer spricht denn da?«

»Mein Gott, ich habe mich überhaupt nicht vorgestellt. Hier ist Karl-Heinz Schlichte aus Berlin.«

Sigi hörte förmlich, wie bei seinem Gesprächspartner die Alarmglocken schrillten. »Ach ja, die kostbare Truhe …«, erwiderte Herr Hackelhofer vorsichtig.

»Bei Ihnen auf dem Hof muss es jetzt herrlich sein«, improvisierte Sigi weiter. »Der Blick auf die fernen Berge, die bunten Geranien am Fenster, der Geruch nach frisch gewendetem Heu …«

Hackelhofer räusperte sich und fragte: »Mit wem spreche ich?«

»Karl-Heinz Schlichte, ich bin es immer noch. Wissen Sie, dass ich Sie um Ihre frische Milch und Ihren Sonnenuntergang beneide? Oder ein frisches Bad in einem kleinen See …«

»Im … äh, Hatzinger Weiher kann man jetzt um die Zeit noch gut baden, aber wollten Sie nicht …«

»Mich entspannen, Herr Hackelhofer; Ferien machen, den Duft von frisch gemähtem Gras riechen: Das würde ich gerne …«

»Aber … da sind Sie ja hier vollkommen richtig! Wir leben in einem Paradies. Ich sage immer wieder zu meiner Frau: Maria, sag ich, wir zwei Hübschen brauchen gar nicht mehr zu sterben, wir sind jetzt schon im Garten Eden!« Er lachte herzlich, und Sigi fiel ebenso fröhlich mit ein.

Herr Hackelhofer konnte es kaum fassen. Dieser Schlichte war ja in Wahrheit ein hoch sympathischer Kerl – intelligent, gebildet …

»Kommen Sie doch einfach zu uns. Wir haben Fremdenzimmer mit West- oder Ostbalkon, wie Sie es wünschen. Und … Herr Schlichte …« Er machte eine kleine Pause. »Die Madeln hier sind vom Feinsten, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. … Wann wollen Sie kommen?«

Sigi seufzte. »Am liebsten sofort. Aber die Hyänen hier lassen mich ja nicht fort.«

Herrn Hackelhofers Stimme zitterte vor Empörung. »Ich kenn das, Herr Schlichte. Diese Schakale lassen einem keine Ruhe.«

»Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.«

»Wenn ich gewusst hatte, wie sehr Sie mein Land lieben, dann hätten wir doch nie, ich meine: sofort … Wissen Sie was? Kommen Sie, wann Sie wollen, mein Haus steht immer für Sie offen! Und wegen der Truhe machen Sie sich keine Sorgen, ich gebe Ihnen die Konditionen wie gewünscht. Ich schicke sie Ihnen gleich morgen zu. Hat mich sehr gefreut, Herr Schlichte, hat mich wirklich sehr gefreut!«

Sigi legte den Hörer nieder. Vor dem Fenster spielte das verschwenderisch goldene Licht des späten Nachmittags. Im Hof zwitscherten die Vögel, und von fern her hörte er das Lachen und das Geschrei von Kindern. Er konnte mit seinem ersten Arbeitstag zufrieden sein.

Warum spürte er dann diese Traurigkeit, die über seine Haut krabbelte wie hunderte winziger vielfüßiger Käfer?

Das Bild der Zeit

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