Читать книгу H. P. Lovecraft − Leben und Werk 2 - S. T. Joshi - Страница 6

16. DIE ATTACKEN DES CHAOS (1925–1926)

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Am 31. Dezember 1924 bezog ich ein großes, ansprechend & geschmackvoll geschnittenes Zimmer in der Clinton Street 169, Ecke State Street in der Heights oder Borough Hall genannten Gegend von Brooklyn, in einem Haus aus früher viktorianischer Zeit mit weißem, klassischem Balkenwerk & hohen Fenstern mit getäfelten Passungen. Dank zweier abgeteilter Alkoven kann man den Raum wie eine reine Bibliothek wirken lassen, & und das Ganze, mit seinem großzügigen Blick über die alten Ziegelhäuser der State und Clinton Street, ergibt eine erfreuliche Einsiedelei für einen altmodischen Mann wie mich.1

So beginnt eines der ungewöhnlichsten Schriftstücke aus Lovecrafts Feder, sein »Tagebuch« für das Jahr 1925. Fragt man sich, warum dieses Dokument, das für die Rekonstruktion jenes entscheidenden Lebensjahrs so zentral erscheint, erst vor wenigen Jahren veröffentlicht wurde,2 wo doch, mit Ausnahme seiner Briefe, praktisch jedes Wort, das Lovecraft geschrieben hat, unabhängig von Bedeutung oder literarischem Wert gedruckt worden ist, so liegt die Antwort vielleicht in seiner Alltäglichkeit. Für Lovecraft diente das Tagebuch vor allem als Gedächtnisstütze, sodass ihm die literarische Dimension von Tagebüchern wie jenen von Pepys oder Evelyn fehlt. Er führte es in einem Taschenkalender für das Jahr 1925, der jedem Tag nur vier Zeilen zuwies. Obwohl Lovecraft auf die Linierung wenig Rücksicht nahm – er verabscheute liniertes Papier –, sind die Einträge so kryptisch und verkürzt, dass es bis heute nicht gelungen ist, alle Worte und Begriffe zu entschlüsseln. Nehmen wir zum Beispiel den Eintrag vom 16. Januar:

SH verabschiedet – für SL Schreibtisch ausgesucht, Zimmer SL in Ordnung gebracht – Fahrten hin & her – SL & RK in 169 getroffen – McN & GK angekommen – Unterhaltung Cafeteria, verlegt zu SL – Überraschung – 2 Uhr früh Runde aufgelöst – GK McN & HPL U-Bahn – HP & GK zur 106 St., Gespräch – geschlafen

Nicht gerade eine fesselnde Lektüre. Das Tagebuch hatte jedoch eine rein zweckgebundene Funktion: In ihm notierte Lovecraft Anhaltspunkte für die Briefe an seine Tante Lillian. Diese Praxis hatte sich wahrscheinlich schon Jahre zuvor, während seines Aufenthalts in New York im Sommer 1922 etabliert. Schon damals ließ Lovecraft in einem langen Brief an seine Tante die Bemerkung fallen: »Dies ist gleichzeitig ein Brief und ein Tagebuch!«3 In späteren Jahren hat Lovecraft vermutlich auf all seinen Reisen solche Tagebücher geführt, diese sind jedoch verschollen.

Das Tagebuch für 1925 ermöglicht es, Lovecrafts Aktivitäten Tag für Tag nachzuvollziehen. Ein solches Unternehmen wäre jedoch einigermaßen fruchtlos. Zwar lassen sich mit seiner Hilfe viele Lücken der Korrespondenz zwischen Lovecraft und seinen Tanten ausfüllen, doch liegt seine eigentliche Bedeutung darin, dass es uns hilft, die Grundzüge seiner New Yorker Existenz zu rekonstruieren. Zum ersten Mal überhaupt lebte Lovecraft allein, ohne Mutter, Tante oder Ehefrau an seiner Seite. Natürlich waren da seine Freunde: 1925 war die große Zeit des Kalem Club, dessen Mitglieder in ihren bescheidenen Wohnungen gegenseitig nach Belieben ein- und ausgingen, sodass sie beinahe eine Art literarischer Kommune bildeten. Dennoch war Lovecraft in einem Maße auf sich gestellt wie nie zuvor in seinem Leben. Er musste sich selbst um Essen und Wäsche kümmern, sich allein neue Kleidung kaufen und mit den lästigen alltäglichen Verrichtungen und Problemen zurechtkommen, die für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit sind.

In einem Brief aus dem Sommer 1925 bemerkt Lovecraft, dass er die Wohnung in der Clinton Street 169 »mit Unterstützung meiner Tante« ausgewählt hatte.4 Die Wohnungssuche fand also offenbar während Lillians ausgedehntem Aufenthalt im Dezember 1924 statt. Dass Lovecraft in diesem Zeitraum gemeinsam mit seiner Tante auch einen Ausflug nach Elizabeth unternahm,5 deutet darauf hin, dass er diese ländliche Kleinstadt in New Jersey ebenfalls als Wohnort in Erwägung zog. Doch möglicherweise war es die Nähe zu Manhattan, die letztlich den Ausschlag für die Clinton Street gab. Lovecraft gefiel das Apartment im ersten Obergeschoss gut, da die beiden Alkoven – von denen der eine als »Ankleidezimmer« und der andere als »Badezimmer« diente – es ihm ermöglichten, den Hauptraum als reines Arbeits- und Wohnzimmer einzurichten. In einem Brief an Maurice W. Moe skizziert Lovecraft einen Plan der Einrichtung (siehe Seite 11).6

Es überrascht wenig, dass zwei Wände des Zimmers vollständig von Bücherregalen eingenommen werden, obwohl Lovecraft immer noch einen Gutteil seiner Bücher eingelagert hatte. Ein Nachteil war das Fehlen einer Kochgelegenheit. Lovecraft bemühte sich, die Wohnung sauber zu halten, wobei er jedoch gleichzeitig Wert darauf legte, keine unnötige Zeit mit Hausarbeit zu vergeuden. Seiner Tante Lillian berichtete er: »Ich wische nur alle drei Tage Staub, mache den Boden nur einmal in der Woche, & meine Mahlzeiten sind so schlicht, dass ich außer einem Teller oder Tasse & Untertasse & etwas Besteck kaum Geschirr abspülen muss.«7 Das Einzige, wovon Lovecraft, zumindest anfangs, enttäuscht war, war der verwahrloste Zustand der Gegend um die Clinton Street. Doch er war sich nur allzu bewusst, dass man mit schmalem Geldbeutel nehmen musste, was man bekam. Die Miete von 40 Dollar im Monat war ausgesprochen günstig, und da sich das vorhandene Schlafsofa zu einem Doppelbett ausklappen ließ, konnte Sonia während ihrer Besuche in New York relativ bequem dort übernachten. Wenn Sonia nicht da war, schlief Lovecraft häufig auf der Couch, ohne sie auszuklappen, oder döste schlicht ein paar Stunden in seinem Morris-Chair.


Eigentümlicherweise ist die Gegend um die Clinton Street und das gesamte Brooklyn-Heights-Viertel im Zuge der Gentrifizierung, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, zu einer der beliebtesten – und teuersten – Wohngegenden Brooklyns geworden, während das ehemals schicke Flatbush, wo die Parkside Avenue 259 liegt, deutlich heruntergekommen ist. Schon damals zeichnete sich die Clinton Street jedoch dadurch aus, dass es von dort eine bessere U-Bahn-Verbindung nach Manhattan gab. Während die Parkside Avenue auf der anderen Seite des Prospect Park liegt, sind es von der Clinton Street 169 nur ein paar Blocks bis zur Borough Hall, dem Sitz der Stadtverwaltung von Brooklyn, wo zwei der drei städtischen U-Bahn-Linien halten. Auch in der nahe gelegenen Bergen Street befindet sich eine Metrostation. Die meisten dieser Linien verkehrten bereits in den 1920er-Jahren, sodass Lovecraft praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit mühelos von beinahe überall in Manhattan nach Hause fahren konnte – was im Hinblick auf seine häufigen nächtlichen Exkursionen mit der »Gang« durchaus bedeutsam war.

Versuchen wir zunächst zu umreißen, wie sich die beruflich bedingte Trennung von Sonia und Lovecraft konkret gestaltete. Während Sonia in dem Kaufhaus Mabley & Carew’s in Cincinnati arbeitete, konnte sie offenbar jeden Monat ein paar Tage in New York verbringen. Doch bereits Ende Februar 1925 hatte sie die Stellung dort entweder verloren oder von sich aus aufgegeben. Lovecraft schreibt an seine Tante Annie: »… trotz einer deutlichen Verbesserung ihrer Gesundheit seit ihrem letzten Besuch ist S. H. die feindselige und kleinliche Atmosphäre bei Mabley & Carew’s unerträglich geworden. Am Ende wurde sie von spitzfindigen Vorgesetzten und gehässigen Mitarbeitern geradezu aus ihrer Stellung vertrieben.«8 Später berichtet Lovecraft, dass Sonia sich zwei Mal für kurze Zeit in einer Privatklinik in Cincinnati aufhielt.9 Sonia kehrte zunächst nach Brooklyn zurück, wo sie die letzten Februartage und den größten Teil des März verbrachte. Dann entschloss sie sich, jene sechswöchige Auszeit zu nehmen, die ihr die Ärzte bereits im vorangegangenen Herbst empfohlen hatten. So hielt sie sich von Ende März bis Anfang Juni zumeist bei einer Ärztin in Saratoga Springs im Bundesstaat New York auf. Lovecraft notiert allerdings im April, dass Sonia dort »ein Kind in ihrer Obhut hat«,10 was darauf hindeutet, dass der Aufenthalt in irgendeiner Weise mit einer Arbeit als Kindermädchen verbunden war. Vielleicht war die Tätigkeit jedoch Teil der Bezahlung des Kuraufenthalts, da es sich offenbar um einen privaten Haushalt und nicht um ein Sanatorium handelte. Im Mai schreibt Lovecraft an Lillian: »Sie hält sich in Saratoga gut & obwohl ihr letztes kleines Hutunternehmen nicht von Erfolg gekrönt war, hält sie immer noch nach besseren Stellen Ausschau.«11

Im Juni und Juli verbrachte Sonia wieder mehr Zeit in Brooklyn. Mitte Juli nahm sie eine Stellung in einem Hutgeschäft oder Kaufhaus in Cleveland an. Am 24. reiste sie dorthin und bezog ein Zimmer in einer Pension in der East 81st Street 2030 für 45 Dollar im Monat.12 Ende August zog sie in die East 86th Street 1912.13 Mitte Oktober hatte Sonia jedoch auch diese Stellung bereits wieder verloren oder aufgegeben. Lovecraft berichtet: »Das Problem mit der neuen Stellung ist, dass sie nur auf Kommissionsbasis ist, sodass während geschäftlicher Flauten das Gehalt gegen null geht.«14 Mitte November, vielleicht auch schon etwas früher, hatte Sonia sich bereits wieder eine neue Stelle verschafft, diesmal bei Halle’s, damals (und bis zu seiner Schließung 1982) das führende Kaufhaus von Cleveland.15 Diese Stellung scheint Sonia bis Mitte oder Ende 1926 behalten zu haben.16

Sonia hatte geplant, über die Weihnachtsfeiertage nach New York zu kommen, doch offensichtlich konnte sie sich bei Halle’s nicht freinehmen. Während der dreieinhalb Monate, die Lovecraft 1926 in Brooklyn verbrachte, war Sonia für einen Zeitraum von etwa drei Wochen dort. Mit anderen Worten: Während der fünfzehneinhalb Monate, die Lovecraft in der Clinton Street 169 wohnte, verbrachte Sonia insgesamt kaum mehr als drei Monate in New York, wobei es sich, bis auf den sechswöchigen Aufenthalt im Juni und Juli 1925, um vereinzelte Kurzbesuche handelte.

Wenn Sonias berufliche Situation während dieser Zeit schwierig war, so war diejenige Lovecrafts buchstäblich hoffnungslos. Im Tagebuch von 1925 und in der 160.000 Wörter umfassenden Korrespondenz, die Lovecraft 1925–26 mit seiner Tante Lillian führte, erwähnt er nur dreimal sein vergebliches Studium der sonntäglichen Stellenanzeigen der NEW YORK TIMES. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Lovecraft, nachdem Sonia die Stadt verlassen hatte, die aktive Arbeitssuche praktisch einstellte. Ich glaube nicht, dass man ihm daraus einen Vorwurf machen kann. Viele Menschen können aus eigener Erfahrung von der entmutigenden Wirkung langanhaltender Arbeitslosigkeit berichten, und mag Lovecrafts Arbeitssuche im Vorjahr auch noch so unbeholfen und unprofessionell gewesen sein, so hatte er sie doch mit Ausdauer und Nachdruck betrieben.

Die Versuche, die Lovecraft 1925 unternahm, um Arbeit zu finden, gingen zum größten Teil auf Hinweise seiner Freunde zurück. Das vielversprechendste Projekt war die freie Mitarbeit bei einer Handelskorrespondenz, die von einem Mann namens Yesley herausgegeben wurde, zu dem Arthur Leeds Kontakt hatte. Ende Mai schrieb Lovecraft an Lillian:

Die Arbeit in diesem Yesley-Laden ist einfach. Es geht ausschließlich darum, Gefälligkeitsartikel zu verfassen, in denen außergewöhnliche Unternehmen oder hervorragende Persönlichkeiten der Handels- und Geschäftswelt in leuchtenden Farben porträtiert werden. Jeder Artikel muss etwa 1 ¼ bis 1 ½ zweizeilig beschriebene Schreibmaschinenseiten lang sein. Die Artikel werden ausschließlich aufgrund von vorgegebenen Informationen verfasst, die »Leads« genannt werden und die aus der Presse oder aus Werbematerial entnommen sind …

Wenn der Artikel fertig ist, wird er an das Büro gesandt & solange er nicht zu schlecht ist, um angenommen zu werden, geht ein geschulter Vertreter damit zu der Person oder Firma, um die es in dem Artikel geht. Nachdem er ihm die Möglichkeit gegeben hat, letzte Änderungen an dem Artikel vorzunehmen, bearbeitet er den potentiellen Kunden, damit dieser eine Anzahl der Zeitschriften, in denen der Artikel erscheint, bestellt – die der Kunde dann zu Werbezwecken verwenden kann. Wenn der Vertreter Erfolg hat – was überraschend oft der Fall ist, schließlich sind es echte Experten auf ihrem Gebiet – erhält der Verfasser des Artikels 10% der Summe, die der Kunde bezahlt – einen Betrag, der zwischen 1,50 Dollar und mehr als 30 Dollar liegen kann, je nachdem, wie viele Zeitschriften bestellt werden.17

Das klingt zunächst nicht unbedingt nach einer Arbeit, die zu Lovecraft passte. Letztlich bedurfte es jedoch vor allem einer gewissen Geläufigkeit beim Verfassen von Texten, über die Lovecraft zweifellos verfügte. So schwer es ist, sich Lovecraft beim Schreiben von Werbetexten vorzustellen, besitzen wir doch fünf solcher – allerdings wohl unveröffentlichter – Arbeiten, die sich in seinem Nachlass fanden.18 Ein Auszug mag genügen, um sich einen Eindruck zu verschaffen:

Die Palette der Holzmöbel von Curtis Woodworks reicht von klassischen Stücken, die Räumen eine Struktur geben, bis zu überaus geschickten individuellen Lösungen für bewegliche wie auch für Einbaumöbel. Das Angebot umfasst Bücherregale, Kommoden, Anrichten und Schränke. Jedes Modell wird mit größter Kunstfertigkeit, ausgereiftestem Wissen und vollendeter Handwerkskunst entworfen und hergestellt, wobei besonderer Wert darauf gelegt wird, dass es aufs Genaueste mit der Architektur des Hauses harmoniert, für das es angefertigt wird. Zieht man die Qualität der Stücke in Betracht, dann ist das Verhältnis von Preis und Leistung sehr gut. Ein Warenzeichen auf jedem Möbel bürgt dafür, dass es nicht von achtlosen Handwerkern vertauscht wird.

Nicht anders als Lovecrafts berühmtes Bewerbungsschreiben von 1924 sind diese Texte später oft mit Spott und Geringschätzung bedacht worden. Doch muss man sich vor Augen führen, dass die Sprache der Werbung vor siebzig Jahren eine völlig andere war als heute. Zudem versuchten die Firmen, über die Lovecraft schrieb, offenbar den pseudo-aristokratischen Geschmack der damaligen Mittelklasse anzusprechen, wozu Lovecrafts hochtrabender Ton durchaus passte.

Doch leider war der Zeitschrift kein Erfolg beschieden. Schon Ende Juli berichtet Lovecraft, dass Yesleys Projekt in Schwierigkeiten steckte, und kurz darauf muss es endgültig gescheitert sein. Lovecraft erwähnt zwar, dass er und Long – der sich, wie auch Loveman, ebenfalls an dieser Arbeit versucht hatte – für ihre Artikel ein Honorar erhalten sollten, es ist jedoch zweifelhaft, ob sie jemals bezahlt wurden.

Im Februar trat Morton seine Stelle beim Paterson Museum an, wo er für den Rest seines Lebens bleiben sollte. Mitte Juli spricht Lovecraft davon, dass Morton ihn zu seinem Assistenten machen könnte, und diese vage Aussicht wird bis zu Lovecrafts Abreise aus New York im April 1926 immer wieder sporadisch erwähnt. Das Problem war dabei weniger, dass Lovecraft das fachliche Wissen fehlte, um in einem Naturkundemuseum zu arbeiten – Morton selbst musste sich viele Kenntnisse noch in letzter Minute einpauken, um das Bewerbungsgespräch zu überstehen –, sondern dass die finanzielle Situation des Museums es nicht erlaubte, weitere Mitarbeiter einzustellen. Zudem war das Museum in einem Stall in der Nähe der öffentlichen Bibliothek untergebracht, und die Errichtung eines geplanten Neubaus verzögerte sich, sodass auch aus diesem Grund an eine Erweiterung des Personals zunächst nicht zu denken war. Diese Situation hielt während Lovecrafts gesamtem New Yorker Aufenthalt an. Doch nachdem er Ende August Morton in Paterson besucht hatte, scheint Lovecrafts Bedauern darüber deutlich geringer geworden zu sein.

Natürlich erhielt Lovecraft während dieser Zeit immer wieder kleinere Honorarzahlungen von WEIRD TALES. Im Laufe des Jahres 1925 erschienen dort fünf Erzählungen aus seiner Feder (dazu seine Überarbeitung von C. M. Eddys »Deaf, Dumb, and Blind« [April 1925], für die Lovecraft jedoch vermutlich kein Geld verlangt hatte). Für »The Festival« (Januar) erhielt er 35 Dollar, für »The Unnamable« (Juli) 25 Dollar, und das Honorar für »The Temple« (September) betrug 30 Dollar. Über die Höhe des Honorars für die anderen beiden 1925 veröffentlichten Erzählungen – »The Statement of Randolph Carter« (Februar) und »The Music of Erich Zann« (Mai) – gibt es keine Angaben, aber es wird wohl ebenfalls um die 30 Dollar gelegen haben. All diese Erzählungen hatte Lovecraft natürlich schon Jahre zuvor verfasst und vermutlich Ende 1924 oder Anfang 1925 eingereicht. Das Gesamthonorar, das Lovecraft 1925 von WEIRD TALES erhielt, betrug also etwa 170 Dollar – kaum genug, um für vier Monate die Miete seines Apartments zu bezahlen.

Woher aber stammte das übrige Geld, das er für seinen Lebensunterhalt – Miete, Lebensmittel, Wäscherei, kleinere Ausflüge, Kleidung, Haushaltsgeräte – benötigte? Fraglos kam Sonia für das meiste auf, und Lovecrafts Tanten unterstützten ihn, so gut sie konnten. In einem Brief an Samuel Loveman äußert sich Sonia jedoch rückblickend mit einiger Bitterkeit zu diesem Thema:

Als wir in der Parkside Avenue 259 wohnten, schickten ihm seine Tanten jede Woche fünf Dollar. Sie erwarteten von mir, dass ich für ihn aufkam. Als er in die Clinton Street umzog, schickten sie ihm 15 Dollar pro Woche. Die Miete betrug 40 Dollar im Monat. Essen, Geld für die Untergrundbahn, Wäscherei und Schreibzeug kosteten mehr als 5 Dollar die Woche. Für dieses »mehr« kam ich auf. Und wenn ich alle zwei Wochen in die Stadt fuhr, um die Einkäufe für meine Firma zu erledigen, bestritt ich seine gesamten Ausgaben und bezahlte auch für seine Freizeitunternehmungen. Und wenn ich wieder abfuhr, ließ ich ihm immer eine großzügige Summe da …19

Auch in Sonias Erinnerungen an Lovecraft findet sich eine Passage mit ähnlichem Tenor. Mit ihr wollte sie einerseits W. Paul Cooks Darstellung korrigieren, der behauptet hatte: »Er verdiente so gut wie nichts und hatte nur zwanzig Cent pro Tag für Essen zur Verfügung, die er jedoch meistens für Briefmarken ausgab«,20 und andererseits deutlich machen, dass Lovecrafts Tanten ihrer Meinung nach den Neffen nicht ausreichend unterstützten. Allerdings scheint auch Sonia ein wenig übertrieben zu haben. Lovecraft bat seine Tante Annie im Dezember 1924 um 75 Dollar für seinen Lebensunterhalt und die Kosten des Umzugs – eine Summe, die er wahrscheinlich auch erhielt.21 Bestimmte Formulierungen in seinen Briefen lassen darauf schließen, dass dies keineswegs seine erste und einzige derartige Bitte war. Eine Bemerkung über die »stets pünktlichen Schecks«22 in einem Brief an Annie von Ende Februar deutet darauf hin, dass diese, wenn sie auch möglicherweise Lovecraft nicht direkt unterstützte, doch zumindest seine – und vielleicht auch Lillians – finanzielle Angelegenheiten regelte. Während Sonias Aufenthalt in Saratoga Springs im Frühjahr gestand Lovecraft seiner Tante Lillian: »Sie kann im Moment natürlich ihren ursprünglich vereinbarten Anteil an der Miete nicht aufbringen.« Allerdings fügt er hinzu, dass Sonia dennoch, immer wenn es ihr möglich war, kleinere Beträge – zwischen zwei und fünf Dollar – schickte.23 Öfters bedankt sich Lovecraft bei Lillian für die Übersendung nicht näher spezifizierter Geldbeträge, und Annie bezahlte sein Abonnement des PROVIDENCE EVENING BULLETIN, seiner heimatlichen Tageszeitung, die er auch in New York bezog. Mit anderen Worten: Wir haben allen Grund anzunehmen, dass Lovecrafts Tanten ihr Möglichstes taten, um ihren Neffen finanziell zu unterstützen, wenn auch Sonia zweifellos den Löwenanteil seiner Ausgaben bestritt.

Doch wie hoch waren Lovecrafts Lebenshaltungskosten konkret? Die Miete belief sich auf 40 Dollar im Monat. Im Oktober 1925 änderte Lovecrafts Vermieterin die Zahlungsweise jedoch auf 10 Dollar wöchentlich, was faktisch einer Mieterhöhung von drei Dollar pro Monat gleichkam. Angenommen, dass diese Änderung zum 1. November in Kraft trat, dann belief sich die Jahresmiete für Lovecrafts Apartment 1925 auf 490 Dollar. Etwa um diese Zeit berichtet er, dass er fünf Dollar pro Woche für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs ausgab,24 was etwa 260 Dollar im Jahr entspricht. Wenn wir mindestens 20 Dollar pro Monat für sonstige Ausgaben hinzurechnen (240 Dollar im Jahr), dann kommen wir für das gesamte Jahr auf eine Summe von 990 Dollar. Zu diesem Betrag kann Lovecraft aus eigenen Einkünften kaum mehr als 250 Dollar beigesteuert haben – 170 Dollar aus seinen WEIRD-TALES-Honoraren und 74 Dollar aus der jährlichen Pachtzahlung von Mariano de Magistris. Damit bleiben etwa 750 Dollar, die Sonia und seine Tanten aufgebracht haben müssen. Ich bezweifle, dass seine Tanten ihm tatsächlich volle 15 Dollar wöchentlich schicken konnten, denn dann hätte Lovecraft nicht so sparsam leben müssen, wie er es tat. Sonia, die nur selten in New York war, wird kaum detailliert über die Zahlungen, die aus Providence kamen, Bescheid gewusst haben. Wenn man sich vor Augen führt, dass Lovecrafts Tanten selbst keine Einkünfte hatten, sondern ausschließlich vom Erbe von Whipple Phillips lebten, dann erscheint Sonias Kritik an ihrer mangelnden Großzügigkeit ein wenig unfair.

Ohne Arbeit konnte Lovecraft natürlich umso mehr Zeit mit seinen Freunden verbringen, und das Jahr 1925 war die eigentliche Blütezeit des Kalem Club. Das Verhältnis zwischen Lovecraft und Kirk war weiterhin eng, und obwohl Kirk nominell eine eigene Buchhandlung führte, konnte er doch über seine Zeit frei verfügen und war für die Nachteule Lovecraft ein idealer Gefährte. Ein Tag wie der 16. Januar 1925 illustriert beispielhaft Lovecrafts Lebensweise: Nachdem er Sonia nachmittags zum Zug nach Cincinnati gebracht hatte, ging er zu Lovemans Apartment – zu dem er einen Schlüssel besaß – und dekorierte das Zimmer seines Freundes mit verschiedenen Geschenken, die Long als verspätete Geburtstagsüberraschung besorgt hatte. Daraufhin kehrte er zu sich nach Hause in die Clinton Street zurück, wo er die »Gang« zu einem ihrer regelmäßigen Treffen empfing. Irgendwann wechselten dann alle gemeinsam in Lovemans Apartment, wo die Geburtstagsgeschenke warteten. Später in der Nacht ging Lovecraft mit Kirk in dessen Wohnung in der 16. Straße, wo sie angezogen ein paar Stunden schliefen, um am nächsten Morgen Kirks Zimmer in ähnlicher Weise wie Lovemans zu dekorieren. Ein paar Tage später, am 20. Januar, entschloss sich Kirk, ebenfalls in die Clinton Street 169 zu ziehen, und mietete das Apartment direkt über Lovecrafts. An diesem Abend gingen die beiden in Kirks alte Wohnung, bereiteten dessen Sachen für den Umzug vor und legten sich gegen fünf Uhr früh schlafen. Am nächsten Morgen packten sie zu Ende, und am folgenden Tag zog Kirk in der Clinton Street ein. Eine Weile spielte auch Loveman mit dem Gedanken, dorthin zu ziehen, entschied sich jedoch letztlich dagegen.

Während des ganzen Jahres verging kaum ein Tag, an dem Lovecraft nicht einen oder mehrere seiner Freunde traf – entweder besuchten sie ihn, man traf sich in einem der zahlreichen Selbstbedienungscafés in Manhattan oder mittwochs bei den regelmäßigen Treffen des Clubs, die immer noch abwechselnd bei McNeil und Leeds stattfanden, da der Streit zwischen beiden weiter schwelte. So viel zu Lovecrafts Dasein als »exzentrischer Einsiedler«! Seine sozialen Verpflichtungen – und eine umfangreiche Korrespondenz in Sachen der UAPA – nahmen ihn so sehr in Anspruch, dass er in den ersten sieben Monaten des Jahres 1925 praktisch nichts schrieb, außer ein paar Gelegenheitsgedichte für die Treffen des Blue Pencil Club.

In einem Brief vom 6. Februar erklärt Kirk seiner Verlobten die Namensgebung des Kalem Club: »Da die Nachnamen der ständigen Mitglieder alle mit K, L oder M beginnen, haben wir vor, uns KALEM KLYBB zu nennen. Heute Abend wird etwa ein halbes Dutzend Freunde kommen. Die meisten sind Langweiler. Eigentlich alle, außer mir und HPL …«25 In einem etwa zehn Jahre später verfassten Artikel gibt Kleiner eine leicht abweichende Version der Namensfindung: »›Kalem‹ beruhte auf den Buchstaben K, L und M, den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Gründungsmitglieder – McNeil, Long und der Verfasser – und derjenigen, die in den ersten sechs Monaten dem Club beitraten.«26 Eine weitere Frage ist die nach der »offiziellen« Gründung des Klubs. Am 3. Februar fand im Restaurant Milan ein großes Treffen statt, an dem neben Kirk, Kleiner und Loveman auch Sonia, C. M. Eddy – der für ein paar Tage zu Besuch war – und Lillian – die, nach dem Besuch bei einer Freundin in Westchester Country vom 10.–28. Januar, offenbar noch einmal nach New York zurückgekommen war – teilnahmen. Gegen die Annahme, dass es sich hierbei um ein Treffen des Clubs im engeren Sinne gehandelt hat, spricht jedoch, dass zu dessen Zusammenkünften normalerweise nur männliche Mitglieder zugelassen waren.27 Merkwürdigerweise kommt die Bezeichnung Kalem Club in Lovecrafts Korrespondenz dieser Zeit nicht vor. Er spricht stets nur von der »Gang« oder den »Boys«.

Wenn Sonia zu einem ihrer unregelmäßigen Besuche in der Stadt war, achtete Lovecraft zunächst durchaus darauf, Zeit mit ihr zu verbringen: So notiert er, dass er am 4. Februar ein Treffen mit den »Boys« ausfallen ließ, weil Sonia sich nicht wohl fühlte.28 Doch mit der Zeit – und besonders während Sonias längerem Aufenthalt im Juni und Juli – ließ seine Gewissenhaftigkeit nach. Schon während ihres Besuchs im Februar und März blieb er abends oft so lange weg, dass Sonia schon schlief, wenn er nach Hause kam, und stand erst auf, wenn sie bereits ausgegangen war. Aus dieser Zeit gibt es nur wenige Briefe Lovecrafts an seine Tanten, sodass wir auf sein Tagebuch angewiesen sind, um seine Aktivitäten zu rekonstruieren. Aus diesem erfahren wir beispielsweise, dass am 1. März ein Treffen der »Gang« in Kirks Apartment stattfand, nach dem einige Mitglieder noch in die nahe gelegene Scotch Bakery gingen. Später kehrten Lovecraft und Kirk in dessen Zimmer zurück und unterhielten sich bis zum Morgengrauen. Am 10. März machten die beiden – ohne Sonia – einen Ausflug nach Elizabeth und kehrten über Perth Amboy und Tottenville, Staten Island, nach Brooklyn zurück. Am nächsten Abend fand ein »offizielles« Treffen des Kalem Club bei Frank Long statt, nach dem Lovecraft und Kirk noch bis halb sechs morgens bei Kirk zusammensaßen.

Sonias Abwesenheit gab Lovecraft zudem Gelegenheit, sein Gewicht wieder unter Kontrolle zu bringen. Maurice W. Moe gegenüber hatte er gescherzt, dass er nie wieder eine Waage besteigen würde, nachdem er die 88 Kilo überschritten hatte. Doch von Januar an begann er, ernsthaft Diät zu halten. Im Ergebnis reduzierte Lovecraft innerhalb weniger Monate sein Gewicht von fast 100 auf 66 Kilogramm. Seine Kragenweite ging von 41 auf 37 zurück. Alle seine Anzüge mussten geändert werden, und jede Woche kaufte er kleinere Kragen. Oder wie Lovecraft es ausdrückte:

Wie die Pfunde dahinschmolzen! Ich half durch Leibesübungen und Spaziergänge an der frischen Luft nach, und jedes Mal, wenn meine Freunde mich sahen, waren sie entweder erfreut oder entsetzt über den erstaunlichen Schrumpfungsprozess. Glücklicherweise bin ich nicht so lange dick gewesen, dass sich die Haut dauerhaft gedehnt hat. Stattdessen schrumpfte sie faltenlos im Einklang mit dem darunterliegenden Gewebe. Zurück blieb eine straffe Oberfläche, und die verloren geglaubten Umrisse von 1915 und früher stellten sich wieder ein. Es war ein dramatischer – atemloser – sensationeller Vorgang, wie die ein Jahrzehnt lang verlorene Gestalt unter dem ekelhaften Schlamm, der sie so lange umschlossen hatte, wieder zum Vorschein kam.

Wie aber reagierten Lovecrafts Freunde, seine Tanten und nicht zuletzt Sonia?

Wie Sie sich vorstellen können, erhob meine Frau ängstlichen Einspruch gegen das, was für sie wie ein alarmierender Verfall aussah. Ich erhielt lange, vorwurfsvolle Briefe von meinen Tanten und wurde jedes Mal, wenn ich den kleinen Belknap besuchte, von Mrs. Long aufs Strengste ermahnt. Aber ich wusste, was ich tat, und machte mit grimmiger Entschlossenheit weiter … Mittlerweile bekenne ich mich öffentlich dazu, selbst Herr über meine Essgewohnheiten zu sein, und lasse es nicht zu, dass meine Frau mich über das von mir festgelegte Maß hinaus mästet.29

Lovecrafts Briefe an seine Tanten liefern eine ganze Reihe von Details, die diesen Bericht ergänzen. Das Thema Ernährung kommt im späten Frühjahr und frühen Sommer 1925 verstärkt zur Sprache:

Ernährungsfragen und Spaziergänge stehen auf der Tagesordnung – was mich daran erinnert, dass ich heute Abend mein Zuhause-Ess-Programm begonnen habe. Für 30 Cent habe ich eine Menge Lebensmittel eingekauft, die für ca. 3 Mahlzeiten reichen sollten.

1 Laib Brot 0,06
1 mittelgroße Dose Bohnen 0,14
¼ Pfund Käse 0,10
Gesamt 0,3030

Lovecraft scheint diese Liste verfasst zu haben, um seinen Tanten zu beweisen, dass er in der Lage war, in knappen Zeiten hauszuhalten, und erwartete zweifellos, für seine Sparsamkeit gelobt zu werden. Doch sein nächster Brief lässt vermuten, dass die Antwort anders als erwartet ausfiel:

Was mein Ernährungsprogramm angeht – Unsinn! Ich esse genug! Nehmen wir ein mittelgroßes Brot, teilen es in vier gleiche Teile & fügen diesen jeweils ¼ Dose (ebenfalls mittelgroß) Heinz-Bohnen & ein großzügig bemessenes Stück Käse hinzu. Wenn das Resultat nicht eine reichliche, gesunde Tagesration für einen alten Gentleman ist, dann trete ich von meinem Posten im Ernährungsausschuss des Völkerbunds zurück! Die Kosten belaufen sich auf nur 8 Cent – aber lass Dich davon nicht in die Irre führen! Es ist gutes, gesundes Essen & mancher kräftige Chinese lebt von weitaus weniger. Natürlich wechsle ich beim »Fleischgang« von Zeit zu Zeit ab, indem ich etwas anderes als Bohnen kaufe – Spaghetti aus der Dose, Rindereintopf, Corned Beef usw. usw. usw. – & gelegentlich füge ich Kekse zum Dessert oder etwas in der Art hinzu. Obst kommt ebenfalls infrage.31

Diese Passage ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie wirft ein grelles Licht auf die verheerende Armut, in der Lovecraft damals lebte und die ihn, wenn auch nicht in derart extremer Form, für den Rest seines Lebens begleiten sollte. Es wird deutlich, dass er sich Restaurantbesuche, selbst in Automatenrestaurants, nicht mehr leisten konnte. Auffällig ist auch der schuljungenhafte Ton, den Lovecraft anschlägt, als wäre er ein Teenager, der versucht, sich seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen. Später im selben Brief greift Lovecraft das Thema noch einmal auf, offenbar nachdem er einen weiteren Brief von Lillian erhalten hatte:

Großer Gott! Wenn Du den erdrückenden Überfluss nutzloser Nahrungsmittel sehen könntest, mit denen mich S. H. während ihres Aufenthalts hier gemästet hat! Zwei Mal am Tag bis an die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit & darüber hinaus. Rindfleischsülze, Schinken, Brot, amerikanischer & Schweizer Käse, Kuchen, Limonade, Brötchen, gestürzten Pudding (selbst gemacht …) usw. usw. usw. – wie in Pegānas Namen soll ich jetzt noch meine neuen Kragen anziehen!

Doch selbst unter diesen verschärften Bedingungen fuhr Lovecraft fort, seinen kulinarischen Horizont zu erweitern, sowohl bei gemeinsamen Restaurantbesuchen mit Sonia als auch bei einsamen Erkundungen. Anfang Juli lud Sonia ihn in ein chinesisches Restaurant ein, wo sie jedoch nur das enttäuschende Chow Mein, ein dem amerikanischen Geschmack angepasstes Nudelgericht mit Fleisch und Gemüse, aßen.32 Ende August probierte Lovecraft zum ersten Mal Minestrone, die ihm so gut schmeckte, dass er in der Folgezeit oftmals ins Milan in Manhattan ging und dort eine große Terrine Minestrone für 15 Cent bestellte, die ihm als komplette Mahlzeit genügte.33 Um diese Zeit verkündete Lovecraft seiner Tante Lillian, dass seine Ernährungsgewohnheiten sich »weitgehend italienisiert« hätten, beeilte sich jedoch, zu versichern, dass dies vom Standpunkt der Gesundheit unbedenklich sei: »… ich bestelle stets Spaghetti & Minestrone, außer wenn sie nicht auf der Karte stehen. Diese Gerichte enthalten eine fast ideale Balance von aktiven nahrhaften Bestandteilen: das Getreide, aus dem die Spaghetti bestehen, die Fülle von Vitaminen, die in der Tomatensauce enthalten sind, die Gemüsemischung in der Minestrone & der reichliche geriebene Käse, der beiden Gerichten gemeinsam ist.«34

Ein Detail wirft jedoch ein bedrückendes Licht auf Lovecrafts Ernährungsgewohnheiten: Im Oktober sah er sich gezwungen, einen Ölheizer für den Winter zu kaufen, da sein Apartment von Seiten seiner Vermieterin, Mrs. Burns, nur unzureichend beheizt wurde – was nicht zuletzt an einem landesweiten Streik der Kohlearbeiter lag.35 Der Ölheizer, den Lovecraft anschaffte, besaß einen Kochaufsatz, sodass er sich von nun an den Luxus erlauben konnte, »warme Mahlzeiten zuzubereiten. Keine kalten Bohnen & Spaghetti mehr …«36 Heißt das, dass Lovecraft sich in den ersten neun Monaten des Jahres hauptsächlich von kalten Konserven ernährt hatte? Auch wenn Lovecraft zu einem früheren Zeitpunkt einmal davon spricht, dass er sich Bohnen auf einem »Sterno« – einem aus einer Dose mit Brennpaste bestehenden Notkocher – zubereitet hat,37 scheint dies die triste Realität gewesen zu sein.

Auch Lovecrafts Apartment in der Clinton Street 169 war letztlich eine recht trostlose Bleibe. Es lag in einer heruntergekommenen Gegend mit zwielichtigen Bewohnern und wurde von einer Mäuseplage heimgesucht. Um letzterer Herr zu werden, kaufte Lovecraft, auf Anraten von Kirk, Einweg-Mausefallen für fünf Cent pro Stück – »da ich diese wegwerfen kann, ohne das corpus delicti aus ihnen entfernen zu müssen, was bei einem kostspieligeren Mechanismus notwendig wäre«.38 (Später entdeckte Lovecraft sogar noch billigere Fallen, die fünf Cent für zwei Stück kosteten.) Man hat sich aufgrund dieser Episode über Lovecrafts Zimperlichkeit lustig gemacht, aber ich bin überzeugt, dass kaum jemand gern mit den Kadavern toter Mäuse oder anderem Ungeziefer hantiert. In seinem Tagebuch bezeichnet Lovecraft die Mäuse als »Invasoren« oder abgekürzt »Inv.«. Im September musste die Deckenlampe in dem Alkoven, den er als Badezimmer benutzte, repariert werden, aber seine Vermieterin weigerte sich, einen Handwerker zu beauftragen. Lovecraft zeigte sich darüber äußerst irritiert und schrieb an seine Tante Lillian: »Es ist mir unmöglich, einigermaßen bequem ein Bad zu nehmen, das Geschirr zu spülen oder meine Schuhe zu polieren, wenn ich auf die paar schwachen Strahlen Tageslicht angewiesen bin, die von draußen hereinfallen.«39 Diese Situation zog sich bis zum Januar 1926 hin, als – während eines Besuchs von Sonia – ein Elektriker aus einem nahe gelegenen Haushaltswarengeschäft die Reparatur schließlich vornahm. Möglicherweise können wir in dieser Episode einen weiteren Hinweis auf Lovecrafts Unfähigkeit sehen, mit den praktischen Anforderungen des täglichen Lebens zurechtzukommen. Doch die Vermieterin, Mrs. Burns, hatte ihm offenbar gesagt, dass ein Elektriker der Edison Company allein für die Inspektion der Deckenbeleuchtung eine astronomische Summe berechnen würde, sodass Lovecraft aus diesem Grund abwartete, bis Sonia die Angelegenheit regeln konnte.

Der entscheidende Schlag traf Lovecraft jedoch am Sonntag, dem 24. Mai 1925. Während er auf der Couch schlief, nachdem er die ganze Nacht geschrieben hatte, wurde in den Alkoven, den er als Kleiderschrank und Ankleidezimmer nutzte, eingebrochen. Fast alle seine Anzüge und eine Reihe weiterer Gegenstände wurden entwendet. Die Diebe hatten das Nachbarapartment gemietet, von dem aus eine unverriegelte Tür zu Lovecrafts Alkoven führte, und waren durch diese in seine Wohnung eingedrungen, Sie entwendeten drei Anzüge (von 1914, 1921 und 1923), den Mantel, den Sonia 1924 für ihn gekauft hatte, einen Weidenkoffer aus Sonias Besitz – dessen Inhalt jedoch später im Apartment der Diebe gefunden wurde, das sie verlassen hatten, ohne ihre Miete zu begleichen – und ein teures Radio im Wert von 100 Dollar, das Loveman in Lovecrafts Alkoven gelagert hatte. Nach dem Diebstahl blieb Lovecraft nur noch ein leichter blauer Anzug aus dem Jahr 1918, der über einem Stuhl in seinem Wohnzimmer hing, das die Diebe nicht betreten hatten. Lovecraft entdeckte den Einbruch erst um ein Uhr dreißig nachts am 26. Mai, da er vorher keinen Anlass gehabt hatte, den Alkoven zu betreten. Er war am Boden zerstört:

Ich kann mich noch nicht mit dem Schock abfinden – mit der unerbittlichen Wahrheit, dass ich keinen Anzug mehr besitze, außer dem dünnen blauen Sommeranzug. Was ich machen soll, wenn die Sachen nicht wieder auftauchen, das weiß der Himmel!

… am liebsten würde ich fluchen wie ein Rohrspatz. Gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, mir einen etwas respektableren Anstrich zu verleihen, indem ich meine Kleidung in Ordnung halte, trifft mich dieser verfluchte, höllische Donnerschlag und bringt mich um meine vier Anzüge und den einzigen wirklich ordentlichen Mantel, den ich besitze, also um das Minimum dessen, was nötig ist, um anständig auszusehen! Zum Hades mit allem!40

Natürlich tauchte das Diebesgut nicht wieder auf, obwohl Lovecraft Besuch von einem Polizeibeamten bekam, der versprach, sein Bestes zu tun. Doch letztlich gelang es Lovecraft, auf die ganze Situation mit erstaunlichem Humor zu reagieren. Nur zwei Tage später macht er sich in einem langen Brief an seine Tante Lillian über seine missliche Lage lustig:

Weh über die Gewänder meiner Kindheit in ihrem immerwährenden Glanz, die in der Blüte ihrer ersten paar Jahrzehnte dahingerafft wurden – nicht vom Sensenmann, sondern von räuberischen Händen! Sie kannten den schlanken jungen Knaben früherer Tage & wuchsen, um den beleibten Bürger der Lebensmitte zu kleiden & schrumpften wieder zusammen, um die weise gewordenen Glieder des Alters zu bergen! Und jetzt sind sie dahin – dahin & der graue, gramgebeugte Träger lebt weiter, um seine Blöße zu beklagen, und rafft um seine mageren Weichen so gut es geht die Strähnen seines langen weißen Bartes, die ihm von nun an als Kleidung dienen müssen!41

Dieser scherzhaften Klage hat Lovecraft eine äußerst witzige Zeichnung beigefügt, die ihn zeigt, wie er, nur mit einem Gürtel bekleidet, den er um seine knielangen Haare und den ebenso langen Bart geschlungen hat, vor einem Bekleidungsgeschäft steht, in dessen Schaufenster Anzüge zum Preis von 35 und 45 Dollar ausgestellt sind, in den Händen ein Plakat mit der Aufschrift »I want my clothes!«. Die Erwähnung der »Gewänder meiner Jugend« spielt auf Lovecrafts Gewohnheit an, seine Anzüge Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang zu tragen – er berichtet, dass sich unter den Kleidungsstücken, die die Diebe verschmäht hatten, ein Sommermantel von 1909, ein Wintermantel von 1915, ein leichter Mantel von 1917 und verschiedene Hüte, Handschuhe und Schuhe befanden, für die kein Kaufdatum angegeben ist.

Was folgte, war eine fünfmonatige Suche nach den billigsten und zugleich geschmackvollsten Anzügen, die Lovecraft sich zu tragen überwinden konnte. In dieser Zeit erwarb er nicht nur eine intime Kenntnis preiswerter Herrenausstatter, sondern lernte auch die Grundbegriffe der Feilschkunst. Lovecraft fühlte sich unwohl, wenn er nicht mindestens vier Anzüge besaß: zwei helle und zwei dunkle, davon jeweils einen für den Sommer und einen für den Winter. Nach entsprechenden Beratungen mit Long, Leeds und anderen zweifelte er zwar daran, dass es überhaupt möglich war, einen akzeptablen Anzug für weniger als 35 Dollar zu bekommen, aber er war entschlossen, es wenigstens zu versuchen. Anfang Juli, als Sonia in der Stadt war, gelang es ihm, in einer Filiale des Herrenausstatters Monroe Clothes einen grauen Anzug mit hinreichend konservativem Schnitt für 25 Dollar zu finden. »Insgesamt hat der Anzug«, so Lovecraft, »eine erfreuliche Ähnlichkeit mit meiner allerersten langen Kombination, die wir im April 1904 bei Browning & King erstanden haben.«42

Es handelte sich um einen Sommeranzug, den Lovecraft sogleich tragen konnte. Im Oktober, als das Wetter kälter wurde, entschloss er sich, einen Anzug aus schwererem Stoff für den Winter zu kaufen. Er war sich bewusst, dass es sich um ein schwierigeres Unterfangen handelte, da gute Winteranzüge im Herbst kaum zu reduzierten Preisen zu haben sind. Außerdem hatte Lovecraft zwei zwingende Anforderungen an einen Anzug: Der Stoff durfte nicht gemustert sein, und es musste sich um einen Anzug mit drei Knöpfen handeln. Zu seiner Bestürzung fand er auf seinen beschwerlichen Streifzügen heraus, dass »in Zeiten wohlgeheizter Wohnungen Anzüge nicht mehr aus denselben schweren Stoffen gemacht sind wie früher … sodass das unglückliche Opfer eines Hauswesens, in dem zwar die Familie Burns heißt, die Öfen jedoch zumeist kalt bleiben, buchstäblich in der Kälte steht!«43 Die Stoffe der Anzüge, die Lovecraft sich bei Monroe Clothes und in anderen Geschäften ansah, waren kaum schwerer als die seines Sommeranzugs. Und Anzüge ohne Muster mit drei Knöpfen waren schlicht nicht zu finden. Lovecraft hatte gelernt, Stoff und Schnitt eines Anzugs genau unter die Lupe zu nehmen: »Alles unter 35 Dollar war entweder dünn & lappig oder zu sportlich geschnitten oder unschön gemustert oder entsetzlich gewebt und verarbeitet … die Stoffe scheinen entweder mit einer stumpfen Axt bearbeitet worden zu sein oder von einem Blinden mit einer rostigen Schere!«44

Schließlich fand Lovecraft bei Borough Clothiers in der Fulton Street doch noch genau das, was er suchte – abgesehen davon, dass die Anzugjacke nur zwei Knöpfe hatte. Lovecraft verhandelte geschickt mit dem Verkäufer: Er gab vor, dass er sich nur einen Übergangs-Anzug kaufen wollte, bis er sich einen besseren anschaffen konnte, womit er andeutete, dass er vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt einen weiteren Anzug kaufen würde – wobei natürlich keine Rede davon war, dass es noch über ein Jahr dauern könnte, bis es so weit war. Der Verkäufer beriet sich mit seinem Vorgesetzten und zeigte Lovecraft einen teureren Anzug, setzte den Preis jedoch auf nur 25 Dollar herab. Lovecraft probierte den Anzug an und »war überaus entzückt«, zögerte jedoch wegen des fehlenden dritten Knopfes. Er bat den Verkäufer, den Anzug für ihn zurückzulegen, während er sich noch in weiteren Geschäften umsah. Der Verkäufer meinte, dass er kaum ein besseres Angebot finden werde, und nachdem Lovecraft sich noch in einigen weiteren Läden umgeschaut hatte, kehrte er zu Borough Clothiers zurück und kaufte den Anzug für 25 Dollar.

In dem langen Brief, in dem Lovecraft seiner Tante Lillian von der Episode berichtet, findet sich mehr als ein Hinweis darauf, dass die Anzugfrage für Lovecraft geradezu den Charakter einer Obsession angenommen hatte. Die ständige Betonung des Wunsches nach einem Anzug mit drei Knöpfen wirkt beinahe manisch, und als der Schneider, der später die erforderlichen Änderungen an dem Anzug vornahm, die Stoffreste – die Lovecraft seiner Tante schicken wollte, damit sie sich von der Güte des Materials überzeugen konnte – weggeworfen hatte, machte Lovecraft Anstalten, ihr die komplette Anzugjacke per Expresspost zu schicken. Lillian lehnte dieses Ansinnen offenbar ab, woraufhin Lovecraft mit der folgenden Klage antwortete:

… aber wie zum Teufel willst Du Dir dann eine Vorstellung davon machen, was ich ergattert habe? Es geht ja gerade darum, dass ich Dir die Webart des Stoffes zeigen will – die glatte, aber nicht steife Oberfläche, die vornehme Mischung eines ungemusterten Gewebes, in dem sich helle & dunkelgraue Fäden auf aristokratische Weise zu einem einheitlichen Ganzen verbinden, in dem die Unruhe des »Pfeffer-&-Salz-Effekts« nur von ferne angedeutet wird, insofern das Auge schwankt, ob der Stoff schwarz, dunkelblau oder von sehr dunklem Grau ist.45

Lovecraft gewöhnte sich an, den Anzug liebevoll »den Triumph« zu nennen. Doch schnell wurde ihm klar, dass er zusätzlich noch einen billigeren Winteranzug kaufen musste, um den guten nicht vorzeitig aufzutragen, sodass er sich Ende Oktober erneut auf eine langwierige Suche nach einem Straßenanzug für weniger als 15 Dollar machte. Lovecraft sah sich zunächst in den Geschäften an der 14. Straße zwischen der 6. und 7. Straße in Manhattan um – damals wie heute die erste Adresse für preiswerte Bekleidung im Stadtzentrum. Nachdem er »ein Dutzend mehr oder weniger unmögliche Anzugjacken« anprobiert hatte, fand er einen »schlaffen Fetzen, zerknittert, staubig, faltig und ungebügelt«, erkannte aber, »dass Schnitt, Stoff & Sitz gerade richtig waren«. Die Jacke wurde im Ausverkauf für 9,95 Dollar angeboten. Das Problem war jedoch, dass sich keine passende Hose fand, nur noch zwei, die zu kurz, und eine, die zu lang waren. Der Verkäufer versuchte, Lovecraft davon zu überzeugen, eine der kurzen Hosen zu nehmen, doch Lovecraft wollte die lange. Nach einigem Hin und Her überredete er den Verkäufer, ihm die Anzugjacke, die lange und eine der zu kurzen Hosen für 11,95 Dollar zu überlassen. Lovecraft hatte ziemlich geschickt verhandelt und ließ die Jacke und die Hosen am nächsten Tag von einem Schneider ändern. Auch von diesem Abenteuer berichtete Lovecraft seiner Tante Lillian in einem ausführlichen, ziemlich sarkastischen Brief, der in einer langen Tirade über das Thema Kleidung gipfelt:

Ich glaube, mittlerweile kann ich im Großen und Ganzen den Unterschied zwischen dem erkennen, was ein Gentleman anziehen sollte & was nicht. Was diesen Sinn geschärft hat, ist der beständige Anblick des verfluchten dreckigen Gesindels, das die Straßen von N.Y. verstopft & dessen Kleidung sich so grundlegend von der normalen Kleidung wirklicher Menschen auf der Angell Street & in der Butler Avenue oder der Elmgrove Avenue unterscheidet, dass besagten Gentleman ein entsetzliches Heimweh überfällt & er verzweifelt nach anderen Gentlemen Ausschau hält, deren Kleidung sauber & geschmackvoll ist & eher an den Blackstone Boulevard als an Borough Hall und Hell’s Kitchen erinnert … Zur Hölle damit, entweder kleide ich mich mit Geschmack, wie ich es in Providence gelernt habe, oder ich laufe in einem verdammten Bademantel herum! Der Schnitt eines Revers, der Stoff & der Sitz eines Anzugs sprechen Bände. Es amüsiert mich, wie einige dieser schicken jungen Lackaffen & Ausländer ein Vermögen für alle möglichen teuren Kleidungsstücke ausgeben, die sie für den Höhepunkt des guten Geschmacks halten, die aber in Wirklichkeit ihr unwiderrufliches gesellschaftliches & ästhetisches Verdammungsurteil sind. Sie könnten sich genauso gut Plakate umhängen, auf denen in großen Buchstaben steht: »Ich bin ein ungebildeter Bauerntölpel«, »Ich bin eine bastardisierte Kanalratte«, »Ich komme aus der Provinz und habe keinen Geschmack.«

Woraufhin er mit entwaffnender Naivität hinzufügt: »aber vielleicht ist diesen Geschöpfen gar nicht daran gelegen, in jeder Hinsicht dem ästhetischen Standard eines Gentlemans zu entsprechen.«46 Diese bemerkenswerte Passage, die einmal mehr von Lovecrafts Unfähigkeit zeugt, sich von den gesellschaftlichen Konventionen seiner Jugend zu lösen, endet mit einer anrührend persönlichen Note:

In meinen besten Zeiten hätte ich mich nie derart über Kleidungsfragen aufgeregt, aber das Exil & das Alter lassen Kleinigkeiten wichtig werden. Angesichts meiner Empfindlichkeit in Hinsicht auf nachlässige & plebejische Kleidung & nach dem nervenaufreibenden Einbruch, der drohte, mich genau in jenen Zustand zu versetzen, den ich bei anderen verabscheue, musst Du zugeben, dass es naheliegend ist, dass Kleidungsfragen für mich zu einem »heiklen Thema« geworden sind – so lange bis ich wieder die vier Anzüge besitze, die notwendig sind, um sommers wie winters stets angemessen gekleidet zu sein.

Doch nun besaß Lovecraft wieder seine vier Anzüge, und er musste sich nicht länger den Kopf über die Angelegenheit zerbrechen. Nicht alle seine Briefe aus dieser Zeit sind so manisch wie der vorstehende. Zumeist gelang es ihm, auch im Angesicht von Armut und Not seine gute Laune zu bewahren. Ende August bemerkt er über seine Schuhe, »die guten alten Regals stehen kurz vor einem atemberaubenden Zerfall«47 – um wenig später zu notieren, dass die neuen Regal-2021-Schuhe, die er Ende Oktober kaufte, beim folgenden Treffen des Kalem Club eine »echte Sensation« waren.48

Keine Arbeit zu haben, bedeutete für Lovecraft zumindest, dass er sich jederzeit mit seinen Freunden treffen konnte und genug Freiraum hatte, um bescheidene Ausflüge zu unternehmen. In seinem Tagebuch und seinen Briefen finden sich zahlreiche Berichte über Exkursionen in den Van Cortlandt Park, den Greene Park, nach Yonkers und zu anderen Zielen in der Umgebung von New York. Er unternahm seine üblichen Touren durch die alten Teile von Greenwich Village und überquerte unzählige Male die Brooklyn Bridge. In seinen Briefen zeichnet er seinen Tagesablauf oft sehr detailliert auf. So schreibt er Anfang April an seine Tante Lillian:

Wie verabredet ging ich zu den Longs, bekam ein exzellentes Mittagessen vorgesetzt, & er las mir eine ausgezeichnete neue Geschichte & ein neues Prosagedicht vor. Später begleitete ich ihn und seine Mama in das Kino in der 95. Straße, wo wir den deutschen Film The Last Laugh ansahen,49 über den im Moment so viel geredet wird … Nach der Vorstellung kehrte ich nach Hause zurück, las & legte mich hin. Am nächsten Tag machte ich nach dem Aufstehen mein Zimmer für das Treffen der »Boys« am Abend sauber. Mortonius traf als Erster ein, dann folgten zeitgleich Kleiner & Loveman & schließlich Leeds. Sonny konnte nicht kommen, und Kirk entschuldigte sich per Telegramm aus New Haven. Die Stimmung war angeregt, aber Morton musste früh aufbrechen, um noch den letzten Zug nach Paterson zu erwischen – Loveman ging mit ihm zusammen. Als Nächster verabschiedete sich Kleiner – woraufhin Leeds & ich nach oben gingen, um uns Kirks Bücher & Bilder anzusehen. Leeds ging um drei Uhr morgens & ich schloss mich ihm für Kaffee & Aprikosenkuchen bei Johnson’s an. Dann nach Hause, las – legte mich hin – & ein neuer Tag.50

Kirk beschreibt einen Abend mit Lovecraft später im April:

HPL kam zu Besuch und las, während ich über einer Patience grübelte. Jetzt schläft er auf dem Sofa, vor ihm aufgeschlagen The Ghost Girl – kein Kompliment für Saltus51 … HPL wachte auf – sagte »Avernus!« und kehrte ins Nirvana zurück … gegen Mitternacht gingen wir in Tiffany’s Restaurant, wo ich einen wunderbaren Krabbensalat und Kaffee verzehrte, während H ein Stück Käsekuchen und zwei Tassen Kaffee hatte. Wir saßen 1 ½ Stunden bei unserer Mahlzeit und den Morgenzeitungen …52

Anscheinend standen die Wohnungen der Mitglieder des Kalem Clubs den anderen Mitgliedern jederzeit offen. Für den 15. und 16. März gibt es einen merkwürdigen Eintrag in Lovecrafts Tagebuch, der auch durch Lovecrafts erhaltene Korrespondenz nicht erhellt wird. Nach einem Spaziergang entlang des Gowanus Expressway in der Nähe des East River gingen Lovecraft und Long zu Lovemans Apartment, und Lovecraft schreibt »trage FBL nach oben«. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Long betrunken war oder etwas Ähnliches. Vielleicht war er nach dem langen Spaziergang schlicht zu erschöpft, um die Treppen hinaufzusteigen.

Am Abend des 11. April bestiegen Lovecraft und Kirk an der Pennsylvania Station gegen Mitternacht den Nachtzug nach Washington D. C. und kamen frühmorgens in der Hauptstadt an. Sie nutzten ein spezielles Angebot der Eisenbahngesellschaft, bei dem Hin- und Rückfahrt nur 5 Dollar kosteten, hatten dadurch jedoch nur bis nachmittags Zeit, die Stadt zu besichtigen. Sie versuchten, das Beste daraus zu machen. Es gab in Washington zwei Amateurkollegen, die ihnen als Fremdenführer dienten: Anne Tillery Renshaw und Edward L. Sechrist. Renshaw hatte Lovecraft und Kirk zuvorkommenderweise angeboten, sie so weit wie möglich in ihrem Auto herumzufahren. Zunächst besichtigten Lovecraft, Kirk und Sechrist jedoch zu Fuß die Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum: die Library of Congress, die Lovecraft nicht besonders beeindruckte, das Kapitol, das er weniger imposant fand als das State Capitol von Rhode Island mit seiner Marmorkuppel, das Weiße Haus, das Washington Monument, das Lincoln Memorial und weitere historische Bauten. Anschließend fuhr Renshaw sie nach Georgetown, der heute zu Washington gehörenden Kolonialstadt, 1751 gegründet – Jahrzehnte bevor die zukünftige Hauptstadt geplant oder gebaut war. Lovecraft war angetan von der Vielfalt an Häusern aus der Gründungszeit der Stadt. Dann überquerte die Reisegesellschaft die Key Memorial Bridge nach Virginia und fuhr durch Arlington und Alexandria, wo sie neben anderen historischen Gebäuden die exquisite Christ Church (1772–73) besichtigten, in der George Washington den Gottesdienst zu besuchen pflegte. Anschließend fuhren sie weiter zu Washingtons Landsitz, Mount Vernon, der allerdings sonntags geschlossen war. Nach Arlington zurückgekehrt, besichtigten sie das gleichnamige Anwesen der Custis-Familie und erkundeten den Soldatenfriedhof, insbesondere das riesige, 1920 fertiggestellte Amphitheater, das Lovecraft als »einen der außerordentlichsten und spektakulärsten architektonischen Triumphe der westlichen Welt« bezeichnete.53 Es erstaunt nicht, dass sowohl die antike Anmutung – das Amphitheater wurde nach dem Vorbild des Dionysos-Theaters in Athen erbaut – als auch die gewaltige Größe des Bauwerks – es misst fast 3.200 Quadratmeter – Lovecraft begeisterten. Danach kehrten sie nach Washington zurück, wo sie sich unter anderem noch das Brick Capitol (1815) und das Gebäude des Supreme Court ansahen, bevor sie den 4-Uhr-35-Zug zurück nach New York nahmen, den sie gerade noch rechtzeitig erreichten.

Etwa Mitte Mai 1925 herum scheint diese endlose Folge geselliger Aktivitäten für Lovecraft schließlich ermüdend geworden zu sein. Während der ersten vier Monate des Jahres hatte seine kreative Arbeit praktisch brachgelegen. Das Einzige, was er in dieser Zeit literarisch zu Papier gebracht hatte, waren fünf Gedichte gewesen, von denen zwei – »My Favourite Character« (31. Januar) und »Primavera« (27. März) – anlässlich von Treffen des Blue Pencil Club entstanden waren, bei denen die Mitglieder die Aufgabe bekommen hatten, Texte zu einem vorgegebenen Thema zu verfassen. »My Favourite Character« ist ein witziges, harmloses Gedicht, das zunächst einen humoristischen Überblick über verschiedene Arten fiktionaler Charaktere gibt, von den kanonischen Klassikern der Schullektüre (»Esmond, D. Copperfield, or Hiawatha, / Or anything from some nice highschool author«) bis zu den gewagteren (»Jurgen, Clerk Nicholas, Boccaccio’s misses, / And sundry things of Joyce’s, from Ulysses«), ohne dabei die Lieblingsgestalten seiner Kindheit zu vergessen (»Boyhood’s own idols, whom the sages hear not – / Frank Merriwell, Nick Carter, and Fred Fearnot!«), um dann zu dem Schluss zu kommen:

Now as for me, I am no man of learning

To know just what I like and why I like it;

Letters and hist’ry set my poor head turning

Till not a choice can permanently strike it!

My fav’rite? Fie on printed information—

I’ll frankly hand myself the nomination!*

Wenn man bedenkt, dass Lovecraft heute tatsächlich selbst zu einer literarischen Figur geworden ist, dann klingen die beiden letzten Zeilen geradezu wie eine Vorahnung. »Primavera« hingegen ist ein nachdenkliches Naturgedicht, das in der nicht-menschlichen Welt sowohl Schönheit als auch Schrecken entdeckt:

There are whispers from groves auroral

To blood half-afraid to hear,

While the evening star’s faint choral

Is an ecstasy touch’d with fear.

And at night where the hill-wraiths rally

Glows the far Walpurgis flame,

Which the lonely swain in the valley

Beholds, tho’ he dare not name.*

Von den drei anderen Gedichten sind zwei künstlerisch nicht weiter erwähnenswert: Das eine ist Lovecrafts jährliches Geburtstagsgedicht für Jonathan E. Hoag, das er dieses Jahr gerade einen Tag vor Hoags Geburtstag am 10. Februar verfasste. Das zweite ist ein ebenfalls recht leichtgewichtiges Geburtstagsgedicht für Sonia: »To Xanthippe«. Sonia erklärt die Herkunft dieses Spitznamens: »Die Bezeichnung ›Sokrates und Xanthippe‹ brachte ich in unsere Korrespondenz ein, als diese mit der Zeit persönlicher wurde. Ich meinte in Howard sokratische Weisheit und Genie zu erkennen – oder schrieb ihm diese zumindest zu – und machte mir dementsprechend in scherzhafter Weise die Rolle der Xanthippe zu eigen.«54 Da die Überlieferung bekanntlich kein allzu positives Bild von der antiken Xanthippe zeichnet, bewies Sonia mit dieser Wahl entweder beträchtliche Selbstironie oder eine gewisse Naivität.

Das letzte Gedicht, »The Cats« vom 15. Februar, ist von einem ganz anderen Kaliber. Diese dämonische Beschwörung in sechs Strophen ist eines von Lovecrafts wirkungsvollsten unheimlich-phantastischen Gedichten – eine wilde, unkontrollierte Tour de Force, die das ganze schauerliche Geheimnis dieser Tierart effektvoll in Szene setzt:

Legions of cats from the alleys nocturnal,

Howling and lean in the glare of the moon,

Screaming the future with mouthings infernal,

Yelling the burden of Pluto’s red rune.**

Was bei allen fünf Gedichten positiv auffällt, ist, dass Lovecraft völlig auf den stereotypen heroischen Paarreim verzichtet.

Sie waren jedoch alles, was Lovecraft in den ersten Monaten des Jahres literarisch zu Papier gebracht hatte, und offensichtlich empfand er die Notwendigkeit, »der täglichen Besucherei und dem Herumsitzen im Café«, zu denen ihn seine zahlreichen Freunde immer wieder verführten, ein Ende zu machen. Er war sich nur allzu bewusst, dass ein solches Dasein »tödlich für jedes persönliche intellektuelle Leben und jede kreative Leistung« war.55 Lovecraft gewöhnte sich an, sich zum Lesen in sein »Ankleidezimmer« im Alkoven zurückzuziehen und das Licht im Wohn- und Arbeitszimmer auszuschalten, damit es aussah, als sei er nicht zu Hause. Oft genug war dieser Täuschungsversuch jedoch erfolglos: Lovecraft und Kirk hatten eine Methode entwickelt, sich durch Klopfen gegen die Heizungsrohre zu verständigen, und da Kirk inzwischen Lovecrafts Tagesabläufe kannte, musste dieser seinen Signalen antworten. Gleichzeitig entwickelte Lovecraft die Strategie, Besucher im Bademantel, mit ungemachtem Bett und umgeben von verstreuten Papieren und Manuskripten zu empfangen, um zu verhindern, dass sie sich bei ihm häuslich einrichteten. An den wöchentlichen Treffen der »Gang« nahm er jedoch weiterhin gewissenhaft teil, sowohl um seine Freunde nicht zu enttäuschen als auch weil er diese Zusammenkünfte wirklich genoss.

Am 20. Mai unterrichtete Lovecraft seine Tante Lillian brieflich von dem Entschluss, seiner »Bohèmeexistenz« ein Ende zu setzen. Der Einbruch am 25. Mai bestärkte ihn in gewissem Sinne darin, wenn auch nur, weil er jetzt nur noch einen annehmbaren Anzug besaß und diesen schonen musste. Doch wenn man seinem Tagebuch Glauben schenkt, dann wurde Lovecraft schon nach einem Monat rückfällig und nahm seine Streifzüge mit der »Gang« wieder auf.

Auch der Amateurjournalismus nahm Lovecrafts Zeit in Beschlag. Da die UAPA im Vorjahr weder einen Kongress noch Vorstandswahlen durchgeführt hatte, amtierte der bestehende Vorstand weiter, sodass Lovecraft noch immer den Posten des Official Editor bekleidete. Während Sonias ausgedehntem Aufenthalt im Juni und Juli stellte Lovecraft eine Ausgabe des UNITED AMATEUR für Juli 1925 zusammen – die einzige Nummer des offiziellen Organs, die in der Amtsperiode 1924–25 erschien. Lovecraft wusste wohl, dass dies sein Abschied von der UAPA war – und zugleich sein Abschied vom organisierten Amateurjournalismus, bis er Anfang der 1930er-Jahre wieder in die Angelegenheiten der NAPA hineingezogen wurde –, und er hatte vor, einen stilvollen Abgang hinzulegen. Vom 4. bis 6. Juni schrieb er den inhaltlich dünnen, aber schmeichelhaften Artikel »The Poetry of John Ravenor Bullen« über den anglo-kanadischen Dichter und Romancier, der allerdings erst im UNITED AMATEUR für September 1925 erschien.

Der UNITED AMATEUR für Juli 1925 wurde fast vollständig mit Beiträgen der »Gang« bestritten: Clark Ashton Smiths Gedicht »Apologia«, ein kurzer Artikel von Long über die Dichtung Samuel Lovemans, eine Besprechung von zwei Gedichtbänden von Smith aus der Feder von Alfred Galpin unter dem Titel »Pirates and Hamadryades«, zwei Gedichte von Long, von denen das eine, »A Man from Genoa«, Longs im folgenden Jahr erscheinendem Gedichtband seinen Titel geben sollte, Samuel Lovemans fein ziselierte Kurzerzählung »The One who Found Pity« und die üblichen, von Lovecraft verfassten »News Notes«, ein »Editorial«, ebenfalls von Lovecraft, und eine »President’s Message« aus der Feder von Sonia.

In gewisser Hinsicht ist die »President’s Message« der interessanteste Beitrag der gesamten Nummer, da Sonia in ihm offen über ihre persönliche Situation und ihre Schwierigkeiten im letzten Jahr spricht:

Pflichten von unerwartetem Ausmaß außerhalb des Amateurjournalismus und gesundheitliche Probleme, die ihren Höhepunkt in meinem Aufenthalt im Brooklyn Hospital im Herbst fanden, hinderten mich im Sommer 1924 vollständig daran, mich der amateurjournalistischen Arbeit zu widmen. Die Nachwirkungen dieser verhängnisvollen Zeit waren zu tiefgreifend, um im restlichen Jahr wieder wettgemacht zu werden, insbesondere da meine Energie und freie Zeit seither äußerst eingeschränkt waren.

Sowohl Sonia als auch Lovecraft beklagen die Apathie, die den gesamten Amateurjournalismus befallen hat. Beide erwähnen die häufigen Diskussionen darüber, UAPA und NAPA zu einer Organisation zu vereinigen, um die Amateurbewegung als Ganzes zu retten. Sie stimmen jedoch darin überein, dass dies nur ein letzter Ausweg sein kann und die UAPA, wenn irgend möglich, als eigenständige Organisation erhalten bleiben sollte. Zu diesem Zweck rief Sonia für den 15. Juli zur Briefwahl eines neuen Vorstands auf. Lovecraft berichtet seiner Tante Lillian, dass er am 3. Juli zweihundert Wahlzettel faltete, in Umschläge steckte und zur Post brachte.56

Im Ergebnis wurde Edgar J. Davis zum Präsidenten, Paul Livingston Keil zum Vizepräsidenten und Grace M. Bromley zur zweiten Vizepräsidentin gewählt. Davis ernannte Victor E. Bacon zum Official Editor und Frank Long zum Leiter des Department of Public Criticism. In einem Brief an Maurice W. Moe gibt Lovecraft seiner Hoffnung Ausdruck, dass es Davis und Bacon irgendwie gelingen könnte, das Ruder herumzureißen:

Glauben Sie nicht, dass die United mit zwei solchen Cherubim an ihrer Spitze eine gewisse Chance auf einen Wiederaufstieg hat? Mit Davis’ Verstand & Bacons ruhelosem Egoismus & Energie, die diesen Verstand zur Tätigkeit zwingen, haben wir doch wohl ein Team, dessen Möglichkeiten nicht zu verachten sind … Es scheint mir nicht ausgeschlossen, dass es Bacon gelingt, genügend »Überlebende« aufzuwecken & um sich zu scharen, um den Verfallserscheinungen des Zeitalters zu widerstehen … sodass wir es noch ein oder zwei Jahre aufschieben können, den Bestatter zu rufen.57

In den nächsten Monaten unternahm Lovecraft einiges, um die Arbeit des neuen Vorstands in Gang zu bringen. Der Erfolg war allerdings mäßig: 1925–26 erschienen einige dünne Ausgaben des UNITED AMATEUR, doch wurden 1926 keine Vorstandswahlen mehr abgehalten, womit die United definitiv am Ende war. Ich habe keinen Überblick, wie viele Amateurzeitschriften in diesem letzten Jahr der Organisation noch herausgegeben wurden. Sicher ist, dass Lovecraft keinerlei Ambitionen hatte, seinen CONSERVATIVE wiederzubeleben, selbst wenn er die finanziellen Möglichkeiten dazu gehabt hätte.

Während Sonias langem Aufenthalt in New York im Juni und Juli unternahmen die Eheleute eine Reihe von Ausflügen. Am 13. Juni besuchten sie den Scott Park in Elizabeth. Am 28. fuhren sie nach Bryn Mawr Park in Yonkers, dem Ort ihres kurzlebigen Hausbauprojekts vom Vorjahr. In Lovecrafts Briefen an seine Tanten findet sich nichts über diesen Ausflug oder seinen Zweck. In seinem Tagebuch notiert er lakonisch »Zauber noch da«. Gemeinsam mit Frank Long besuchte Lovecraft ein weiteres Mal The Cloisters an der Nordwestspitze von Manhattan.

Am 2. Juli unternahmen Sonia und Lovecraft einen Ausflug nach Coney Island, wo Lovecraft zum ersten Mal in seinem Leben Zuckerwatte aß. Sonia ließ dort von einem Afroamerikaner namens Perry einen Scherenschnitt von sich anfertigen. Lovecraft hatte dies bereits am 26. März getan. Dieser Scherenschnitt ist durch seine getreue und vielleicht sogar etwas schmeichelhafte Wiedergabe von Lovecrafts Profil zu einer regelrechten Ikone geworden. Dass es ebenfalls einen Scherenschnitt von Sonia gibt, wissen jedoch nur die wenigsten.

Am 16. Juli machte das Paar eine Wanderung zu den New Jersey Palisades, der bewaldeten, hügeligen Gegend, die direkt gegenüber von Nord-Manhattan jenseits des Hudson River liegt. Lovecraft war von der Landschaft hingerissen:

… wir begannen den Aufstieg entlang des majestätischen Felssturzes auf einem Serpentinenweg, der zum Teil entlang der Landstraße führte, zum Teil als Fußpfad durch das grüne Zwielicht waldiger Steilhänge & dann wieder als Steinstufen, die an einer Stelle als Tunnel unter der Straße hindurchführten. Vom Kamm aus, den wir in einer halben Stunde erreichten, hat man den großartigsten Blick über den Hudson & sein Ostufer & wir wanderten auf der Höhe weiter – durch Waldstücke, Wiesen und vorbei an Schluchten, die von den vorspringenden Felsen des Hochplateaus überragt wurden.58

Lovecraft las abwechselnd Haldemann-Julius-Bändchen – preiswerte Klassikerausgaben für 5 Cent – und Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Mittags aßen die beiden mit Zunge und Käse belegte Sandwiches und Pfirsiche, Eiscreme und Limonade, die sie an einem Kiosk kauften, und kehrten anschließend mit Fähre und Untergrundbahn nach Hause zurück.

Auch für das Kino teilten Lovecraft und Sonia eine Vorliebe. Vielleicht war Sonias Interesse an dieser Form der Unterhaltung größer, doch gelegentlich konnte Lovecraft einen regelrechten Enthusiasmus für Filme entwickeln, die seinem Geschmack entsprachen, wobei es sich zumeist um Historienstreifen oder Gruselfilme handelte – dem technischen Stand der Zeit entsprechend waren es natürlich Stummfilme. Im September berichtet Lovecraft, dass er The Phantom of the Opera gesehen hat:

… was für ein Schauspiel!! Der Film handelte von einem Wesen, das in der großen Pariser Oper umging … die Handlung entwickelte sich so langsam, dass ich während des ersten Teils einige Male eingeschlafen bin. Dann begann der zweite Teil – das Grauen erhob sein grässliches Gesicht – & alle Opiate dieser Welt hätten mich nicht mehr in meinen schläfrigen Zustand zurückversetzen können! Uh!!! Das Gesicht, das zum Vorschein kam, als die Maske heruntergerissen wurde … & die entsetzliche Legion von Wesen, die nebelhaft neben & hinter dem Besitzer dieses Gesichts erschien, als der Mob ihn am Schluss in den Fluss jagte!59

Lovecrafts Tagebuch vermerkt, dass er am 6. Oktober The Lost World – eine Verfilmung des Romans von Arthur Conan Doyle – ansah, aber in seiner Korrespondenz wird dieser durch seine Spezialeffekte und die Darstellung von Dinosauriern bemerkenswerte Film nicht erwähnt. Down to the Sea in Ships, einen faszinierenden Dokumentarfilm über die Walfangsaison in New Bedford, sah sich Lovecraft allein an: »Als exaktes & authentisches Zeugnis einer sterbenden, doch glanzvollen Phase amerikanischen Lebens & Abenteuers ist der ganze Film von unschätzbarem historischem Wert.«60

Am 24. Juli kehrte Sonia nach Cleveland zurück, nahm jedoch Lovecraft zuvor das Versprechen ab, an diesem Abend das Treffen des Blue Pencil Club in Brooklyn zu besuchen. Morgens hatte Lovecraft noch schnell seinen Beitrag für die abendliche Zusammenkunft verfasst: das humoristische Gedicht »A Year Off«, ein weiterer recht erfolgreicher Ausflug in die Domäne der Gesellschaftsdichtung, in dem er die möglichen Ziele einer einjährigen Weltreise Revue passieren lässt: »I’d look up ferries on the Nile, / And ’bus fares for the trip to Mecca«; »Arranging passage thro’ Thibet / To dally with the Dalai Lama.«* Der Schluss des Gedichts ist allerdings ein wenig vorhersehbar: Nachdem der Sprecher alle Stationen seiner Reise bereits in der Phantasie aufgesucht hat, sieht er keine Notwendigkeit mehr, sich leibhaftig auf den Weg zu machen.

Jetzt, wo Sonia nicht mehr in der Stadt war und Lovecraft seine amateurjournalistischen Verpflichtungen erledigt hatte, war für ihn die Zeit gekommen, sich wieder echter literarischer Arbeit zuzuwenden. Am 1. und 2. August schrieb er »The Horror at Red Hook«. In einem Brief an Long – der zu dieser Zeit im Urlaub war – charakterisiert er die Erzählung: »Sie handelt von entsetzlichen kultischen Praktiken, die sich hinter den Banden lärmender junger Müßiggänger verbergen, deren geheimnisvolles Wesen mich so beeindruckt hat. Die Geschichte ist ziemlich lang und weitschweifig, und ich glaube, sie ist nicht sehr gut. Aber sie ist zumindest ein Versuch, Grauen aus einer Atmosphäre zu extrahieren, in der Sie nur allergewöhnlichste Alltäglichkeit sehen.«61 Was die literarische Qualität der Erzählung angeht, ist Lovecrafts eigene Einschätzung leider zutreffend. Es handelt sich um eine seiner schwächsten längeren Arbeiten.

Red Hook ist eine kleine Halbinsel im Südwesten von Brooklyn gegenüber Governors Island, etwa zwei Meilen von Borough Hall entfernt. Von der Clinton Street 169 war das nur ein kurzer Fußweg, und in Lovecrafts Tagebuch findet sich am 8. März der lakonische Eintrag »Red Hook«, der eine Exkursion markiert, die er gemeinsam mit Rheinhart Kleiner dorthin unternahm. Red Hook war damals und bis in die 1990er-Jahre hinein eine der verrufensten Gegenden von New York. In der Erzählung charakterisiert Lovecraft das Viertel durchaus zutreffend, wenn auch mit einer gewissen zynischen Voreingenommenheit:

Red Hook ist ein Irrgarten vermischten Unrats nahe dem alten Uferbezirk gegenüber von Governors Island, mit schmutzigen öffentlichen Straßen, die von den Werften aus die Anhöhe zu höher gelegenem Grund erklimmen, wo die verfallenen Teile der Clinton und Court Street nach Borough Hall abzweigen. Die Häuser sind meist aus Ziegeln und stammen aus dem ersten Viertel oder der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Einige der dunkleren Gassen und Seitenwege haben jene anziehende, alte Atmosphäre, welche die Literatur gewöhnlich »dickensianisch« nennt.

Aber natürlich ist es nicht nur der materielle Zerfall, der ihn interessiert: »Die Bevölkerung ist ein hoffnungsloses Durcheinander und Rätsel: Syrische, spanische, italienische und negroide Bestandteile treffen aufeinander, und Fragmente skandinavischer und amerikanischer Viertel liegen nicht weit davon. Es ist ein Babel der Geräusche und des Schmutzes, das als Antwort auf das Schwappen der öligen Wogen an seinen schmutzigen Piers und die ungeheuren Orgellitaneien der Dampfpfeifen im Hafen seltsame Schreie aussendet.« Das ist im Wesentlichen der Kern der Geschichte: »The Horror at Red Hook« ist im Grunde nichts weiter als ein wütender Protestschrei gegen die »Fremden«, die New York seinen weißen Bewohnern weggenommen haben. Die Erwähnung von »Syrern« ist vielleicht durch einen von Lovecrafts Nachbarn in der Clinton Street 169 inspiriert, der ständig eine eigenwillige Musik spielte, die Lovecraft sonderbare Träume bescherte. Zwei Jahre später schrieb er rückblickend: »Eine Zeit lang bewohnte eine Syrer das Apartment neben meinem und spielte eine unheimliche und jammernde eintönige Musik auf einem seltsamen Dudelsack, die mich von monströsen und unglaublichen Dingen in Krypten unter Bagdad und den endlosen Gängen von Eblis unter den mondsüchtigen Ruinen von Istakhar träumen ließ.«62 Man sollte meinen, dass Lovecraft derartige kreative Impulse zu schätzen gewusst hätte, doch war dies offensichtlich nicht der Fall.

Sonia berichtet in ihren Erinnerungen von einem Ereignis, das Lovecraft zu der Erzählung inspiriert habe: »Es war eines Abends, während er und – wenn ich mich recht erinnere – Morton, Sam Loveman und Rheinhart Kleiner in einem Restaurant irgendwo in Columbia Heights aßen, als eine Gruppe von lärmenden, rüpelhaften Männern hereinkam. Er war über ihr flegelhaftes Benehmen so empört, dass er aus diesem Erlebnis ›The Horror at Red Hook‹ spann.«63 Es ist gut möglich, dass Lovecraft Sonia gegenüber ein solches Erlebnis erwähnte, doch habe ich gewisse Zweifel daran, dass die Erzählung auf ein einzelnes Ereignis zurückgeht. Sie scheint vielmehr die wachsende Niedergeschlagenheit Lovecrafts nach eineinhalb Jahren der Armut und der vergeblichen Bemühungen um Arbeit widerzuspiegeln.

Die Handlung von »The Horror at Red Hook« ist schnell erzählt. Lovecraft präsentiert sie als elementaren Konflikt zwischen Gut und Böse, verkörpert in den Gestalten von Thomas Malone, einem irischen Polizeidetektiv, der in der Borough-Hall-Polizeistation von Brooklyn arbeitet, und Robert Suydam, einem exzentrischen älteren Mann aus einer ehrwürdigen niederländischen Familie, der im Mittelpunkt der grauenhaften Ereignisse steht. Suydam, der als »ausgezeichneter Kenner mittelalterlichen Aberglaubens« gilt, fällt zunächst dadurch auf, dass er »sich auf den Bänken um Borough Hall herumdrückte und sich mit Gruppen dunkelhäutiger, übelaussehender Fremder unterhielt«. Mit der Zeit wird Suydam jedoch klar, dass er für seine heimlichen Aktivitäten eine Fassade gesellschaftlicher Wohlanständigkeit benötigt. Also legt er seinen merkwürdigen Habitus ab, vereitelt die Versuche seiner Verwandten, ihn für unmündig zu erklären, und verlobt sich mit »einer jungen Dame in hervorragender Lebensstellung«, Cornelia Gerritsen. Ihre Hochzeit versammelt »eine gedrängte Seite aus dem Handbuch der guten Gesellschaft«. All das wirkt zunächst wie eine – von Lovecraft in keiner Weise beabsichtigte – zynische Satire auf die Absurdität von Klassenunterschieden. Die Hochzeitsfeier, die an Bord eines Dampfschiffes, das am Cunard Pier vor Anker liegt, abgehalten wird, nimmt jedoch ein schreckliches Ende: Das Hochzeitspaar wird auf schreckliche Weise ermordet und völlig ausgeblutet aufgefunden. In einer ziemlich dubiosen Wendung wird Suydams Leichnam, aufgrund von Anweisungen, die von ihm unterzeichnet sind, von den Behörden einer verdächtigen Gruppe von Männern übergeben, die von »einem Araber mit scheußlich negroidem Mund« angeführt wird.

Von nun an versinkt die Geschichte immer weiter in den Niederungen des Pulp, und der Leser findet sich in der Krypta einer abbruchreifen Kirche, die zum Tanzlokal umfunktioniert wurde, wo abscheuliche halbmenschliche Wesen schreckliche Riten zu Ehren der Göttin Lilith vollziehen. Suydams Leichnam, der auf wundersame Weise wieder zum Leben erwacht, widersetzt sich seiner Opferung am Altar der Göttin, den er stattdessen umstürzt, womit er – während er selbst »zu einem schmutzigen Verwesungsfleck« zusammensinkt – dem Grauen ein Ende setzt. Detektive Malone erlebt all dies als mehr oder weniger passiver Beobachter, ist jedoch schließlich von den Ereignissen, deren Zeuge er wird, so traumatisiert, dass er sich mehrere Monate in einem kleinen Dorf in Rhode Island erholen muss.

Neben der Abgedroschenheit der übernatürlichen Elemente überrascht an der Geschichte am meisten, wie schlecht sie geschrieben ist. Die überhitzte Rhetorik, die in anderen Lovecraft-Erzählungen dem Leser ein unschuldiges Vergnügen bereitet, wirkt hier bloß gezwungen und bombastisch: »Hier ist die allumfassende Sünde eingeflossen und hat, zerfressen von unheiligen Riten, ihren grinsenden Todesmarsch begonnen, der uns alle zu schwammartigen Abnormitäten verrotten lassen wird, die zu schrecklich sind, als dass das Grab sie bergen könnte. Hier hielt Satan Hof wie in Babylon, und im Blut fleckenloser Kindheit wurden die aussätzigen Glieder Liliths gebadet.« Was der Atheist Lovecraft unter »allumfassender Sünde« verstanden haben mag und warum er »Satan« aus dem Hut zaubert, wäre eine interessante Frage. Im Grunde geht es in dieser Passage, wie in der gesamten Erzählung, um die Furcht, von jenen Fremden überwältigt und »bastardisiert« zu werden, denen es auf wundersame Weise gelingt, all die standfesten, hochentwickelten Angelsachsen, die diese große weiße Nation begründet haben, mehr und mehr zu verdrängen. Lovecraft kann nicht anders, als die Erzählung missgelaunt und sentenziös – »die Seele des Tieres ist allgegenwärtig und siegreich« – und mit der durchsichtigen Andeutung zu beenden, dass das Grauen, das von der finalen Polizeirazzia scheinbar ausgelöscht wurde, zu einem späteren Zeitpunkt erneut sein Haupt erheben wird. In der Schlussszene wird Malone Zeuge, wie eine »dunkle, schielende Hexe« einem kleinen Kind jene Beschwörungsformel beibringt, auf die er bereits zuvor in den Riten der Red-Hook-Bewohner gestoßen ist. Dieser klischeehafte Schluss scheint durchaus passend für eine Erzählung, die praktisch nur aus Klischees besteht – sowohl was ihren offenen Rassismus als auch was ihre Verwendung unheimlich-phantastischer Motive angeht.

Wie einfallslos und schablonenhaft die Erzählung ist, zeigt sich exemplarisch darin, dass Lovecraft einen großen Teil der magischen Versatzstücke pauschal aus den beiden Artikeln »Magic« und »Demonology« der neunten Auflage der Encyclopedia Britannica übernahm, die er besaß. Ihr Verfasser war der berühmte Anthropologe E. B. Tylor, dessen Werk Primitive Culture (1871) ein Meilenstein in der Entwicklung der akademischen Ethnologie ist. Lovecraft machte aus den Übernahmen keinen Hehl. An Clark Ashton Smith schrieb er: »Ich würde gern weniger offensichtliche Quellen benutzen, wenn ich nur wüsste, welche ich anzapfen könnte.«64 Diese Bemerkung ist auch insofern interessant, als sie die immer wieder von okkultistischer Seite vorgebrachte Behauptung widerlegt, dass Lovecraft über ein umfangreiches esoterisches Wissen verfügte. Die meisten okkultistisch-magischen Anspielungen, die sich in seinen späteren Geschichten finden, sind Lewis Spences Encyclopaedia of Occultism (1920) entnommen, die sich in Lovecrafts Besitz befand.

Zu den direkten Übernahmen aus dem Artikel »Demonology« zählt das lateinische Zitat des frühneuzeitlichen Autors Martin Anton Delrio An sint unquam daemones incubi et succubae, et an ex tali congressu proles nasci queat? (»Hat es jemals Dämonen, Incubi und Succubi gegeben, und können aus einer solchen Verbindung Nachkommen hervorgehen?«) Aus dem Artikel »Magic« entnahm Lovecraft die Beschwörungsformel, die am Anfang und am Schluss der Erzählung vorkommt (»O, Freundin und Gefährtin der Nacht …«), und den griechisch-hebräische Zauberspruch, den Malone auf der Wand der in ein Tanzlokal umgewandelten Kirche findet. In einem späteren Brief versuchte Lovecraft sich an einer Übersetzung der Formel, wobei er einige peinliche Wissenslücken offenbarte – so schrieb er über den Begriff homousion, dass es sich »möglicherweise um einen dekadente Variante oder ein Kompositum handelt, in dem das griechische homou – gemeinsam enthalten ist«.65

Die Figur des irischen Polizisten Malone ist eine kurze Betrachtung wert. Sie ist wohl weniger als Selbstportrait Lovecrafts zu sehen, sondern vielmehr als eine – wenn auch oberflächliche – Hommage an seine beiden literarischen Lehrmeister Machen und Dunsany. Malones irische Herkunft, aber auch die Bemerkung, dass er »in einer Georgianischen Villa in der Nähe des Phoenix Park« geboren wurde, verbinden ihn mit Dunsany, der ebenfalls nicht in Irland, sondern in der Nähe des Regent’s Park in London zur Welt kam. Malones Mystizismus lässt sich hingegen als eine Verbeugung vor Arthur Machen lesen. Vielleicht schwebte Lovecraft vor, in »The Horror at Red Hook« New York mit einer ähnlichen Atmosphäre unheiliger Hexerei zu versehen, wie Machen es in The Three Impostors und anderen Texten mit London getan hatte.

Die Gestalt des Polizeidetektivs Malone ist nicht zuletzt im Hinblick auf die Entstehung und die spezifische Form der Erzählung interessant. Einige Zeit bevor er »The Horror at Red Hook« schrieb, hatte Lovecraft »The Shunned House« an DETECTIVE TALES geschickt, die Zeitschrift, die zeitgleich mit WEIRD TALES gegründet worden war und die noch immer von Edwin Baird herausgegeben wurde. Obwohl in DETECTIVE TALES ab und zu unheimlich-phantastische Geschichten abgedruckt wurden, hatte Baird die Erzählung abgelehnt.66 Ende Juli sprach Lovecraft davon, »einen Roman oder Kurzroman über die Schrecken von Salem zu schreiben, dem ich einen hinreichend ›detektivischen‹ Anstrich geben kann, um ihn an Edwin Baird für DETECTIVE TALES zu verkaufen«.67 Der Roman scheint jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht über das Ideenstadium hinausgekommen zu sein. All dies deutet jedenfalls darauf hin, dass Lovecraft versuchte, wie ungeschickt auch immer, sich neben WEIRD TALES weitere Publikationsmöglichkeiten zu erschließen, und sich dafür an den Mann wandte, der als Herausgeber von WEIRD TALES alle seine Erzählungen angenommen hatte. Anfang August erwähnt Lovecraft, dass er vorhat, »The Horror at Red Hook« an DETECTIVE TALES zu schicken. Falls er es tatsächlich getan hat, dann wurde die Geschichte allerdings abgelehnt.68 Später behauptete Lovecraft, dass er die Erzählung explizit für WEIRD TALES geschrieben habe,69 wo sie auch im Januar 1927 erschien. Malone ist jedoch zweifellos die orthodoxeste Detektivgestalt in Lovecrafts gesamtem Werk, und es scheint durchaus wahrscheinlich, dass er an DETECTIVE TALES dachte, als er sie konzipierte.

Ansonsten ist in »The Horror at Red Hook« vor allem ein gewisses Lokalkolorit bemerkenswert, das von Lovecrafts wachsender Vertrautheit mit Brooklyn zeugt. Das Vorbild der in ein Tanzlokal umgewandelten Kirche war sehr wahrscheinlich eine heute abgerissene Kirche in der Nähe der Kais von Red Hook, die tatsächlich eine Zeit lang diese Funktion gehabt hatte.70 Suydam wohnt in der Martense Street – und damit gleich um die Ecke von Sonias und Lovecrafts Wohnung in der Parkside Avenue 259 – in der Nähe der Dutch Reformed Church mit ihrem »von Eisengittern umschlossenen Kirchhof mit niederländischen Grabsteinen«, der Lovecraft bereits zu »The Hound« inspiriert hatte. Allerdings konnte ich in der Martense Street heute kein Haus mehr ausmachen, das mit der Beschreibung, die Lovecraft in »The Horror at Red Hook« gibt, übereinstimmt. Ein weiterer Verweis, der allerdings nichts mit Brooklyn zu tun hat, ist die Erwähnung der Yeziden, wenn Malone darüber spekuliert, dass die unguten Bewohner von Red Hook mongolische Züge haben und »irgendwo aus der Nähe von Kurdistan stammen«, wobei er nicht umhin kommt sich zu erinnern, dass Kurdistan das Land der Yeziden ist, »der letzten Überlebenden der persischen Teufelsanbeter«. Für dieses Detail bediente sich Lovecraft meiner Überzeugung nach bei E. Hoffmann Price, in dessen schöner Kurzgeschichte »The Stranger from Kurdistan«, die im Juli 1925 in WEIRD TALES veröffentlicht wurde, von der – angeblichen – Teufelsanbetung der Yeziden die Rede ist. Persönlich sollten Lovecraft und Price erst sieben Jahre später Bekanntschaft schließen.

Der kaum verhohlene Rassismus, der in »The Horror at Red Hook« immer wieder durchbricht, bietet einen guten Anlass, sich mit der Entwicklung – wenn von einer Entwicklung überhaupt die Rede sein kann – von Lovecrafts Haltung zu Rassenfragen auseinanderzusetzen. Es steht außer Frage, dass sein Rassismus – zumindest auf dem Papier – während seiner New Yorker Jahre virulenter war als zu jeder anderen Zeit seines Lebens. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass das scheinbare Paradoxon, dass der Antisemit Lovecraft eine Jüdin heiratete, sich auflöst, wenn man berücksichtigt, dass Sonia – wie auch andere Juden, zum Beispiel Samuel Loveman – aus seiner Sicht die Forderung, sich der weißen protestantischen Bevölkerung der USA zu assimilieren, vollständig erfüllt hatte. Nichtsdestotrotz äußert sich Sonia mehrfach zu Lovecrafts Haltung gegenüber Juden und »Fremden« im Allgemeinen. In ihren Erinnerungen schreibt sie: »Obwohl Howard einmal gesagt hatte, dass er New York liebe und dass es von nun an sein ›adoptierter Bundesstaat‹ sei, musste ich bald erfahren, dass er die Stadt und ihre ›fremdländischen Horden‹ hasste. Als ich ihm entgegenhielt, dass auch ich eine dieser Fremden war, erwiderte er, dass ich nicht länger zu diesen Bastarden gehörte: ›Du bist jetzt Mrs. H. P. Lovecraft aus der Angell Street 598, in Providence, Rhode Island‹71 Gehen wir darüber hinweg, dass Lovecraft und Sonia niemals gemeinsam in der Angell Street 598 gewohnt haben. Eine spätere Bemerkung Sonias ist vielleicht noch aufschlussreicher: »Kurz nachdem wir geheiratet hatten, bemerkte er mir gegenüber, er würde es bevorzugen, dass, wenn wir Gäste zu uns einlüden oder in Gesellschaft wären, die ›Arier‹ in der Überzahl wären.«72 Sonias letzte Bemerkung zu diesem Thema ist vielleicht noch vernichtender für Lovecraft. Als sie 1922 versuchte, ein persönliches Treffen zwischen Lovecraft und Samuel Loveman zu arrangieren, geschah dies laut Sonia zu einem guten Teil in der Absicht, Lovecraft von seinen Vorurteilen gegen Juden zu »heilen«, indem er einem von ihnen von Angesicht zu Angesicht begegnete. Sie fährt fort:

Leider beurteilt man oft ein ganzes Volk nach dem Eindruck der ersten Vertreter, denen man begegnet. Doch H. P. versicherte mir, dass er weitgehend »geheilt« war und dass wir, da ich mich der amerikanischen Lebensart und meinem amerikanischen Umfeld so gut angepasst hatte, mit Sicherheit eine harmonische Ehe führen würden. Doch leider (und hier muss ich von etwas sprechen, was ich nie an die Öffentlichkeit bringen wollte) war es so, dass er, wann immer er auf Menschenmengen stieß – in der Untergrundbahn oder um die Mittagszeit auf den Bürgersteigen am Broadway, oder wo auch immer er sonst in Menschenansammlungen geriet, und oft waren das Arbeiter, die ethnischen Minderheiten angehörten –, blass vor Zorn und Wut wurde.73

In einem Brief an Winfield Townley Scott kommt Sonia auf diese Bemerkung zurück:

Ich wiederhole noch einmal und schwöre feierlich, dass es die Wahrheit ist: Er wurde blass vor Wut, wenn er die zahlreichen fremdländisch aussehenden Menschen sah, denen er, insbesondere um die Mittagszeit, auf den Straßen von New York City begegnete. Ich versuchte seine Ausbrüche zu besänftigen, indem ich sagte: »Du musst sie ja nicht lieben. Aber sie so maßlos zu hassen, kann zu nichts Gutem führen.« Darauf antwortete er: »Es ist wichtiger zu wissen, was man hassen soll, als zu wissen, was man lieben soll.«74

Wiederum findet sich in diesen Äußerungen wenig Überraschendes. Nichtsdestotrotz wirkt Lovecrafts Haltung aus heutiger Perspektive abstoßend. In den Briefen an seine Tanten, die in dieser Zeit entstanden, fanden sich allerdings, anders als L Sprague de Camp behauptet, nur wenige Bemerkungen dieser Art. Berüchtigt ist Lovecrafts Bericht von einem Ausflug in den Pelham Bay Park, eine weitläufige Grünanlage im äußersten Nordosten der Bronx, den er am vierten Juli gemeinsam mit Sonia unternahm: »… wir hatten uns die ländliche Einsamkeit, die uns erwartete, in den leuchtendsten Farben ausgemalt. Aber dann kam die Endstation – & unsere Illusionen zerstoben. Bei Peter von Pegāna, was für ein Gedränge! Und das war noch nicht das Schlimmste … denn ich schwöre jeden heiligen Eid und will verdammt sein, wenn nicht drei von vier Leuten, nein, ganze neun von zehn – fette, stinkende, grinsende, plappernde Neger waren!«75 Sonia und Lovecraft beschlossen gemeinsam, so rasch wie möglich die Flucht zu ergreifen – möglicherweise war auch Sonia, zumindest zu dieser Zeit, nicht so frei von rassistischen Vorurteilen, wie sie es in ihren Erinnerungen suggeriert. In einem langen Brief von Anfang Januar lässt sich Lovecraft ausführlich darüber aus, dass es den Juden niemals gelingen könne, sich dem amerikanischen Leben wirklich zu assimilieren. »Jene Idealisten, die dem Glauben an eine unmögliche Verschmelzung Vorschub leisten, richten enormen Schaden an«, behauptet er, um dann fortzufahren: »Auf unserer Seite erregen die meisten semitischen Typen Schauder des Abscheus.«76 Damit stößt Lovecraft, zumindest was ihn selbst betrifft, unwillentlich zum Kern der Sache vor: Trotz allem hochtrabenden Gerede über Unassimilierbarkeit – was Lovecraft an den Fremden – oder besser gesagt Nicht-»Ariern«, denn viele Angehörige ethnischer Minderheiten in New York waren bereits in erster oder zweiter Generation gebürtige Amerikaner – vor allem störte, war die simple Tatsache, dass sie irgendwie merkwürdig aussahen.

Doch müssen an diesem Punkt auch einige Worte zu Lovecrafts Verteidigung gesagt werden. Zunächst ist festzustellen, dass diese anti-jüdische Tirade, die er seiner Tante Lillian schickte, in ihrer Ausführlichkeit und Vehemenz eine einmalige Sache in ihrer Korrespondenz war. Lillian scheint daraufhin befürchtet zu haben, dass ihr Neffe sich zu verbalen oder körperlichen Ausfällen gegen Juden oder Vertreter nicht-nordischer Ethnien hinreißen lassen könnte. Lovecraft schreibt ihr Ende März: »Übrigens – mach Dir keine Sorgen, dass meine nervöse Reaktion gegen das fremde Element in N. Y. mich zu Äußerungen verleitet, an denen jemand Anstoß nehmen könnte. Man hat ein Gefühl dafür, wann & wo man über gesellschaftliche oder ethnische Fragen sprechen kann & unsereins neigt nicht zu faux pas oder dazu, mit seiner Meinung hausieren zu gehen.«77

Es ist dieser letzte Punkt, auf dem Lovecrafts Fürsprecher eine ihrer Argumentationslinien aufbauen. Frank Long schreibt: »Während all dieser Gespräche und langen Wanderungen durch die Straßen von New York oder Providence hörte ich von ihm niemals irgendeine abfällige Bemerkung über Angehörige einer Minderheit.«78 Dies widerspricht scheinbar den Erinnerungen von Sonia, doch vielleicht hielt Lovecraft es schlicht nicht für klug, solche Ansichten in Gegenwart von Long zu äußern, auch wenn er in einem Brief von Anfang Januar an Lillian über diesen bemerkte:

Die einzig angemessene Gesellschaft für einen echten konservativen Amerikaner ist die Gesellschaft anderer echt konservativer Amerikaner – von guter Herkunft & in gesicherten Verhältnissen inmitten alter Traditionen aufgewachsen. Aus diesem Grund ist Belknap der Einzige aus der »Gang«, der bei mir nie für Irritationen sorgt. Er ist in diesem Sinne echt – er steht in einer Weise mit angeborenen Erinnerungen & meiner Providencer Lebensart in Verbindung, dass er mir wie eine reale Person vorkommt und nicht wie ein zweidimensionaler Schatten in einem Traum, wie es bei mehr bohèmehaften Persönlichkeiten der Fall ist.79

Ich bin mir nicht sicher, ob Long über dieses vorgebliche Kompliment glücklich gewesen wäre. Wie dem auch sei, es scheint, dass Lovecraft zumindest in Erwägung gezogen hat, nicht nur in brieflichen Tiraden gegen die »Fremden« vorzugehen. Sechs Jahre später bemerkt er rückblickend: »Die Bevölkerung von New York City ist eine bastardisierte Herde, in der abstoßende mongoloide Juden sichtbar die Mehrheit stellen. Die vulgären Gesichter und schlechten Manieren werden einem mit der Zeit so unerträglich, dass man Lust bekommt, jedem gottverdammten Bastard, der einem über den Weg läuft, die Fresse zu polieren.«80 Das Fehlen von Anhaltspunkten für ein manifest rassistisches Verhalten bei Lovecraft ist jedoch zentral für die Argumentation, die Dirk W. Mosig, dessen Forschungen in den 1970er-Jahren bahnbrechend für eine ernsthafte literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Lovecrafts Werk waren, in einem Brief an Frank Long skizziert. Mosig führt drei »mildernde Umstände« für Lovecraft ins Feld: 1. »… der Begriff ›Rassist‹ hat heute einen Bedeutungsumfang, der sich stark von dem unterscheidet, den er im ersten Drittel des Jahrhunderts hatte.«; 2. »Wie jeden anderen auch sollten wir Lovecraft nach seinem Handeln beurteilen und nicht nach privaten Äußerungen, die nicht in der Absicht gemacht wurden, irgendjemanden zu verletzen«; 3. »HPL nahm gegenüber seinen verschiedenen Briefpartnern unterschiedliche Posen oder personae ein … Es scheint wahrscheinlich, dass er … sich seinen Tanten gegenüber so äußerte, wie sie es hören wollten, und dass einige seiner ›rassistischen‹ Äußerungen weniger tiefer Überzeugung entsprangen, sondern vielmehr dem Wunsch, sich den Auffassungen anderer anzupassen.«81

Ich befürchte, dass keines dieser Argumente wirklich stichhaltig ist. Natürlich hat der Begriff des Rassismus nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust eine düsterere Bedeutung angenommen, doch hinkte Lovecraft – wie ich später noch ausführlicher zeigen werde – mit seinen Auffassungen über die biologische Minderwertigkeit von Schwarzen, die Unmöglichkeit einer kulturellen Assimilation zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und die rassische und kulturelle Homogenität von Ethnien und Nationen seiner Zeit schlicht hinterher. Der Prüfstein für Lovecrafts Überzeugungen sind nicht die Auffassungen des »Mannes von der Straße« – der damals wie heute oft mehr oder weniger offen rassistisch dachte –, sondern die Position der fortschrittlichen Intellektuellen seiner Zeit, die in diesen Fragen ganz andere Ansichten vertraten. Was das Argument angeht, dass das Handeln mehr zählt als private Äußerungen, so erscheint es mir als eine Binsenweisheit. Man kann Lovecraft nicht vom Vorwurf des Rassismus freisprechen, bloß weil er keinen Juden von Angesicht zu Angesicht beleidigt und keinen Schwarzen mit dem Baseballschläger traktiert hat. Für Mosigs dritten Punkt, dass Lovecraft nur schrieb, was seine Tanten lesen wollten, gilt im Grunde dieselbe Kritik. Auch wird er durch eine systematische Lektüre von Lovecrafts Korrespondenz widerlegt. Die lange Tirade gegen die Juden in Lovecrafts Brief vom Januar 1926 war keine Reaktion auf irgendetwas, das Lillian geschrieben hatte, sondern wurde durch einen Zeitungsausschnitt über die ethnische Abstammung Jesu ausgelöst, den ihm seine Tante geschickt hatte. Es ist zwar durchaus wahrscheinlich, dass Lillian und Annie als alteingesessene Yankees ähnliche Ansichten wie Lovecraft vertraten. Doch in Lovecrafts Antwort an seine Tante von Ende März deutet sich zumindest an, dass sie in diesen Fragen moderatere Positionen einnahmen als er.

Allerdings wurde Lovecrafts Fremdenfeindlichkeit von seinem immer instabileren psychischen Zustand verschärft. Er fand sich in einem Überlebenskampf in einer fremden, unwirtlichen Stadt, in die er nicht zu gehören schien und in der er wenig Aussichten hatte, Arbeit zu finden oder dauerhaft heimisch zu werden. Einwanderer und Fremde boten sich als bequeme Sündenböcke an, und New York City – damals wie heute die kosmopolitischste und kulturell heterogenste Stadt der Vereinigten Staaten – stand in starkem Kontrast zu der homogenen und konservativen Gesellschaft Neuenglands, in der er die ersten vierunddreißig Jahre seines Lebens verbracht hatte. Die Stadt, die ihm anfangs als Dunsany’scher Quell der Pracht und des Staunens erschienen war, hatte sich in einen schmutzigen, lauten, übervölkerten Ort verwandelt, der Lovecrafts Selbstbewusstsein einen Schlag nach dem anderen versetzte: Trotz seiner Fähigkeiten war es ihm nicht gelungen, dort eine Arbeit zu finden, und er hatte sich gezwungen gesehen, sich in einem schäbigen, rattenverseuchten, von Einbrechern heimgesuchten Loch zu verkriechen, wo sein einziger Ausweg darin bestand, rassistische Geschichten wie »The Horror at Red Hook« zu verfassen, um seiner Wut und Verzweiflung ein Ventil zu bieten.

Doch Lovecrafts Kreativität war trotz allem nicht erschöpft. Acht Tage nachdem er »Red Hook« zu Papier gebracht hatte, brach er zu einem langen, einsamen Abendspaziergang auf, der ihn durch Greenwich Village zur Battery und von dort zur Fähre nach Elizabeth führte, die er um sieben Uhr abends erreichte. In einem Geschäft kaufte er für 10 Cent ein Notizbuch, ging in den Scott Park und schrieb eine Geschichte:

Unwillkürlich stiegen Ideen in mir auf wie schon seit Jahren nicht mehr & die sonnige reale Umgebung verschwamm bald in das Purpur und Rot einer höllischen Mitternachtserzählung – einer Erzählung von geheimnisvollen Schrecken im Gewirr der vorsintflutlichen Gassen von Greenwich Village – in die ich eine gute Portion poetischer Beschreibung hineinwob & den nachhaltigen Schrecken, den derjenige empfindet, der nach New York kommt wie zu einer Feenblume aus Stein & Marmor und doch nur einen von Würmern wimmelnden Leichnam findet – eine tote Stadt schielender Fremdheit, die nichts mit seiner eigenen Vergangenheit oder der Tradition Amerikas im Allgemeinen gemein hat. Ich nannte sie »He« …82

Es ist bemerkenswert, dass Lovecraft New York erst verlassen musste, um darüber schreiben zu können. Laut seinem Tagebuch war er am 13. Juni zum ersten Mal im Scott Park gewesen, der rasch zu einer seiner bevorzugten Zufluchtsstätten wurde. Und wenn die oben zitierte Beschreibung der Erzählung autobiographisch klingt, so ist das kein Zufall, denn »He« ist zwar »The Horror at Red Hook« literarisch weit überlegen, zugleich jedoch ein ebenso herzzerreißender Verzweiflungsschrei wie die Vorgängererzählung – woraus Lovecraft kein Geheimnis macht. Der Anfang der Geschichte ist berühmt:

Ich sah ihn in einer schlaflosen Nacht, als ich verzweifelt herumwanderte, um meine Seele und meine Träume zu retten. Es war ein Fehler gewesen, nach New York zu kommen; denn wo ich in dem wimmelnden Labyrinth alter Straßen, die sich endlos von vergessenen Gassen, Plätzen und Uferbezirken zu Gassen, Plätzen und Uferbezirken schlängeln, die genauso vergessen sind, und in den gigantischen modernen Türmen und Zinnen, die sich schwärzlich und riesengroß unter dem abnehmenden Mond erheben, nach prickelnden Wundern und Inspirationen gesucht hatte, fand ich stattdessen nur ein Gefühl des Grauens und der Bedrückung, das mich zu überwältigen, zu beherrschen und zu vernichten drohte.

Die Wirkung dieser Passage ist natürlich nicht davon abhängig, ob man Lovecrafts Biographie kennt oder nicht. Doch wenn man um seine Lebensumstände weiß, dann gewinnt sie, als offenkundige Reflexion seines geistigen Zustandes, zusätzliche Eindringlichkeit. Der Erzähler berichtet nun, wie ihn die glitzernden Türme von New York einst in ihren Bann zogen, doch

das nackte Tageslicht zeigte nur Schmutz und Fremdartigkeit und die verderblichen Schwellungen sich auftürmender Steine, wo der Mond Schönheit und alten Zauber angedeutet hatte, und die Menschenmassen, die in den klammähnlichen Straßen wimmelten, waren gedrungene Fremde von dunkler Gesichtsfarbe mit harten Zügen und schmalen Augen, gewandte Fremde ohne Träume und ohne Beziehung zu ihrer Umwelt, die einem blauäugigen Menschen aus altem Stamm mit der Liebe zu schönen, grünen Pfaden und den weißen Kirchtürmen eines New-England-Dorfes im Herzen nichts bedeuten konnten.

Das ist Lovecrafts Soziologie von New York: Die Einwanderer, die sich dort zusammenballen, haben keine »Beziehung« zu der Stadt, die von Holländern und Engländern gegründet wurde, während sie ein ganz anderes kulturelles Erbe mitbringen. Diese spitzfindige Beobachtung führt Lovecraft zu dem Schluss, dass »diese Stadt aus Stein und Lärm keine spürbare Fortsetzung des alten New York ist, so wie London eine von Alt-London und Paris eine von Alt-Paris ist, sondern dass sie in der Tat völlig tot ist, ihr hingestreckter Leichnam schlecht einbalsamiert und von merkwürdigen belebten Dingen zerfressen, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was sie im Leben war«. Die Einwanderer werden jetzt mit Maden gleichgesetzt.

Was aber hält den Erzähler an einem solchen Ort? Er tröstet sich in gewissem Maße, indem er die älteren Teile der Stadt durchstreift, doch was ihn eigentlich davon abhält, ihr den Rücken zu kehren, ist etwas anderes: »Mir schien es unmöglich, zu meinen Leuten nach Hause zurückzukehren, denn wäre ich nicht unwürdig, wie ein Besiegter heimwärts gekrochen.« Inwieweit dies Lovecrafts eigene Empfindungen wiedergibt, ist schwer zu sagen, doch wir werden auf diese Passage und insbesondere auf Sonias Reaktion auf sie noch einmal zurückkommen.

Wie für Lovecraft ist für den Erzähler Greenwich Village eines seiner bevorzugten Ziele, und dort begegnet er, um zwei Uhr morgens in einer Augustnacht, »dem Mann«. Dieser Mann zeichnet sich durch eine sonderbar altertümliche Ausdrucksweise und eine ebenso antiquierte Garderobe aus, und der Erzähler hält ihn zunächst für einen harmlosen Exzentriker. Der Mann erkennt in ihm jedoch sofort einen Gleichgesinnten und nimmt ihn mit auf einen verwirrenden Rundgang durch alte Gassen und Höfe, der an der »efeuüberwachsenen Mauer eines privaten Anwesens« endet, wo der Mann wohnt. Lässt sich dieser Ort in der realen Topographie von New York lokalisieren? Am Ende der Geschichte findet sich der Erzähler »am Eingang einer kleinen, düsteren Gasse wieder, die in die Perry Street mündet«. Dieser Hinweis genügt, um den Bogen zu einer Exkursion zu schlagen, die Lovecraft etwa ein Jahr vor der Entstehung von »He«, am 29. August 1924, unternahm, einer »einsamen Expedition in die Kolonialzeit«, die ihn in die Perry Street führte, wo er »jene namenlose versteckte Gasse aufspüren wollte, die an jenem Tag in der EVENING POST erwähnt worden war«. Er fand die entsprechende Örtlichkeit ohne Schwierigkeiten und »genoss ihren Anblick umso mehr, als ich bereits ihr Bild gesehen hatte. Diese vergessenen Straßen einer älteren Stadt üben eine unermessliche Faszination auf mich aus …«83 Lovecraft spielt hier auf einen Artikel aus der NEW YORK EVENING POST vom selben Tag an, der im Rahmen einer regelmäßigen Kolumne mit dem Titel »Little Sketches About Town« erschienen war. Die Kolumne enthielt eine Zeichnung der »vergessenen Gasse« an der Perry Street und einen kurzen Text: »Alles, was sie betrifft, ist in Vergessenheit geraten – ihr Name, ihr Bezirk, jeder Anhaltspunkt zu ihrer Identifikation. Ihr auffälligstes Kennzeichen, eine alte Öllampe über ein paar ausgetretenen Kellerstufen, sieht so aus, als käme sie nach vielen Jahren schiffbrüchiger Einsamkeit von der Insel der gestrandeten Schiffe und wirkt unrettbar fehl am Platz.«84 Man kann sich vorstellen, dass diese Beschreibung Lovecrafts Neugier entflammte, und es verwundert nicht, dass er sich sofort auf die Suche nach der »vergessenen Gasse« machte. Er berichtet, dass er das Sträßchen ohne Schwierigkeiten fand. Aus der Zeichnung und dem Artikel geht in der Tat ziemlich klar hervor, dass es sich um den Gebäudekomplex handelt, der heute als Perry Street 93 bezeichnet wird: Durch einen Torbogen betritt man ein Gässchen zwischen drei Gebäuden, das noch ziemlich genauso aussieht wie in der Kolumne beschrieben. Dazu kommt, dass eine lokalgeschichtliche Abhandlung über die Perry Street berichtet, dass die Gegend ursprünglich von Indianern besiedelt war (die ihr den Namen Sapohanican gaben), und nicht zuletzt, dass zwischen 1726 und 1744 auf dem Areal, das heute von Perry, Charles, Bleecker und West Fourth Street begrenzt wird, ein luxuriöses Herrenhaus errichtet wurde, das einer Folge von reichen New Yorker Bürgern als Wohnsitz diente, bis es 1865 abgerissen wurde.85 Zweifellos kannte Lovecraft die Geschichte der Gegend und hat sie geschickt in seine Erzählung eingearbeitet.

Entscheidend für die Logik von »He« ist jedoch, dass das Haus, das der Mann bewohnt, nicht leicht zu finden ist. Er führt den Erzähler über absichtsvolle Umwege, bis dieser die Orientierung verliert – einmal müssen die beiden »auf Händen und Knien durch einen niederen, gewölbten Gang kriechen, dessen ungeheure Länge und komplizierte Windungen jeden Hinweis auf unsere geographische Position auslöschten«. Dieser Moment ist entscheidend für die Einführung des phantastischen Moments in die Erzählung: In einer Geschichte, die sich ansonsten durch ein hohes Maß an topographischem Realismus auszeichnet, muss eine Zone des Geheimnisses etabliert werden, in der das Unwirkliche angesiedelt werden kann.

Es gibt ein weiteres biographisches Detail, das sich mit der Erzählung in Verbindung bringen lässt: Bei einer früheren Erkundung der aus der Kolonialzeit stammenden Teile von Greenwich Village Anfang August 1924 waren Lovecraft und Sonia tatsächlich einem älteren Herrn begegnet, der sie auf einige versteckte Örtlichkeiten aufmerksam gemacht hatte, die ihnen sonst entgangen wären:

Indem wir uns auf eine Unterhaltung mit dem oben erwähnten redefreudigen Gentleman einließen, erfuhren wir viel von der lokalen Geschichte, darunter, dass die Häuser am Milligan Court ursprünglich Ende des 18. Jahrhunderts von der methodistischen Kirche für die ärmeren, aber ehrenwerten Familien der Gemeinde errichtet worden waren. Während er mit seinen Erklärungen fortfuhr, geleitete uns unser liebenswürdiger Führer zu einer scheinbar unauffälligen Tür in der Mauer des Hofes und durch den schummrigen Korridor dahinter zu einer Hintertür. Wohin er uns führte, wussten wir nicht. Doch als wir aus der Hintertür traten, hielten wir in entzücktem Erstaunen inne. Dort, zu allen Seiten von der Welt durch blanke Mauern und Hausfassaden abgetrennt, befand sich ein zweiter, versteckter Hof oder eine Gasse. Hier und da wuchsen Büsche und Bäume, und auf der Südseite erstreckte sich eine Reihe von schlichten Hauseingängen im Kolonialstil und Fenster mit Butzenscheiben!! … Angesichts dieser abgeschlossenen und verborgenen Bruchstücke der Vergangenheit beschwört die Phantasie ungezählte unheimliche Möglichkeiten herauf …86

Die Ähnlichkeit mit dem Weg, der den Erzähler von »He« in den versteckten Hof führt, ist augenfällig – auch wenn es hier keine Strecke gibt, die auf Händen und Knien zurückgelegt werden muss. Und die »unheimlichen Möglichkeiten« des Ortes machten zweifellos einen starken Eindruck auf Lovecraft, auch wenn es ein Jahr dauern sollte, bis er ihnen literarischen Ausdruck verlieh.

In dem Herrenhaus angekommen, beginnt der Mann von einem »Ahnen« zu erzählen, der eine Art Hexerei praktizierte, die er von den in der Gegend ansässigen Indianern erlernt hatte. Später vergiftete er die Indianer mit schlechtem Rum, sodass er der alleinige Träger der Geheimnisse wurde, die er ihnen entlockt hatte. Um was für ein geheimes Wissen handelt es sich dabei? Der Mann führt den Erzähler zu einem Fenster, und als er die Vorhänge zurückschlägt, wird eine idyllische ländliche Gegend sichtbar, bei der es sich nur um das Greenwich des 18. Jahrhunderts handeln kann. Der erstaunte und bestürzte Erzähler fragt: »Ist es möglich … wagen Sie … weiterzugehen?« Verächtlich zieht der Mann die Vorhänge ein weiteres Mal zurück und offenbart nun einen Blick in die Zukunft:

Ich sah den Himmel von merkwürdigen fliegenden Objekten wimmeln und darunter eine höllenschwarze Stadt riesiger Steinterrassen, mit gotteslästerlichen Pyramiden, die sich dem Mond entgegenstreckten, und Teufelslichter, die in unzähligen Fenstern brannten. In luftigen Säulenhallen sah ich die gelben, schielenden Bewohner dieser Stadt ekelerregend herumwimmeln, grässlich in Orange und Rot gekleidet und wie wahnsinnig zum Hämmern fiebriger Kesselpauken tanzen, zum Aneinanderschlagen widerlicher Klappern und zum manischen Jammern gedämpfter Hörner, deren endloses Klagelied sich wellenförmig hob und senkte, wie die Wellen eines unheiligen Ozeans aus Bitumen.

Es lässt sich nicht leugnen, dass hier erneut ein rassistisches Element ins Spiel kommt. Die »gelben, schielenden Bewohner« sind offensichtlich asiatische Einwanderer, die die Stadt in der Zwischenzeit überrannt haben – entweder als Eroberer oder (was in Lovecrafts Augen wohl noch schlimmer wäre) durch Rassenmischung. Doch trotz allem verfehlt das entworfene Panorama seinen Eindruck nicht. Ich vermute, dass Lovecraft sich zu dieser Szene von Lord Dunsanys pikareskem Roman The Chronicles of Rodriguez (1922) inspirieren ließ, in dem Rodriguez und ein Freund nach steilem Aufstieg auf einen Berg zum Haus eines Zauberers kommen, der ihnen aus verschiedenen Fenstern des Hauses Ausblicke auf vergangene und zukünftige Kriege gewährt – wobei es sich bei letzteren um die titanischen Schrecken des Ersten Weltkriegs handelt, der von der mittelalterlichen Zeit aus gesehen, in der der Roman spielt, in einer entfernten Zukunft liegt.87

Wenn Lovecraft seine Erzählung an dieser Stelle hätte enden lassen, dann könnte man sie als rundum gelungen bezeichnen. Er hatte jedoch die unglückliche Idee, noch einen pulp-kompatiblen Schluss anzufügen, in dessen Verlauf die Geister der ermordeten Indianer, die sich als schwarzer Schleim manifestieren, in das Haus eindringen und den uralten Mann mit sich nehmen – bei dem es sich natürlich selbst um den »Ahnen« handelt. Der Erzähler stürzt daraufhin in einer unwahrscheinlichen Wendung durch die verschiedenen Etagen des Gebäudes und findet sich schließlich auf der Perry Street wieder. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis Lovecraft gelernt hatte, sich genug erzählerische Zurückhaltung aufzuerlegen, um derartige Fehlgriffe zu vermeiden.

Auch die letzten Zeilen der Erzählung sind in autobiographischer Hinsicht interessant: »Was mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht. Doch ich bin nach Hause zurückgekehrt, zu den klaren Gassen von Neuengland, durch die am Abend der aromatische Seewind fährt.« Thomas Malone aus »The Horror at Red Hook« wird nach Chepachet in Rhode Island geschickt, um sich von den Schrecken, die er erlebt hat, zu erholen. Doch in »He« kehrt der Erzähler für immer nach Hause zurück: Ein offensichtlicheres Beispiel imaginärer Wunscherfüllung lässt sich wohl kaum finden. Nichtsdestotrotz ist »He« eine überzeugende Erzählung, deren brütende Prosa und apokalyptische Visionen einer aus den Fugen geratenen Zukunft den Leser gefangen nehmen – und sie ist sicherlich einer der Texte, in denen Lovecraft seiner Herzensqual am unmittelbarsten Ausdruck gibt.

Farnsworth Wright nahm »He« zusammen mit »The Cats of Ulthar« Anfang Oktober für WEIRD TALES an, wo die Geschichte im September 1926 erschien. Merkwürdigerweise hatte Lovecraft »The Shunned House« noch nicht bei WEIRD TALES eingereicht, und als er dies – wohl Anfang September – nachholte, lehnte Wright die Erzählung mit der Begründung ab, dass sie sich zu langsam entwickle.88 Lovecraft kommentiert diese Ablehnung nicht, obwohl es das erste – wenn auch unter Wright keineswegs das letzte – Mal war, dass WEIRD TALES eine seiner Geschichten ablehnte. Er kündigte an, einige seiner älteren Erzählungen für Wright nochmals abzutippen, und schickte ihm einige davon Ende September und eine zweite Ladung Anfang Oktober. Wright sprach auch davon, einen Band mit Erzählungen aus WEIRD TALES zusammenzustellen, der »The Rats in the Walls«89 enthalten sollte, doch führte er diesen Plan letztlich nicht aus. Die Popular Fiction Publishing Company veröffentlichte 1927 unter dem Titel The Moon Terror tatsächlich ein Buch mit Geschichten von A. G. Birch, Anthony M. Rud, Vincent Starrett und Wright selbst, die alle in frühen Ausgaben von WEIRD TALES erschienen waren. Der Band war allerdings ein derartiges kommerzielles Desaster, dass keine weiteren folgten.

»He« war jedoch nicht das Einzige, was Lovecraft im Spätsommer 1925 erzählerisch zu Papier brachte. Das Treffen des Kalem Klubs am Mittwoch, dem 12. August, endete erst gegen vier Uhr morgens, und Lovecraft ging direkt nach Hause und skizzierte »die Handlung für eine neue Geschichte, vielleicht einen kurzen Roman«, dem er den Titel »The Call of Cthulhu« gab.90 Obwohl er zuversichtlich bemerkte, dass »die eigentliche Niederschrift jetzt eine relativ einfache Angelegenheit ist«, sollte es noch über ein Jahr dauern, bis er diese Meistererzählung tatsächlich zu Papier brachte. Es stimmt einen ein wenig traurig, wie Lovecraft seiner Tante Lillian gegenüber versucht, das Scheitern seiner Bemühungen um eine Anstellung durch den Hinweis zu rechtfertigen, dass eine Erzählung dieses Umfangs »einen äußerst anständigen Scheck einbringen sollte«. Er hatte bereits früher bemerkt, dass sein projektierter Kurzroman über Salem »eine hübsche Summe Bares einbringen würde, wenn er angenommen wird«.91 Es hat den Anschein, als versuchte er Lillian verzweifelt davon zu überzeugen, dass er, obwohl er keiner regelmäßigen Arbeit nachging und mit seinen Freunden eine »Kaffeehausexistenz« führte, keine Belastung für ihre – und Sonias – Finanzen war.

Irgendwann im August schlug C. W. Smith, der Herausgeber des TRYOUT, Lovecraft eine Idee für eine Geschichte vor. Lovecraft schildert sie in einem Brief an Clark Ashton Smith: »… ein Totengräber wird in der Leichenhalle des Dorfes eingeschlossen, wo er die Wintersärge für die Beerdigung im Frühjahr vorbereitet & seine Flucht durch ein Oberlicht, das er erreicht, indem er die Särge aufeinanderstapelt.«92 Das hört sich nicht besonders vielversprechend an, und die bloße Tatsache, dass Lovecraft sich entschloss, eine Erzählung daraus zu machen – auch wenn er noch ein übernatürliches Element hinzufügte –, ist ein Indiz, dass die New Yorker Atmosphäre seine Kreativität in Mitleidenschaft zog. Die Erzählung »In the Vault«, die Lovecraft am 18. September niederschrieb, fällt gegenüber »He« deutlich ab, ist jedoch nicht so atemberaubend schlecht wie »The Horror at Red Hook«, sondern schlicht mittelmäßig.

George Birch ist der nachlässige und dickfellige Totengräber von Peck Valley, einer imaginären Kleinstadt irgendwo in Neuengland. Eines Tages wird er durch einen unglücklichen Zufall in der Leichenhalle eingeschlossen, wo die Särge der während des Winters Verstorbenen aufbewahrt werden, bis im Frühjahr die Erde wieder auftaut und man Gräber ausheben kann. Der einzige Weg, sich zu befreien, besteht darin, die acht Särge, die in der Leichenhalle stehen, zu einer Pyramide aufzuschichten und durch ein Oberlicht ins Freie zu klettern. Es ist mittlerweile Nacht geworden, sodass Birch im Dunkeln ans Werk gehen muss. Trotzdem ist er sich sicher, dass er den stabilen Sarg des zwergenhaften Matthew Fenner ganz zuoberst platziert hat. Allerdings hatte er für Fenner zunächst einen schlechter gearbeiteten Sarg angefertigt, den er dann jedoch für seinen ebenfalls verstorbenen groß gewachsenen Intimfeind, den nachtragenden Asaph Sawyer verwendet hat. Als er schließlich auf seine »Miniaturausgabe des Turms zu Babel« steigt, brechen seine Füße durch die Bretter des obersten Sarges und landen inmitten der verwesenden Überreste, die sich darin befinden. Er spürt einen durchdringenden Schmerz in seinen Knöcheln und meint, dass er sich an Holzsplittern oder vorstehenden Sargnägeln verletzt haben muss. Schließlich gelingt es ihm unter Mühen, sich durch das Oberlicht ins Freie zu wuchten. Als er sich vom Boden erheben will, muss er jedoch feststellen, dass er nicht fähig ist zu gehen – seine Achillessehnen sind durchtrennt. Als später die Leichenhalle geöffnet wird, kommt die Wahrheit ans Licht: Asaph Sawyer war zu groß für den Sarg, der ursprünglich für Matthew Fenner gefertigt wurde. Daher hat der phlegmatische Totengräber Sawyer selbst »passend gemacht«, indem er ihm die Füße an den Knöcheln abgesägt hat. Birch hatte jedoch nicht mit Asaphs Rache aus dem Jenseits gerechnet: Die Verletzungen an seinen Knöcheln stellen sich als Bisswunden heraus.

»In the Vault« ist offensichtlich nicht mehr als eine simple übernatürliche Rachegeschichte. Clark Ashton Smith, der versuchte, das Gute in der Erzählung zu sehen, schrieb, dass sie »den grimmigen Realismus von Bierce« besäße.93 Man kann durchaus einen gewissen Einfluss des US-amerikanischen Autors in der Geschichte entdecken, doch ist keine seiner Erzählungen so einfach gestrickt wie »In the Vault«. Lovecraft versucht sich hier an einem volkstümlichen, alltäglichen Stil und geht so weit, in der Einleitung der Geschichte zu behaupten: »Es fällt mir schwer zu entscheiden, wo genau ich Birchs Abenteuer beginnen lassen soll, denn ich bin kein versierter Geschichtenerzähler.« August Derleth entwickelte eine unselige Begeisterung für die Geschichte, sodass sie bis heute einen unverdienten Platz unter Lovecrafts »besten« Erzählungen einnimmt.

Auch das unmittelbare Schicksal von »In the Vault« war nicht übermäßig glücklich. Lovecraft widmete sie C.W. Smith, »auf dessen Anregung die zentrale Situation zurückgeht«, und sie erschien im November 1925 in Smiths TRYOUT. Es war das letzte Mal, dass Lovecraft eine neue Erzählung einer Amateurzeitschrift zur Veröffentlichung überließ. In späteren Jahren veröffentlichte er in Amateurzeitschriften nur noch Geschichten, die zuvor von professionellen Publikationen abgelehnt worden waren. Natürlich versuchte Lovecraft gleichzeitig, »In the Vault« auch professionell zu vermarkten. Obwohl man denken sollte, dass die Erzählung mit ihrer konventionellen makabren Thematik wie gemacht für WEIRD TALES war, lehnte Wright sie im November ab. Lovecraft berichtet, dass Wright die Ablehnung mit der Befürchtung begründete, dass sie »wegen ihrer extremen Blutrünstigkeit die Zensur in Indiana nicht passieren würde«.94 Das ist natürlich, wie Lovecraft in einem späteren Brief deutlich macht, eine Anspielung auf das Verbot von Eddys »The Loved Dead«: »Wrights Ablehnung von ›In the Vault‹ war reiner Unsinn – ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Zensor daran Anstoß nehmen könnte. Aber seit der Senat von Indiana wegen den ›Geliebten Toten‹ des armen Eddy in Aktion getreten ist, lebt Wright in beständiger Angst vor der Zensur.«95 Das ist das erste – aber nicht das letzte – Mal, dass der Skandal um »The Loved Dead«, was immer er dafür getan oder nicht getan haben mag, WEIRD TALES 1924 zu »retten«, negative Folgen für Lovecraft hatte.

Es gab jedoch auch positive Neuigkeiten von Wright. Lovecraft hatte ihm »The Outsider« geschickt, offenbar zunächst nur, um seine Meinung über die Erzählung einzuholen, die er eigentlich bereits W. Paul Cook für seinen RECLUSE versprochen hatte.96 Wright gefiel die Erzählung so gut, dass er Lovecraft bat, sie ihm für WEIRD TALES zu überlassen. Lovecraft gelang es, Cook zum Verzicht zu bewegen, und Wright nahm »The Outsider« Ende des Jahres offiziell an. Die Veröffentlichung in WEIRD TALES im April 1926 war ein Meilenstein.

Der Rest des Jahres verging mit verschiedenen Aktivitäten des Kalem Clubs, Besuchen von Gästen von außerhalb und einsamen Ausflügen, die Lovecraft immer weiter von New York wegführten. Bereits in den ersten Monaten des Jahres hatte er eine Reihe von Besuchern empfangen: John Russell, Lovecrafts Lieblingsfeind aus ARGOSY-Zeiten, der mittlerweile ein enger Freund geworden war, hatte im April mehrere Tage in der Stadt verbracht. Anfang Juni folgte Albert A. Sandusky, der ebenfalls einige Tage blieb. Am 18. August traf Alfred Galpins Frau in New York ein, eine Französin, die Galpin im Jahr zuvor kennengelernt hatte, als er in Paris Musik studierte. Sie blieb bis zum 20. und fuhr dann nach Cleveland weiter. Da Sonia gerade in der Stadt war, führten die beiden Mrs. Galpin zum Abendessen und danach ins Theater aus, um dann in die Clinton Street 169 zurückzukehren, wo die Besucherin für die Dauer ihres Aufenthalts ein Zimmer genommen hatte. Am nächsten Morgen klagte sie allerdings bitterlich über Bettwanzen und zog ins Hotel Brossert in der Montague Street um. Trotzdem nahm sie gemeinsam mit Sonia an dem Treffen des Kalem-Clubs teil, das an diesem Tag stattfand. Offenbar war das »Frauenverbot« aus Anlass einer Besucherin von jenseits des Atlantiks aufgehoben worden.

Wenn die Reihe an ihn kam, war Lovecraft bei diesen Zusammenkünften ein gewissenhafter Gastgeber, und in seinen Briefen wird deutlich, wie viel Freude es ihm machte, seine Freunde mit Kaffee, Kuchen und anderen bescheidenen Köstlichkeiten zu bewirten, die er auf seinem besten Porzellan servierte. McNeil hatte sich einmal beschwert, dass einige andere Mitglieder des Zirkels als Gastgeber keinen Imbiss servierten, während er stets dafür sorgte, und Lovecraft war offenbar entschlossen, in dieser Hinsicht keinen Anlass zur Kritik zu geben. Am 29. Juli kaufte er für 49 Cent eine Aluminiumkanne, um von einem Schnellimbiss an der Ecke State und Court Street heißen Kaffee holen zu können. Offensichtlich war es ihm nicht möglich, in seiner Wohnung welchen zu kochen. Dazu kaufte er Apfel- und Streuselkuchen – letzterer wurde besonders von Rheinhart Kleiner geschätzt – und andere Backwaren. Als Kleiner einmal zu einem Treffen nicht erschien, vermerkte Lovecraft düster: »Es ist eine enorme Menge Streuselkuchen übrig geblieben & da sind noch vier Apfeltörtchen. Mein Speiseplan für die nächsten zwei Tage steht also schon fest!! Ironischerweise habe ich den Streuselkuchen extra für Kleiner gekauft, der ihn besonders schätzt & am Ende kam er nicht. Also muss ich, der Streuselkuchen nicht besonders mag, im Interesse der Sparsamkeit unglaubliche Mengen davon verzehren.«97 Wenn es noch irgendeiner Bestätigung bedarf, wie arm Lovecraft war, dann hat man sie hier.

Einige neue Bekannte erschienen um diese Zeit in Lovecrafts Gesichtskreis. Wilfred Blanch Talman (1904–1986) war ein Amateurschriftsteller, der während seines Studiums an der Brown University auf eigene Kosten einen schmalen Gedichtband mit dem Titel Cloisonné and Other Verses (1923) hatte drucken lassen,98 den er im Juli an Lovecraft geschickt hatte.. Die beiden trafen sich zum ersten Mal im August, und Lovecraft fasste sofort Zuneigung zu ihm. »Er ist ein prächtiger junger Kerl – groß, rank & schlank & mit aristokratischen, regelmäßigen Gesichtszügen, hellbraunem Haar & einem exzellenten Geschmack, was Kleidung betrifft … Er ist ein Nachkomme der ältesten holländischen Familien des Staates New York & hat vor Kurzem begonnen, sich für Ahnenforschung zu begeistern.«99 Talman wurde später Reporter für die NEW YORK TIMES und Herausgeber des TEXACO STAR, der Firmenzeitung des gleichnamigen Ölkonzerns. Er versuchte sich gelegentlich als professioneller Erzähler, und Lovecraft überarbeitete später einmal eine seiner Geschichten – allerdings möglicherweise gegen Talmans Willen. Talman war wohl der erste dauerhafte Neuzugang zum harten Kern des Kalem-Club; er begann jedoch erst nach Lovecrafts Abschied von New York regelmäßig an dessen Zusammenkünften teilzunehmen.

Ein weiterer neuer Bekannter, dem sich Lovecraft vielleicht noch seelenverwandter fühlte als Talman, war Vrest Teachout Orton (1897–1986). Orton war ein Freund W. Paul Cooks und arbeitete zu dieser Zeit in der Anzeigenabteilung des AMERICAN MERCURY. Später sollte er sich als Redakteur der SATURDAY REVIEW OF LITERATURE Verdienste erwerben und noch später den Vermont Country Store gründen. 1925 wohnte er in Yonkers, zog jedoch bald nach Lovecrafts Rückkehr nach Providence wieder ins heimatliche Vermont. Am 22. Dezember besuchte er Lovecraft in der Clinton Street 169, und die beiden Männer verbrachten den Nachmittag und Abend zusammen. Sie aßen in Lovecrafts Brooklyner Stammrestaurant, dem John’s, zu Abend und spazierten über die Brooklyn Bridge zur Grand Central Station, wo Orton um zwanzig vor zwölf einen Zug zurück nach Yonkers nahm. Lovecraft war enorm von ihm angetan:

Nie hat es einen liebenswürdigeren, fröhlicheren und anziehenderen Menschen gegeben als ihn. Von Gestalt ist er eher klein, dunkel, schlank, gutaussehend & einnehmend. Er ist glattrasiert & seine Kleidung ist gewählt, ohne bemüht zu wirken … Er bekannte, bereits seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert zu haben, sieht jedoch nicht älter als 22 oder 23 aus. Seine Stimme ist sanft & angenehm und seine Sprechweise lebhaft & maskulin – die sorglose Herzlichkeit eines jungen Weltmannes von guter Herkunft … Er stammt aus dem tiefsten Vermont und ist ein Yankee durch und durch. Er plant, in einem Jahr dorthin zurückzukehren & verabscheut New York genauso herzlich wie ich. Seine Familie ist durchweg aristokratisch – alter neuenglischer Adel väterlicherseits & neuenglische Knickerbocker-Holländer & französische Hugenotten mütterlicherseits.100

Man hat beinahe den Eindruck, als würde Lovecraft in Orton den Mann sehen, der er selbst gern gewesen wäre. Orton wurde zum zweiten Ehrenmitglied des Kalem Clubs, obwohl auch er, solange Lovecraft in New York war, nur unregelmäßig an dessen Zusammenkünften teilnahm. Orton war in bescheidenem Umfang literarisch aktiv – er stellte eine Theodore-Dreiser-Bibliographie mit dem Titel Dreiseriana (1929) zusammen, gründete die bibliophile Zeitschrift COLOPHON und später in Vermont die Stephen Daye Press, einen Verlag, für den Lovecraft einige Aufträge übernehmen sollte. An unheimlich-phantastischer Literatur scheint er jedoch kaum Interesse gehabt zu haben. Was beide Männer verband, war wohl eher ihre gemeinsame neuenglische Herkunft und ihre Abneigung gegen New York.

Neben den Aktivitäten mit seinen Freunden unternahm Lovecraft in der zweiten Jahreshälfte 1925 eine große Zahl einsamer Ausflüge. Nur drei Tage nach seiner nächtlichen Wanderung nach Elizabeth, bei der er »He« geschrieben hatte, kehrte Lovecraft in der Nacht vom 14. auf den 15. August dorthin zurück, wobei er diesmal seinen Fußmarsch bis nach Union Center (heute Union) und Springfield fortsetzte, zwei kleinen Städten einige Meilen nordwestlich von Elizabeth, und durch die Gemeinden Galloping Hill Park, Roselle Park und Raway zurückkehrte.101 Lovecraft hatte eine enorme Strecke zu Fuß zurückgelegt, doch war er unermüdlich, wenn es um die Suche nach Zeugnissen der Vergangenheit ging.

Am 30. August besuchte Lovecraft zum ersten Mal Paterson, wo er mit Morton, Kleiner und Ernest A. Dench an einer Wanderung des Paterson Rambling Club teilnahm. Sein Eindruck von der Stadt war wenig positiv:

Um die »Schönheit« der Stadt zu entdecken, muss man schon einen kräftigen Schuss Phantasie zu Hilfe nehmen – sie ist zweifellos einer der trostlosesten, heruntergekommensten und gesichtslosesten Orte, die ich je das zweifelhafte Vergnügen hatte zu besuchen … Das Stadtleben wird hauptsächlich von Yankees & Deutschen bestimmt, obwohl die Physiognomien des abstoßenden Pöbels, der in den Fabriken arbeitet, auf ein bastardisiertes italienisches und slawisches Element hindeuten … Es heißt, die Stadt habe schöne Parks, aber ich habe keinen davon gesehen. Das hässliche Fabrikviertel ist glücklicherweise außer Sicht, von der Stadt aus auf der anderen Seite des Flusses.102

Das eigentliche Ziel des Ausflugs waren jedoch die Wasserfälle von Buttermilk Falls, die Lovecraft für den Eindruck von Paterson entschädigten:

Es liegt etwas wunderbar Malerisches & eine unaussprechliche Majestät in einem solchen Schauspiel – die jäh abfallenden Klippen, der zerfurchte Fels, das klare Wasser des Stroms & die titanischen Stufen der Terrassen, die von dichtgedrängten schlanken Säulen aus unvordenklich altem Stein flankiert sind. Alles eingehüllt in das abgründige Schweigen & das magische grüne Zwielicht der tiefen Wälder, wo gedämpftes Sonnenlicht den laubbedeckten Boden sprenkelt & die großen knorrigen Baumstämme tausend subtile & flüchtige phantastische Formen annehmen lässt.

Einmal mehr legt Lovecraft eine ungeheure Sensibilität für jede Art landschaftlicher Eindrücke an den Tag – egal, ob es sich um Stadt oder Land, Vorstadt oder Wald, Insel oder Meer handelt. Nur sechs Tage später, am 5. September, unternahmen Lovecraft, Loveman und Kleiner eine nächtliche Erkundungstour in einen Teil von Brooklyn, der nicht weit von der Clinton Street 169 entfernt lag: Union Place, eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster, die heute nicht mehr existiert:

Nur von einem höckrigen Mond und einem einzelnen Laternenpfahl erhellt, der ein phantastisch flackerndes Licht warf, lag hinter jenem hölzernen Tunnel ein kleines Reich für sich – ein verträumtes Nest aus den 1850er-Jahren, wo um einen viereckigen Platz, in dessen Mitte sich ein kleines, von einem Eisengeländer umschlossenes Stück Park befand, die Häuser einer vergangenen Zeit mit ihren hohen Eingangstreppen standen, jedes in seinem von einem eisernen Zaun umschlossenen Hof mit einem Garten oder einem kleinen Stück Rasen & völlig unberührt von der ungeschickten Hand des barbarischen Restaurators. Wohltuendes Schweigen lag über allem & das äußere Universum verblasste, sowie es aus den Augen verschwunden war. Hier träumte die unberührte Vergangenheit – müßig, anmutig & ungestört, allem trotzend, was sich in der brodelnden Hölle des Lebens jenseits jenes schützenden Torbogens abspielen mochte.103

Manchmal findet sich eine Atempause vom Leben der Metropole dort, wo man sie am wenigsten erwartet: gleich nebenan.

Am 9. September unternahmen Lovecraft und Loveman gemeinsam mit der Familie Long eine Schiffstour auf dem Hudson nach Newburgh, etwa zwanzig Meilen nördlich von New York. Unterwegs passierten sie jene Region, der Washington Irving in »The Legend of Sleepy Hollow« und anderen Werken ein Denkmal gesetzt hat. In Newburgh – »wo Giebel aus der Kolonialzeit & gewundene Seitengassen für eine Atmosphäre sorgten, wie man sie außer in Marblehead kaum ein zweites Mal findet«104 –, hatten sie nur vierzig Minuten Aufenthalt, doch versuchten sie, so viel von der Stadt zu sehen wie möglich. Die Rückfahrt verlief ereignislos. Am 20. September unternahm Lovecraft gemeinsam mit Loveman einen Ausflug nach Elizabeth.

Lovecrafts wohl ausgedehnteste Tour dieser »Saison« war eine Exkursion nach Jamaica, Mineola, Hempstead, Garden City und Freeport auf Long Island, die sich über drei Tage hinzog. Jamaica gehört heute zu Queens, war damals jedoch noch eine eigenständige Gemeinde, die anderen Städte liegen in Nassau County, östlich von Queens. Am 27. September besuchte Lovecraft Jamaica und war »zutiefst erstaunt«: »Plötzlich befand ich mich mitten in einem veritablen neuenglischen Dorf mit hölzernen Kolonialzeithäusern, Georgianischen Kirchen & entzückend verschlafenen & schattigen Straßen, die von dichten und üppigen Reihen von riesigen Ulmen und Ahornbäumen gesäumt waren.«105

Danach wandte er sich nach Norden, in Richtung Flushing, das heute auch zu Queens gehört. Flushing war ursprünglich eine holländische Siedlung gewesen, die ebenfalls noch erfreuliche Züge der Kolonialzeit aufwies. Besonders ein Gebäude – das Bowne House (1661) an der Ecke Bowne Street und 37. Straße – wollte Lovecraft unbedingt besichtigen, und er musste eine ganze Reihe von Polizisten fragen – die »keine guten Geschichtskenntnisse hatten, denn keiner von ihnen hatte das Haus jemals gesehen oder auch nur von ihm gehört« –, bis er es endlich gefunden hatte. Allerdings geht aus seinen Aufzeichnungen nicht hervor, ob es ihm gelang, das Haus von innen zu sehen, da es damals wohl noch kein Museum war wie heute. Lovecraft blieb bis zur Abenddämmerung in Flushing und kehrte dann nach Hause zurück.

Am nächsten Tag fuhr er nochmals nach Flushing und Jamaica und besichtigte beide Orte ausführlicher. Der Tag seiner großen Long-Island-Tour war jedoch der 29. September. Lovecraft fuhr wiederum nach Jamaica, von wo aus er eine Straßenbahn nach Mineola nahm. Sein eigentliches Ziel war Huntington, doch da er keine Karte hatte und sich mit den Straßenbahnlinien nicht auskannte, war er sich nicht sicher, wie er dorthin gelangen sollte. Die Strecke nach Mineola erschien ihm einigermaßen langweilig – »fast durchgehend gesäumt von modernen Wohnhäusern, die ein trauriges Zeugnis von der Ausbreitung der Stadt & der Geschmack- & Ideenlosigkeit der Architekten kleinerer Häuser ablegten«106 –, und Mineola selbst war kaum weniger trostlos. Er ging zu Fuß weiter Richtung Süden nach Garden City, wo er sich die weitläufigen, an ein College erinnernden Ziegelbauten des Verlages Doubleday, Page & Co. ansah. Lovecraft wanderte noch weiter südlich, bis er nach Hempstead kam, das ihn vollständig in seinen Bann schlug: »Ich war ganz und gar bezaubert, denn hier wohnte die Seele des alten Neuengland in ihrer ganzen Fülle, unberührt von der verderblichen Gegenwart jenes fremdländischen Babylon, das sich nur zwanzig oder fünfundzwanzig Meilen weiter östlich erhebt.«107 Einmal mehr waren es die Kirchen, die Lovecraft in Entzücken versetzten: St. George’s Episcopal, Methodist, Christ’s First Presbyterian und so weiter. Er verbrachte einige Zeit in Hempstead und wanderte dann weiter nach Freeport, was er hübsch, aber im Hinblick auf historische Bauten unergiebig fand. Lovecraft hatte zu diesem Zeitpunkt bereits an die zehn Meilen Fußmarsch hinter sich. Erst jetzt nahm er eine Straßenbahn nach Jamaica und kehrte dann mit der Hochbahn nach Brooklyn zurück. Fünf Tage später, am 4. Oktober, fuhr er gemeinsam mit Loveman noch einmal nach Flushing und Hempstead hinaus.

Als der Winter näher rückte, wurden Lovecrafts Ausflüge seltener. Allerdings besuchte er am 13. November noch Canarsie in Jamaica – wo er die Rufus King Mansion besichtigte, ein großartiges zweiflügliges Herrenhaus von 1750, das sich bis heute erhalten hat – und Kew Gardens, eine in geschmackvollem neo-elisabethanischen Stil gehaltene Wohnanlage. Am 14. fuhr er ein weiteres Mal nach Jamaica und am 15. gemeinsam mit Loveman nach Flushing.

Wie wichtig diese Exkursionen für Lovecrafts seelisches Gleichgewicht waren, lässt sich wohl kaum überschätzen. Die schimmernden Wolkenkratzer von Manhattan hatten sich bei näherem Hinsehen als bedrückendes Schrecknis entpuppt, wie Lovecraft bekannte, als er das Angebot, als Herausgeber von WEIRD TALES nach Chicago zu gehen, ablehnte: »die Atmosphäre der Kolonialzeit ist mir lebensnotwendig.«108 Lovecraft hatte in der Tat ein geradezu unheimliches Talent beim Aufspüren von Altertümern entwickelt, ob in Manhattan, Brooklyn oder an den Rändern der Stadt. Für ihn verstand es sich vielleicht von selbst, dass er alles, was er sah, mit Neuengland verglich – das in dieser wie auch in fast jeder anderen Hinsicht sein unverrückbarer Bezugspunkt war –, aber möglicherweise können wir auch einen indirekten Appell an Lillian aus seinen Zeilen herauslesen. Lovecraft schickte seiner Tante pflichtbewusst die drei Erzählungen, die er im Laufe des Sommers verfasst hatte und von denen eine – »In the Vault« – in Neuengland spielt, während in den beiden anderen – »The Horror at Red Hook« und »He« – die Hauptfiguren entweder vorübergehend oder dauerhaft dort Zuflucht finden.

Auch für Sonia waren die Zeiten nicht einfach. Im Oktober hatte sie ihre Stelle in Cleveland verloren, doch scheint sie relativ schnell eine neue Arbeit gefunden zu haben. Allerdings entsprach auch diese nicht ihren Vorstellungen, da sie wieder nur auf Kommissionsbasis arbeitete und in erbitterter Konkurrenz mit den anderen Verkaufsmitarbeitern stand.109 Im November verbrachte Lovecraft fast vier Tage damit, für Sonia einen Artikel über Verkaufstechniken zu schreiben oder zu redigieren. Seiner Tante berichtete er, dass es Sonia mit ihrer neuen Arbeit besser ging, da sie mit einem vorherigen Artikel »einen echten ›Treffer‹ in der Fortbildungsabteilung des Kaufhauses gelandet hatte«.110 In einem späteren Brief präzisierte Lovecraft, dass es sich bei Sonias Arbeitgeber um Halle’s, das führende Kaufhaus von Cleveland, handelte.111 Sonia hatte ursprünglich geplant, Weihnachten zu Hause zu verbringen, hatte jedoch so viel zu tun, dass sie vom 18. Oktober bis Mitte Januar 1926 nicht nach New York kommen konnte.

Lovecraft verbrachte ein erfreuliches Thanksgiving mit seinem Amateurkollegen Ernest A. Dench und dessen Familie in Sheepshead Bay, Brooklyn. Ende August war er dort bereits anlässlich eines Treffens des Blue Pencil Club gewesen. Das vorgegebene Thema war damals Denchs neugeborener Sohn, und Lovecraft, der dieser Art von erzwungener literarischer Produktion immer überdrüssiger wurde, schrieb das ungewöhnlich grüblerische Gedicht »To an Infant«, in dem er in langen, an Swinburne erinnernden Alexandrinern über die Trostlosigkeit des täglichen Lebens und die Macht der Träume meditiert. An Thanksgiving wurden von den Gästen keine poetischen oder sonstigen literarischen Beiträge verlangt, und Lovecraft verlebte einen amüsanten Abend in Gesellschaft von McNeil, Kleiner, Morton und Pearl K. Merritt, einer Amateurschriftstellerin, die bald darauf Mortons Frau werden sollte.

Weihnachten verbrachte Lovecraft bei den Longs. Er traf um halb zwei nachmittags in seinem besten grauen Anzug ein und wurde bereits von McNeil und Loveman erwartet. Die Eltern von Frank Long hatten als Geschenk für alle seidene Taschentücher gekauft, die sie entsprechend dem individuellen Geschmack der einzelnen Gäste ausgewählt hatten. Lovecrafts Taschentuch war in dezentem Grau gehalten, während Longs eine leuchtende Purpurfarbe hatte. Nach einem üppigen Truthahnessen wurde ein Geschenksack herumgereicht, der Gegenstände des täglichen Bedarfs enthielt, die Longs Eltern bei Woolworth gekauft hatten – Rasierseife, eine Zahnbürste (die Lovecraft, der sie erwischte, zu hart fand), Talkumpuder und ähnliches. Als nächstes folgte ein Wettbewerb unter den Gästen, wer die meisten aus Zeitschriften entnommenen Werbeillustrationen identifizieren konnte. Obwohl Lovecraft behauptete, kein Illustriertenleser zu sein, gewann er, indem er sechs von fünfundzwanzig Illustrationen richtig zuordnete (Loveman und McNeil kamen auf fünf, während Long nur drei erkannte). Als Siegespreis erhielt Lovecraft eine Schachtel Schokoladenpralinen. All das klingt ein wenig nach einem Kindergeburtstag, aber die Gäste nahmen es zweifellos mit Humor. Nach einer langweiligen Doppelvorstellung in einem örtlichen Kino folgte noch ein leichtes Abendessen (bei dem ein Lutscher auf jedem Teller platziert war), und gegen Mitternacht war Lovecraft wieder zu Hause.

Von Oktober an verfiel Lovecraft erneut in literarisches Schweigen. In den letzten drei Monaten des Jahres verfasste er nur ein – gelungenes – unheimlich-phantastisches Gedicht, »October« (18. Oktober), und ein amüsantes Geburtstagsgedicht für George Willard Kirk (24. November). Doch Mitte November verkündete er: »W. Paul Cook möchte von mir einen Artikel über das Element des Schreckens & des Unheimlichen in der Literatur für seine neue Zeitschrift THE RECLUSE.«112 Im selben Brief notierte Lovecraft: »Ich werde mir dafür Zeit nehmen«, was sich als zutreffend herausstellen sollte: Es würde beinahe eineinhalb Jahre dauern, bis er jenen Essay fertigstellte, der unter dem Titel »Supernatural Horror in Literature« bekannt geworden ist.

Lovecraft begann die eigentliche Arbeit an dem Text in der zweiten Dezemberhälfte. Anfang Januar hatte er bereits die ersten vier Kapitel geschrieben – über den Schauerroman bis einschließlich Maturins Melmoth the Wanderer – und war dabei, Emily Brontës Wuthering Heights zu lesen, um den Roman am Ende des fünften Kapitels zu behandeln.113 Im März war das siebente Kapitel über Poe fertig,114 und Mitte April hatte er sich »zur Hälfte durch Arthur Machen« gearbeitet (Kapitel 10).115 Lovecraft ging bei der Arbeit auf recht eigentümliche Weise vor: Er las jeweils die Werke eines Autors oder einer Epoche und schrieb dann direkt den entsprechenden Abschnitt. Aus der ursprünglichen Beschreibung des Projekts geht nicht klar hervor, dass Cook sich einen literaturgeschichtlichen Abriss vorgestellt hatte – ein Essay über »das Element des Schreckens & des Unheimlichen in der Literatur« könnte auch eine theoretische oder thematische Abhandlung sein –, aber Lovecraft interpretierte Cooks Anfrage eindeutig in diesem Sinne. Gegenüber Morton rechtfertigt er seine Vorgehensweise:

Mit meinem miserablen Gedächtnis habe ich innerhalb von sechs Monaten oder einem Jahr die Hälfte von dem, was ich gelesen habe, vergessen, sodass ich, um irgendeinen sinnvollen Kommentar zu den ausgewählten Stellen abgeben zu können, diese Stellen dann noch einmal gründlich lesen müsste. So sah ich mich gezwungen, als ich bis Otranto gekommen war, das verdammte Buch wieder hervorzuholen und nachzuschauen, was in ihm wirklich passiert. Dasselbe galt für The Old English Baron. Und als ich bei Melmoth angelangt war, bin ich sorgfältig die beiden Anthologieauszüge durchgegangen, die alles sind, was ich davon kriegen konnte – es ist ein Witz, wenn man sich die Lobgesänge ansieht, die ich auf das Werk angestimmt habe, ohne es mir überhaupt einmal im Ganzen zu Gemüte geführt zu haben! Dann waren Vathek und die Episodes of Vathek an der Reihe, noch einmal durchgeackert zu werden, und vorletzte Nacht habe ich mir von der ersten bis zur letzten Seite Wuthering Heights vorgenommen.116

Lovecraft war in der Tat manchmal übertrieben sorgfältig. Er verbrachte drei Tage in der New York Public Library, um E.T. A. Hoffmann zu lesen, obwohl er ihn langweilig fand und ihn schließlich in einem halben Abschnitt abhandelte, in dem er zu dem Schluss kam, dass seine Werke eher grotesk als unheimlich-phantastisch sind. Natürlich machte er es sich an anderen Stellen wiederum einfach: Die erwähnten »Anthologieauszüge«, die er von Melmoth the Wanderer las, stammten aus George Saintsburys Tales of Mystery (1891), einer Sammlung, die Texte aus Werken von Ann Radcliffe, M. G. Lewis und Maturin enthielt, sowie aus Julian Hawthornes großartiger zehnbändiger Anthologie The Lock and Key Library (1909), die Lovecraft sich 1922 auf einer seiner New-York-Reisen angeschafft hatte. Aus der letztgenannten Sammlung bediente Lovecraft sich großzügig: die relativ spärlichen Beispiele für Unheimlich-Phantastisches in der antiken Literatur sind ebenso aus ihr entnommen wie die vier Geschichten des französischen Autorengespanns Erckmann-Chatrian, die er erwähnt.

Lovecraft hatte zu diesem Zeitpunkt natürlich bereits den Großteil der bedeutenden phantastischen Autoren gelesen, doch machte er immer noch Entdeckungen. So stieß er erst jetzt auf zwei Autoren, die er in seinem Essay sehr hoch bewerten sollte. Zwar hatte er Algernon Blackwood (1869–1951) bereits 1920 auf Empfehlung von James F. Morton gelesen, kam zu diesem Zeitpunkt jedoch zu einem eher negativen Urteil über den englischen Phantasten: »Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders beeindruckt bin. Irgendwie fehlt Blackwood die Kraft, eine wirklich bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Zum einen ist er zu vage, und zum anderen sind seine Schrecken und phantastischen Elemente zu offensichtlich symbolisch – eher symbolisch als überzeugend extravagant. Und sein Symbolismus ist nicht von jener schwelgerischen Art, die aus Dunsany einen so phänomenalen Fabulierer macht.«117 Das nächste Mal erwähnt Lovecraft Blackwood 1924, nachdem er den Band The Listener and Other Stories (1907) gelesen hatte, der auch »The Willows« enthält, eine Erzählung, die Lovecraft als »das wohl verheerendste Stück angedeuteter übernatürlicher Entsetzlichkeit« bezeichnete, »das mir in den letzten zehn Jahren untergekommen ist.«118 Später kam Lovecraft – wie ich glaube zu Recht – zu der Überzeugung, dass »The Willows« die beste unheimlich-phantastische Geschichte ist, die je geschrieben wurde, gefolgt von Machens »The White People«. Lovecraft erwähnt seine Blackwood-Lektüre erst wieder im Januar 1926, doch in der Zwischenzeit hatte er mehrere seiner frühen Erzählungssammlungen gelesen – darunter The Lost Valley and Other Stories (1910) und Incredible Adventures (1914). Bald darauf las er auch John Silence – Physician Extraordinary (1908), eine Sammlung, in der ihn einige Geschichten sehr beeindruckten, die in seinen Augen jedoch unter der klischeehaften Verwendung der Figur des »übernatürlichen Detektivs« litt.

Wie auch im Fall von Machen und Dunsany hätte Lovecraft Blackwood eigentlich schon früher entdecken können. Blackwoods erstes Buch The Empty House and Other Stories (1906) ist zugegebenermaßen noch etwas dünn, wenn es auch bereits einige bemerkenswerte Geschichten enthält. John Silence wurde ein Bestseller, dessen Erfolg es Blackwood ermöglichte, die Jahre 1908–1914 in der Schweiz zu verbringen, wo die Mehrzahl seiner besten Arbeiten entstand. Incredible Adventures, der Band, der bei Lovecraft 1920 eine so lauwarme Reaktion hervorgerufen hatte, ließ Lovecraft später zu der Auffassung kommen, dass aus diesem Band »ein ernsthaftes und einfühlsames Verständnis des Entstehungsprozesses der menschlichen Illusionen« spricht, »das Blackwood zu einem weit bedeutenderen Künstler macht als manch anderen Kunsthandwerker, der ihm, was den Umgang mit Worten und die allgemeinen technischen Fähigkeiten angeht, himmelhoch überlegen ist …«119

Blackwood machte aus seinen mystizistischen Neigungen kein Geheimnis. In seiner glänzenden Autobiographie Episodes Before Thirty (1923) – die mit Machens Far Off Things (1922) und Dunsanys Patches of Sunlight (1938) eine Art Trilogie großartiger autobiographischer Texte von Autoren der unheimlichen Phantastik bildet – beschreibt er, wie er sich vor der bedrückenden konventionellen Religiosität seines Elternhauses in den Buddhismus flüchtete und schließlich einen kraftvollen und tiefempfundenen Pantheismus entwickelte, der am deutlichsten in dem Roman The Centaur (1911) zum Ausdruck kommt, den man als eine Art spirituelle Autobiographie bezeichnen kann. In gewissem Sinne ging es Blackwood, ähnlich wie Dunsany, um eine Art Rückkehr zur natürlichen Welt. Aber weil er, im Gegensatz zu Dunsany, zu einer mystischen Weltsicht neigte – und sich später, vielleicht unvermeidlicherweise, zum Okkultismus hingezogen fühlte –, bedeutete diese Rückkehr zur Natur für ihn zugleich, die moralischen und spirituellen Scheuklappen abzuwerfen, welche die moderne urbane Zivilisation uns seiner Auffassung nach anlegt. Sein eigentliches Ziel war daher eher eine Erweiterung des Bewusstseins, durch die das grenzenlose Universum mit seinen pulsierenden Präsenzen unserer Wahrnehmung zugänglich gemacht wird. Mehrere seiner Romane – insbesondere Julius Le Vallon (1916), The Wave (1916) und The Bright Messenger (1921) – handeln von Reinkarnation, und die Art, wie Blackwood über dieses Thema schreibt, deutet darauf hin, dass er selbst an eine solche Wiedergeburt glaubte.

Weltanschaulich waren Blackwood und Lovecraft in dieser Hinsicht Antipoden, doch maß Lovecraft dem keine große Bedeutung bei – dasselbe gilt übrigens auch für sein Verhältnis zu Arthur Machen, dessen Weltanschauung er ebenso ablehnte. Und letztlich kann man Blackwoods unheimlich-phantastische Erzählungen auch genießen, wenn man seine Weltsicht nicht teilt. Derartige Differenzen trugen vielleicht dazu bei, dass Lovecraft einige von Blackwoods unbekannteren Werken weniger schätzte. Zudem spielt in Werken wie The Wave und The Garden of Survival (1918) die Liebe eine große Rolle, und es überrascht nicht, dass sie Lovecraft kalt ließen. Zugleich hatte Blackwood – obwohl oder gerade weil er kinderlos war und lebenslang Junggeselle blieb – ein starkes Interesse an der Welt der Kindheit, das sich in rein phantastischen Werken wie Jimbo (1909) oder The Education of Uncle Paul (1909) widerspiegelte. Obwohl Lovecraft Jimbo sehr schätzte, verwarf er Blackwoods übrige Kindheitsromane als übertrieben skurril und unerträglich sentimental. Bei einigen von Blackwoods schwächeren Werken wie A Prisoner in Fairyland (1913) oder The Extra Day (1915) kann man dieses Urteil vielleicht gelten lassen, den besten von Blackwoods Arbeiten im Bereich der reinen Fantasy wird es jedoch nicht gerecht. In der Tat scheint es Blackwood oft nicht in erster Linie darum zu gehen, Grauen zu erzeugen. Eher versucht er eine Art von ehrfürchtigem Schauder heraufzubeschwören, und wo ihm dies gelingt, wie in Incredible Adventures, entstehen echte Meisterwerke. Lovecraft würde in seinen späteren Erzählungen etwas Ähnliches versuchen. Es dauerte nicht lange, bis Lovecraft in Blackwood – noch vor Machen – den führenden unheimlich-phantastischen Schriftsteller seiner Zeit sah.

Montague Rhodes James (1862–1936) ist ein völlig anderer Fall. Die unheimlich-phantastische Literatur nimmt in seinem Gesamtwerk im Grunde nur einen relativ kleinen Platz ein, ja sie diente ihm vielleicht bloß als Ablenkung von seiner wissenschaftlichen Arbeit als Mediävist und Kirchenhistoriker. Seine Ausgabe der Apokryphen zum Neuen Testament, The Apocryphal New Testament (1924), war lange ein Standardwerk. James entdeckte seine Vorliebe für das Erzählen von Geistergeschichten während seiner Zeit in Cambridge. Seine ersten Geschichten trug er bei einem Treffen der Chitchat Society im Jahre 1893 vor. Später wurde er Provost von Eton und begann damit, seinen Zöglingen an Weihnachten seine Gespenstergeschichten zu erzählen. Diese wurden schließlich in vier Bänden gesammelt: Ghost-Stories of an Antiquary (1904), More Ghost Stories of an Antiquary (1911), A Thin Ghost and Others (1919) und A Warning to the Curious (1925). Dieses relativ schmale Werk, das in den Collected Ghost Stories of M. R. James (1931) gerade 650 Seiten umfasst, ist nichtsdestotrotz ein Meilenstein der unheimlich-phantastischen Literatur. James’ Erzählungen stellen gewissermaßen die äußerste Verfeinerung der konventionellen Gespenstergeschichte dar, und die Art, wie James diese Form perfektioniert, macht den Weg frei für die Entwicklung der psychologischen Geistergeschichte bei Walter de la Mare, Oliver Onions und L. P. Hartley. James war ein Meister in der Konstruktion von Kurzgeschichten, und die Struktur mancher seiner längeren Erzählungen ist so komplex, dass sich die Abfolge, in der das Geschehen berichtet wird, fast völlig von der eigentlichen chronologischen Reihenfolge der Ereignisse löst. James gehört darüber hinaus zu den wenigen Autoren, denen es gelingt, in einem skurril-scherzhaften Plauderton zu schreiben, ohne damit die Wirkung ihrer Schrecken zu zerstören. Obwohl Lovecraft diese Fähigkeit bei James bewunderte, warnte er doch seine jüngeren Kollegen vor dem Versuch, sie nachzuahmen. Wie Lovecraft und Machen hat auch James eine geradezu fanatische Anhängerschaft gewonnen. Doch wenn man ehrlich Bilanz zieht, dann muss man zugeben, dass vieles in James’ Werk dünn und substanzlos ist: Im Gegensatz zu Machen, Dunsany, Blackwood und Lovecraft hatte James keine Vision von der Welt, der er Ausdruck verleihen wollte, und viele seiner Geschichten wirken letztlich wie Fingerübungen im Erzeugen von Gänsehaut. Lovecraft scheint James erstmals Mitte Dezember 1925 in der New York Public Library gelesen zu haben.120 Ende Januar hatte er bereits die ersten drei Sammlungen von James’ Erzählungen beendet und wandte sich dem gerade erschienenen Band A Warning to the Curious zu. Obwohl Lovecraft zunächst enthusiastisch war – »James Meisterschaft beim Erzeugen von Grauen ist beinahe unübertrefflich«121 –, kühlte seine Begeisterung später ab. Während er James in »Supernatural Horror in Literature« noch zu den »modernen Meistern« zählte, schrieb er 1932: »Er gehört nicht wirklich zur selben Klasse wie Machen, Blackwood & Dunsany. Er ist der irdischste von den ›großen Vier‹.«122

Der Aufbau von »Supernatural Horror in Literature« ist außergewöhnlich elegant. In der Einleitung skizziert Lovecraft seine persönliche Theorie der unheimlich-phantastischen Literatur. Die folgenden vier Kapitel behandeln unheimlich-phantastische Werke von der Antike bis zum Ausklang des Schauerromans im frühen 19. Jahrhundert. Ihnen schließt sich ein Überblick über die phantastische Literatur auf dem europäischen Kontinent an. Poe nimmt in diesem historischen Panorama einen zentralen Platz ein, und sein Einfluss auf nachfolgende Autoren scheint in den abschließenden drei Kapiteln immer wieder auf.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass es bis zu diesem Zeitpunkt kaum eine kritisch-literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit unheimlich-phantastischer Literatur gegeben hatte. Ende November las Lovecraft Edith Birkheads The Tale of Terror (1921), eine wegweisende Studie über den Schauerroman, und obwohl August Derleth das Gegenteil behauptet hat,123 ist es offensichtlich, dass Lovecraft sich in seinen Kapiteln über das Thema in hohem Maße auf Birkhead stützt, sowohl, was die Struktur seiner Analyse, wie auch, was bestimmte Wertungen betrifft. Zusammen mit Saintsbury nennt Lovecraft Birkhead auch namentlich am Ende seines vierten Kapitels. Etwa zeitgleich mit Lovecrafts Essay erschien Eino Railos The Haunted Castle (1927), eine äußerst gründliche und treffsichere historische und thematische Studie, die Lovecraft sehr schätzte.

Die einzige umfassende Abhandlung, die sich mit der neueren unheimlich-phantastischen Literatur auseinandersetzte, war Dorothy Scarboroughs The Supernatural in Modern English Fiction (1917), die Lovecraft jedoch erst 1932 las. Dann allerdings kritisierte er Scarborough – zu Recht – als übermäßig schematisch in ihren thematischen Analysen und machte sich über ihre übermäßige Empfindlichkeit angesichts der handgreiflichen und erotisch aufgeladenen Schrecken von Autoren wie Stoker und Machen lustig. Dementsprechend liegt die eigentliche Bedeutung von Lovecrafts literaturgeschichtlichem Essay in den letzten sechs Kapiteln. Bis heute beschäftigt man sich im angloamerikanischen Raum kaum mit nicht-englischsprachiger unheimlich-phantastischer Literatur, und Lovecrafts Auseinandersetzung mit Schriftstellern wie Maupassant, Balzac, Erckmann-Chatrian, Gautier, Ewers und anderen ist wahrhaft eine Pionierleistung. Das ausführliche Kapitel über Poe ist in meinen Augen trotz seines flamboyanten Stils eine der klarsichtigsten Analysen des Werks dieses Autors, die es gibt. Für die Autoren des viktorianischen England brachte Lovecraft weniger Begeisterung auf, doch seine umfangreichen Auseinandersetzungen mit Hawthorne und Bierce im achten Kapitel sind in hohem Maße erhellend. Sein vielleicht größter Verdienst war jedoch, Machen, Dunsany, Blackwood und M. R. James als die vier »modernen Meister« der unheimlich-phantastischen Erzählung zu identifizieren, ein Urteil, das, trotz der Beckmessereien Edmund Wilsons und anderer Kritiker, von der späteren Literaturwissenschaft bestätigt wurde. Der einzige »Meister«, der auf dieser Liste fehlt, ist Lovecraft selbst.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, die Frage aufzuwerfen, wie vollständig Lovecrafts Überblick über die unheimlich-phantastische Literatur ist. Fred Lewis Pattees Urteil, dass Lovecraft »nichts Wichtiges ausgelassen hat«,124 ist nicht überall auf Zustimmung gestoßen. So bemängelte Peter Penzoldt, dass Oliver Onions und Robert Hitchens nicht einmal erwähnt werden,125 während Jack Sullivan Lovecraft vorwirft, das Werk von Le Fanu zu vernachlässigen.126 Nachdem ich vor kurzem Le Fanus weitschweifige und einfallslose Arbeiten noch einmal gelesen habe, fällt es mir jedoch schwer, Lovecraft diese Auslassung anzukreiden. Zwar trifft es zu, dass er, als er die erste Version seines Essays schrieb, Le Fanu nur dem Namen nach kannte, später las er jedoch den mittelmäßigen Roman The House by the Churchyard (1863), von dem er berechtigterweise keine hohe Meinung hatte. Der Teil von Le Fanus Werk, der überhaupt eine gewisse Aufmerksamkeit verdient, sind seine Kurzgeschichten und längeren Erzählungen, und diese waren Anfang des 20. Jahrhunderts kaum greifbar. Auch als Lovecraft 1932 Le Fanus Meistererzählung »Green Tea« in Dorothy L. Sayers’ Omnibus of Crime (1928) las, fühlte er sich nicht bemüßigt, seine Einschätzung grundsätzlich zu revidieren: »Endlich habe ich den ›Omnibus‹ & auch ›Green Tea‹ gelesen. Die Geschichte ist zweifellos besser als alles andere von Le Fanu, was ich je gelesen habe. Ich würde sie aber kaum auf die Poe-Blackwood-Machen-Stufe stellen.«127

Doch trotz der scharfsichtigen Einschätzung einzelner Autoren und der Sicherheit, mit der Lovecraft die geschichtliche Entwicklung des Genres skizziert – wobei man sich vor Augen führen muss, dass es sich um den allerersten literaturgeschichtlichen Überblick dieser Art handelte, da Scarboroughs Studie thematisch aufgebaut war –, ist der vielleicht bedeutendste Teil von »Supernatural Horror in Literature« das einleitende Kapitel. In ihm verteidigt Lovecraft das Unheimlich-Phantastische nicht nur als ernstzunehmende literarische Ausdrucksform, sondern umreißt auch eine kurzgefasste Theorie der unheimlich-phantastischen Erzählung, die eine Weiterentwicklung seiner Thesen aus früheren Schriften wie den In Defence of Dagon-Essays ist. Der ersten Frage wendet Lovecraft sich gleich im Eröffnungssatz zu, in dem er selbstbewusst erklärt: »Angst ist die älteste und stärkste Empfindung des Menschen, und die älteste und stärkste Angst ist die Furcht vor dem Unbekannten.« Diese »Tatsachen«, so fährt er fort, müssen »den Anspruch der unheimlichen Horrorgeschichte als ernsthafte literarische Gattung von Rang endgültig begründen«. Dann wendet er sich, nicht ohne Sarkasmus, dem Kampf zu, den das Unheimlich-Phantastische gegen »einen naiven und faden Idealismus« führt, »der das ästhetische Motiv verurteilt und nach einer belehrenden Literatur ruft, die den Leser auf ein angemessenes Niveau von einfältigem Optimismus erhebt«.128 Dies bringt ihn, wie schon in den In Defence of Dagon-Essays zu der Diagnose, dass die unheimlich-phantastische Literatur sich vor allem an »hinreichend empfindsame Gemüter« richtet, oder wie er es am Ende des Essays ausdrückt: »Es [das Unheimliche in der Literatur] ist ein kleines aber wesentlicher Zweig menschlicher Ausdruckskraft und wird, so wie seit jeher, von einem begrenzten, besonders empfindsamen Publikum geschätzt werden.«129

Mit seinen Versuchen einer Definition hat Lovecraft in »Supernatural Horror in Literature« einen bleibenden Beitrag zur Theorie der literarischen Phantastik geleistet. Eine entscheidende Passage ist Lovecrafts Unterscheidung zwischen dem Unheimlich-Phantastischen und dem bloß Grauenhaften.

Die echte unheimliche Erzählung bietet etwas mehr als heimtückischen Mord, blutige Knochen oder eine von Bettlaken umhüllte Gestalt, die der Regel entsprechend mit den Ketten rasselt. Eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht vor äußeren, unbekannten Mächten muss vorhanden sein, und es muss eine Andeutung jener schrecklichsten Vorstellung des menschlichen Verstandes geben, welche mit einem dem Thema gebührenden Ernst und auf ahnungsvolle Weise zum Ausdruck gebracht wird – eine bösartige und einzigartige Aufhebung oder Überwindung jener feststehenden Naturgesetze, die unseren einzigen Schutzwall gegen die Attacken des Chaos und der Dämonen des unergründlichen Weltalls darstellen.130

Man könnte natürlich einwenden, dass es sich hier um eine nachträgliche Rechtfertigung von Lovecrafts eigener Spielart von kosmischem Horror handelt, doch ich denke, die Definition hat eine größere Tragweite. Im Wesentlichen argumentiert Lovecraft, dass das Übernatürliche bestimmend für die unheimlich-phantastische Erzählung ist, weil es das einzige Element ist, das unheimlich-phantastische Texte von allen anderen Arten von Literatur unterscheidet, die sich ausschließlich in der Sphäre des Möglichen bewegen und daher metaphysisch, epistemologisch und psychologisch einen ganz anderen Charakter haben. In »Supernatural Horror in Literature« führt Lovecraft einige Beispiele für nicht-übernatürliches Grauen an: Poes »Man of the Crowd« und einige von Bierces grausigen psychologischen Erzählungen, aber es handelt sich dabei um Ausnahmen. Auch unterscheidet er explizit das Genre der conte cruel von der genuinen unheimlichen Phantastik. Die conte cruel, so Lovecraft, ist dadurch charakterisiert, dass in ihr »mittels dramatischer Folterszenen, Enttäuschungen und grässlicher physischer Schrecken an der Nervenschraube gedreht wird«. Lovecraft selbst empfand durchaus Bewunderung für Autoren solcher ›grausamer Geschichten‹, wie Maurice Level, »dessen sehr kurze Episoden sich als so geeignet für eine Bühnenadaption in den ›Schockern‹ des Grand Guignol erwiesen haben«.131

Ein großer Teil der Texte, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten unter dem Etikett der unheimlich-phantastischen Literatur veröffentlicht worden sind, gehören eigentlich dem Genre des psychologischen Thrillers oder des »schwarzen Thrillers« oder des »schwarzen Kriminalromans« an, um andere, ebenso vage definierte Begriffe zu benutzen. Robert Blochs Psycho (1959), ohne Zweifel ein äußerst kompetent geschriebenes Buch, ist gewissermaßen die Blaupause für diese Richtung von Literatur. Viele von Blochs Nachfolgern – insbesondere solche, die auf die längst zum Klischee geronnene Figur des Serienmörders setzen – scheinen allerdings weder ein Gespür für die Eigenheiten der verschiedenen Genres noch für den ontologischen Status ihrer Themen zu haben. Gehen die Autoren solcher Werke von der These aus, dass »grässlicher physischer Schrecken« unter gewissen Umständen so extrem werden kann, dass er in etwas umschlägt, das emotional oder metaphysisch einem übernatürlichen Grauen gleichkommt? Wie unterscheiden sich solche Texte von bloßen Thrillern? Solange derartige Fragen nicht schlüssig beantwortet sind, behält Lovecrafts Definition der unheimlich-phantastischen Erzählung ihre Gültigkeit.

Lovecraft weist darauf hin, dass die Arbeit an »Supernatural Horror in Literature« zwei positive Nebeneffekte hatte. Zum einen sah er sie als eine »gute Vorbereitung dafür, selbst eine Reihe neuer unheimlich-phantastischer Geschichten zu verfassen«,132 und zum anderen schien sie ihm »eine hervorragende geistige Disziplinierung & eine schöne Trennlinie zwischen meiner ziellosen, verlorenen Existenz der vergangenen beiden Jahre & der Wiederaufnahme eines Einsiedlerlebens, wie ich es in Providence geführt habe, unter dessen Einfluss ich hoffe, mir ein paar Geschichten abzuringen, die es wert sind, geschrieben zu werden«.133 Allerdings war dies nicht das erste Mal, dass Lovecraft den Vorsatz fasste, das tägliche und nächtliche Herumstreunen mit der »Gang« aufzugeben und sich wieder ernsthafter Arbeit zuzuwenden. Da es für 1926 keine Tagebuchaufzeichnungen gibt, ist es schwierig einzuschätzen, inwieweit er mit seinem Vorsatz ernstmachte. Was seine Absicht betrifft, wieder literarisch aktiv zu werden, so setzte er diesen Ende Februar in die Tat um, indem er »Cool Air« verfasste.

»Cool Air« ist die letzte und wahrscheinlich beste von Lovecrafts New Yorker Geschichten und eine aufs äußerste verdichtete Darstellung reinen physischen Grauens. Der namenlose Erzähler hat sich »im Frühjahr 1923 irgendeine öde und schlechtbezahlte Arbeit für eine Zeitschrift an Land gezogen« und bezieht ein Zimmer in einer heruntergekommenen Pension. Unter den zwielichtigen Bewohnern dieser Bleibe sticht ein gewisser Dr. Muñoz hervor, ein kultivierter Mediziner im Ruhestand, der sich die Zeit mit chemischen Experimenten vertreibt und sich die Extravaganz leistet, seine Wohnung mithilfe eines Ammoniak-Kühlsystems bei einer Temperatur von 13 Grad Celsius zu halten. Der Erzähler ist von Dr. Muñoz’ Erscheinung überaus angetan:

Die Gestalt vor mir war klein, aber von erlesenen Proportionen und gekleidet in einen ziemlich förmlichen Anzug von perfektem Sitz und Schnitt. Ein kurzer eisengrauer Vollbart zierte ein vornehmes Gesicht mit zwar gebieterischem, aber nicht arrogantem Ausdruck, und ein altmodisches Pincenez schirmte die großen dunklen Augen und überragte eine Adlernase, die einer ansonsten überwiegend keltiberischen Physiognomie einen maurischen Anstrich verlieh. Dichtes, gutgeschnittenes Haar bezeugte die pünktlichen Besuche beim Friseur und lag anmutig gescheitelt über einer hohen Stirn; das Ganze war ein Bild hervorstechender Intelligenz und vortrefflicher Herkunft und Bildung.

Muñoz verkörpert offensichtlich Lovecrafts Idealtyp: jemanden, der zugleich der Aristokratie des Blutes und der Aristokratie des Geistes angehört, der auf seinem Gebiet hochgebildet ist, sich aber zugleich geschmackvoll zu kleiden weiß. Wie soll man hier nicht an Lovecrafts langatmige Tiraden nach dem Diebstahl seiner Anzüge denken? Der Leser soll also offenbar Sympathie für Muñoz empfinden, der seit achtzehn Jahren unter einer entsetzlichen ungenannten Krankheit zu leiden scheint, die ihn dazu zwingt, sich in einer Umgebung aufzuhalten, deren Temperatur 13 Grad Celsius nicht überschreiten darf. Als einige Wochen später das Ammoniakkühlsystem der Wohnung ausfällt, wird der Erzähler von dem verzweifelten Muñoz um Hilfe gebeten und versucht in höchster Eile, die Reparatur zu organisieren, während er gleichzeitig einen »abgerissenen Eckensteher« anheuert, um den Arzt mit Eis zu versorgen, welches dieser in immer größeren Mengen verlangt. Doch als der Erzähler schließlich mit zwei Mechanikern zurückkehrt, um die defekte Pumpe der Kühlung auszutauschen, ist es bereits zu spät, und er findet die Pension in hellem Aufruhr vor. Nachdem er die Tür von Doktor Muñoz’ Wohnung aufgebrochen hat, bietet sich ihm ein abscheulicher Anblick: »Eine Art dunkle Schleimspur führte von der offenen Badezimmertür zur Flurtür und von dort zum Schreibtisch, wo sich eine entsetzliche kleine Pfütze angesammelt hatte. Irgendetwas stand dort von furchtbarer, blinder Hand mit Bleistift hingekritzelt auf einem Stück Papier, das wie von ebenjenen Klauen, die die letzten hastigen Worte zogen, grässlich besudelt war. Dann führte die Spur zum Sofa und endete unsäglich.« Aus dem gefundenen Schriftstück geht hervor, dass Muñoz bereits vor achtzehn Jahren gestorben ist und seinem toten Körper nur durch künstliche Konservierung einen Anschein von Leben verliehen hat.

»Cool Air« wirft keine großen philosophischen Fragen auf, doch einige der grausigen Effekte in der Erzählung sind exquisit. Wenn Muñoz an einem Punkt der Geschichte einen Krampf erleidet und daraufhin »die Hände vor die Augen schlägt und im Badezimmer verschwindet«, begreift der Leser sofort, dass ihm durch die körperliche Erschütterung beinahe im buchstäblichen Sinne die Augen aus dem Kopf gesprungen wären. Die ganze Geschichte hat möglicherweise einen leicht komischen Unterton, so wenn Muñoz, der sich offenbar in eine eisgefüllte Badewanne zurückgezogen hat, durch die verschlossene Badezimmertür ruft: »Mehr – mehr!«

Lovecraft hat später behauptet, dass er die eigentliche Inspiration zu »Cool Air« nicht so sehr Poes »Facts in the Case of M. Valdemar« entnommen hat, sondern Machens »The Novel of the White Powder«,134 in der ein ahnungsloser Student unwissentlich eine Droge zu sich nimmt, die ihn zu einer »dunklen und fauligen Masse« zusammenfallen lässt, »die vor Fäulnis und ekelhafter Zersetzung brodelte, weder flüssig noch fest, sondern vor unseren Augen zusammenschmelzend und ihre Beschaffenheit verändernd und schleimige, ölige Blasen werfend wie kochender Teer«.135 Es lässt sich jedoch kaum bestreiten, dass Lovecraft, als er »Cool Air« verfasste, Poes Valdemar im Hinterkopf hatte, jenen Mann, der nach seinem vermeintlichen Tod monatelang durch Hypnose in einem lebensähnlichen Zustand gehalten wird, bis er sich schließlich in eine »nahezu flüssige Masse von ekelhafter, abscheuerregender Fäulnis« auflöst.136 Weit erfolgreicher als in »The Horror at Red Hook« gelingt es Lovecraft in »Cool Air«, den Schrecken zu beschwören, der sich in den lärmerfüllten Straßenschluchten von Nordamerikas einziger echter Megalopolis verbirgt.

Der Schauplatz der Erzählung ist dem Haus in der West 14th Street 317 in Manhattan nachempfunden, in dem George Kirk zu dieser Zeit wohnte und zugleich seine Buchhandlung, den Chelsea Book Shop, betrieb. Kirk war bereits im Juni 1925, nach nur fünf Monaten, aus der Clinton Street 169 ausgezogen und hatte sich zunächst bei seinem Partner Martin Kamin und dessen Frau in die West 115th Street 617 in Manhattan einquartiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Heimatstadt Cleveland hatte er dann die Räume in der West 14th Street bezogen. Doch schon im Oktober zog Kirk mit seiner Buchhandlung in die West 15th Street 365 um.137

Lovecraft hatte also nur relativ wenig Zeit, sich mit dem Haus in der 14th Street vertraut zu machen, doch bereits kurz nachdem Kirk eingezogen war, gab er seiner Tante Lillian eine ausführliche Beschreibung der Wohnung:

… Kirk hat zwei enorme viktorianische Zimmer gemietet, die ihm gleichzeitig als Büro und Wohnung dienen … Es ist ein typisch viktorianisches Haus aus New Yorks »Zeit der Unschuld«, mit einem gefliesten Flur, geschwungenen Kaminsimsen aus Marmor, riesigen Wandspiegeln mit vergoldeten Rahmen, unglaublich hohen, stuckverzierten Decken, bogenförmigen Türstürzen mit kunstvollen Rokokoornamenten & all den anderen Kennzeichen von New Yorks Zeitalter des immensen Reichtums & unmöglichen Geschmacks. Kirks Zimmer sind die beiden großen Salons im Erdgeschoss, die von einem offenen Bogen verbunden werden. Nur im vorderen Zimmer gibt es zwei Fenster. Sie gehen auf die 14. Straße & haben den Nachteil, dass sie den gesamten babylonischen Lärm der großen Durchgangsstraße hereinlassen, mit ihrem Verkehrsgewühl & den unaufhörlichen Straßenbahnen.138

Der letzte Satz schlägt den Bogen zum Beginn von »Cool Air«: »Es ist ein Fehler, sich das Grauen als untrennbar mit Dunkelheit, Stille und Einsamkeit verwoben vorzustellen. Es begegnete mir am helllichten Nachmittag, im Getöse einer Metropole und inmitten des Gewimmels eines schäbigen und ganz gewöhnlichen Logierhauses …«

Selbst das in der Erzählung erwähnte Ammoniakkühlsystem hat einen autobiographischen Hintergrund. Im August 1925 berichtete Lillian Lovecraft von einem Theaterbesuch, den sie in Providence unternommen hatte, woraufhin dieser antwortete: »Schön, dass du der Albee Co. die Treue gehalten hast. Allerdings erstaunt es mich, zu erfahren, dass es im Theater heiß war. Sie haben ein hervorragendes Ammoniakkühlsystem installiert, & wenn sie es nicht anschalten, dann nur aus übertriebener Sparsamkeit.«139

Unerklärlicherweise lehnte Farnsworth Wright »Cool Air« ab, obwohl die Erzählung eigentlich genau die Art von konventioneller makabrer Geschichte ist, die seinem Geschmack entsprach. Vielleicht scheute er, wie schon im Falle von »In the Vault«, aufgrund des allzu grausigen Schlusses vor einer Veröffentlichung zurück. Lovecraft sah sich jedenfalls später gezwungen, die Erzählung gegen ein sehr geringes Honorar an die kurzlebige Zeitschrift TALES OF MAGIC AND MYSTERY zu verkaufen, wo sie im März 1928 erschien.

Sonias einziger Besuch in New York während der ersten drei Monate des Jahres 1926 dauerte etwa vom 15. Februar bis zum 5. März. Offensichtlich war dies der erste längere Zeitraum, den sie bei Halle’s freinehmen konnte. Am Tag ihrer Abreise berichtete Lovecraft, dass er sie erst im Juni wieder zurückerwartete, wenn mit ihrer Arbeit in dem Kaufhaus weiterhin alles so gut lief.140 Inzwischen gelang es auch Lovecraft endlich, sich einen Job zu verschaffen, der allerdings nur vorübergehend war und in keiner Weise seinen Fähigkeiten entsprach. Im September hatte Loveman eine Stelle in der renommierten Buchhandlung Dauber & Pine an der Ecke Fifth Avenue und 12th Street angetreten, und nun überredete er seine Vorgesetzten, Lovecraft für drei Wochen als Aushilfe zum Etikettieren von Briefumschlägen anzustellen. Lovecraft hatte im Vorjahr mehrfach Kirk bei dieser Aufgabe geholfen, wobei er allerdings umsonst gearbeitet hatte, um sich für die vielen Gefallen zu revanchieren, die Kirk ihm erwiesen hatte. Einige Male hatten die Mitglieder des Kalem-Clubs solche Massenbriefsendungen sogar gemeinsam vorbereitet, wobei sie plauderten und alte Lieder sangen und das Ganze zu einem amüsanten Ereignis machten. Die Arbeit bei Dauber & Pine begann vermutlich am 7. März, und die Bezahlung betrug 17,50 Dollar pro Woche. Lovecraft versuchte, die ganze Sache von der humorvollen Seite zu sehen: »Moriturus te saluto! Bevor ich mich endgültig in den Abgrund stürze, bringe ich meine gesamten Schulden bei der Menschheit in Ordnung & antworte kurz auf Deine geschätzte Nachricht …«141 Doch Sonia zeichnet in einem späteren Brief an Loveman ein anderes Bild: »Ich weiß, dass es Ihnen gelungen ist, H. P. L. für einige Wochen eine Arbeit zu besorgen, während ich in Cleveland war. Es ging darum, Kataloge für Dauber & Pine zu adressieren. Er arbeitete gerade einmal 2 Wochen für 17 Dollar die Woche und hasste den Job.«142 Ich glaube, dass Sonia sich täuscht, was die Dauer von Lovecrafts Arbeit angeht, da er tatsächlich zwischen dem 6. März und dem 27. März keine Briefe an seine Tante Lillian verfasste, aber mit ihrer Einschätzung seiner Reaktion auf die Arbeit hat sie wahrscheinlich recht, da ihm mechanische, repetitive Tätigkeiten dieser Art stets zuwider waren.

Seiner Tante gegenüber beklagte sich Lovecraft jedoch nicht. Vielleicht wollte er nicht den Eindruck erwecken, dass er sich zu fein sei, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Vielleicht waren für ihn am 27. März jedoch bereits ganz andere Dinge in den Vordergrund getreten. Der Brief, den er an diesem Tag an seine Tante Lillian richtete, begann:

Wahrhaftig!!! Alle deine Briefe sind angekommen & wurden mit Dankbarkeit aufgenommen. Der dritte jedoch bildete den Höhepunkt, der alles andere in den Hintergrund rückt!! Hip Hip Hurra! Ich musste sofort feiern gehen … & bin jetzt zurück, um mich weiter zu freuen & zu antworten. A. E. P. G.s Brief ist auch angekommen – ein wildes Freudenfest! …

Und jetzt zu eurer Einladung. Hurra!! Lang lebe der Bundesstaat Rhode Island & Providence-Plantations!!!143

Mit anderen Worten: Seine Tanten hatten Lovecraft eingeladen, nach Providence zurückzukommen.

Anmerkungen

1 »Tagebuch 1925«, Manuskript JHL.

2 In: HPL, COLLECTED ESSAYS Bd. 5, hrsg. v. S. T. Joshi, New York: Hippocampus Press 2006.

3 HPL an LDC, 13.–16. September 1922, Letters from New York, S. 24.

4 HPL an MWM, 15. Juni 1925, Letters from New York, S. 143.

5 HPL an LDC, 23.–24. September 1925 (Manuskript, JHL).

6 HPL an MWM, 15. Juni 1925, Letters from New York, S. 143.

7 HPL an LDC, 7. August 1925, Letters from New York, S. 164.

8 HPL an AEPG, 26. Februar 1925, Letters from New York, S. 114.

9 HPL an MWM, 15. Juni 1925, Letters from New York, S. 144.

10 HPL an LDC, 11. April 1925, Letters from New York, S. 119.

11 HPL an LDC, 28. Mai 1925, Letters from New York, S. 132.

12 HPL an LDC, 30.–31. Juli 1925, Letters from New York, S. 159.

13 HPL an LDC, 1. September 1925 (Manuskript, JHL).

14 HPL an LDC, 22. Oktober 1925, Letters from New York, S. 227.

15 HPL an LDC, 14.–19. November 1925 und 22.–23. Dezember 1925, Letters from New York, S. 247, 255.

16 Im Ergebnis bedeutet dies, dass Sonia im Jahr 1925 insgesamt 89 Tage in der Clinton Street 169 verbrachte: 11.–16. Januar; 3.–6. Februar; 23. Februar – 19. März; 8.–11. April; 2.–5. Mai; 9. Juni–24. Juli; 15.–20. August; 16.–17. September; 16.–18. Oktober.

17 HPL an LDC, 28. Mai 1925, Letters from New York, S. 133.

18 Die Titel der fünf Artikel lauten: »Beauty in Crystal« (über das »Steuben-Glas«, das von den Corning Glass Works in Corning, New York, hergestellt wurde); »The Charm of Fine Woodwork« (über die Möbelfabrik Curtis Companies in Clifton, Iowa); »Personality in Clocks« (über Standuhren, die von der Colonial Manufacturing Company in Zealand, Michigan, hergestellt wurden); »A Real Colonial Heritage« (über die »Danersk«-Möbel der Erskine-Danforth Corporation in New York City) und »A True Home of Literature« (über den Alexander Hamilton Bookshop in Paterson, New Jersey).

19 Sonia H. Davis, Brief an Samuel Loveman (1. Januar 1948), zitiert in Gerry de la Ree, »When Sonia Sizzled«, in: Talman, The Normal Lovecraft, S. 29.

20 W. Paul Cook, »In Memoriam«, in: Cannon, Lovecraft Remembered, S. 115.

21 HPL an LDC, 29. November 1924, Letters from New York, S. 102.

22 HPL an AEPG, 26. Februar 1925, Letters from New York, S. 113.

23 HPL an LDC, 11. April 1925, Letters from New York, S. 119.

24 HPL an LDC, 28.–30. September 1925, Letters from New York, S. 213.

25 Hart, »Walkers in the City«, S. 8.

26 RK, »After a Decade and the Kalem Club«, CALIFORNIAN 4, No. 2 (Herbst 1936), S. 47. Ein mehr oder weniger bewusstes Vorbild bei der Namenswahl könnte auch die 1905 gegründete Filmgesellschaft Kalem Company gewesen sein, deren Firmierung nach exakt dem gleichen Prinzip aus den Nachnamen ihrer Gründer George Kleine, Samuel Long und Frank Marion entstand (Vgl. Eric Rhode, A History of the Cinema from Its Origins to 1970 [New York: Hill & Wang, 1976], S. 39).

27 HPL an LDC, 27. Juli 1925, Letters from New York, S. 151.

28 HPL an AEPG, 10. Februar 1925, Letters from New York, S. 111.

29 SL II.18f. (Fn. 3).

30 HPL an LDC, 2. April 1925, Letters from New York, S. 116.

31 HPL an LDC, 11. April 1925, Letters from New York, S. 118.

32 HPL an LDC, 6. Juli 1925, Letters from New York, S, 149.

33 HPL an LDC, 19.–23. August 1925, Letters from New York, S. 182.

34 HPL an LDC, 18. September 1925 (Manuskript, JHL).

35 Der Streik dauerte von September 1925 bis Februar 1926.

36 HPL an LDC, 24.–27. Oktober 1925, Letters from New York, S. 231.

37 HPL an LDC, 2. April 1925, Letters from New York, S. 116.

38 HPL an LDC, 11. April 1925 (Manuskript JHL).

39 HPL an LDC, 10. September 1925 (Manuskript, JHL).

40 HPL an LDC, 25. [tatsächlich 26.] Mai 1925, Letters from New York, S. 128f.

41 HPL an LDC, 28. Mai 1925, Letters from New York, S. 129.

42 HPL an LDC, 6. Juli 1925, Letters from New York, S. 146.

43 HPL an LDC, 14.–15. Oktober 1925, Letters from New York, S. 218.

44 Ebd., S. 219.

45 HPL an LDC, 20. Oktober 1925, Letters from New York, S. 225.

46 HPL an LDC, 24.–27. Oktober 1925, Letters from New York, S. 232f.

47 HPL an LDC, 24. August 1925, Letters from New York, S. 185.

48 HPL an LDC, 22. Oktober 1925, Letters from New York, S. 226.

49 Der letzte Mann (1924) mit Emil Jannings, Regie: Friedrich Wihelm Murnau (A. d. Ü.).

50 HPL an LDC, 2. April 1925, Letters from New York, S. 117.

51 Edgar Saltus, US-amerikanischer Schriftsteller (1855-1921), sein Roman The Ghost Girl erschien posthum 1922 (A. d. Ü.).

52 Hart, »Walkers in the City«, S. 10.

53 HPL an LDC, 21. April 1925 (Manuskript, JHL).

54 Davis, Private Life, S. 27.

55 HPL an LDC, 20. Mai 1925, Letters from New York, S. 125.

56 HPL an LDC, 6. Juli 1925, Letters from New York, S. 148.

57 HPL an MWM, 15. Juni 1925 (Manuskript, JHL).

58 HPL an LDC, [20. Juli 1925] (Manuskript, JHL).

59 HPL an LDC, 18. September 1925, Letters from New York, S. 195.

60 HPL an LDC, 27. Juli 1925, Letters from New York, S. 154.

61 HPL an FBL, 2. August 1925 (SL II.20).

62 HPL an Bernard Austin Dwyer, 26. März 1927 (SL II.116).

63 Davis, Private Life, S. 12.

64 HPL an CAS, 9. Oktober 1925 (SL II.28).

65 »The Incantation from Red Hook« (vermutlich Brief an Wilfred B. Talman), in: The Occult Lovecraft (Saddle River, NJ: Gerry de la Ree, 1975), S. 28. Tatsächlich handelt es sich bei homousion (etwa: »wesensgleich« oder »aus einem Wesen«) um einen Schlüsselbegriff christlicher Theologie, der die Überzeugung bezeichnet, dass Christus »aus einem Wesen« mit Gott ist (A. d. Ü.).

66 HPL an LDC, 27. Juli 1925, Letters from New York, S. 155.

67 Ebd.

68 HPL an LDC, 8. August 1925, Letters from New York, S. 167.

69 HPL an AD, 26. November 1926, Essential Solitude, Bd. 1, S. 52.

70 Vgl. Robert M. Price, »The Humor at Red Hook«, CoC Nr. 28 (Yuletide 1984), S. 9.

71 Davis, Private Life, S. 11.

72 Ebd., S. 20.

73 Ebd., S. 26f.

74 Sonia H. Davis an Winfield Townley Scott, 24. September 1948 (Manuskript, JHL).

75 HPL an LDC, 6. Juli 1925, Letters from New York, S. 148.

76 HPL an LDC, 11. Januar 1926, Letters from New York, S. 269.

77 HPL an LDC, 27. März 1926 (Manuskript, JHL).

78 Long, Dreamer on the Nightside, S. 227.

79 HPL an LDC, 11. Januar 1926, Letters from New York, S. 271.

80 HPL an JVS, 19. November 1931 (AHT).

81 Long, Dreamer on the Nightside, S. 228f.

82 HPL an LDC, 13. August 1925, Letters from New York, S. 171f.

83 HPL an LDC, 29.–30. September 1924, Letters from New York, S. 68.

84 »Little Sketches About Town«, NEW YORK EVENING POST (29. August 1924), S. 9; nachgedruckt in: HPL, From the Pest Zone: Stories from New York (New York: Hippocampus Press, 2003), S. 106.

85 Vgl. Elaine Schechter, Perry Street—Then and Now (New York, 1972).

86 HPL an LDC, 20. August 1924, Letters from New York, S. 60f.

87 Vgl. auch S. T. Joshi, »Lovecraft and Dunsany’s Chronicles of Rodriguez«, CoC (Hallowmas 1992), wiederabgedruckt in: Joshi, Primal Sources, S. 177–81.

88 HPL an LDC, 23.–24. September 1925, Letters from New York, S. 197.

89 HPL an LDC, 12.–13. September 1925, Letters from New York, S. 191.

90 HPL an LDC, 13. August 1925, Letters from New York, S. 172.

91 HPL an LDC, 8. August 1925 (Manuskript, JHL).

92 HPL an CAS, 20. September 1925 (SL II.26).

93 CAS an HPL, 11. März 1930 (Manuskript, JHL).

94 HPL an LDC, 2. Dezember 1925, Letters from New York, S. 251.

95 HPL an LDC, 13. Dezember 1925, Letters from New York, S. 252.

96 HPL an LDC, 2. Oktober 1925 (Manuskript, JHL).

97 HPL an LDC, 27. August 1925, Letters from New York, S. 187.

98 Vgl. Bernard Hubertus, Maria Vlekke und Henry Beets, Hollanders Who Helped Build America (New York: American Biographical Company, 21942), S. 223, wo sich eine Biographie Talmans findet, zu der er vermutlich selbst die Informationen geliefert hat.

99 HPL an LDC, 27. August 1925, Letters from New York, S. 187.

100 HPL an LDC, 22.–23. Dezember 1925, Letters from New York, S. 158.

101 Lovecraft notierte, dass er nach seiner Rückkehr zum Scott Park in Elizabeth eine weitere Horrorgeschichte begann, die – falls sie je beendet wurde – jedoch verschollen ist (HPL an LDC, 19.–23. August 1925 [Manuskript, JHL]).

102 HPL an LDC, 1. September 1925 (Manuskript, JHL).

103 HPL an LDC, 8. September 1925 (Manuskript, JHL).

104 HPL an LDC, 12.–13. September 1925, Letters from New York, S. 190.

105 HPL an LDC, 28.–30. September 1925, Letters from New York, S. 204.

106 HPL an LDC, 28.–30. September 1925, Letters from New York, S. 209.

107 HPL an LDC, 28.–30. September 1925, Letters from New York, S. 210.

108 HPL an FBL, 21. März 1924 (SL I.332).

109 HPL an LDC, 22. Oktober 1925, Letters from New York, S. 227.

110 HPL an LDC, 14.–19. November 1925, Letters from New York, S. 247.

111 Die Halle Brothers Company war 1891 von Salmon P. und Samuel H. Halle gegründet worden. Das Unternehmen stellte ursprünglich Hüte, Mützen und Pelze her, verlegte sich aber später auf den Verkauf dieser Waren. 1910 war an der Ecke Euclid und East 12th Street ein großes Kaufhaus errichtet worden. Dort war vermutlich auch Sonias Arbeitsplatz.

112 HPL an LDC, 14.–19. November 1925, Letters from New York, S. 249.

113 HPL an JFM, 5. Januar 1926 (SL II.36).

114 HPL an LDC, 5. März 1926 und 6. März 1926 (Manuskripte, JHL).

115 HPL an LDC, 12.–13. April 1926 (Manuskript, JHL).

116 SL II.36 (Fn. 107).

117 HPL an den Gallomo-Korrespondenzzirkel [April 1920], Letters to Alfred Galpin, S. 73.

118 HPL an LDC, 29.–30. September 1924, Letters from New York, S. 63.

119 HPL an Vincent Starrett, 6. Dezember 1927 (SL II.211).

120 HPL an LDC, 13. Dezember 1925, Letters from New York, S. 253.

121 HPL an LDC, 26. Januar 1926, Letters from New York, S. 275.

122 HPL an JVS, 5. Februar 1932 (SL IV.15).

123 Vgl. AD, »Introduction«, Supernatural Horror in Literature (New York: Ben Abramson, 1945), S. 9–11.

124 Rezension von Supernatural Horror in Literature (Ben Abramson, 1945), in: AMERICAN LITERATURE 18 (1946), S. 175.

125 Vgl. Peter Penzoldt, The Supernatural in Fiction (1952), Auszüge in: Joshi, H. P. Lovecraft: Four Decades of Criticism, S. 63f.

126 Vgl. Jack Sullivan, Elegant Nightmares: The English Ghost Story from LeFanu to Blackwood (Athens: Ohio University Press, 1978), S. 32.

127 Lovecraft an CAS, [16. Januar 1932] (Manuskript, JHL).

128 Lovecraft, Das übernatürliche Grauen in der Literatur, S. 34.

129 Ebd. S. 164.

130 Lovecraft, Das übernatürliche Grauen in der Literatur, S. 38.

131 Ebd. S. 86f.

132 HPL an LDC, 6. Januar 1926 (Postkarte), Letters from New York, S. 266.

133 HPL an LDC, 11. Januar 1926, Letters from New York, S. 272.

134 HPL an Henry Kuttner, 29. Juli 1936, Letters to Henry Kuttner (West Warwick, RI: Necronomicon Press, 1990), S. 21.

135 Arthur Machen, »The Novel of the White Powder«, Tales of Horror and the Supernatural (New York: Alfred A. Knopf, 1948), S. 55.

136 Poe, Collected Works, Bd. 3, S. 1243. (Poe, Erzählungen, S. 457).

137 Dort blieb er bis zu seiner Heirat mit Lucile Dvorak am 5. März 1927. Schließlich ließ er sich mit seinem Chelsea Book Shop in der West 8th Street 58 nieder, wo er mehr als ein Jahrzehnt bleiben sollte (Hart, »Walkers in the City«, S. 11 ff.).

138 HPL an LDC, 19.–23. August 1925, Letters from New York, S. 182.

139 HPL an LDC, 7. August 1925 (Manuskript JHL).

140 HPL an LDC, 12. Februar 1926 (Manuskript, JHL).

141 HPL an LDC, 6. März 1926, Letters from New York, S. 281f.

142 De la Ree, »When Sonia Sizzled«, S. 29.

143 HPL an LDC, 27. März 1926, Letters from New York, S. 282f.

* Und was mich angeht, so bin ich kein Gelehrter / Und weiß nur, was ich mag und auch warum; / Literatur und Geschichte machen meinen armen Kopf schwindlig, / Bis keine Wahl mehr in ihm hängen bleibt! / Mein Favorit? Pfui auf gedruckte Information – / Ich gebe offen mir selbst die Nominierung!

* Es flüstert aus rosigen Hainen / Dem Blute zu, das halb vor Angst erbebt, / Während des Abendsterns ferner Choral / Eine Ekstase ist, angerührt von Furcht. / Und zur Nacht glüht dort, wo die Berggeister sich sammeln, / Die ferne Walpurgisflamme, / Die der einsame Schäfer im Tal / Gewahrt, doch ihren Namen nicht auszusprechen wagt.

** Legionen von Katzen aus den nächtigen Gassen / Heulen mager im Glanze des Mondes, / Kreischen die Zukunft mit infernalischen Tönen herbei, / Schreien unter der Bürde von Plutos roter Rune.

* Ich würde nach Fähren auf dem Nile suchen / Und nach Buspreisen für eine Fahrt nach Mekka … Die Passage durch Tibet arrangieren, / Um mit dem Dalai Lama zu scherzen.

H. P. Lovecraft − Leben und Werk 2

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