Читать книгу Braunington und Millstone - Stefan C. Pachlina - Страница 10

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Kapitel 4 - Tsavo

»Ach Harold, eines interessiert mich, wann genau seid ihr angekommen?«

»Das weißt du doch Richard, Wilton hat uns zu euch hereingeführt.«

»Ja, ist mir bekannt, nur wann genau seid ihr in Crapham Down angekommen? Der Gastwirt vom Blue-Apple erzählte mir …«

»Du hast das Anwesen verlassen, Richard? Der Inspector hat es uns doch untersagt!«, ermahnte Francis ihren Mann.

»Er wird mich schon nicht deswegen erschießen meine Liebste. Nun Harold?«

»Was soll diese Fragerei eigentlich bedeuten, Richard? Auch wenn wir einen Tag vorher angekommen wären, was geht dich das an?«

»Ganz einfach, das erweitert die Anzahl der Verdächtigen doch schlagartig, nicht wahr?«

»Was in aller Welt willst du damit andeuten? Meinst du etwa, Roger oder gar mein Vater haben etwas mit dem Mord zu tun?«

»Nun reg dich doch nicht gleich so auf Harold, oder quält dich etwa das schlechte Gewissen? Na?«

Robert entgegnete Harold: »Lass dich nicht von meinem Brüderchen nerven, er spielt doch nur auf die Erbschaft an.«

»Du solltest mal dringend einen Psychiater aufsuchen Richard, das würde dir guttun, glaube mir«, konterte Harold großmäulig.

»Ach ja? Du bist ganz schön frech für dein Alter. Hast du in diesem Bereich etwa Erfahrung? Kannst du mir einen empfehlen?«

»Nun hört schon auf zu streiten, das bringt doch nichts«, warf Ivah gelangweilt ein. »Lasst uns was unternehmen, wie wäre es mit einer Partie Krocket oder Boccia? Hat jemand Lust und Laune?«

Roger nahm seine Verlobte in den Arm und meinte: »Lust habe ich doch immer meine Liebe.«

»Hat die Polizei schon einen Verdacht, wer es getan haben könnte?«, lispelte Corda aus einer Ecke am Boden sitzend, vom anderen Ende des Raums.

Robert stutzte verblüfft: »Du bist auch da? Hatte dich gar nicht bemerkt, Corda. Soweit mir bekannt, tappen die jämmerlich im Dunklen. Ein Sergeant schnüffelt im gesamten Haus herum, der sucht irgendwas, keine Ahnung, interessiert mich auch nicht. Ich denke nicht, dass es einer von uns war. Da fällt mir ein, hatte nicht Finlay erst vor einer Woche einen heftigen Streit mit Vater?«

»Ja, stimmt, doch da ging es darum, weiteres Personal einzustellen. Er schafft die Arbeit wohl nicht mehr der arme Kerl, der soll sich mehr anstrengen«, entgegnete Richard leicht amüsiert.

»Geh doch rüber zu den Stallungen und sag das Finlay doch einfach ins Gesicht, Richard. Ich wäre auf seine Reaktion gespannt, besonders wie dein Gesicht danach aussieht. Übrigens, in der Nacht vor Vaters Tod, habe ich es wieder gehört, ihr auch?«, stellte Corda die Frage in die Runde. Darauf verstummten alle und blickten sich umsehend, abwechselnd an. Die Stille wurde jäh unterbrochen, als Wilton die Tür in den Salon öffnete: »Der Inspector ist eben mit einer Truppe Constables eingetroffen, falls es Sie interessiert. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um ein Geständnis abzulegen. Möchte jemand Tee?«

»Wilton, Sie sind zum Brüllen! Tee? Wieso nicht, ab auf die Terrasse Leute, das sollten wir uns nicht entgehen lassen!«, fieberte Robert der Suchaktion entgegen.

Inspector Braunington ließ den Garten auf weitere Spuren durchsuchen. Das von ihm am Vortag gefundene Stück Rundholz stellte sich als das heraus, welches benutzt wurde, um Lord Lawrence die Haare in den Rachen zu stopfen, welcher dabei erheblich verletzt wurde. Zwölf Constables durchforsteten den Fundort sowie die Stallungen und Nebengebäude nach weiteren Auffälligkeiten.

Richard brüllte in Richtung des Inspectors, der die Constables auf der Wiese stehend einwies: »Schon was gefunden Inspector? Schauen Sie doch mal am Baum nach, vielleicht hängt da einer!«

»Richard! Wenn du auch nur einen Funken Anstand hast, dann brülle hier nicht herum, sondern zeige etwas mehr Respekt deinem toten Vater gegenüber und störe nicht die Trauer derjenigen, denen der Verlust zu Herzen geht«, ermahnte Lady Lawrence ihren Sohn und bewegte sich langsam auf ihn zu. Nur wenige Zentimeter vor ihm blieb sie stehen und gab ihm unmissverständlich provokant zu verstehen, ihr aus dem Weg zu gehen. Mrs. Millstone servierte unerwartet den Tee.

»Nanu? Wo ist denn Wilton?«

»Sein Bein, es schmerzt wieder etwas, daher übernahm ich diese Aufgabe.«

Mrs. Millstone hatte Wilton ausmanövriert, indem sie ihm einen Kuchen gebacken hatte, den er genüsslich in der Küche verspeiste, dazu bester Tee. Sie hatte die Neugier gepackt und wollte wissen, was passiert war. Bei derartig vielen Constables am Anwesen musste zwingend etwas los sein.

»Nanu? Wieso durchsucht die Polizei das Anwesen?«, erkundigte sich Mrs. Millstone verdutzt.

»Die suchen nach … ja, die Uniformierten suchen nach etwas, nur was genau, ist uns nicht klar. Vermutlich wissen sie es selbst nicht«, meinte Robert, ungeniert den Tee schlürfend. »Jetzt kommt auch noch Amelia, wäre ich doch lieber drinnen geblieben.«

Amelia schlenderte die Treppe vom Garten kommend die Terrasse empor und setzte sich neben Corda, die an einem eigenen Tisch platzgenommen hatte, fern ihrer Verwandtschaft. Amelia blickte, den Kopf nach hinten zur Seite gedreht einen nach dem anderen an und meinte: »Ich habe nachgedacht. Keiner von euch Versagern hat Lord Lawrence auf dem Gewissen. Das ist auch nicht möglich, keinesfalls. Wenn ich mir eure Milchgesichter so ansehe, ihr würdet keine zwei Minuten im Busch überleben. Wie könnte dann einer von euch jemanden, nein, nicht jemanden, sondern Lord Henry, mit eigenen Händen erwürgen, und ihm dabei in die Augen sehen, während er seinen letzten Atemzug aushaucht. Nie und nimmer, pah! Du, ja du mit dem Baby im Bauch, bring mir einen Scotch, na los, hopp hopp!«

»Baby im Bauch? Du bist schwanger?«, staunte Richard geschockt.

»Du bekommst ja rein gar nichts mit!«, entgegnete Ivah. Corda stieß dabei ein lautes ›Ha!‹ aus.

Francis schmollte, alle Blicke auf sie gerichtet: »Jetzt ist die Katze wohl aus dem Sack.«

Corda lehnte sich zu Amelia und flüsterte: »Ob das Kind von Richard ist? Mich wundert, dass er dazu überhaupt fähig ist.«

Doch Richard hörte einen Bruchteil davon und konterte in der Sekunde: »Wenigstens wird es ein Mensch! Das kann man ja nicht von jedem behaupten.«

Mit streng zugekniffen Augen fixierte Amelia den vor Arroganz geblendeten Richard, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ihn und sprach in bedrohlichem Befehlston: ›modder word weer modderig‹, schwenkte ihren Blick zu Lady Lawrence und zog sich wieder in den Garten zurück.

»Was sollte dieser Kauderwelsch nun wieder?«, brummte Richard und blickte seine Mutter gelangweilt an.

Corda meldete sich indes zu Wort und wandte sich an Francis: »Was findest du nur an Richard, womit hat er dich in der Hand, damit du bei ihm bleibst und jetzt auch noch ein Kind von ihm erwartest? Es ist mir, nein, ich denke nicht nur mir, es ist uns allen ein Rätsel.«

»Corda, da vorne ist die Klippe, spring doch am besten Kaami nach, du blöde Göre«, beschimpfte Richard seine Schwester und überschritt damit sichtlich eine Grenze.

Corda ergriff in Windeseile ein am Tisch liegendes Messer und warf es gekonnt nur wenige Millimeter an Richards Kopf vorbei. Alle waren sehr erstaunt und erschrocken, hätten sie dies Corda nicht zugetraut. Ein Messer zu werfen ist ja wohl etwas anderes als ein Weinglas über den Tisch zu schleudern. Francis stand der Mund weit offen, Ivah grinste und war schockiert im selben Moment. Lady Lawrence wollte stotternd, von Emotionen geplagt, irgendetwas von sich geben, um die Situation zu entspannen, als Wilton das Wort ergriff und kühn meinte: »Falls es Ihnen entgangen sein sollte werte Miss Corda, Sie haben das gewünschte Ziel verfehlt. Es steht Ihnen frei, es zu späterer Stunde erneut zu versuchen. Wenn ich Sie nun zu Tisch bitten dürfte, das Frühstück ist angerichtet.«

Corda grinste Richard breit in sein verdutztes Gesicht, schlenderte in aller Ruhe hüftschwingend an ihm vorbei und touchierte dabei leicht seine rechte Seite. Francis stand immer noch der Mund offen. Robert schritt unverzüglich zur Tat und schloss den Mund seiner Schwägerin durch einen leichten Druck mit dem Zeigefinger auf ihr Kinn. Beim Frühstückstisch wollte niemand so wirklich etwas von sich geben. Die Blicke schweiften verächtlich umher, als sich Joseph Lawrence zu Wort meldete.

»Es ist womöglich unpassend, dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, um eine wichtige Angelegenheit anzusprechen. Mein Bruder, Henry, hatte ein Testament, wann wird es verlesen? Versteht mich nicht falsch, mir geht es nicht um das Vermögen. Meine Situation bedarf keiner finanziellen Erfordernisse. Mir geht es um gewichtigere, bedeutsamere Aspekte als Geld. Ich denke, das ist jedem, nun ja, zumindest dir liebe Schwägerin, unmissverständlich klar.«

»Aus Dreck wird wieder nur Dreck!«, warf Corda lautstark in den Raum.

»Wie darf ich das jetzt wieder verstehen?«, stutzte Joseph, doch Corda ergriff erneut das Wort und sah dabei Richard direkt in die schwarze Seele: »Du wolltest doch wissen, was Amelia auf der Terrasse zu dir gesagt hat. Ich denke, sie sprach damit die Ausgeburt der Hölle an, die du in die Welt setzt, gemeinsam mit deiner dir unterworfenen Bruthenne. Sei mir nicht böse Francis, es war nur noch eine Frage der Zeit bis wir uns in die Haare kommen, mein werter Bruder und ich. Ihr wolltet doch immer wissen, warum ich mich fortwährend distanziere, mich abseits von eurer Anwesenheit aufhalte. Die Antwort darauf ist recht simpel: Ihr widert mich an! In eurer Nähe zu sein, ist, als müsste ich mich in einem gewaltigen Haufen von Nacktschnecken wälzen. Ich sehe es ganz anders als Onkel Joseph, mir geht es nur noch ums Geld. Sobald ich mein Erbe erhalten habe, werde ich dieses Haus rasant, ohne zurückzublicken, verlassen.«

Bevor noch jemand etwas dazu sagen konnte, verschwand Corda blitzschnell durch eine aus dem Zimmer führende Nebentür. Francis war fassungslos, dachte sie vor zwei Jahren noch, in eine harmonische Familie einzuheiraten, wo am Wochenende Picknicks am Rasen gehalten und unterhaltsame Feste gefeiert werden. Auch das Verhalten von Corda verschlechterte sich ihr gegenüber kontinuierlich, wobei sie dafür keinen nennenswerten Grund finden konnte. Hatten sich die beiden vor wenigen Monaten doch noch sehr gut verstanden. Übel von der Situation, vom Essen, vom Umstand, der sie eigentlich glücklich machen sollte, erhob auch sie sich, um Ruhe zu finden. Sie signalisierte Richard unmissverständlich, nicht nachzukommen und verließ den Speiseraum. Für einen kurzen Moment trat Ruhe ein, welche nicht lange anhielt, da Inspector Braunington sich zur heiteren Frühstücksrunde gesellte.

»Guten Morgen nochmals.«

»Inspector, haben Sie etwas gefunden?«, erkundigte sich Lady Lawrence.

»In der Tat, in der Tat. Der kleine Holzstock, welcher dazu benutzt wurde, um das Haar in den Rachen des Opfers zu stopfen, wurde gefunden, sowie einige Fußspuren, wohlgemerkt Fußspuren. Wer von Ihnen läuft barfuß durch den Garten?«

»Corda, Amelia, die Stallburschen, die Kinder meiner Bekannten, insofern sie bei uns zu Besuch sind. Dann wäre da noch der Junge aus dem Nachbarhaus, allerdings habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen«, erklärte Lady Lawrence. »Nehmen Sie sich doch eine Tasse Tee und setzen Sie sich zu uns Inspector.«

»Gerne, ich möchte Ihnen allen unterbreiten, dass die Situation hier auf Corbin Manor außerordentlich gefährlich ist. Im Augenblick zeigt sich der Tatbestand als unwirklich, in Bezug auf den Hergang. Es gibt am Anwesen verteilte Spuren, doch führen diese zu keinem vernünftigen Schluss. Ich möchte damit beginnen, dass an einem der Holzbalken auf der Terrasse ein Messer tief im Holz steckt, was wissen Sie darüber?«

Wilton hüstelte in diesem Moment, Lady Lawrence hakte sofort ein, dass dies nichts weiter zu bedeuten habe, eine kurze Auseinandersetzung zwischen Geschwistern, eine Überreaktion, ein Kinderstreich. Der Inspector fand das nicht witzig und erklärte sich ein weiteres Mal.

»Meine werten Anwesenden, ich denke, Sie verstehen mich nicht richtig. Unter Ihnen ist ein brutaler Mörder. Die Anzeichen dafür sind eindeutig. Wenn Sie nicht mit mir kooperieren, wenn Sie es bevorzugen über gewisse innerfamiliäre Vorgänge zu schweigen, dann erschweren Sie die Arbeit von Scotland Yard und heben auf der anderen Seite die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Mordes.«

»Weiteren Mordes? Wozu? Wer?«, stutzte Harold.

»Überlegen Sie doch bitte, warum wurde Lord Lawrence ermordet, was könnte das Motiv gewesen sein und warum deponierte jemand Haare im Hals des Opfers? Die Art, wie er ermordet wurde, wirft ebenso Fragen auf. Für gewöhnlich geht es um Geld, doch dieses eine Detail verwirft diese Annahme. Hier geht es um Rache, Leidenschaft, Hass, …«

»Aber wer von uns sollte so eine Tat begehen?«, unterbrach Joseph den Monolog des Inspectors.

»Ihr traut es euch nicht zu sagen, nicht wahr? Ihr spielt doch auch mit dem Gedanken, oder etwa nicht? Ist es euer Stolz, der euch daran hindert es zu erwähnen? Ach, ihr traurigen Geschöpfe! Ich sage euch, es ist euer Hochmut, die fehlende Spiritualität, die eure Gedanken beherrscht, vergiftet«, klagte Amelia die Anwesenden an. Im Eifer des Gefechtes hatte niemand ihre Anwesenheit bemerkt, sie kam kurz nachdem Corda den Raum verlassen hatte, durch dieselbe Seitentür in das Esszimmer. »Ihr strebt nach Glück? Ihr sucht es am falschen Ort, das Geld wird euch dabei nicht dienlich sein. Ihr sucht nach Liebe? Eure vom Hass erfüllten, von der Dunkelheit geführten Herzen lassen keine Liebe zu. Ihr sucht, doch fürchtet ihr euch vor dem, was ihr findet. Furcht? Ihr habt keine Ahnung, was Furcht ist. Ihr habt noch keine wahre Furcht empfunden. Ihr werdet der Todesangst bald ins Auge sehen! ›Die gruwel van Tsavo jag in die nag.‹ Denkt an meine Worte:

Der Reichtum hält den Tor zum Narren, versteckt sich hinter dem Trug, dem Schmerz. Des Lebens Wahrheit bringt der Tod. In welcher Gestalt er dich holt, zeigt dein Herz, hüte es wie ein Stück Brot.

Denkt an meine Worte!«

Amelia entfernte sich darauf wieder aus dem Raum und eine Diskussion entflammte zögerlich, formierte sich schlussendlich zu einem gewaltigen Getöse. Inspector Braunington gelang es nicht, die Schnattermäuler zur Besinnung zu bringen, immer wieder entzündete sich das verbale Feuer an einer anderen Ecke und tobte wie ein Feuersturm durch den Raum. Wilton bewegte sich zu Braunington und meinte: »Sir, Sie können hier im Moment niemanden retten, Amelia wäre im Garten anzutreffen.« Braunington verstand die Geste und kehrte der orgiastischen Meute den Rücken, um in den Garten zu flüchten. Kurz bevor er den Raum verließ, warf er noch einen kurzen Blick zu Lady Lawrence, welche mit geschlossenen Augen erneut versuchte, den Tumult zu ignorieren.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen Mrs. Amelia Carville?«

»Es ist schon eigenartig, nach englischen Statuten bin ich eine Miss, habe, … hatte einen Sohn und war dennoch verheiratet.«

»Sie heirateten in Afrika und diese Vermählung wurde in England nicht anerkannt?«

»Oh, Sie haben Grips, im Gegensatz zu dem Haufen Elend da drüben. Das haben Sie richtig erkannt. Wohin das alles noch führen soll?«

»Ich würde Ihnen brennend gerne eine Frage stellen, wenn Sie es erlauben. Sie haben, seit meiner Anwesenheit auf Corbin Manor, des Öfteren etwas in Afrikaans gesagt, etwas mit einem Juwel und Tsavo, oder so ähnlich. Was bedeutet das?«

»Sie meinen ›Die gruwel van Tsavo jag in die nag‹. Die freie Übersetzung davon lautet: ›Das Grauen von Tsavo jagt nachts‹. Es bedeutet aber viel mehr, etliches mehr.«

»Möchten Sie mir Ihre Geschichte erzählen? Es würde mich rasend interessieren. Ich denke, Sie sind für viele nicht sichtbar, ein interessanter, intelligenter Mensch, doch ein schwerer Schatten lastet auf Ihnen.«

Amelia blickte Braunington einige Momente tief in die Augen und meinte: »Mir scheint, Sie heben sich von der oberflächlichen Masse ab, warum nicht. Ich ging schon sehr früh mit meinem Vater nach Südafrika, er erzählte mir nie genau, was er dort gemacht hat. Er führte Geschäfte und wurde dadurch ein gemachter Mann, segnete seine Familie mit Reichtum, mit Geld. Ich habe mich mehr für die Menschen interessiert, die Kulturen. Ich lernte recht schnell die Sprache, welche in dieser Region gesprochen wurde, Afrikaans. Andere Sprachen wie Zulu, Siswati, Setswana um nur wenige Beispiele zu nennen, konnte ich nur am Rande und verlernte diese auch wieder recht schnell. Spricht, versteht und lebt man die Sprache nicht, ist es sinnlos. Ich bin der Meinung, erst wenn man in einer Sprache träumt, beherrscht man sie wahrhaftig. Die Jahre verstrichen, ich lernte Haki Jawara kennen. Durch ihn begann ich Afrika zu verstehen und zu lieben. Er zeigte mir wunderschöne Orte, unglaubliche Tiere aber auch Spiritualität und Respekt vor der Natur. Wir verbrachten jede freie Minute miteinander, es war wie im Paradies. Die Zeit verstrich, wir heirateten, weitgehend nach afrikanischer Tradition, zwei Jahre später kam Kaami zur Welt. Natürlich barg Afrika Gefahren in sich, nicht jedes Insekt will nur summend durch die Lüfte schwirren, dennoch wurden wir wohl behütet. Mein Vater, damals wusste ich noch nicht wieso, postierte jede Nacht Wachen, welche die Umgebung im Auge behalten sollten. In der Nähe der Hütten spannte er, in einiger Entfernung, Schnüre mit Glöckchen daran, die läuteten, sobald sich etwas näherte. In der Ferne loderte ein großes Lagerfeuer, abschreckend für die Jäger der Nacht. Kaami war ein besonders aufgeweckter Junge, welcher in der Wildnis großgezogen wurde. Ich weiß nicht, ob Sie sich darunter etwas vorstellen können.«

»Während Robert und Richard Eistörtchen verspeisten, erlegte Kaami eine Antilope?«

»Sie haben es erfasst, in Ihnen pocht das Herz eines Abenteurers, Inspector. Er schnitzte, lernte den Umgang mit Wurf- und Stichwaffen, ging mit auf die Jagd. Er lernte, wie man das erlegte Wild zerlegt und zubereitet. Alles in allem eine Ausbildung für das Leben, nicht wie hier, wo man alles vor die Nase serviert bekommt und ein Diener darauf wartet, die Hochnäsigkeit seiner Herrschaft auf das Neue zu bestätigen.«

»Wilton scheint mir dahingehend bodenständig zu sein.«

»Ja, der gute Wilton, er ist noch von der alten Sorte und weiß sich im richtigen Moment mitzuteilen. Ich sprach vor, es sind sicher schon vier Wochen vergangen, mit ihm, sehr persönlich und offen. Zusammenfassend sind in seinen Augen alle Mitglieder der Familie Lawrence entbehrlich, für nichts zu gebrauchen. Da hat er auch recht. Was tun die schon, außer das Vermögen sinnlos zu verprassen? Corda scheint mir der einzige Lichtblick. Was könnte man in Afrika mit dem Geld alles Sinnvolles anfangen. Schulen, Häuser, Spitäler, …«

»Oh Vorsicht! Sie liefern mir gerade ein Motiv für den Mord an Lord Lawrence.«

»Ach, das glauben Sie doch selbst nicht Inspector!«

»Mrs. Millstone! Das ist jetzt recht ungelegen! Also wenn Sie, Sie könnten doch später, wenn Sie so nett wären und, ich habe gerade mit Mrs. ..., hmm. Ist das womöglich Tee und Kuchen?«

»Selbstverständlich Inspector und ich kann ohne Übertreibung behaupten, dieser Tee wird Ihr Geschmackserlebnis auf ein neues Niveau heben. Mir entging Ihr Gespräch mit Amelia nicht und wir beide haben keine Geheimnisse voreinander, … aber wenn ich störe, dann …«

»Nicht im geringsten Amber, gesellen Sie sich doch zu uns. Ich bin dabei, dem Inspector einen Teil meines Lebens zu erzählen. Sie kennen ja bereits einen Teil, oder sagen wir besser, die Hälfte der Geschichte. Wo war ich?«

Inspector Braunington hatte, da es sich um kein Verhör handelte, nichts einzuwenden. Sein Gaumen lechzte voller Vorfreude, er nahm sogleich die Tasse in die Hand und wurde durch eine kleine Menge lauwarme Milch überrascht.

»Für mich keine Milch Mrs. Millstone, ich …«

»Doch, doch, Sie werden verstehen, sobald Sie einen Schluck genommen haben.«

Der Tee wurde eingegossen, vermengte sich herzhaft mit der lauwarmen Milch. Ein orientalisch, dezent süßlicher, von Kräutern behutsam durchsetzter Duft stieg empor und hüllte die umliegende Luft in ein wohltuendes Ambiente, welches den Inspector für einen kurzen Moment zärtlich umarmte und sanft über das Meer in die Ferne trug. Die Erwartungshaltung des Inspectors stieg mit jedem Wimpernschlag und er sollte nicht enttäuscht werden. Jeder Beschreibung trotzend saß er mit geschlossenen Augen, die Umgebung vergessend, fernab jeglicher Gewaltverbrechen und störender Aspekte. Sein Kopf neigte sich langsam, behutsam schwenkend nach links.

»Oh Mrs. Millstone, ich bin sprachlos. Sie sind die Göttin der Teezubereitung. Wir müssen kurz pausieren, es wäre dem Moment gegenüber nicht rechtens.«

Voller Sinnesfreude tranken und verspeisten die drei Tee und den von Mrs. Millstone gebackenen Mohnkuchen, der am Ende den Teegenuss abrundete. Amelia entschuldigte sich für einen kurzen Moment, sie hatte im Haus etwas zu erledigen, wäre aber im Handumdrehen wieder hier. Braunington nutzte die Zeit, um sich mit Mrs. Millstone über Amelia zu unterhalten.

»Mrs. Millstone, ich bin etwas verwirrt, zudem Mrs. Carville bei klarem Verstand ist, wurde mir von einigen hier, hinter vorgehaltener Hand angedeutet, dies sei nicht der Fall.«

»Sie müssen verstehen, Amelia blickt hin und wieder zu tief ins Glas, das weckt in ihr den Hang zur Spiritualität, dem exzentrischen Gehabe, dem besonders die jungen Leute nicht folgen können. Ganz im Gegenteil, sie machten sich immer wieder lustig über Amelia. Ich bin davon überzeugt, dass sie eben unterbrach, um sich ein Glas Brandy zu genehmigen. Das Spannende an der Sache ist aber, dass sie dabei …«

»Da bin ich wieder, sozusagen zurück aus dem Käfig der Geblendeten«, schallte es aus Amelia. »Wenn es Sie …, wo ist denn mein Tuch? Ich hatte mein Tuch doch eben noch, wie auch immer. Hatte ich schon von …? Nein, hatte ich nicht. Ich erzähle Ihnen nun den grausameren Teil, den Teil, der nicht hätte passieren dürfen. Mein Mann hörte von einem lukrativen Geschäft in Kenia. Es gäbe dort viel Geld zu verdienen. Er war immer bestrebt, seinem Geburtsort finanziell zu helfen. Er wollte selbst Geld verdienen, um seinen Landsleuten ein besseres Leben zu verschaffen. Die Reise nach Kenia war strapaziös, doch gesamt betrachtet, höchst lehrreich. Angekommen, konnten wir uns schnell zurechtfinden, die Arbeit vor Ort erwies sich als profitabel. Die Umgebung jedoch, ich hatte von Anfang an ein seltsames Gefühl. Ich sah in die Steppe und fühlte mich beobachtet. Auch Kaami erging es ähnlich, nur mein Mann Haki beruhigte und meinte, das Unwohlsein würde sich schon legen, das komme von der Reise. Kaami stand beinahe jeden Tag am Rande des kleinen Dorfes und blickte in die Ferne, ausschauhaltend nach etwas, das draußen im Busch lauerte. Einige Tage später wurde Haki von einer Schlange ins Bein gebissen, von einer Boomslang. Das Gift wirkte, wie es bei dieser Art üblich ist, erst nach etwa 24 Stunden, sein Todeskampf dauerte weitere 48 Stunden an, bis er unter Krämpfen, hohem Fieber und abscheulichen Schmerzen in der Nacht von uns ging.«

»Das tut mir leid Mrs. Carville, welch schreckliche Tragödie«, bekundete Braunington sein Mitgefühl.

»Sie meinen? Wenn die Geschichte hier enden würde, dann wäre es eine Tragödie, doch wie so oft im Leben, war es nicht das Ende, es war erst der Anfang, der Auftakt des Schreckens in der Gestalt des Bösen, der das Grauen über das Land säte.«

Amelia verstummte, starrte auf den kümmerlichen Rest der verbliebenen Teekräuter in ihrer Tasse, erhob sich und wankte stillschweigend in Richtung Klippe. Harold stand am Fenster und blickte neugierig in den Garten.

»Ich frage mich, was diese Köchin so lange mit dem Inspector bespricht. Wie hieß sie noch mal?«

»Amber …, Amber und irgendwas mit Stone«, entgegnete Robert. »Ist doch egal, dann lässt er uns wenigsten in Ruhe mit seiner unnötigen Fragerei.«

»Unnötige Fragerei?«, schoss es aus Francis. »Habe ich etwas versäumt, oder läuft hier ein Mörder frei umher und erwürgt schlafende Personen? Kann das sein? Nenn mich hysterisch, aber ich bin derartige Vorfälle nicht gewohnt. Vielleicht seid ihr schon so abgestumpft, ich jedenfalls möchte mich hier nicht weiter aufhalten. Ich hänge zufälligerweise an meinem Leben.«

»Glaubst du etwa, du bist die Nächste? So ein Unsinn, spiel dich doch nicht so auf«, konterte Richard. »Aber du hast schon recht Harold, was besprechen die beiden so lange und saß nicht zuvor auch die schrille Amelia bei ihnen im Pavillon?«

»Tatsächlich! Wo?«, stutzte Robert besorgt.

Inspector Braunington, noch mit Mrs. Millstone im Pavillon verweilend, richtete erneut das Wort an seine vertrauenswürdige Informantin: »Was ist dieser Person nur in Afrika widerfahren?«

Mrs. Millstone überlegte, zögerte nachdenklich. Sichtlich die Wahrheit kennend, stand sie im Zwiespalt darüber zu sprechen, oder aber Amelia selbst entscheiden zu lassen, um darüber zu berichten. Womöglich wollte Amelia nicht mehr darüber reden? Vielleicht sollte es nicht mehr erzählt werden? Es wäre aber wichtig, oder etwa nicht? Angesichts der Dramatik und des Bauchgefühls, dass noch mehr auf Corbin Manor passieren würde, beschloss Mrs. Millstone, den Inspector einzuweihen.

»Inspector, sehen Sie, es ist sicher nicht leicht für Amelia, sie hat es mir vor Wochen erzählt, was sich damals in Afrika zugetragen hat. Die Sache war die, dass dieses Gefühl, dass sich Amelia und Kaami beobachtet fühlten, richtig war. In der Nacht als Haki verstarb, gab es noch einen weiteren, schrecklichen Vorfall. In der Ferne erklang ein Schrei. Nicht einer der Schreie, den man zu kennen vermag. Es war ein grauenvoller Schrei, der einem das Blut gefrieren lässt. Eine Abfolge von Schreien, die nur jemand im Todeskampf von sich geben konnte. Amelia und Kaami wurden dabei aus dem Schlaf gerissen. Sie hausten in einer stabilen Holzhütte mit nur sehr kleinen Fenstern und einer gut zu verschließenden, robusten Holztür. Plötzlich war reges Treiben im kleinen Dorf. Amelia und Kaami gingen wenige Schritte vor das Haus, konnten jedoch nicht erkennen, was die Leute aufschreckte. Gegenüber wollte ein junger Mann sein Zelt verlassen, als er schreiend in die finstere Nacht gezogen wurde und verstummte. Kaami, der viel mit Jägern unterwegs war, sah seine Mutter an und schrie …, wie war das noch mal, ich denke: ›Iisilo Tsavo!‹. Die Bestie von Tsavo kehrte zurück. Kennen Sie die Geschichte der menschenfressenden Löwen von Tsavo?«

»Nicht, dass ich wüsste«, verneinte der Inspector hellhörig.

»Zwei Löwen labten sich einst an unzähligen Gleisarbeitern. Dem britischen Oberstleutnant John Patterson gelang es, die beiden Bestien zu erlegen. Doch in dieser Nacht kehrte der Schrecken der Nacht …«

Amelia Carville stand plötzlich wieder vor dem Inspector und führte die Erzählung fort: »Sie kamen und zerrten die schreienden Opfer in die Nacht, selbst den Ruhenden holten sie. Wir konnten das Zerreißen der wehrlosen Körper hören. Den Bestien war jeder recht, ob Mann, Frau, Greis oder Kind, keinen Unterschied machten die Reißzähne der Menschenfresser. Fünf Opfer verlangte die Nacht, so standen wir da, in voller Furcht um unser Leben. Nur wenige Schüsse fielen, zu schnell waren die Biester, zu finster die Nacht, um die Todbringenden zu erspähen. Drei Nächte blieben wir verschont, um die Toten zu betrauern, als sie zurückkehrten, im Rudel und uns erneut jagten. Der Tod schlich knurrend um jede Hütte, kein Zelt war sicher. Die gewaltigen Pranken schlugen ein, um einen nach dem anderen zu zerreißen. Diejenigen, die sich nicht wehren konnten, erlagen schnell den Bissen der mächtigen Löwen, aussichtslos eingekreist, wie in einer Arena. Ich öffnete die Tür und wollte helfen. Ein junger Mann lief auf mich zu, er sah mich, den sicheren Ort, das kleine, stabile Haus. Doch der Löwe kam mit einem Satz von der Seite, sprang auf ihn und zerbiss ihm den Hals. Es schien, als spielte die Bestie mit seinem Opfer, mit seinem Fressen. Schliff den blutüberströmten Körper über den staubigen Boden, links und wieder rechts, links und wieder rechts. Ich stand wie versteinert in der Tür. Kaami riss mich nach hinten und verschloss die Tür. Er stellte sich im Raum schützend vor mich, während draußen der Wahnsinn herrschte. Mit einem Mal wurde es ruhiger, entferntes Wehklagen war zu vernehmen. Wer überlebte, tat dies nicht ungeschoren. In einer Ecke kauernd warteten wir auf den Morgen, auf das Licht, um zu sehen. Wir wagten uns ins Freie und erblickten voller Entsetzen das bluttriefende Schlachtfeld. Menschenteile lagen verdreckt am Boden, bedrückend umkämpft von Fliegenschwärmen, Blutlachen trockneten im Licht der Sonne. Zwei tote Löwen, erschossen durch die Hand eines Glücklichen wurden durch Überlebende, in einem Zustand von Trance zerlegt. Ich verlor Kaami aus den Augen, er folgte einem Geräusch hinter unserer Hütte, welche mit blutigen Kratzspuren übersät war. Wenige Momente später vernahm ich ein dumpfes Hacken, ein energisches, kraftvolles Gegröle und Winseln. Als ich um die Ecke unserer Hütte blickte, sah ich Kaami, er hackte mit seinem Ngulu unersättlich auf einen am Boden liegenden, stark verwundeten Löwen ein. Er schnitt tief in das Fleisch der Bestie und entfernte gekonnt seine Mähne, um den Geist des einst mächtigen Jägers zu entwürdigen und sich seine Kraft anzueignen. Er schmierte sich das Blut der Bestie als Male auf den Oberkörper und brüllte in Richtung Osten einen Schrei der Vergeltung.«

Amelia verstummte an dieser Stelle, blickte nachdenklich in die Ferne, eilte unerwartet wenige Schritte, ruckartig zu Braunington, stellte sich mit nur kurzem Abstand vor ihn und flüsterte, bevor sie sich ins Haus zurückzog: ›ls hy dood? Ne hy is nee! Soos die dier kom hy terug en bring die dood‹.«

Für Braunington war zwar die Ernsthaftigkeit der Botschaft klar, er wandte sich jedoch fragend an Mrs. Millstone: »Ich nehme an, Sie können mir nicht sagen, was Mrs. Carville eben von sich gab?«

»Tut mir leid Inspector, damit kann ich nicht dienen. Ich denke, nun verstehen Sie, weswegen Amelia zeitweise so ihre Eigenarten hat?«

»Das ja, jedoch verstehe ich auf der anderen Seite einiges anderes nicht mehr. Eine furchtbare Geschichte, schrecklich. Ich habe darüber hinaus den regen Verdacht, dass die Geschichte von Mrs. Carville noch nicht zu Ende erzählt wurde, wie auch immer, ich habe diverse Nachforschungen anzustellen. Wir sehen uns wohl bald wieder, Mrs. Millstone. Was für eine entsetzliche Geschichte, scheußlich. Ich verabschiede mich hiermit, guten Tag.«

Braunington und Millstone

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