Читать книгу Mönchsblut - Die Chronik des Nordens. Kampf im Heidenland zwischen Hammaburg und Haithabu - Sven R. Kantelhardt - Страница 10
ОглавлениеKapitel 3 – Vorbereitung und Aufbruch
Burwido
er Oktober verging und der November begann, ohne dass man etwas Neues von Dietrich oder überhaupt von jenseits des Sachsenwaldes gehört hätte. Wilfrith besprach seine Pläne abends im Familienrat, wenn alle um das Herdfeuer versammelt waren und ihr Abendessen verzehrt hatten. Die ersten Novemberstürme zerrten dann am Reetdach des Hofes und es klang, als jage der einäugige Wotan auf seinem achtbeinigen Ross über die Fluren und Gaue, um bereits für die geweihten Nächte nach der Wintersonnenwende zu üben.22 Die Frauen beschäftigten sich dann mit Spinnen und allerlei anderer Handarbeit und die Männer schnitzten irgendwelche kleineren Gegenstände, oder taten gar nichts und ruhten von ihrem Tagwerk aus. Theodbald war über das Vorhaben verärgert, die Arbeitskräfte würden ihm fehlen, auch wenn er sie im Winter nicht mehr so dringend benötigte.
„Außerdem bist du zu unerfahren. Im Kloster lernst du doch nicht, wie man mit den Wilden jenseits des Limes umspringen muss. Dieser Dietrich, dein Lehrer, hat das doch gerade vorgeführt!“
Der junge Burwido hingegen war ganz Feuer und Flamme. Endlich bot sich eine Gelegenheit, den Hof und die eintönige Arbeit zu verlassen und sich vielleicht sogar in einem richtigen Kampf zu bewähren! Wie gern wäre er schon im Februar mit Thankmar gegen die Ascomannen gezogen, schließlich zählte er bereits 18 Winter und war sogar noch etwas größer gewachsen als Theodbald, wenn auch schmaler gebaut. Von der aufbrausenden Art und dem übertriebenen Stolz seines Vaters hatte er mehr geerbt als seine beiden Brüder zusammen, und ganz sicher mehr als einem Drittgeborenen anstand. Auch sonst stand Burwido der Sinn eher nach dem Kriegshandwerk als danach, die Felder seines Bruders zu beackern. Als jüngster Sohn würde er ohnehin nichts von dem Land erben, was sollte er sich also damit plagen, es zu bestellen? Einmal wollte er sich sein Leben und vielleicht auch Lehen im Dienst eines Grafen oder gar des Herzogs verdienen. Doch sein Vater hatte ihn bisher nicht losziehen lassen, und dann wurde seine Arbeitskraft dringender denn je auf dem Hof gebraucht. Nun eröffnete sich endlich eine Gelegenheit, aus dem eintönigen Alltag zu entkommen.
„Wir können den armen Vater Dietrich doch nicht einfach bei den Wilden lassen und so tun, als wüssten wir nichts davon! Schließlich ist er ein sächsischer Stammesbruder! Die Abodriten denken wohl, sie könnten sich erlauben, was sie wollen, nur weil wir keinen starken Herzog mehr haben?“, ereiferte er sich daher.
„Wenn es denn unbedingt sein muss“, lenkte Theodbald schließlich schweren Herzens ein, „dann müsst ihr aber Willehad mitnehmen. Er ist erfahrener als ihr beide zusammen und nicht so leichtsinnig. Außerdem ist er einer der stärksten Kämpfer in ganz Stormarn“, fügte er mit einem Seitenblick zu dem Genannten hinzu, wohl um ihn für den Auftrag zu begeistern. Das bedeutete zwar noch zwei Hände weniger auf dem Hof, aber Theodbald traute seinen beiden Brüdern und insbesondere dem jungen Burwido ganz offensichtlich nicht genug Besonnenheit zu, um unversehrt heimzukehren. Burwido war das nur Recht, denn der hünenhafte Willehad, der schon an mehreren Schlachten teilgenommen hatte, zählte zu seinen großen Vorbildern.
„Dann sind wir schon zu dritt“, stellte Wilfrith befriedigt fest. „Zusätzlich benötigen wir noch jemanden, der die abodritischen Dialekte versteht.“
„Der Einzige, der in der Gegend dafür in Frage kommt, ist Vlad, der Knecht vom Willebrodhof“, bemerkte Burwido.
Vlad war Wilze und als solcher von Geburt an ein Erzfeind der Abodriten. Schon als jene im Bündnis mit König Karl in der Schlacht bei Bornhöved über die noch freien Sachsen siegten, hielten die Wilzen mit den Nordalbingern.23 Vlad selbst war bei einem Überfall auf sein Heimatdorf gefangen und versklavt worden. Irgendwann war es ihm dann gelungen, zu fliehen und sich nach Westen bis auf sächsisches Gebiet durchzuschlagen. Dort fand er vor gut sechs Jahren bei Willebrod Arbeit und Brot. Auch hatte er sich inzwischen taufen lassen, allerdings eher der Umstände halber, als aus Überzeugung.
„Vlad kann die Abodriten genauso wenig leiden wie wir“, berichtete Burwido weiter. „Er wird alles tun, um ihnen Schaden zuzufügen. Lass mich nur mit ihm reden, dann ist er sicher dabei“, fügte er an Wilfrith gewandt hinzu.
Gleich am nächsten Morgen lief Burwido zum Nachbarhof hinüber. Sein Auftauchen war dort nicht weiter ungewöhnlich, und so hielt ihn lediglich Willebrods zweiter Sohn auf, um sich nach dem Befinden Elisabeths zu erkundigen.
„Wie immer“, antwortete Burwido kurz angebunden und stürmte gleich weiter, bis er Vlad schließlich im Stall beim Ausmisten der Pferdeboxen traf.
Der Wilze hatte seine dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und wischte sich mit dem Handgelenk den Schweiß von der Stirn. Als Burwido ihn ansprach, stützte er sich auf die Mistgabel und hörte sich schweigend an, was der junge Nachbar ihm mit leuchtenden Augen erzählte. Sobald die Sprache auf die Abodriten kam, zogen sich Vlads Augenbrauen finster zusammen. Als Burwido geendet hatte, sah er Vlad gespannt an. Der runzelte zunächst nur die Stirn und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie eine Schwalbe durch das niedrige Tor ihren Weg aus dem Halbdunkel des Stalles hinaus in die Sonne fand.
Schließlich spuckte er auf den Stallboden und antwortete, mehr zu sich selbst, als an Burwido gewandt: „Ich habe mir geschworen, dass ich einmal in den Osten zurückkehren werde, mit meinem Bogen in der Faust.“ Dann hob er den Kopf und blickte seinem jungen Nachbarn direkt in die Augen. „Nun ist die Gelegenheit gekommen. Ich gehe mit.“
Burwido war begeistert, das klang nicht nach langweiligen Verhandlungen. Willebrod dagegen teilte diese Hochstimmung genauso wenig wie Theodbald. Er war in den Stall getreten und hatte das Ende des Gespräches mit angehört.
„Was beredet ihr da für Sachen?“, wollte er von Burwido wissen. „Wir müssen einen verschleppten Mönch aus den Händen der Abodriten befreien und Vlad hat eingewilligt, mit uns zu ziehen!“, antwortete der Angesprochene aufgeregt. Willebrod schnappte kurz nach Luft, dann lief er rot an.
„Ich höre wohl nicht recht?!“, schrie er den verdutzten Burwido an. „So ein Unsinn, pack dich fort an deine Arbeit und lass meinen Knecht die seine in Frieden erledigen!“, setzte er nach.
Vlad war ein zuverlässiger und fleißiger Knecht, den er nicht gerne verlieren wollte. Burwido fühlte, wie ihm vor ohnmächtiger Wut Tränen in die Augen stiegen. Was hatte er denn getan, dass ihn Willebrod wie einen Hund vor die Tür wies? Der Abt in der Hammaburg hatte doch alles so beschlossen! Er versuchte verzweifelt, seine Tränen zurückzuhalten, aber er fühlte bereits ein heißes Brennen in den Augen. Um sich nicht vollständig zu blamieren, rief er: „Darüber sprechen wir noch!“, drehte sich um und lief hinaus. Als er sich schließlich wieder unter Kontrolle hatte, beschloss er, dass es doch besser wäre, wenn sein Bruder Wilfrith mit dem Nachbarn redete. Schließlich war Wilfrith der Vertreter des Abtes der Hammaburg, und der hatte die ganze Fahrt zu verantworten, nicht er.
Wilfrith
Mitte Dezember, einige Zeit nach einem unerfreulichen Gespräch mit Willebrod, bei dem ihn sein jüngerer Bruder zu Hilfe gerufen hatte, und in dem er seine ganze Autorität als geweihter Kanonikus und Abgesandter des heiligen Abtes der Hammaburg einsetzen musste, machte sich Wilfrith nochmals auf den Weg an die Elbe. Zum einen wollte er das Fest der Geburt Christi gemeinsam mit seinen Brüdern begehen, zum anderen würde er Abt Ekbert nochmals nach Neuigkeiten von Dietrich fragen.
Ekbert hatte inzwischen auch den Rat Erzbischof Rimberts aus Bremen eingeholt und empfing seinen ehemaligen Mönch in ernster Stimmung.
„Der ehrwürdige Rimbert ist nicht begeistert von deinem geplanten Wagnis“, eröffnete er Wilfrith. Den traf die Enttäuschung wie ein Schlag vor die Stirn. Er ließ die Schultern hängen und konnte im Augenblick gar nichts sagen. Aber Ekbert fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Er erlaubt den Zug aber. Vielleicht gelingt es dir auf diesem Wege auch, Neuigkeiten zu sammeln, die für die Missionierung der Abodriten von Bedeutung sind. Rimbert ist, genau wie dem seligen Ansgar, sehr daran gelegen. Vater Rimbert hat dir auch ein Paket und Geld überbringen lassen, damit du Dietrich, wenn möglich, freikaufen kannst.“ Dabei deutete er auf den Tisch in einer Ecke seines Gemaches, auf dem ein in Wachstuch geschlagenes Paket und eine lederne Geldrolle lagen.
„Es ist ein ganzes Zählpfund Silber, ein pondus Caroli, nimm es an dich und verwahre es sorgsam“, fügte Eckbert hinzu als er sah, wie Wilfrith erstaunt und unschlüssig stehen blieb. Wilfrith hatte gar nicht an Geld gedacht, bisher hatten all seine Sorgen dem Widerstand Ekberts gegolten. Trotzdem war er über die Möglichkeiten, die dieses Geld versprach, hoch erfreut.
Die Fahrt ins Abodritenland war also beschlossen. Das Aufbruchsdatum wurde auf den 30. Dezember festgesetzt, genau einen Monat nach dem Fest des Heiligen Andreas. Das war ein passendes Datum, befand Eckbert, denn Andreas hatte sich als erster Missionar zu den wilden Skythen gewagt, um ihnen das Evangelium zu verkündigen. Er würde Wilfrith dem besonderen Schutz dieses Heiligen anbefehlen, wenn er nun an die Gefilde des Skythenmeeres24 aufbrach.
Das Datum hatte auch eine praktische Bewandtnis: Die Seen und Moore des sächsischen Limes waren dann zu Eis erstarrt und einfacher zu passieren als im Frühjahr oder Sommer. Insgesamt sollte die Fahrt nur einige Tage dauern. Wilfriths Plan war noch undeutlich und wenig ausgereift.
Vor Ort, im Gebiet der Polaben, wollte er in Erfahrung bringen, ob noch Gefangene am Leben seien. Entweder sollte das Vlad, der sprachkundige Knecht des Willebrodhofes, durch Befragung oder Bestechung einiger Bauern herausbekommen, oder Wilfrith wollte versuchen, selbst einen Gefangenen zu machen und ihn zwingen, die notwendigen Dinge zu verraten. Anschließend mussten sie die Gefangenen, falls möglich befreien oder, besser noch, freikaufen und dann auf direktem Wege heimkehren.
Sein Gottvertrauen war im Gegensatz zu dem Plan umso fester. Nachdem er den Abt verlassen hatte, warf er sich in der Kapelle auf den Boden.
„König der Könige“, betete er im Stillen, „höre auf das Lallen Deines unwürdigen Dieners, und sieh herab auf den Dir immer treuen Dietrich, schirme und schütze ihn im Abodritenland und vergelte ihm im reichsten Maße seine guten Taten!“
Auf dem Heimweg zum väterlichen Hof dachte Wilfrith dann aber doch genauer über die benötigte Ausrüstung und einen Plan nach. Auf Lasttiere wollte er verzichten, da sie abseits aller Wege vorankommen mussten. Jeder bräuchte einen Proviantbeutel für etwa eine Woche. Zusätzlich ein paar Decken und einen warmen Mantel, denn die Nächte würden bitterkalt werden. Außerdem noch einige Decken für Dietrich, da er bei der Befreiung voraussichtlich keine eigene Ausrüstung mitnehmen konnte. Eine Axt für Feuerholz und einen Bronzetopf, sowie Feuerstein, Zunder und ein paar Seile benötigten sie ebenfalls. Dazu kamen ein Messer und ein Sax25 für jeden von ihnen.
„Was hältst du von Schilden und Schwertern?“, fragte er Willehad am nächsten Morgen. In diesen Dingen fehlte ihm die Erfahrung.
„Keine Schilde, die sind zu unhandlich und man kann sie sowieso nur beim Zweikampf oder im Schildwall brauchen. Zwei Speere pro Mann sind besser. Die können wir zum Jagen nutzen und um uns gegen wilde Tiere oder zur Not auch gegen Verfolger zu wehren“, riet der erfahrene Krieger.
„Speere brauche ich nicht. Ich habe den hier“, sagte Vlad am Abend zu Wilfrith, und streckte ihm seinen Bogen entgegen.
Er war nach getaner Arbeit zum Thankmarshof herüber gekommen, um sich über die neuesten Entwicklungen zu unterrichten. Wilfrith hatte keine Einwände. Er wusste, dass der Langbogen, die gefährlichste Waffe aller Völker jenseits des Limes, in Sachsen aus gutem Grund gefürchtet war. Lediglich die Fürsten der Abodriten und Wilzen sowie deren Leibwachen bevorzugten, wie ihre sächsischen Nachbarn, Äxte, Lanzen oder gar die seltenen und teuren Schwerter aus fränkischem Stahl.
Burwido
Burwido betrachtete kritisch seine Ausrüstung. Zwei Speere und ein Sax zumindest. Eigentlich wünschte er sich eine volle Rüstung mit Schild, Kettenhemd und Helm, hoch zu Ross. Aber die Besten Rüstungen des Hofes waren bei Ebbekesdorp geblieben und sein Bruder und Willehad waren sich zu Burwidos Leidwesen einig: Keine schwere Bewaffnung und keine Pferde, lieber rasch durch das Dickicht des Sachsenlimes hindurch schlüpfen und einem Kampf ausweichen. Bis er einmal wie ein richtiger Krieger im Sattel in den Kampf ziehen dürfte, würde es wohl noch lange dauern, falls es überhaupt je möglich sein würde.
Dennoch rief zwei Tage vor der festgesetzten Abreise der alte Burwido, der in seiner Jugend ein hoch gerühmter Krieger gewesen war, aber nun nicht einmal mehr für die Feldarbeit taugte, ja fast nicht einmal mehr alleine laufen konnte, seinen jüngsten Enkel und Namensvetter zu sich. Als dieser in die Kammer des alten Recken trat, hatte der sein langes Schwert auf den Knien vor sich liegen.
„Dies ist Markbeißer, er diente unseren Vätern schon seit vielen Generationen. Dein Vater wollte ihn nicht haben, weil er fürchtete, ein heidnischer Zauber könnte an ihm heften. Und er hat recht damit, denn es heißt, dass Saxnot, der einhändige Schwertgenosse,26 selbst über der Esse wachte, als diese Klinge geschmiedet wurde. Es ist ein gutes Schwert. Immer noch scharf und gut ausbalanciert. Siehst du wie die Giftzweiglein glitzern? Nur die besten Schmiede verstehen es, das Eisen so zu formen.“
Auf der Klinge des Schwertes waren über die ganze Länge feine Rillen zu erkennen, die an ein Fischgrätenmuster oder einen Tannenzweig erinnerten. Sie zeigten, dass der Schmied bei der Herstellung mehrere Streifen aus sehr hartem, aber sprödem und weicherem, flexiblen Eisen nebeneinander gelegt und dann gegenläufig zu zwei Spiralen verdreht hatte. Diese Spiralen bildeten den Kern der Klinge. Dadurch ließen sich die Eigenschaften beider Grundstoffe kombinieren. Beim Schleifen nutzten sich die weichen Eisenstreifen dann etwas stärker ab als der harte, spröde Stahl, so entstand das charakteristische Muster auf der Klinge.
„Das letzte Mal habe ich Markbeißer vor fast 40 Jahren bei den Stellinga-Aufständen gebraucht. Das war noch etwas, wovon dein Vater nichts wissen wollte. Du weißt, es ging damals darum, unseren alten Glauben wiederherzustellen und die verhassten Franken aus dem Land zu werfen.“
„Wilfrith hat mir davon erzählt, aber dass du dabei warst, wussten wir beide nicht. Der Geheimbund wollte die Edlen aus dem Land werfen und den Zehnten loswerden, sagt man heute. Und dabei habt ihr euch von Kaiser Lothar vor den Karren spannen lassen, der durch den Aufstand seinen Bruder Ludwig schwächen wollte, obwohl doch alle beide nur elende Franken waren!“
„Rede man nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst, Junge. Nicht jedem von uns ging es nur ums Geld. Nein, wir wollten das alte Recht und den alten Glauben wiederhaben. Dein Vater wäre selbst immer gern ein Edler gewesen, deswegen hat er das nie verstanden, aber ich sage: Nicht Herr und nicht Knecht. So, jetzt nimm das Schwert und mache mir keine Schande damit, denn die Augen von Heldenvätern schauen nun aus Walhalla auf dich herab.“
Etwas verlegen nahm der junge Burwido das Schwert und sah an der Klinge entlang. Sie war an die zweieinhalb Fuß lang und noch immer gerade. Die Scharten und Schmarren in den Schneideblechen waren sorgfältig geglättet worden. Heft und Schwertknauf bestanden aus Eisen, der Griff dazwischen, so breit, dass er ihn bequem mit der Rechten fassen konnte, war mit Holzplättchen belegt. Darin hatte der Schmied Runen eingegraben, deren Deutung aber selbst dem alten Großvater unbekannt war. Sein Enkel wog das Schwert erst in einer Hand, dann legte er es auf beide Zeigefinger und schob sie langsam zusammen. Sie trafen sich eine Handbreit vom Heft entfernt unter der Klinge. Ja, gut ausbalanciert war sie.
„Das kann ich doch gar nicht annehmen“, stammelte der junge Burwido überwältigt. „Dein gutes Schwert!“
„Ich bin sowieso zu alt, um es zu führen. Und deine Mutter würde es, wenn ich denn einmal in die Runde meiner Väter trete, noch wegwerfen, in all ihrer unsinnigen Angst vor heidnischem Zauber. Was unseren Vorvätern nicht geschadet hat, das wird auch uns nicht schaden. Aber ich darf es nicht zu laut sagen, sonst hört es deine Mutter. Dass dann mein Abendessen magerer ausfallen wird als sonst, stört mich nicht. Ich schmecke sowieso nicht mehr viel, aber sie redet dir dann sicher ihr ganzes Pfaffengewäsch ein.“
Da der Alte aber schon fast taub war, wurde die Unterhaltung beinahe schreiend geführt und Gertrude, die gleich neben des Großvaters Kammer am Herdfeuer stand, musste wohl doch alles gehört haben. Als ihr Sohn mit dem Schwert aus der Kammer ihres Vaters trat, hatte sie tränennasse Augen. Sie umarmte ihn und konnte erst gar nichts sagen.
Solche Gesten körperlicher Nähe waren Burwido eigentlich zuwider, aber er ließ es diesmal ergeben geschehen. Dann hauchte seine Mutter: „Vergiss nicht, wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen, hat der Pfarrer gesagt, und meinem lieben Thankmar ist es nun auch so ergangen. Jetzt geh und pack dies Ding weg. Vor eurer Abreise will ich es nicht mehr sehen.“
Burwido blickte sich rasch um. Hatte auch niemand gesehen, dass er sich wie ein Kind umarmen ließ? Etwas beschämt zog er mit dem Schwert ab. In seiner Kammer ließ er es durch die Luft sausen und strich nochmals liebevoll mit den Fingern über die Klinge, bevor er es sorgfältig zu den anderen Ausrüstungsgegenständen legte.
Wilfrith, September 881
Wilfrith sog scharf die Luft ein und sah auf die letzten Zeilen, die er gerade zu Pergament gebracht hatte. Dass sein Großvater abergläubisch war, wusste Wilfrith schon lange, aber nach allem was Burwido ihm später berichtet hatte, war er tatsächlich noch tief im Irrwahn heidnischer Abgötterei gefangen! Wie konnte er nur so verstockt sein! Ärgerlich stopfte Wilfrith die Feder ins Tintenglas und zerbrach prompt die Spitze des Kiels.
Wilfrith, Dezember 880
Abends erhielt der alte Burwido trotz allem einen besonders vollen Teller. Gertrud stellte ihn jedoch wegen des alten Glaubens zur Rede. Darauf antwortete er: „Ein alter Häuptling der Friesen hat euren Bonifatius einmal gefragt, wo seine Väter seien. Im Himmel oder in der Hölle, da sie doch nicht getauft wurden? Bonifatius meinte natürlich in der Hölle, wie die Priester eben meinen, und da sagte ihm der Häuptling gerade ins Gesicht: Dann will ich auch lieber mit meinen Vorfahren in der Hölle sitzen, als allein im Himmel.“
Seine Tochter Gertrude wandte sich entsetzt von ihm ab, und Wilfrith bemerkte etwas bissig: „Du musst dich eben entscheiden, ob du mit deinen Vorfahren in der Hölle schmoren, oder mit deinen Nachkommen in Himmelsauen weilen willst, denn wir nehmen sicher nicht dieselbe Rücksicht auf dich!“
Das Abendessen verlief danach schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach und auch die bevorstehende Abreise der Gefährten drückte auf die Stimmung.
Burwido
Endlich kam der 30. Dezember, der ersehnte Tag der Abreise.
Burwido war schon weit vor Sonnenaufgang auf den Beinen, die Aufregung ließ ihn nicht schlafen. Sicher zum zehnten Male vergewisserte er sich, dass Markbeißer gut eingefettet war und rasch und lautlos aus der Scheide glitt. Das übrige Gepäck hatten sie schon am Vortag zusammengepackt. Irgendwann, nach Burwidos Ansicht erst Stunden später, standen auch die anderen Hausgenossen auf. Die Morgensuppe nahmen sie schweigend in der klammen Küche vor dem gerade wieder angefachten Herdfeuer ein. Dann erschien Vlad. Willebrod begleitete seinen Knecht noch bis zu Thankmars Hof. In der Diele betete Wilfrith mit allen für Bewahrung auf dem Weg und einen glücklichen Ausgang des Unternehmens. Dann drückte Gertrude ihre beiden Söhne an sich. Ein Wort des Abschieds brachte sie nicht heraus, aber die Tränen liefen ihr an beiden Wangen herab. Der junge Burwido fühlte zu seinem Ärger auch seine eigenen Augen feucht werden. Deshalb wandte er sich schnell ab, damit bloß niemand etwas bemerkte. Sein Abschied von Theodbald, Elisabeth und den Knechten und Mägden fiel daraufhin sehr kurz aus. Das unsinnige Geheul nach dem Streit mit Willebrod auf dessen Hof trieb ihm immer noch die Schamesröte ins Gesicht, so oft er daran dachte.
Wilfrith
Theodbald hatte derweil Willehad noch einmal zur Seite gezogen.
„Unser Vater hat dir stets vertraut und so werde auch ich es halten. Sorge du mir nur dafür, dass meine beiden Brüder wieder heimkehren! Das ist das Einzige, was bei dieser verrückten Fahrt zählt!“
Willehad hatte ihm daraufhin schweigend die Hand gedrückt.
Dann stapften die Vier in die dunkle Nacht hinaus, dem Sonnenaufgang entgegen. Es war sternenklar und bitterkalt. Jeder hatte sich in seinen Mantel gehüllt und ihn auch vor den Mund geschlagen, um die schneidend kalte Morgenluft nicht direkt einatmen zu müssen.
Zunächst kannten sie den Weg noch genau, so dass sie rasch vorankamen. Auf den Lichtungen begann etwas Nebel aufzusteigen, doch zwischen den Stämmen des Mischwaldes konnte man noch ganz gut sehen. Deshalb hielten sie sich stets am Rand des Waldes. Nach etwa eineinhalb Stunden begann ganz langsam der Horizont vor ihnen heller zu werden. Die ersten Sterne verschwanden im lichten Grau des Morgens und endlich kam die Sonne über den Horizont. Die vier Wanderer waren auf einer kleinen Lichtung an einem zugefrorenen See stehen geblieben, um die ersten wärmenden Strahlen nicht zu verpassen. Der Wind hatte den Schnee großteils von dem Eis des Sees gefegt, so dass sich die Sonnenstrahlen bunt glitzernd tausendfach auf der blanken Eisfläche spiegelten. Nun, wo das Knirschen des Schnees unter ihren Sohlen aufgehört hatte, lag der ganze Wald in einer tiefen Stille. Kein Windhauch regte sich.
Willehad räusperte sich nach einigen Augenblicken.
„Lasst uns noch eine halbe Stunde weitermarschieren, bis die Sonne an Kraft gewinnt und dann kurz rasten und etwas essen.“ Der Vorschlag wurde wortlos angenommen und der Marsch direkt über den zugefrorenen See fortgesetzt. Eine Umgehung hätte unnötige Zeit gekostet, da das Gewässer mehr als eine Wegstunde lang war. Sein nördliches Ufer verlor sich in dichtem Wald, das südliche Seeufer war dagegen weitgehend frei von höherem Bewuchs. Die Breite betrug nur gut 250 Schritte.
„Seht nur“, sagte Burwido, „hier liegt das Eis fest auf dem Grund. Das Wasser ist höchstens einen Fuß tief!“ In der Tat handelte es sich wohl eher um zwei Seen, die jetzt im Winter wegen des hohen Wasserstandes zusammengeflossen waren. Im Sommer waren sie offenbar durch eine schmale Landbrücke getrennt. An den Rändern der schmalen Landbrücke, wo die Wassertiefe zunahm, stoben bei jedem Auftreten der Gefährten kleine Fische unter dem Eis ins tiefe Wasser. Jeder hinterließ eine kleine Schlammwolke im sonst klaren See.
Am gegenüberliegenden Ufer stieg das Gelände sanft an und bald begann wieder der Wald. Im Verlauf der nächsten halben Stunde wurde er immer dichter und schwieriger zu durchqueren, so dass die vier Gefährten bald auf einer kleinen Kuppe anhielten. Sie setzten sich im Kreis auf ein paar Steine und Willehad packte etwas Trockenfleisch und Brot aus.
„Endlich mal was anderes als die ewige Morgensuppe“, meinte er zufrieden. Als junger Mann hatte er immer damit geprahlt, mehr Met als Milch zu vertragen, was den damals noch sehr kleinen Burwido tief beeindruckt hatte. Der Speiseplan des Hofes konnte allerdings an gewöhnlichen Tagen auf diese Vorliebe Willehads keine Rücksicht nehmen.
„Was meint ihr“, fragte Burwido, „wann werden wir auf die ersten Abodriten treffen?“
„Heute Nachmittag werden wir wahrscheinlich schon das erste Dorf jenseits des Limes erreichen“, sagte Willehad.
Vlad meinte nur: „Alle Abodriten sind Hunde“, und Wilfrith fragte sich im Stillen, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, Vlad als Dolmetscher mitzunehmen.
„Wir werden sie früh genug zu Gesicht bekommen. Ich bin mir sicher, Gott führt unsere Wege. Er hat einst Dietrich geschickt, um mich zu retten, nun schickt er mich, um ihn zu befreien. Alles nach seinem Plan“, sagte er.
Burwido
Burwido stieg bei diesem frommen Gerede die Galle hoch.
„Das will ich sehen! Du hast gut reden von Plan und Führung“, erwiderte er unwirsch. „Du mit deiner Liebe zu den Büchern, der nicht aus der Schreibstube raus will, ja, dafür bist du gut geführt. Und Theodbald auch, der den Hof erbt. So eine Führung ist einfach und da ist alles klar. Aber mich führt niemand und ich muss selbst sehen, wo ich bleibe. Und wenn wir sonst nichts haben als die Führung Gottes, dann hätten wir lieber zuhause bleiben sollen. Großvater sagte manchmal, dass die Geschicke der Vorväter von den drei Schicksalsfrauen am Fuße der Weltesche als lange Wollfäden gesponnen werden. Alles steht fest, ein unausweichliches Schicksal und kein gütig führender Vater, der sich erbitten lässt. Selbst Wotan, Saxnot und der Donnerer27 können den sie umwebenden Fäden nicht entfliehen. Sie versuchen, die Zeit bis zum Anbruch der Götterdämmerung, der letzten großen Schlacht,28 mit allen Mitteln hinauszuzögern; aber letztendlich werden auch ihre Fäden, wenn sie fertig sind, von den Schicksalsfrauen abgeschnitten. Ich glaube aber weder das eine, noch das andere. Hilf dir selbst, dann hilft dir auch Gott. Sieh nur genau hin, wie es hier jenseits deiner Klostermauer zugeht, dann wirst auch du erkennen müssen, was für ein Unsinn deine Führung ist!“
Er hatte dem frommen Bruder sowieso schon immer die Meinung sagen wollen, und hier waren sie endlich einmal unter sich, ohne die ewig nörgelnde Mutter und Schwägerin.
Wilfrith
„Du sagst es, wir wollen sehen“, meinte Wilfrith, überrascht von der Heftigkeit seines jüngeren Bruders. „Am Ende der Reise wollen wir noch einmal darüber reden. Denn es ist nie einfach, Gottes Wege zu erkennen, wenn man noch mitten darauf unterwegs ist.“ Damit endete die Unterhaltung, Willehad und Vlad hatten offenbar keine Lust, sich auf dieses geistliche Gespräch einzulassen.
Nach der kurzen Rast nahmen sie den Weg wieder auf. Das Gelände wurde immer schwieriger. Bald schon mussten sie sich den Weg mit Axt und Sax frei schlagen. Endlich, am Nachmittag kamen sie an ein paar kleine Felder. Hinter einem schmalen, aber dichten Waldstück stiegen zwei dünne Rauchfahnen auf. Nun schlichen sie nur noch mit der allergrößten Vorsicht weiter, um nicht gehört oder entdeckt zu werden. Bald schon konnte Wilfrith zwischen den Zweigen ein kleines Dorf oder großes Gehöft erkennen. Das Anwesen war von schwachen Palisaden umgeben. Einen Graben gab es nicht. Die Häuser waren deutlich kleiner als die Höfe zuhause und standen in einem kleinen Kreis zusammen. Die Wände bestanden aus Holzpfosten und mit Lehm beschmiertem Reisiggeflecht. Die Dächer waren niedrig und mit Stroh gedeckt. An den leicht nach außen geneigten Giebeln waren keine gekreuzten Pferdeköpfe zu erkennen, sondern jeweils nur eine angespitzte Stange. Es handelte sich um eine abodritische Siedlung. Menschen oder Vieh konnte Wilfrith nicht ausmachen, aber verschiedene Stimmen und Tiergeräusche drangen gedämpft aus den Häusern bis zum Waldrand hinüber. Wenn die kleine Gruppe weiterging, würde sie unweigerlich von den Hunden der Dorfbewohner entdeckt werden.
„Sind das nun Wagrier oder Polaben?“, fragte Burwido.
„Polaben, auch alles Hunde“, antwortete Vlad und ergänzte dann doch noch: „Die Wagrier wohnen weiter im Norden. Wir sind hier aber nah an der Grenze der Stammesgebiete.“
Nach einer Weile fügte er dann leise, zwischen zusammengebissenen Zähnen, hinzu: „Wir müssen nun aufpassen, der Wald hier ist kein christlicher Wald wie bei euch Sachsen. Hier gibt es viele Dämonen und Götter!“
„Auch dafür sind wir gut gerüstet“, sagte Wilfrith ernst und fasste sich unwillkürlich an das kleine Holzkreuz, welches er stets um den Hals trug.
„Wie nun weiter?“, wollte Willehad wissen. „Ich schlage vor, wir beobachten zuerst, wieviele es sind. Wenn hier nicht mehr als zehn Männer wohnen, denke ich, sollte Vlad einmal zu ihnen gehen und sich erkundigen. Er kann sich als Wagrier aus dem Norden ausgeben. Mit der Überraschung auf unserer Seite sollte es uns Übrigen bei Gefahr gelingen, ihn rauszuhauen und zu verschwinden.“
„Und was soll er ihnen erzählen, was ein Wagrier aus dem Norden mitten im Winter hier treibt?“, wollte Wilfrith wissen.
„Keine Ahnung, du bist doch der Gelehrte“, entgegnete Willehad trocken. Da aber niemand einen besseren Vorschlag hatte, zogen sie sich zunächst wieder tiefer in den Wald zurück. Es reichte, wenn jeweils einer auf Beobachtungsposten blieb. Zuerst war Vlad an der Reihe. Die Anderen suchten eine Bodenmulde in einigen hundert Schritt Entfernung vom Waldrand als Lagerplatz aus.
Burwido
Während Willehad und Wilfrith einen Haufen Reisig als Unterlage sammelten, denn bei dieser Witterung konnte man nicht auf dem nackten Boden schlafen, versuchte Burwido eine kleine Grube für das Feuer auszuheben. Bei dem gefrorenen Boden erwies sich das aber als ziemlich schwierig, zuerst brach ihm die Spitze seines Messers ab, dann schnitt er sich fast noch selbst in den Finger. Schließlich war die Grube dann aber doch einen halben Fuß tief und Burwido beschloss, dass das reichen musste. Seine Gefährten hatten derweil die Decken auf der Reisigunterlage verteilt und schauten ihm interessiert zu. Dann warteten sie alle zusammen auf die Dämmerung, um ein kleines Feuer zu entzünden. Bei Tageslicht und der herrschenden Windstille konnte man die Rauchsäule sonst möglicherweise vom Dorf aus sehen.
Nach zwei Stunden, als die Sonne nur noch knapp über dem Horizont stand, ging Burwido, um Vlad abzulösen. Die Schatten der Bäume zeichneten lange Streifen in den Wald. Er sah einige Spuren von Kaninchen im Schnee, aber zu hören war nichts. Nicht einmal die Vögel regten sich. Burwido fand den schon ziemlich ausgekühlten Vlad und gab ihm Anweisungen, wie er zum Lager finden konnte. Vlad hatte bisher drei Männer und fünf Frauen gezählt und beschrieb Burwido kurz ihr Aussehen, damit er sie möglichst nicht noch einmal mitzählte. Danach verschwand er schnell Richtung Lagerplatz. Den Abend über sah Burwido noch zwei Männer kurz nach draußen eilen, um ihre Notdurft zu verrichten, ansonsten passierte gar nichts. Als es dunkel geworden war, kehrte auch er ins Lager zurück, wo die Gefährten in seiner Grube bereits ein kleines Feuer entzündet hatten. Sie saßen dicht um die Flammen geschart und berieten, was Vlad am nächsten Tag erzählen sollte.
Wilfrith
„Was kann man bei dieser verdammten Kälte schon Sinnvolles machen?“, wollte Vlad wissen. „Grundlos geht da kein Mensch vor die Tür und erst recht nicht beim Nachbarstamm spazieren. Das werden sie sich denken und wenn ich keinen vernünftigen Grund vorbringen kann, müssen sie mich für einen Dieb oder Kundschafter halten.“
„Was du dann ja auch bist“, warf Wilfrith ein.
„Erzähl ihnen doch was von Führung“, witzelte Burwido und setzte sich dicht neben die massige Gestalt Willehads.
„Mensch, genau, das ist die Idee!“, erwiderte Wilfrith und überging den spöttischen Unterton in der Stimme seines Bruders.
„Du vergisst, dass die Abodriten noch gar nicht bekehrt sind“, meinte Burwido sarkastisch.
„Nein, natürlich nicht, aber sie glauben doch auch an etwas, jeder Mensch glaubt an irgendetwas. Sag mal, Vlad, gibt es nicht irgendwelche heiligen Pflichten bei den Abodriten? Einen Gott, der den Menschen manchmal aufträgt, hierhin oder dorthin zu gehen oder dieses oder jenes Heiligtum zu besuchen?“
„Einen Wahrsager? Svarozic, der Kriegsgott, sagt den Ausgang von Schlachten voraus. Die Priester müssen ein Pferd beobachten, wie es über Lanzen schreitet. Meinst du so etwas?“
„Ja genau. Nur offenbart Svar …, wie auch immer, seinen Priestern manchmal auch etwas, was nichts mit Schlachten zu tun hat? Etwas was dich dazu bringen könnte, hier im Winter herum zu laufen?“
„Aber ich folge doch gar nicht mehr Svarozic …“
„Nein, das sollst du auch auf gar keinen Fall … Du sollst nur sagen … Hm. – Du hast Recht, ganz richtig ist das nicht. Aber es ist eine Kriegslist, zumindest etwas Ähnliches“, überlegte Wilfrith.
„Wie wäre es denn, wenn er einfach sagt, er müsse dem Vater seines Freundes berichten, dass dieser verstorben sei? Und er musste ihm noch versprechen, es sofort zu tun?“, schlug Burwido vor. Seine Stichelei tat ihm offenbar leid und er versuchte hilfreich zu sein.
„Ja, das könnte klappen“, überlegte Willehad. „Vlad sagt, sein Freund, irgend so ein abodritischer Name, sei bei einem Unfall gestorben. Er hat einen Baum gefällt und der erwischte den Freund. Nun hat er ein schlechtes Gewissen und muss es den Eltern beichten. Weil das Gewissen so sehr schlecht ist und er sich vor dem Geist seines Freundes fürchtet, hat er sich gleich, noch im tiefsten Winter, aufgemacht. Nun mag er sich hier nur etwas aufwärmen. Nur warum kommt er hier so abseits von allen Wegen entlang? Und zu welchem Ort will er?“
„Ja, das klingt gut. Ich will nach Stralige,29 das ist ein kleiner Ort irgendwo weiter im Süden, ich kam dort einmal vorbei während meiner … ist ja egal, jedenfalls war ich schon einmal dort, und ich sage einfach, ich suche einen gewissen Mirko, den Pfeilschmied, den Vater von Miroslav Mirkowitsch. Und ich habe mich eben verlaufen“, entschied Vlad.
Nachdem das geregelt war, verebbte das Gespräch. Burwido konnte ein Gähnen nicht unterdrücken und Wilfrith und Vlad taten es ihm nach. Der Tag war anstrengend und voller neuer Ereignisse gewesen.
„Lasst uns das Feuer löschen und ruhen“, schlug Willehad daher vor. Die Gefährten legten sich eng aneinander auf das Lager aus Reisig, um sich gegenseitig zu wärmen und wickelten sich in die mitgebrachten Decken und Mäntel ein. Dabei mussten sie die Köpfe mit einwickeln, um die Wärme der Atemluft nicht entweichen zu lassen und so immer die schon vorgewärmte Luft einzuatmen. Auch durfte man sich nachts nicht mehr bewegen, um nicht versehentlich eine Decke abzuschütteln und dann zu unterkühlen.
22 Der einäugige Wotan (dem nordischen Odin entsprechend) ritt dem alten Glauben zufolge in den geweihten Nächten (Weihnachten und zwischen den Jahren) mit seinem wilden Heer über die Flure. Die gekreuzten Pferdeköpfe an den sächsischen Höfen sollten ihn dann an die vom Hof geleisteten Pferdeopfer erinnern und gnädig stimmen. Die teilweise in Norddeutschland noch heute verbreitete Ansicht, es könne Unglück bringen, zwischen den Jahren Wäsche aufzuhängen, rührt von der Angst her, Wotans Jagd könne sich darin verfangen und ungehalten werden.
23 Im Jahre 791
24 Auch Balthicus genannt, heute die Ostsee
25 Das breite, einschneidige Kurzschwert, von dem sich angeblich der Name der Sachsen ableitet.
26 Saxnot war eine der drei Hauptgottheiten der Sachsen. Sein Name leitet sich wohl vom Sax – dem sächsischen Kurzschwert – ab und meint soviel wie Schwertgenosse (er entspricht wahrscheinlich dem nordischen Tyr).
27 Donar, oder Donnerer, war neben Saxnot und Wotan der dritte Hauptgott der Sachsen (entspricht dem nordischen Thor).
28 Nach der nordischen Mythologie endet die Welt in einer letzten Schlacht (im Nordischen Ragnarök) zwischen den Göttern und ihren in Asgard bzw. Walhalla versammelten Helden gegen die Heere des Bösen.
29 Sterley