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Bunsh sah den Neuzugang, über den Hardcastle so viel erzählt hatte, am anderen Morgen. Eingerahmt von den Gefängniswärtern McShane und Lester wirkte Glasgow-Ambrose wie ein Hungerkünstler. Er war ein eher schmächtiger Mann mit ruhigen Händen und einem beherrschten Gesicht. Seine wohlgenährten Bewacher an seinen Seiten überragten ihn um Haupteslänge.

»Sieh ihn dir ganz genau an, Bunsh!«, bemerkte Lester mit einem boshaften Grinsen. »Acht Jahre hat er aufgebrummt bekommen, weil er rückfällig geworden ist … und ich prophezeie dir, dass wird dir auch passieren, so wie ich dich einschätze!«

»Wenn es etwas geben sollte, was mich hierher zurücktreibt, dann wird es die Sehnsucht nach Ihnen sein«, konterte Bunsh spöttisch.

»He?« Lester wollte schon mit wütenden Schritten auf ihn losstürmen, als ihn sein Kollege McShane am Arm packte und davon abhielt.

»Lass Bunsh in Ruhe.«

»Wieso?«

»Wir kennen das doch zur Genüge: Steht die Entlassung an, dann drehen sie alle durch.«

Sie wiesen dem Neuzugang seine Zelle zu und verschwanden gleich darauf wieder. Da sich die Gefangenen in ihrem Zellentrakt tagsüber frei bewegen konnten, verzichteten sie darauf die Tür aus Gitterstäben zu verschließen. Kaum waren sie außer Sichtweite, trat Glasgow-Ambrose in den Gang und blickte sich um.

»Ich hoffe doch mal, dass es hier Pokerkarten gibt«, sagte er dann, ohne die anderen in irgendeiner Form zu begrüßen oder sich ihnen vorzustellen.

McMasters trat vor ihn und sah ihn herausfordernd an. »Es gibt hier schon genug großkotzige Kerle, Bursche!«, knurrte er bedrohlich.

»Na, wenn das so ist!«, erwiderte Ambrose ebenso gefährlich.

»Wir sind hier ein äußerst exklusiver Verein«, fuhr Hardcastle fort. »In einen alteingesessenen elitären ›Men Club‹ in London kannst du auch nicht so ohne weiteres eintreten! Dazu braucht es ein gewisses Ansehen.«

»Na, dann will ich mich nicht lumpen lassen und direkt etwas für meinen Nimbus tun«, spottete sein Gegenüber. »Mal abwarten, ob es für eine Mitgliedschaft reicht!« Er hatte kaum ausgesprochen, da schoss seine Faust unvermittelt vor und traf Hardcastle genau am Solar Plexus. Der Drogenhändler aus Scarborough spürte, wie ihm der Treffer die Beine wegriss, bevor er krachend mit dem Rücken auf den Betonboden fiel.

Lächelnd massierte sich Ambrose seine Faust. »Reicht das als Reputation? Wenn ja, Gentlemen«, er sah dabei in die Runde, »möchte ich direkt auf meine Frage zurückkommen! … Gibt es hier Pokerkarten?«

Die herumstehenden Männer starrten die halbe Portion verblüfft an, die den keineswegs schwächlichen Hardcastle mit einem Hieb zu Boden geschickt hatte. Es war McMasters der sich nun nach vorne schob, seine Oberarmmuskeln spielen ließ und sich die kräftigen Pranken rieb.

»Seht euch das an, Leute, der Neue will hier gleich auf dicke Hose machen!« Dann wandte er sich an Ambrose. »Das kommt nicht gut an! Bist wohl noch vollgestopft von guten Steaks da draußen, aber versuch erst mal den Fraß hier … da wird dir schon bald anders werden!« Ohne Vorankündigung schoss McMasters seine geballte Hand vor, verfehlte aber das anvisierte Ziel. Obendrein katapultierte ihn sein eigener Schwung nach vorn, und plötzlich explodierte etwas in seiner Magengrube. Augenblicklich klappte er in sich zusammen, nur um gleich darauf durch einen geraden Haken, der seine Kinnspitze traf, wieder auseinandergefaltet zu werden. Ein weiterer sauberer Schwinger ließ ihn neben Hardcastle zu Boden gehen.

Ambrose grinste und in seinen Augen funkelte es böse. »So wie die Sache steht, werde ich ein paar Jährchen hierbleiben müssen, Freunde! Glaubt ihr, ich hätte Lust laufend eure blöden Fressen zu sehen, wenn hier nicht von Anfang an klare Verhältnisse herrschen?« Er legte eine gewichtige Pause ein, ehe er seine Frage erneut stellte: »Habt ihr nun Pokerkarten oder nicht?«

»Wir haben welche«, antwortete Bunsh. »Wenn du keine Ersparnisse mitgebracht hast, kannst du die Bank übernehmen.«

Ambrose griff in seine Hosentasche, holte Tabak heraus und drehte sich seelenruhig eine Zigarette, während er Bunsh musterte. »Du gefällst mir. Siehst nicht ganz so vertrottelt aus wie diese Armleuchter!« Dabei wies er auf die beiden, die sich gerade brummend wieder erhoben.

»Ich heiße Bunsh, aber hier nennen mich alle Doc. Wir werden aber nicht mehr viel miteinander zu tun haben … Ich verlasse diesen gastlichen Ort morgen.«

»Warst du lange hier?«

»Drei Jahre.«

»Das ist nicht gerade viel«, meinte Ambrose.

»Glaub mir, die reichen!«

»Was hast du denn ausgefressen?« Neugierig blickte er Bunsh an.

»Beteiligung an einem Bankraub. Ich will ja nicht gerade behaupten, dass ich ein Unschuldslamm wäre, aber das Beweismaterial war geradezu lächerlich. Aber am Ende haben mich die Geschworenen verurteilt. Waren sogar vier Weiber darunter …«

»Na, die werden von ihrem Standpunkt aus schon recht gehabt haben, oder etwa nicht?«

Bunsh musterte ihn mit hochgezogenen Brauen. »Du bist schon ein komischer Vogel.«

»Wenn du damit meinst, dass ich nicht so primitiv wie die meisten aus der Branche bin, hast du sicher recht damit.«

»Deshalb bist du ja hier bei uns gelandet, wie?«, bemerkte Bunsh trocken.

»Mich hat ein Mädchen verpfiffen, klar?«, gab er bissig zurück. »Ansonsten würden die beim Yard noch heute darüber grübeln, wer mit der Viertelmillion ›Versteck Dich‹ spielt!«

»Und wo ist die Kohle jetzt?«

Ambrose antwortete nicht direkt. »Die habe ich ausgeliefert«, lächelte er dann. »Was soll ich auch schon damit anfangen, solange ich einsitze? Wenn ich wieder draußen bin, besorge ich mir Nachschub … Ist ja kein Problem, und dadurch, dass ich die Kröten abgeliefert habe … Im Ergebnis sind es so zwei Jahre weniger geworden.«

»Dennoch haben sie dir immer noch beachtliche acht Jahre aufs Auge gedrückt«, erwiderte Bunsh, der sich jetzt ebenfalls eine Zigarette zwischen den Fingern rollte. »Da kannst du also eine lange Zeit warten.«

»Ich weiß …«

Er kam nicht weiter, denn einer in der Nähe stehenden Männer zischte ihnen ein ›Achtung!‹ zu, worauf sich die Gruppe sofort auflöste.

Gleich darauf kam auch schon Lester angetrabt. »Bunsh!«, knurrte er. »Mitkommen!«

Ohne etwas darauf zu Erwidern, drehte Bunsh sich um und hielt sich nun immer einen Schritt vor dem Vollzugsbeamten, wobei er den jederzeit schlagbereiten Knüppel Lesters in seinem Rücken spürte. Die ganze widerliche Zuchthausatmosphäre wirkte auf ihn, und er hoffte, sie zum letzten Mal zu erleben.

*

»Du hast Besuch«, klärte Lester ihn auf, als sie am Ende des Korridors angekommen waren und eine Schleusentür durchschritten. »Dein Anwalt«, fügte er hinzu und führte Bunsh in den dafür vorgesehenen Besucherraum.

Am Tisch hatte sich ein junger Mann in pikfeinem dunkelgrauem Anzug niedergelassen. Ein Mann, den Bunsh nur zu gut kannte: Es war der Rechtsanwalt, der vor drei Jahren seine Verteidigung übernommen hatte. Er hieß Foy DeLacy. Damals war Bunsh davon ausgegangen, er habe seinen Fall nur übernommen, um sich damit einen Namen zu machen. Misstrauisch zog er den Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

»Ich bin erfreut Sie zu sehen, Mr. Bunsh«, begrüßte ihn DeLacy und kam direkt auf den Punkt seines Besuches: »Ihre Entlassung steht an, und ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich im Anschluss etwas für Sie tun kann. Sie wissen ja, dass ich damals von Ihrer Schuld nicht überzeugt war. Daran hat sich auch heute nichts geändert.«

Wenngleich Bunsh es nicht sehen konnte, so spürte er dennoch, wie sich in seinem Rücken ein breites Grinsen über Lesters Gesicht ausbreitete. »Wüsste nicht, was Sie für mich tun könnten«, brummte er.

»Wirklich nicht?« DeLacy musterte ihn forschend. »Sie sollten sich das gut überlegen. Ich habe gute Beziehungen. Außerdem habe ich Ihnen einige Unterlagen mitgebracht: Adressen von Leuten, die Ihnen weiterhelfen können.« Er nahm seine Aktentasche, kramte darin herum und schaute verwirrt auf. »Ich muss die Mappe irgendwo liegengelassen haben.« Sein Blick fiel auf den Aufseher. »Officer?!«

»Ja, Sir?«

»Ich war zuvor in der Verwaltung. Könnten Sie dort bitte einmal anrufen und nachfragen, ob ich da einen Schnellhefter habe liegen lassen?«

Lester kratzte sich am Kopf und nickte daraufhin. »Ich glaube, dass lässt sich machen, Sir!« Er schritt zum Wandtelefon rechts von der Zimmertür und drückte die Taste, die automatisch eine Verbindung mit der Zentrale herstellte. Einen Augenblick wandte er den beiden dabei den Rücken zu.

Blitzschnell beugte sich Foy DeLacy vor. » Glenconner schickt mich«, flüsterte er dem Tresorknacker zu. »Sie sollen mit einem Neueingelieferten Kontakt aufnehmen. Sein Name ist Glasgow-Ambrose. Der Bursche ist ein echter Experte auf seinem Gebiet. Fragen Sie ihn, ob er bereit ist für Glenconner zu arbeiten. Sagt er zu, wird man ihn hier schnellstens herausholen.«

»Okay!« Bunsh starrte sein Gegenüber verblüfft an und nickte. »Wird gemacht!«

Lester wandte sich wieder um, offenbar hatte er nichts bemerkt. »In der Zentrale hat man keine Akte gefunden, Sir.«

»Das ist Pech!« Der Anwalt erhob sich und lächelte Bunsh freundlich zu. »Sie sollten sich meinen Vorschlag überlegen. Vielleicht rufen Sie mich morgen an, wenn Sie entlassen wurden.«

Bunsh spürte, wie sein Puls schneller schlug, beherrschte sich aber und spielte seine Rolle weiter. »Ich werde an Sie denken, Mr. DeLacy. Aber wenn Sie mir eine Arbeitsstelle anbieten wollen … Die Absage können Sie schon jetzt von mir bekommen!«

»Melden Sie sich einfach, wenn Ihnen danach ist«, lächelte der Anwalt. »Ich werde keinen Druck auf Sie ausüben.«

»Na, dann wäre ja wohl alles geklärt, Bunsh«, knurrte Lester, der seinen Knüppel mal wieder lässig durch die Luft wirbeln ließ.


Ein riskanter Trick

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