Читать книгу Der Fluch von Shieldaig Castle - Thomas Riedel - Страница 4
Оглавление»Das Herz gehorcht keinem Gesetz
außer seinem eigenen;
es entkommt der Knechtschaft;
nur freiwillig gibt es sich her.«
Jean-Jacques Rousseau
(1712-1778)
Kapitel 1
»Löschen Sie bitte die Lampen, George, ich möchte dem Gewitter zuschauen.«
Lady Scarlett Cunningham erhob sich bei diesen Worten vom frühviktorianischen Sofa und trat zur Terrassentür. Ihre schmale, schlanke Hand schob behutsam den Wolkenstore zurück.
»Grandios«, murmelte sie verhalten.
Ein Blitz zuckte vom Himmel herab. Gleich darauf barst ein krachender Donner.
Lady Scarlett, zierlich von Gestalt, schwarzhaarig, zweiundvierzig Jahre alt, starrte in die entfesselte Natur.
»Können Sie sich auch nur im entferntesten an ein ähnliches Gewitter erinnern, George?«, fragte sie kaum vernehmbar.
George, Diener und Vertrauter zugleich, denn er hatte die Geburt von Scarlett Cunningham schon einst miterlebt, trat hinter seine Herrin.
»Sie sollten besser vom Fenster zurücktreten, Mylady«, erwiderte er leise und ruhig, ganz wie es seine Art war.
»Ich kann nie genug bekommen von dem Anblick einer entfesselten Natur«, gab sie ihm zur Antwort.
»Die meisten Menschen fürchten ein Gewitter, Mylady. Aus gutem Grund, wie ich mir hinzuzufügen erlaube.«
»Ach, George! Ich konnte das noch nie verstehen.« Sie lächelte verträumt und rezitierte ein Gedicht, ohne ihren Blick abzuwenden. »Im Zickzack zuckt der Blitz hernieder, der Donner kracht und dröhnt und grollt, blinkt lächelnd drauf die Sonne wieder, scheint uns die Erde doppelt hold.« Sie schob den Wolkenstore noch ein wenig weiter zur Seite, um besser sehen zu können. »Ich liebe es, wenn uns der Himmel zeigt, wie klein wir Menschen doch wirklich sind.«
Als müsste der Himmel die Bestätigung bringen, blitzte es erneut, und der Donner folgte im gleichen Augenblick. Das heftige Gewitter stand genau über dem alten ›Shieldaig Castle‹, dass vor Jahrhunderten am Steilhang zum ›Loch Torridon‹ erbaut worden war.
Von der Terrasse aus hatte man einen weiten Blick in den riesigen Garten, der die Burg auf drei Seiten umschloss.
Wo sonst erholsame Stille herrschte, wütete jetzt die Naturgewalt.
Die kleinen Büsche, ja selbst die mittelgroßen Bäume bogen sich vor dem Sturm, der peitschenden Regen mit sich führte.
Irgendwo im ›Castle‹ zerbarst eine Fensterscheibe. Es klirrte, aber es war nur ein winziger Laut im Vergleich zu dem Sturm, der das alte Gemäuer umheulte.
Wahre Sturzbäche flossen die Gartenwege entlang, dessen Boden die Menge an Wasser nicht aufnehmen konnte.
»Einfach grandios«, wiederholte Lady Scarlett aus ihren Gedanken heraus.
Der alte George, mit schlohweißem Haar, ausgeprägtem Backenbart und leicht gebeugtem Rücken, antwortete nicht. Er schaute ebenfalls in den Garten hinaus und bedauerte den Gärtner, der nach diesem Unwetter alle Hände voll zu tun haben würde.
›Shieldaig Castle‹ war ein riesiger Bau. Die Burg stand auf einer Anhöhe und gab dem kleinen Dorf im Westen Schottlands einen ganz besonderen Reiz. Sie schien die Ansiedlung zu beschützen, denn so weit das Auge reichte, gehörten die riesigen Wälder und Ländereien zu der Burg, der keine kriegerische Auseinandersetzung bisher etwas anhaben konnte. Unzählige Male war sie umgebaut, restauriert und erweitert worden – und doch hatte sie sich etwas Romantisches bewahrt.
Alle glaubten, dass Lady Scarlett der letzte Spross der Familie Cunningham war. Noch immer war sie unverheiratet, und wenn sie sich Elizabeth I. zum Vorbild nahm, würde der Name mit ihr aussterben, aber die Burg – sie würde noch viele Generationen überdauern.
»Holen Sie mir bitte meinen Mantel und vergessen Sie mir Pelerine und Hut nicht, George«, sagte sie plötzlich aus einer Laune heraus.
»Aber, Mylady! … Sie wollen doch nicht etwa …«, begehrte er auf, kam aber nicht weiter, denn sie unterbrach ihn.
»Aber natürlich will ich hinaus, George«, lachte sie fröhlich. »So ein Schauspiel bekommt man nicht alle Tage geboten. Man sollte wirklich nicht nur zuschauen, so etwas muss man erleben.«
Kopfschüttelnd ging George die gewünschten Sachen holen. Nur zögernd half er ihr hinein. Er wagte keinen Einwand mehr, öffnete ihr aber nur widerstrebend die Terrassentür.
Während er im schützenden Gesellschaftszimmer stehen blieb, trat Lady Scarlett unerschrocken in das Unwetter hinaus.
Die Blitze und mahlenden Donnerschläge schienen sie nicht im Geringsten zu stören. Sie zog sich den Wachshut tief ins Gesicht. Langsam schritt sie den Gartenweg entlang. Einmal hob sie sogar ihr Gesicht und schaute in die drohenden Wolken, die über ›Shieldaig Castle‹ lagen.
»Manchmal hat sie recht eigenartige Angewohnheiten«, murmelte George vor sich hin. »Es gefällt mir einfach nicht, was sie da tut«, fügte er noch hinzu, während er mit unbewegtem Gesicht ihren Weg verfolgte. »Sie wird sich dabei noch einmal eine Lungenentzündung und den Tod holen.«
Es blitzte erneut und der Donner folgte augenblicklich. Ein rötlich-gelblicher Schein lag über der Festungsanlage. Ein Geruch von Schwefel lag in der Luft. Plötzlich war sie seinen Blicken entschwunden.
Erschrocken riss George die Terrassentür auf. Suchend spähte er hinaus – und dann sah er sie auf dem Boden liegen.
Er achtete nicht mehr auf das Wetter, ja, nicht einmal den Donner hörte er noch. Ohne sich etwas überzuziehen eilte er, so schnell es seine alten Beine erlaubten, hinaus. Er spürte nicht einmal den stürmischen Regen, der ihm ins Gesicht schlug und sofort bis auf die Haut durchnässte. Alles was er sah war die zarte Gestalt seiner Herrin, die von einem Blitz getroffen vor ihm am Boden lag.
Er zögerte kurz, ehe er es wagte, sie zu berühren. Dann bückte er sich mit Tränen in den Augen über sie, die junge Frau, die er so tief verehrt hatte. Er begriff sofort, dass es für sie keine Rettung mehr gab. Gott hatte sie auf seine Art zu sich genommen.
Aber George kniete nicht nieder und er betete auch nicht. Ganz im Gegenteil, er ballte seine Rechte zur Faust und reckte sie drohend gen Himmel.
»Hast du mit deinem Fluch noch immer nicht genug?! Wird das ewig so weitergehen? Willst du ›Shieldaig Castle‹ auch noch vernichten?!«
George sprach nicht mit dem Allmächtigen. Seine ganze Verzweiflung richtete sich an Lady Scarletts Großvater, der vor ewiger Zeit einen Fluch ausgesprochen hatte – damals, ehe er starb – und es war, als würde dieser Fluch jeden Menschen vernichten, der die alte Burg liebte.
Weinend hob George ihre leichte Gestalt auf und trug sie in den schützenden Salon zurück.
»Warum nur habe ich sie hinausgehen lassen. Ich hätte es verhindern müssen«, brummte er, sich Vorwürfe machend. »Ich hätte es auf keinen Fall zulassen dürfen.«
Aber jetzt kam jede Hilfe zu spät. Für Lady Scarlett hatte die irdische Welt aufgehört zu existieren.
George alarmierte sofort das übrige Personal. Er wich nicht von der Seite seiner Herrin, als man die Letzte aus dem Geschlecht der Cunninghams auf das Totenlager bettete. Still harrte er an ihrem Bett aus, während im Haus alles wie bisher weiterging.
Fünf Kerzen brannten in einem silbernen Kandelaber am Kopfende. Die Fenster des Zimmers waren abgedunkelt. Nach einer Weile, gerade so, als müsste er die unerträgliche Stille durchbrechen, flüsterte er vor sich hin:
»Nun ist auch sie gegangen – und sie war doch so schön. Niemals habe ich so herrliches schwarzes Haar gesehen, niemals so wunderschöne, große graublaue Augen. Warum nur, Gott, musste sie gehen? Warum hast du nicht mich geholt. Ich bin schon sehr alt und am Ende meines Lebens angekommen. Ich würde es gern hingeben, wenn ich sie damit wieder lebendig machen könnte.«
Gott antwortete ihm nicht – und im Zimmer blieb es still, und das Lächeln von Lady Scarlett majestätisch kühl.
George wischte sich seine Tränen aus dem Gesicht. Erneut fühlte er die bedrückende Stille.
»Es war alles so herrlich«, sprach er weiter vor sich hin, »als ich damals auf die Burg kam. Ich war ein junger Mann mit vielen Träumen. Nur für ein paar Jahre wollte ich als Kammerdiener tätig sein – aber es wurde der Beruf meines Lebens.«
Er erschauerte, als er an Lady Scarletts Großvater dachte, den er damals zu bedienen gehabt hatte. Es war ein garstiger alter Mann gewesen. Niemand konnte ihm etwas recht machen, und so tyrannisierte er seinen Sohn und auch seine Schwiegertochter, die damals gerade in guter Hoffnung gewesen war.
Jahrelang hatte er sich und anderen Menschen zur Qual gelebt. Er hatte es geschickt für sich zu nutzen gewusst, dass er an beiden Beinen gelähmt war – eine alte Kriegsverletzung, wie er immer zu betonen wusste. Ehe er starb, hatte er die Burg verflucht und gebrüllt: ›Verflucht sollt ihr alle sein – alle, die ihr diese Burg liebt – denn sie gehört mir!‹
Das war inzwischen zweiundvierzig Jahre her – und doch kroch George bei der Erinnerung daran noch heute eine Gänsehaut über den Rücken.
Es war ihm, als wären die Worte des Mannes noch deutlich in seinen Ohren.
»Ja«, stöhnte er auf, »ja – und dieser verdammte Fluch hat seine Wirkung noch immer nicht verloren. Wieder liegt der Schatten des Todes über der Burg.«
Er atmete schwer, als er an das Leben zurückdachte, das gefolgt war, nachdem der alte Burgherr seine Augen für immer geschlossen hatte.
Zunächst schienen die Bewohner von ›Shieldaig Castle‹ richtig aufzuleben. Wie wohltuend war doch die Ruhe, da das ständige Nörgeln des alten Mannes verstummt war. Aber es war eine trügerische Ruhe, die nicht lange währte. An dem Tag, an dem Lady Scarlett geboren wurde, verstarb ihre Mutter an den Folgen der Entbindung.
Scarletts Vater reagierte kopflos. Er hatte nun nicht nur ein winziges kleines Mädchen, er hatte auch noch für seine ältere Tochter Gracelynn zu sorgen.
George überlegte, wie alt Gracelynn damals gewesen war.
»Dreizehn muss sie wohl gewesen sein«, murmelte er vor sich hin. »Ja, dreizehn … und sie hatte viel von ihrem Großvater geerbt, denn auch sie war zänkisch, und sie ist es bis zum heutigen Tag geblieben.«
Er erinnerte sich noch gut daran, wie das ganze Personal bei der Taufe von Scarlett geweint hatte, und wie sehr sich seine Lordschaft Cunningham gegrämt hatte.
Aber auch mit diesem Opfer hatte sich das Schicksal noch nicht zufriedengegeben. Scarlett war erst drei Jahre alt gewesen, als ihr Vater während einer Fuchsjagd tödlich verunglückte. Durch einen unglücklichen Umstand war das Gewehr losgegangen, und die Kugel hat seine Lordschaft tödlich in den Kopf getroffen.
Eine entfernte Verwandte hatte daraufhin ›Shieldaig Castle‹ bezogen und für die beiden Mädchen gesorgt. Scarlett hatte sich sanftmütig entwickelt, Gracelynn aber war herrisch geblieben. Als sie fünfundzwanzig Jahre alt gewesen war, hatte sie die Burg verlassen und geheiratet. Benjamin Gates war ein reicher Bauunternehmer. Er hatte nicht auf ›Shieldaig Castle‹ leben wollen, und soweit sich George erinnern konnte, war Lady Gracelynn wohl ganz froh gewesen, die Burg verlassen zu können. Sie fürchtete den Fluch, der auf dem Gemäuer lag. Später hatte sie sich mit ihrer Schwester geeinigt. Scarlett behielt die Burg und Gracelynn wurde ausbezahlt.
Jetzt aber war die letzte Herrin von ›Shieldaig Castle‹ ebenfalls verstorben und mit ihr der Name Cunningham.
George wischte sich wieder übers Gesicht. Dann hob er leicht den Kopf und einen Blick auf die Tote.
»Jetzt wird sicher der junge Gates hier einziehen, oder er wird es verkaufen … wer weiß das zu sagen? Brantley Gates hat Architektur studiert, soweit ich weiß. Er wird ganz sicher nicht auf einer Burg wohnen wollen.«
Er seufzte schwer. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Regen und der Sturm nachgelassen hatten.
»Arme Lady Scarlett«, kam es ihm über die Lippen, wobei er sich traute, ihr einmal scheu über die gefalteten Hände zu streicheln.
Wieder fragte er ein ›Warum‹ in das stille Zimmer, in dem nicht einmal das Ticken einer Standuhr zu hören war. Aber auch auf diese Frage bekam er keine Antwort. Das Schicksal antwortete nicht.
Als er nach einigen Stunden das Totenzimmer verließ, schien er um viele Jahre gealtert zu sein. Sein Rücken war noch gebeugter.
»Ist Mrs. Gates schon benachrichtigt worden?«, erkundigte er sich bei einem der Dienstmädchen.
»Nein«, erwiderte sie bedrückt. »Wir waren uns nicht sicher, ob nicht …«
»Schon gut, Meredith«, winkte er müde ab. »Ich werde das persönlich übernehmen.«
George fühlte sich dem Haus Cunningham immer noch verpflichtet. Er durfte noch nicht abtreten. Dafür gab es noch viel zu viele Dinge zu erledigen, die er im Sinne Lady Scarletts ausführen musste.
Er verständigte den Rechtsanwalt, benachrichtigte die Schwester Gracelynn, und als er sich schließlich in seine kleine Kammer im Obergeschoss zurückzog, kam er sich uralt vor.
»Jetzt habe ich sie alle überlebt«, flüsterte er aufgewühlt vor sich hin. Plötzlich begann er zu zittern, und wieder liefen ihm die Tränen über das Gesicht.
»Ich hätte sie so gern glücklich gesehen«, murmelte er leise. Sie hätte heiraten müssen. An Freiern hat es ihr wahrhaftig nicht gefehlt, aber sie wollte ja keinen Mann mehr sehen, nachdem ihr Auserwählter bei einem Pferderennen ums Leben gekommen war. Sie hatte sich vollkommen zurückgezogen. »Es gibt kein Glück auf der Burg«, hauchte er nun selbst entsetzt. »Jedes Glück ist hier zum Sterben verurteilt. Alle … alle sind sie gegangen … alle diejenigen, die ›Shieldaig Castle‹ liebten. Man sollte die Burg bis auf die Grundmauern abbrennen, damit der Fluch endlich ein Ende hat.« Aber George fühlte, dass es wohl keinen Menschen geben würde, der es gewagt hätte Hand an dieses herrliche Gebäude zu legen.
»Ich müsste es schon selbst tun«, seufzte er, aber im gleichen Augenblick fühlte er, dass er doch nie dazu imstande sein würde.
Ich gehöre zur Burg, dachte er, sie ist auch mein Schicksal geworden. Ich habe auch nicht geheiratet und bin auf der Burg geblieben, weil sie niemanden mehr loslässt.
Er ließ sich schwer auf sein Bett fallen. Fast augenblicklich überwältigte ihn der Schlaf, aber auch dann erschienen ihm die alten Bilder, die ihn nicht losließen. Im Traum stritt er sich mit seinem ersten Herrn und weinte mit Scarletts Vater über den Verlust dessen Frau. Er bemutterte die kleine Scarlett und merkte mehr und mehr, wie sehr er an diesem sanften und zarten Mädchen hing – wie sehr er sie liebte. Noch einmal durchlitt er ihren Schmerz, als sie von ihrem Auserwählten auf so grausame Weise getrennt wurde – und noch einmal durchlebte er die Schrecksekunde des Gewitters, dass ihm seine über alles geliebte Herrin genommen hatte.
»Nein! Oh, Gott, nein!«, schrie er gellend und richtete sich dabei steil im Bett auf.
Es war Nacht um ihn. Er zitterte wie Espenlaub, tastete nach den Streichhölzern auf dem Nachtisch und atmete auf, als das Kerzenlicht aufflackerte.
Mühsam brachte er seine Beine aus dem Bett und suchte nach einem Tuch, um sich das schweißnasse Gesicht abzuwischen. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Schlafpulver eingenommen, aber jetzt tat er es. Er wollte den grausamen Träumen entfliehen. Er musste es einfach, weil er fühlte, dass er die Ruhe nötig hatte.
Kraftlos ließ er sich auf die Kissen zurückfallen. Schon bald hielt ihn Morpheus in seinen Armen, ruhig und fest.
Als George am nächsten Morgen erwachte, strahlte die Sonne bereits vom Himmel herab. Es war ein zauberhafter Junitag. Die Vögel zwitscherten fröhlich, und der Gärtner hatte bereits mit seiner Arbeit begonnen.
Alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen und eigentlich deutete nichts mehr darauf hin, dass ›Shieldaig Castle‹ nun ohne Herrin war. Nur die schwarze Fahne auf dem Turm zeigte an, dass die Sanduhr eines Menschenlebens abgelaufen war.
Der Tag begann – und damit seine Pflichten – die eines alten Dieners.
***