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Der hl. Josef und die Mystik

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Surin erlaubt es uns, die Entwicklung der Mystik im Jesuitenorden nachzuzeichnen. Wir konzentrieren uns auf ein Element, nämlich die rätselhafte „neue“ Verehrung des hl. Josef. Diese ist in einem berühmten, weit verbreiteten und häufig kopierten Brief erkennbar, den Surin an seine Mitbrüder von La Fleche (Department Sarthe) schrieb. Der Brief ist auf das Jahr 1630 datiert; Surin hatte gerade sein Tertiat vollendet und stand am Ende seiner Formation. Er wurde angehalten, nach Bordeaux zu gehen, um eine neue Aufgabe zu übernehmen. In Bordeaux angekommen, schrieb er einen Brief an seine frühere Gemeinschaft in La Fleche, vor allem an zwei befreundete Mitbrüder, Jean Bagot und Achille Dony d’Attichi. Der Brief beinhaltet eine detaillierte Beschreibung einer Begegnung, welche er auf dem Weg nach Bordeaux hatte. Dort traf er einen jungen Mann, Sohn eines Bäckers aus Le Havre, welcher gerade achtzehn Jahre alt war. Dieser war auf dem Weg nach Paris, um als Laienbruder einer religiösen Gemeinschaft beizutreten. Obwohl ungebildet, schien er in die tiefsten Geheimnisse Gottes eingeweiht, genoss eine tiefe und intime Beziehung zu Gott und hatte außergewöhnliche Einsichten in das mystische Leben. Surins Brief beschreibt die Gespräche, die er mit dem jungen Mystiker führte:

„Ich fragte ihn, ob er den hl. Josef verehrte. Er antwortete, dass der Heilige für die letzten sechs Jahre bereits sein Beschützer war und dass der Herr selbst ihm ihn als Beschützer gab, niemand anderen. Er fügte hinzu, dass nach seiner klaren Einsicht der heilige Patriarch der größte Heilige gleich nach der Heiligen Jungfrau Maria war und dass dieser den Heiligen Geist auf eine ganz andere Weise besitzt als die Apostel, dass er über Seelen wacht, eine Tugend, die vor der Welt verborgen bleiben muss – wie es der Fall war mit seiner eigenen Seele –, dass so wenig über ihn bekannt war, dass Gott indessen beschlossen hatte, dass nur die reinsten Seelen über seine Größe erleuchtet werden sollten. Er fuhr fort und sagte, dass der heilige Josef ein Mann der großen Stille war und dass er nur sehr wenig im Haus Gottes sprach, und dass Maria noch weniger sprach und Gott sogar noch weniger als die beiden sprach, dass seine Augen ihn ausreichend lehrten, wie er mit unserem Gott sprechen solle.“3 Allem Anschein nach pflegte der junge Mann also eine besondere Verehrung des hl. Josef. Obwohl gänzlich ungebildet und auch ohne spirituelle Bildung, hatte er den hl. Josef als geistlichen Führer gewählt.

Hoch bedeutsam ist der folgende Umstand: Jean-Joseph Surin beschreibt das Treffen, nachdem er kurz zuvor das Terziat beendet hatte. Der junge, faszinierende, ungebildete Erleuchtete (illettré éclairé) kommt, wie es scheint, als Geschenk des Himmels, um die Formation Surins zu vollenden. Die Freude, die Surin während dieser Begegnung erfährt, hängt sicherlich mit dem Erkennen eines Elements aus seinem eigenen Leben zusammen. Es überrascht nicht sehr, dass Surin seinen Gesprächspartner nach dessen Verehrung des hl. Josef fragt. Tatsächlich hatte Surin selbst eine mystische Erfahrung, und zwar 1612, als er gerade zwölf Jahre alt war, im selben Alter wie der Bäckerssohn, als Gott diesem den hl. Josef als Seelenführer zur Seite gab. Diese Erfahrung fand in der Kirche der Karmelitinnen in Bordeaux statt – und diese war dem hl. Josef geweiht. Surins Biograph beschreibt die Erfahrung so: „Ein übernatürliches Licht, das ihn auf unaussprechliche Weise die unbeschreibliche Erhabenheit von Gottes faszinierendem Sein erfahren ließ“4. Dieses Ereignis hatte einen großen Einfluss auf Surins Leben. Es ist kaum vorstellbar, dass er diese Begebenheit ebenso wie den Umstand, dass sie sich in einer dem hl. Josef geweihten Kirche zutrug, jemals wieder vergessen würde. Surins Schwester trat der Gemeinschaft ein paar Jahre später bei (1619); seine Mutter verbrachte bei den Karmelitinnen ihren Lebensabend.

Der junge, mystisch begabte Bäckerssohn war nicht die einzige Person, die Surin getroffen hatte und die dem hl. Josef zugetan war. Zwei Jahre später erwähnt er in einem anderen Brief eine Frau namens Marie Baron († 1642), Ehefrau eines Kaufmanns in Marennes und ebenfalls mystisch begabt. In Bezug auf deren spirituelles Leben schrieb Surin: „Es wäre falsch von mir, den heiligen Josef nicht zu nennen, den Patron aller großartigen Seelen unserer Tage. Dieser Heilige warnte sie und versprach ihr seinen immerwährenden Schutz, sogar bevor sie ihm überhaupt zugetan war. Eines Tages, an seinem Fest, zeigte er sich ihr überraschend und versprach ihr zukünftige Erleuchtung.“5

Geist & Leben 4/2021

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