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2 Die erste Übung: Hast du gehört, was er gesagt hat?

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Du brauchst dein Zimmer nicht zu verlassen. Bleib einfach an deinem Tisch sitzen und horche. Du brauchst nicht einmal zu horchen, warte einfach. Du brauchst nicht einmal zu warten, werde einfach still, und die Welt wird sich dir offenbaren, um demaskiert zu werden; sie hat gar keine andere Wahl. Sie wird sich in Ekstase vor deinen Füßen wälzen.

FRANZ KAFKA

Bill fragt: »Ist jemand von euch auf einer Farm aufgewachsen?« Cheryl hebt die Hand. Sie ist eine junge Frau aus einem ländlichen Teil von Illinois, mit großen Augen, hübsch. »Okay«, sagt Bill. »Dann bist du genau die richtige Person, um diese Frage zu beantworten. Angenommen ich hätte den verrückten Traum, einen schönen, saftigen, riesengroßen Kohlkopf anzubauen. Womit müsste ich anfangen?«

Cheryl lächelt: »Üblicherweise beginnt man mit einem Kohlsamen.«

»Natürlich! Ausgezeichnet! Jetzt möchte ich dich Folgendes fragen: Sagen wir, ich habe anstelle eines Kohlkopfes einen noch größeren Traum. Ich möchte eine mächtige Eiche pflanzen. Was brauche ich dafür

Cheryl sieht Bill an, als wäre er verrückt geworden. »Eine Eichel?«, sagt sie, als würde sie eine Fangfrage beantworten.

»Richtig«, sagt Bill, »eine Eichel ist der Samen, aus dem eine Eiche entsteht, nicht wahr?«

»Ja.«

Bill wendet sich an die Klasse: »Samen sind sehr wichtig. Lasst euch nicht von ihrer Größe täuschen. Aus dem kleinsten, einfachsten Samen können die größten und raffiniertesten Dinge entstehen. Ihr glaubt mir nicht? Schaut euch nur selbst an. Jeder von uns hat sich aus einer mikroskopisch winzigen Eizelle entwickelt. Und jetzt, viele Jahre später – seht, wie wir herangewachsen sind.

Die Saat – der Anfang – ist von großer Bedeutung. Und ein guter Anfang ist sehr wichtig: ›Wie die Saat, so die Ernte.‹ Tja, ihr könnt keinen guten Kohlkopf und keine mächtige Eiche aus schlechtem Saatgut ziehen. Ihr braucht eine gute Saat, um gute Dinge aufzuziehen, und Schauspielen ist da keine Ausnahme. Hat jemand von euch Ballettunterricht gehabt?«

Melissa, eine große, gelenkige junge Frau mit hellen Augen und der Figur einer Tänzerin, hebt die Hand. »Ich«, sagt sie. »Fünfzehn Jahre lang.«

»Perfekt. Und an deinem ersten Unterrichtstag – als du das allererste Mal ein Ballettstudio betreten hast –, hat der Lehrer sich da von der Stange abgewandt und gesagt: ›Guten Morgen. Heute werden wir Schwanensee tanzen. Wer möchte der Schwan sein?‹«

Melissa lacht und schüttelt den Kopf. »Nein, so war es bei mir nicht.«

»Ach nein? Wie war es denn bei dir

»Wir machten nichts als Übungen. Wir mussten uns wieder und wieder Schritte, Positionen, Bewegungen einprägen – bis alles in Fleisch und Blut übergegangen war. Erst dann durften wir tanzen.«

Bill blickt Melissa mit einem ironischen Lächeln an: »Was für eine Ballettkarriere hättest du wohl gehabt, wenn du bereits am ersten Tag angefangen hättest, Schwanensee zu tanzen?«

Melissa denkt darüber nach. »Überhaupt keine. Ich hätte nicht die nötigen Fertigkeiten gehabt, um das oder irgendein anderes Stück tanzen zu können.«

»Das bringt es auf den Punkt«, sagt Bill. »Musiker, Tänzer, Maler und Sänger – alle ernsthaften Künstler – verpflichten sich zu einer Reihe von Trainingsübungen, die die notwendigen Fähigkeiten vermitteln, um den Ansprüchen ihres Mediums gerecht werden zu können. Ein Bereich, in dem das aber leider nicht so gut verstanden wird, ist das Schauspiel.

Die Welt ist voll von Schauspielklassen, in denen einer aufsteht, ein bisschen Stanley oder ein bisschen Blanche aus A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) aufführt, gefolgt von einer intensiven Diskussion über Tennessee Williams’ dunkle, poetische Vision. Am Ende des Tages verlässt jeder das Studio in einem gehobenen, künstlerischen Hochgefühl. Inzwischen wissen die beiden Akteure, die die Szene gespielt haben, immer noch nicht, wie sie spielen sollen. Alles, was sie getan haben, war, über Theater zu reden. Nicht einer hat etwas über das Schauspielen gelernt! Nun ratet mal, was wir in diesem Kurs tun werden?«

Drei oder vier Schüler antworten alle gleichzeitig: »Übungen machen!«

»Genau! Und jetzt ist Zeit anzufangen. Säen wir den Kohlsamen für euer Training. Es heißt Wiederholung (Repetition)

***

Bill steht von seinem Schreibtisch auf und geht zu den Schülern. Er betrachtet sie für einen Moment. Schließlich bleibt sein Blick an Trevor hängen.

»Du«, sagt er, »kannst mir helfen.«

»Okay«, erwidert Trevor.

»Wir werden eine Wiederholung machen, ja? Es ist sehr einfach, wie ein Spiel. Wiederhole einfach, was ich sage, das ist alles, was du tun musst, Kannst du das?«

»Ich denke schon.«

»Gut. Dann geht’s los!«

Bill schaut Trevor nach wie vor an. Wenn Bill eine Person anschaut, blickt er sie nicht nur an. Es ist eher so, als würde er sie erleben. Er ist unglaublich geschickt darin, seine ganze Aufmerksamkeit auf andere zu richten. Ein paar Minuten vergehen. Er ist ganz auf Trevor konzentriert. Endlich sagt Bill: »Du hast einen komischen Hut auf.«

Trevor wiederholt mechanisch: »Du hast einen komischen Hut auf.«

Bill: »Du hast einen komischen Hut auf.«

Trevor kichert. »Du hast einen komischen Hut auf.«

Bill mit einem Anflug von Ungeduld: »Du hast einen komischen Hut auf.«

Trevor, ein wenig beleidigt: »Du hast einen komischen Hut auf.«

Bill: »Stopp.«

»Nicht schlecht«, sagt Bill. »Trevor hat genau das getan, worum ich ihn gebeten habe. Aber es gibt schon ein Problem mit dem, was gerade passiert ist, oder? Wer trägt den komischen Hut?«

Alle schauen auf Trevor. Er trägt eine ramponierte, ölbefleckte Baseballkappe, in weißen Kursivbuchstaben steht Von Dutch auf lindgrünem Grund. Der Schirm neigt sich in einem sonderbaren Winkel, was die langen, eigenartigen Gesichtszüge Trevors betont. »Ich«, sagt Trevor, »nicht du.«

»Richtig!«, sagt Bill. »Aber du hast wieder gesagt: ›Du hast einen komischen Hut auf.‹ Ich glaube, hier stimmt etwas nicht. Du hast getan, was ich dir gesagt habe, und du hast wiederholt, was ich gesagt habe. Aber es hat dich dazu gebracht, etwas zu sagen, was nicht wahr ist.«

Trevor verzieht das Gesicht: »Merkwürdig, dass du das sagst, denn was ich wirklich tun wollte, war …«, er hält inne.

»Was?«

Trevor neigt seinen Kopf zur Seite. »Ich meine, mein Impuls war zu sagen: ›Ich habe einen komischen Hut auf!‹«

Bill lächelt: »Dein Impuls war, die Wiederholung zu ändern, damit deine Antwort ehrlich ist.«

»Vermutlich.«

»Das ist ein guter Impuls. Du hast gerade zum ersten Mal die Wiederholung geändert. Folge von jetzt an deinem Impuls. Hier war er richtig. Mit anderen Worten, wenn du ein Wort in der Wiederholung ändern musst, damit deine Antwort ehrlich ist, tu es. Opfere niemals eine ehrliche Antwort der wortwörtlichen Wiederholung.«

Bill wendet sich an Uma, eine kräftig gebaute Frau Anfang dreißig, mit pechschwarzem Haar, das ihr in einem gerade geschnittenen Pony über ihre opalfarbenen Augen fällt. Sie hat bisher kein Wort im Unterricht gesagt. Sie wirkt extrem schüchtern, aber nicht abweisend; ihre Augen blitzen vor Intelligenz. Sie hört sehr aufmerksam zu. Obwohl sie nichts sagt, nimmt sie alles auf.

Bill: »Trägst du eine Perücke?«

Uma nimmt das sehr persönlich: »Ob ich eine Perücke trage?«

»Ja, trägst du eine Perücke?«

»Nein!«, zischt Uma. »Ich trage keine Perücke.«

»Nein!«, erwidert Bill. »Du trägst keine Perücke?« Es klingt, als würde er ihr nicht glauben.

»Scher dich zum Teufel!«, explodiert Uma. Und die Klasse bricht in Gelächter aus.

Bill richtet nun seine Aufmerksamkeit auf Reg: »Du siehst müde aus«, sagt er, was Reg überrascht.

»Ich sehe müde aus?«, sagt Reg.

»Du siehst müde aus«, wiederholt Bill.

»Ich sehe müde aus«, sagt Reg. Seine Stimme nimmt einen scharfen Ton an.

»Ja, du siehst müde aus.«

»Ja, ich sehe müde aus«, sagt Reg gereizt.

»Ja«, sagt Bill. Wegen Regs gereiztem Verhalten ist er jetzt gereizt. »Du siehst müde aus.«

»Ja«, sagt Reg zähneknirschend. »Ich sehe müde aus.«

»Ja«, sagt Bill und betont nochmals: »Du. Siehst. Müde. Aus.«

»Ich bin nicht müde, verdammt nochmal!«, schreit Reg.

Bill lächelt: »Halt! Was ist passiert, Reg?«

Reg blinzelt: »Was meinst du?«

»Nun, du bist von der Wiederholung abgewichen, indem du ehrlich geantwortet hast. Ich sagte: ›Du siehst müde aus‹, und du hast geantwortet …?«

»Ich sehe müde aus.«

»Das ist richtig. Und nachdem wir es einige Male wiederholt haben, fügte ich an einer Stelle ein ›Ja‹ ein. Ich sagte: ›Ja, du siehst müde aus.‹«

»Das ist richtig«, bemerkt Jon. »So war’s.«

»Das ist irgendwie reingerutscht, weil die Wiederholung frustrierend wurde. Reg hat seinen Job aber gut gemacht. Er nahm das hinzugefügte Wort auf und wiederholte es. Das ist gut. Das zeigt, dass du wirklich zugehört hast. Was immer dein Partner sagt, du musst es wiederholen. Aber schließlich änderte Reg wirklich die Wiederholung, weil er einen Impuls hatte zu schreien …«

Reg wirft wütend seine Arme in die Luft: »Ich bin nicht müde!«, sagt er. »Herrgott nochmal, ich habe fantastisch geschlafen!«

Bill wirft gleichfalls seine Arme in die Luft: »Okay. Ich hab’s kapiert. Du bist nicht müde!« Die Klasse lacht. Bill lacht auch: »Du sagst also, dass sich der Wiederholungseffekt irgendwie in dir ›aufgestaut‹ hat. Die bloße Wiederholung der Wiederholung fing an dich zu frustrieren, denn ich machte immer wieder die gleiche ungenaue Beobachtung. Diese Frustration löste in dir einen echten Impuls aus, dem du nachgegeben hast, als du sagtest: ›Ich bin nicht müde, verdammt nochmal!‹«

Reg überlegt kurz, dann nickt er.

»Großartig. Denn auch auf diese Weise kann sich die Wiederholung ändern. Um ein arbeitsfähiges Vokabular zu erstellen, nennen wir es ›Stauung‹ (pileup). Die Stauung ist oft eine natürliche Reaktion auf den Prozess der Wiederholung selbst. Mit anderen Worten, wenn ihr wirklich zuhört und wirklich antwortet, wird die bloße Häufigkeit der Wiederholung etwas in euch bewirken und einen Impuls auslösen.

Was ich sagen will, ist: Wenn ihr die Wiederholungsübung macht, wird euer Partner früher oder später den natürlichen Impuls haben, den Austausch zu ändern. Reg hatte die Wiederholung wirklich satt und sagte also: ›Ich bin nicht müde, verdammt nochmal!‹ Nun, das ist die Änderung. Hätten wir weitergemacht, wäre die Übung da weitergegangen.« Bill dreht sich zu Reg um: »Du bist nicht müde, verdammt nochmal?«

Reg hebt seine Arme und stöhnt: »Bitte. Ich hab’s verstanden.

»Du verstehst es?«, sagt Bill.

»Ich versteh’s«, wiederholt Reg.

»Du verstehst es?«

»Ich versteh’s.«

»Gut.«

Kenny hebt die Hand: »Man ändert also die Wiederholung, wenn man denkt, dass es Zeit ist, zu etwas anderem überzugehen.«

Bill schüttelt den Kopf: »Nein. Sich eine Veränderung für die Wiederholung auszudenken ist falsch. Es ist unorganisch und berechnend, wie der Versuch, ein Gespräch zu manipulieren. Mit der Wiederholung wollen wir nicht unseren Verstand entwickeln, sondern eher unsere Instinkte. Alles, was in der Wiederholung geschieht, sollte durch Impulse ausgelöst werden. Von Emotionen. Du musst auf das, was du von deinem Partner hörst, ohne Analyse reagieren. Jedes Mal, wenn dein Verstand in die Wiederholung eingreift, unterdrückst du deine wahren Impulse und katapultierst dich selbst aus der Übung.«

Kenny schüttelt den Kopf: »Ich glaube, ich bin mir nicht ganz sicher, was ein Impuls ist.«

»Natürlich bist du das«, sagt Bill. »Du hattest dein ganzes Leben lang Impulse. Es ist so: Wenn du dich auf einen Nagel setzt, was passiert dann?«

»Autsch!«, sagt Amber.

»Richtig«, nimmt Bill auf. »Dein Impuls ist, aufzuschreien und sofort aufzustehen. Musst du innehalten und nachdenken? Überhaupt nicht. Es ist eine instinktive Reaktion. Es ist ein natürlicher Impuls. Man kann einen Impuls nicht denken. Wenn du dem Impuls aufzustehen folgst, geht es dir gut. Wenn nicht, sitzt du dort und hast Schmerzen, bis du aufstehst.«

Bill macht eine kurze Pause. Dann sagt er: »Eine Verbindung mit seinen Impulsen ist eines der wichtigsten Dinge, die ein Schauspieler entwickeln kann, denn wer du wirklich bist, zeigt sich durch deine spontanen Impulse. Ich meine nicht das ›Du‹, das du gerne wärst, oder das ›Du‹, von dem du glaubst, dass eine andere Person dich so haben will. Ich spreche von deinem wahren Selbst. Um ehrlich gegenüber dir selbst zu sein, musst du handeln, bevor du denkst. Im Moment heißt das: Wiederhole, bevor du denkst. Das mag dem widersprechen, was du in der Vergangenheit gelernt hast: Schau hin, bevor du springst. Denk nach, bevor du sprichst. Sieh dich selbst an, bevor du deiner Tante sagst, dass sie echt fett ist. Ich sage jedoch: Sprich, bevor du denkst. Spring, bevor du hinschaust! Dies ist der einzige Weg, spontan zu sein, der einzige Weg, wie du jemals als Mensch lebendig wirst.

Bei diesen Wiederholungen ist euch vielleicht aufgefallen, dass sie inhaltlich nicht besonders geistreich und intelligent sind. Und das ist gut, denn es gibt etwas, was sehr viel wichtiger ist: Der Austausch ist sehr lebhaft.

Eine der wenigen Meinungen, die Sanford Meisner und Lee Strasberg teilten, war die über den größten Schauspieler, den sie je gesehen hatten. Paul Muni, ein hervorragender Schauspieler, war übrigens derselben Ansicht. Alle drei stimmten darin überein, dass der größte Schauspieler, den sie je gesehen hatten, ein Sizilianer namens Giovanni Grasso sei. Grasso war in den 1920er und 1930er Jahren in den USA und spielte mit seiner Truppe unten an der Second Avenue in New York. Sie hielten ihn für ein Genie. Wenn er die Bühne betrat, konnte man die Augen nicht von ihm lassen. Wenn er wollte, dass seine Zuschauer lachen, lachten sie. Wenn er wollte, dass sie weinen, weinten sie. Wenn er wollte, dass sie zusammen lachen und weinen, taten sie auch das. Er war wie eine Naturgewalt.

Aber Meisner, Strasberg und Muni stimmten auch darin überein, dass Grasso – abseits der Bühne – ein grober, ungehobelter Mensch war. Es war unmöglich, ein intelligentes Gespräch mit ihm zu führen. Wenn er spielte, tat er dies aus seinem Instinkt und Gefühl heraus. Er spielte nicht aus seinem Intellekt heraus. Er schien tatsächlich keinen zu haben.

Jemand fragte einmal Harold Clurman: ›Welche Eigenschaften muss man haben, um ein wunderbarer Schauspieler zu werden?‹ Clurman antwortete: ›Zunächst einmal muss man eine wunderbar geschulte Stimme haben, so dass, wenn man den Mund zum Sprechen öffnet, alle kerzengerade auf ihren Stühlen sitzen und zuhören. Zweitens muss man ein sehr lebendiges und ausdrucksstarkes physisches Instrument haben, das jede Nuance dessen, was man fühlt, vermitteln kann. Drittens muss man viel Temperament haben – was bedeutet, dass man sich schnell aufregt, man leicht lacht und leicht weint.‹

Die Person, die Clurman diese Frage gestellt hatte, nickte und sagte: ›Okay. Ich verstehe. Und was noch?‹

›Was noch?‹, fragte Clurman. ›Das ist es! Wenn du diese drei Eigenschaften hast, kannst du ein wunderbarer Schauspieler werden!‹«

Bill hebt einen Finger. »Achtet darauf, was Clurman in seinem Porträt eines großen Künstlers ausgelassen hat.«

»Intelligenz«, sagt Dom.

»Richtig. Aber versteht mich bitte nicht falsch. Ich meine nicht, dass ihr dumm sein müsst oder es sein solltet. Ich sage nur, dass euer Verstand sich nicht in eure Arbeit einmischen soll. Lasst ihn zu Hause, wo er hingehört. Für Schauspieler ist Intelligenz weniger wichtig als ein großes, verständnisvolles Herz, das sich mit dem, was in einem anderen Menschen vorgeht, identifizieren kann.

Schauspieler denken – bestimmt tun sie das –, aber es ist eine sehr spezifische Art zu denken, die Denkart eines Schauspielers. So wie Maler visuell denken und Musiker in Klängen, so denken Schauspieler mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf.«

***

Bill übt die Wiederholung mit weiteren Schülern, unterbricht sie hier und da, wo immer er Momente aufgreift, die er für ungenau oder unglaubwürdig hält. Das passiert während der Arbeit mit Vanessa.

»Ich mag deine Bluse«, sagt Bill.

»Du magst meine Bluse«, wiederholt Vanessa.

Bill bleibt dabei. »Ich mag deine Bluse.«

»Du magst meine Bluse.«

»Ja, ich mag deine Bluse.«

»Du magst meine Bluse«, sagt Vanessa, offensichtlich gelangweilt. Bill unterbricht die Übung.

»Was hast du übergangen?«, fragt Bill.

»Was? Ich weiß nicht? Was?«

»Was habe ich gesagt?«

»Ich weiß nicht, du hast gesagt, dass du meine Bluse magst.«

»Nein«, sagt Bill. »Was ich – genau – gesagt habe, war: ›Ja, ich mag deine Bluse. ‹ Was hast du dann gesagt?«

Vanessa zuckt mit den Schultern: »Ich sagte: ›Ja, du magst meine Bluse.‹«

»Nein, hast du nicht. Du hast das ›Ja‹ weggelassen.«

»Oh, tut mir leid.«

Bill schaut weg, etwas frustriert. »Gut aufpassen!«

Vanessa runzelt die Stirn. »Ist es wirklich so wichtig?«

Jetzt zuckt Bill zusammen. »Oh«, sagt er, »du meinst dieses eine kleine Wort? Ist dieses eine kleine Wort so wichtig, in diesem größeren Zusammenhang? Lass mich eins klarstellen: Es ist wichtig, dass du alles genau wiederholst und nichts auslässt. Du hörst zu und wiederholst alles! Denn wenn du anfängst, ein Wort hier und ein Wort da auszulassen, wird das letztendlich deine Fähigkeit beeinträchtigen, mit der erhöhten Aufmerksamkeit zuzuhören, wie es ein Schauspieler tun muss. Schließlich wird es deinen Kontakt mit deinen Schauspielkollegen zerstören und auf eine entsetzliche Quälerei hinauslaufen.«

»Es scheint so eine kleine Sache zu sein«, schmollt Vanessa.

»Ach«, sagt Bill. »Kleine Sache. Was gibt es sonst noch?«

***

Nach einigen weiteren Runden an Wiederholungsübungen hebt Kenny erneut seine Hand. Bill sieht ihn an: »Ja?«

»Ich frage mich gerade«, sagt Kenny, »wann wir mit der Textarbeit anfangen?«

Der Blick, den Bill Kenny zuwirft, liegt zwischen Belustigung und unverhohlenem Ärger.

»Du meinst, wann ich euch Text aus einem Stück gebe?«, antwortet Bill.

»Genau. Ich meine, ich verstehe, was du hier mit der Wiederholung machst, und es gefällt mir, aber ich kann ein viel besserer Schauspieler sein mit einem Text, den ich auswendig gelernt habe.«

»Das bezweifle ich sehr«, erwidert Bill. »Text ist ein sehr verwirrendes Element beim Schauspielen. Es kann viele Probleme verschleiern. Die Tatsache, dass sich jemand ein paar Zeilen merken und sie mehr oder weniger in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann, könnte den Eindruck erwecken, dass er schauspielt, während er vielleicht nur Zeilen vorträgt.

Aber du sprichst einen wichtigen Punkt an. Was kann ein Schauspieler, dem wir den Text wegnehmen, als Ersatz für den Dialog nehmen? Wenn Schauspieler improvisieren sollen, sind sie oft gezwungen, ihren eigenen Text zu erfinden. Damit arbeiten sie wieder mit ihrem Kopf, genau das, was sie nicht sollen.

Fürs Erste ist die Wiederholung der perfekte Ersatz für den Dialog. Alles, was ihr tun müsst, ist zu wiederholen, was euer Partner sagt. Ihr müsst nicht nachdenken und euch nichts ausdenken, also seid ihr frei, euren Impulsen zu folgen. Einfach wiederholen, wiederholen und noch etwas mehr wiederholen.

Nun möchte ich euch Folgendes fragen. Ich habe schon gesagt, dass Schauspielen handeln bedeutet. Und der Schlüssel zu gutem Schauspielen ist die Realität des Handelns, des Tuns. Das heißt, dass sich alles, was wir hier im Studio tun, auf diese grundlegende Frage konzentriert. Wenn das stimmt, was hat dieser kleine Samen einer Übung mit der Realität des Handelns zu tun?

Wiederholung hat alles mit der Realität des Handelns zu tun, denn sie zwingt euch, wirklich zuzuhören und wirklich zu antworten auf das, was ihr hört. Das ist der Samen, aus dem gutes Schauspielen entspringt. Indem sie wirklich von einem ungeschönten, unzensierten Standpunkt aus zuhören, kommen Schauspieler in wahren Kontakt mit sich selbst. Indem ein Schauspieler dann auf einen Partner von einem ungeschönten, unzensierten Standpunkt aus reagiert, nimmt er mit dieser Person wirklich Kontakt auf. Der Kontakt mit einer anderen Person ist die Quelle des Lebens – des Lebens auf der Bühne und abseits davon.«

***

Während Bill mit dem Rest der Klasse weiterarbeitet, wird deutlich, dass nicht zwei Übungen gleich sind. Die Wiederholung entlockt all das, was bei den ausführenden Akteuren einzigartig, lebendig und unvorhersehbar ist. Indem ich mir jede Übung ansehe, sammle ich detaillierte Eindrücke von den Schauspielern in dieser Klasse.

Melissa, zum Beispiel, neigt dazu zu schweigen und ihre Emotionen zurückzuhalten. Amber wiederum hat ein feines Gespür für Ironie und Absurdes.

Donna ist ganz anders, sie ist eine ernst aussehende Frau Ende zwanzig, mit sehr dunklen Augen und schwarzen Haaren. Sie trägt einen hellblauen Designerhosenanzug und eine modische schwarz gerahmte Brille. Donna begann als Schauspielerin und wechselte dann in einen hochbezahlten Job in der Finanzwelt. Nun ist sie zur Schauspielerei zurückgekehrt, ihrer wahren Liebe. Wie Kenny reagiert sie intellektuell. Ihr Verstand versucht ständig, sogar die kleinste und harmloseste Sache zu durchdenken, als ob alles, was in der Übung – oder im Leben – geschieht, ein Trigonometrie-Problem auf Universitätsniveau sei.

Wenn Donna die Wiederholungsübung macht, neigt sie dazu, lange Zeit nichts zu sagen. Bill wirft ihr eine Beobachtung zu und, anstatt sie aus dem Bauch heraus zu wiederholen, wartet Donna ab, grübelt, sucht nach einer Strategie, denkt darüber nach, wie sie ihrer Antwort den witzigsten oder klügsten Dreh verpassen kann, ehe sie endlich reagiert. Bill hat kein Verständnis dafür. Wann immer Donna während der Übung zu lange Pausen macht, schnippt er mit den Fingern und fordert: »Wiederhole!« Darauf reagiert Donna, als habe sie einen Schlag ins Gesicht bekommen.

Sie stammelt den vorgegebenen Satz vor sich hin und Bill gibt ihn ihr unbeirrt zurück. Auf diese Weise gelingt es Bill meistens, Donnas Überlegungen zu unterbrechen und sie anzuregen, aus ihrem Impuls heraus zu antworten. Donnas Schock über das Erwachen aus ihrer mentalen Betäubung führt häufig zu ungewollt komischen Zeilen. Immer, wenn die Klasse laut lacht, ist sie erfreut und errötet, als ob endlich ein lange verborgener Teil ihres Wesens zum Vorschein gekommen wäre.

»Ich möchte zwei Anmerkungen machen zu dem, was hier vor sich geht«, sagt Bill. »Erstens, worauf muss sich der Schauspieler konzentrieren? Das ist eine enorm wichtige Sache beim Schauspielen. Worauf sollt ihr als Schauspieler niemals eure Aufmerksamkeit richten?«

»Auf uns selbst«, lautet Ambers Antwort.

»Richtig. Ein Schauspieler, der sich selbst in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt, wird unsicher und lähmt sich selbst. Glücklicherweise kann eure Konzentration von eurem Willen kontrolliert werden. Ihr könnt eure Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo ihr sie haben wollt. Wo sollte eure Aufmerksamkeit in dieser Übung liegen?«

Dom: »Auf dem Zuhören?«

»Richtig. Das heißt auf der Wiederholung selbst. Das bedeutet, dass ihr wachsam sein müsst, um nichts zu verpassen, nicht ein einziges Wort.« Bill wirft Vanessa einen Blick zu und die Klasse lacht. Vanessa errötet.

»Der zweite Punkt hat eher mit dem großen Baseballspieler Yogi Berra der New York Yankees zu tun. Er war ein erstklassiger Athlet, aber nicht berühmt für seinen Intellekt. An einem bestimmten Punkt in seiner Karriere geriet er in ein schreckliches Schlagversagen. Er absolvierte ein Spiel nach dem anderen, ohne einen Treffer zu erzielen. Es wurde so schlimm, dass schließlich jeder im Verein anfing, ihm Ratschläge zu geben. Einer sagte: ›Du kommst zu früh raus.‹ Ein anderer sagte: ›Du hältst den Schläger zu hoch.‹ Ein Dritter: ›Halt deine Ellbogen nah am Körper.‹ Yogi Berra versuchte verzweifelt, jedem dieser hilfreichen Hinweise zu folgen.

Schließlich ging er zum Schlagmal und holte – eins, zwei, drei – zu drei schnellen Schlägen aus. Frustriert warf er seinen Schläger hin und schrie: ›Verdammt, ihr wisst doch, ich kann nicht gleichzeitig denken und schlagen!‹

Auch Schauspieler können nicht gleichzeitig denken und fühlen. Wenn es in eurem Leben jemanden gibt, der hysterisch und sehr aufgebracht ist, ist es am besten, ihm einige Fragen zu stellen. Wie durch ein Wunder lässt seine Aufregung nach, wenn er darüber nachdenkt, wie er euch antworten soll. Also, das ist es, was ich euch sagen will: Handelt, bevor ihr denkt. Wiederholt, bevor ihr denkt. Und lebt!

Wiederholung ist nicht wie Football, wo ihr jemandem den Ball zuwerft, damit er ihn festhalten und über das ganze Feld rennen kann. Es ist eher wie Tischtennis; der Ball bewegt sich schnell und ist ständig in Bewegung. Er springt zu mir und ich zögere nicht – ich schlage ihn zu dir zurück. Dann schlägst du ihn zurück und er ist wieder bei mir. Von mir zu dir, von dir zu mir – plopp, plopp, plopp. Wenn ihr innehaltet, um nachzudenken, seid ihr draußen.

Sobald der Ball stoppt, ist die Runde vorbei, und wen interessiert es, wie hoch die Punktzahl ist? Die Schönheit dieses Spiels liegt einzig darin, den Ball in der Luft zu halten. Verzichtet darauf, Urteile über das Ergebnis abzugeben.«

***

Bill achtet darauf, dass jeder Schüler eine Gelegenheit bekommt, die Wiederholungsübung auszuprobieren, und so endet der Unterricht zwanzig Minuten später als geplant.

»Also, jetzt ist ein guter Moment, um aufzuhören. Glaubt ihr, ihr habt genug verstanden, um mit dem Üben zu beginnen?«

Die ganze Klasse nickt.

»Gut. Zur Erinnerung: Heute haben wir zwei Möglichkeiten untersucht, die die Wiederholungsübung verändern können. Die ehrliche Antwort und die Stauung. Beim nächsten Mal werden wir zwei weitere Möglichkeiten kennenlernen. Ich werde jedem von euch einen Partner geben. Während der folgenden Zeit werden wir weiter mit der Wiederholung arbeiten, und ich gehe davon aus, dass ihr mit euren Partnern außerhalb des Unterrichts geübt habt.«

An diesem Punkt spießt Bill die Schüler geradezu mit seinem Blick auf. »Ich sage euch jetzt etwas, das äußerst wichtig ist, und ich werde es nur einmal sagen. Proben außerhalb dieses Studios sind ebenso Teil eurer Ausbildung, vielleicht sogar mehr als die Zeit, die wir im Studio verbringen. Ihr werdet die Grundlagen, die ich hier lehre, nicht verinnerlichen, wenn ihr nicht ständig übt. Macht mir keine Schande, indem ihr unvorbereitet zum Unterricht kommt. Ich besitze keine Geduld für Unvorbereitete.

Nebenbei ein paar Denkanstöße. Das französische Wort für ›Probe‹ und ›Wiederholung‹ ist répétition. Ich erwähne dies, weil ich glaube, dass es etwas darüber aussagt, wie wichtig der Probenprozess für die Entwicklung guter Schauspieler ist. ›Üben‹ oder ›Proben‹ bedeutet, etwas zu wiederholen, bis die Meisterschaft erreicht ist. Merkt euch meine Worte: Nur durch Üben werden die Grundlagen, die ich euch beibringe, zur Gewohnheit, zur zweiten Natur. Wenn ihr nicht trainiert, euch instinktiv an diese Gewohnheiten zu halten, werden sie euch weder auf der Bühne noch im Leben von Nutzen sein. Gibt es irgendwelche Fragen?«

Im Augenblick gibt es keine, also nickt Bill: »Okay. Dann haben wir einen guten Anfang gemacht. Ich bin zufrieden. Geht an die Arbeit und sät euren Kohlsamen. Wir werden sehen, wo ihr das nächste Mal steht.«

***

Ich bleibe noch ein wenig und höre zu. Einige Schüler überhäufen Bill mit Fragen, doch er weist die Fragenden ab: »Mal sehen, was nächstes Mal passiert«, ist die Antwort, die ich immer wieder von ihm hören werde. Offensichtlich ist das nicht die Antwort, die die meisten neuen Schüler hören wollten. Aber es ist die beste Antwort für angehende Künstler auf der Suche nach Orientierung. Wenn es etwas gibt, was Bill mir gründlich beigebracht hat, dann, dass die Suche nach Orientierung von innen heraus erfolgen muss. Zu vollständige oder zu schnell gelieferte Antworten können den Künstlern schaden und sie der Gabe berauben, auf eigene Faust fremde, unbekannte Territorien zu erkunden.

Ich kenne Bill gut genug, um zu wissen, wie sehr er mit der unstillbaren Neugier seiner Schüler sympathisiert, nichtsdestotrotz glaubt er, dass Meisterschaft in der Schauspielkunst nur durch einen mühsamen Trial-and-Error-Prozess erlangt werden kann. Fall hin, steh wieder auf und versuch es noch einmal.

Für den Augenblick entscheide ich, dass meine eigenen Fragen warten können. Ich überlasse Bill seiner Arbeit und verlasse das Studio C.

Kunst und Handwerk des Schauspielers

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