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3 Die Wiederholung wird fortgeführt: Hast du wirklich gehört, was er tatsächlich gesagt hat?

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CANDIDA: Sie dürfen alles sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fühlen. Alles, ganz gleich, was es ist. Ich habe keine Angst, solange es Ihr eigenes Selbst ist, das spricht, und nicht eine bloße Attitüde; eine tapfere Attitüde oder eine böse oder auch nur eine künstlerische Attitüde. Das müssen Sie mir auf Ehre und Gewissen versprechen. Und nun sagen Sie, was immer Sie sagen wollen.

GEORGE BERNARD SHAW

(Candida, aus dem III. Akt)

(Dieses Zitat hängt eingerahmt über Bills Schreibtisch in seinem New Yorker Studio. Ein Geschenk an Bills Frau Suzanne, von einem ihrer Schüler.)

Am nächsten Unterrichtstag fragt Bill: »Wie sind eure Proben gelaufen?« Sofort schießen sämtliche Hände in die Höhe. Jeder hat Fragen. »Gut, wer zuerst?«

Uma wirft einen Blick auf ihre Notizen: »Bill, mir ist nicht klar, wie die Wiederholungsübung beginnt.«

»Gute Frage. Die Wiederholung beginnt immer damit, dass ein Schauspieler seine ganze Aufmerksamkeit dem anderen widmet und etwas Konkretes entdeckt, das für ihn von Interesse ist, auch wenn es noch so belanglos ist. Er drückt dann dieses Interesse mit einer Bemerkung oder Beobachtung aus.«

»Und wie zum Beispiel?«, fragt Uma.

Bill lacht. »Ich habe keine Ahnung. Und du auch nicht, bis dein Partner vor dir steht. Wenn du ihn dann anschaust, sagst du vielleicht: ›Wow, ich mag diese Halskette.‹ Es spielt keine Rolle, wie deine erste Reaktion lautet, solange sie sich auf etwas bezieht, das wirklich mit der anderen Person zu tun hat. Danach geht’s los mit der Wiederholung.«

»Ich könnte also nicht sagen: ›Hi. Wie geht’s dir heute?‹«

Bill schüttelt den Kopf: »Meidet Small Talk. Meidet ebenso allgemeine Bemerkungen wie ›Alles klar?‹ oder ›Warm genug für dich?‹«

»Warum?«

»Weil die Fähigkeit, Small Talk zu führen, nichts ist, was Schauspieler brauchen. Deine Bemerkung soll nicht ausgedacht sein, sondern durch etwas hervorgerufen werden, was konkret mit deinem Partner zu tun hat. Wer ist dein Partner?«

»Adam.«

»Okay, versuchen wir’s.«

Adam und Uma betreten die Spielfläche. Bill geht zu seinem Schreibtisch, um ihnen Raum zu geben, und sagt: »Uma, wenn du Adam anschaust, was fällt dir auf?«

Uma sagt: »Er trägt ein weißes Hemd.«

»Gut«, sagt Bill. »Adam hat tatsächlich ein weißes Hemd an. Das Hemd existiert. Was noch?«

Uma schaut Adam wieder an. »Ich mag seinen Gürtel.«

»Gut. Ich bin froh, dass du das gesagt hast, weil es etwas zur Sprache bringt, das wir uns wirklich ansehen müssen.«

Er wendet sich an die Klasse: »Was ist der Unterschied zwischen den beiden Bemerkungen, die Uma gerade gemacht hat? ›Er trägt ein weißes Hemd‹ und ›Ich mag seinen Gürtel.‹«

Ein Latino mit der Figur eines Bodybuilders, rasiertem Schädel und der Haltung eines wütenden Pitbulls hebt die Hand. Es ist Tyrone. »Das eine ist eine Feststellung, das andere eine Meinung.«

»Richtig. Das weiße Hemd existiert. Du hast es bemerkt und angesprochen. Aber die Beobachtung des Gürtels geht weiter. Du hast daraus eine persönliche Bemerkung gemacht. Sie ist subjektiv. Du magst den Gürtel, aber jemand anders könnte ihn sehen und langweilig finden.«

Bill macht eine kurze Pause, bevor er fortfährt: »Jetzt hört genau zu. Ich werde euch etwas sagen, was für eure Entwicklung absolut entscheidend ist. In der Kunst ist die geschätzte Antwort immer die subjektive Antwort. Das unterscheidet Kunst von Wissenschaft. Wissenschaftler schätzen nur objektive Antworten, weil objektive Antworten mit konkreten Fakten korrelieren. Künstler interessieren sich weniger für Fakten als dafür, was diese Fakten für sie bedeuten.

Schließlich malt der Maler nicht die Schale mit Äpfeln auf dem Tisch vor ihm. Er malt das, was die Äpfel für ihn bedeuten, wie die Äpfel ihn beeindrucken, wie er sie empfindet. Vielleicht regt ihn das tiefe satte Rot der Äpfel an. Vielleicht inspirieren ihn die wunderschönen natürlichen Kurven der Frucht. Deshalb malt er sie auch. In ähnlicher Weise muss ein Schauspieler jeden Moment seiner Darbietung aus dem erschaffen, was er ihm bedeutet, wie er wirklich empfindet.

Das bringt uns zu einem anderen sehr wichtigen Aspekt der Entwicklung eines Schauspielers. Wie können junge Schauspieler all das in sich kultivieren, was einzigartig und besonders ist und anders als alles andere? Deine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit zu offenbaren, ist enorm wichtig beim Schauspielen.

Als ich an der Rutgers University unterrichtete, brachte ich jede Abschlussklasse nach New York, um Managern, Agenten und Casting-Agenten eine szenische Werkschau zu präsentieren. Vor einigen Jahren kam ein Agent nach einer Aufführung zu mir und meinte, ›Ich will mich bei Ihnen bedanken, Bill Esper. Sie sind unglaublich!‹ Das hat natürlich meine Aufmerksamkeit geweckt.«

Die Klasse lacht.

»Ich sagte: ›Wirklich? Warum?‹ Der Agent erwiderte: ›Ich besuche viele dieser Aufführungen, um nach Talenten zu suchen, und ich finde, dass viele Schulen Schauspieler ausbilden, die alle gleich aussehen, gehen, reden und sich gleich verhalten. Es scheint, als ob sie alle auf einem Fließband aus der immer gleichen Form gestanzt wurden. Das geht so weit, dass ich einen Schauspieler nicht vom anderen unterscheiden kann. Aber wann immer ich Ihre Schauspieler sehe, bin ich erstaunt, weil nicht zwei von ihnen sich im Entferntesten ähneln. Ich gestehe, ich bin sehr neugierig darauf, wie Sie das fertigbringen.‹

Für mich ist es das vielleicht schönste Kompliment, das ich je bekommen habe. Weil ich glaube, wenn du einen Schauspieler nicht wieder mit all dem verbindest, was ihn einzigartig und besonders macht, dann hast du wirklich nichts für ihn getan. Das Einzige, was du als Schauspieler zu bieten hast, ist deine einzigartige Persönlichkeit, das, was dir und nur dir allein gehört. Wenn du Komponist werden möchtest, nützt es nichts, Musik zu komponieren, die nach Mozart klingt. Wenn jemand Mozart hören will, gibt es ihn schon. Warum sollte er eine zweitrangige Kopie hören?«

Reg hebt seine Hand. »Bill, wie können wir diese Dinge in uns finden? Wie finden wir heraus, was einzigartig an uns ist?«

Bill nickt. »Ich erzähle euch eine Geschichte. Ein junger Schriftsteller sprach einmal den berühmten französischen Romancier Flaubert an und fragte ihn: ›Bitte, wie kann ich meine Originalität kultivieren?‹ Keine schlechte Frage für einen jungen Schriftsteller. Flaubert dachte darüber einen Moment nach und erwiderte: ›Geh in deinen Garten und suche einen Stein. Trag diesen Stein in dein Haus und leg ihn auf deinen Schreibtisch. Jeden Tag, bevor du mit dem Schreiben beginnst, nimmst du den Stein und betrachtest ihn für ein oder zwei Minuten. Weißt du, was passieren wird? Eines Tages wirst du in dem Stein etwas sehen, was kein anderer Mensch auf dieser Welt jemals zuvor gesehen hat. Und das wird deine Originalität sein.‹

Ein Schauspieler muss wissen, was er bei allem verspürt. Und ich meine wirklich alles. Die Entwicklung dieser Verbindung mit deiner eigenen wahren Person, deinem Standpunkt, ist ein Schwerpunkt der Arbeit in der Entwicklung eines Schauspielers. Im Moment läuft es auf eine einfache Sache hinaus: Jemandem zu sagen: ›Ich mag deinen Gürtel‹, ist für deine Entwicklung hilfreicher, als ihm zu sagen: ›Du hast ein weißes Hemd an.‹«

***

Zu Uma und Adam sagt Bill: »Adam, ich möchte, dass du die Wiederholung beginnst. Lass dir Zeit. Fang erst an, wenn Uma dich zu irgendeiner Bemerkung verleitet hat, egal wie belanglos sie ist.«

Adam nickt und die Wiederholung beginnt. Eine Zeitlang sieht Adam Uma an, dann sagt er: »Ich mag deine Ohrringe!«

Uma, erfreut: »Du magst meine Ohrringe?«

»Ja, ich mag deine Ohrringe wirklich!«

»Ja, du magst meine Ohrringe wirklich?«

»Ja, ich mag deine Ohrringe wirklich!«

»Ja, du magst meine Ohrringe wirklich?«

»Ja, das habe ich gesagt. Ich mag deine Ohrringe wirklich!«

Uma ist offensichtlich ein wenig überwältigt von Adams Offenheit und Enthusiasmus. »Also«, platzt sie heraus, »danke für das Kompliment.« Die Klasse bricht in Gelächter aus – Umas Bemerkung wirkt hilflos. Aber Adam bleibt bei der Wiederholung.

»Schön«, sagt er, »danke mir für das Kompliment.«

»Ja.« Uma lacht: »Danke dir für das Kompliment.«

»Ja, danke mir für das Kompliment.«

»Das wird wirklich zuckersüß.«

Adam: »Das wird wirklich zuckersüß?«

»Ja, das wird wirklich zuckersüß.«

»So was zu sagen ist mies.« Die Klasse bricht erneut in Gelächter aus.

»Okay!«, sagt Bill lächelnd. »Ihr habt’s verstanden. Habt ihr bemerkt, dass Uma mit ›Das wird wirklich zuckersüß‹ direkt ihre Sicht darüber ausdrückte, was zwischen ihnen vorging? Als dritte Möglichkeit, die Wiederholung zu ändern, könnt ihr auch eine Meinung äußern, einen Standpunkt (Point of view) formulieren. Und das kann jederzeit während der Wiederholung geschehen, solange etwas an die Oberfläche kommt und sich auf etwas bezieht, was wirklich existiert, was wirklich zwischen euch und eurem Partner vorgeht.

***

Mehr Schülerpaare stehen auf und üben vor der Klasse die Wiederholung. Bill verfolgt die Arbeit mit Argusaugen und unterbricht von Zeit zu Zeit die Übungen, um auf einen verpassten Moment hier, einen unbeachteten Impuls dort hinzuweisen. Immer öfter nicken die Schüler zustimmend mit dem Kopf, während er mit ihnen arbeitet. Indem sie sich gewissenhaft an die Wiederholung halten, werden sie spontaner, und je spontaner sie werden, desto aufregender ist es, ihnen zuzuschauen: rührend, lustig, wild und absolut unvorhersehbar.

Nach ein paar weiteren Runden weist Bill auf Folgendes hin: »Wisst ihr, was mir auffällt? Die Schauspieler, die mit der Wiederholung beginnen, äußern zunächst etwas Positives und Unterstützendes: ›Mir gefallen deine Schuhe.‹ ›Deine Haare sind toll.‹ In dem Moment, in dem ihr beginnt, euch selbst als schauspielerisches Instrument einzusetzen, kann nur eines auf der Welt für euch von Bedeutung sein: die Wahrheit.

Harold Clurman sagte einmal: ›Das Theater ist universell, nichts Menschliches ist ihm fremd.‹ Deshalb akzeptieren Bühnenschaffende alle Lebensstile, alle menschlichen Werte. Wir begrüßen die Vorstellung, dass es nichts – nicht die höchsten Gipfel des Adels, nicht die tiefsten Tiefen der Verderbtheit – nichts gibt jenseits unseres Lebensbereichs als Akteur in der großen Leidenschaft des Lebens. Wir dürfen nicht richten. Wir müssen uns voll beteiligen. Wir müssen immer die Wahrheit ehren.

Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, müssen wir zugeben, dass wir uns im wirklichen Leben oft auf eine Art und Weise verhalten, die weniger ehrlich ist. Wann habt ihr das letzte Mal euren Gastgeber auf einer Party angesprochen und gesagt: ›Gute Nacht. Ich muss jetzt wirklich gehen. Es war furchtbar. Deine Freunde sind die widerwärtigsten Leute, die ich je in meinem Leben getroffen habe, und das Essen war schrecklich!‹«

Alle lachen, auch Bill. »Das sagt ihr natürlich nicht. Wenn ihr es tätet, würden die Leute aufhören, euch zu Partys einzuladen. Im Leben sagen wir also viele Dinge nur, um etwas in Gang zu halten. Und im Leben hat es echte Konsequenzen, wenn man die Wahrheit sagt. Wenn ihr eurem Chef sagt, er kann euch kreuzweise, verliert ihr euren richtigen Job, habt kein richtiges Geld und ihr könnt eure richtige Miete nicht mehr zahlen. Aber wenn ihr spielt, ist die Situation völlig anders. Denn das gespielte Leben ist nie dasselbe wie das wirkliche Leben.

Wie viele hier von euch würden zum Beispiel gerne an Krebs sterben?« Niemand in der Klasse hebt die Hand. Bill registriert das und fährt fort »Gut. Aber was ist, wenn euch jemand ein Drehbuch gibt und sagt: ›Also. Hier ist die Rolle, die du spielen sollst. In diesem Drehbuch stirbt deine Figur unter Qualen den ganzen zweiten Akt.‹ Wer würde diese Rolle gerne spielen?«

Viele Hände gehen hoch. Bill grinst. »Natürlich würdet ihr das. Ihr empfindet so, weil ihr Schauspieler seid. Wenn du das Skript liest und feststellst, dass du an einer furchtbaren Krankheit sterben wirst, strahlt dein Gesicht und du denkst: ›Ah! Großartig! Schau dir diese fantastische Szene im Krankenhaus an, kurz bevor ich sterbe. Sie bringen die Kinder herein. Meine ganze Familie ist da. Sie bringen sogar den Hund mit, um Auf Wiedersehen zu sagen. Das ist perfekt! Da bleibt im Saal kein Auge trocken!‹«

Die Klasse lacht. »Oder stellt euch vor«, fährt Bill fort, »Desdemona und Othello kommen nach der Vorstellung in die Garderobe. Die Schauspielerin, die Desdemona spielt, sagt zu dem Schauspieler, der den Othello spielt: ›Meine Güte, du warst wunderbar heute! Ich dachte wirklich, du würdest mich umbringen! Wirklich! Ich hätte beinahe ins Bett gemacht! Ich war begeistert! Komm, gehen wir ein Bier trinken!‹

Die imaginierte Welt und die reale Welt haben unterschiedliche Werte, und das müsst ihr als Schauspieler verstehen. Jedes Mal, wenn ihr eine wahrheitsgemäße Antwort zurückhaltet, schadet ihr eurer Entwicklung als Schauspieler. Nur damit es gesagt ist, ich ermutige euch nicht, die Wiederholung in eine Entschuldigung für eure Unhöflichkeit zu verwandeln. Aber lasst uns anfangen, an euren ehrlichen Reaktionen zu arbeiten. Verändert sie nicht, um als nett wahrgenommen zu werden.

Ihr seid hierhergekommen, um als Schauspieler ausgebildet zu werden. Und ihr bringt eine lebenslange Ansammlung von Verteidigungsmechanismen mit, die verhindern sollen, dass ihr euer wahres Selbst offenbart. Viele eurer vergangenen Erfahrungen haben mehr oder weniger euer wahres Selbst von der Welt abgeschirmt, bis zu einem Punkt, an dem ihr möglicherweise jegliches Bewusstsein dafür verloren habt, was euer wahres Selbst überhaupt ist.

Die Wiederholung kann da helfen, weil sie Spontaneität verlangt. Und Spontaneität kann die starke Tür des Vorbehalts, die eure wahre Persönlichkeit gefangen hält, öffnen. Merkt euch, nur wenn ihr von einer Antwort auf etwas wirklich überrascht seid, wird sie auch andere Menschen überraschen – euer Publikum. Das ist eins der Ziele der Wiederholung. Man könnte sagen, dass ein großer Teil meiner Arbeit in den nächsten Wochen darin bestehen wird, euch dazu zu bringen, ihr selbst zu sein. Warum? Weil es die einzige Möglichkeit ist, euch wieder mit dem Nervenkitzel euer eigenen spontanen Reaktionen zu verbinden.

Okay. Genug geredet. Lasst uns wieder an die Arbeit gehen.«

***

Jetzt arbeiten Jon und Cheryl zusammen und Jon beginnt. »Deine Bluse ist sehr sexy.«

»Ist meine Bluse sehr sexy?«, fragt Cheryl.

»Ja«, sagt Jon. »Deine Bluse ist sehr sexy.«

»Ja, ist meine Bluse sehr sexy?«

»Ja«, sagt Jon. »Deine Bluse ist sehr sexy.«

Cheryl seufzt. »Okay«, sagt sie. »Die Bluse ist sehr sexy.«

»Okay«, sagt Jon. »Die Bluse ist sehr sexy.«

»Okay«, sagt Cheryl. Offensichtlich ist sie allmählich ein wenig verärgert. »Die Bluse ist sehr sexy.«

Jon zwinkert Cheryl zu. »Was ist los mit dir?«, fragt er.

»Was ist los mit mir?«, will Cheryl wissen.

»Ja, was ist los mit dir?«

Das scheint Cheryl noch mehr zu verärgern. »Ja. Was ist los mit mir?«

»Ja«, erwidert Jon. »Du scheinst ein wenig beleidigt zu sein.«

Aus Cheryl platzt es förmlich heraus: »Ja«, sagt sie. »Ich scheine ein wenig beleidigt zu sein?«

»Okay. Lasst uns einen Moment anhalten«, wirft Bill ein. Er wendet sich an die Klasse. »Hat jeder gesehen, was Jon zu seiner Behauptung brachte ›Du scheinst ein wenig beleidigt zu sein‹? Was brachte ihn dazu, das zu sagen? Was war der Grund für die Wendung in der Wiederholung?«

Amber: »Cheryl. Sie war eindeutig beleidigt.«

»Das ist richtig. Aber Jon leitete das nicht ab aus dem, was Cheryl sagte, sondern aus ihrem Verhalten. Gut, dass wir das jetzt ansprechen. Wir sind zufällig darauf gestoßen, aber es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können. Die vierte Möglichkeit, die Wiederholung zu ändern, ist die Reaktion auf das Verhalten eures Partners.

Bis jetzt habe ich euch gesagt, dass ihr euch ausschließlich auf die Wiederholung konzentrieren sollt. Aufmerksam zuzuhören und nichts von dem zu verpassen, was der andere sagt. Jetzt bitte ich euch, eure Aufmerksamkeit auf das Verhalten eures Partners auszuweiten. Denn das Verhalten einer Person teilt wahrheitsgemäßer mit, was sie wirklich meint, als die Worte, die sie sagt. Ich zeige es euch. Cheryl, lass uns zusammen das Wiederholungsspiel machen!«

Bill richtet sich an die Klasse, zeigt aber auf Cheryl. »Seht sie an, aber hört mir zu. »Du siehst wirklich aus wie eine vom Land«, sagt Bill.

»Ich sehe wirklich aus wie eine vom Land?«, wiederholt Cheryl. Offensichtlich weiß sie nicht, was sie damit anfangen soll.

»Ja«, sagt Bill. »Du siehst wirklich aus wie eine vom Land.«

»Ja, ich sehe wirklich aus wie eine vom Land?«

»Ja«, sagt Bill. »Was ist daran so lustig?«

»Ja, was ist daran so lustig?«

»Ja, weißt du das nicht?«

»Ja, weiß ich das nicht?«

»Ja, weißt du das nicht?«

»Ja, weiß ich das nicht?«

»Ja, was ist los? Verstehst du das nicht?«

»Versteh ich das nicht?«

»Ja«, sagt Bill. »Was ist denn so verwirrend?«

»Ja, was ist denn so verwirrend?«

»Ja«, betont Bill. »Das habe ich gesagt. Was ist so verwirrend?« Bills Reaktion ist so feurig, dass sie komisch ist.

Cheryl jammert: »Ich weiß es nicht!«

Die Klasse lacht, und Bill wendet sich wieder an die Klasse. »Habt ihr mitbekommen, dass alles, was ich gesagt habe, durch ihr Verhalten provoziert wurde?« Alle nicken. »So, damit habt ihr es. Das ist die vierte Möglichkeit, die Wiederholung zu ändern. Und jetzt kennt ihr alle Wege, wie sich die Wiederholung verändern lässt. Gehen wir sie schnell noch einmal durch.«

Jon: »Nun, einer davon ist die ehrliche Antwort.«

»Richtig. Ihr ändert die Wiederholung immer, um ehrlich antworten zu können.«

Uma: »Dann gibt’s die Stauung.«

»Richtig. Die schiere Wiederholung der Wiederholung kann sich innerlich auf euch auswirken und einen Impuls auslösen, der eine Änderung bewirkt. Die dritte Möglichkeit?«

»Der Standpunkt«, sagt Adam.

»Das ist richtig«, sagt Bill. »Wenn ihr in der Wiederholung irgendwann zu irgendetwas eine Meinung habt, könnt ihr diese äußern und das wird die Wiederholung verändern. Und jetzt – endlich – könnt ihr auf das Verhalten der anderen Person reagieren. Wenn sich ihr Verhalten ändert, müssen sich die Worte der Wiederholung ändern, um dies zum Ausdruck zu bringen.

Habt ihr bemerkt, wie mit jeder Änderung, die wir eingeführt haben, die Wiederholung immer lebendiger wurde?« Die Klasse stimmt zu. »Das ist so, weil euch die Wiederholung zu einem wirklichen Kontakt mit eurem Partner zwingt. Kein intellektueller Kontakt – das ist für einen Schauspieler nutzlos. Ich meine wahren Kontakt – emotionalen Kontakt.

Ich will es so formulieren: Wie viele von euch waren bei den Pfadfindern?« Kenny, Trevor, Adam und Dom melden sich. Bill zeigt auf Trevor: »Wie haben die Pfadfinder euch beigebracht, Feuer zu machen, wenn ihr keine Streichhölzer dabei habt?«

Trevor grinst. »Wir haben zwei Holzstöcke so lange aneinandergerieben, bis die Reibungshitze einen Funken und damit ein Feuer entfachte.«

»Gut«, sagt Bill. »So solltet ihr die Wiederholungsübung betrachten. Die Wiederholung nimmt zwei Schauspieler und reibt sie aneinander, so dass Leben entsteht. Nun, nachdem ihr euch die vier Änderungen notiert habt, wollen wir etwas Neues einführen. Als Nächstes sollt ihr eine Tätigkeit (activity) finden, die konkrete Objekte – das heißt tatsächliche physikalische Gegenstände – einbezieht. Ich will, dass ihr eine Tätigkeit wählt, die eure volle Konzentration erfordert. Ausschlaggebend dabei ist, dass – wofür auch immer ihr euch entscheidet – diese Aufgabe etwas sein muss, das ihr nicht durchführen könnt, ohne ihr hundert Prozent eurer Aufmerksamkeit zu widmen. Betrachtet diese Aufgabe als Übung für eure Konzentration.«

Kenny hebt die Hand. »Bill, kannst du uns ein Beispiel geben?«

Bill steht von seinem Stuhl auf und geht zu den Regalen an der gegenüberliegenden Wand. Er kramt in ihnen herum und holt ein Buch heraus. »Seht ihr das? Der Titel ist Taste of Honey (Bittersüßer Honig), von Eileen Goudge. Es ist auf Englisch. Ich frage euch: Wie viel Konzentration würde es kosten, um das erste Kapitel dieses Buches in eine andere Sprache zu übersetzen?«

Wieder hebt Kenny die Hand. »Eine Menge. Aber ich könnte es ins Italienische übersetzen.«

»Kannst du genug Italienisch?« Kenny nickt. »Gut. Was brauchst du, um den Job richtig zu machen?«

»Ich brauche das Buch, einen Stift, viel Papier und ein englischitalienisches Wörterbuch.«

»Okay. Dann solltest du das zum nächsten Unterricht mitbringen. Das wäre gut.«

Bill geht wieder zum Regal und greift nach einem Strauß künstlicher Blumen. Er hält sie hoch. »Was könnte man damit anfangen?«, fragt er.

Melissa hebt die Hand: »Ich könnte versuchen, sie zu zeichnen.«

»Das ist gut. Diese Blumen zu zeichnen, erfordert jede Menge Konzentration von dir, oder?«

»Von mir schon. Ich bin keine Künstlerin.«

»Ausgezeichnet. Ich glaube, ihr habt die Idee dahinter verstanden. Kommt mit diesen Aufgaben zum nächsten Unterricht und ich zeige euch, wie ihr sie mit der Wiederholung verbinden könnt. Aber bis dahin trefft euch mit eurem Partner, um zu wiederholen! Üben, üben, üben!«

***

Ich weiche den Schülern aus, die sich um Bills Schreibtisch versammeln, sobald der Unterricht vorbei ist. Ich hänge mir meine Tasche um und gehe direkt zu seinem Büro. Die Tür ist offen und ich trete ein.

Laith, Bills Assistent, steht neben dem Kopier- und Faxgerät, in der einen Hand balanciert er einen Stoß Papierkram, mit der anderen hämmert er eine Reihe von Nummern in die Tastatur. Immer, wenn ich Laith sehe, jongliert er mit hundert Sachen auf einmal. Wie der Inspizient eines Theaters ist er von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, dass Bills Schule reibungslos läuft.

Kurz nachdem Laith das Büro verlassen hat, kommt Bill herein und nickt mir zu. »Sie scheinen es zu verstehen«, sagt er und nimmt hinter seinem Schreibtisch Platz.

»Es ist eine gute Gruppe. Du hast Glück.«

»Ich habe sehr viel Glück gehabt. Für gewöhnlich habe ich sehr engagierte Schüler.« Bill macht es sich auf seinem Stuhl bequem, tippt auf die Tastatur seines Apple-Computers. Der Bildschirm leuchtet auf und er öffnet sein E-Mail-Programm. »Glaubst du, du hast alles, um über die Wiederholungsübung zu schreiben?«

»Fast. Ich würde gerne noch ein paar Dinge klären, bevor ich weitermache.«

»Schieß los.«

Ich setze mich neben Bill, ziehe Notizbuch und Stift heraus. »Hauptsächlich mache ich mir Sorgen, dass das Schreiben über Wiederholungen dem nicht gerecht wird. Die Übung ist so spontan, dass, wenn sie in vollem Gange ist, jeder Moment völlig neu und unerwartet ist. Darüber zu lesen wird nicht dasselbe sein, wie sie in Aktion zu erleben.«

»Das ist richtig«, sagt Bill. »Aber bei diesem Punkt sollten wir beachten, dass das Lesen eines Buches über das Schauspielen niemals das Studium und Training mit einem qualifizierten Lehrer ersetzen kann.«

»Ich kann ein oder zwei Sätze darüber schreiben.«

»Mach das. Ich würde nur ungern einen Haufen Leute herumrennen sehen, die glauben, sie wüssten alles über die Meisner-Technik, nachdem sie unser Buch gelesen haben. Die Wiederholung ist eine außergewöhnliche Übung. Selbst nach vierzig Jahren Arbeit mit dieser Übung bin ich immer noch erstaunt, wie schnell sie einen Schauspieler aus seiner Kopflastigkeit herausholt und alle seine Reaktionen etwa dreißig Zentimeter Richtung Süden verschiebt.« Bill klopft sich mit der Hand an die Stirn und dann auf die Brust. »Nun agiert er von dort aus, von wo aus er sollte, aus seinem Herzen heraus. Die Wiederholung ist eine so einfache Übung, aber bedenke, was sie von jemandem verlangt. Sie zwingt den Schauspieler, wirklich zuzuhören. Sie zwingt den Schauspieler, wirklich und wahrhaftig zu reagieren. Sie zwingt den Schauspieler, von einem Moment zum andern zu arbeiten, und sie zwingt ihn zu echter Spontaneität.«

»Ein guter Ausgangspunkt, um das Handwerk zu erlernen«, sage ich.

Bill korrigiert mich: »Es ist der entscheidende Ausgangspunkt, um das Handwerk zu erlernen. Die Wiederholung ist deshalb sehr wichtig für die Meisner-Technik. Weißt du, wer mit dieser Arbeit gut zurechtkam, nebenbei bemerkt? Ich hatte einmal die Gelegenheit, John Riggins zu unterrichten, einen der größten Runningbacks in der Geschichte des Profi-Footballs. Er spielte für die Washington Redskins und war der Most Valuable Player (MVP) des Super Bowls XVII. Als John vom aktiven Sport zurücktrat, wollte er der Schauspielerei eine Chance geben. Er kam also zu mir, und wir begannen für ein paar Jahre zusammenzuarbeiten. Er stürzte sich ins Schauspieltraining mit der gleichen Energie, die er einst ins NFL-Training steckte, um bester Running Back zu werden. Eines Tages gratulierte ich ihm zu seiner harten Arbeit, aber er antwortete: ›Bill, ich sollte dir danken. Für mich bist du ein ebenso wertvoller Trainer wie Vince Lombardi.‹«

Ich schließe die Augen. »Ein großes Lob.«

Bill lacht. »Ich sagte: ›John, wie meinst du das?‹, und er antwortete: ›Ich verstehe, was du mit den Schauspielern machst. Du konditionierst sie. Konditionierung ist etwas, was ich verstehe. Als ich noch Football spielte, trainierte ich Tag und Nacht, weil ich wusste, dass, wenn ich das Spielfeld betrat, meine Fähigkeiten so perfektioniert sein mussten, dass sie mir in Fleisch und Blut übergegangen waren. Wenn du kurz davor stehst, von einem über 150 Kilo schweren Linebacker umgehauen zu werden, hast du keine Zeit zum Nachdenken. Wenn du mitten im Spiel anfängst nachzudenken, bist du erledigt.‹

John sagte: ›Schauspiel funktioniert genauso, richtig? Wenn du nicht bereit bist zu arbeiten, hast du kein Recht, einen Fuß auf die Bühne oder vor die Kamera zu setzen. Und du kannst nicht anfangen zu arbeiten, solange du dein Handwerk nicht verfeinert hast. Dein Handwerk zu verfeinern heißt, dass du dich so weit konditioniert hast, dass du nicht anders kannst, als bestimmte Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Du hast die Arbeit verinnerlicht. Handwerk ist Gewohnheit. Wenn du dein Handwerk so weit verfeinert hast, dass es ein Teil von dir ist, dann steht es dir frei, deine ganze Aufmerksamkeit auf die Interpretation deiner Rolle zu richten.‹«

»Kluger Junge«, sage ich.

»Er war ein wunderbarer Schüler«, sagt Bill. »Jeder darstellende Künstler sollte die Disziplin eines Weltklasse-Athleten haben. Die Disziplin ist das, was den Künstler vom Kunstliebhaber unterscheidet. Wir alle kennen Menschen, die ein Musikstück so sehr lieben, dass sie sogar jedes Mal weinen, wenn sie es hören. Aber wenn sie sich nicht so weit schulen, dass sie alle Töne – klar und mühelos – treffen, sind sie keine Sänger. Sie sind einfach nur Musikliebhaber.«

Bill legt eine Pause ein. »Jetzt, wo wir ein Loblied auf die Wiederholung gesungen haben, sollten wir natürlich auch die Schwachstelle erwähnen.«

»Welche Schwachstelle?«

Bill zieht ein Gesicht. »Viele Leute assoziieren die Meisner-Technik mit der Wiederholung. Ich möchte, dass du dich daran erinnerst – wir müssen es in dem Buch erwähnen: Die Wiederholung sollte nicht überbewertet werden. Sanford Meisner sagte einmal zu mir: ›Die Wiederholung ist sehr gefährlich, weil jeder sie machen kann und viele Leute glauben, dass sie sie unterrichten können.‹ Er meinte damit, dass es einfach ist, sich in der Erforschung der Wiederholung zu verlieren – der Spontaneität der Übung, der Art und Weise, wie sie Schauspieler zum Zusammenwirken zwingt, und all die anderen Dinge, auf die wir bereits hingewiesen haben und die sie zu einem nützlichen Werkzeug machen. Aber die Wiederholung alleine kann den Schauspieler nicht in die tieferen Ebenen seiner Arbeit führen.«

»Ich verstehe. Sie ist also nur die Spitze des Eisbergs.«

»Man könnte es so betrachten, ja. Tatsächlich ist die Wiederholung ein sehr kleiner Teil der Meisner-Technik. Wenn überhaupt, dann dient die Wiederholung lediglich als Initialzündung für alles andere, was folgt. Sie ist nur die erste Stufe der Rakete; sie ist so konstruiert, dass sie abstürzt, sobald ihr Zweck erfüllt ist.

Die Kunst des Schauspielens erfordert viel mehr als die Wiederholung. Man muss darüber hinausgehen, um tiefer in die Technik einzudringen. Und dennoch ist sie ein wunderbarer Ausgangspunkt, und wir werden die nächsten Wochen dabeibleiben.

Kunst und Handwerk des Schauspielers

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