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4. Krankenheilung durch Jünger und Gemeinde

4.1. Heilen als Auftrag an die Jünger

Die ersten drei Evangelien berichten von der Berufung und Aussendung der Jünger Jesu. Markus trennt zeitlich zwischen der Auswahl der Zwölf durch ihren Herrn und der späteren Aussendung. Zunächst heißt es: »Und er bestimmte die Zwölf, damit sie um ihn wären und damit er sie aussenden könnte zur Predigt (des Evangeliums) und mit der Macht, Dämonen auszutreiben« (3,13ff). Die Aussendung erfolgt erst später (6,7ff). Über die Durchführung dieses Auftrages durch die Jünger hören wir: »Da zogen sie aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele Dämonen aus, salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie« (6,12). Die Parallele dazu finden wir bei Matthäus (10,5ff). Dort heißt es: »Wenn ihr aber hingeht, so prediget: ›Das Reich der Himmel ist genaht.‹ Heilet Kranke, wecket Tote auf, machet Aussätzige rein, treibet Dämonen aus.« (17,7f). In der Lukasparallele (9,1f) wird der Auftrag in die zwei Weisungen zusammengefasst: »… und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu predigen und zu heilen.«

Lukas ist es, der uns über die Aussendung der zwölf Jünger hinaus von der Aussendung des größeren Jüngerkreises der siebzig berichtet (10,1ff): »Und wo ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, da esset, was euch vorgesetzt wird, und heilet die Kranken, die darin sind und saget zu ihnen: ›Das Reich Gottes ist zu euch genaht!‹« (10,8f).

Es ist unübersehbar: Den Jüngern wird nie der Auftrag erteilt, nur zu predigen. Der Auftrag wird immer in mindestens zwei Grundelemente zerlegt. Verkündiget und heilet! Das Reich Gottes soll den Menschen in der helfenden, befreienden Tat und im verkündigten Wort nahe kommen. Dieser Auftrag wird nicht nur gegeben, sondern nach dem durchgängigen Zeugnis der Texte auch in dieser doppelten Weise ausgeführt.

Zunächst gilt dieser Auftrag nur den zwölf bzw. den siebzig Jüngern. Wir haben das sehr ernst zu nehmen. Die Texte sagen nichts davon, dass der Auftrag später einmal auf andere Personen erweitert werden soll. Auch findet sich keine Notiz, dass er irgendwie über die unmittelbare Sendung hinaus zeitlich fortdauern soll. Alle erwähnten Texte beinhalten zunächst eine personelle Eingrenzung und eine zeitliche Beschränkung.

So müssen wir danach fragen, ob es im Neuen Testament Spuren davon gibt, dass dieser Auftrag über den zunächst engen Kreis hinaus erweitert wurde. Nur dann haben wir theologisch das Recht, aber auch die Verpflichtung, in diesen Texten nach der Grundlage für den Auftrag unserer heutigen Kirche zu fragen.

4.2. Der Auftrag geht weiter

Eine Reihe wichtiger Texte sowohl aus den Evangelien, der Apostelgeschichte wie in den neutestamentlichen Briefen zeigen uns folgendes: Der zunächst auf den engen Jüngerkreis beschränkte Auftrag wurde als Auftrag des erhöhten Herrn an die ganze Gemeinde verstanden und von ihr auch ausgeführt.56

4.2.1. Der Missionsbefehl nach Matthäus (28,18–20)

Der Text setzt damit ein, dass den elf Jüngern die Rechtsstellung ihres Herrn klar gemacht wird: »Mir ist alle Vollmacht sowohl im Himmel wie über die Erde [von Gott] gegeben« (18; vgl. dazu Offenbarung 12,10). Erst darauf folgt die Aussendung der Jünger: »Gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern …« Mission bedeutet, dass die Völker in den Jüngerkreis eingereiht werden sollen. Das bedeutet etwas anderes, als dass die Völker zu »Glaubenden« gemacht werden sollen. Dann wäre zwischen den Jüngern, denen der Auftrag zu verkünden und zu heilen gilt, und den übrigen, die durch ihren Dienst zu Glaubenden werden, eine Scheidewand aufgerichtet. Das aber soll vermieden werden: Der Glaubende soll ein Jünger, ein Schüler Jesu werden. So fährt der Text weiter: »… und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe.« Was ist es denn, was Jesus seinen Jüngern befohlen hatte? Nach der herkömmlichen Auslegung sind damit die Gebote der Bergpredigt (Matthäus 5–7) gemeint. Das trifft sicher zu. Aber kann dieses Wort Jesu ausschließlich die Bergpredigt meinen? Offensichtlich verweist doch dieser Aussendungstext auf die frühere Aussendung der Jünger in Kapitel 10. »Gehet …, prediget und heilt«, so hatte Jesus zu ihnen gesprochen (10,5ff). Sicher, die anderen Anweisungen Jesu an die Jünger, die sich im Evangelium finden, sind hier nicht ausgeschlossen. Die Bezugnahme auf die erste Aussendung bleibt jedoch auffallend. Die dort gegebene Beschränkung der Sendung – »gehet hin zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« – wird nun bewusst aufgehoben: »Gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern.« Der Missionsbefehl nimmt den Auftrag zu predigen und zu heilen auf und gibt ihn an die Menschen, die durch den Dienst der Jünger zu Glaubenden werden, weiter. Das Besondere ist die Erweiterung des »geographischen« Geltungsbereiches der Sendung.

Exkurs: Zum Zusammenhang von vor- und nachösterlicher Sendung

Dass zwischen den Aussendungsreden Matthäus 10 und 28 ein enger Zusammenhang besteht, ist für das Verständnis grundlegend. Nur wenn er aufzuzeigen ist, dann können Anweisungen, die mit der Sendung von Kapitel 10 gegeben waren, auch für die erneute Sendung von Kapitel 28 Geltung haben. Dieser enge Zusammenhang soll darum hier näher aufgezeigt werden. Betrachtet man die Texte, dann fällt zunächst der verschiedene geographische Horizont der Sendungen ins Auge. Beide setzen betont mit der Angabe dieses Horizontes ein: »Gehet nicht auf eine Straße der Heiden und gehet nicht in eine Stadt der Samaritaner, sondern gehet vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel«, lesen wir in Matthäus 10,5f. Auch im Bericht der Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau lesen wir von einer klaren Beschränkung der Sendung Jesu, die im Sprachgebrauch eng an Matthäus 10 anschließt: »Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« (15,24). Parallel dazu setzt 28,19 ein, erweitert aber den Horizont der Sendung: »Gehet also hin und machet zu Jüngern alle Völker.«

Wir stehen vor folgender Situation: Jesus bezeichnet für sich und seine Jünger vor Ostern ausdrücklich nur Israel als Raum seiner Sendung. Nach Ostern aber wird der Raum erweitert; allen Völkern gilt die Sendung der Jünger. Gibt es dafür eine Erklärung? Zunächst müssen wir uns klar machen, wie man diese Frage zu stellen hat. Steht hinter der klaren Abgrenzung der einen Sendung in zwei geographische Geltungsbereiche ein bewusstes Nachdenken Jesu bzw. der Gemeinde, dann muss unsere Frage eine Frage an das Alte Testament sein. Denn dort hat Jesus, dort hat die Gemeinde den Willen Gottes für ihre Sendung vernommen. Unsere Frage muss also lauten, ob es in unserem Alten Testament dafür einen Hinweis gibt, der für die Sendung Jesu und der Gemeinde wichtig war und der gleichzeitig einen Hinweis auf eine geographische »Neuordnung« bzw. »Umordnung« der Sendung geben kann. Mit dieser präzisen Fragestellung finden wir zu Jesaja und zum sogenannten zweiten Lied vom Knecht Gottes. Es scheint so zu sein, dass die Texte vom Knecht Gottes (vor allem Jesaja 42,1–4[5–9]; 49,1–6[7–9]; 50,4–9; 52,13–53,12) für das Verständnis Jesu und des Weges der frühen Christenheit von nicht zu überschätzender Bedeutung gewesen sind. Jesaja 42,1–4 spricht von der Berufung des Knechtes und nennt den Geltungsbereich seiner Sendung: »auf Erden … die fernsten Gestade …«. Jesaja 49,1–6 greift die Frage des »geographischen« Geltungsbereiches auf und führt sie weiter. Der Text betont, dass die Sendung zunächst nur Israel gegolten habe: »… um Jakob zu ihm zurückzubringen und Israel zu ihm zu sammeln … um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzubringen …« (Jesaja 49,5.6). Diesen Auftrag führt der Knecht offensichtlich aus, aber er scheitert daran: »Umsonst habe ich mich gemüht, um nichts und nutzlos meine Kraft verzehrt …« (Jesaja 49,4). Auf dieses Scheitern der Sendung des Knechtes, die betont nur Israel gilt, antwortet Gott aber damit, dass er den »geographischen« Bereich der Sendung neu ordnet: »Zuwenig ist es, dass du …; so will ich dich denn zum Lichte der Völker machen, dass mein Heil reiche bis an das Ende der Erde« (Jesaja 49,6).

Wir haben in Jesaja 49,1–6 die Sendungsstruktur vor uns, die uns im Verhältnis von Matthäus 10 und 28 ausdrücklich wieder begegnet. Am Anfang steht die Sendung, die nur Israel gilt, nicht aber über Israel hinausgeht. Sie führt jedoch zum Scheitern – und das ausgerechnet an Israel selbst. Angesichts dieses »Scheiterns« aber geschieht das Erstaunliche. Gott selbst erweitert die Sendung: »… so will ich dich denn zum Licht der Völker machen, dass mein Heil reiche bis an das Ende der Erde.«

Die Deutung der Sendung Jesu und der Gemeinde von Jesaja 49,1–6 her findet sich nicht nur bei Matthäus. Paulus spricht davon, das Evangelium gelte »den Juden zuerst und auch den Griechen« (Römer 1,16). Reflektiert wird dieser Umstand von Lukas in der Apostelgeschichte dargestellt (Apostelgeschichte 13). Der Dreiklang: Sendung an Israel, Scheitern an Israel, Sendung zu den Heiden wird ausdrücklich mit einem Zitat aus Jesaja 49,6 begründet (Apostelgeschichte 13,47). Das Wort Gottes an seinen »Knecht« wird dabei nicht auf Jesus gedeutet, sondern als Anweisung für die Mission verstanden, in der auch Paulus und Barnabas stehen. »So hat uns der Herr geboten: ›Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil gereichest bis an das Ende der Erde.‹« Breit ausgefaltet begegnet uns dieses Verständnis der Sendung des Evangeliums bei Paulus in Römer 9–11.

Für unseren Zusammenhang ist folgende Einsicht wichtig. Es handelt sich hier nicht um zwei Sendungen, die zusammenhanglos aufeinander folgen. Es ist dieselbe Sendung, die in zwei Etappen erfolgt, welche sich vor allem durch die Neuordnung des Geltungsbereiches dieser Sendung voneinander unterscheiden. Das bedeutet für die Exegese von Matthäus 28, dass die inhaltliche Füllung der Sendung aus Matthäus 10 mit zu berücksichtigen ist. Matthäus 28 erwähnt nicht alle Elemente der Sendung, sondern lediglich die, welche ausdrücklich über die erste Sendung hinausgehen.

Als Beleg dafür, dass in der urchristlichen Sendung Elemente der vorösterlichen Sendung durchgehalten wurden, mag die Diskussion in 1. Korinther 9 dienen. Paulus weist auf das anerkannte »Recht« hin, von der Verkündigung des Evangeliums zu leben, ohne nebenbei arbeiten zu müssen. Dieses Recht war in der urchristlichen Mission anerkannt und allgemein auch in Anspruch genommen worden (9,4). Paulus weist daraufhin, dass es sich dabei um eine »Verordnung« handelt, die von Jesus selbst stammt: »So hat auch der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, verordnet, vom Evangelium zu leben« (9,14). Diese Verordnung finden wir aber gerade nicht im Missionsbefehl. Es ist ein Element der vorösterlichen Sendung, das uns in der Sendung der 12 Jünger bei Matthäus (10,10 b) und der siebzig Jünger bei Lukas (10,7) begegnet. Es hatte für die nachösterliche Sendung weiterhin und unumstritten Geltung. Paulus anerkennt dieses Recht, nimmt aber für sich eine Ausnahmeregelung in Anspruch, die ausdrücklich begründet wird (9,12 b).

4.2.2. Der Missionsbefehl nach Markus (16,15–20) 57

In anderer Weise und mit anderen Begriffen bringt Markus denselben Sachverhalt zum Ausdruck. »Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium allen, die erschaffen sind!« (Vers 15). Das Ziel dieses Verkündigungsdienstes ist, dass die Menschen zum Glauben kommen.

Man könnte nun, den Matthäustext im Ohr, denken, dass hier doch eine Unterscheidung zwischen den beauftragten Jüngern und den durch die Jünger gewonnenen Glaubenden aufgerichtet wird. Dem ist aber nicht so, denn Markus fährt fort: »Denen aber, die gläubig geworden sind, werden folgende Zeichen folgen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; in neuen Sprachen werden sie reden; Schlangen werden sie aufheben, und wenn sie etwas Tödliches getrunken haben, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen und es wird gut mit ihnen werden.« Es ist geradezu merkwürdig, dass hier explizit nicht von einer Weitergabe des Verkündigungsauftrages gesprochen wird. Auch die Frage der Heilung wird nicht, wie das bei Matthäus geschieht, unter dem Gesichtspunkt des Auftrages behandelt. In der Ausführung des Heilungsdienstes aber wird ein Zeichen gesehen, das die an Jesus Glaubenden begleitet.

Der übernächste Vers bestätigt, dass das nicht Verheißungswort geblieben ist, sondern im Dienst der Jünger Wirklichkeit wurde: »Sie aber zogen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort durch die begleitenden Zeichen bestätigte.« Wir treffen hier auf ein wichtiges und oft zu wenig beachtetes Motiv, das über Matthäus hinausgeht. Das Wort, so sagt Markus, das die Jünger verkündigen, wird von Gott selbst bestätigt. Diese Bestätigung besteht nicht darin, dass Menschen unter dieser Predigt zum Glauben kommen, obwohl das sicher nicht ausgeschlossen werden soll. Markus sagt jedoch, die ausdrückliche Bestätigung habe darin bestanden, dass Gott für die Wirklichkeit, die er im Wort der Predigt ansagen lässt, auch die Zeichen setzt, an denen diese Wirklichkeit erkennbar wird. Das ist entscheidend wichtig. Die Menschen sollen hören, dass Gottes Herrschaft hereinbricht. Daneben stehen Krankenheilung und alle anderen genannten Folgeerscheinungen, an denen die hereinbrechende Gottesherrschaft mitten in der noch bestehenden alten Welt bereits zeichenhaft anschaubar wird.58

4.2.3. Die Berichte der Apostelgeschichte

Auch nach dem Bericht der Apostelgeschichte hält die Gemeinde an dem ihr gegebenen doppelten Auftrag fest. Die Wundertaten der Apostel werden meist summarisch erwähnt (2,43; 5,12), während Petrus in der Darstellung des geschichtlichen Ablaufes in den Vordergrund rückt.59 Wichtig ist, dass der Auftrag schon sehr früh über den engeren Jüngerkreis hinausgeht und Bestandteil im missionarischen Vorstoß bleibt. Namentlich werden Stephanus und Philippus erwähnt. »Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat große Wunder und Zeichen unter dem Volk …« (6,8). Über den Evangelisationsdienst des Philippus in Samarien hören wir: »Die Volksmenge aber achtete einmütig auf das, was Philippus sagte, indem sie zuhörten und die Zeichen sahen, die er tat …« (8,6).

Wichtig ist der Apostelgeschichte die Darstellung des Dienstes des Paulus. Auch von ihm werden neben summarischen Angaben konkrete Berichte von Heilungen und die Nachricht einer Totenerweckung vorgelegt.60 Auch über Barnabas hören wir, dass der erhöhte Herr durch ihn Heilungen vollzog.61

In diesem Zusammenhang soll noch ein Text hervorgehoben werden, der meist etwas in den Hintergrund tritt. Im vierten Kapitel der Apostelgeschichte wird vom Widerstand des Hohen Rates gegen die Botschaft des Evangeliums berichtet. Die Heilung des Lahmen (Apostelgeschichte 3) führte zur Verhaftung von Petrus und Johannes. Sie wurden zwar wieder frei gelassen, doch war damit das erste Zeichen des Widerstandes gesetzt. Da kommt, so berichtet der Text, die Gemeinde zusammen, »und als sie es hörten, erhoben sie einmütig die Stimmen zu Gott und sprachen …«(4,24). Was betet diese Gemeinde? Zunächst sehen sie zurück in die Schrift, auf Psalm 2. Dort ist gesagt, dass sich die Könige und die Fürsten der Erde zusammenrotten. Von diesem Bibeltext her blicken sie in die hinter ihnen liegende Geschichte, auf Jesus, »deinen heiligen Knecht, den du gesalbt hast«. Mit ihm hat das Zusammenrotten seinen Anfang genommen und gleichzeitig seinen Höhepunkt erreicht. »Und jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen.« Es wäre verständlich, wenn die Gemeinde nun beten würde, dass diese Drohungen aufhören, dass alles sich beruhigt und zum Guten wendet. Die Gemeinde betet aber anders: »Und nun, Herr, sieh auf ihre Drohungen und verleihe deinen Knechten, dein Wort mit aller Freimütigkeit zu verkündigen …« also die Bitte um die Möglichkeit der Predigt. Aber die Predigt soll auch hier nicht allein stehen! »… indem du die Hand ausstreckst zur Heilung und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus. Und als sie gebetet hatten, erbebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem heiligen Geist erfüllt und verkündigten freimütig das Wort Gottes« (4,29–31). Bis in ihr Gebet hinein hält die Gemeinde an dem ihr übergebenen einen Auftrag in seiner doppelten Entfaltung fest. Sie hat zu predigen und zu heilen und sie hat das gewusst und durchgehalten.

4.2.4. Der Dienst des Paulus nach seinen Briefen

Dass Zeichen und Wunder im Missionsdienst des Paulus eine wichtige Rolle gespielt haben, darauf macht bereits die Apostelgeschichte eindringlich aufmerksam. Unter kritischen Theologen wiegt dieser Hinweis oft wenig, da man die historische Zuverlässigkeit des Lukas anzweifelt oder gar völlig in Abrede stellt. Lukas habe, so wird argumentiert, die Wunderberichte aufgrund seiner eigenen theologischen Konzeption ausgestaltet oder gar selbst entworfen. In den Paulusbriefen würde doch das Wunderhafte stark zurücktreten, ja sei dort gar nicht vorhanden.

Dieses Urteil hält dem Zeugnis der paulinischen Briefe nicht stand. Dass ausdrückliche Wunderberichte in den Briefen nicht aufscheinen, darf uns nicht verwundern. Warum sollte er den Gemeinden, die selbst Augenzeugen dieser Taten geworden waren, nochmals von diesen Ereignissen schreiben? Die paulinischen Briefe sind keine Arbeitsberichte, keine »Rundbriefe«, wie sie heutige Missionare gerne versenden. Es sind Schreiben, die dort abgefasst wurden, wo konkrete Fragen vorlagen, wo Probleme besprochen bzw. Verhaltensweisen geregelt werden mussten.

Dass dabei Berichte von Wundern selten sind, darf uns also nicht verwundern. Trotzdem fehlen sie nicht ganz. Das hängt mit Angriffen zusammen, die Gegner des Paulus in seinen Gemeinden gegen ihn erhoben haben. Männer traten auf, die Paulus die Apostelwürde absprachen. Diese Angriffe, welche vor allem in seinem leidvollen Verhältnis zur Gemeinde in Korinth für uns deutlich werden, veranlassten Paulus, im Rahmen seiner Verteidigung folgenden Satz zu schreiben: »Die Zeichen des Apostels sind unter euch gewirkt worden in aller Ausdauer durch Zeichen und Wunder und machtvolle Taten« (2. Korinther 12,12). Ganz ähnlich stellt er sich der Gemeinde in Rom vor. Offensichtlich muss er auch hier ein verzerrtes Bild seiner Person und seines Dienstes korrigieren: »Ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, was nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Tat, in Kraft von Zeichen und Wundern, in Kraft des heiligen Geistes …« (Römer 15,18f). Die beiden Grundelemente des Auftrages Jesu werden auch hier genannt.

Zu erwähnen sind noch zwei Stellen, in denen Paulus ausdrücklich betont, seine Predigt habe nicht nur in Worten bestanden, sondern »in Erweisung von Geist und Kraft« (1. Korinther 2,4; vgl. 1. Thessalonicher 1,5). Auch hier kämpft Paulus dagegen an, dass man seinen Missionsdienst auf einen bloßen Wort-Dienst einschränkt. Inhaltlich geht Paulus nicht näher darauf ein, welche Art von Zeichen, von Wundern und Krafttaten er damit meint. Das wird für die Gemeinden, die seinen Dienst ja kannten, auch nicht nötig gewesen sein. Wir haben aber keinen Anlass, in ihnen andere Taten als die in der Apostelgeschichte berichteten zu sehen. Auch Lukas berichtet ja bewusst nur einen Ausschnitt aus der langen und vielfältigen Tätigkeit des Paulus.62

4.2.5. Heilungen in den paulinischen Gemeinden

Die paulinischen Briefe sind fast ausschließlich Gelegenheitsbriefe, entworfen zu verschiedenen konkreten Anlässen, oftmals als Antworten auf Anfragen bzw. zur Regelung aktueller Probleme. Darum können wir aufgrund dieser Dokumente kein vollständiges Bild zeichnen, weder ein Gesamtbild der Theologie des Paulus noch ein Gesamtbild der Glaubens- und Lebenswirklichkeit seiner Gemeinden. Nur das taucht in diesen Briefen auf, was mehr oder weniger zufällig im Verlauf des Gespräches zwischen Paulus und seinen Gemeinden angesprochen wird.

Dennoch lässt sich einiges für unser Thema entnehmen. Heilungen werden im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth erwähnt. Der größere Zusammenhang (Kapitel 12–14) macht deutlich, dass die Auseinandersetzung um die konkret auftretenden Geistbegabungen – vor allem innerhalb des Gemeindegottesdienstes – eine korinthische Besonderheit war. Für die Regelung dieser Probleme scheint Paulus jedoch auf eine bereits vorliegende Tradition zurückzugreifen (z. B. 12,28), die ihrerseits auch für andere Gemeinden die umfassende Wirklichkeit charismatischen Lebens voraussetzt. Danach gehört zu den Gaben des Heiligen Geistes, die in der Gemeinde vorhanden sind, auch die »Gnadengabe zu Heilungen« (1. Korinther 12,9.28). Der Heilige Geist hat den umfassenden Dienstauftrag der Gemeinde durch besondere Begabungen unter den Gemeindegliedern verteilt. Wie der Dienst der Heilung konkret ausgeübt wurde, wissen wir nicht. Aber er gehörte zu den klaren Begabungen, um die auch die anderen Gemeindeglieder gewusst haben und deren Dienste sie in Anspruch nehmen konnten.63

4.2.6. Die Gemeindeanweisung bei Jakobus (5,14–16)

»Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben! Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen, und wenn er Sünden getan hat, so wird ihm vergeben werden. So bekennet nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet! Viel vermag die Bitte eines Gerechten in ihrer Wirkung.«

Unabhängig von allen Detailfragen, die sich im Zusammenhang mit diesem Abschnitt des Jakobusbriefes stellen, lassen sich eine Reihe wichtiger und grundlegender Einsichten herausstellen. Zunächst wird bestritten, dass Krankheit ein Privatproblem des Kranken ist. Sie wird als Aufgabe der Gemeinde angesehen und tritt gewissermaßen in die Öffentlichkeit der Gemeinde. So wird der Umgang mit ihr im Aufgabenbereich der Ältesten geregelt. Im Leben der Gemeinde, wie sie Jakobus vor Augen steht, ist die Krankheit eines Gemeindegliedes so wichtig, dass der Umgang mit ihr in der Ordnung, unter die sich diese Gemeinde stellen soll, besprochen wird. »Vor der Erkrankung zieht sich die Christenheit nicht wehrlos zurück … Da sie auf den kommenden Bringer des Lebens wartet, schätzt sie das Leben als Gottes großes Geschenk und kämpft für seine Erhaltung« (Adolf Schlatter).64 An keiner anderen Stelle des Neuen Testamentes erhalten wir so konkreten Einblick, wie der Anweisung Jesu, dass die Gemeinde zu heilen hat, in ihrer eigenen Mitte entsprochen worden ist. Sie zeigt gleichzeitig, dass man diese Anweisung Jesu gekannt und befolgt hat.

Beachtenswert ist, wie stark in dieser Ordnung die Gewissheit durchscheint, dass man damit nach dem Willen des Herrn der Gemeinde handelt. Kein Wort fällt darüber, ob man nicht vorher nach der Absicht Gottes mit dieser Krankheit zu fragen habe. Dass Heilung der Wille Gottes sei, steht der Gemeinde unverbrüchlich fest. Kein Wort fällt auch darüber, was man tun solle, wenn Gott nicht heilt. Diese Frage hat hier – vor Gebet und Salbung! – offensichtlich keinen Raum. Es werden zwar Hinweise dafür gegeben, welche Voraussetzungen für das Gebet um Heilung nötig sind. Vor allem wird die Beichte erwähnt. Entgegen einer starken Auslegungs-Tradition ist hier an die gegenseitige Beichte derer gedacht, die mit dem Kranken beten, nicht an die Beichte des Kranken selbst. Die Ältesten der Gemeinden haben die Schuld, die ihrem Gebet im Wege stehen kann, im Bekenntnis vor Gott und voreinander abzulegen. Sicher ist dem Kranken solche Beichte nicht verwehrt; aber an ihn ist hier zunächst nicht gedacht. Das Wissen um »Gebetshindernisse« verdunkelt aber der Gemeinde nicht den ausdrücklichen Willen Gottes zur Heilung und seinen klaren Auftrag, unter den sie sich gestellt weiß.

4.2.7. Die johanneische Tradition

Es hängt mit der Eigenart des johanneischen Schrifttums zusammen, dass hier nicht konkret von Heilungen durch die Gemeinde gesprochen wird. Schon das Johannesevangelium steht unter einem ganz bestimmten theologischen Interesse und bietet daher ausdrücklich nur eine Auswahl aus dem, was von Jesus zu berichten war (20,30f; vgl. 21,25). Auch die Briefe und die Offenbarung stehen unter konkreten Fragestellungen.

Dennoch lässt sich zeigen, dass auch die johanneische Tradition um den bei den Synoptikern klar ausgesprochenen Auftrag zur Heilung weiß. Der Empfang des Heiligen Geistes wird bei Johannes mit der Sendung der Jünger verbunden. Diese Sendung gliedert die Jünger in die Sendung Jesu ein. »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch« (20,21f). Mit dieser Teilnahme an Jesu Sendung ist die Beauftragung zur Heilung implizit mitgegeben.

Über das Verhältnis von Jesu Wirksamkeit zu der seiner Jünger spricht auch der Vers Johannes 14,12: »Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich tue, auch tun, und er wird größere als diese tun … « Die Glaubenden werden die Werke des irdischen Jesus in seiner Sendung vom Vater her fortsetzen. Zu diesen Werken gehören aber nach Johannes in hervorgehobenem Maß gerade die Heilungen.65

4.2.8. Die Notiz des Hebräerbriefes (2,4)

»… wobei Gott zugleich Zeugnis gab durch Zeichen und Wunder und vielerlei machtvolle Taten und Zuteilungen des heiligen Geistes nach seinem Willen.

Die Bemerkung des Hebräerbriefes ist uns wichtig, weil sie zeigt, wie auch eine von der synoptischen wie von der paulinischen Tradition verschiedene Überlieferung von der urchristlichen Wunderkraft Zeugnis gibt. Im Zusammenhang geht es um den Erweis der Glaubwürdigkeit und Geschlossenheit urchristlicher Verkündigung und Überlieferung bis zur Gegenwart des Hebräerbriefes. Die Zuverlässigkeit wird, so sagt der Text, dadurch verbürgt, dass Gott selbst eingreift und die Tradition »bezeugt«. »Er greift ein durch Zeichen und Wunder, vielfache Kraftwirkungen und Zuteilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen« (Otto Michel).66 Die Nähe zu Paulus (1. Korinther 12) und vor allem zu Markus (16,20) ist äußerst auffallend. Auch hier hat es nicht den Anschein, als ob der Verfasser von einer Wirklichkeit spricht, die ihm und den Briefempfängern neu oder unbekannt ist. Auch wenn die »Zeichen« und »Wunder« und die »machtvollen Taten« inhaltlich nicht näher ausgeführt werden, so ist vom gesamten neutestamentlichen Zeugnis in erster Linie an Heilungen zu denken.

4.3. Zusammenfassung

Das Neue Testament gibt uns Zeugnis davon, dass Jesus seinen Auftrag darin gesehen hat, »die Werke des Teufels zu zerstören« (1. Johannes 3,8) Darum enthält seine Wirksamkeit beide Elemente: Im Wort wird die Herrschaft Gottes den Menschen angesagt. In der Tat kündigt sich dieselbe Herrschaft zeichenhaft an. Beide, das Wort und die Tat, werden zum Auftrag Jesu an seine Jünger und gehen über in den Auftrag der Gemeinde. Jesus hat in seiner irdischen Wirksamkeit »angefangen zu tun und zu lehren« (Apostelgeschichte 1,1). Als der erhöhte Herr will er diese seine Tätigkeit in der Gemeinde, seinem Leib, fortsetzen. »Der Herr wirkte mit und bestätigte …« (Markus 16,20; vgl. Apostelgeschichte 4,29f).

Es gibt im Neuen Testament keinen Hinweis darauf, dass ein Element dieses Auftrages einmal überflüssig werden sollte. Gegeben ist der Auftrag, gegeben ist mit ihm auch die Verheißung Jesu.

Heilung

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