Читать книгу Fürstenkrone Staffel 8 – Adelsroman - Yvonne Bolten - Страница 6

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Die Sonne lachte von einem wolkenlosen Himmel, als Katharina Komtess von Erlenburg mit ihrem roten Auto von der A 21 abfuhr, mitten hinein in die sanften Hügel der Holsteinischen Schweiz. Rechts und links der Straße erstreckten sich große Felder. Bauern auf Schleppern fuhren darüber und ernteten das goldgelbe Getreide.

Katharina hatte die Seitenscheibe heruntergedreht, und ein sanfter Sommerwind spielte mit ihren schulterlangen blonden Haaren. Sie war froh, dass sie sich morgens für die weiße kurzärmelige Bluse und den buntbedruckten Seidenrock entschieden hatte. Beides stand ihrer schlanken Figur nicht nur ausgezeichnet, es ließ auch die Sommerhitze erträglich werden.

Katharina warf einen Blick auf die Wegbeschreibung, die ihre Tante ihr gegeben hatte. Irene Lorenzen wohnte neuerdings in einem ehemaligen Landarbeiterhaus auf einem Reiterhof. Katharina war schon sehr gespannt auf das Haus. Voller Vorfreude bog sie auf eine schmale Straße ein. Nun konnte es nicht mehr weit sein. Doch an der nächsten Kreuzung ging es plötzlich nicht mehr weiter. Die Teerdecke war komplett aufgerissen. Bagger und Planierraupen standen neben Stapeln von Rohren. Ein Umleitungsschild wies nach links.

Seufzend folgte Katharina dem Weg. Nachdem sie eine Weile der kurvigen Straße gefolgt war, wurde sie unruhig. Sie hatte mehrere kleine Abzweigungen passiert. Hatte sie dabei ein Umleitungsschild übersehen? Sie musste doch irgendwo wieder abbiegen, um zur ursprünglichen Straße zurückzukommen! Kurz entschlossen bog Katharina an der nächsten Kreuzung rechts ab. Ein paar Minuten später hatte sie sich hoffnungslos verfahren. Am besten sie rief vom nächsten Ort aus ihre Tante an.

Sie war gerade zu dieser Entscheidung gekommen, als ein Reiter aus einem Waldweg ein Stück vor ihr auf die Straße bog. Spontan hielt Katharina ihr Auto an und stieg aus.

»Entschuldigung«, sagte sie, als der Mann nah genug herangekommen war.

»Kann ich Ihnen helfen?« Er zügelte sein Pferd. Ein Trakehner, wie Katharina am Brandzeichen erkannte. Der Fremde schwang sich aus dem Stuhl. Er überragte Katharina um einen halben Kopf und hatte eine athletische Figur. Dunkelbraune Haare lugten unter seiner Reitkappe hervor. Er nahm sie ab und wischte sich Schweiß von der Stirn.

Katharina schilderte ihm ihr Problem. »Ich habe mich verfahren und suche Gut Lindenhain. Ich dachte, Sie haben vielleicht ihr Pferd dort bei Herrn Witte untergestellt und können mir den Weg zeigen?« Sie schaute ihn aus ihren blauen Augen fragend an.

Ein amüsiertes Lächeln zuckte über die markanten Züge des Fremden und funkelte einen Moment in seinen dunkelbraunen Augen. Katharina konnte sich nicht vorstellen, was den Mann an ihrer Frage belustigte. Aber sein Lächeln löste ein Kribbeln in ihrer Magengrube aus.

»Ich habe mein Pferd zwar nicht bei Witte untergestellt, aber wie sie dorthin kommen, kann ich ihnen sagen.«

Katharina hatte Mühe, sich auf die Wegbeschreibung zu konzentrieren, so sehr irritierte sie die Nähe des Mannes.

»Wollen Sie dort Urlaub machen?« Die Frage klang beiläufig. Doch der Blick des Fremden zeigte ein gewisses Interesse an Katharina.

Ihr Herz klopfte schneller. »Meine Tante wohnt auf dem Gut. Sie ist Rechtsanwältin, und ich will bei ihr meine Rechtsanwaltsstation machen.«

»Rechtsanwaltsstation? Dann haben Sie Jura studiert und machen jetzt Ihr Referendariat.« Es war eine Feststellung keine Frage.

Katharina nickte. »Ja, ich will Rechtsanwältin werden. Sind Sie Jurist?«

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Ein Freund von mir hat Jura studiert. Aber …« In diesem Augenblick klingelte sein Handy. Er runzelte die Stirn, zog sein Telefon aus der Tasche seiner gut geschnittenen Reitjacke und warf einen Blick auf das Display.

»Entschuldigen Sie bitte. Der Verwalter. Er würde nicht anrufen, wäre es nicht dringend.«

Er wandte sich ab, und Katharina trat zurück zu ihrem Auto. Sie wollte das Gespräch nicht belauschen, konnte aber nicht verhindern, dass einige Satzfetzen zu ihr drangen. »Ja, Jenkins? ... Jetzt schon? ... Ja ... Ja, ich komme sofort.«

Der Fremde klappte das Handy zu und wandte sich wieder Katharina zu. Ein bedauernder Ausdruck lag in seinen Augen. »Ich fürchte, ich muss unsere Unterhaltung abbrechen. Die Pflicht ruft. Es war schön, Sie kennen zu lernen. Vielleicht begegnen wir uns ja noch einmal.« Er lächelte sie warm an.

Katharina lächelte zurück. »Ich würde mich freuen.«

Der Mann schwang sich wieder in den Sattel seines Pferdes. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.« Katharina sah ihm sinnend nach, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war.

*

Katharina folgte dem Weg, den der gutaussehende Fremde ihr beschrieben hatte. Wer er wohl war? Während sie weiter durch die hügelige Landschaft fuhr, kreisten ihre Gedanken um den Unbekannten. Schließlich erreichte sie Gut Lindenhain. Der eigentliche Gutshof lag ein Stück von der Straße entfernt, am Ende einer langen Allee. Zwischen den Stämmen der Linden hindurch sah Katharina ein rot verklinkertes Fachwerkhaus, das mit Reet gedeckt war. Rechts und links davon standen lange Stallgebäude. Doch Katharina interessierte sich viel mehr für die drei Landarbeiterhäuser, die direkt an der Straße standen. Ihre Tante bewohnte das linke. Es war eine weiß verputzte Kate, auch sie reetgedeckt. Über einer blauen Tür ragte ein spitzer Giebel auf. Katharina stellte ihr Auto vor dem Haus ab und drückte kurz auf die Hupe. Fast augenblicklich flog die Haustür auf, und Irene Lorenzen kam heraus.

»Katharina!« Mit ausgestreckten Armen kam sie auf die Nichte zu. Sie war klein und rund und trug ihre eisgrauen Haare kurz geschnitten. Fröhliche graue Augen strahlten Katharina entgegen. »Schön, dass du da bist!«

»Ich freue mich auch.« Katharina löste sich aus der Umarmung. »Der Farbton steht dir«, sagte sie mit Blick auf den klassisch geschnittenen Hosenanzug aus hellgrauem Leinen, den ihre Tante trug.

»Danke. Komm, ich zeige dir alles. Dein Gepäck können wir später ausladen.«

Irene Lorenzen führte Katharina durch das ganze Haus. Es war nicht groß, aber gemütlich. Im Erdgeschoss befand sich eine Küche, die im Landhausstil eingerichtet war. Daneben lag das Wohnzimmer mit sichtbaren Holzbalken. Irene hatte es mit alten Bauernmöbeln eingerichtet.

»Hier ist dein Zimmer«, sagte Irene im ersten Stock und öffnete eine Tür zur Linken. Das Gästezimmer lag unter de Dachschräge und hatte einen herrlichen Ausblick. Katharina konnte weit über Felder und jene Buschreihen gucken, die hier als ›Knick‹ bezeichnet wurden.

»Es ist wunderschön.« Katharina brachte ihr Gepäck in ihr Zimmer.

Die Frauen tranken Kaffee und tauschten Neuigkeiten aus. Irene erkundigte sich nach Katharinas Eltern und erfuhr, dass es beiden gut ging.

Nach dem Imbiss machten die beiden Frauen einen Spaziergang zum Haupthaus hinunter. Vor den Stallungen trafen sie auf den Eigentümer von Gut Lindenhain, der gerade einen großen Fuchswallach über den Hof führte.

Irene machte Katharina und Thomas Witte miteinander bekannt. Er war Mitte vierzig. Ein Hüne von fast zwei Metern, der ein wenig gebeugt ging, als wolle er sich kleiner machen, als er war. Aus seinem sonnenverbrannten Gesicht schauten zwei graugrüne Augen neugierig auf Katharina herunter.

»Willkommen auf Gut Lindenhain, Komtess. Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns. Aber Irene sagte, Sie reiten auch, dann sollte das ja kein Problem sein, oder?« Er zwinkerte ihr fröhlich zu.

»Ich reite wirklich gerne.« Katharina erwiderte das Zwinkern mit einem Lächeln. Sie streichelte dem Fuchswallach an Wittes Seite über die Stirn. Dabei fiel ihr wieder der Fremde von vorhin ein. Sie schilderte, wie sie vom Weg abgekommen war.

»Die Baustelle hatte ich ganz vergessen«, rief Irene aus. »Tut mir leid, dass sie dich aufgehalten hat.«

»Das war nicht so schlimm. Ich bin einem Reiter begegnet, der mir den Weg beschrieben hat.« Katharina stand wieder das Bild von dem gut aussehenden Mann vor Augen. Ihr Herz klopfte schneller, als sie an ihn dachte. Möglichst beiläufig sagte sie: »Er muss hier irgendwo in der Gegend wohnen. Er ritt einen Trakehner.«

In den Augen von Herrn Witte glomm Erkennen auf. »Ich glaube, ich weiß, wen Sie meinen. – Mitte zwanzig, dunkle Haare, braune Augen?«

Katharina nickte. Sie hatte gehofft, dass der Gutsbesitzer wissen würde, wer der Mann war. Auf den Dörfern kannten die Einheimischen einander.

»Da haben Sie ja gleich die richtige Bekanntschaft gemacht, Komtess. Das muss der Fürst gewesen sein. Philipp Fürst von Hohenstein.«

Katharina schaute Herrn Witte überrascht an. »Ist er nicht etwas jung für den Titel?«

Ihre Tante antwortete. Ein betrübter Ausdruck stand in ihrem Gesicht. »Die Eltern des Fürsten sind vor knapp zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Tragisch. Jetzt stehen die Kinder alleine da.« Auf Katharinas fragenden Blick fügte sie hinzu: »Fürst von Hohenstein hat noch zwei jüngere Geschwister.«

»Kennst du die Familie näher?«

Irene schüttelte den Kopf. »Nur flüchtig. Ich bin dem Fürsten letzten Herbst auf einer Fuchsjagd hier in der Gegend vorgestellt worden. Hin und wieder begegnen wir uns auf einem Ausritt. Das ist alles.«

Der Wallach an Herrn Wittes Seite schnaubte und warf den Kopf hoch.

»Du willst wohl wieder gestreichelt werden, was, Amadeus? Oder doch lieber geritten?« Herr Witte schaute Komtess Katharina fragend an.

»Ich hätte nichts dagegen«, erklärte diese.

»Wunderbar. Dann kann ich mich um die anderen Pferde kümmern.«

*

Philipp Fürst von Hohenstein ritt zügig zum Schloss der Familie zurück. Der Weg führte ihn durch lichten Wald und an Feldern vorbei. Staub wirbelte von den Hufen seines Pferdes. Der Verwalter hatte ihm berichte, dass Bianca, die junge Stute, fohlte. Dabei war ihre Zeit noch gar nicht gekommen. Philipp hatte Schwierigkeiten, sich auf die bevorstehenden Ergüsse zu konzentrieren. Vor seinem geistigen Auge sah er immer noch die junge Frau, die ihn nach dem Weg gefragt hatte. Ihr schmales Gesicht mit dem blonden schulterlangen Haar und den blauen Augen strahlte offene Freundlichkeit aus. Sie hatte etwas Anziehendes an sich gehabt, etwas, das sein Herz berührte. Philipp hoffte, er würde sie bald wiedersehen. Ein Lächeln flog über seine Züge. Immerhin wusste er wo sie wohnte – zumindest für die nächsten Monate. Da sollte sich ein Treffen einrichten lassen.

Er erreichte Schloss Hohenstein. Der langgestreckte klassizistische Bau reflektierte das Sonnenlicht. Strahlend weiß hob er sich von dem umgebenden Grün ab. Philipp lenkte sein Pferd zu den Stallungen. Er übergab Tassilo einem Stallknecht und suchte Biancas Box auf.

Walter Jenkins, der Verwalter, stand schon dort. »Tut mir leid, dass ich Sie von Ihrem Ausritt zurückgerufen habe, Durchlaucht.« Er deutete mit der Hand in die Box. »Bianca hat das ganz gut ohne uns hinbekommen.«

Philipp trat neben ihn. In der Box stand die junge Trakehnerstute schon wieder auf den Beinen und neben ihr, noch ein wenig schwankend, ein dunkelbraunes Fohlen.

»Kerngesund, die Kleine«, sagte Herr Jenkins und schob die Hände in die Taschen seiner ausgebeulten Jeans.

»Wunderbar.« Philipp ging vorsichtig in die Box und streichelte das Pferdekind. »Laura wird mit Freuden einen Namen aussuchen, wenn sie morgen kommt.«

Der Verwalter nickte zustimmend.

Nach einer Weile verließen sie Stute und Fohlen, damit sich beide von den Anstrengungen der Geburt erholen konnten, und gingen gemeinsam zurück zum Schloss.

»Mir fällt gerade ein, dass die Buchhalterin gekündigt hat. Haben Sie schon eine neue gefunden?«

»Leider nein, Durchlaucht. Ich werde noch einmal eine Annonce schalten müssen.«

»Na, dann viel Glück.«

Philipp nickte dem Verwalter zu und schlenderte zum Haupteingang hinüber. Er atmete tief und befreit durch. Er liebte den Familienbesitz und die Ländereien, konnte sich nicht vorstellen, je anderswo zu leben.

In dem Augenblick, als Fürst Philipp die Freitreppe des Schlosses erreichte, kam mit hohem Tempo ein silbermetallicfarbenes Cabrio die lange Zufahrt herauf. Scharf fuhr es in die kreisförmige Auffahrt vor Schloss Hohenstein. Kies spritzte zur Seite, als das Auto hielt. Philipp seufzte, als er das Auto erkannte. Widerwillig ging er hinüber.

Die Fahrerin öffnete die Tür und reichte Philipp hoheitsvoll die Hand, damit er ihr beim Aussteigen half.

»Fiona, was führt dich hierher?« Dem Fürsten gelang es nur mühsam, seinen Unmut zu verbergen.

Fiona Daldorf schenkte ihm ein verführerisches Lächeln, als sie aus dem Auto stieg. »Hallo, Darling.«

Sie trug ein maßgeschneidertes Kostüm aus rauchfarbener Seide, das ihre schlanke, kurvenreiche Figur hervorragend zur Geltung brachte. Dazu hatte sie ein Paar Pumps mit hohen Absätzen gewählt. »Philipp, du solltest endlich die Einfahrt pflastern lassen. Auf diesem Kiesweg bricht man sich ja die Knochen.«

»Bislang hat sich noch niemand beschwert«, sagte Philipp ungerührt. »Was willst du?«

Fiona fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Sie trug einen auffälligen Brillantring. Ihre schwarzen, fast taillenlangen Locken hatte sie über dem rechten Ohr mit einer passenden Spange festgesteckt. Fiona mimte Überraschung und sah Philipp aus ihren katzengrünen Augen groß an. »Mit dir sprechen, mein Lieber. Aber nicht hier draußen in dieser Gluthitze. Willst du mich nicht hereinbitten?«

Nein, will ich nicht, dachte der Fürst. Doch er war viel zu gut erzogen, um das auszusprechen. Stattdessen geleitete er Fiona Daldorf ins Schloss und in ein Empfangszimmer. Der hohe Raum war mit zartblauen Seidentapeten ausgestattet und mit farblich dazu passenden Möbeln im Empire-Stil eingerichtet.

Der Butler kam, und Philipp orderte Tee.

Fiona ließ sich auf einem der Sofas nieder. Sie öffnete ihre Handtasche und entnahm ihr zwei Briefumschläge aus schwerem Büttenpapier. »Der Sommerball der Daldorf-Bank findet in drei Wochen statt. Ich hoffe, du und Markus könnt es einrichten zu kommen.« Sie reichte Philipp die Einladungen für ihn und seinen Bruder. Der Ball der Daldorf-Bank war ein gesellschaftliches Ereignis. Als Privatbank betreute sie weit überwiegend reiche Kunden. Von denen verfügten viele über Einfluss in Politik und Wirtschaft oder waren berühmte Persönlichkeiten aus Sport und Showgeschäft.

»Selbstverständlich kommen wir. Wie jedes Jahr.« Philipp legte die Einladungen achtlos auf ein Sideboard, ging zum Kamin und lehnte sich dagegen.

»Das klingt nicht sehr begeistert«, stellte Fiona fest. »Ich hatte mir vorgestellt, wir beide könnten den Ball eröffnen.«

Philipp zog eine Braue hoch. »Da es ein Ball der Daldorf-Bank ist, solltest du ihn mit dem Zweigstellenleiter aus Hamburg eröffnen.«

Der Butler erschien. Er stellte ein Silbertablett mit Tee und Gebäck auf den Tisch neben Fionas Sofa. Das Gespräch stockte, bis er wieder gegangen war.

»Wir geben ein viel besseres Paar ab«, nahm Fiona den Faden wieder auf. »In jeder Hinsicht. Das weißt du. Wir waren vor zwei Jahren ein schönes Paar und daran hat sich nichts geändert.«

Philipp unterdrückte ein Stöhnen. »Fiona«, sagte er betont ruhig, »wir haben uns damals getrennt. Ich habe nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.«

»Du hast damals schon zu viel Rücksicht auf deine Familie genommen. Ich sehe, das tust du noch immer. Denk einmal an dich, mein Lieber.«

»Ich habe keine Rücksicht auf meine Familie genommen, Fiona. Weder auf Vater noch auf sonst jemanden.« Philipp hatte sich von Fiona getrennt, weil sie furchtbar eifersüchtig gewesen war. Doch Fiona glaubte fest, er habe sich dem Willen seines Vaters gebeugt, als er die Beziehung abbrach.

Fiona sah ihn zweifelnd an und erhob sich. »Ich sehe schon, du hast im Moment keinen Sinn für diese Frage. Aber du solltest dir wirklich überlegen, ob du nicht glücklicher mit mir wärst als mit der guten Meinung deiner Familie. – Zumal dein Vater tot ist.« Sie hauchte Philipp einen Kuss auf die Wange. »Du brauchst mich nicht hinauszubegleiten.«

Sie ging, und Philipp starrte auf die Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte.

*

Nach dem Abendessen ging Fürst Philipp noch ein wenig im Schlosspark spazieren. Wieder kreisten seine Gedanken um die schöne Unbekannte. Unwillkürlich verglich er sie mit Fiona. Fiona verfügte über rassige Schönheit, doch die Unbekannte hatte einen inneren Charme und eine zurückhaltende Anmut, die den Fürsten anzog. Er würde sie wiedersehen. Das hatte er fest beschlossen.

Als Philipp zum Schloss zurückkam, stand ein Range Rover in der Einfahrt. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und Markus Prinz von Hohenstein stieg aus.

»Bruderherz!«, rief er und umarmte Philipp herzlich. Markus war fast so groß wie sein Bruder, doch ebenso blond wie jener dunkel.

»Hallo Philipp!« Auf der Beifahrerseite stieg Laura, Prinzessin von Hohenstein aus dem Wagen. Unbändige rotbraune Locken rahmten ein weißes Gesicht mit Sommersprossen ein.

Philipp umarmte auch seine Schwester. Ihre üppigen Haare kitzelten sein Kinn. »Ich dachte, ihr kommt erst morgen.«

»Nach einem knappen Jahr in England? Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause«, protestierte die Prinzessin. Sie war sechzehn Jahre alt und besuchte in England ein Internat. Sie musterte die Schlossfassade, als sähe sie die zum ersten Mal. »Ist es nicht herrlich hier?«

»Provinziell«, spottete Markus, doch Philipp wusste, dass auch er den Stammsitz der von Hohensteins liebte und sich hier zu Hause fühlte.

Während sich ein Diener ums Gepäck kümmerte, betraten die Geschwister die marmorgeflieste Eingangshalle und wandten sich dem Esszimmer zu. Der elegante Raum mit den Biedermeiermöbeln ging nach Norden und lag im Schatten. Angenehme Kühle umfing sie.

Der Butler brachte Tee, und die Geschwister tauschten Neuigkeiten aus.

Laura schwärmte von dem Internat und ihren Freundinnen dort. »Es wäre das Paradies. Wenn ich nicht so viel lernen müsste.«

Ihre Brüder prusteten vor Lachen.

»Ich bin richtig gespannt auf das Praktikum bei Rehmann Pharma«, sagte Markus. Er studierte im vierten Semester Pharmazie und wollte später in der Arzneimittelforschung arbeiten.

»Chemie ist definitiv nicht mein Fach«, stellte Prinzessin Laura klar. Sie schüttelte sich. »Ich bin froh, wenn ich das nicht mehr machen muss.«

»Medikamente sind wichtig«, widersprach ihr Markus. »Und Rehmann Pharma stellt gute Medikamente her. Das neue Herzmittel hat sogar unser Professor erwähnt, weil es so wenige Nebenwirkungen hat.«

Laura hob abwehrend die Hände. »Ich glaube dir ja!« Sie wechselte das Thema und wandte sich an Philipp: »Was gibt es hier Neues?«

Philipp überlegte. »Im Grunde nichts. Alles geht seinen gewohnten Gang. Ach ja«, sagte er, als ihm doch noch etwas einfiel, »Fiona hat vorhin Einladungen zum jährlichen Sommerball der Daldorf-Bank vorbeigebracht.«

Laura verdrehte undamenhaft die Augen. Sie konnte Fiona Daldorf nicht ausstehen. »Läuft sie dir immer noch hinterher? Du hast dich doch schon vor fast zwei Jahren von ihr getrennt.«

Philipp verbannte das Gespräch mit Fiona aus seinen Gedanken und erklärte betont ruhig: »Zu dem Ball sind die Kunden der Bank eingeladen. Wir haben nun einmal Konten dort. Markus hat übrigens auch eine Einladung bekommen, falls dich das beruhigt.«

Laura machte ein finsteres Gesicht. »Nicht wirklich.«

Markus lachte. »Soll ich dich als Begleitung mitnehmen, damit du ein Auge auf Fiona halten und dich schützend vor Philipp stellen kannst?«

»Das wäre vielleicht keine schlechte Idee«, meinte Laura sinnend. »Aber du willst doch sicher mit Marie dahingehen. Immerhin ist sie deine Freundin.«

»Aber leider in New York. Sie besucht ihren Vater bei den Vereinten Nationen.«

»Dann komme ich gerne. Das Spektakel will ich mir doch ansehen.«

Philipp wechselte das Thema. »Ich habe übrigens doch eine Neuigkeit, die dich interessieren wird, Laura: Bianca hat gefohlt. Eine kleine Stute.«

Prinzessin Lauras Augen leuchteten auf. »Das sagst du mir erst jetzt?« Sie schob ihren Stuhl zurück. »Entschuldigt mich. Ich muss in den Stall.«

*

Am nächsten Morgen erwachte Komtess Katharina in dem gemütlichen Gästezimmer unter dem Dach. Sie stand auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne tauchte die Felder und Knicks in warmes Licht. Herrliches Wetter für einen Ausritt.

Katharina eilte die Treppe hinunter.

»Na, gut geschlafen?«, begrüßte ihre Tante sie, als sie in die Küche kam.

»Wunderbar!«

Der Tisch war schon gedeckt, und Irene goss Kaffee in zwei große Tassen. Hungrig machte Katharina sich über Brötchen, Marmelade und Holsteiner Schinken her.

Nach dem Frühstück beschlossen die Frauen, auszureiten. Irene ritt ihre Schimmelstute Holly und Katharina Amadeus. Der temperamentvolle Wallach tänzelte, bis die Komtess ihn unter Kontrolle hatte. Sie folgte Irene einen Pfad entlang, der von Gut Lindenhain aus in einen lichten Wald führte. Hinter diesem ritten sie weiter an einem Feldrain entlang zu einem kleinen See. Sonnenstrahlen spiegelten auf der Oberfläche und ließen sie wie Diamanten funkeln. Ein Reiher flog erschrocken auf, als die Reiterinnen näherkamen. Katharina atmete tief durch. Es war schön hier. Am liebsten würde sie immer bleiben.

Sie umrundeten den See und wollten gerade auf der anderen Seite in einen Waldweg einbiegen, als ihnen von dort ein Reiter entgegenkam.

Katharinas Herz tat einen Sprung und fing dann heftig an zu schlagen, als sie ihn erkannte. Es war der Fremde, der ihr den Weg beschrieben hatte. Wieder stellte sie fest, dass er sehr gut aussah mit seinen dunklen Augen, dem schwarzen Haar und den markanten Gesichtszügen.

»Guten Morgen, Fürst Hohenstein«, sagte ihre Tante, die den Fürsten ebenfalls erkannt hatte.

Er neigte grüßend den Kopf. »Guten Morgen, Frau Lorenzen.«

Sein Blick wanderte zu Katharina, und in seine Augen trat ein warmer, freudiger Ausdruck, der ihren Magen flattern ließ. Sie lächelte und spürte, wie sie rot wurde. O verdammt! Sie war doch kein Backfisch mehr.

»Ich glaube, Sie kennen meine Nichte noch nicht?«, hörte sie wie von fern ihre Tante fragen.

»Wir sind einander begegnet, wurden aber gestört, bevor wir einander vorstellen konnten.« Die Stimme des Fürsten war samten und dunkel und berührte die Komtess eigentümlich. Sie hätte Philipp stundenlang zuhören können.

»Die Vorstellung übernehme ich gerne«, sagte Irene. »Fürst Hohenstein, dies ist meine Nichte, Katharina Komtess von Erlenburg. Katharina, darf ich dir Philipp Fürst von Hohenstein vorstellen?«

»Fürst Hohenstein.« Katharina reichte ihm die Hand.

»Nennen Sie mich Philipp, bitte.« Er nahm ihre Hand und beugte sich leicht darüber.

Die Berührung durchfuhr Katharina wie ein Schlag. Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren rau, als sie sagte: »Sehr gern. Bitte sagen Sie Katharina.«

»Das wird mir ein Vergnügen sein.«

Ihre Blicke trafen sich, als er aufschaute. In Katharina breitete sich eine Verwirrung und Unruhe aus, wie sie sie seit ihrer ersten Liebe nicht mehr verspürt hatte.

Sie bemerkte, wie ihre Tante überrascht die Brauen hochzog und rasch von einem zum anderen guckte.

»Oh«, meinte Irene Lorenzen plötzlich, »ich fürchte, ich habe den Herd nicht ausgeschaltet, heute Morgen. Ich werde besser zurückreiten und nachsehen.«

»Soll ich mitkommen?«, fragte Katharina, sich mühsam aus dem Bann befreiend, der sie umfing.

»Nein, nein, lass nur. Wir haben unseren Ausritt ja gerade erst begonnen. Vielleicht begleitet dich Fürst Philipp? Da du dich hier ja noch nicht auskennst?«

»Nichts, was ich lieber täte«, sagte Philipp prompt. In seinen Augen lag ein Funkeln. Er wusste ganz genau, dass der Herd nur ein Vorwand war, um Katharina mit ihm allein zu lassen.

»Wunderbar«, sagte Irene Lorenzen und wendete Holly. »Genieß den Ausritt, Katharina. Auf Wiedersehen, Fürst Hohenstein.«

»Auf Wiedersehen, Frau Lorenzen.«

Als Irene Lorenzen hinter eine Biegung verschwunden war, wendete Philipp sein Pferd, so dass er neben Katharina ritt. »Sie kennen die Gegend hier also gar nicht?«

»Als ich Tante Irene das letzte Mal besucht habe, wohnte sie noch direkt in Bad Segeberg.«

»Das muss schon eine Weile her sein.«

Katharina nickte, während sie neben Fürst Philipp in einen Waldweg einbog. Frischer Kiefernduft umwehte sie.

»Meistens besucht Irene uns, meine Eltern und mich, auf unserem Gut bei Eckernförde.«

»Richtig. Komtess Katharina«, sagte er nachdenklich. Er sah sie fragend an. »Ich gestehe, mir sind die Familienverhältnisse nicht ganz klar.«

»Meine Mutter ist eine geborene Müller. Irene ist ihre Schwester. Mama heiratete Ralf Graf von Erlenburg und Irene Paul Lorenzen. Daher bin ich eine Komtess mit einer ganz bürgerlichen Tante.« Sie lächelte. »Und Sie? Ich weiß nur, dass Sie hier irgendwo wohnen müssen.«

Philipp wies mit der Hand nach rechts. »In der Richtung liegt Schloss Hohenstein. Sitz der Familie seit 1649. Das Schloss selber ist übrigens aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die meiste Zeit wohne ich allein dort. Im Moment besuchen mich allerdings mein Bruder Markus und unsere Schwester Laura.«

Sie kamen aus dem Wald, und vor ihnen erstreckten sich zwei Kornfelder, die durch einen Knick getrennt waren.

»Das linke Feld gehört Witte, und hier rechts beginnen unsere Ländereien.« Fürst Philipp bog ab, und sie folgten dem Feldrain. Die Sonne stieg höher und mit ihr die Temperaturen.

»Was halten Sie von einer kleinen Pause? Wir könnten im Schloss etwas trinken.«

Katharina nickte zustimmend. Der Ritt hatte sie durstig gemacht. Außerdem war sie gespannt auf Philipps Geschwister.

Schloss Hohenstein war deutlich größer als das Gutshaus von Katharinas Eltern. Es war auch in einem besseren Zustand, wie sie neidvoll zugestehen musste. Der Familie schien es finanziell gut zu gehen.

Ein Pferdeknecht kümmerte sich um die Tiere, und Philipp und Katharina wandten sich dem Schloss zu. Schon als sie den Fuß auf die unterste Stufe der marmornen Freitreppe setzten, öffnete der Butler die Eingangstür.

»Johannsen. Bringen Sie Komtess Erlenburg und mir doch bitte Tee ins Esszimmer.«

»Sehr gern, Durchlaucht.« Der Butler verneigte sich respektvoll.

»Wo finde ich Markus und Laura?«

»Der Prinz und die Prinzessin sind vor einer knappen halben Stunde nach Lübeck gefahren.«

Philipp sah Katharina bedauernd an. »Da kann man nichts machen. Ich hätte sie Ihnen gerne vorgestellt.« Er ging ihr voran und öffnete selbst die Tür zum Esszimmer.

Der gepflegte Eindruck, den das Schloss schon von außen auf Katharina gemacht hatte, setzte sich im Innern fort. Das Esszimmer mit dem lindgrünen Tapeten und den Biedermeiermöbeln fand sie einfach zauberhaft und sagte es auch. Fürst Philipp schien das Lob zu freuen. Sie setzten sich und gleich darauf brachte der Butler den Tee. Sie plauderten über das Wetter, die Ernte und Pferde, und Katharina bemerkte gar nicht, wie die Zeit verrann. Sie gestand sich ein, dass sie sich in Philipps Gegenwart ausgesprochen wohl fühlte. Obwohl sie ihm heute erst das zweite Mal begegnet war, kam es ihr vor, als würde sie ihn schon viel länger kennen. Sie mochte seinen Humor, und er schien ihren zu mögen.

Hin und wieder blitzte in seinen Augen ein sonderbarer Ausdruck auf. War es Zärtlichkeit? Katharina fühlte sich von verwirrenden Gefühlen überschwemmt. Ihr Magen flatterte, ihr Herz schlug schneller. War sie dabei, sich zu verlieben?

Es klopfte an der Tür, und der Butler trat ein. »Verzeihung, Durchlaucht. Bleibt die Komtess zum Essen?«

Katharina warf einen Blick auf die Uhr. Halb zwölf

»Möchten Sie?«, fragte Philipp.

Katharina schüttelte energisch den Kopf. Sie sah die Enttäuschung auf Philipps Gesicht und erklärte schnell: »Ich bin gestern Abend erst angekommen. Da kann ich Tante Irene heute Mittag nicht alleine lassen. Wie ich sie kenne, hat sie ein Drei-Gänge-Menü gezaubert. Wissen Sie, Kochen ist ihr Hobby. Es wäre unhöflich, sie alleine zu lassen.«

Sie erhob sich, und Philipp folgte ihrem Beispiel. »Da haben Sie allerdings recht«, gab er zu. »Also kein weiteres Gedeck, Johannsen. Und sagen Sie bitte in den Stallungen Bescheid, dass wir weiterreiten wollen.«

Johannsen verließ den Raum mit einer Verbeugung.

Katharina und Philipp folgten ihm. Bis die Pferde wieder gesattelt waren, wanderten sie ein wenig im Park umher. Katharina mochte den Rosengarten, den Philipps Großmutter angelegt hatte, und bewunderte eine Sonnenuhr aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Als sie losritten, nahmen sie den kürzesten Weg zum Gut Lindenhain. Noch immer brauchten sie über zwanzig Minuten. Katharina prägte sich den Weg so gut es ging ein, damit sie ihn später allein finden konnte.

Auf dem Gut kam ihnen Irene entgegen. Sie hatte ihre Reitkleidung abgelegt und trug wieder einen schlichten Hosenanzug. »Ich habe euch kommen sehen. Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass du zum Mittag kommst, Katharina.«

»Aber Irene. Ich kann dich doch nicht hängen lassen. Du hast doch sicher wieder tagelang in der Küche gestanden«, sagte Katharina und glitt aus dem Sattel.

»Unsinn«, wehrte Irene ab. »Ich habe eine Kanzlei zu führen, wie du weißt. Ich koche doch nur zum Spaß.«

»Das aber sehr gut.«

»Danke. Möchten Sie zum Essen bleiben, Fürst?«

Philipp schüttelte den Kopf. »Danke für das Angebot. Aber meine Geschwister sind gestern angekommen. Sie wären sicher ebenso enttäuscht, wenn ich nicht zum Mittag da bin.« Er schenkte Katharina ein Lächeln, in dem Bedauern und noch etwas anderes lag. Zuneigung? Vielleicht sogar Liebe? »Sie sehen, auch ich habe familiäre Verpflichtungen.«

Sie erwiderte das Lächeln warm.

Philipp verabschiedete sich und wendete sein Pferd.

»Sehen wir uns morgen?«, fragte Katharina spontan. Sie konnte ihn unmöglich einfach so gehen lassen.

Er überlegte einen Augenblick. »Ich muss morgen arbeiten. Ich könnte Ihnen also höchstens einen Ausritt morgens um sieben oder einen abends ab sechs anbieten.«

»Morgen früh ist prima. Da ist die Luft noch frisch. Treffen wir uns an dem kleinen See, wie heute Morgen?«

»Ich werde dort sein.« Philipp nickte den Frauen noch einmal grüßend zu und ritt davon.

Katharina sah ihm bedauernd nach und unterdrückte ein Seufzen.

Irene hakte sich bei ihr unter und drückte ihren Arm fest. »Gehe ich Recht in der Annahme, dass dir der Fürst nicht völlig gleichgültig ist?«

»Ich kenne ihn doch kaum«, wehrte Katharina ab. Das leichte Ziehen in ihrem Herzen sprach jedoch eine ganz andere Sprache. Es sprach von Sehnsucht, die sich nicht darum scherte, wie lange Katharina den Fürsten kannte.

Irene lachte leise und wissend. »Das ist auch nicht immer nötig, um sich zu verlieben.«

*

Fürst Philipp trennte sich nur ungern von der Komtess. Während er durch den Wald und über den Hügel ritt, dachte er weiter an sie. Katharina war unkompliziert und fröhlich. In ihrer Gegenwart fühlte er sich entspannt und ruhig, obwohl sie beide erst heute Morgen nähere Bekanntschaft geschlossen hatten.

Sie war so ganz anders als Fiona Daldorf. Fiona achtete vom Aufstehen bis zum Zubettgehen auf Äußerlichkeiten, und sie war sich ihrer Wirkung sehr bewusst – speziell ihrer Wirkung auf Männer. Philipp gestand sich bitter ein, dass auch er Fionas Reizen erlegen war. Ihre Beziehung hatte ein gutes Jahr gedauert. Am Ende hatte es Philipp nicht mehr ertragen, wie besitzergreifend und eifersüchtig Fiona gewesen war. Er hatte kaum einen Schritt ohne sie tun können.

Ein bitteres Lächeln spielte bei der Erinnerung um die Lippen des Fürsten. Sein Vater hatte damals doch Recht gehabt. Er hatte gleich gesagt, dass Fiona keine Frau für Philipp wäre. Er selbst hatte die Warnung in den Wind geschlagen. Er hatte angenommen, sein Vater störe sich an Fionas bürgerlicher Herkunft. Justus von Hohenstein hatte sehr traditionelle Vorstellungen, die diese Stellung mit sich brachte. Eine Bürgerliche zu heiraten kam ihm ebenso abwegig vor, wie die Güter und die Angestellten im Stich zu lassen.

Die Trennung von Fiona war für Philipp schmerzhaft gewesen. Sie wollte ihn nicht ziehen lassen. Genaugenommen wollte sie das noch immer nicht. Doch inzwischen hatte Philipp sein Herz gegen sie abgeschirmt und begegnete ihr mit kühler Distanz.

In den zwei Jahren seit ihrer Trennung hatte Philipp keine andere Frau getroffen, die ihn interessiert hätte. – Bis gestern, als ihn eine Frau mit einem roten Auto nach dem Weg gefragt hatte. Philipp lächelte. Der Ausritt mit Katharina heute Morgen war der schönste seines ganzen Lebens gewesen. Er hatte das Gefühl gehabt, ganz er selbst sein zu können, keine Rolle spielen zu müssen. Das war wunderbar.

In Philipp tauchte die Frage auf, wie es wäre, sein Leben mit Katharina zu teilen. Mit ihr zusammen morgens aufzuwachen, über die Aufgaben zu sprechen, die auf den fürstlichen Gütern anstanden. Er stellte sich vor, wie es wäre, mit ihr zusammen im Winter vor dem Kamin zu sitzen. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.

Er schalt sich einen Narren. Für solche Phantasien war es viel zu früh. Erst einmal sollte er sich auf den nächsten Morgen freuen. Katharina blieb nur ein paar Monate. Dann würde sie wieder nach Eckernförde gehen, um dort ihr Referendariat fortzusetzen. Ob sie einen Freund dort hatte? Der Gedanke schoss wie ein Pfeil durch Philipps Gedanken. Er spürte eine Woge der Eifersucht in sich aufwallen und rief sich zur Ordnung. Katharina hatte nichts von einem Freund auch nur angedeutet. Andererseits war sie eine attraktive Frau. Wieso sollte sie keinen Freund haben? Weil sie sich dann nicht so verhalten hätte, sagte Philipp sich. Katharina war viel zu ehrlich, um eine Beziehung geheim zu halten.

Philipp ritt aus dem Wald und erreichte das Schloss.

Von den Stallungen kam ihm Laura entgegen. »Philipp! Da bist du ja. Was erzählt Johannsen da? Du hast eine Komtess mit aufs Schloss gebracht? Wer ist sie? Woher kennst du sie? Und warum hast du nichts von ihr erzählt?«

Philipp ließ sich aus dem Sattel gleiten. »Ich habe dir noch nichts von ihr erzählt, weil ich sie im Grunde erst heute Morgen näher kennen gelernt habe.«

»Heute Morgen? Da hast du dir ja nicht viel Zeit gelassen, um sie hierher einzuladen. Also: wer ist sie?«

Philipp erzählte seiner Schwester wie er Katharina am Vortag begegnet war und wie sie sich am Morgen zufällig getroffen hatten.

Laura sah ihn wissend an. »Klingt für mich, als seist du schwer verschossen in diese Katharina. Schade, dass wir nicht da waren. Ich hätte sie zu gerne kennen gelernt. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal.«

Das hoffe ich, dachte Philipp im Stillen.

*

Am nächsten Morgen ritt der junge Fürst wieder mit Katharina aus, und wie am Vortag verstanden sie sich blendend. Er führte sie über Wege, die sie noch nicht kannte, und sie schwärmte von der Schönheit der Gegend. Philipp liebte das Land seiner Vorfahren und freute sich daher besonders über das Lob.

Später am Vormittag saß er im fürstlichen Arbeitszimmer hinter dem wuchtigen Schreibtisch aus Mahagoni. Er versuchte, sich auf die laufenden Geschäfte des Gutes zu konzentrieren, doch schweiften seine Gedanken immer wieder zu Katharina. Sie hatte eine natürliche Anmut zu Pferde, und die eng anliegende Reitkleidung brachte ihre schlanke, sportliche Figur gut zur Geltung. Philipp hatte noch ihr Lachen im Ohr, und sah das Blitzen ihrer blauen Augen vor sich. Die Komtess von Erlenburg berührte ihn auf eine besondere Weise. Ein flüchtiges Lächeln zuckte um seine Lippen. Laura hatte Recht. Er war in Katharina verliebt.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als es klopfte. Der Butler, Johannsen, trat ein. »Herr Rehmann möchte Sie sprechen, Durchlaucht.«

Der Fürst runzelte die Stirn. Was führte den Eigentümer der Rehmann Pharma zu ihm? Normalerweise besprachen Sie Geschäftsangelegenheiten am Telefon. Er stand auf, um den Gast zu begrüßen, und rückte seine Krawatte zurecht.

»Entschuldigen Sie, dass ich so unangemeldet vorbeikomme, Fürst Hohenstein«, sagte Herr Rehmann. Er war klein und stark übergewichtig. Seine Glatze glänzte vor Schweiß. Er nestelte ein Taschentuch aus der Jacke seines eleganten Anzugs und wischte sich über den Kopf.

»Setzen Sie sich doch. Was kann ich für Sie tun?« Philipp wies zu einer Sitzgruppe aus englischen Stilmöbeln, die vor dem Kamin des Arbeitszimmers stand.

»Danke.« Herr Rehmann ließ sich schwer in einen Sessel fallen.«

Philipp nahm neugierig ihm gegenüber Platz.

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll«, erklärte Herr Rehmann, als er hinter dem Taschentuch auftauchte. »Die Sache ist mir äußerst unangenehm. Zumal ich sie mir gar nicht erklären kann.«

»Fangen Sie am besten von vorne an«, schlug Philipp vor. Er kannte Herrn Rehmann schon seit seiner Kindheit. Seit sein Vater vor fast zwanzig Jahren als stiller Teilhaber in die Firma eingestiegen war. Herr Rehmann war normalerweise die Ruhe selbst. Doch heute wirkte er ausgesprochen fahrig.

»Nun ja. Es geht um das neue Medikament, das wir entwickelt haben. Und um die Kredite, die wir deswegen aufnehmen mussten. Das Medikament ist sehr gut. So gut wie keine Nebenwirkungen. Daher haben wir viele Bestellungen dafür.«

»Das ist doch wunderbar«, sagte Philipp.

»Selbstverständlich.« Herr Rehmann nickte. »Aber seit etwa zwei Monaten haben wir Probleme. Die Qualitätskontrolle weist immer wieder große Chargen des Medikaments als schadhaft aus. Wir können diese Medikamente nicht verkaufen. Und wir finden den Fehler einfach nicht. Es ist wie verhext. Inzwischen haben wir Lieferschwierigkeiten.« Herr Rehmann zögerte. Das, was er jetzt zu sagen hatte, war ihm sichtlich peinlich: »Ohne Lieferungen bleiben die Einnahmen aus.«

Philipp war alarmiert. »Aber das Problem lässt sich doch sicherlich lösen?«

»Das auf jeden Fall. Die Frage ist nur, wie lange wir brauchen werden.« Herr Rehmann fuhr sich erneut mit dem Taschentuch über die Glatze. »Im Moment sind wir nicht in der Lage, die Kredite zurückzuzahlen, weil wir nichts verkaufen können.«

Ein Eisklumpen breitete sich in Philipps Magen aus. »Die Kredite sind durch das Schloss und die Ländereien abgesichert.«

Herr Rehmann nickte unglücklich. »Deswegen bin ich hier. Ich versichere Ihnen, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um das Problem mit dem Medikament zu lösen. Immerhin haftet auch mein gesamtes Privatvermögen für die Rehmann Pharma. Ich stehe auch schon mit der Daldorf-Bank in Verbindung, um eine Stundung zu bekommen. Aber … aber ich kann einfach nicht garantieren, dass alles gut geht.«

Philipp war wie vor den Kopf geschlagen. Sein Vater hatte vor zwei Jahren eine Hypothek auf das gesamte Eigentum der Familie aufgenommen. Er glaubte an Rehmann und an das neue Medikament. Nun drohte möglicherweise der Konkurs.

Fürst Philipp stand auf und trat ans Fenster. Vor ihm erstreckte sich der Park des Schlosses. Die weiten Rasenflächen und alten Bäume lagen im Sonnenlicht. Philipp hatte sein ganzes Leben hier verbracht und verspürte eine enge Bindung zu dem Land. Er hatte nie damit gerechnet, dass dem Besitz Gefahr drohte.

»Es tut mir leid. Ich versichere Ihnen nochmals, dass ich alles tun werde, um die Angelegenheit zu regeln. Glauben Sie mir, ich möchte die Rehmann Pharma auch nicht verlieren.« Herr Rehmann ächzte, als er sich aus dem Sessel stemmte.

Philipp riss sich zusammen und drehte sich um. »Selbstverständlich glaube ich Ihnen. Danke, dass Sie sich persönlich herbemüht haben, um mich zu informieren.«

»Das war das Mindeste, das ich tun musste.«

*

Die Ausritte mit Philipp am frühen Morgen genoss Komtess Katharina sehr. Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart und genoss die langsam wachsende Vertrautheit. Getrübt wurde ihre Freude nur dadurch, dass der Fürst oft düster und abwesend wirkte, als hätte er Sorgen. Katharina hätte gerne gewusst, was ihn bedrückte, doch wäre es ihr indiskret erschienen, ihn zu fragen. Sie verstanden sich zwar blendend, kannten sich immerhin aber erst eine Woche. So beschränkte sich Katharina auf den Versuch, Philipp aufzuheitern, was ihr meistens gelang.

Wenn sie gerade nicht mit dem Fürsten ausritt, streifte Katharina zu Fuß durch die Umgebung oder legte sich mit einem Buch auf die Liege im Garten. Meistens blieb das Buch zugeklappt auf ihrem Schoß, weil sie an Philipp dachte. An sein Lächeln, seine warmen braunen Augen, an seine sportliche Figur, in deren Nähe sie sich so geborgen fühlte. Und sie dachte an die Berührung seiner Hände, wenn er sie begrüßte oder ihr über einen Bach half. Die Berührungen lösten immer ein angenehmes Kribbeln in ihr aus. Katharina gestand sich ein, dass sie sich in den gutaussehenden Fürsten verliebt hatte. Und sie spürte die leise Hoffnung, dass ihre Liebe erwidert wurde.

Als ihre Woche Urlaub um war, musste sie leider auf die morgendlichen Ausritte verzichten. Sie und Tante Irene fuhren früh in die Kanzlei. Die lag in der Innenstadt von Bad Segeberg, im ersten Stock eines modernen Gebäudes. Irene führte Katharina herum, stellte ihr die Mitarbeiter vor und öffnete schließlich eine Bürotür. Helles Sonnenlicht flutete in einen Raum, der mit Möbeln aus Stahlrohr und satiniertem Glas eingerichtet war.

»Dies ist das Büro meines Partners. Er ist zurzeit im Urlaub, du kannst es also benutzen.«

Katharina trat ans Fenster und schob die Gardine ein Stück zur Seite. Sie blickte auf die Fußgängerzone hinaus. Menschen eilten zur Arbeit oder genossen die Strahlen der Sonne. Auf der anderen Straßenseite erhob sich ein eindrucksvoller Rotsteinbau. Daldorf-Bank stand in goldenen Lettern über dem Eingang.

»Eine Privatbank? In dieser kleinen Stadt?«

Irene trat neben Katharina. »Die Daldorfs leben in der Nähe. Daher hat die Bank hier ihren Sitz. Eine größere Zweigniederlassung ist in Lübeck und eine weitere in Hamburg. So, und jetzt an die Arbeit. Mein erster Mandant kommt in einer halben Stunde. Bis dahin will ich dir noch ein paar Akten geben, damit du auch etwas lernst.«

Die Komtess machte sich mit Eifer an die Lektüre der Akten, meist Verkehrsunfälle und Mietstreitigkeiten.

Gegen Mittag wurde es heiß in dem Büro, weil den ganzen Vormittag die Sonne hineingeschienen hatte. Katharina schwitzte und beschloss, in der Stadt ein Eis zu essen. Irene konnte sie nicht begleiten, da sie einen weiteren Mandanten erwartete.

Komtess Katharina verließ die Kanzlei und schlenderte die Fußgängerzone entlang. Sie sah hier und dort in die Schaufenster und entdeckte schließlich ein Eiscafé.

»Katharina?«

Die Stimme ließ ihr Herz erfreut hüpfen, und sie drehte sich um. Aus einem Juweliergeschäft trat Fürst Philipp in Begleitung zweier junger Leute, die ihm ähnlich sahen. Er sah gut aus in dem maßgeschneiderten hellgrauen Anzug. Katharina fiel auf, dass sie ihn bisher immer nur in Reitkleidung gesehen hatte.

»Philipp. Das ist aber eine Überraschung!«

»Ich hätte auch nicht damit gerechnet, Sie hier zu treffen. Ich dachte, Sie arbeiten.«

»Mittagspause. Ich wollte mir gerade dort drüben ein Eis gönnen.« Katharina warf neugierige Blicke zu dem blonden jungen Mann und dem Mädchen mit den üppigen rotbraunen Locken, die neben Philipp warteten.

Philipp stellte sie einander vor.

Prinzessin Laura musterte Katharina mit kaum verhohlenem Interesse, als sie ihr die Hand schüttelte. »Hallo, ich wollte Sie schon die ganze Zeit kennen lernen«, platzte sie heraus.

»Einer von Lauras Charakterfehlern«, sagte Prinz Markus, als er Katharina die Hand gab, »nahezu taktlose Offenheit.« Ein Lachen blitzte in seinen blauen Augen, das seine Worte als Scherz entlarvte.

Katharina lachte. Sie mochte Philipps Geschwister auf Anhieb. Gemeinsam gingen sie in das Eiscafé. Ihr Gespräch wanderte vom Wetter über die Landschaft der Holsteinischen Schweiz bis zur Trockenheit und den Folgen, die sie für Pflanzen und Tiere hatte.

»Dabei fällt mir ein, ich habe mir einen Namen für das Fohlen überlegt«, sagte Prinzessin Laura mit leuchtenden Augen. »Was haltet ihr von Branka? Ich habe gelesen, das heißt ›Ruhm und Ehre‹. Vielleicht erreicht sie das ja.«

»Wenn du meinst. Ich habe nichts dagegen.« Philipp sah seine Schwester mit einem Blick an, in dem sich liebevolle Zuneigung mit nachsichtiger Belustigung über den Ungestüm der Jugend mischten.

Katharina schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er ein guter Vater sein würde. Er würde seine Kinder schützen, ohne sie zu gängeln. Katharina spürte, wie sie rot wurde und rief sich zur Ordnung. Es gab überhaupt keine Veranlassung für sie, in dieser Richtung Überlegungen anzustellen. Sicher, sie wünschte sich Kinder. Aber sich Philipp als Vater vorzustellen war mehr als kühn. Sie kannten sich ja kaum. Um ihr Erröten zu überspielen fragte sie: »Sie züchten Pferde?«

»Trakehner«, erklärte Philipp. »Als Hobby.«

»Was der Qualität keinen Abbruch tut«, stellte Prinz Markus fest.

Katharina seufzte. »Wir – genaugenommen mein Vater – hat die Zucht aufgegeben. Ihm fehlt einfach die Zeit.«

»Hohenstein ohne Pferdezucht kann ich mir gar nicht vorstellen«, erklärte Laura und nippte an ihrem Eiskaffee.

»Ja«, pflichtete Markus ihr bei. »Das gehört zu Hohenstein wie ...«, er suchte nach einem passenden Vergleich, »… wie der Umstand, dass die Ländereien unserer Familie gehören. Das war so, ist so und wird immer so sein. Nicht wahr, Philipp?«

»Wenn du es sagst?«, antwortete der Fürst. Katharina meinte in seinem Lächeln einen Hauch von Bitterkeit zu entdecken, den sie sich nicht erklären konnte. Doch der Ausdruck war so flüchtig, dass sie annahm, sie habe ihn sich eingebildet.

*

Am nächsten Tag gegen Mittag brütete Katharina gerade über einer Klageschrift, als das Telefon auf dem Schreibtisch läutete. Sie zögerte etwas, bevor sie den Hörer abhob. Sicher ein Anrufer für Herrn Schulz, dem Rechtsanwalt, dem

das Büro gehörte. Zu Katharinas Überraschung war die Rechtsanwaltsgehilfin, Frau Fischer, in der Leitung.

»Fürst von Hohenstein möchte Sie sprechen.«

Philipp? Verwirrt, aber angenehm überrascht, nahm Katharina das Gespräch entgegen. »Ja?«

»Katharina! Ich hoffe, ich störe nicht?«

Das Herz der Komtess schlug schneller, als sie die dunkle Stimme hörte. »Von Ihnen lass ich mich gerne stören, Philipp.«

»Das höre ich gerne. Haben Sie gerade Mittagspause?«

»Nein, ich formuliere gerade eine Klageschrift. Aber wenn Sie in der Nähe sind, verschiebe ich die Arbeit.«

Philipp seufzte. »Ich bin zu Hause. Leider komme ich heute hier auch nicht weg.«

In Katharina stieg Bedauern auf. Sie hätte den Fürsten gerne getroffen. Sie wollte es sich kaum eingestehen, doch schon jetzt, am zweiten Tag, vermisste sie die gemeinsamen Ausritte. Wenn sie neben ihm ritt, fühlte sie sich frei und geborgen zugleich. Zudem löste seine Nähe ein Kribbeln in ihr aus, das sehr angenehm war. Sie war eindeutig verliebt.

»Können wir uns heute Abend sehen?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Leider nein«, sagte Philipp bedauernd. »Ich fürchte sogar, ich bin die ganze Woche zu beschäftigt.«

»Das ist schade.«

»Ja, aber leider nicht zu ändern. Ich wollte Sie fragen, ob wir Samstag zusammen etwas unternehmen? Als Ausgleich sozusagen.«

Katharinas Herz tat vor Freude einen Sprung. Den ganzen Tag mit Philipp zusammen sein! Die Aussicht war wunderbar. Etwas Schöneres konnte sie sich nicht vorstellen. »Nichts, was ich lieber täte.«

»Also abgemacht.« Aus Philipps Stimme klang ehrliche Freude. »Ich hole Sie um zehn Uhr bei Ihrer Tante ab. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte. Ich muss Schluss machen. Da ist ein Anruf auf der anderen Leitung.«

Beschwingt legte Katharina auf. Sie lächelte, und ihre blauen Augen blitzten vor Vorfreude. Sie würde mit Philipp einen Ausflug machen. Den ganzen Tag wären sie zusammen! Auf einmal ging ihr die Arbeit viel leichter von der Hand.

*

Philipp legte den Hörer auf die Gabel und gönnte sich einen Moment, in der er dem Gespräch nachspürte. Katharinas Stimme klang ihm noch im Ohr, und die Freude, die er darin gehört hatte. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er hatte den Eindruck, dass Katharina sich in ihn verliebte. Ihm selbst schien, als habe er sich in dem Augenblick in die Komtess verliebt, als er sie das erste Mal erblickte.

Das Telefon läutete erneut und riss ihn endgültig aus seinen angenehmen Gedanken. Herr Rehmann war am Apparat.

»Durchlaucht, wie gut, dass ich Sie erreiche. Ich rufe wegen des Kredits an.«

»Hatten Sie Erfolg mit der Stundung?«

Herr Rehmann zögerte einen Augenblick. »Ich fürchte noch nicht.«

Die Worte trafen Philipp wie eine kalte Dusche. Unwillkürlich richtete er sich in seinem Stuhl auf und fasste den Telefonhörer fester. »Wie meinen Sie das?«

»Frau Daldorf wies darauf hin, dass die Regeln für Kredite neuerdings strenger sind. Daher haben wir noch keine Einigung erzielen können. Aber wir sind für Dienstag zu einem weiteren Gespräch verabredet.« Wieder zögerte Herr Rehmann einen Augenblick. »Ich denke es wäre gut, wenn Sie daran teilnähmen, Fürst. Immerhin haftet der fürstliche Besitz für einen Kredit.«

Mit Fiona über Geld und Kredite zu verhandeln war das letzte, was Philipp wollte. Im Stillen verfluchte er Herrn Rehmann und seinen Vater dafür, dass sie ausgerechnet bei der Daldorf-Bank den Kredit aufgenommen hatten. Er atmete tief durch und sagte ruhig: »Selbstverständlich komme ich, Herr Rehmann.«

*

Der Samstag brach mit drückender Schwüle an. Es würde sicherlich ein Gewitter geben im Laufe des Tages. Aber daran dachte Komtess Katharina nicht, als sie die hellblaue kurzärmelige Seidenbluse anzog, die ihre blauen Augen so wunderbar betonte. Dazu ein enger kurzer Seidenrock in Dunkelblau und neue Pumps. Ihre blonden Haare hatte sie gestern noch schneiden lassen, so dass sie wieder kurz über den Schultern endeten. Katharina musterte sich kritisch in dem Spiegel des Bauernschranks, der in der Diele stand, und fand nichts auszusetzen.

»Was habe ich für eine elegante und schöne Nichte«, sagte Irene. Sie stand in der Küchentür und musterte Katharina wohlwollend. »Da komme ich mir ja richtig bieder vor.«

Katharina lachte. »Wenn ich eine Schürze umbinden und einen Kochlöffel in der Hand halten würde, sähe ich auch bieder aus.« Sie wechselte das Thema. »Macht es dir wirklich nichts aus, wenn ich den ganzen Tag fort bin?«

»Nein. Ich sehe doch, wie verliebt du in Fürst Philipp bist.«

Katharina wurde rot. »Ist das so offensichtlich?«

Irene lächelte. »Kein Grund, sich zu schämen. Ihr gebt ein hübsches Paar ab. Und ich fand den Fürsten schon immer sympathisch.«

Katharina fiel keine Erwiderung darauf ein. Zum Glück wurde sie einer Antwort enthoben, weil es in diesem Augenblick an der Tür schellte. Katharina öffnete. Fürst Philipp stand vor ihr, ein Bouquet gelbe Nelken in der Hand. Er trat an Katharina vorbei und überreichte Irene die Blumen. »Guten Morgen, Frau Lorenzen. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich Ihnen Katharina entführe.«

»Wie aufmerksam.« Irene freute sich sichtlich über den Strauß. »Machen Sie sich keine Gedanken. Ich habe Katharina ja die ganze Woche für mich.«

Katharina griff nach ihrer Handtasche, und mit einem kurzen Gruß verließen sie das Haus.

»Genießt den Tag!«, rief Irene ihnen hinterher.

»Ihre Tante ist sehr nett«, sagte Fürst Philipp, als er den Wagenschlag des Cabrios für Katharina aufhielt.

»Ich könnte mir keine bessere Tante wünschen«, stimmte Katharina zu und wechselte das Thema. »Wohin fahren wir?«

»Ich dachte an Lübeck. Aber grundsätzlich: wohin Sie möchten«, sagte Philipp mit einem charmanten Lächeln.

»Lübeck ist wunderbar. Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr dort.«

Katharina genoss die Fahrt. Der warme Sommerwind strich ihr über die Haut, und der Duft frisch gemähten Heus lag in der Luft. Das Korn auf den Feldern leuchtete gelb in der Sonne. In den Seen, an denen sie vorbeikamen, funkelte das Wasser. Es war ein herrlicher Tag, nur im Westen zogen sich dunkle Wolken am Horizont zusammen.

Als sie in Lübeck auf einen Parkplatz bogen, warf Philipp einen skeptischen Blick auf die Wolken und schloss das Verdeck, bevor sie den Wagen verließen.

»Nur zur Sicherheit«, erklärte er.

Hand in Hand schlenderten sie am Holstentor vorbei Richtung Rathaus. Katharina genoss Philipps Nähe und schmiegte sich unwillkürlich an ihn. Während sie durch die Gassen der Altstadt bummelten und die Bürgerhäuser vergangener Jahrhunderte bestaunten, zog sich der Himmel immer weiter zu. Wind kam auf und fegte durch die engen Gassen.

»Sollen wir irgendwo einkehren?«, fragte Philipp besorgt.

Katharina schüttelte den Kopf. Eine Bö trieb ihr eine Strähne ihres Haares in den Mund, und sie fischte sie wieder heraus. »Ich mag Wind und Wolken. Brütende Hitze hatten wir lange genug.«

Sie gingen zum Fluss und spazierten an der Trave entlang. Plötzlich zuckten Blitze, und der Himmel öffnete seine Schleusen. Der Regen setzte überraschend und heftig ein. Katharina und Philipp waren durchnässt, bevor sie auch nur einen Baum erreicht hatten, unter den sie sich notdürftig stellen konnten.

Der Regen drang durch Katharinas Sommerkleidung. Obwohl es noch immer warm war, bekam sie eine Gänsehaut und rieb ihre Arme. Philipp bemerkte es. Er zog sein Jackett aus und legte es Katharina um die Schultern.

»Sie werden ganz nass«, protestierte sie.

Philipps weißes Hemd klebte an seinem Körper. Er zuckte die Schultern und sah Katharina in die Augen. Sie standen so dicht voreinander, dass Katharina die Wärme seines Körpers spürte. Auf einmal zog Philipp sie an sich und küsste sie. Katharina erwiderte den Kuss und schlang die Arme um Philipps kraftvollen Körper. Es schien ihr das Natürlichste von der Welt, ihn zu küssen, während der Regen auf sie herunterstürzte, der Wind an ihren Kleidern riss, Blitze flammten und Donner krachend durch die Straßen fuhr.

Es kam Katharina gleichermaßen wie eine Ewigkeit vor und als ob keine Sekunde verstrichen sei, als Philipp sich von ihr löste.

Seine dunklen Haare klebten nass an seinem Kopf, und er strich sie mit einer Hand beiseite. Er schenkte Katharina ein schiefes Lächeln. »Den Regen hatte ich nicht eingeplant. Meine Vorstellung ging eher dahin, dich nach einem kleinen Spaziergang in ein Restaurant einzuladen.«

Katharina zog unwillkürlich sein Jackett enger um die Schultern, um sich vor dem Regen zu schützen. »Netter Plan. Aber glaubst du, die lassen uns rein? Du siehst aus, als hätte man dich gerade aus der Trave gezogen, und ich sicher nicht besser.«

Schalk blitzte in Philipps Augen auf. »Ich kenne ein Restaurant, da haben sie Holzstühle. Wenn wir die volltropfen, stört das wohl kaum.«

Katharina ging auf seinen spaßhaften Ton ein: »Ich hoffe, der Wirt sieht das genauso.«

Fürst Philipp legte ihr einen Arm um die Taille, und sie gingen eng aneinandergeschmiegt zu dem Restaurant, das wirklich kaum fünf Minuten entfernt lag.

Den Wirt schienen seine tropfnassen Gäste nicht zu stören. Er erkannte den Fürsten und geleitete ihn und Katharina zu einer gemütlichen Nische. Das Restaurant war Jahrhunderte alt, sorgfältig restauriert und gepflegt. An den Wänden hingen Schiffsglocken, Sextanten und Seekarten und betonten die Tradition Lübecks als Hafen- und Hansestadt. Auf dem Tischtuch standen Gläser für Wein und Wasser und edles Besteck.

Katharina und Philipp bestellten Fisch und Weißwein.

Während sie auf das Essen warteten, hielten sie einander bei den Händen und redeten über Belanglosigkeiten.

Katharina war selig. Obwohl sie nass bis auf die Haut war, wünschte sie, der Tag würde nie vergehen. So glücklich wie heute war sie in ihrem Leben noch nie gewesen. Nach ihrem Kuss an der Trave war Katharina sich absolut sicher, dass sie Philipp liebte. Sie wollte immer mit ihm zusammen sein, Freud und Leid teilen.

Philipp zog Katharinas Hand an die Lippen und küsste ihre Finger. »Ich liebe dich, Katharina. Seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe, gehst du mir nicht aus dem Kopf. Ich wünschte …« Er ließ den Satz unbeendet, und seine Miene verdüsterte sich.

Katharina wollte nachfragen, doch in dem Augenblick kam der Kellner und servierte das Essen. Philipp ließ ihre Hand los.

»Das sieht sehr gut aus«, erklärte er betont heiter.

Katharina war verwirrt. Erst erklärte Philipp ihr seine Liebe, und nun sprach er über etwas derart Belangloses wie das Essen? Irgendetwas bedrückte ihn, da war sich Katharina sicher. Bisher hatte sie seine düsteren Stimmungen ignoriert. Doch jetzt konnte sie das nicht mehr. Er hatte gesagt, dass er sie liebe. Und sie, Katharina, liebte Philipp. Viel zu sehr, um ihn mit seinen Sorgen allein zu lassen. Daher nahm sie allen Mut zusammen und sagte: »Philipp, hast du etwas? Du siehst so düster aus. Kann ich dir helfen?«

Philipp trank einen Schluck Wein und wich so ihrem Blick aus. Schließlich stellte er das Glas sorgfältig ab und meinte: »Ich wollte bloß sagen, dass ich möchte, dass du mich zu dem Ball bei der Daldorf-Bank am nächsten Samstag begleitest. Und von düsterer Stimmung weiß ich nichts.« Er sah sie wieder an. In seinen Augen stand ein bemühtes Lächeln.

Katharina runzelte unwillkürlich die Stirn. Sollte sie sich so sehr geirrt haben? Oder gab es etwas, von dem Philipp nicht wollte, dass sie es erfuhr? Aber warum? Er hatte doch erklärt, er liebe sie. War es dann nicht natürlich, alle Nöte zu teilen? Komtess Katharina beschloss, die Sache zunächst auf sich beruhen zu lassen. So hatte ihre Mutter sie erzogen. Nicht drängen, mein Kind, pflegte sie immer zu sagen.

Daher lächelte Katharina nur und sagte: »Ich begleite dich sehr gerne dorthin. Weißt du, wer sonst noch kommt? Kenne ich vielleicht jemanden?«

Philipp schien erleichtert über den Themenwechsel und erzählte Katharina lebhaft von den Gästen des letzten Jahres. Doch bei Katharina blieb ein unruhiges Gefühl zurück.

*

Philipp ging seinen Geschwistern am nächsten Tag so weit wie möglich aus dem Weg. Er wollte allein sein, um nachzudenken. Seine Gedanken kreisten um Katharina, Fiona und die Hypothek, die sein Vater auf die Güter der Hohensteins aufgenommen hatte.

Er war so glücklich gewesen, gestern mit Katharina. Sie konnte in strömenden Regen lachen. Als ihre Kleidung tropfnass an ihr hing, machte sie sich nur Sorgen um das Mobiliar des Restaurants und nicht um ihr Aussehen. Wie anders war sie als Fiona. Fiona hätte bei dem Gewitter gestern Zustände bekommen und darüber geklagt, das ihr Mascara verlief.

Philipp wünschte, er könnte immer mit Katharina zusammen sein. Gestern war dieser Wunsch so übermächtig geworden, dass er ihr fast einen Heiratsantrag gemacht hätte. Es versetzte ihm noch immer einen Stich, dass er sie angelogen hatte. Aber er konnte ihr nicht von seinen Problemen erzählen, davon, dass das gesamte Familienvermögen verpfändet war. Wenn es ihm und Herrn Rehmann am Dienstag nicht gelang, mit Fiona eine Stundung auszuhandeln, stand er vor dem Ruin. Unter den Bedingungen wäre er ein Schuft, hätte er Katharina einen Antrag gemacht. Erst musste er die Finanzen der Familie in Ordnung bringen, dann konnte er Katharina fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Philipp sehnte den Dienstag herbei, damit er endlich Klarheit bekäme.

Dann war der Tag herangekommen, und er saß gemeinsam mit Herrn Rehmann Fiona in ihrem übergroßen Arbeitszimmer gegenüber. Es war ein in hellem Kirschholz getäfelter Raum. Ein imposanter Schreibtisch, den noch Fionas Vater gekauft hatte, dominierte die eine Seite des Zimmers. Auf der anderen stand ein auf Hochglanz polierter Konferenztisch mit sechs Stühlen.

»Lassen Sie mich die Angelegenheit zusammenfassen«, sagte Fiona. Sie trug heute ein figurbetontes Kostüm in Dunkelblau. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt, was sie kühl und unnahbar erscheinen ließ. Die perfekte Geschäftsfrau. »Die Rehman-Pharma hat ein Medikament entwickelt, und die Daldorf-Bank hat das finanziert. Das Medikament verkauft sich grundsätzlich gut. Allerdings fallen fast alle Chargen bei der Qualitätskontrolle durch und können nicht verkauft werden. Als Ergebnis haben Sie keine Einnahmen und zahlen ihre Kreditraten nicht zurück.«

»Ich bin sicher, dass wir das Problem zügig lösen werden, Frau Daldorf«, versicherte Herr Rehmann. Obwohl der Raum klimatisiert war, wischte er sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

»Das versichern Sie mir seit zwei Monaten, Herr Rehmann. Dennoch erkenne ich keinen Fortschritt.« Fiona faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, und der Brillantring an ihrem Finger funkelte. »Sehen Sie, ich muss auch an meine Bank denken. Wir kalkulieren mit dem Geld.«

»Das verstehe ich durchaus, Frau Daldorf. Es geht mir ja auch nur um einen Aufschub«, versicherte Herr Rehmann eifrig.

Fiona atmete tief durch, als ringe sie mit sich. Doch Philipp kannte sie besser. Er war sicher, dass sie schon vor Beginn des Gesprächs jedes Detail geplant hatte.

»Nun gut. Für einen Monat kann ich sicherlich noch eine Stundung gewähren. Aber ich fürchte, meine Herren, danach ist Schluss. Auch eine Bank hat Geld nicht einfach herumliegen.«

Herr Rehmann wischte sich erneut den Schweiß ab. »Ich werde alles daran setzen, dass Qualitätsproblem bis dahin zu lösen und Ihnen die ausstehenden Raten zurückzuzahlen.«

Fiona schenkte Rehmann ein falsches Lächeln. »Da bin ich sicher, Herr Rehmann. Damit haben wir also eine vorläufige Einigung erzielt.«

»Wunderbar«, sagte Herr Rehmann und erhob sich. »Dann darf ich mich entschuldigen. Ich habe eine Verabredung mit Herrn Hagen, dem Chef unserer Qualitätskontrolle.«

Fiona wandte sich an Fürst Philipp. »Du bleibst aber noch, nicht wahr? Schließlich sollten wir noch einen Schluck auf die Einigung trinken.«

»Natürlich gern, Fiona.«

Philipp bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. Sein gesamtes Vermögen war ihrer Bank verpfändet und er auf ihren guten Willen angewiesen. Er verabscheute die Situation, in die die Handlung seines Vaters ihn gebracht hatte. Es kostete dem jungen Fürsten die ganze Beherrschung, zu der er erzogen war, um eine gelassene Haltung zu zeigen.

Fiona ging zu einer Kaffeemaschine, die auf einem Sideboard stand, und bereitete zwei Cappuccinos.

»Wie unklug von deinem Vater, das gesamte Familienvermögen zu belasten«, mokierte sie sich, als sie eine Tasse vor Philipp abstellte.

Philipp unterdrückte ein Seufzen, als Fiona aussprach, was er dachte. Stattdessen sagte er: »Vater hat an das Medikament geglaubt. Es ist ja auch gut.«

»Dennoch war es unklug. Ich hoffe wirklich, Herr Rehmann kann das Qualitätsproblem lösen.« Fiona ließ ein Stück Zucker in ihre Tasse gleiten. »Ich würde äußerst ungern dein Eigentum versteigern lassen.«

Philipp verschluckte sich fast an seinem Cappuccino. »Das ist recht drastisch ausgedrückt.«

»Sicherlich. Aber so etwas kommt vor. Gar nicht mal so selten.« Fiona sah ihn an, und ein Lächeln stahl sich in ihre Züge. »Aber in deinem Fall ist das völlig überflüssig, Darling.«

Philipp hob fragend eine Augenbraue.

Fiona legte ihre Hand auf Philipps. »Heirate mich«, sagte sie schlicht.

Philipp glaubte, sich verhört zu haben. Doch ein Blick in Fionas grüne Augen sagte ihm, dass sie es völlig Ernst meinte. Tausend Gedanken schossen gleichzeitig durch Philipps Kopf. Fiona schien noch immer in ihn verliebt zu sein. Der Besitz wäre gerettet. Er würde nie mit Katha­rina zusammen sein können. O Gott, Katharina! Ihr lächelndes Gesicht mit den blauen Augen und den blonden offenen Haaren stand vor seinem inneren Auge. Katharina! Wenn er irgendetwas in diesem Leben wollte, dann sie.

Mühsam schob Philipp die Gedanken an sie beiseite und kam in die Gegenwart zurück. »Fiona«, sagte er betont ruhig, »unsere Beziehung hat vor zwei Jahren nicht funktioniert. Sie würde auch jetzt nicht funktionieren.«

Fiona runzelte die Stirn und zog die Hand fort. »Dein Vater hat dir das eingeredet. Er war immer gegen unsere Beziehung. Es störte ihn, dass wir Daldorfs nicht adelig sind. Geld allein reicht ja nicht. Um ein Mensch zu sein, muss man auch noch einen fünfhundert Jahre alten Stammbaum haben. Verdammter Standesdünkel!«

Philipp starrte Fiona mit wachsender Bestürzung an. Es stimmte zwar, dass sein Vater sehr standesbewusst gewesen war. Es stimmte auch, dass er Fiona Daldorf nie gemocht hatte. Doch die Wünsche und Vorstellungen seines Vaters waren nicht der Grund, aus dem er, Philipp, sich von Fiona getrennt hatte.

»Fiona, Vater hatte keinen Einfluss …«

Sie hörte ihm nicht zu, sondern beendete ihre Ausführungen: »Aber jetzt bist du der Fürst und kannst tun, was du willst.«

Philipp schnaubte unwillkürlich. Könnte er tun, was er wollte, würde er Katharina heiraten.

Fiona missdeutete sein Schnauben. »Aber es ist wahr! Deine Eltern sind tot. Dein Vater kann dir nicht mehr in deine Heiratspläne hineinreden.«

»Fiona, es geht nicht darum, was Vater gewollt hätte. Ich liebe dich nicht«, sagte Philipp eindringlich. »Deine ewige Eifersucht hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Um es ganz deutlich zu sagen:

Ich habe mich von dir getrennt, weil ich nicht mehr mit dir zusammen sein wollte. Aus keinem anderen Grund.« Er erhob sich. »Ich glaube es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«

Fiona erhob sich ebenfalls. Sie war blass geworden und ihr Blick unsicher. »Das meinst du nicht im Ernst. Ich weiß, dass du das nicht im Ernst meinst. Wir haben so gut zueinander gepasst. Denk in Ruhe nach. Ich würde alles tun, um dich glücklich zu machen, das weißt du. Ich wäre eine wunderbare Fürstin. Ich bin es gewohnt, mich in Gesellschaft zu bewegen. Wir waren ein wunderschönes Paar. Alle haben das gesagt. Wir können es wieder sein.«

»Fiona. Nein. Zwischen uns beiden ist es aus. Endgültig.« Philipp legte die Hand auf den Türgriff.

»Aber du kommst doch am Samstag? Zu dem Ball?«

Philipp verblüffte der Themenwechsel. Er sah sie an. In ihren Augen lag ein derart flehender Ausdruck, dass Philipp es nicht über sich brachte, abzulehnen. »Sicher«, sagte er.

Er verließ Fionas Büro und kam in die Schalterhalle. Unangenehm wurde er sich der neugierigen Blicke bewusst, die die Angestellten ihm zuwarfen. Er hörte Absätze hinter sich auf dem Marmorboden klappern, dann hakte Fiona sich bei ihm unter. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass sie sich wieder völlig in der Gewalt hatte. Sie würde der Öffentlichkeit nie ein anderes Bild als das absoluter Souveränität zeigen.

»Ich muss doch den vornehmsten Kunden meiner Bank zur Tür begleiten«, erklärte sie mit einem Lächeln.

Der Fürst hätte sie am liebsten abgeschüttelt. Stattdessen passte er seinen Schritt dem ihren an. Es gehörte sich nicht, eine Dame in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Auf der Freitreppe, die zur Daldorf-Bank führte, ließ er sie los.

»Auf Wiedersehen, Fiona.«

Fiona legte ihm plötzlich die Arme um den Hals und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. »Denk über das nach, was ich sagte. Es war mir Ernst damit.« Sie ließ ihn los, drehte sich um und ging in die Bank zurück.

Philipp sah ihr noch eine Weile nach, irritiert von ihrem Verhalten.

*

Auf der anderen Straßenseite saß Komtess Katharina seit zwei Stunden über einer Akte. Sie versuchte sich auf die Schilderung eines Verkehrsunfalls zu konzentrieren, doch vergeblich. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Philipp ab. Er liebte sie! Der Gedanke hob Katharinas Stimmung und ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie erinnerte sich noch gerne an ihr Treffen vom Vortag, als sie – durchnässt, glücklich – durch Lübeck geschlendert und schließlich heimgefahren waren. Sie seufzte und schob den Gedanken beiseite. Zum dritten oder vierten Mal begann sie, den Schriftsatz des Klägeranwalts zu lesen. Das Telefon klingelte. Katharina griff zum Hörer und meldete sich.

Die Rechtsanwaltsgehilfin, Frau Fischer, war in der Leitung. »Komtess Erlenburg, da ist ein Herr Arno Winderfeld in der Leitung.«

»Graf«, verbesserte Katharina automatisch. »Er ist mein Vetter. – Wie er mich wohl hier gefunden hat? Bitte verbinden Sie mich doch.« Es klickte in der Leitung. »Ja? Arno?«

»Katharina! Schön dass ich dich erreiche. Deine Mutter hat mir gesagt, wo ich dich finden könnte.« Die dunkle, laute Stimme ließ in Katharina das Bild ihres Cousins entstehen. Er war groß und kräftig, und seine blonden Locken waren immer zu lang.

»Hallo!« Katharina freute sich. »Wie schön, dass du anrufst. Wir hören selten genug voneinander.«

»Was nicht nur an mir liegt, Cousinchen«, sagte Arno mit dröhnender Stimme. »Wie auch immer. Ich bin nächste Woche bei euch im kalten Norden und dachte, wir könnten uns treffen.«

»Kalter Norden? Wir haben über dreißig Grad«, ging Katharina auf seinen Spott ein. »Aber ein Treffen wäre wunderbar! Wann kommst du?«

»Ich habe Montag einen Termin in Hamburg. Danach könnte ich bei dir vorbeischauen.«

Katharina kam ein Gedanke. »Ich habe eine Idee. Tante Irene wohnt auf einem Reiterhof, Gut Lindenhain. Buche doch für eine Nacht ein Zimmer auf dem Gut. Dann könnten wir am Sonntag ausführlich miteinander reden, und Montag kannst du bequem nach Hamburg fahren.«

Arno stimmte zu, und Katharina gab ihm die Telefonnummer von Herrn Witte.

Als sie aufgelegt hatte, beschloss Katharina, eine Pause zu machen. Sie konnte sich sowieso nicht konzentrieren. Sie holte sich eine Tasse Kaffee am Automaten, der bei Frau Fischer im Büro stand, und kehrte in ihr eigenes zurück. Mit der Tasse in der Hand stellte sie sich ans Fenster und sah hinaus auf die lebhafte Fußgängerzone. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie freute sich auf Arnos Besuch. Ihre Gedanken wanderten weiter zu Philipp. Sie war so glücklich, seit er sie am Samstag geküsst hatte. Katharina berührte sanft mit dem Finger die Lippen bei der Erinnerung. Sie fühlte sich einfach wunderbar, verliebt wie sie war. Es gab nur einen einzigen Wehrmutstropfen: Philipp schien etwas zu beschäftigen, und er sagte ihr nicht, was. Sie liebte ihn und wollte alles mit ihm teilen, auch seine Probleme. Doch sie wusste, dass Männer oft ihre Sorgen für sich behielten. Sie kannte das von ihren Eltern. Ihre Mutter klagte häufig, dass ihr Mann am liebsten alle Schwierigkeiten von der Familie fern hielt. Vermutlich war Philipp einfach genauso.

Es klopfte, und Frau Fischer trat ein, einen Stapel Akten im Arm. »Entschuldigen Sie. Die Akten müssen hier in die Regale.«

Katharina nickte und schaute weiter auf die Straße, während die Rechtsanwaltsgehilfin die Akten einsortierte.

Katharinas Blick wanderte zur Daldorf-Bank gegenüber. Die Tür öffnete sich, und zwei Personen traten auf die Freitreppe. Katharina stockte der Atem. Der Mann war eindeutig Philipp. Die Frau an seiner Seite eine rassige Schönheit etwa in seinem Alter. Jetzt umarmte sie ihn und küsste ihn.

»Ach, sind die jetzt wieder zusammen?« Frau Fischer hatte die Akten weggeräumt und war neben Katharina getreten.

»Wen meinen Sie?«, fragte Katharina. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ihre Stimme klang ihr fremd in den Ohren.

Frau Fischer schien davon nichts zu bemerken. »Den Fürsten von Hohenstein und Fiona Daldorf. Sie hatten vor zwei, drei Jahren eine Beziehung. Ich dachte, sie hätten sich getrennt.«

»Fiona Daldorf?«, sagte Katharina fragend.

Frau Fischer nickte. »Ihr gehört die Daldorf-Bank. Sie hat sie von ihrem Vater geerbt, als der vor vier oder fünf Jahren starb.«

»Und … und sie ist die Freundin des Fürsten?«

Frau Fischer zuckte die Schultern. »Jedenfalls waren die beiden früher ein Paar. Meine Freundin – sie arbeitet in der Bank – erwartete sogar, dass sie heiraten würden. Dann erzählte sie, dass die beiden sich getrennt hätten. Na ja, manchmal kommen Paare wieder zusammen, nicht? Und hübsch anzuschauen sind sie ja. Fiona ist sicherlich die schönste Frau hier in der Gegend. Und der Fürst muss sich ja auch nicht gerade verstecken, nicht?«

Frau Fischer verließ den Raum, ohne zu bemerken, welch verheerende Wirkung ihre Worte auf Katharina hatten. Katharina taumelte zu ihrem Stuhl. Vor ihren Augen stand noch immer die Szene, die sie gerade beobachtet hatte. Philipp und Fiona Daldorf! Sie hatte ihn umarmt, geküsst, wenn auch nur flüchtig. Sie war so vertraut mit ihm umgegangen. War Philipp mit dieser Frau zusammen? War das der Grund für seine Zurückhaltung? Katharina konnte sich das kaum vorstellen. Sie wollte nicht glauben, dass Philipp nur mit ihr gespielt hatte.

*

Katharina verbrachte einen unruhigen Nachmittag. Sie konnte sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren. Um half fünf gab sie auf und klopfte bei ihrer Tante an die Bürotür.

»Ich mache für heute Feierabend.«

Irene sah von dem Schriftsatz auf, den sie gerade las. »Ja, geh nur. – Ist etwas? Du siehst blass aus, Katharina.«

»Nein, gar nichts«, log die Komtess hastig. »Alles bestens. Tschüs.« Sie verließ eilig das Büro. Ein Gespräch über ihre Gefühle war das letzte, was sie brauchte. Sie eilte die Treppe hinunter und auf die Straße. Sie wollte allein sein. Ohne auf ihre Umgebung zu achten, ging sie die Straße entlang.

Wie aus dem Nichts stand dort plötzlich Philipp vor ihr. »Hallo Katharina«, sagte er und zog sie zärtlich an sich.

Katharina wurde stocksteif in seiner Umarmung. Philipp ließ sie verwirrt los. »Ist etwas?«

Ja, was hast du mit dieser Daldorf zu schaffen?, dachte Katharina. Laut sagte sie jedoch … »Ich … ich war nur überrascht. Ich hatte dich nicht gesehen.«

Der Fürst sah sie forschend an, ließ ihre Aussage aber gelten. »Ich habe in dem Café dort auf dich gewartet. Komm, setzen wir uns.« Er nahm Katharina bei der Hand, und sie folgte ihm auf die Sonnenterrasse des Cafés. Die Kellnerin kam, und Katharina bestellte einen Eiskaffee.

»Wie war dein Tag?«, fragte Philipp, als die Kellnerin sich entfernt hatte.

Katharina fühlte sich völlig verwirrt. Philipp benahm sich wie immer. Wie konnte er sie so verliebt ansehen, wenn er nur ein paar Stunden zuvor Fiona Daldorf geküsst hatte?

»Viel Arbeit«, antwortete sie vage.

Philipp runzelte die Stirn. »Ist etwas passiert? Du wirkst so unruhig.«

Katharina bemühte sich um einen leichten Tonfall. »Das ist wohl nur Nervosität. Ich soll nächste Woche zum ersten Mal einen Fall vor Gericht vertreten.«

Philipp legte beruhigend seine Hand auf ihre.

»Du schaffst das schon. Da bin ich ganz sicher.«

Die Kellnerin brachte den Eiskaffee. Katharina trank einen Schluck.

»Wie hast du den Tag verbracht?«, fragte sie harmlos. Würde Philipp zugeben, dass er sich mit Fiona Daldorf getroffen hatte?

Die braunen Augen des Fürsten verdüsterten sich. Er rührte gedankenverloren in seinem Kaffee. »Ein paar geschäftliche Schwierigkeiten. Aber damit will ich dich nicht behelligen.«

»Waren sie der Grund, warum du heute in der Bank warst?«, bohrte Katharina nach. Sie brauchte Gewissheit!

Philipp sah Katharina überrascht an. »Woher weißt du das?«

»Ich habe dich vor der Bank mit Frau Daldorf gesehen. In inniger Umarmung.« Die Worte waren Katharina entschlüpft, bevor sie darüber nachgedacht hatte.

»Ach, darum bist du so zurückhaltend«, sagte Philipp. »Du denkst, Fiona und ich wären ein Paar?«

»Unsere Frau Fischer behauptet, ihr wäret eins gewesen«, verteidigte Katharina sich.

»Vor zwei Jahren«, räumte Philipp ein, und er setzte eindringlich hinzu: »Katharina, da ist nichts mehr.«

Katharina war noch nicht bereit, die Sache fallen zu lassen. »Das sah aber anders aus. Du hast sie geküsst.«

»Sie hat mich geküsst, nicht ich sie«, stellte der Fürst richtig. Ein bitterer Ausdruck flog über sein markantes Gesicht. »Fiona ist recht besitzergreifend. Sonst ist da nichts.« Er fasste nach Katharinas Hand. »Bitte, du musst mir glauben. Ich liebe dich, Katharina.«

Als sie den flehenden Blick seiner Augen sah, nickte sie. Sie zog seine Hand an ihre Lippen und küsste sie. »Ich liebe dich auch.«

*

Komtess Katharina legte die Perlenkette an, die ihre Eltern ihr zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatten, und befestigte die dazu passenden Ohrringe. Sie trat einen Schritt zurück, um die Wirkung zu begutachten. Die Kette hob die zarte Bräune ihrer Haut hervor. Katharina lächelte und griff zum Lippenstift. Gleich darauf lief sie leichtfüßig die Treppe hinunter und betrat das Wohnzimmer. Irene sah von dem Krimi auf, den sie gerade las. Katharina drehte sich überschwänglich einmal um die eigene Achse. Das elegante lange Kleid aus Seidentaft knisterte leicht.

»Du bist wunderschön, Katharina. Himmelblau steht dir ausgezeichnet. Ich wette, nach dir werden sich alle Männer den Hals verdrehen.«

Katharinas Hochgefühl bekam einen deutlichen Dämpfer durch diese Worte. »Nie im Leben«, sagte sie. »Dafür ist Frau Daldorf viel zu schön. Die Männer werden ihr hinterherschauen.«

Kurz zuckte der Gedanke in ihr auf, Philipp könnte wieder ein Interesse an Fiona entwickeln. Nein. Niemals. Er hatte ihr gesagt, dass die Beziehung zwischen ihm und Fiona vorbei sei. Endgültig. Katharina glaubte ihm, und sie war fest entschlossen, nie Zweifel aufkommen zu lassen.

Ein Auto hupte, und Katharina öffnete die Tür. Fürst Philipp stand vor ihr. Er trug mit nachlässiger Eleganz einen Smoking, der seine gute Figur unterstrich. Philipps braune Augen leuchteten warm, als er sich formvollendet über die Hand der Komtess beugte. »Du siehst zauberhaft aus, Katharina. Wollen wir?«

Der Sommerball der Daldorf-Bank fand in der Villa der Daldorfs außerhalb von Bad Segeberg statt. Als Philipp und Katharina eintrafen, standen schon viele elegante und teure Autos auf dem weiten Platz vor der Villa. Philipp half Katharina beim Aussteigen und bot ihr dann galant den Arm. Sie hatten gerade ein paar Schritte auf den Eingang zu gemacht, als ein weiteres Auto auf den Parkplatz bog.

»Wartet«, rief eine Stimme.

Als sie sich umdrehten, erkannte Katharina Prinzessin Laura, die aus dem Wagenfenster winkte. Sie und Prinz Markus stiegen aus. Markus trug wie Philipp einen Smoking, der seine schlanke Figur gut zur Geltung brachte. Laura hatte ein Abendkleid aus brauner Rohseide gewählt. Ihre widerspenstigen rotbraunen Locken waren zu einem Knoten geschlungen. Dadurch wirkte sie deutlich älter als ihre sechzehn Jahre.

»Schön, dass wir euch treffen.« Laura hakte sich bei ihren beiden Brüdern unter, und zu viert nebeneinander gingen sie auf die Villa zu.

Durch die offene Eingangstür drangen Walzerklänge zu ihnen und dazu das Gemurmel von Gesprächen. Sie betraten das zweigeschossige Foyer. Das Licht eines großen Kronleuchters, hundertfach verstärkt durch funkelnde Kristalle, spiegelte sich in dem auf Hochglanz polierten Marmorfußboden und den marmorverkleideten Wänden.

Fiona Daldorf erwartete ihre Gäste an der Doppelflügeltür, die zum Ballsaal führte. Sie trug ein sanft schimmerndes Kleid in dunklem Violett. Ein auffälliges Brillantcollier schmückte ihren Hals. Die Steine blitzten im Licht.

Als Katharina Fiona sah, kam sie sich bieder und schlicht vor wie eine Landpomeranze. Man konnte über Fiona Daldorf sagen, was man wollte: Sie verstand es, aufzutreten.

Fiona entdeckte Philipp, und ein strahlendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Dann bemerkte sie Katharina, und das Lächeln gefror.

»Wie schön, dass ihr kommen konntet.« Die Freundlichkeit klang falsch in Katharinas Ohren. »Laura. Hübsches Kleid, das du da trägst. Es steht dir wirklich gut. Markus. Nett, dass du gekommen bist. Philipp, Darling.«

Philipp umfasste Katharinas Arm fester, wie um zu verhindern, dass Fiona ihn umarmte.

»Und das ist …?« Fiona spießte Katharina mit ihrem Blick geradezu auf.

»Komtess von Erlenburg.« Philipps Stimme klang gelassen. Bemerkte er, wie hasserfüllt Fiona Katharina musterte?

»Wie nett, Ihre Bekanntschaft zu machen, Komtess«, sagte Fiona spitz.

Katharina reichte ihr die Hand. Sie fühlte sich unwohl. »Ich freue mich auch, Frau Daldorf«, log sie.

Neue Gäste kamen, um die Fiona Daldorf sich kümmern musste. Katharina betrat mit den Hohensteins den Ballsaal. Er war schon voller Menschen, die sich zu den Walzerklängen auf dem Parkett drehten. Katharina erkannte den Bürgermeister und ein, zwei Landespolitiker. Der Chef eines bekannten Unternehmens unterhielt sich mit einer Serienschauspielerin. Ein Fotograf schoss Fotos der Tanzenden. Sicher jemand von der Lokalpresse.

»Frau Daldorf scheint eine Menge einflussreicher Menschen zu kennen.« Katharinas Stimme klang belegt.

»O ja«, bestätigte Philipp, »das tut sie. Wollen wir tanzen?«

Er führte sie auf die Tanzfläche. Philipp war ein guter Tänzer, und Katharina genoss es, mit ihm durch den Saal zu schweben. Nach einer Weile suchten sie den Raum mit den Erfrischungen auf und tranken ein Glas Champagner.

Ein kleiner dicker Mann trat zu ihnen, dessen Smoking über dem Bauch spannte. Er wurde von einer Dame in einem wallenden Kleid begleitet. Philipp stellte sie als Herrn und Frau Rehmann vor, die Eigentümer einer Arzneimittelfirma. Sie unterhielten sich eine Weile, sprachen über den heißen Sommer und Trockenheit. Kurz darauf kamen Markus und Laura und das Ehepaar Rehmann verabschiedete sich.

Philipp entdeckte Fiona. Er zog Katharinas Finger an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. »Ich werde wohl unserer Gastgeberin ein Tänzchen widmen müssen. Entschuldige mich bitte.«

Prinz Markus entdeckte eine alte Klassenkameradin und verabschiedete sich ebenfalls.

Prinzessin Laura sah stirnrunzelnd zu Philipp und Fiona hinüber, die über das Parkett wirbelten. Ein Blitzlicht flammte auf, als der Fotograf das Paar aufnahm.

»Er sollte ihr nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken«, meinte Laura.

»Sie ist die Gastgeberin. Da kann er sie kaum ignorieren. Das wäre unhöflich.« Katharina nippte an ihrem Champagner.

»Sicher. Aber Fiona ist so besitzergreifend.« Laura schaute Katharina an. »Er hat vor zwei Jahren mit ihr Schluss gemacht. Und sie benutzt immer noch jede Gelegenheit, um auf Schloss Hohenstein aufzutauchen.«

»Du magst sie nicht«, stellte Katharina fest.

»Stimmt.« Plötzlich zuckte ein Lächeln über Lauras Gesicht. »Markus meint, ich sei eifersüchtig. Weil Fiona so schön ist.«

Um Katharinas Mundwinkel zuckte es amüsiert. »Und? Stimmt das?«

»Nein. Ich mag Fiona nicht, weil sie Philipp hinterherläuft. Und weil ich sie für eine hinterhältige Katze halte.«

Katharina wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Zum Glück wurde sie einer Antwort enthoben, da in diesem Moment Markus zurückkam. Er bat Katharina um einen Tanz und führte sie aufs Parkett. Sie stellte fest, dass auch er ein sehr guter Tänzer war. Während sie ihre Runden drehten, schweifte Markus’ Blick über die Tanzenden. Er runzelte die Stirn. Katharina folgte seinem Blick und entdeckte Philipp, der noch immer mit Fiona tanzte.

Markus murmelte etwas, das wie: »Das gefällt mir nicht«, klang. Er steuerte durch die Tanzenden, so dass er und Katharina am Ende des Walzers neben Philipp und Fiona standen.

»Darf ich abklatschen?«, fragte er, als die ersten Takte des nächsten Stückes erklangen. Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff er Fiona und wirbelte sie fort.

Philipp sah ihm einen Moment gedankenvoll nach. Dann wandte er sich Katharina zu. »Sollen wir tanzen?«

Katharina schüttelte den Kopf. »Ich würde gerne einen Moment an die frische Luft gehen.«

Sie verließen den Ballsaal durch weit geöffnete Flügeltüren und traten auf die Terrasse, die sich an der gesamten Rückfront der Villa entlangzog. Die Nacht war noch immer warm, doch angenehm nach der Hitze des Tages. Hand in Hand schlenderten sie über die Terrasse und in den Garten. Fackeln und Lampions, die in den Bäumen hingen, erhellten die Wege und verbreiteten einen geheimen Zauber. Katharina und Philipp genossen schweigend die Nähe des anderen.

»Lass uns zum Seerosenteich gehen«, schlug Philipp vor und legte Katharina einen Arm um die Taille.

»Du kennst dich hier gut aus.«

»Ich sagte dir ja, ich war mal mit Fiona zusammen.«

Katharina spürte unwillkürlich einen Stich der Eifersucht. Sie rief sich zur Ordnung. Philipps Affäre mit Fiona war lange vorbei. Was damals gewesen war, ging sie nichts an.

Sie erreichten einen kleinen Teich. Er war so weit vom Haus entfernt, dass hier nur noch wenige Fackeln standen. Stattdessen erhellte das Mondlicht die Szenerie. Es spiegelte sich auf der stillen Wasseroberfläche. An den Rändern des Teiches breiteten sich dunkel die Blätter der Seerosen aus.

»Schön ist es hier«, sagte Katharina und zog tief die Nachtluft ein. »Richtig romantisch.«

»Mir hat dieser Platz hier auch immer am besten gefallen.« Philipp drehte sich zu Katharina um, und seine Zähne blitzten weiß auf, als er lächelte. »Für die Romantik fehlt allerdings noch etwas.« Er legte die Arme um Katharina und küsste sie. Katharina wünschte, der Augenblick würde nie vergehen.

Fiona Daldorf hatte sich gefügt, als Markus sie zum Tanz führte. Schließlich konnte sie auf ihrem eigenen Ball keine Szenen machen. »Du benimmst dich bei weitem nicht so gut wie dein Bruder.«

»Für meinen Geschmack benimmt er sich zu gut. Er ist dir gegenüber viel zu höflich, Fiona. Lass ihn in Ruhe«, sagte Markus kalt.

»Ich werde mir von dir nicht in meine Beziehung zu Philipp hineinreden lassen, Markus. Sie geht dich nichts an.«

Sie machten eine weitere Drehung, und Fiona sah aus den Augenwinkeln, wie Philipp mit dieser Komtess auf die Terrasse ging. Die Frau beunruhigte Fiona mehr, als sie zugeben wollte. Eine Komtess. Eine Adelige und damit eine standesgemäße Frau für einen Fürsten von Hohenstein. Und Philipp hatte sie mit einer Zärtlichkeit angesehen, die ihr, Fiona, ganz und gar nicht gefiel.

»Philipp ist mein Bruder und geht mich sehr wohl etwas an«, sagte Markus. Der Griff seiner Hand wurde fester.

»Au! Du tust mir weh.«

Betroffen ließ er sie sofort los. »Entschuldige. Das wollte ich nicht.«

Fiona nutzte ihre Chance. Sie warf Markus einen vernichtenden Blick zu und ließ ihn stehen. Sie ignorierte den einladenden Wink ihres Zweigstellenmanagers aus Hamburg für einen neuen Tanz und ging auf die Terrasse.

Eine ganze Heerschar von Helfern hatte den Tag damit zugebracht, den Garten der Villa zu schmücken. Fiona hatte keinen Blick dafür. Ihre Augen suchten die Wege ab, zuckten von einem Pärchen zum nächsten. Philipp und die Komtess waren nicht zu sehen.

Plötzlich hatte Fiona eine Idee. Eilig lief sie in den Garten hinein. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht! Philipp hatte diese Komtess von Erlenburg zum Seerosenteich geführt. Fiona spürte eine Woge heißer Eifersucht über sich hinwegbranden. Das war der Platz, an dem sie mit Philipp zusammengewesen war. Es war ihr Platz! Fionas Augen verengten sich hassvoll. Nun nahm Philipp die Komtess auch noch in die Arme und küsste sie, und zwar sehr innig.

Vor Wut ballte Fiona die Fäuste, bis sich ihre Fingernägel ins Fleisch bohrten. Alles war verkehrt. Sie selbst sollte dort mit Philipp stehen, nicht diese Frau! Was konnte die Philipp schon bieten außer einem adeligen Stammbaum? Sie sah aus wie ein blasses Mauerblümchen und würde nie, niemals die Rolle einer Fürstin angemessen ausfüllen.

Zornig drehte Fiona sich um und hastete zum Haus zurück. Sie würde das nicht zulassen. Sie würde alles dafür tun, damit Philipp sich nicht wegwarf an dieses blasse Nichts. Philipp gehörte ihr! Im Moment mochte die Komtess Philipp den Kopf verdreht haben. Aber sie, Fiona, wusste, wie sie ihm helfen konnte, den hochmütigen Standesdünkel abzulegen, den sein Vater ihm eingeredet hatte. Sie würden glücklich sein.

*

Am nächsten Morgen wachte Katharina spät auf. Philipp hatte sie erst gegen drei Uhr morgens nach Hause gebracht, und sie schlief, bis die Sonne hoch am Himmel stand. Als sie endlich zum Frühstück in die Küche kam, wartete eine Überraschung auf sie.

»Arno!«, rief sie freudig. »Ich habe dich nicht vor heute Abend erwartet.«

Arno Graf von Winderfeld stand auf und umarmte seine Cousine herzlich. Er war groß und kräftig und trug seine dunkelblonden Locken noch immer zu lang. »Ich dachte mir, wenn ich schon einmal hier heraufkomme, dann gleich so früh, dass ich mich noch ausführlich mit dir unterhalten kann. Ich bin gestern Abend angekommen. Ich wollte dich überraschen.«

»Das ist dir gelungen.«

»Ja. Vor allem habe ich selbst eine Überraschung erlebt: du warst gar nicht da.« Er lachte laut und dröhnend über seinen kleinen Scherz. Er ließ sich auf seinen Stuhl sinken, und das Möbelstück knarrte unter seinem Gewicht.

»Ich habe mich nach Kräften bemüht, dich zu vertreten, Katharina«, fügte Tante Irene mit einem Zwinkern hinzu.

Katharina setzte sich und machte sich über ein deftiges Frühstück her. Sie fragte Arno nach seiner Familie und wurde ihrerseits nach dem Ball ausgefragt. Sie erzählte, dass sie viel mit Philipp getanzt hätte und dass seine Geschwister sehr nett seien.« Nur über Fiona Daldorf schwieg sie. Sie konnte die Eigentümerin der Daldorf-Bank noch nicht einschätzen.

Nach dem sie gefrühstückt hatten, zeigte Katharina Arno die Umgebung. Sie überquerten den Hof, wechselten ein paar Worte mit dem Eigentümer, Herrn Witte, und gingen weiter in den Wald. Katharina führte Arno zu dem kleinen See, an dem sie am ersten Tag Philipp getroffen hatte. Sie umrundeten das Ufer. So in Gedanken an ihren Liebsten war die Komtess, dass sie plötzlich stolperte. Arno fing sie geistesgegenwärtig auf und hielt sie fest.

»Nicht so stürmisch, Katharinchen. Sonst brichst du dir noch die Knochen.« Lachend blickte er auf sie nieder.

»Katharinchen hat mich schon ewig niemand mehr genannt«, sagte sie gut gelaunt, als Arno sie losließ. »Das erinnert mich an meine Kindheit.«

»Mich erinnert dieser See an meine«, gestand Arno. »Sollen wir uns einen Augenblick setzen?«

Sie ließen sich am Ufer nieder, und Katharina legte sich der Länge nach ins Gras. Schäfchenwolken zogen über den Himmel. Die Komtess unterdrückte ein Gähnen. »Es war ziemlich spät, gestern Abend«, sagte sie.

Arno beugte sich vor, damit er ihr ins Gesicht sehen konnte. »Oder früh heute Morgen. Dein Fürst scheint dich ziemlich gut beschäftigt zu haben.«

»Er ist nicht mein Fürst«, stellte Katharina klar, doch sie merkte, dass sie rot wurde.

Arno grinste wissend. »Aber du hättest nichts dagegen, wenn er es wäre.«

Katharina seufzte. »Dagegen hätte ich wirklich nichts. Nur habe ich manchmal das Gefühl, da kann ich lange warten. Irgendetwas beschäftigt ihn.«

»Doch nicht diese Bankerin, oder? Du hast dich heute Morgen so auffällig zurückgehalten, was sie angeht.« Arno betrachtete Katharina aufmerksam.

»Nein, sie ist nicht der Grund«, sagte Katharina und hoffte, dass sie damit auch richtig lag. Der Gedanke an Fiona Daldorf beunruhigte sie, trotz Philipps Beteuerungen, zwischen ihnen sei alles aus. Er hatte mehr als einen Tanz mit der Bankerin getanzt. Katharina rief sich zur Ordnung. Fiona Daldorf war die Gastgeberin gewesen. Natürlich hatte Philipp mit ihr tanzen müssen. Das gebot die Höflichkeit.

Sie setzte sich auf und bemühte sich, die düsteren Gedanken abzuschütteln. »Komm, gehen wir weiter.«

Ihr Vetter zog eine Augenbraue hoch, enthielt sich aber eines Kommentars.

*

Philipp erwachte mit verliebten Gedanken an Katharina, zog sich beschwingt an und ging zum Frühstück hinunter. Der Butler teilte ihm mit, dass Prinz Markus noch schlief und Prinzessin Laura in den Ställen bei dem neuen Fohlen war. Philipp fand sie dort, wie sie dem jungen Tier sanft die kleinen Nüstern streichelte.

»Das habe ich in dem Internat am meisten vermisst: unsere Pferde. – Außer dir und Markus natürlich. Komm Philipp, lass uns ausreiten.«

Kurze Zeit später galoppierten sie über ein Stoppelfeld und zügelten ihre Pferde erst, als sie den Wald erreichten. In gemächlicherem Tempo ritten sie einen Pfad entlang. Der weiche Boden dämpfte den Hufschlag der Pferde.

»Hohenstein ist doch der schönste Flecken Erde, den es gibt«, erklärte Prinzessin Laura überschäumend und atmete tief die würzige Luft des Waldes ein. »Ich bin so froh, dass ich immer wieder hierherkommen kann.«

Sie durchquerten den Wald und erreichten ein Feld, auf dem Mais wuchs. Sie ritten daran entlang, Philipp vor Laura. Er wollte zu dem kleinen See, an dem er Katharina begegnet war. Das glitzernde Blau des Wassers tauchte hinter einer Hügelkuppe auf.

Dann bemerkte Philipp zwei Personen, die eng umschlungen auf der anderen Seite des Sees standen. Er lächelte. Am See gingen oft Liebespaare spazieren. Eines zu sehen erinnerte ihn wieder an Katharina, ihre weiche Haut, ihr duftendes Haar und den sanften Blick, mit dem sie ihn ansah.

Plötzlich stutzte Philipp und zügelte überrascht sein Pferd. Prinzessin Laura ritt fast auf ihn auf. Die Frau am See hatte sich gerade von ihrem Partner gelöst, so dass Philipp sie klar erkennen konnte. Es war Komtess Katharina. Seine Katharina! Das konnte nicht sein! Unmöglich! Aber seine Augen trogen ihn nicht. Es war Katharina, und die Umarmung war eindeutig genug.

Nun lächelte Katharina den Mann an. Es war ein sehr vertrautes Lächeln, als ob die beiden sich schon lange kennen würden. Katharina legte sich am Ufer nieder. Der Mann setzte sich neben sie und beugte sich über die Komtess. Philipp hatte das Gefühl, ein Messer schnitte durch sein Herz.

»Philipp, was ist los? Ich wäre fast auf Tassilo aufgeritten. Du kannst doch nicht einfach so anhalten.«

Lauras Stimme brachte Philipp in die Gegenwart zurück. »Es ist gar nichts«, wehrte er ab. Er warf einen letzten Blick auf das Paar am See. Dann bog er links in einen Waldweg ein. Philipp hoffte nur, dass Laura Katharina nicht gesehen hatte.

Der Rest ihres Ausritts verlief ereignislos. Laura machte keine Bemerkung über Katharina und den Unbekannten, hatte die beiden also anscheinend nicht bemerkt. Philipp war das nur Recht. Er fühlte sich außerstande, mit irgendjemand über Katharina zu sprechen.

Sobald sie die Stallungen erreicht hatten, behauptete Philipp, arbeiten zu müssen, und floh in sein Arbeitszimmer. Dort lief er wie ein eingesperrtes Tier auf und ab. Er konnte nicht glauben, was er doch mit eigenen Augen gesehen hatte: Katharina in den Armen eines anderen Mannes. Katharina, die diesen Typen vertraut anlächelte. Sie liebte diesen Kerl, das war für Philipp sonnenklar. Wie aber hatte sie gleichzeitig so mit ihm spielen können? Wie hatte sie ihn glauben machen können, sie liebte ihn? Philipp wusste nicht, was er denken sollte.

Der Butler kam und meldete, dass das Mittagessen serviert sei. Philipp fühlte sich nicht in der Lage, seinen Geschwistern gegenüberzutreten. Er schützte daher weiter Arbeit vor und ließ sich ein Sandwich ins Arbeitszimmer bringen. Es blieb unbeachtet auf dem Schreibtisch stehen.

Gegen drei Uhr nachmittags hatte Philipp einen Entschluss gefasst. Er würde zu Irene Lorenzens Haus fahren und mit Katharina sprechen. Er brauchte Klarheit.

*

Philipp wollte gerade das Arbeitszimmer verlassen, als der Butler klopfte.

»Frau Daldorf möchte Sie sprechen, Durchlaucht.«

Philipp unterdrückte ein Stöhnen. Fiona war die Letzte, mit der er jetzt diskutieren wollte. Dennoch gebot es die Höflichkeit, sie zu empfangen. Er gab Johannsen Anweisung, Fiona hereinzubitten und Tee zu servieren.

Fiona rauschte ins Zimmer. Heute trug sie ein dunkles Rot, das ihr schwarzes Haar und ihre grünen Augen betonte.

»Philipp, Darling, ich muss dringend mit dir reden«, erklärte sie. Sie machte Anstalten, ihn zu umarmen, doch Philipp fing ihre Hände ein und hielt sie so auf Abstand.

»Wir haben uns erst heute Morgen um halb drei verabschiedet. Was ist passiert?«

Fiona zog einen Schmollmund und ließ sich in einem der englischen Sessel nieder. Philipp setzte sich ihr gegenüber, bevor sie ihn auffordern konnte, den Sessel neben ihrem zu benutzen.

»Ich habe gestern ein wenig mit Herrn Rehmann geplaudert«, begann Fiona. »Er hat das Problem mit dem Medikament noch immer nicht im Griff. Er hat nicht einmal eine Ahnung, wo er suchen soll. Ich fürchte, er wird die Kreditrate für nächsten Monat auch nicht zahlen können.«

Philipp war alarmiert und versuchte, Fiona zu beruhigen. »Du weißt, dass das Medikament gut ist. Rehmann wird das Problem lösen und die Außenstände zahlen.«

Fiona zog eine Braue hoch. »Falls dann noch jemand das Medikament haben will, Darling. Die Lieferschwierigkeiten sprechen sich herum. Die Käufer sehen sich nach Alternativen um. Ich bin bei weitem nicht so optimistisch wie du, Philipp.«

In diesem Augenblick trat der Butler mit Tee und Gebäck ein. Eine lastende Stille herrschte zwischen Philipp und Fiona, während Johannsen das Tablett abstellte. Mit einer Verbeugung verließ er das Zimmer.

Philipp nahm das Gespräch wieder auf. »Warum erzählst du mir das alles? Hier? Auf einem Sonntag und nicht in deinem Büro mit Herrn Rehmann zusammen?«

»Ich sagte es dir schon einmal. Ich möchte dir nicht Haus und Hof versteigern müssen.« Fionas Stimme war ungewöhnlich sanft. Sie nahm die silberne Kanne und goss Tee in die Tassen aus Meißner Porzellan.

»Das würdest du tun?« Philipps Hals wurde eng. Er hatte das Gefühl, seine Krawatte würde ihn strangulieren.

»Ich habe Verpflichtungen gegenüber meiner Bank, Philipp. Das sagte ich dir schon.« Fiona stellte die Kanne wieder ab.

»Was erwartest du von mir?«, fragte Philipp, obwohl er die Antwort ahnte.

Fiona zog den Saum ihres Rockes herunter. Er endete eine Handbreit über dem Knie, und die Geste änderte nichts daran. Sie lenkte nur den Blick auf Fionas schöne Beine. »Ich hatte dir neulich schon eine Lösung vorgeschlagen.«

»Dass ich dich heirate?«

Fiona nickte.

Philipp sprang verärgert auf. »Fiona, das ist doch Unsinn. Ich liebe dich nicht. Wie oft muss ich dir das noch sagen, bevor du es glaubst?«

»Das werde ich nie glauben«, entgegnete sie heftig. »Ich erinnere mich zu gut daran, wie es war, als wir zusammen waren. Du kannst mir nicht erzählen, dass du all das vergessen hast. Die Liebe. Die Leidenschaft.«

»Das ist lange vorbei. Ich …« Der Fürst stockte. Er hatte sagen wollen, dass er Katharina liebe und sie ihn. Doch nun war er sich nicht mehr sicher, dass Katharina seine Liebe erwiderte. Nicht, seitdem er sie mit dem anderen Mann gesehen hatte …

Fiona erhob sich und kam auf ihn zu. »Philipp, ich liebe dich. Ich habe das schon immer getan. Lass uns heiraten. Ich bin sicher, du wirst deine Gefühle für mich wieder entdecken.«

»Nein, Fiona«, sagte Philipp bestimmt.

Ihr Gesicht wurde hart, die drängende Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme. »Und was willst du dann tun? Die ausstehenden Zinsen aus den Erträgen deiner Güter zahlen? Die reichen nicht aus, Philipp. Was mich angeht, so sehe ich es als meine Pflicht an, die Interessen der Daldorf-Bank zu wahren. Ich verspreche dir, ich werde nicht auf einen Cent der Zinsen verzichten.«

»Du willst mich ruinieren?« Der Fürst musste sich zu der Frage zwingen.

»Ich will dich nicht ruinieren. Aber mit meinem Privatvermögen unterstütze ich nur meinen Ehemann, nicht einen Ex-Liebhaber. Philipp«, sagte Fiona drängend, »du willst doch nicht der Fürst sein, der das Familienvermögen durchgebracht hat. Nach über 350 Jahren.«

Philipp fröstelte auf einmal, trotz des warmen Wetters. Natürlich war ihm der Gedanke auch schon gekommen, dass er die Güter verlieren könnte. Doch er hatte ihn immer verdrängt.

»Wie steht ihr dann da?«, fuhr Fiona fort. »Laura wird das Internat verlassen müssen, fürchte ich.« Sie legte einen Finger an die Wange und fragte nachdenklich: »Ob sie wohl einen passenden Mann findet, wenn sie nicht einmal das Geld für ein Ballkleid hat?«

»Lass meine Geschwister aus der Sache. Das ist nicht fair.«

»Das Leben ist nicht fair, Philipp. Markus und Laura sind genauso betroffen wie du. Meinst du, irgendeiner deiner Standesgenossen wird euch akzeptieren? Ohne Geld? Ihr Adeligen könnt so arrogant sein.«

Philipp kannte genug von der Welt, um zu wissen, wie grausam sie zu Menschen sein konnten, die ihr Geld und Gut verloren hatten. Er atmete tief durch, um seine Gefühle in den Griff zu bekommen. »Du schlägst mir also allen Ernstes eine«, er suchte das passende Wort, »eine Vernunftehe vor? Fiona, wir leben nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert.«

Fionas grüne Augen funkelten. »Das sagst ausgerechnet du mir? Es war schließlich der Standesdünkel deines Vaters, der uns auseinandergebracht hat. Dem war eine bloße Daldorf doch zu weit unter eurem Stand. Deshalb hat er dich gegen mich aufgebracht. Für eine Affäre war ich gut genug. Aber niemals, um in die erlauchte Familie der Fürsten von Hohenstein einzuheiraten.«

Philipp brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und ruhig zu antworten. Diesen Vorwurf hatte er schon oft von Fiona gehört. »Ich habe mich nicht von dir getrennt, weil Vater das wollte. Und auch nicht, weil ich zu arrogant wäre, eine Bürgerliche zu heiraten. Ich habe mich von dir getrennt, weil du ständig eifersüchtig warst. Und jetzt …« Er wollte sagen, dass er sich jetzt in eine andere verliebt hatte, dass er Katharina heiraten wollte. Doch wieder schob sich das Bild vor sein geistiges Auge, das er am Morgen gesehen hatte: Katharina in den Armen des fremden Mannes. Sie liebte ihn, Philipp, nicht. Sie hatte nur mit ihm gespielt. »Und jetzt erwartest du ernsthaft, dass ich eine Vernunftehe mit dir eingehe?«, schloss er stattdessen lahm.

Fiona trat auf Philipp zu. Ihr Gesicht wurde weich. Sie legte ihm eine Hand auf die Brust. »Es wäre keine Vernunftehe. Ich liebe dich. Ich möchte, dass du glücklich wirst, dass wir beide glücklich werden. Ich werde alles dafür tun.«

Sie sah lächelnd zu ihm auf. »Sieh mal, wie günstig das für alle wäre: Laura könnte weiter auf das Internat gehen und später jede Veranstaltung besuchen, die für sie wichtig ist. Markus könnte weiter unbeschwert studieren. Deine Güter blieben dir erhalten, und alle Menschen, die auf ihnen arbeiten, hätten weiterhin ihr Einkommen. Selbst die Rehmann Pharma wäre gerettet. Weißt du, dass sie 227 Angestellte haben? 227 Familien.«

Philipp schüttelte den Kopf. Ihm kam der Gedanke einer Ehe mit Fiona noch immer absurd vor. Aber er sah auch die positiven Konsequenzen, die eine Ehe mit ihr für andere hatte. Und die negativen, die seine Weigerung, Fiona zu heiraten, haben würde. 227 Familien bei Rehmann, noch mal so viele auf dem Gut. Laura die nie wieder nach Hohenstein heimkommen könnte. Markus, der nie in der Entwicklungsabteilung von Rehmann Pharma würde arbeiten können. Konnte Philipp sie alle im Stich lassen? Er war der Fürst von Hohenstein. Es war seine Verantwortung, dass es den Mitarbeitern gut ging. Die Verpflichtung, für die Angestellten und seine Geschwister zu sorgen, hatte er genauso geerbt wie die Güter.

War das nicht genug, um Fionas Antrag anzunehmen? Natürlich, er selbst liebte Fiona nicht. Er hatte es ihr gesagt. Doch sie schien das nicht zu stören.

Dann war da noch Katharina. Er hatte mit ihr sein Leben verbringen wollen. Aber sie liebte einen anderen. Welchen Sinn hatte es da noch, sich der Vernunft zu widersetzen und Fionas Angebot auszuschlagen?

»Es ist dir wirklich ernst damit, mich heiraten zu wollen? Obwohl ich dir sage, dass ich dich nicht liebe?«

»Ja, Philipp. Denn ich bin sicher, dass wir wieder zusammenfinden.«

Er nickte. »Dann sollten wir einen Hochzeitstermin suchen.«

Fiona strahlte ihn an, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn.

*

Am Montag setzte sich Katharina beschwingt an ihre Arbeit. Sie fühlte sich herrlich. Das Wochenende war wunderbar gewesen. Zuerst der Ball und gestern der Besuch von Arno. Sie hatten in Erinnerungen geschwelgt und viel gelacht. Die Bedenken, die Katharina wegen Fiona Daldorf gekommen waren, hatte sie verdrängt. Natürlich hatte Philipp mit ihr tanzen müssen. Dahinter steckte gar nichts. Katharina konzentrierte sich lieber darauf, wie Philipp sich ihr gegenüber verhalten hatte. Allein der Gedanke an das Lächeln, das er ihr geschenkt hatte, löste ein angenehmes Kribbeln in ihr aus. Katharina konnte noch immer seinen Arm um ihre Taille und die Wärme seines Körpers spüren, als er sie umarmt und geküsst hatte. Sie freute sich darauf, ihn wiederzusehen. Ob er sie wieder abholen würde? Oder sollte sie einfach zum Schloss hin-überreiten?

Katharina rief sich zur Ordnung. Im Moment musste sie sich um die Akte kümmern.

Gegen Mittag verließ sie die Kanzlei, um sich bei einem Spaziergang etwas zu entspannen. Sie trat vor das Haus und machte sich in Richtung des Sees auf den Weg. Kaum hatte sie einige Schritte getan, als sie eine Stimme hinter sich hörte.

»Ach, guten Tag, Komtess Erlenburg. Wie nett, Sie zu sehen.«

Katharina drehte sich um und stand Fiona Daldorf gegenüber. Die Bankerin schenkte ihr ein falsches Lächeln.

»Frau Daldorf«, grüßte Katharina kühl.

»Machen Sie auch gerade Mittagspause? Lassen Sie uns doch ein Stück gemeinsam gehen.«

Katharina legte keinen Wert auf Fiona Daldorfs Begleitung. Sie wusste aber nicht, wie sie das Ansinnen ablehnen sollte, ohne unhöflich zu wirken. So gingen sie gemeinsam die Fußgängerzone hinunter und bogen in die Straße ein, die sie zum See hinunterführte.

»Der Ball am Samstag war sehr schön, Frau Daldorf«, sagte Katharina, nur um Konversation zu machen.

»Danke. Ich gebe mir jedes Jahr große Mühe, damit der Ball ein Erfolg wird. Ich freue mich, dass sie sich gut amüsiert haben.« Fiona legte Katharina vertraulich die Hand auf den Arm. »Ich wollte mich auch noch bei Ihnen bedanken.«

Katharina blieb verblüfft stehen und sah Fiona Daldorf fragend an. »Bedanken? Wofür?«

»Es war sehr nett von Ihnen, Philipp zu dem Ball zu begleiten. Ich musste je leider unseren Zweigstellenleiter aus Hamburg als Tischherrn wählen.«

In Katharina stieg Unruhe auf. »Was meinen Sie damit, es sei nett von mir gewesen, Philipp zu begleiten?«

Fiona Daldorf riss die grünen Augen auf. »Nun, weil er doch eine Tischdame brauchte«, sagte sie, als sei das offensichtlich. »Ich hatte ja angenommen, er würde Laura mitbringen. Aber da ist ihm wohl Markus zuvorgekommen.«

»Philipp«, Katharinas Stimme war belegt. Sie räusperte sich und begann erneut: »Philipp hat mich zu dem Ball eingeladen, weil er es wollte. Es ging keineswegs darum, dass er eine Tischdame brauchte.«

»Hat er Ihnen das denn nicht gesagt? Normalerweise ist er in solchen Dingen äußerst korrekt.« Aus Fionas Stimme klang Überraschung. Katharina war sich nicht sicher, ob sie echt oder geheuchelt war. Sie beschloss, für klare Verhältnisse zu sorgen. »Nein …, er hat nichts dergleichen gesagt. Er sagte nur, dass er mich liebe.« Die Erinnerung an Philipps Worte ließ sie lächeln.

»Das hat er gesagt?« Fiona schien entsetzt. »Das kann ich nicht glauben.«

»Warum nicht? Weil sie vor Jahren ein Paar gewesen sind? Das hat er mir erzählt. – Und auch, dass Sie sich getrennt haben.«

Fiona schien Katharinas Worte nicht gehört zu haben. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum Philipp so taktlos war, Ihnen gegenüber von Liebe zu sprechen. Das passt so gar nicht zu ihm.«

Wut stieg in Katharina auf. »Ich nehme an, er hat von Liebe gesprochen, weil er mich liebt.« Nein, sie konnte diese scheinheilige Bankerin wirklich nicht leiden. Wenn Fiona Daldorf begriff, dass sie bei Philipp keine Chance mehr hatte, ließe sie ihn vielleicht endlich in Ruhe.

»Ich fürchte, da haben Sie etwas falsch verstanden, meine teure Komtess Erlenburg«, begann Fiona Daldorf zuckersüß. Sie zögerte, als ob sie sich zu ihren nächsten Worten durchringen müsse. »Ich will ja ihre Gefühle nicht verletzen – aber Fürst Philipp und ich haben uns gestern verlobt.«

Katharina stand da, wie vom Donner gerührt. Sie traute ihren Ohren nicht. »Was?«, krächzte sie.

»Gestern Nachmittag«, bestätigte Fiona Daldorf strahlend. »Natürlich ist es noch nicht allgemein bekannt, aber Philipp und ich werden heiraten.«

Katharina fühlte sich, als ob alle Energie sie verlassen hätte. Ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben. Das konnte nicht sein. Das war unmöglich! Philipp liebte sie. Das hatte er gesagt. Mehr als einmal. Er hatte ihr erklärt, dass seine Beziehung zu Fiona Daldorf beendet war, seit Jahren schon.

»Das glaube ich nicht«, brachte Katharina endlich heraus.

»Sie Ärmste, Sie sind ja ganz blass«, sagte Fiona Daldorf, und Katharina meinte die Schadenfreude in ihrer Stimme förmlich mit Händen greifen zu können. »Kommen Sie, setzen wir uns hier auf die Bank am Ufer.«

Das Blut rauschte in Katharinas Ohren. Widerstandslos ließ sie sich von Fiona Daldorf auf die Bank ziehen.

»Philipp sagte, es wäre aus zwischen Ihnen beiden«, sagte sie lahm, ohne auf Fionas Worte einzugehen.

»Wir hatten ein paar Differenzen, ja. Aber die gibt es schließlich bei jedem Paar, nicht?«

»Aber … aber Philipps Schwester. Laura hat auch gesagt, dass es zwischen Ihnen beiden aus und vorbei sei.«

»Ich sagte ja, wir hatten Differenzen. Aber das ist Vergangenheit. Und Laura … Nun, sie war das ganze Jahr in England im Internat. Da hat sie die Entwicklung natürlich nicht so mitbekommen.«

»Das kann ich einfach nicht glauben«, wiederholte Katharina. »Philipp und Sie? Verlobt? Warum sollte er mir dann Liebe vorspielen?«

Fiona Daldorf schien einen Augenblick mit sich zu ringen. »Ich will offen zu Ihnen sein, Komtess. Sie sind ein netter Mensch, und Philipp findet sie sicherlich sympathisch. Aber er entstammt einer sehr traditionsreichen Familie. Sympathie ist für ihn eine Privatangelegenheit. Und – entschuldigen Sie, wenn ich direkt bin – in Ihrem Falle vorübergehend. Eine Ehe schließen die Fürsten von Hohenstein vor allem unter finanziellen Gesichtspunkten. Die Familie hätte im Laufe der Jahrhunderte kein so großes Vermögen angesammelt, wenn sie nicht auf ihren finanziellen Vorteil geachtet hätte, nicht wahr? Da ist Philipp nicht anders als seine Vorgänger. Eine Frau ohne Vermögen kommt für ihn als Braut nicht in Frage.«

»Nein, das stimmt nicht«, sagte Katharina abwehrend, während sie sich fragte, ob Philipp wirklich so berechnend sein konnte. Konnte sich hinter den warmen braunen Augen ein derart skrupelloser Charakter verbergen? Unmöglich!

Fiona sah Katharina direkt in die Augen. »Ich kenne Philipp und seine Familie schon eine Weile länger als Sie. Ich kannte auch seine Eltern. Glauben Sie mir, die von Hohensteins wissen, worauf es ankommt.«

Katharina kam ein anderer Gedanke. »Und Sie? Wie können Sie sich auf eine solche Ehe ohne Liebe einlassen?«

»Aber ich liebe Philipp«, erklärte Fiona schlicht. »Und er liebt mich. Sie haben ihm vielleicht ein wenig den Kopf verdreht. Vorübergehend. Doch ich bin schon seit Jahren für ihn da. Wann immer er mich braucht. Das hat er jetzt eingesehen.«

»Das kann nicht sein«, wiederholte Katharina.

Sie war völlig fassungslos, wusste nicht, was sie denken oder fühlen sollte.

Fiona griff nach ihrer Hand und schenkte ihr ein Lächeln, das wohl Mitgefühl ausdrücken sollte. »Ich weiß, das ist hart. Aber Philipp hat Ihnen gegenüber nie mehr empfunden als eine flüchtige Verliebtheit. Es tut mir leid.«

Katharina wollte nur noch weg. Weg von diesem falschen Lächeln und dieser falschen Anteilnahme. Sie konnte die Gegenwart der anderen nicht mehr ertragen. Sie murmelte eine Abschiedsfloskel und floh nahezu.

Wie hatte Philipp sie so belügen können! Warum hatte er abgestritten, noch mit Fiona Daldorf zusammen zu sein? Wie konnte er nur so gemein und grausam sein, ihr, Katharina, Liebe vorzuspielen? Er hatte doch sicher schon am Samstag gewusst, dass er Fiona am folgenden Tag einen Antrag machen würde.

Heiße Tränen stiegen Katharina in die Augen. Sie wischte sie zornig weg. Dieser Schuft! Er verdiente ihre Liebe gar nicht! Sollte er doch mit der Daldorf glücklich werden. Oder besser: unglücklich!

Ohne es zu merken, war Katharina zu ihrem Auto gelaufen. Eigentlich hätte sie in die Kanzlei zurück gemusst, doch sie konnte einfach nicht. Sie ertrug den Gedanken nicht, Tante Irene und Frau Fischer zu sehen und harmlose Konversation machen zu müssen. Konzentrieren konnte sie sich ohnehin nicht. Sie würde Irene von zu Hause anrufen und ihr sagen, sie sei krank geworden.

Immer wieder ihre Tränen fortwischend, stieg Katharina ins Auto und fuhr los.

*

Fürst Philipp ging seinen Geschwistern aus dem Weg. Er musste zunächst mit sich selbst ins Reine kommen, bevor er sie über seine Verlobung informieren konnte. Er fürchtete sich vor ihren Argumenten gegen diese Ehe. Schließlich kannte er sie alle. Jeden einzelnen Einwand hatte er gegenüber Fiona vorgebracht, um ihr deutlich zu machen, wie widersinnig diese Verbindung war. Nun würde er Fionas Argumentation übernehmen müssen. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Lediglich der Gedanke an Markus, Laura und die Angestellten machte die Entscheidung für Philipp erträglich. Solange er geglaubt hatte, Katharina liebe ihn, war ihm Fionas Plan völlig zuwider gewesen. Doch Katharina liebte ja einen anderen. Welchen Grund hatte er da noch, Fionas Angebot auszuschlagen?

Am Montagmorgen war Philipp auf dem Weg in sein Arbeitszimmer, als Prinzessin Laura ihn abfing.

»Philipp! Wo hast du gestern den ganzen Tag gesteckt? Man könnte fast den Eindruck haben, du gingst mir und Markus aus dem Weg. So lange bin ich auch nicht mehr hier. Dann fliege ich wieder nach England.«

»Ich habe viel zu erledigen«, sagte Philipp ausweichend und wollte an Laura vorbei ins Arbeitszimmer.

Sie hielt ihn am Arm fest und sah ihn mit gerunzelter Stirn forschend an. »Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen. Was ist los?«

Philipp erwog kurz zu sagen, dass alles in Ordnung sei, entschied sich aber dagegen. Er musste seine Geschwister sowieso von seiner Verlobung in Kenntnis setzen. Dann konnte er das auch gleich hinter sich bringen. Besser, als wenn sie es von anderer Seite erfuhren.

»Ist Markus noch hier, oder ist er schon zur Rehmann Pharma gefahren?«

In Lauras braunen Augen zeigte sich Erstaunen. »Er ist im Esszimmer.«

Als sie das Zimmer betraten, goss sich Prinz Markus gerade eine Tasse Kaffee ein. »Philipp, schön, dich zu sehen. Auch einen Kaffee?« Er schwenkte die Kanne.

Philipp setzte sich auf seinen Platz und goss sich Kaffee in die feine Porzellantasse.

»Also, was ist los?«, nahm Laura das Gespräch wieder auf.

Philipp atmete tief durch. Er hatte keine Idee, wie er die Angelegenheit vorsichtig ansprechen sollte, und sagte daher direkt: »Ich habe mich verlobt.«

»Verlobt?« Freude trat in Lauras Augen. »Mit Katharina? Das ist ja prima!«

»Und wieso machst du ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter?«, wollte Markus wissen.

Philipp sah Laura an. »Ich habe mich nicht mit Katharina verlobt. Sie liebt einen anderen.«

»Was?«, rief die Prinzessin aus. »Das glaube ich nicht.«

»Sei still, Laura«, wies Markus sie zurecht. »Mit wem hast du dich denn verlobt?«

Philipp zögerte den Bruchteil einer Sekunde. »Mit Fiona.«

Sprachlose Stille folgte auf seine Worte. Seine Geschwister starrten Philipp an, als habe er den Verstand verloren. Es gab Augenblicke, da fragte der junge Fürst sich selbst, ob es so sei.

»Fiona?«, fragte Laura erschüttert. »Fiona Daldorf?«

»Eine andere kenne ich nicht.«

»Die alte Ziege? Bist du verrückt? Was willst du denn mit der?«

»Das frage ich mich auch, Philipp«, stimmte Markus Laura zu. Er sah seinen Bruder unter gerunzelten Brauen an. »Warum von den vielen Frauen auf diesem Planeten ausgerechnet sie? Du liebst sie nicht. Ich hatte sogar den Eindruck, dass du sie nicht einmal mehr leiden kannst.«

»Es geht auch nicht um Liebe. Jedenfalls nicht von meiner Seite.« Philipp wandte sich direkt an Markus. »Was weißt du von den Qualitätsproblemen bei der Rehmann Pharma?«

Markus lehnte sich zunehmend verwirrt in seinem Stuhl zurück. »Viel habe ich davon nicht mitbekommen. Ich arbeite in der Forschungsabteilung, nicht in der Qualitätssicherung. Aber deren Chef, Herr Hagen, sieht aus wie ein Gespenst. Es gibt Gerüchte über Schwierigkeiten und dass er sie nicht in den Griff bekommt. Aber was hat das mit dir und Fiona zu tun?«

»Dazu komme ich gleich. Wusstest du, dass Vater den gesamten Besitz belastet hat um einen Kredit der Rehmann Pharma bei der Daldorf-Bank abzusichern?«

Markus und Laura schüttelten die Köpfe. Ihre Gesichter schauten ernst. Sie ahnten Übles.

»Kurz gesagt: Herr Rehmann kann den Kredit nicht zurückzahlen.«

Wieder breitete sich schockiertes Schweigen im Raum aus.

Laura brach es zuerst. »Und das will Fiona nutzen, um sich dein Eigentum einzuverleiben?« Ihre Augen blitzten empört.

Philipp schenkte seiner Schwester ein bitteres Lächeln. »Im Grunde gehört ihr schon alles hier. Wie ich sagte: Vater hat den gesamten Besitz belastet. Das Schloss und die Ländereien. Wenn Herr Rehmann die Raten nicht zahlen kann – und ich fürchte, das kann er nicht – dann kann Fiona hier alles versteigern. Vom Traktor auf dem Feld bis zu dem Esstisch, an dem wir gerade sitzen.«

Markus sagte mit heiserer Stimme: »Du meinst, uns – dir – gehört gar nichts mehr?«

Philipp lachte bitter auf. »Rechtlich gehören mir natürlich das Schloss und die Ländereien. Aber faktisch hat Fiona die Hand auf allem. Im Grunde sind wir Gast im eigenen Haus.«

»Deswegen hast du Fiona einen Antrag gemacht?«, fragte Laura. »Um den Besitz zu retten?«

»Genaugenommen habe ich ihren Antrag angenommen«, stellte Philipp richtig. »Aber sonst hast du Recht.«

»Ist es das wert?«, fragte Markus ruhig.

Philipp sah seinem Bruder gerade in die Augen. »Von diesem Besitz und von der Rehmann Pharma sind über dreihundert Familien abhängig. Außerdem ist Hohenstein seit dreihundertsechzig Jahren im Familienbesitz. Ich möchte nicht der Hohenstein sein, der es verliert.« Er schenkte Markus ein schiefes Lächeln. »Ich möchte auch nicht, dass du und Laura auf einmal auf der Straße steht.«

Markus runzelte die Stirn. »Dazu wäre Fiona fähig. Ich glaube, sie würde alles tun, um dich einzufangen.«

»Ich lebe lieber auf der Straße, als dass ich zusehe, wie du diese Ziege heiratest«, sagte Laura heftig. »Was ist mit dir und Katharina? Du liebst sie doch? Und sie dich!«

Philipps Gesicht verdüsterte sich. »Das hatte ich auch geglaubt. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Ich sah sie gestern mit einem Mann zusammen. Eng umschlungen.«

Laura starrte ihn sprachlos an. »Das glaube ich nicht.«

»Das ist aber so. Auf dem Ausritt, den wir gemacht haben. Erinnerst du dich? Es war sehr eindeutig, wie der Mann sie umarmt hat, und wie sie ihn angeschaut hat.«

Seine Geschwister starrten ihn an, zum dritten Male sprachlos von den Ereignissen, die um sie herum stattgefunden hatten.

Philipp war der Diskussion müde. Er schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. »Entschuldigt mich. Ich habe noch zu tun.«

*

Am Abend ließ Philipp Tassilo satteln und machte einen Ausritt. Er lehnte Lauras Begleitung ab, da er allein sein wollte. Er hatte ein langes Telefonat mit Fiona geführt, die einen Verlobungsball plante. Sie hatten über einen Termin gesprochen. Fiona hatte überlegt, wer unbedingt eingeladen werden musste. Philipp ließ ihr freie Hand. Er wusste, dass sie viel Wert auf Äußerlichkeiten legte und es liebte zu repräsentieren. Er selbst bevorzugte einen ruhigeren Lebensstil.

Philipp bog in den Schatten eines Waldwegs ein und folgte diesem. Träge Stille umfing ihn, die kaum einmal vom Summen einer Biene unterbrochen wurde. Gedankenversunken folgte Philipp den Pfaden, die er seit frühester Kindheit kannte. Er liebte das Land seiner Väter mit fast schmerzhafter Intensität.

Philipp bog um einen Knick und stieß fast mit einem Schimmel und seiner Reiterin zusammen, die dort entlangtrabten.

Überrascht zügelten beide die Pferde.

Philipp fing sich zuerst. »Frau Lorenzen, nett, Sie zu sehen.«

»Guten Tag, Fürst Hohenstein.« Irene Lorenzen brachte mit ein paar energischen Schenkel – und Zügelhilfen ihre nervös tänzelnde Stute wieder unter Kontrolle.

Es entstand einen Moment ein peinliches Schweigen.

Irene brach es zuerst. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass ich Ihnen gratulieren darf?«

Philipp murmelte einen Dank. Es war ihm unangenehm, dass ausgerechnet Katharinas Tante die erste war, die ihm ihre Glückwünsche zur Verlobung aussprach.

Irene Lorenzen musterte ihn mit einer gewissen Missbilligung. »Es geht mich im Grunde nichts an. Und wenn es nicht um Katharina ginge, würde ich auch bestimmt nicht davon anfangen. Aber: darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

Philipp unterdrückte ein Seufzen und wies den Weg entlang. »Wollen wir ein Stück zusammen reiten?« Als Irene nickte, wendete er sein Pferd, das neben Irenes Stute in Schritt fiel.

»Welche Frage wollten Sie mir denn stellen?«

»Nun, gerade heraus gesagt: Ich wundere mich ein wenig. Sie sind mit Katharina oft ausgeritten. Sie haben sie nach Lübeck eingeladen. Sie sind mit ihr zu diesem Ball in der Daldorf-Bank gefahren. Ich frage mich, warum?« Sie sah ihn von der Seite an. »Nach allem, was ich bisher von Ihnen wusste, gehören Sie nicht zu der Sorte Männer, die mit Frauen spielen. Dennoch haben Sie genau das mit Katharina getan.« Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen fragend an.

Philipp stieß ein bitteres Lachen aus. »Habe ich das? Mir scheint, Sie verwechseln da etwas. Katharina hat mit mir gespielt.«

»Katharina ist jedenfalls nicht verlobt«, erklärte Irene trocken.

»Aber allem Anschein nach schon lange verliebt.« Philipp erinnerte sich lebhaft an den Anblick Katharinas, wie sie im Gras lag und der Fremde sich über sie beugte.

»Katharina ist in Sie verliebt«, stellte Irene fest.

Philipps Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Konnte das sein? Unmöglich. »Ich sah sie gestern Morgen in den Armen eines anderen.«

Irene zügelte völlig verwirrt ihr Pferd und sah Philipp an. »Katharina? Wer soll denn das gewesen sein?«

»Das weiß ich nicht. Aber die Situation war ziemlich eindeutig. Vielleicht erzählt Katharina Ihnen nicht alles?«

Irene presste die Lippen zusammen und sagte streng: »Fürst Hohenstein. Katharina weint sich nach Ihnen die Augen aus, seit Fiona Daldorf sie gestern über Ihre Verlobung unterrichtet hat. Es gibt da keinen anderen Mann. Ich wüste auch gar nicht …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.

Plötzliches Erkennen zeigte sich in ihren grauen Augen, und sie fragte tonlos: »Ein kräftiger Mann, etwa einen halben Kopf größer als Katharina und mit fast schulterlangen blonden Locken?«

Philipp nickte.

»Ach, du liebes Bisschen! Das war ihr Vetter, Fürst! Arno Graf von Winderfeld. Er hat uns besucht, weil er hier oben etwas zu tun hatte. Er wohnt mit seiner Frau und den Kindern in Bayern.«

Philipp hatte das Gefühl, einen Faustschlag in den Magen zu erhalten. Katharinas Vetter!

»Fürst Hohenstein? Ist Ihnen nicht gut?«

»Entschuldigen Sie bitte.« Philipp fühlte sich nicht in der Lage, die Unterhaltung fortzusetzen. Obwohl es unhöflich war, wendete er sein Pferd und ritt zurück zum Schloss.

Katharina liebte ihn. Sie hatte ihn immer geliebt! Wie hatte er nur an Katharina zweifeln können? Ihr Vetter! Natürlich, dass erklärte die Vertrautheit zwischen den beiden.

Was sollte er jetzt tun? Philipp überlegte spontan, die Verlobung mit Fiona zu lösen. Doch das war ausgeschlossen. An seiner Situation hatte sich nichts geändert. Den fürstlichen Gütern und der Rehmann Pharma drohte nach wie vor die Versteigerung. Seine Geschwister würden ihr Heim verlieren. Hunderte Angestellte verlören ihre Arbeitsplätze, müssten ihre Lebensplanung radikal umstellen. Als Fürst von Hohenstein hatte er Verantwortung für seine Geschwister und die Angestellten …

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er an Katharina dachte. Aber er konnte nicht anders handeln. In jedem Fall aber musste er ihr nun alles erklären.

Grimmig ritt er zum Schloss zurück. Mit dem Auto war er schneller. Er übergab Tassilo dem Reitknecht und stieg ins Auto, ohne die Reitkleidung gegen eine angemessenere Garderobe einzutauschen.

*

Katharina lag weinend in ihrem Zimmer auf dem Bett und hielt ihr Kopfkissen umklammert.

Tante Irene war widerstrebend ausgeritten, nachdem Katharina sich geweigert hatte, sich von ihr trösten zu lassen. Sie brauchte nicht von Irene zu hören, dass Philipp sich wie ein Schuft verhalten hatte. Wie konnte der Mann nur so gefühllos und habgierig sein? Wie hatte er einfach mit ihr, Katharina, spielen können. Eine Verliebtheit, hatte Fiona Daldorf gesagt.

»Mistkerl!«, schimpfte Katharina und hieb mit der Faust auf die Matratze. Er verdiente sie gar nicht. Sie war viel zu gut für ihn. Doch alles Argumentieren mit sich selbst half nichts. Katharina sehnte sich nach seiner Stimme, seinen Berührungen, seinem Lächeln.

Nach einer Weile hörte Katharina ein Auto vor dem Haus halten. Gleich darauf schellte es. Sie ignorierte das Klingeln. Sie erwartete niemanden, und auch Irene hatte nichts davon gesagt, dass Besuch käme.

»Katharina?«

Katharina schnupfte beim Klang der Stimme unglücklich auf. Das war Philipp. Er war ums Haus gegangen und stand nun unter dem offenen Fenster.

»Geh weg«, murmelte sie in ihr Kissen.

»Katharina? Bist du da? Ich muss mit dir reden.«

»Ich will aber nicht mit dir reden!«, rief Katharina.

»Katharina, bitte!«

»Nein! Verschwinde du Mistkerl!«

»Ich möchte dir erklären, was los ist.«

Katharina schwang die Beine aus dem Bett und lief zum Fenster. »Verschwinde!«, rief sie wütend hinunter. »Ich will dich nicht sehen. Ich will nicht hören, was du zu sagen hast! Du elender Lügner! Du Mistkerl«

Philipp schaute zu ihr auf, und sein markantes Gesicht zeigte einen Ausdruck, als ob sie ihn geschlagen hätte. »Katharina, bitte. Lass uns miteinander reden. Ich möchte dir erklären …«

»Erklären?« Katharina lachte tränenerstickt auf. »Was gibt es da groß zu erklären? Du hast dich mit Fiona Daldorf verlobt, oder?«

»Ja. Aber …«

»Kein Aber! Verschwinde. Lass dich hier nie wieder blicken, du Schuft!«

»Katharina …«

»Verschwinde, oder ich rufe die Polizei!« Wütend schlug Katharina das Fenster zu. Sie warf sich wieder auf das Bett. Sie hörte Philipp weiter nach ihr rufen und zog sich das Kissen über den Kopf. Nach einer Weile wurde es still.

*

»Als ich ihm von Arno erzählt habe, ist der Fürst ganz blass geworden«, berichtete Tante Irene. Sie trank einen Schluck Kaffee und runzelte die Stirn. »Er sah richtig bestürzt aus. Er muss tatsächlich geglaubt haben, Arno wäre dein Partner. Verrate mir einmal, Katharina, was ihr beiden gemacht habt, dass Fürst von Hohenstein einen derart falschen Eindruck bekommen konnte?«

»Nichts«, sagte Katharina bestimmt. Sie strich energisch Butter auf ein Brötchen. »Wir sind nur spazieren gegangen. Alles ganz harmlos.« Sie warf ihrer Tante einen flüchtigen Blick zu. »Philipp war übrigens gestern Abend hier.«

»Ach?«, sagte Irene überrascht und griff nach dem Holsteiner Schinken. »Was hat er gesagt?«

»Ich habe ihn fortgeschickt. Ich habe ihm gedroht, die Polizei zu rufen, wenn er nicht geht.«

In Irenes grauen Augen blitzte es humorvoll auf. »Das gäbe einen hübschen Skandal. Der Fürst von Hohenstein verhaftet wegen Hausfriedensbruchs.«

»Geschähe ihm Recht.«

Irene wurde wieder ernst und sah Katharina eindringlich in die Augen. »Er liebt dich. Da bin ich mir ganz sicher.«

Katharina schnaubte wütend. »Deswegen hatte er auch nichts Eiligeres zu tun, als sich mit Fiona Daldorf zu verloben.«

Weil Fiona reich war! Aber das sagte Katharina nicht laut. Was sollte sie von so einem Mann halten? Vermutlich war sie besser ohne ihn dran. Ein Mann, der nur des Geldes wegen heiratete … Trotzdem schmerzte sie jeder Gedanke an Philipp. Sie hatte sich so wohl in seiner Gegenwart gefühlt, so geborgen und geliebt. Katharina seufzte. Sie sollte sich den Fürsten aus dem Kopf schlagen. Je eher desto besser. Er war es nicht wert.

»Du solltest dich mit ihm aussprechen«, schlug Irene vor.

»Ich sehe nicht, dass das irgendeinen Sinn hätte«, sagte Katharina so bestimmt, dass die Tante das Thema fallen ließ.

*

Katharina ließ ihre Schultern kreisen, um sie zu lockern. Es war schon siebzehn Uhr, und sie saß neben ihrer Tante in deren Büro.

Die Tür öffnete sich, und Frau Fischer führte einen neuen Mandanten herein. »Frau Lorenzen? Herr Hagen ist hier.«

Herr Hagen war etwa Mitte bis Ende vierzig und so mager, dass sein Anzug um seinen Körper schlackerte. Er hatte schütteres mausbraunes Haar. Seine Haut wirkte wächsern, und in seinen blassgrauen Augen standen Sorgen.

Irene und Katharina erhoben sich bei seinem Eintreten. Sie stellten einander vor. Irene fragte, ob Katharina bei dem Gespräch dabei sein dürfe, und Herr Hagen stimmte zu.

Einladend wies Irene auf den Besucherstuhl vor ihrem Schreibtisch, während sie sich setzte. »Was führt sie zu mir, Herr Hagen?«

Der Besucher rang seine großen knochigen Hände im Schoß. »Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll«, gestand er. »Ich … ich habe eine große Dummheit begangen. Ich fürchte, ich habe mich strafbar gemacht. Und noch schlimmer: Ich fürchte, ich bin dafür verantwortlich, dass meine Firma Pleite gehen wird. Das heißt«, fügte er erklärend hinzu, »es ist nicht meine Firma. Ich bin da angestellt. Die Rehmann Pharma.«

Katharina erinnerte sich vage, den Namen irgendwo gehört zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo.

»Am besten beginnen Sie ganz von vorn«, sagte Irene beruhigend.

Herr Hagen atmete einmal tief durch. »Es fing mit der Arbeitslosigkeit meiner Frau an. Oder eigentlich damit, dass wir einen Kredit für unser Haus aufnahmen. Damals arbeitete meine Frau noch, und wir nahmen ihr Einkommen für die Tilgung. Dann ging das Unternehmen in Konkurs. Wir konnten die Raten nicht mehr zahlen. Also gingen wir zur Bank, um zu fragen, welche Möglichkeiten es denn gäbe. Im Frühjahr war das.« Weiter rang Herr Hagen die Hände. »Frau Daldorf prüfte dann unsere Unterlagen …«

»Moment«, unterbrach Irene. »Sie meinen Fiona Daldorf von der Daldorf-Bank gegenüber?«

Herr Hagen nickte. »Ja. Sie prüfte, wie gesagt, unsere Unterlagen und sah, dass ich bei der Rehmann Pharma arbeite. In der Qualitätskontrolle. Ich bin der Chef der Abteilung«, fügte er hinzu. »Na, und dann … Ich hätte das ablehnen sollen, ich weiß es. Hinterher ist man immer klüger.«

»Was hätten Sie ablehnen sollen?« Irene Lorenzen sah ihren Mandanten gespannt an.

Auf Herrn Hagens schmalen Wangen breitete sich Röte aus. »Frau Daldorf machte einen Vorschlag. Sie würde alle Zinszahlungen erlassen, bis meine Frau wieder Arbeit hätte, wenn … wenn ich dafür die Qualitätskontrolle manipuliere.«

»Was?«, rief Katharina entsetzt aus. Irene warf ihr einen strengen Blick zu. Es gehörte sich nicht, Mandanten zu unterbrechen. Es gehörte sich noch weniger, sich den eigenen Abscheu anmerken zu lassen. Dabei galt Katharinas Abscheu nicht Herrn Hagen. Sie konnte nachvollziehen, warum er auf Fiona Daldorfs Angebot eingegangen war. Aber einen solchen Vorschlag zu unterbreiten, war bösartig.

»Warum wollte Frau Daldorf, dass die Qualitätskontrolle manipuliert wurde?«, erkundigte Irene sich ruhig.

Die Röte auf Herrn Hagens Wangen vertiefte sich. »Das habe ich sie auch gefragt. Sie sagte, sie wolle jemandem eine Lektion erteilen und das niemand zu Schaden kommen würde. Im Gegenteil, ich würde für zwei Familien etwas Gutes bewirken. Ich habe ihr geglaubt.« Die Stimme von Herrn Hagen sank zu einem Flüsterton: »Ich denke, ich wollte ihr glauben.«

»Wem wollte sie denn eine Lektion erteilen?«, fragte Katharina. Sie merkte erst, dass sie laut gesprochen hatte, als Herr Hagen antwortete:

»Das hat sie nicht gesagt. Inzwischen glaube ich auch, dass sie mich angelogen hat. Wie auch immer. Ich ging auf ihren Vorschlag ein. Ich wusste mir einfach keinen anderen Rat. Wir konnten die Raten nicht zahlen, meine Frau und ich. Also manipulierte ich die Ergebnisse der Qualitätskontrolle für ein neues Medikament. Damit sah es aus, als sei dieses Medikament verunreinigt. Natürlich konnten die produzierten Medikamente nicht verkauft werden.«

Herr Hagen räusperte sich. »Medikamentenforschung ist sehr teuer. Daher hatte Herr Rehmann einen Kredit aufnehmen müssen. Den kann er nun nicht zurückzahlen.« Herr Hagen stand auf und ging im Büro auf und ab. »Die Firma steht vor der Pleite, und ich bin schuld daran. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bei Rehmann Pharma arbeiten über zweihundert Leute.«

»Nun …«, begann Irene.

Doch Herr Hagen sprach schon weiter: »Ich fürchte, Frau Daldorf kam es nur darauf an, die Firma in Schwierigkeiten zu bringen. Ich glaube, sie will die Firma günstig aufkaufen. Herr Rehmann würde freiwillig nie verkaufen. Jetzt wird er es müssen. Dann kann Frau Daldorf die Patente für viel Geld veräußern.« Er lachte bitter auf. »Ich würde für zwei Familien etwas Gutes bewirken, hat sie gesagt. Für sie mag das zutreffen. Aber ich und meine Frau, wir sind am Boden zerstört. Wir wissen, wie es ist, wenn jemand seinen Job verliert. Wir stehen uns schlechter als vorher, wenn Rehmann Pleite geht. Und dann noch die Kollegen.« Herr Hagen ließ sich verzweifelt auf seinen Stuhl zurückfallen. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, wiederholte er.

Katharinas Gedanken überschlugen sich. Fiona sabotierte die Rehmann Pharma, um sie günstig aufzukaufen. Herr Hagen machte sie glauben, das sei auch in seinem Interesse. Günstig für zwei Familien. Was, wenn Fiona sich und die von Hohensteins meinte? Wenn Fiona und Philipp heirateten, hätten beide die Hand auf dem Eigentum der Rehmanns. War das womöglich der Plan? Wollten Fiona und Philipp die Rehmanns aus ihrer eigenen Firma drängen? Die Rehmann Pharma im Konkurs günstig aufkaufen? Markus studierte Pharmazie und konnte das Unternehmen später sicher führen.

Katharina wurde ganz heiß bei dem Gedanken. Das konnte nicht sein, Philipp wäre doch sicher nicht so ein schlechter Mensch! Aber Fiona Daldorf hatte Katharina deutlich zu verstehen gegeben, dass die von Hohensteins sehr darauf achteten, ihr Vermögen zu mehren. Wie weit würden sie dafür gehen? Wie weit würde Philipp dafür gehen? Die Liebe ordnete er allem Anschein nach seiner Gewinnsucht unter. Galt das auch für das Recht?

Irenes Stimme unterbrach Katharinas Gedanken. »Wir melden uns wieder bei Ihnen, Herr Hagen.«

Herr Hagen erhob sich resigniert und ging.

*

Prinzessin Laura beobachtete in der Woche zunehmend besorgt, dass Philipp sich von ihr und Markus zurückzog. Sie versuchte mehrmals, ihm die Verlobung mit Fiona auszureden, doch er war keinem Argument zugänglich. Er wies nur immer auf die aussichtslose Lage bei der Rehmann Pharma hin, darauf, dass sie alle dem Ruin entgegensähen. Laura konnte nachvollziehen, dass er sich für die Angestellten des Gutes verantwortlich fühlte. Er war dazu erzogen worden, die Verantwortung für Hohenstein zu übernehmen und für alle, die davon abhingen. Laura aber war der Ansicht, dass eine Ehe mit Fiona ein zu hoher Preis war.

»Ja, ich mag das Internat in England und meine Freunde dort. Aber lieber mache ich mein Abitur hier in der Stadt, als dass ich zusehe, wie du unglücklich wirst«, erklärte sie.

»Laura, bitte. Das haben wir alles schon so oft durchgesprochen. Mein Entschluß steht fest.«

»Und Katharina?«

Sie konnte sehen, wie sich ein Muskel an seinem Unterkiefer spannte. »Katharina hat mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie mich nicht sprechen will.«

»Versuch es noch einmal.«

»Laura, bitte, es reicht.«

»Du bist ein solcher Sturkopf!« Wütend stürmte Laura aus dem Haus. Es musste doch eine Möglichkeit geben, alles ins Lot zu bringen. Sie wusste nur nicht wie.

Plötzlich hatte Prinzessin Laura eine Idee. Sie lief zu den Stallungen hinüber und kurz darauf ritt sie Richtung Gut Lindenhain.

Es war Samstag, und Laura hoffte, Katharina bei ihrer Tante anzutreffen. In der Nacht hatte es geregnet, die Luft war kühl, und das Laub an den Bäumen strahlte in frischem Grün. Laura lenkte ihr Pferd durch den Wald und hoffte, dass Katharina ihr nicht böse sein würde.

Nach einer knappen halben Stunde erreichte sie das Gut. Sie sah den Eigentümer und hielt neben ihm.

»Guten Tag, Herr Witte. Ist Komtess von Erlenburg hier?«

»Guten Tag, Prinzessin Hohenstein. Ob Katharina daheim ist, kann ich nicht sagen. Sie hat sich zumindest kein Pferd ausgeliehen.«

Laura glitt aus dem Sattel. »Kann ich Secunda bei Ihnen lassen?«

Herr Witte lächelte. »Aber sicher.« Er nahm Laura die Stute ab, und Laura ging auf das Landarbeiterhaus zu, in dem Katharina bei ihrer Tante wohnte.

Sie hatte Glück. Als sie sich dem Haus näherte, sah sie Katharina und Irene am Tisch im Garten sitzen.

»Hallo«, rief sie und winkte. Sie wollte vermeiden, dass Katharina vorgeben konnte, sie nicht gesehen zu haben.

»Prinzessin Hohenstein!«, rief Frau Lorenzen. »Wie nett.«

Katharina wirkte nicht sonderlich glücklich, Laura zu sehen, rang sich aber ein Lächeln ab.

»Möchten Sie Frühstück oder ein Stück Kuchen?«, bot Frau Lorenzen an. »Ich habe Linzer Torte gebacken.«

Laura lag es auf der Zunge abzulehnen, doch sie mochte Linzer Torte für ihr Leben gern. »Wenn es Ihnen keine Umstände macht.«

Irene schüttelte den Kopf und ging ins Haus, um noch einen Teller zu holen.

»Ich muss unbedingt mit dir reden, Katharina«, sagte Laura eindringlich, als sie sich setzte.

»Über Philipp?«, fragte Katharina kühl.

Laura nickte.

»Ich bin nicht interessiert.«

»Aber er liebt dich!«, sagte Laura eindringlich. Sie warf einen Blick zur Tür. Sie wollte nicht über Philipp reden, wenn Irene Lorenzen zuhörte. Philipp würde wütend werden.

Katharina lachte bitter auf. »Er heiratet Fiona Daldorf. Wie kann er mich da lieben?«

»Das …« In diesem Augenblick kam Irene Lorenzen aus dem Haus und Laura sagte schnell und leise: »Das erzähle ich dir später.«

Gegen ihren Willen spürte Katharina Neugier. Was wollte Laura ihr erzählen? Katharina konnte sich nichts vorstellen, was Philipps Verhalten rechtfertigen konnte. Sie wartete darauf, dass Laura ihr Stück Kuchen aufgegessen hatte. Dann entschuldigten sie sich bei Irene und brachen zu einem Spaziergang auf.

Sie hatten kaum das Hofgelände verlassen, als Katharina fragte: »Also, was ist los?«

Laura sah sich wie eine Verschwörerin um, ob ihnen auch niemand zuhören konnte. »Das bleibt aber unter uns, ja? Wenn Philipp herausfindet, dass ich dir alles erzählt habe, wird er fuchsteufelswild.«

Katharina nickte zustimmend, und Prinzessin Laura begann mit ihrem Bericht.

Als sie geendet hatte, fehlten Katharina fast die Worte.

»Philipp heiratet Fiona Daldorf, damit die nicht euren Besitz versteigert? Damit hat sie wirklich gedroht?«

Laura nickte unglücklich. »Sie wusste, dass Philipp nie die ganzen Leute im Stich lassen würde. Sie glaubt, wenn sie erst verheiratet sind, wird Philipp sie wieder lieben.«

»Das ist unfassbar!«, sagte Katharina. Gedankenverloren ging sie neben Laura her.

Damit erschien plötzlich alles in einem anderen Licht. Katharina erinnerte sich an das, was Herr Hagen gesagt hatte. Fiona hatte jemandem eine Lektion erteilen wollen. Philipp war also nicht Mittäter in diesem schmutzigen Spiel, sondern Opfer.

Heiße Scham stieg in Katharina auf. Sie hatte Philipp verdächtigt, mit Fiona gemeinsame Sache zu machen! Sie hatte ihm unterstellt, er wolle der Familie Rehmann die Firma wegnehmen.

Lauras unglückliche, fast flehende Stimme drang in ihre Gedanken: »Hast du vielleicht irgendeine Idee, was man tun kann, um diese Ehe zu verhindern? Philipp wird furchtbar unglücklich werden. Das weiß ich. Und ich werde nie wieder einen Fuß nach Hohenstein setzen, wenn diese Ziege dort lebt.«

»Rechtlich kann er sich jederzeit scheiden lassen«, gab Katharina zu bedenken.

Laura schüttelte den Kopf. »Das täte er nie. Außerdem würde diese Familie ihn dann vollends ruinieren.«

Katharina fasste einen Entschluss. »Es gibt vielleicht eine Möglichkeit. Aber dafür muss ich mit Irene reden.«

Sie sah Laura den Kopf schütteln. »Philipp wird mir böse sein, wenn er herausfindet, dass ich dir von den finanziellen Problemen erzählt habe.«

»Wenn mein Plan nicht durchführbar ist, werden Irene und ich den Mund halten, Laura. Das verspreche ich dir. Philipp braucht nichts zu erfahren. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir die Probleme lösen können.«

»Wirklich?« fragte Laura hoffnungsvoll.

Katharina nickte entschlossen.

»Na gut«, stimmte Laura zögernd zu.

»Gut. Dann reite zum Schloss zurück und tu so, als sei nichts gewesen.«

*

Fürst Philipp stand im Arbeitszimmer und sah in die flirrende Mittagshitze des Samstags hinaus. Fiona hatte sich angekündigt, um mit ihm die Vorbereitungen für den Verlobungsball zu besprechen. Der Fürst fragte sich, wie Fiona die Hochzeit gestalten würde, wenn sie bei einer bloßen Verlobung schon so einen Aufwand plante.

Zwei Autos kamen die Auffahrt herauf und hielten vor dem Haus. Das rote Auto erkannte Philipp als Katharinas. Er runzelte die Stirn. Erst jagte sie ihn zum Teufel und erklärte, sie wolle nie wieder etwas mit ihm zu tun haben, und jetzt tauchte sie im Schloss auf?

Ja, tatsächlich stieg Katharina aus. Sie sah besonders hübsch aus in dem luftigen Seidenkleid. Eine Reihe weißer Perlen unterstrich die sanfte Bräune ihrer Haut, und ihr blondes Haar war im Licht der Sommersonne ausgebleicht. Philipp spürte eine schmerzhafte Sehnsucht, als er sie sah. Er versagte sie sich grimmig und musterte den Mann, der aus dem zweiten Auto stieg. Es war ein Herr mittleren Alters, der einen unsicheren und kränklichen Eindruck machte. Sein Anzug schlotterte um seinen Körper. Philipp fragte sich, wer das sein könnte.

Er hörte Schritte, als der Butler zur Tür ging, ein paar gewechselte Worte aus der Halle, dann trat Johannsen ins Arbeitszimmer.

»Komtess von Erlenburg und ein Herr Hagen wünschen Sie zu sprechen, Durchlaucht.«

Mit mehr als nur einer Spur Neugier bat Philipp, sie einzulassen.

»Guten Morgen, Philipp«, begrüßte Katharina ihn. Röte stand in ihren Wangen. Es war ihr sichtlich peinlich, ihn hier aufzusuchen. »Darf ich dir Herrn Hagen vorstellen? Er ist der Chef der Qualitätskontrolle bei der Rehmann Pharma.«

Philipp begrüßte Herrn Hagen höflich, und sie nahmen auf der Sitzgruppe Platz.

»Ich bin ein wenig irritiert«, gab Philipp zu und wandte sich an Herrn Hagen. »Was führt Sie zu mir? Noch dazu auf einem Samstag?«

Statt seiner antwortete Katharina: »Wir sind hier wegen der Vorgänge bei der Rehmann Pharma.«

Philipp sah Katharina erstaunt an. Woher wusste sie davon? Er hatte es ihr nicht erzählt. »Dann sollten Sie sich an Herrn Rehmann wenden. Ihm gehört das Unternehmen.«

Katharina blickte grimmig. »Schon recht. Doch die Sache betrifft dich mindestens genauso stark. Ich glaube sogar, dass du sozusagen die Ursache bist.« Sie wandte sich an Herrn Hagen. »Erzählen Sie dem Fürsten bitte, was Sie meiner Tante und mir in der Kanzlei gesagt haben.«

Herr Hagen warf einen unsicheren Blick in Philipps Richtung. Philipp nickte aufmunternd. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, worauf das Ganze hinauslaufen sollte.

So begann Herr Hagen erneut seinen Bericht, zögernd zuerst, doch dann immer flüssiger. Fürst Philipp hörte mit wachsendem Erstaunen zu.

Als Herr Hagen geendet hatte, blieb es einen Moment still im Raum.

Philipp stand auf und ging im Zimmer auf und ab. »Das kann nicht wahr sein«, murmelte er.

»Ich versichere Ihnen, dass jedes Wort stimmt«, erklärte Herr Hagen gekränkt.

Philipp drehte sich zu ihm um. »Das meinte ich nicht. Ich glaube Ihnen. Aber – dass Fiona … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie so weit ginge.«

Er trat zum Fenster und sah blicklos hinaus. Konnte Fiona tatsächlich so niederträchtig sein? Hatte sie die Rehmann Pharma in vorsätzliche Schwierigkeiten gebracht, und damit auch ihn, Philipp? Hatte sie diese hinterhältige Intrige gesponnen, um ihn zu einer Ehe zu bewegen, die er unter anderen Umständen nie akzeptiert hätte? Philipp erinnerte sich an die Gespräche mit Fiona, wie sie zwischen Liebesbeteuerungen und scharfen Bemerkungen hin und her gesprungen war. Sie hatte ihn von Anfang bis Ende manipuliert.

»Was wirst du jetzt tun?«, fragte Katharina unsicher.

»Mit Fiona reden«, sagte Philipp grimmig, der in diesem Moment ihr silbermetallicfarbenes Cabrio die Einfahrt heraufkommen sah. Sie entstieg dem Wagen in einem hautengen Kleid in verführerischem Kirschrot. Auf Highheels stöckelte sie über den Kies zum Portal.

Philipp ging in die Halle. Die Tür zum Arbeitszimmer ließ er offenstehen, damit Katharina und Herr Hagen mithören konnten.

Fiona trat durch die Eingangstür. »Philipp, Darling, wie schön, dich zu sehen«, sagte sie und bedachte den Fürsten mit einem strahlenden Lächeln. Mit der Hand wies sie beiläufig nach draußen. »Wir müssen unbedingt die Einfahrt pflastern lassen. Ich habe dir das schon einmal gesagt. Auf diesem Kies bricht man sich ja die Knochen.«

In Philipps Augen erschien ein gefährliches Funkeln. »Die Einfahrt ist gekiest, seit dieses Schloss im Jahr 1802 wieder aufgebaut wurde. Ich werde nichts daran ändern.« Er schenkte ihr ein ironisches Lächeln. »Du hast dich ja schon immer darüber beschwert, dass wir von Hohensteins so sehr auf Tradition sehen.«

»Ich werde nicht zulassen, dass unsere Gäste bei der Hochzeit …«

»Es wird keine Hochzeit geben«, unterbrach Philipp sie schroff.

Fiona sah ihn irritiert an. »Wie meinst du das?«

»Ich löse die Verlobung«, sagte Philipp schlicht. Er spürte eine unglaubliche Erleichterung bei seinen Worten. Der Druck, der ihm so lange auf der Seele gelegen hatte, schwand. Er war wieder frei!

»Das kannst du nicht machen«, sagte Fiona schrill, Panik lag in ihrer Stimme.

»Doch, Fiona. Das kann ich und das werde ich.«

Fiona schaute noch einen Moment fassungslos, dann wurde ihr Gesicht hart. »Ich habe dir gesagt, was dann passiert. Ich werde deine Güter versteigern.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Philipp kalt. Er trat zum Arbeitszimmer und wies mit einer Handbewegung zu der Sitzgruppe. »Ich glaube du kennst Herrn Hagen? Er hat mir gerade eine sehr interessante Geschichte erzählt.«

Fionas Augen weiteten sich entsetzt, als sie den Chef der Qualitätssicherung der Rehmann Pharma im Arbeitszimmer sitzen sah. »Nein«, sagte sie abwehrend. Ihre Stimme war nur ein Hauch.

»Doch, Fiona. Dein Spiel ist aufgeflogen. Ich hätte nie geglaubt, dass du bereit bist, über dreihundert Familien in Existenznot zu bringen, nur um deine Interessen durchzusetzen.«

Fionas Gesicht verlor alle Farbe.

Philipp sprach unbeeindruckt weiter: »Du höchstselbst hast dafür gesorgt, dass die Rehmann Pharma in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Du wirst selbstverständlich nun dafür sorgen, dass jeder finanzielle Schaden ausgeglichen wird.«

»Aber Philipp …«, begann Fiona.

Er unterbrach sie. »Vielleicht ist es besser, du gehst jetzt.«

Fiona atmete tief durch. Ein wenig von ihrem Kampfgeist kehrte in ihre Augen zurück. »In der Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, fauchte sie. Es war eine leere Drohung, und jeder wusste es.

Fiona ging zur Eingangstür.

»Ach, Fiona«, rief Philipp ihr hinterher. Sie drehte sich um. »Betritt nie wieder meinen Grund und Boden.«

Fiona presste verärgert die Lippen aufeinander und verließ hoch erhobenen Hauptes das Schloss.

»Hurra!« Prinzessin Laura stürmte aus dem Esszimmer und rannte Philipp fast um, als sie ihn umarmte. »Endlich sind wir diese Ziege los. Das ist super!« Sie führte einen Freudentanz in der Halle auf.

Dann kamen Katharina und Herr Hagen in die Halle.

»Meinen Sie wirklich, Frau Daldorf wird den angerichteten Schaden ausgleichen?«, fragte Herr Hagen unsicher.

»Wenn nicht, kommt die Sache vor Gericht«, sagte Philipp grimmig. »Den Skandal wird Fiona gar nicht mögen.«

Erleichterung zeichnete sich in den kränklichen Zügen Herrn Hagens ab. »Dann gehe ich wohl besser. Ella, meine Frau, wird sicher wissen wollen, wie alles gelaufen ist.«

Bei diesen Worten fiel Fürst Philipp ein: »Sagten Sie nicht, ihre Frau habe im Büro gearbeitet?«

»In der Finanzbuchhaltung«, bestätigte Herr Hagen irritiert.

Philipp ging zum Schreibtisch, nahm eine der Visitenkarten und schrieb die Telefonnummer von Herrn Jenkins auf die Rückseite. »Mein Verwalter sucht jemanden für die Buchhaltung.« Er gab Herrn Hagen die Karte. »Ich verspreche nichts. Herr Jenkins entscheidet selbst über Einstellungen. Aber Ihre Frau könnte ihn ja einmal anrufen.«

Herrn Hagens blassgraue Augen leuchteten auf. »Vielen Dank, Durchlaucht. Das wird sie tun.«

Er verabschiedete sich, und Philipp, Katharina und Laura blieben allein zurück.

Philipps Blick ruhte zärtlich fragend auf Katharina. Ihre Wangen waren gerötet. Vage bemerkte Philipp, dass Laura von einem zum anderen sah.

»Äh … Ich geh dann mal nach Branka schauen«, sagte die Prinzessin lächelnd und eilte nach draußen.

Unsicher sah Katharina Philipp an. Auf einmal wusste sie nicht mehr, wie sie reagieren sollte. Bisher war es nur darum gegangen, Fionas Komplott aufzudecken. Deren Hinterlist hatte Katharina die Vorbehalte vergessen lassen. Sie konnte einfach nicht zulassen, dass Fiona Philipp ins Unglück trieb. Nun aber war er gerettet. Er war wieder Herr über seine Ländereien und Herr seiner Entscheidungen.

Aber wie würde er sich entscheiden? Hatte er sein Pflichtgefühl über seine Liebe zu ihr, Katharina, gestellt? Oder hatte er Fionas Antrag nur deshalb annehmen können, weil er Katharina gar nicht liebte? Heiß wurde es ihr bei der Erinnerung, wie sie ihn angeschrien und beleidigt hatte, als er versuchte, mit ihr zu reden.

»Katharina. Ich weiß gar nicht ...« Er brach ab. Der Blick aus seinen braunen Augen ruhte unvermindert warm auf ihr. »Ohne dich …«, begann er erneut und brach wieder ab. »Ach, verdammt«, sagte er schließlich, kam mit raschen Schritten auf Katharina zu und zog sie in die Arme.

»Du bist die unglaublichste Frau, die ich je kennen gelernt habe.«

Katharinas Blut rauschte in ihren Adern, der Hals wurde ihr eng. Um die aufkommende Verwirrung in ihrem Herzen zu überspielen, sagte sie leichthin: »Wahrscheinlich die einzige Frau, die dir je Beleidigungen an den Kopf geworfen hat.«

Philipps Augen glitzerten amüsiert. »Nein. Das schafft auch Laura spielend. Mehrmals am Tag.«

Er drückte sie noch fester an sich, und Katharina blieb fast die Luft weg.

»Ich liebe dich, Katharina. Vom ersten Augenblick an, als ich dir begegnete, doch nie so stark wie in diesem Moment. Wenn du diese Sache mit Rehmann und Fiona nicht aufgeklärt hättest …

Danke, dass du mich da herausgeholt hast.«

Katharina befreite einen Arm aus seiner Umklammerung und fuhr ihm durch die dunklen Haare. »Das war doch selbstverständlich. Außerdem war ich es dir schuldig, so wie ich dich behandelt habe. Ich fühle mich ganz schrecklich, weil ich mich von Fiona überzeugen ließ. Ich habe ihr tatsächlich geglaubt, dass du immer in sie verliebt warst. Kannst du mir verzeihen?«

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Da habe ich nichts zu verzeihen. Immerhin glaubte ich eine Zeitlang, du wärst in deinen Vetter verliebt.«

Ein unsicherer Ausdruck trat in Philipps Augen. »Ich habe zwar gerade erst meine Verlobung gelöst. Und es ist sicher ungewöhnlich, an so einem Tag die Frage zu stellen, die ich dir stellen will. Aber ich möchte keinen Augenblick länger mehr damit verbringen. Darum frage ich dich: Katharina, willst du mich heiraten?«

Wärme breitete sich in Katharina aus, und in ihr Gesicht trat ein Leuchten. »Ja«, flüsterte sie glücklich.

Philipp beugte sich zu ihr und berührte ihre Lippen in einem Kuss, den sie heiß und leidenschaftlich erwiderte.

Fürstenkrone Staffel 8 – Adelsroman

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