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Aufbau und Ausbau der Grenzanlagen
ОглавлениеDie Berliner Mauer war kein statisches Gebilde, das einmal errichtet fast dreißig Jahre unverändert geblieben ist. Sie wurde vielmehr laufend verändert und perfektioniert. Die Mauer war auch nicht einfach eine Betonwand, wie sie vom Westen her wahrgenommen wurde, sondern setzte sich aus verschiedenen Sperranlagen zusammen.5
Der Ausbau der Grenzanlagen vollzog sich in mehreren Phasen. Zunächst wurde West-Berlin in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 mit Stacheldraht und provisorischen Sperren abgeriegelt. In der Folgezeit entstand an deren Stelle eine Mauer aus großen Blockelementen und mehreren Lagen kleinerer Hohlblocksteine, die mit einem Stacheldraht abschloss. Mitte der 1960er Jahre wurde diese Grenzanlage durch eine Mauer aus schmalen Betonplatten ersetzt, auf der ein Abwasserrohr aus Beton angebracht war, um das Übersteigen der Mauer zu verhindern. Mitte der 1970er Jahre löste diese wiederum die so genannte ›Grenzmauer 75‹ ab, die deutlich widerstandsfähiger und von Fahrzeugen nicht zu durchbrechen war. Sie bot außerdem ein glattes, ›sauberes‹ Erscheinungsbild in Richtung West-Berlin, wie Axel Klausmeier und Leo Schmidt in ihrer Dokumentation der Berliner Mauer schreiben, »weil den Machthabern der DDR seit den siebziger Jahren immer mehr daran gelegen war, die Außenwirkung ihres Staates nicht durch die offensichtliche Brutalität der Grenzanlagen zu beeinträchtigen.«6
Ost-Berliner Kameramann am Potsdamer Platz, 19.8.1961
Volkspolizisten hinter der Mauer am Potsdamer Platz, 18.8.1961
Die Mauer in der Berliner Liesenstraße hat eine Höhe von 4 Metern erreicht, 13.8.1961
Grenzübergang Chaussestraße, 1962
Die eigentliche Mauer stellte das ›Vordere Sperrelement‹ der Grenzanlagen dar, das Ost-Berlin von der vermeintlich ›feindwärtigen‹ Seite, also den Westsektoren trennte. Tatsächlich waren die Sicherungsanlagen allerdings auf die ›freundwärtige‹ Seite, also auf das eigene Territorium ausgerichtet, sollten sie doch Menschen an der ›Republikflucht‹ hindern. In Richtung Osten wurde die Vorderlandmauer daher durch ein gestaffeltes System von Sperrelementen ergänzt, die bereits verhindern sollten, dass Fluchtwillige bis an die Mauer gelangen konnten.
Klausmeier und Schmidt schreiben: »Zunächst traf man auf verschiedene Warnzeichen. Die unmittelbare Sperrzone vor den Grenzanlagen wurde durch rot-weiße Pfosten und Markierungen oder auch durch ein niedriges rot-weiß gestrichenes Geländer angezeigt. In Abständen angebrachte Schilder warnten Unbefugte mit der viersprachigen Aufschrift ›Grenzgebiet – Betreten verboten‹.«7
Von der provisorischen Mauer zum Bollwerk: Der fertige Grenzübergang Chausseestraße, 24.10.1965
Zum Teil fanden sich in dem Sperrgebiet so genannte Vorfeldsicherungen, wie z.B. vorgelagerte Plattenwände, Zäune oder Durchfahrtssperren oder auch Vergitterungen an Fenstern. Die eigentlichen Grenzanlagen begannen auf Ost-Berliner Seite mit der Hinterlandsicherungsmauer, kurz Hinterlandmauer, die in Richtung Ost-Berlin mit langen weißen, grau gerahmten Rechtecken bemalt war. Zwischen Vorder- und Hinterlandmauer befand sich der Todesstreifen. In dieser Richtung war die Hinterlandmauer komplett weiß gestrichen, damit sich ein Flüchtender auch nachts vor ihr abzeichnete.
Hinter der Hinterlandmauer gab es einen ein Elektrosignalzaun, der Alarm auslöste, wenn Flüchtende versuchten, ihn zu überwinden. Hinter diesem Zaun befanden sich oft Hundelaufanlagen und andere Hindernisse wie die ›Flächensperren‹ mit aufrecht stehenden langen Stahlspitzen, die einen vom Zaun herunterspringenden Flüchtling schwer verletzen konnten.
Rund 300 Wachttürme (Beobachtungstürme und Führungsstellen, wie jene am Kieler Eck und am Schlesischen Busch, die auch heute noch erhalten sind, siehe S. 146f) ermöglichten die Kontrolle des Grenzstreifens. Der asphaltierte oder betonierte Kolonnenweg diente den Grenztruppen als Patrouillenweg. Entlang dieses Weges befand sich die so genannte ›Lichttrasse‹, das heißt Lampenmasten, die den angrenzenden Kontrollstreifen aus Sand ausleuchteten, in dem sich wiederum die Spuren von Flüchtlingen abzeichneten. Grenzübergangsstellen (GÜSt) ermöglichten Befugten das Überqueren der innerstädtischen Grenze bzw. der Grenze zum Berliner Umland. Sie waren besonders scharf gesichert.8
1.4.1963: Spree, Höhe Cuvrystraße (Kreuzberg). Der 16-jährige Wolf-Olaf Muszynski wird am West-Berliner Ufer tot geborgen
1965 seilte sich um 5 Uhr morgens ein Mann in der Harzer Straße 119 (Treptow) ab und pendelte über die Mauer. Foto der West-Berliner Polizei, auf dem der Vorgang rekonstruiert wurde
Hinterlandmauer, Todesstreifen mit Lampenmasten, Kontrollstreifen aus Sand und Vorderlandmauer, hier an der Brehmestraße 1989