Читать книгу Kosmische Saga - 33 Science Fiction Romane aus dem Bekker-Multiversum auf 4000 Seiten - Alfred Bekker - Страница 29

Commander Reilly #3: Commander im Niemandsland von Alfred Bekker

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Chronik der Sternenkrieger

Science Fiction Roman

Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jack Raymond, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

in chronologischer Reihenfolge

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Einzelfolgen:

Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)

Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz

Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland

Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis

Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen

Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen

Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg

Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd

Commander Reilly 9: IN VORBEREITUNG

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Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)

Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)

Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)

Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke (Handlungszeit 2250)

Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde

Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp

Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium

Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg

Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten

Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet

Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer

Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash

Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast

Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha

Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch

Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance

Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten

Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen

Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt

Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion

Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf

Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung

Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff

Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter

Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne

Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos

Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer

Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich

Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe

Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter

Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen

Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy

Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix

Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt

Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne

Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle

Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)

Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer

Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)

Sammelbände:

Sammelband 1: Captain und Commander

Sammelband 2: Raumgefechte

Sammelband 3: Ferne Galaxis

Sammelband 4: Kosmischer Feind

Sammelband 5: Der Etnord-Krieg

Sammelband 6: Götter und Gegner

Sammelband 7: Schlächter des Alls

Sammelband 8: Verlorene Götter

Sammelband 9: Galaktischer Ruf

Sonderausgaben:

Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und

Chronik der Sternenkrieger #1-4)

Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)

Druckausgabe (auch als E-Book):

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)

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Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Das Jahr 2236 war für die Menschheit im Allgemeinen und die Humanen Welten im Besonderen von schicksalhafter Bedeutung. Heute macht sich niemand mehr wirklich klar, in was für einer bedrohten Lage sich die Menschheitswelten damals befanden.

Aber das soll nicht bedeuten, dass wir uns heute auf einem sanfteren Ruhekissen betten könnten! Beileibe nicht!

In der Zone jenseits des Niemandslandes wuchs ein Feind heran, der daran dachte, all das zu zerstören, was die Menschheit in den drei Jahrhunderten zuvor erreicht hatte. Ich sah es als meine Mission an, so etwas nicht zuzulassen. Damals wie heute. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich seit damals nicht viel verändert

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Aus den Erinnerungen von Admiral Gregor Raimondo, seit Februar 2252 im Datennetz abrufbar unter dem Titel „Wir beschützten die Sterne – Über die Geschichte des Space Army Corps“

Mein Eindruck, dass diese schnabellosen Säugetierabkömmlinge, die sich Menschen nennen, von erschreckender Schwäche sind, hat sich im Laufe der Zeit, die ich nun schon unter ihnen lebe, verfestigt. Und damit meine ich nicht eine Schwäche des Körpers, sondern des Geistes. Die meisten von ihnen sind bar jeder Überzeugung und jeden festen Glaubens. Ihr politisches System lässt verschiedene Ansichten gleichzeitig und gleichrangig gelten. Angesichts dieser Umstände erstaunt es mich, wie wenige unter ihnen letztlich Symptome von Geisteskrankheiten entwickeln, wie der gefürchteten Schizophrenie, von der ich in einem ihrer Datennetz-Bibliotheken jüngst las... Bedauernswerte Heiden sind sie! Je länger ich unter ihnen weile, desto größer ist die Dankbarkeit, die ich dafür empfinde, dem auserwählten Volk Gottes anzugehören.

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Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Nirat-Son, einem qriidischen Austauschoffizier an Bord des Sondereinsatzkreuzers STERNENKRIEGER II unter Captain Rena Sunfrost im Dienst des Space Army Corps of Space Defence der Humanen Welten – verfasst 2251.

Kapitel 1: Ein Qriid namens Nirat-Son

Jahr 2236...

Irgendwo im Niemandsland zwischen den Humanen Welten der Menschheit und dem Heiligen Imperium der Qriid...

Die falkenhaften Augen der Schnabel bewehrten, vogelartigen Gesichter wirkten aufmerksam. Grau wie das Gefieder unserer geflügelten Vorfahren, so hieß es in einem uralten Lied der Qriid, das noch aus der Zeit stammen musste, da dieses von einem tiefen Glauben an seine göttliche Mission erfüllte Volk seine Heimatwelt Qriidia noch nicht verlassen hatte. Eine Zeit, in der Gott das von ihm erwählte Volk noch prüfte, ob es auch wert sei, dass man es in den Kosmos hinausziehen und dort die Göttliche Ordnung errichten ließ.

Mythen und Legenden berichteten von dieser Zeit von der niemand genau sagen konnte, wie lange sie eigentlich her war.

Der Tanjaj-Rekrut Nirat-Son wusste nicht, weshalb ihm die Melodie dieses Liedes ausgerechnet jetzt einfiel, in einem Moment, in dem er eigentlich an nichts anderes hätte denken sollen, als an die Mission, die vor ihm lag. Die erste Außenmission, an der er teilnahm, seit er an Bord der KRALLE DER GLÄUBIGEN diente, einem Kriegsschiff im Dienst des Heiligen Imperiums der Qriid.

Die Melodie bildete eine Kette sehr schnell aneinander gereihter Halb- und Dreivierteltonschritte im Hochfrequenzbereich.

Angehörige vieler anderer Rassen hätten dies als unspezifisches Gezwitscher angesehen, aber für Nirat-Son stellte es eine unverwechselbare Melodie dar.

Eine Melodie, die ihm aus irgendeinem Grund einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Stattdessen wurde sie dort immer wieder aufs Neue abgespielt, wie ein Tonträger, der mit einer Fehlfunktion behaftet war.

Der Tanjaj-Rekrut überlegte, dass es vielleicht mit der attraktiven Eierlegerin zu tun hatte, die er in den Straßen von Qatlanor getroffen hatte, der auf Qriidia gelegenen unvergleichlich schönen Hauptstadt des Heiligen Imperiums. Qatlanor, die Göttliche, so nannte man diese Stadt auch, weil der Aarriid dort residierte.

Im Hintergrund hatte jemand dieses uralte Lied gespielt, als er der schönen Eierlegerin zum letzten Mal begegnet war.

Nur ein paar Mal hatten sie sich treffen können.

Nein, dachte Nirat-Son. Treffen ist nicht der richtige Ausdruck. Es waren Begegnungen. Begegnungen, die wie zufällig aussehen mussten.

Sie hatten ihre Namen ausgetauscht, was unter einander nicht versprochenen Qriid verschiedenen Geschlechts schon sehr viel mehr war, als den Tugendwächtern, die über die öffentliche Moral zu wachen hatten, recht war.

Anré-Sé

Ein Name, der in Nirat-Sons Bewusstsein wie eine Verheißung widerhallte. Eine Verheißung, die mit einem Schmerz verbunden war, denn sein Verstand sagte ihm, dass er Anré-Sé niemals wieder sehen würde. Zumindest standen die Chancen dafür denkbar schlecht. Sie war geringer als die Möglichkeit bei einer der gottgefälligen Lotterien, deren überschüssige Einnahmen an Bedürftige verteilt wurden, den Hauptgewinn zu erzielen.

Anré-Sé

Der Stachel der kalten Erkenntnis saß tief in seiner Seele. Eine Erkenntnis, die schlicht und ergreifend darin bestand, dass diese anmutige Eierlegerin von ihrer Familie und den Priestern für einen anderen Tanjaj vorgesehen war. Es gab nichts, was das noch ändern konnte. Bei den Qriid sollte jeder den Partner bekommen, den Gott für ihn bestimmt hatte. Und nach Ansicht des Priesters war es nun mal Gottes Wille, dass Anré-Sé die zweite Eierlegerin des hohen Tanjaj-Offiziers Rer-Gar wurde.

Du musst gegen diese Gefühlsregungen ankämpfen. Schließlich sind wir das zivilisierte, auserwählte Volk Gottes. Kein Qriid lässt sich von Emotionen wie der Zuneigung zu einer Eierlegerin davon abhalten, seine Pflicht gegenüber seinem Imperium und seinem Glauben zu erfüllen! So hatte man es Nirat-Son eingeimpft. Sowohl in der Schule, als auch während der Ausbildung zum Tanjaj, die er mit Bestnoten beendet hatte. Der Weg in höhere Offiziersränge stand jemandem wie ihm offen, wenn er sich bewährte. Und das war unvermeidlich, denn das Imperium befand sich fast unablässig im Krieg. Nur beim Tod eines Aarriid, wie das religiöse Oberhaupt der Qriid genannt wurde, kam es bis zur Bestimmung eines Nachfolgers durch die Priester zu einer Unterbrechung. Schließlich wurde der Heilige Krieg, mit dem das Reich der Qriid seine Expansion vorantrieb, im Namen des Aarriid geführt und so war es undenkbar, dass der Krieg fortgesetzt wurde, ohne dass der Stellvertreter Gottes auf seinem rechtmäßigen Thron saß, um die Gläubigen zu führen.

„Träumst du, Nirat-Son?“, fragte eine Stimme, die schneidend klang und deren Worte von einem schabenden Geräusch unterstrichen wurden, wie er bei der Reibung von zwei Schnabelhälften entstand. Kalte, graue Augen blickten Nirat-Son an. Sie wirkten prüfend, geradezu durchdringend.

Dieses scheinbar bis auf den Grund seiner Seele blickende Augenpaar gehörte Tan-Balo, dem Kommandanten des Kriegsschiffes KRALLE DER GLÄUBIGEN. Der Kommandant trat auf den Tanjaj-Rekruten zu und öffnete leicht den nach unten gebogenen Schnabel, an dessen Unterhälfte er mit einer seiner Klauen entlang rieb. Die kräftigen, nach hinten geknickten Beine machten einen letzten Schritt. Die Krallen bewehrten Pranken, die bei den Vorfahren aus uralter Zeit angeblich einmal Flügel gewesen waren, wurden verschränkt. „Wir befinden uns in einer unbekannten Region des Alls“, sagte der Kommandant. „Unsere Aufgabe ist es, zusammen mit dem Flottenverband, dem wir angehören, diesen Sektor zu kartographieren, Daten technisch und astronomisch zu erfassen und die informationellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass unsere Expansion auch hier erfolgreich sein wird.“ Tan-Balo sog die sehr sauerstoffhaltige Luft in sich hinein. Eine leichte Anhebung des Sauerstoffwertes über den Normwert hinaus, konnte die Leistungsfähigkeit einer Schiffsbesatzung erheblich verbessern, so lauteten jüngste Forschungsergebnisse, die an der Universität von Qatlanor anhand umfangreicher Untersuchungen gewonnen worden waren. Seitdem war man dazu übergegangen den Sauerstoffgehalt in der Atemluft von Einheiten, die sich in einem heiklen Einsatz befanden, um drei Prozent zu erhöhen.

Dadurch ließen sich auch die für jeden Qriid unerlässlichen Schlafintervalle verkürzen, was vor allem auch innerhalb der imperialen Industrie große Aufmerksamkeit erzeugt hatte. Schließlich wurde hier jede Möglichkeit einer Effektivierung der kriegswichtigen Produktion gerne aufgegriffen.

Die Qriid kämpften an einer sich ständig vorwärts schiebenden Front, die stets irgendwo durch das All verlief und im Grunde unsichtbar blieb.

Die zweite Front, mit der das Imperium zu tun hatte, befand sich im Bereich von Industrie und Wirtschaft. Das Imperium lief ständig Gefahr, die eigenen Möglichkeiten zu überdehnen.

Und dieser Gefahr musste mit aller Kraft entgegen gehalten werden.

Kommandant Tan-Balo steuerte über eine Fernbedienung die Funktionen eines Bildschirms in bestechender Qualität, der die gesamte Wand des ansonsten sehr karg eingerichteten Konferenzraums an Bord der KRALLE DER GLÄUBIGEN.

Die qriidische Videotechnologie wäre durchaus fortgeschritten genug gewesen, um dreidimensionale Darstellungen zu erzeugen. Aber da die Qriid auf Grund ihrer weit auseinander stehenden Augen ohnehin ein schlechtes räumliches Sehvermögen besaßen, hätte das wenig Sinn gemacht.

Tan-Balo aktivierte die Weltraumansicht eines Planeten, dessen gelbe Sonne im Hintergrund leuchtete. Der Planet war vollkommen weiß. Ein schneebedeckter Eisklumpen, so schien es. Ein paar schmutzig-braune Flecken waren zu erkennen, bei denen sich wahrscheinlich um Ablagerungen handelte. Material, das der Planet im Laufe der Jahrmillionen aus dem Weltraum eingefangen hatte und das sich schließlich auf der Oberfläche ablagerte.

„Das ist Korashan-5, eine Welt, die einem Eisklumpen gleicht. Die anderen Planeten des Korashan-System weisen zwar allesamt sehr ungemütliche Lebensbedingungen auf, besitzen aber bedeutende Vorkommen an Rohstoffen, die für unsere Industrie notwendig sind“, erläuterte Tan-Balo. „Eine planetare Angleichung an die Qriidia-Norm könnte sich in dem einen oder anderen Fall durchaus lohnen.“

„Dann plant das Oberkommando des Tanjaj-Mar einen Ausbau des Korashan-System als industrielle Basis?“, erkundigte sich der Erste Offizier. Sein Name war Dom-Tabun. Seine Uniform war voll von Orden- und Ehrenzeichen, die ihn als einen Tanjaj – Glaubenskrieger - auswiesen, der sich mit ganze Kraft dem Kampf gegen die Ungläubigen gewidmet hatte. Der Umstand, dass ein Auge und ein Bein durch Prothesen ersetzt worden waren, sprach in diesem Zusammenhang für sich. Dabei waren sowohl die Augen- als auch die Beinprothese so beschaffen, dass man ihren künstlichen Ursprung sofort erkennen konnte. Man hatte sich in keiner Weise bemüht, den natürlichen Zustand nachzubilden, sondern es war volle Absicht, für jeden Betrachter gleich erkennbar werden zu lassen, welch großes Opfer dieser Glaubenskrieger für den permanenten Krieg des Heiligen Imperiums und die Errichtung der Göttlichen Ordnung gebracht hatte. Zusammen mit den Orden an seiner Brust ergab dies für junge Tanjaj-Rekruten wie Nirat-Son ein fast schon einschüchterndes Bild.

Nirat-Son hatte immer ein leichtes Schaudern bei diesem Anblick erfasst und er hatte sich gefragt, ob er zu denselben Heldentaten und dem hohen Grad an Selbstaufopferung fähig wäre wie Tan-Balo. Der Schmerz öffnet den Weg zum Glauben - dieses Axiom aus der qriidischen Weisheit des beinahe schon mythischen Ersten Aarriid, der vor vielen Zeitaltern auf dem Thron in Qatlanor als Stellvertreter Gottes residiert hatte, fiel Nirat-Son jetzt ein. Als Tanjaj war er nicht nur intensiv in Kampftechniken und Raumtechnik unterwiesen worden, sondern auch in der Glaubenslehre der qriidischen Religion.

„Deine Vermutung ist vollkommen richtig“, bestätigte Tan-Balo. „Und darum spielt auch Korashan V eine so wichtige Rolle. Alle anderen Korashan-Welten sind extrem wasserarm. Aber Sie wissen selbst, dass die Anlage von Industriekomplexen ohne das Vorhandensein von ausreichend Wasser so gut wie unmöglich ist. Darum möchte ich, dass Tanjaj-Nom Bras-Kon sich mit einem Beiboot auf die Oberfläche begibt, zum dort die Lage zu erkunden.“

Ein Tanjaj-Nom war ein niederer Offiziersrang innerhalb der sich selbst als gleichermaßen elitäre wie verschworene Gemeinschaft betrachtende Kaste der Gotteskrieger.

„Es wird mir eine Ehre sein!“, meldete Bras-Kon und seine Haltung straffte sich dabei.

„Du weißt, dass eure Expedition nicht die erste ist, die Korashan V anfliegt, und dass das letzte dort abgesetzte Außenteam unter mysteriösen Umständen verschwand. Zumindest brach der Kontakt ab und es wird unter anderem eure Aufgabe sein, nach dem Verbleib dieses Teams zu suchen. Letzte Meldungen besagten, dass unsere Glaubensbrüder auf Vertreter jener heidnischen und schnabellosen Spezies von Säugetierabkömmlingen trafen, von denen unsere Kundschafter vermuten, dass sie jenseits der unbekannten Zone ein großes Sternenreich besitzen.“

Tan-Balo ballte seine beiden Krallen bewehrten Klauen zu den Qriid-Äquivalenten von Fäusten. „Irgendwann werden wir diesen schnabellosen Heiden begegnen und gezwungen sein, sie im Kampf niederzuringen, damit sie sich der Göttlichen Ordnung unterwerfen können. Und dazu brauchen wir hier im Korashan-System eine starke Basis...“ Tan-Balo ließ den Blick schweifen, was für einen Qriid nur eine minimale Kopfdrehung bedeutete. Schließlich besaßen die Vogelartigen Glaubenskrieger eine Rundumsicht von fast 270 Grad. Kommandant Tan-Balo fixierte schließlich Rekrut Nirat-Son auf eine Weise, die dieser als äußerst unangenehm empfand. „Zeige mehr Eifer, Nirat-Son! Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass es Dinge in deinen Gedanken gibt, die dich von deiner wahren Bestimmung ablenken. Was auch immer das sein mag, verbanne es aus deinem Bewusstsein.“

„Ja, Kommandant!“, gab Nirat-Son zurück, der sehr wohl wusste, dass es keinen Sinn hatte, irgendeinen Widerspruch zu äußern. Das hatte er während seiner Ausbildung zum Tanjaj vollkommen verinnerlicht. Der Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten bildete die Grundlage der Kampfkraft, so hatte man es ihnen beigebracht. Kein Sieg für den Glauben ohne Disziplin. Mochte Nirat-Son als Tanjaj auch einem einfachen Industriearbeiter an gesellschaftlichem Ansehen haushoch überlegen sein, so hatte er sich und sein Leben doch vollkommen unterzuordnen. Aber Nirat-Son sah das als Selbstverständlichkeit an. Wie sonst hätte das Heilige Imperium seine permanente Expansion nun schon so lange fortsetzen können?

Die Gedanken, die dich von deiner Aufgabe ablenken – du kennst sie genau, dachte Nirat-Son. Und du weißt auch, dass sie sich nicht so einfach verbannen lassen. Weder durch Meditationstechniken, noch durch eine rituelle Reinigung, wie sie dir dein Vorgesetzter mit Sicherheit gleich vorschlagen wird!

„Du solltest unsere Bordpriester aufsuchen“, sagte Tan-Balo nun tatsächlich und in einem sehr viel versöhnlicheren Tonfall.

Er galt als ein Kommandant, der sehr um das spirituelle Wohl seiner Tanjaj besorgt war.

„Jawohl“, sagte Nirat-Son und senkte den Kopf nun so tief, dass der nach unten gebogene Schnabel beinahe die Uniformbrust berührte.

„Manchmal kann es in deinem Alter vorkommen, dass man glaubt, die Reinigungsrituale ungestraft gering schätzen zu können. Mir ist es nicht anders gegangen.“

„Ich danke dir für dein Verständnis, Kommandant. Aber ich habe mir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen.“

Jeder Tanjaj hatte in einem Tempel Reinigungs- und Läuterungsrituale zu vollführen, bevor es ihm gestattet war, an Bord seines Schiffs zu kommen. Das war fester Bestandteil des Tanjaj-Lebens. Den Glaubenskriegern wurde von Anfang an eingeimpft, wie wichtig nicht nur die Pflege der Waffen, sondern auch wie unerlässlich die Pflege des Glaubens und die Reinheit der eigenen Seele waren.

Beides stand nach den Lehren der qriidischen Überlieferung, auf die sich die Tanjaj beriefen, gleichrangig nebeneinander. Das eine war ohne das andere nicht denkbar. Was nützte ein gut bewaffneter Glaubenskrieger, der seine Feinde mit Leichtigkeit besiegen könnte, wenn sein Geist und sein Glaube schwach waren und dafür sorgten, dass er den Mut verlor, den der Kampf für die Sache der göttlichen Ordnung nun einmal verlangte?

„Geh zum Bordpriester, bevor du das Beiboot betrittst, das dich nach Korashan V bringen wird!“, verlangte Tan-Balo noch einmal. „Sonst wirst du Unglück über die Mission bringen.“

„Ich werde tun, was du verlangst, mein Kommandant“, versprach Nirat-Son.

1

Fünf Qriidia-Stunden später hatte die KRALLE DER GLÄUBIGEN soweit abgebremst, dass sie ihr Beiboot ausschleusen konnte. Dabei war es nicht Tan-Balos Absicht, in ein Orbit einzuschwenken. Stattdessen ließ er die KRALLE DER GLÄUBIGEN auf einem Tangential-Kurs an Korashan V vorbei schnellen. Das Qriid-Schiff hatte zwar seit seinem Austritt aus dem Zwischenraum mit vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit bereits auf die Hälfte dieses Wertes abgebremst, wäre aber noch immer viel zu schnell gewesen, um in eine stabile Umlaufbahn einschwenken zu können. Stattdessen sollte das Mutterschiff möglichst viele Daten über die anderen Planeten des Systems zusammentragen und auf zwei von ihnen weitere Beiboote absetzen.

Die KLEINE KRALLE, wie das Beiboot unter dem Kommando von Tanjaj-Nom Bras-Kon hieß, wurde bei 0,2 LG ausgesetzt und anschließend von der Gravitation des Eisplaneten eingefangen.

Nirat-Son hatte einen der letzten von einem Dutzend Plätzen innerhalb der Passagierkabine eingenommen. Er blickte durch das Sichtfenster an seiner rechten Seite. Das Licht der Sonne Korashan wurde durch die weiße, schneebedeckte Oberfläche des Planeten stark reflektiert, sodass man ständig das Gefühl hatte, dass von dieser Welt ein eigentümliches Leuchten ausging.

Denk nicht mehr an Anré-Sé!, ging es dem Tanjaj-Rekruten durch den Kopf. Das ist die einzige Möglichkeit, um den Weg des Schmerzes zu verlassen und den Zustand innerer Läuterung zurückzuerlangen, der für jeden Tanjaj die Voraussetzung ist, um seinen Dienst für den Aarriid zu tun...

Die Reinigungsrituale beim Bordpriester hatte Nirat-Son hinter sich gebracht. Allerdings hielt sich die spirituelle Wirkung auf die innere seelische Stabilität des Tanjaj-Rekruten diesmal in ziemlich eng umrissenen Grenzen.

Vielleicht um sich ablenken zu können, hatte Nirat-Son sich umso intensiver in die Vorbereitung zu dieser Mission gestürzt. Er hatte buchstäblich jedes Datenfile geöffnet, das es über diese Raumregion in den Speichern des Bordrechners der KRALLE DER GLÄUBIGEN gab.

Besonders interessierten ihn die barbarischen Säugetierabkömmlinge, die auf Korashan V hausten. In gewissen Grenzen hatte er sogar Respekt für die Tapferkeit dieser Heiden, nach allem, was man über den Verbleib der ersten Expedition auf den Schneeplaneten wusste.

Es fiel Nirat-Son schwer anzunehmen, dass die primitiven Säugetierabkömmlinge tatsächlich etwas damit zu tun hatten. Mit ihren schnabellosen „Verwandten“, die in die Kämpfe gegen die spinnenartigen Wsssarrr verwickelt gewesen waren, konnten die Barbaren dieser Eiswelt nicht viel zu tun haben. Natürlich hatte sich auch Nirat-Son das aufgezeichnete Bildmaterial angesehen und ihm war die Ähnlichkeit zwischen den Eiswelt-Bewohnern mit jenen Fremden, die in einer Distanz von schätzungsweise ein paar Dutzend Lichtjahren über ein gewaltiges Sternenreich geboten, genauso aufgefallen wie jedem anderen Betrachter.

Wenn beide Spezies etwas miteinander zu tun hatten, dann handelte es sich bei den Eisweltlern vielleicht um degenerierte Nachfahren derselben Spezies, die wahrscheinlich vor sehr langer Zeit hier gelandet waren.

Nach und nach waren sie dann auf eine Stufe zurückgefallen, die der Barbarei sehr nahe kam.

Auf jeden Fall besaßen sie nicht den rechten Glauben und dementsprechend waren sie auch kaum gewillt, sich aus freien Stücken der Göttlichen Ordnung des Aarriid zu unterwerfen.

Also muss man da etwas nachhelfen!, dachte Nirat-Son.

Ohne, dass er es hätte verhindern können, waren seine Gedanken trotz der priesterlichen Läuterung, die er hinter sich hatte, immer wieder einmal zu der schönen Eierlegerin zurückgekehrt, von der er träumte, dass sie ihm durch ein höchstpriesterliches Urteil als die für ihn bestimmte Gefährtin zugesprochen worden wäre. Aber das war reines Wunschdenken und in dieser Form für sich genommen schon eine Sünde. Schließlich war Gott die lenkende Macht des Universums und keine primitive Wunscherfüllungsmaschine, die sich durch Gebete oder – noch schlimmer! – durch magische Praktiken beeinflussen ließ.

„Was ist los mit dir?“, fragte ihn jetzt sein Sitznachbar Re-Lim. Er war ein Tanjaj-Rekrut im selben Ausbildungsjahr. Sie kannten sich seit der Zeit auf der Tanjaj-Akademie. Auch davor waren sie sich bereits im Rahmen verschiedener Förderprogramme zur Erkennung von Tanjaj-Talenten im Schlüpflingsalter immer wieder einmal begegnet.

„Teile deine Gedanken mit mir“, forderte Re-Lim seinen Nachbarn auf. „Du weißt doch, was die Schriften sagen...“

„Tut mir leid, im Moment habe ich keine Ahnung, worauf du anspielst!“, behauptete Nirat-Son, der gehofft hatte, dadurch die Unterhaltung möglichst schnell beenden zu können.

Aber das Gegenteil war der Fall.

„ Wer sich verschließt wird ein Ärgernis für die Sache der Gläubigen“, zitierte Re-Lim die Überlieferung.

Gerade dieser Satz hallte in Nirat-Sons Hinterkopf dutzendfach wieder. Nirat-Son hatte an sich selbst immer wieder die Tendenz festgestellt, sich von anderen abzugrenzen und über sein Inneres zu schweigen. Genau das aber war von Übel, wie die höchsten Repräsentanten des Glaubens von der Priesterschaft bis hinauf zum Aarriid immer wieder betonten.

Ein Außenstehender hätte darin vielleicht eine Kontrollabsicht der geistlichen Instanzen vermutet, die offenbar nicht nur das Territorium, sondern auch die Seelen aller Bewohner des Heiligen Imperiums genauestens kontrollieren wollte.

Nirat-Son hingegen empfand dies vielmehr als eine Aktion allumfassender Fürsorge der Gemeinschaft.

Aber nicht irgendeiner Gemeinschaft, sondern der Gemeinschaft jener, die dem Glauben an Gott folgten und ebenfalls von der göttlichen Mission des Qriid-Volkes überzeugt waren.

2

Das Beiboot hieß KLEINE KRALLE, was sich natürlich auf den Namen des Mutterschiffs bezog. Der Pilot ließ es in die Atmosphäre des Eisplaneten eintauchen, der im Übrigen von drei rötlich schimmernden Monden umkreist wurde. Mond Nummer zwei hatte dabei eine sehr eigenartige, irreguläre Form. Sie glich einem Ellipsoid, der in seiner Vergangenheit durch schnelle Rotation beinahe zylinderförmig geworden war. Die Distanz der Pole zueinander betrug fast 5000 Kilometer, während der Durchmesser am Äquator kaum 600 Kilometer betrug.

Irgendwann im Laufe seiner Geschichte musste Korashan V diesen Sonderling eingefangen haben.

Seine Eigenrotation war immer noch beachtlich, wie Nirat-Son sich auf dem Display anzeigen ließ, das zu seiner Konsole gehörte.

Immer tiefer sank die KLEINE KRALLE, überwand dabei die Stratosphäre und tauchte schließlich in die Troposphäre ein, die einen Sauerstoffgehalt von 20 Prozent aufwies. Dieser recht hohe Sauerstoffgehalt wies darauf hin, dass die Vereisung des Planeten noch nicht allzu lang zurückliegen konnte. Maximal ein paar Millionen Qriidia-Jahre. Jedenfalls gab es zurzeit an der Oberfläche so gut wie keine Vegetation auf dem Planeten. Aber das war gewiss in früheren, klimatisch günstigeren Epochen seiner Entwicklung anders gewesen.

„Ich frage mich wie diese schnabellosen Barbaren auf Korashan V überleben konnten – wenn ich mir die planetaren Daten so ansehe!“, äußerte sich der Tanjaj Ni-Vad, der vor Nirat-Son Platz genommen hatte. „Ich meine, die haben weder pflanzliche noch tierische Nahrung auf diesem Planeten.“

„Sie scheinen wahre Künstler darin zu sein“, war der Kommandant überzeugt. „Was auch immer ihre verborgenen Nahrungsquellen sein mögen – auf die Dauer werden sie sich mit ihren primitiven Waffen nicht gegen unsere Traser durchsetzen können. Und darauf kommt es einzig und allein an.“

„Besteht der Plan, die säugetierartigen Urbewohner zu vernichten?“, fragte Nirat-Son.

„Unsere Mission besteht glücklicherweise nur in der Erkundung“, erwiderte Ni-Vad. „Falls man diese Ureinwohner umsiedeln oder vernichten sollte, wird uns das Oberkommando schon Bescheid geben.“

Begeistert klingt das nicht!, überlegte Nirat-Son. Fehlte es dem Tanjaj Ni-Vad etwa an der richtigen Einstellung oder gar dem nötigen Glaubensfeuer? Oder waren auch seine Gedanken bei irgendeiner Eierlegerin?

Obwohl Ni-Vad und Nirat-Son sich auf der KRALLE DER GLÄUBIGEN sogar eine Kabine teilten, hatten sie sich nie über diesen Punkt ausgetauscht. Nirat-Son hätte schon gerne mit jemandem über die Dinge gesprochen, die ihn bewegten. Aber er wusste auch, dass die Gefahr groß war, an die Spitzel der Priesterschaft verraten zu werden. In gewissen Intervallen trieb die Angst der Priesterschaft und des Tanjaj-Mar, wie der Oberkommandierende der Gotteskrieger und höchste Militärrang des Heiligen Imperiums genannt wurde, vor dem Aufkommen einer Ketzerbewegung skurrile Blüten. Nichts fürchteten die im Namen des Aarriid regierenden Würdenträger so sehr wie eine abweichende Meinung in Glaubensfragen. Insbesondere dann, wenn die Notwendigkeit des Heiligen Krieges und der permanenten Expansion der göttlichen Ordnung in Frage gestellt wurde, wie es in der Vergangenheit immer wieder geschehen war.

Gerade die Zeiten eines Interregnums nach dem Tod eines Aarriid und vor der Bestimmung seines Nachfolgers schienen in dieser Hinsicht gefährlich zu sein. Umso hysterischer wurde die Verfolgungswut der Geheimpolizei und der allgegenwärtigen Tugendwächter, die inzwischen sogar an Bord von Kriegsschiffen zu finden waren.

Niemand konnte sicher sein, von ihnen nicht wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Glaubensabweichung angeklagt zu werden.

Ein Klima der Angst hatte sich in den letzten Qriidia-Jahren innerhalb der Tanjaj-Flotte ausgebreitet. Niemand konnte sich vor einer Denunziation sicher sein.

Es war besser, seine Gedanken für sich zu behalten. Das hatte Nirat-Son schon früh verinnerlicht.

Vielleicht hing die gegenwärtige Ketzer-Hysterie auch damit zusammen, dass der amtierende Aarriid schon sehr alt war und man die Zeit absehen konnte, dass ein weiteres Mal die Geschichte des Heiligen Imperiums von einem Interregnum gezeichnet sein würde.

Einer Zeit des Innehaltens und Atemholens.

Die Priester ließen manchmal Jahrzehnte vergehen, ehe sie unter Millionen von Schlüpflingen denjenigen bestimmt hatten, der die Merkmale des göttlichen Stellvertreters in sich trug.

Immer dann, wenn der Heilige Krieg eine Unterbrechung erfuhr, wurde er von ein paar Weichlingen in Frage gestellt. Aber Nirat-Son gehörte nicht zu diesen Sympathisanten. Im Gegenteil. Er verachtete sie und ordnete sie den Reihen des Feindes des Imperiums zu. Sie waren fast so verabscheuungswürdig wie die geheimnisvolle Rasse von Säugetierabkömmlingen, auf die man vor etwa zwei Qriidia-Jahren gestoßen war, als man die ebenso abscheulichen achtbeinigen Wsssarrr vernichtete.

3

Die KLEINE KRALLE landete in der Nähe jener Positionsdaten, die man zuletzt von den Mitgliedern des ersten, verschwundenen Bodenteams auf Korashan V erhalten hatte.

Nirat-Son ließ sich die Umweltdaten auf seiner Konsole anzeigen. Es herrschte eine Temperatur von Minus dreißig Grad – und das wohlgemerkt am Äquator. In der Nacht würde das Thermometer auf Minus sechzig Grad und tiefer sinken. Je nachdem, wie die Wetterverhältnisse waren.

Heftige Winde peitschten über die endlosen Ebenen.

Es wurden derzeit Windgeschwindigkeiten von hundert Stundenkilometern angezeigt, was in diesen Breiten nichts Ungewöhnliches war.

Das Wettersystem von Korashan V zeichnete sich durch sehr stabile Verhältnisse aus. Alternierende Tief- und Hochdruckgebiete sorgten für einen Druckausgleich in der Atmosphäre und schaufelten gigantische Luftmassen von Norden nach Süden oder umgekehrt vom Äquator zu den Polen.

„Ortung?“, fragte Bras-Kon, der Tanjaj-Nom und damit Kommandant der KLEINEN KRALLE.

An Bord von Beibooten dieser Größenordnung hatte der Pilot die Ortung mit zu bedienen und daher meldete sich Steuermann Ruu-Di zu Wort.

„Die Position entspricht ziemlich der den letzten gemeldeten Koordinaten unserer Vorgängermission. Im Augenblick habe ich hier sogar ein Signal auf dem Schirm, das starke Ähnlichkeiten zu den Signaturen eines Raumbootes vom Typ ANSTRENGUNG DES GLAUBENS der Tanjaj-Flotte besitzt.“

„Genau lokalisieren!“, befahl Bras-Kon.

Pilot Ruu-Di nahm einige Schaltungen vor und führte eine Feinkalibrierung der Systeme durch. Die Ungeduld seines Vorgesetzten war ihm sehr wohl bewusst. Seine Nervosität wurde schon dadurch deutlich, dass er immer wieder seine Schnabelhälften gegeneinander verschob, sodass ein schabender Laut entstand.

Ruu-Di aktivierte ein Display, auf dem eine Positionsübersicht des Landeplatzes der KLEINEN KRALLE und ihrer Umgebung angezeigt wurde.

„Die Signatur wurde etwa 200 Ptlaxan von hier entfernt gemessen.“

Ein Ptlaxan entsprach der durchschnittlichen Körperlänge eines männlichen Qriid – also etwa 1,80 m. Das Ptlaxan bezeichnete man auch als das Maß Gottes, denn schließlich hatte Gott die Qriid nach seinem Ebenbild erschaffen und daher hatten auch die dabei verwendeten Maße eine besondere Bedeutung. Zumindest war es nach dem Verständnis der qriidischen Religion nicht denkbar, dass diese Maße nur Produkte evolutionären Zufalls waren. Hinter allem was geschah, stand ein übergeordneter Plan Gottes. Und für den Gläubigen ging es darum, diesen Plan zu erkennen und zur Etablierung der Göttlichen Ordnung im Universum beizutragen.

Einer Ordnung unter Führung des auserwählten Volkes, der Qriid.

„Hinweise auf Lebenszeichen?“, fragte Bras-Kon.

Ruu-Di wog den Kopf zur Seite. „Negativ, Kommandant. Zumindest gibt es keinerlei Lebenszeichen qriidischer Herkunft.“

„Was soll das heißen?“, hakte Bras–Kon nach.

„Das bedeutet konkret, ich kann hier zwar mehrere Temperaturfelder orten, die sich bewegen und deren Niveau erheblich über dem der Umgebung liegt. Eigentlich ein deutlicher Hinweis auf Leben – aber es kann sich auf keinen Fall um Qriid handeln.“

„Sind es vielleicht diese primitiven Säugetierabkömmlinge?“

„Ebenfalls negativ. Es handelt sich um Organismen, deren Größe nur etwa ein Achtel Ptlaxan entspricht.“

„Wir werden uns den Ursprung dieser Signatur genauer ansehen“, erklärte Bras–Kon entschlossen. „Thermoanzüge, Antigrav-Pak und Hand-Traser anlegen! Pilot Ruu-Di, du bleibst an Bord. Eine Vierergruppe untersteht dem Tanjaj Re-Lim und sieht sich in der Umgebung um. Die anderen folgen mir zum Ursprung der Signatur. Ich hoffe, dass wir aufklären können, was mit unseren Tanjaj-Brüdern geschehen ist.“

Ein krächzender Bestätigungslaut ertönte unisono aus fast zwei Dutzend Schnäbeln.

„Außerdem geht der Befehl, das Proben aus dem Eis genommen werden. Beachtet dabei, dass diese Proben aus unterschiedlichen Höhen stammen müssen, um ein aussagekräftiges Bild zu geben.“

„Welche Befehle gelten für den Fall, dass wir auf die Säugetierabkömmlinge stoßen?“, fragte Nirat-Son.

„Wir werden prüfen müssen, ob sie sich möglicherweise als Arbeiter in Industriekomplexen für einfache Tätigkeiten anlernen lassen. Kontaktaufnahme – ja! Aber immer unter der Prämisse, dass die Heiden anerkennen müssen, wer die neuen Herren dieses Planeten sind. Andernfalls muss vom Traser Gebrauch gemacht und dem Wort Gottes der nötige Respekt verschafft werden.“

4

Nirat-Son wurde der Hauptgruppe um Bras-Kon zugeteilt, die das havarierte Raumboot untersuchen sollte.

Die Qriid trugen Thermoanzüge, die lediglich den kälteunempfindlichen Schnabel und die Augen freiließen. Mit Hilfe von Antigravpaks, die auf den Rücke geschnallt wurden, konnten sie sich schwebend bewegen.

Und mit den Hand-Trasern würden sie sich gegen eventuelle Überfälle der säugetierähnlichen Heiden zur Wehr zu setzen wissen.

Die zweite Gruppe unter dem Befehl von Re-Lim entfernte sich in nordwestliche Richtung. Bald war sie nur auf den Anzeigen der Ortungssysteme erkennbar und verlor sich in der grell weißen Ebene.

Die Qriid trugen Schutzbrillen, um sich vor Schneeblindheit zu schützen. Die helle Oberfläche von Korashan V sorgte für intensive Reflexion des Sonnenlichts, worauf die Augen der Qriid besonders empfindlich reagierten.

Die Schutzbrillen der Vogelartigen waren drahtlos mit ihren Ortungsgeräten verbunden. Die Tanjaj konnten entfernte Punkte anpeilen, bekamen Entfernungsangaben eingeblendet oder auf Wunsch auch eine Positionsanzeige im größeren Maßstab, die ihnen verdeutlichen konnte, wo sie sich befanden.

Vor dem eisigen Wind dieser endlosen arktischen Ebene, die nur durch vereinzelte Anhöhen unterbrochen wurden, merkte Nirat-Son nichts. Die Ausrüstung verhinderte dies.

Schwer vorstellbar, dass hier Leben existieren kann!, überlegte er. Aber es widersprach jeder Erfahrung, daran zu zweifeln. Das Leben war äußerst hartnäckig und konnte sich auch unter ungünstigsten Bedingungen festsetzen. Dies hatten die Tanjaj im Lauf ihres Heiligen Krieges, der sie immer in die Weiten des Kosmos hineingeführt hatte, erkennen müssen. Das Universum war ein Ort des Chaos – das Heilige Imperium bildete darin eine winzige, sich ausdehnende Blase. Und nur innerhalb dieser Blase konnte die Göttliche Ordnung etabliert werden. Eines Tages, so formulierte es die Überlieferung der Qriid, würde die Blase mit dem Kosmos identisch sein. Der Augenblick der absoluten Gottesherrschaft war dann gekommen und die Zeit der Prüfungen zu Ende.

Doch bis dahin würden noch Tausende von Generationen Schlüpflinge zu mutigen Tanjaj heranwachsen müssen.

Bras-Kons Gruppe hatte den Ursprungsort der Signaturen rasch erreicht.

Die schwebenden Qriid setzten auf dem Boden auf.

Eigenartig – unsere Vorfahren sollen einst Flügel besessen haben, um sich in der Luft zu halten – wir hingegen brauchen diese Maschinen auf unserem Rücken...

Die Oberflächenstruktur wies eine leichte Wölbung auf.

Einer der Tanjaj hatte einen Hitzestrahler dabei, der auf ähnlichen physikalischen Prinzipien wie die Traser basierte, allerdings nicht als Waffe konzipiert war, sondern als eine Art Schneidbrenner oder auch als Wärmeaggregat in besonders kalter Umgebung.

Der Qriid, dessen Aufgabe es war, dieses Gerät mitzuführen und zu bedienen, hieß Gran-Teron. Nirat-Son mochte ihn nicht. Gran-Teron war ein Karrierist, der stets vor den Vorgesetzten buckelte wie eine Sharrak-Katze auf Qriidia. Wenn es jemanden gab, dem Nirat-Son eine Denunziation zutraute, dann ihm. Gran-Terons Weg hatte ihn nicht auf gerader Strecke an die Tanjaj-Akademie geführt. Er war zunächst einer von Millionen Tugendwächtern gewesen, die überall im Heiligen Imperium die Glaubens- und Sittentreue der einfachen Qriid überwachten. Offenbar hatte er diese Haltung verinnerlicht und fühlte sich auch an Bord seines Kriegsschiffs als eine Art heimlicher Tugendwächter, obwohl er in dieser Hinsicht nicht die geringsten Kompetenzen besaß.

Die Tatsache, dass man aber bereits Tugendwächter zu Tanjaj-Kämpfern umschulte, sprach nach Nirat-Sons Meinung Bände über die gegenwärtige Verfassung der Flotte. Die Gefahr der Überdehnung der militärischen Möglichkeiten bestand. Die Verluste konnten zwar ersetzt werden und es hatte während der langen Regentschaft des gegenwärtigen Aarriid auch keine größeren Niederlagen gegeben. Aber dennoch forderte schon die einfache Expansion ihren Tribut. Immer größere Flottenverbände mussten das sich erweiternde Territorium sichern. Das Transportwesen lag inzwischen schon fast vollständig in den Händen der Methan atmenden Naarash, deren Kult um den so genannten Verborgenen Gott dem Glauben der Qriid immerhin so ähnlich war, dass sie nicht als Heiden im eigentlichen Sinn bezeichnet und daher toleriert wurden.

So konnte sich die Flotte der Qriid auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren, nämlich neue Territorien zu unterwerfen und ihre industriellen Kapazitäten in den Dienst des Glaubenskrieges zu stellen.

Aber die Kapazitäten ließen sich nicht im gleichen Maß erhöhen, wie es erforderlich gewesen wäre. Allen Verantwortlichen war das im Grunde bewusst. Aber eine Unterbrechung des Krieges ohne den vorherigen Tod des in Qatlanor residierenden Stellvertreter Gottes, wäre einem Frevel gleichgekommen.

Schließlich war die permanente Expansion keine Frage der augenblicklichen Opportunität. Sie erwuchs vielmehr aus dem einzigartigen Auftrag, den das Volk der Qriid vom Schöpfer des Universums erhalten hatte. Ein Auftrag, der für die Qriid einer Prüfung gleichkam. Was geschehen mochte, wenn die Qriid den hohen Maßstäben, die dabei zu Grunde gelegt wurden, nicht gerecht wurden, das mochten sich selbst die Theologen der Priesterkaste nicht wirklich auszumalen.

5

Gran-Teron schaltete den Hitzestrahler auf eine breit gefächerte Wirkung. Das Eis und der verfestigte Schnee tauten recht schnell weg. Darunter kam das massive Metall zum Vorschein, das so typisch für die Außenhaut eines Qriid-Schiffes gleich welcher Größe war.

Die wenigen Qriidia-Wochen, in denen die Verbindung zur Besatzung des Raumbootes abgebrochen war, hatten vollkommen ausgereicht um es vollständig zu begraben. Irgendwann wäre das Raumboot dann Meter für Meter hinab gesunken und vielleicht gar nicht mehr zu orten gewesen.

Nirat-Son bemerkte einige kanalartige Löcher im Eis, die kaum größer als die Innenfläche einer Qriid-Kralle waren.

Er richtete sein Ortungsgerät auf eines dieser Löcher und ließ sich die Daten auf dem Brillendisplay anzeigen.

„Da ist irgend etwas!“, stellte er fest. „Das müssen diese sich bewegenden Objekte sein, von denen der Pilot sprach!“

Bras–Kon wandte sich herum. „Spezifizieren!“

Nirat-Son konnte lediglich verfolgen, wie sich ein bewegendes, quasi lebendiges Objekt etwa zwei Meter unter der Oberfläche seine Bahn durch das Eis bohrte – und das mit einer Geschwindigkeit, die frappierend war.

„Ich messe starke elektrische Entladungen“, stellte Nirat-Son fest. „Sie erzeugen mit Hilfe von Elektrizität Hitze und schmelzen das Eis in ihrer unmittelbaren Umgebung!“

„Objekt nähert sich der Oberfläche!“, stellte einer der anderen Tanjaj fest.

Das fiel auch Nirat-Son auf.

Das Ding hatte plötzlich die Bewegungsrichtung radikal geändert und strebte nun an die Oberfläche.

Bras–Kon zog seinen Handlaser.

„Achtung! Bereit machen zur Verteidigung!“

Mit einem knarzenden Geräusch entstand plötzlich ein Loch im Eis. Etwas zischte. Funken sprühten. Ein augenloses, aber dafür mit zahllosen Extremitäten ausgestattetes Wesen von der Größe einer Qriid-Kralle sprang empor. Der eigentliche Körper war wie ein Ellipsoid geformt. Es gab mehrere Öffnungen mit Beißwerkzeugen. Ein optisches Orientierungsorgan war nicht zu erkennen, für eine Spezies, deren Angehörige sich die meiste Zeit über jedoch unter der Eisoberfläche in lichtlosen Räumen aufhielten, war das sicher kein Mangel.

Das Wesen landete auf einem Teil seiner sowohl zum Laufen als auch zum Greifen geeigneten Extremitäten.

An der größeren der zwei Mundöffnungen waren Beißwerkzeuge zu finden. Außerdem Antennen artige Fortsätze, zwischen denen immer wieder Funken sprühten.

Das Wesen sprang auf Bras–Kon zu.

Dieser reagierte sofort und feuerte seinen Hand-Traser ab.

Der blassgrüne Strahl erfasste das Wesen sofort.

Es taumelte zu Boden. Seine Oberfläche wirkte verkohlt, noch regte sich leicht. Sein Überlebenswille schien noch nicht gebrochen zu sein, aber es konnte sich jetzt nur noch kriechend und außerdem sehr langsam fortschleppen.

Bras–Kon machte dem ein Ende.

Er schaltete seinen Traser auf eine höhere Intensitätsstufe und im nächsten Augenblick war das Wesen nur noch ein Haufen verkohlter Asche, die der stete Wind mit sich nahm.

Anschließend deutete Bras–Kon auf das inzwischen ja frei gelegte Außenschott des Beiboots.

„Nirat-Son?“

„Ja, Kommandant?“

„Du kennst dich doch mit Schlössern aus!“

„Ich bin mit der Programmierung der internen Rechner einigermaßen vertraut“, sagte er.

„Dann versuch das hier bitte zu öffnen. Ich will wissen, was aus unseren Tanjaj-Brüdern geworden ist.“

Nirat-Son ließ sich das nicht zweimal sagen.

Er setzte ein Modul, das zu seiner Ausrüstung gehörte, an das Außenschott des Raumboots an und versuchte anschließend einen Zugang zum internen Rechnersystem zu bekommen, das der Steuerung des Schotts diente. Dann nahm er ein paar Schaltungen vor. „Vollkommene Fehlfunktion des internen Rechners“, kommentierte Nirat-Son das, was ihm über das Brillendisplay angezeigt wurde.

„Sind elektrische Entladungen eine mögliche Ursache?“, fragte Bras–Kon.

„Durchaus.“

„Aber das würde bedeuten, dass diese Wesen auf irgendeine Weise nach innen gelangt sind, denn von außen ist das Schott gegen elektrische Impulse abgeschirmt“, gab Nirat-Son zu bedenken.

Wenig später gelang es ihm, das Schott zu öffnen.

Knarrend schob es sich zu zwei Dritteln zur Seite, ehe es sich aus irgendeinem Grund verkantete. Aber die Öffnung reichte, um die Schleuse zu betreten.

Nirat-Son ging voran.

Dann folgte Bras-Kon, der Tanjaj-Nom dieser Mission.

Das innere Schleusenschott wies ein Loch auf, das von der Form her auf frappierende Weise den Schächten im Eis glich, die von den ellipsoiden Vielbeinern gezogen worden waren.

„Offenbar besitzen sie auch die Fähigkeit, Metall zu durchdringen“, stellte Nirat-Son fest.

Gran-Teron ging mit seinem Ortungsgerät näher an die Stelle heran. „Eine Kombination aus Säure und Elektrizität, würde ich sagen.“

„Die Temperatur liegt hier drinnen nur unwesentlich über dem Niveau der Oberfläche“, stelle Nirat-Son fest. „Auf jeden Fall wäre es unmöglich für einen Angehörigen des Gottesvolkes, hier zu überleben.“

„Öffne das Schott der Innenschleuse!“, befahl Bras–Kon an den Tanjaj-Rekruten gerichtet.

„Jawohl, ehrenwerter Tanjaj-Nom“, erwiderte dieser.

Wenig später hatte es Nirat-Son geschafft, auch das Innenschott zu öffnen.

Sie betraten die Passagierkabine. Es war ziemlich dunkel hier. Abgesehen von dem Licht, was durch die geöffnete Schleuse fiel, gab es hier ansonsten keinerlei Lichtquellen. Die Innenbeleuchtung war deaktiviert. Sämtliche Systeme schienen tot zu sein.

Nirat-Son verschlug es die Sprache. Der grauenvolle Anblick, der sich ihm und den anderen Qriid bot, ließ ihn unwillkürlich die Schnabelhälften gegeneinander reiben.

Auf den der Qriid-Anatomie perfekt angepassten Schalensitzen saßen fünf Qriid-Skelette. Die leeren Augenhöhlen schienen die Ankömmlinge vorwurfsvoll anzublicken.

„Mein Gott, in welche Heidenhölle sind wir hier geraten?“, wisperte Nirat-Son leise vor sich.

In diesem Augenblick krabbelte einer der ellipsoiden Vielbeiner aus einem Loch in der Wand, nur eine Kralle breit neben der Steuerkonsole. Das Wesen huschte mit einer beängstigenden Geschwindigkeit über den Boden.

Ehe einer der Qriid seinen Strahler benutzen konnte, hatte der Vielbeiner Gran-Teron erreicht. Mit einem Teil seiner offenbar auch zum greifen fähigen Extremitäten klammerte sich das ellipsoide Wesen an Gran-Terons rechtes Bein. Der Qriid schrie auf, als elektrische Funken sprühten und sich der Stoff des Thermoanzugs, der das nach hinten geknickte Qriid-Bein bedeckte, unter Einwirkung einer stark ätzenden Substanz aufzulösen begann.

Bras-Kon feuerte mit seinem Hand-Traser auf das Bein des Tanjaj. Er hatte die Waffe auf die höchste Intensitätsstufe gestellt. Der Strahl verschmorte sowohl das Bein Gran-Terons als auch den ellipsoiden Vielbeiner vollkommen. Schwer fiel Gran-Teron zu Boden.

Nirat-Son beugte sich über ihn und aktivierte die medizinische Diagnosefunktion seines Ortungsgerätes.

„Gran-Teron ist tot“, stellte er krächzend fest.

„Der Traser-Schuss kann dafür nicht verantwortlich sein“, erwiderte Bras-Kon.

„Es spricht alles dafür, dass es ein elektrischer Schlag war, der den ehrenwerten Tanjaj-Bruder außer Gefecht setzte“, erklärte Nirat-Son.

Bras–Kon trat etwas näher. „Dann wissen wir jetzt immerhin, was unseren Tanjaj Brüdern zugestoßen ist“, erklärte er. Er aktivierte seinen Kommunikator. „Hier spricht Tanjaj-Nom Bras–Kon! Alle Abteilungen bitte umgehend melden! Höchste Alarmstufe! Ich wiederhole: Höchste Alarmstufe!“

„Hier Pilot Ruu-Di!“, kam es aus dem Kommunikator, auf dessen Minibildschirm das Gesicht des Piloten erschien, der die KLEINE KRALLE hier her gesteuert hatte. „Aktueller Statusbericht: Alles ruhig und keine besonderen Vorkommnisse.“

„Gruppe Re-Lim, bitte melden!“, forderte Bras-Kon. Er hatte seinen Kommunikator auf Konferenzmodus geschaltet, sodass Ruu-Di alles mithören konnte.

Bras-Kon wiederholte seinen Aufruf an die Vierergruppe um Re-Lim, die den Auftrag bekommen hatte, die Umgebung zu erkunden.

Aber es erfolgte keine Antwort. Die übliche Frequenz blieb tot.

„Pilot Ruu-Di, wann hattest du zuletzt Kontakt mit Re-Lim?“, fragte Bras–Kon anschließend mit wachsender Sorge.

„Die nächste Statusmeldung wäre in Kürze fällig. Abgesehen davon habe ich ein automatisches Peilsignal, das mir die gegenwärtige Position anzeigt.“

„Übersenden Sie die Daten!“

„Jawohl.“

Da stimmt irgend etwas nicht!, dachte Bras-Kon. Anschließend gab er dem Piloten gegenüber eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse an Bord des aufgefundenen Raumschiffwracks.

„Wir kehren umgehend zur KLEINEN KRALLE zurück. Mach alles bereit für den Start und versuche weiterhin Kontakt mit Re-Lim und seiner Gruppe aufzunehmen!“, wies der Tanjaj-Nom den Piloten noch an.

„Jawohl, ehrenwerter Tanjaj-Nom!“

Notfalls werden wir Re-Lims Gruppe zurücklassen müssen!, überlegte Bras-Kon.

6

Vier Qriid schwebten in gemäßigtem Tempo durch die kalte Atmosphäre von Korashan V.

In Re-Lims Brillendisplay blinkte eine farbige Markierung auf, die ihn auf eine Anzeige des Ortungsgeräts hinweisen sollte.

Frii-Drig, einer der anderen Tanjaj aus Re-Lims Gruppe, hatte sein Ortungsgerät bereits entsprechend ausgerichtet. „Mehrere nicht identifizierbare Objekte nähern sich aus Nordwesten!“, stellte er fest. „Wir werden in Kürze mit ihnen zusammentreffen...“

„Gibt die optische Ortung etwas her?“, fragte Re-Lim.

„Negativ. Lediglich im Infrarot-Bereich können wir eine Ortung vornehmen.“

Das war eines der Probleme auf diesen schmutzig weißen, endlosen Flächen aus Eis und verhärtetem Schnee: Man hatte auf Grund der ebenen Topographie des Geländes und des klaren Wetters zwar eine überragende Fernsicht, aber von der gleichförmigen Oberfläche hob sich kaum etwas wirklich ab. Ein Qriid-Fußgänger hätte schon beim Blick aus einem Gleiter, der in wenigen hundert Metern über ihn hinweg schwebte nur wie ein winziger Punkt gewirkt und wäre selbst von den optischen Sensoren kaum erfasst worden. Die Thermokleidung hätte darüber hinaus auch die Infrarot-Ortung erschwert.

Frii-Drig schwebte einige Meter empor, um einen besseren Ausgangspunkt zur ortungstechnischen Erfassung der Umgebung zu haben.

Als er wieder auf das Niveau der anderen hinunter sank, erklärte er: „Es muss sich um Eissegler der säugetierähnlichen Eingeborenen handeln! Sie kommen direkt auf uns zu!“

„Auf den Boden aufsetzen!“, befahl Re-Lim.

Die vier mit Antigravpaks ausgerüsteten Qriid schwebten zu Boden, setzten sanft auf der eisigen Oberfläche auf.

In der Ferne begannen sich jetzt winzige Konturen zu bilden.

Mit Hilfe der optischen Erfassung seines Ortungsgerätes zoomte Re-Lim eine dieser Strukturen heran und sah ein helles und vor dem Hintergrund der weißen Flächen von oben sicher so gut wie unsichtbares Dreieckssegel.

Es gab nur wenige Daten, die über die humanoiden Eingeborenen von Korashan V vorlagen. Sie stammten von den Datentransmissionen, die die erste Korashan-Expedition zu ihrem Mutterschiff gesandt hatte. Dass diese Angaben lückenhaft, unvollständig und möglicherweise sogar falsch waren, lag auf der Hand. Aber sie bildeten zumindest einen Grundstock, auf dem man aufbauen konnte.

Die Eissegler näherten sich und wurden schließlich sogar mit bloßem Auge deutlich sichtbar. Die gleichmäßigen starken Winde auf Korashan V machten sie zu einem zwar einfachen, aber sehr effektiven Verkehrsmittel für die eingeborenen Heiden. Es gab gewaltige, mit mehreren Großsegeln ausgestattete Segler, die auf gewaltigen Kufen dahin glitten.

„Gottlose Heiden sind sie!“, meinte Frii-Drig.

Immer näher kamen die gewaltigen Eissegler. Ein schabendes, knarrendes Geräusch entstand, wenn die Kufen über die Eisberge glitten. Re-Lim fragte sich, aus welchem Material diese Kufen wohl bestehen mochten. Es musste sehr hart sein und schon fast metallische Eigenschaften zu besitzen, während die Aufbauten der Eissegler aus einem holzähnlichen Stoff bestanden. Auch hier stellte er sich die Frage, woher die Materialien stammten. Schließlich war die Oberfläche von Korashan V absolut frei von jedweder Vegetation, die über ins Eis eingeschlossenen Algen hinausging.

Schon die erste Expedition hatte diesbezüglich vor einem Rätsel gestanden. In den ersten Datenfiles, die zum Mutterschiff gesandt worden waren, hatten Expeditionsteilnehmer die Vermutung geäußert, dass die Säugetierabkömmlinge in der Lage waren, den Eispanzer, der den Planeten umgab, zu durchbrechen und ihr Baumaterial vielleicht aus der Tiefe zu holen.

Dagegen sprach, dass der Eispanzer von Korashan V sehr dick war und es bei den Qriid eigentlich niemand den barbarischen Säugetierabkömmlingen zutraute, eine Technologie zu entwickeln, die es ihnen erlaubte, bis zu dem unter dem Eis gelegenen Planeten umspannenden Ozean vorzudringen.

Dieser Ozean war im Übrigen noch so gut wie überhaupt nicht erforscht. Auf Grund der Wärme, die vom Planetenkern ausging, war es durchaus denkbar, dass es auch unter dem Eispanzer Formen von wahrscheinlich primitivem Leben gab. Aber wie man selbst in den seichten Meeresregionen Materialien vom Grund empor bringen konnte, wenn einem nicht eine hoch entwickelte Technologie zur Verfügung stand, das hatten auch die Verfechter dieser Theorie nicht zu erklären vermocht.

„Hand-Traser schussbereit machen!", wies Re-Lim die anderen Tanjaj seiner Gruppe an.

Schließlich war es immer das Beste, auf Nummer sicher zu gehen. Heiden waren unberechenbar, wusste Re-Lim.

Fünf große Eissegler näherten sich jetzt den Qriid. Sie wurden von mindestens einem Dutzend kleinerer Gefährte begleitet.

Die Steuermänner rissen die Ruder herum. Der hintere Teil der Kufen ließ sich durch einen Mechanismus bewegen, wodurch der Eissegler sehr effektiv gesteuert werden konnte.

Die gewaltigen Vehikel wurden nun konsequent einer nach dem anderen in den Wind hineingelenkt. Die Segel erschlafften und wurden von einer emsigen Crew sehr schnell eingeholt. Die Takelage wirkte auf Re-Lim wie ein verworrenes Geflecht aus Seilen, deren Herkunft ihm ebenso schleierhaft war, wie das gesamte Material, aus dem die Eissegler gefertigt worden waren. Gefertigt auf einem Planeten, auf dem es eigentlich buchstäblich nichts gab und der darüber hinaus denkbar schlechte Überlebenschancen für das rätselhafte Volk der schnabellosen Säugetier-Heiden bot. Sie tragen keinen Schnabel und entsprechen damit in keiner Weise dem Ebenbild Gottes!, dachte Re-Lim mit wachsender Verwunderung. Sie leben ohne den Beistand des Allmächtigen auf einer Welt, auf der das eigentlich nicht möglich ist - und doch existieren sie!

Es kam Blasphemie gleich, in diesem Zusammenhang von einem Wunder zu sprechen, denn Wunder waren Gott und seinem auserwählten Volk vorbehalten. Aber eine gedankliche Assoziation in diese Richtung kam dem natürlich auch theologisch hoch gebildeten Tanjaj Re-Lim natürlich so fort.

Mochte das nächste Reinigungsritual dafür sorgen, dass seine Seele wieder makellos wurde und er bereit war, jederzeit vor seinen Schöpfer zu treten, um sich dessen Gericht zu überantworten. Ein Tanjaj hatte stets auf diesen Aspekt zu achten und Re-Lim war darin sehr gewissenhaft. Die Verheißung einer glückseligen Weiterexistenz im Jenseits gehörte schließlich zu den wichtigsten Versprechungen, die der Glaube der Qriid den Gläubigen machte. Im Fall der Tanjaj sollte sie dieses Versprechen natürlich zu noch größerem Mut und Risikobereitschaft anspornen und sie die Gefahr bei ihren Einsätzen vergessen lassen.

Re-Lim hätte es zwar nur ungern zugegeben, aber die Wirkung dieser Jenseitsverheißungen hielt sich in engen Grenzen. Die meisten Tanjaj hingen letztlich doch sehr viel mehr an ihrer materiellen Existenz, als es den Lehrsätzen der Priesterschaft oder der verherrlichenden Überlieferung der qriidischen Geschichte entsprach. Nach und nach kamen sämtliche Eissegler zum stehen.

Einige Crew-Mitglieder stiegen an Strickleitern von den Seglern hinunter. Sie trugen Kleidung, die Re-Lim an Tierhäute von Meeresbewohnern erinnert. Die chemische Zusammensetzung, die sich mit Hilfe des Ortungsgerätes zumindest im Hinblick auf die Hauptbestandteile ermitteln ließ, schien dies zu bestätigen.

Einige der Heiden kamen näher und blieben in einem Abstand von wenigen Qriid-Körperlängen stehen. Manche von ihnen trugen Gegenstände bei sich, die an Harpunen oder Speere erinnerten.

Einer von ihnen trat vor. Die Kapuze seines Anoraks war tief ins Gesicht gezogen, sodass man von seinem Gesicht nur wenig sehen konnte. Ihm wuchsen Haare im Gesicht, was Re-Lim bei diesen Säugetierabkömmlingen als besonders abstoßend empfand. Ein äußeres Zeichen der Barbarei und Gottlosigkeit, so sah es der Tanjaj. Ein optischer Beweis für die spirituelle Minderwertigkeit dieser Barbaren.

Re-Lim schaltete den Translator ein.

Der Humanoide begann zu reden.

Seine Worte klangen für das Gehör eines Qriid erschreckend tief. Einer der anderen Tanjaj glaubte sogar, mit einer Drohung konfrontiert zu sein und wollte schon den Hand-Traser einsetzen.

Re-Lim konnte ihn jedoch im letzten Moment davon abbringen.

„Wir sollten erst herauszufinden versuchen, was diese Gottlosen eigentlich von uns wollen", bestimmte er.

„Dann kann es bereits zu spät sein", lautete die Erwiderung. „Kein Heide ist es wert, dass man das Leben eines ehrenhaften Tanjaj für ihn riskiere!"

Mit diesem Satz zitierte er einen Satz aus der Weisheit des Ersten Aarriid, der auch Re-Lim nicht zu widersprechen wagte.

Die Augen und Ohren der Tugendwächter waren schließlich überall.

Der Säugetierabkömmling wiederholte indessen seine Worte, da er wohl merkte, dass ihn die Qriid nicht verstanden. Die Erfassung des Eingeborenenwortschatzes war sehr unvollständig. Lediglich einige wenige Begriffe waren dem Übersetzungssystem bekannt. Die erst Expedition hatte kaum Sprachdaten übermitteln können.

Der Schnabellose wiederholte seine Worte. Er sprach diesmal mit einem Tonfall, den selbst die anwesenden Qriid als ausgesprochen dringlich begriffen. Zwei weitere Männer traten neben ihn. Sie unterhielten sich kurz.

Die Tanjaj, die gegenwärtig unter Re-Lims Kommando standen, hatten eigentlich eingreifen wollen. Re-Lim hielt sie jedoch davon ab. Das Risiko erschien noch vertretbar.

Schließlich hatten die Qriid jederzeit die Möglichkeit, ihre überlegene Waffentechnik einzusetzen und damit die vermeintlichen Gegner sofort auszuschalten.

Inzwischen begann der Translator mit ersten Übersetzungsversuchen. Offenbar ist die Sprache der Heiden nicht allzu schwer zu erfassen!, dachte Re-Lim. Aber wen kann das wirklich wundern? Eine wirklich differenzierte und anspruchsvolle Lautsprache ist ohne das anatomische Merkmal eines gut ausgeprägten Schnabels wohl kaum möglich...

Noch wirkten die Worte – oder sollte man sagen das Gestammel? – des Heiden unbeholfen und wirr. Einige Begriffe wurden klar übersetzt. Manchmal auch kleine Bedeutungseinheiten, die einen Sinn ergaben. Das Ganze wirkte wie ein sprachliches Puzzle, bei dem einfach viele Teile noch nicht erkannt waren.

Aber für Re-Lim und die anderen drei Tanjaj wurde sehr schnell klar, dass der Schnabellose ihnen eine Warnung überbringen wollte.

Immer klarer wurde die Übersetzung.

Der Säugetierabkömmling deutete auf seine Brust. „Ich bin Magoon“, sagte er. „Magoon.“

Re-Lim deutete auf sich selbst und nannte ebenfalls seinen Namen, was Magoon durchaus zu verstehen schien.

„Gott, die Macht, die das Universum schuf, hat uns zur Herrschaft auserwählt!“, sagte Re-Lim an Magoon gerichtet. „Ihr habt euch zu unterwerfen. Andernfalls werdet ihr alle getötet. Wir wollen euch nichts tun, aber wir werden auch nicht mit uns handeln lassen. Unterwerft euch der Göttlichen Ordnung, und werdet ein glückliches Leben behalten. Widersetzt ihr euch unseren Plänen, wird euer Blut das Eis von Korashan V grün färben.“

Wieso gehst du davon aus, dass das Blut aller Schnabellosen grün sein muss?, meldete sich ein leicht spöttischer Kommentator in Re-Lims Hinterkopf. Nur deshalb, weil grün die Farbe der Gottlosigkeit und Sünde ist? Das ist doch wirklich zu simpel. Ein erfahrener Tanjaj sollte das besser wissen!

Magoon schien nicht im Mindesten irritiert zu sein.

„Ich bin der Überbringer der Gedanken“, sagte er rätselhaft.

Re-Lim spürte auf einem Mal einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Es fiel ihm schwer, sich noch auf irgendetwas anderes zu konzentrieren.

Magoon trat noch einen Schritt näher.

Er musterte die vogelartigen Bewohner seiner Welt.

„Es waren schon andere von eurer Art hier!“, stellte er fest.

Der Schmerz in Re-Lims Kopf ließ abrupt nach. Von einem Augenblick zum nächsten konnte er sich wieder einwandfrei konzentrieren und er fragte sich, was da geschehen war.

Er wollte den Kommunikator aktivieren. In Re-Lims Bewusstsein herrschte Chaos. Eine Stimme begann sich ganz leise aus diesem verwirrenden Durcheinander herauszuheben. Sie sagte Re-Lim, dass er jetzt umgehend den Kommunikator zu aktivieren und den Tanjaj-Nom zu verständigen hatte.

Aber Re-Lim war zu seiner eigenen Überraschung unfähig, das auch in die Tat umzusetzen. Wie beiläufig registrierte er, die Anzeige in seinem Brillendisplay, die ihm eigentlich hätte deutlich machen müssen, dass sein derzeitiger Vorgesetzter verzweifelt versuchte ihn zu erreichen.

Aber weder Re-Lim noch seine Begleiter achteten darauf.

Erneut erfüllte ein Schmerz Re-Lims Kopf.

Dieser Schmerz war ähnlich wie bei seinem ersten Auftauchen, vollkommen abrupt aufgetreten.

Nur war er diesmal noch wesentlich heftiger.

Re-Lim schrie auf. Seine Beine knickten nach hinten weg. Alles schien sich vor seinen weit auseinander stehenden Vogelaugen zu drehen. Ganz am Rande nahm er noch wahr, dass es seinen Begleitern offenbar ähnlich erging. Frii-Drig lag ebenfalls am Boden. Er hatte seinen Hand-Traser mit der linken Klaue gepackt und den Lauf auf Magoon gerichtet.

Warum schießt er nicht?, fragte sich Re-Lim in jenem Bruchteil eines Moments, in den er trotz der mörderischen Schmerzen zu einem klaren Gedanken fähig war.

Magoon sprach einige Worte, die an seine Artgenossen gerichtet waren, von denen Re-Lim nicht das Geringste verstand. Der Translator schien aus dem benutzten Sprachbereich noch keines der zum Verständnis nötigen Schlüsselwörter zu kennen, was Re-Lim sehr verwunderte.

Regungslos lagen Re-Lim und die drei anderen Mitglieder seiner Gruppe auf dem eisigen Untergrund.

Re-Lim versuchte, sich zu bewegen, etwas zu sagen, wenn nötig zu schreien oder auf irgendeine andere Art und Weise Kontakt mit den anderen Crew-Mitgliedern aufzunehmen.

Es war einfach nicht möglich.

Ein knarrendes, beinahe stöhnendes Geräusch erfüllte plötzlich die Luft. Es war an mehreren Stellen gleichzeitig zu hören.

Plötzlich entstanden Löcher im eigentlich doch für die Ewigkeit festgefrorenen Boden.

Aus jedem von ihnen kamen wenige Augenblicke später ein ellipsoides Wesen mit vielen Beinen.

Manche von ihnen sprangen regelrecht empor, ehe sie mit traumwandlerischer Geschicklichkeit genau wieder auf ihren Füßen landeten.

Re-Lims Augen entgingen auch die Mäuler mit den Beißwerkzeugen nicht.

Innerhalb weniger Augenblicke bildeten sich weitere Löcher im Eis, aus denen ebenfalls ellipsoide Kopffüßer an die Oberfläche drangen, die ihre Beißwerkzeuge gierig fletschten und dabei ein schmatzendes Geräusch erzeugten. Eine ätzende Flüssigkeit troff ihnen dabei aus den Mäulern heraus. Wo immer sie auf das Eis traf, verflüssigte sich das Eis sofort – nur um Augenblicke später wieder zu erstarren.

Das ist das Ende!, dachte Re-Lim.

Kapitel 2: Ein Commander namens Reilly

Du bist lange nicht hier gewesen, dachte Commander Willard J. Reilly, als er den großen, Licht durchfluteten Raum betrat. Von der Fensterfront aus hatte man einen beeindruckenden Panoramablick auf das Meer und die Bucht von Tanger, Erde. Die Sonne ließ die gekräuselte Wasseroberfläche wie Myriaden von Perlen glitzern. Eine sanfte Brandung erzeugte ein allgegenwärtiges und sehr charakteristisches Rauschen. Spezielle akustische Rezeptoren übertrugen dieses Rauschen eins zu eins ins Innere des Hauses, das den arabischen Namen Dar-el-Reilly trug.

„Es ist schön, dass du auch da bist!“, sagte eine wohl vertraute Stimme in Willard Reillys Rücken.

Er drehte sich herum.

„Dan!“, stieß er hervor. Willard grinste. „Oder muss ich dich neuerdings Bruder Daniel nennen?“

„Angemessen wäre es“, erwiderte der junge Mann mit den leicht gelockten, dunklen Haaren. Der Blick seiner meergrünen Augen wirkte ungewöhnlich intensiv und schien alles zu durchdringen.

Dan Reilly hatte sich vor kurzem dem Wissenschaftlerorden der Olvanorer angeschlossen, nachdem er bereits einige Jahre an der Brüderschule des Ordens auf Sirius III studiert hatte. Diese Brüderschule war die Universität im Bereich der Humanen Welten, die in Bezug auf die Erforschung extraterrestrischer Kulturen das mit Abstand größte Ansehen besaß. In erster Linie war sie für Mitglieder des Ordens bestimmt, die danach zu Expeditionen in die Weiten des Alls aufbrachen – getrieben von einem friedlichen Forscherdrang, der fremde Kulturen in erster Linie zu verstehen und nicht zu verändern versuchte. Oft harrten Gruppen von Olvanorern jahrelang in Forschungscamps auf abgelegenen Welten aus, um die Sitten und Gebräuche von Spezies zu studieren, die sowohl der kommerziellen als auch der militärischen Weltraumforschung als schlicht und ergreifend zu unbedeutend erschienen, um sich näher mit ihnen zu beschäftigen.

Aber inzwischen kam es immer häufiger dazu, dass das sowohl das Space Army Corps of Space Defence als auch die Raumhandelsabteilungen großer Konzerne auf das Wissen des Ordens zurückgriffen und sich von Olvanorer-Brüdern beraten ließen.

„Für mich wirst du immer Dan bleiben!“, meinte Willard. Die graubraune Kutte, die sein Bruder jetzt trug, war für ihn gewöhnungsbedürftig.

Zwar gab es auch an Bord der STERNENKRIEGER, dem Leichten Kreuzer, den Willard Reilly kommandierte, mit Bruder Padraig einen Olvanorer-Berater, mit dem Willard stets gut zusammengearbeitet hatte, aber seinen Bruder in dieser Kleidung zu sehen, war doch etwas anderes. Er folgt einer bestimmten Idee, einem Plan, den er sich für sein Leben gemacht hat. Genau wie ich, auch wenn sich unsere Pläne gewiss etwas unterscheiden, dachte Willard. Es ist nichts dagegen einzuwenden. Das Problem ist nur, dass unsere Eltern wohl ganz andere Pläne für uns hatten und es spätestens jetzt wohl klar sein dürfte, dass keiner von uns diese Pläne je erfüllen wird...

Vielleicht war dies der tiefere Grund dafür, dass Commander Willard J. Reilly stets ein gewisses Unbehagen empfand, wenn er die lichten Hallen des Dar-el-Reilly in Tanger, Erde, betrat – einem Ort, den er früher einmal als eine Heimat bezeichnet hätte.

Eric Reilly war als junger Mann nach Tanger gezogen, weil er dort günstig Grund und Boden für die Hangarhallen seiner Raumboote bekommen konnte, mit denen er eine Frachtlinie aufbauen wollte. Das Geschäft war gut angelaufen. Zunächst hatte Reilly Ltd. lediglich innerhalb des Sonnensystems operiert. Die Versorgung der Prospektorensiedlungen auf den planetengroßen Objekten des Kuiper-Gürtels wie Sedna oder Quor war ein einträgliches Geschäft gewesen und hatte Eric Reilly schließlich ermöglicht, eine Sirius-Linie einzurichten, die auch heute noch das wichtigste Standbein der Firma darstellte.

Zwischenzeitlich hatte Eric Reilly eine junge Frau kennen- und lieben gelernt: Jarmila Delarondou. Sie gehörte der traditionsbewussten arabischen Minderheit an, die hier lebte. Als Jarmila Reilly wurde sie die Mutter dreier Söhne: Willard, Dan und Eric Junior, der von allen in der Familie oft auch einfach nur „Nummer Zwei“ genannt wurde, da er offiziell als Eric Reilly II eingetragen worden war.

Altersmäßig lag Eric II genau zwischen dem zweiunddreißigjährigen Willard und dem fünfundzwanzigjährigen Dan.

Der Kontakt zu Eric II war allerdings seit Jahren abgebrochen. Er hatte Biochemie und Genetik auf Genet studiert und war anschließend in die Dienste des TR-Tec-Konzerns getreten, von dem seit langem bekannt war, dass er die strengen Gentechnik-Gesetze, die innerhalb des Machtbereichs der Humanen Welten galten, zu unterlaufen versuchte. TR-Tec unterhielt auf eigenen, auf Firmenkosten erschlossenen Welten, geheime Labors. Ganze Forscher-Städte waren dort errichtet worden. Und nur ein Bruchteil dessen, was dort geschah oder sich zumindest vorbereitete, drang nach außen.

Der Konzern wollte offensichtlich seine Ruhe haben und sein politischer Arm in Gestalt seiner unermüdlichen Lobbyisten schien stark genug zu sein, das Gesetz an entscheidenden Stellen zu schwächen, da es die Ausübung der freien Forschung behindere.

„Hast du etwas von Nummer Zwei gehört?“, fragte Willard an Dan gerichtet.

„Du solltest ihn nicht so nennen, Willard.“

„Tut mir leid.“

„Vielleicht ist das der Grund, weshalb er es bislang noch nicht geschafft hat, selber irgendetwas Vernünftiges aufzubauen!“, glaubte Dan Reilly.

„Ich bin überzeugt davon, dass es unserem Bruder durch seine Festanstellung bei TR-Tec möglich ist, sich sein Leben so einzurichten, wie er das für richtig hält, Willard.“

„Ja, vielleicht hast du Recht. Auch wenn ich die Dinge, die er tut, nicht wirklich billigen kann.“

„Hast du dich je genauer damit beschäftigt, was das Leben im Innersten wirklich zusammenhält und bestimmt? Unser Bruder, den wir oft so despektierlich Nummer Zwei genannt haben, ist zumindest auf seinem Gebiet inzwischen eine Nummer Eins geworden, wenn du verstehst, was ich meine!“

„Vollkommen“, erklärte Willard. „Es wundert mich nur, dass ausgerechnet du ihn verteidigst.“

„Tue ich das?“ Dan hob die Augenbrauen.

„Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass du sehr vehement gegen die Positionen der Genetics gewettert, wie sie auf den Welten der Drei Systeme propagiert werden, die vom TR-Tec-Konzern besiedelt worden sind!“

Genetics – dieser Begriff bezog sich einerseits auf die Bewohner des Planeten Genet, dem wirtschaftlichen Zentrum der Drei Systeme, in denen die Bundesgesetze der Humanen Welten zur Gentechnik mehr oder minder offen boykottiert oder unterlaufen wurden. Er bezeichnete allerdings zunehmend auch jene Menschen, bei denen gentechnische Modifikationen vorgenommen worden waren. Irgendwann, so sagten Beobachter, würde die politische und wirtschaftliche Kluft zwischen den Drei Systemen und den Humanen Welten so groß werden, dass der Bruch unvermeidlich war.

Vielleicht war es das allgemeine Gefühl einer latenten Bedrohung, die dies bisher verhinderte. Schließlich war seit der ersten Mission der Raumschiffe STERNENKRIEGER und JUPITER im so genannten Niemandsland klar, dass jenseits dieser weitgehend unbekannten Raumzone ein gefährlicher Feind lauerte – das Heilige Imperium der vogelähnlichen Qriid, über die man im Moment kaum mehr wusste, als dass sie aus offenbar religiösen Gründen ständig expandierten. Sie trieben die Grenzen des Imperiums vor sich her und überzogen System für System mit einem bisher auf galaktischer Bühne beispiellosem Eroberungskrieg.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich dieses Imperium zu einem direkten Kontrahenten der Humanen Welten mausern würde. Eine Kraft, die sich der Übermacht des Imperiums entgegenzustellen vermochte, war weit und breit nicht in Sicht. Das so genannte Niemandsland wurde von Völkern besiedelt, die sich zum überwiegenden Teil noch im Anfangsstadium des überlichtschnellen Raumflugs befanden, sofern sie ihn überhaupt entwickelt hatten. Erste Kolonisierungsversuche hatten inzwischen im Alistair-System, nur etwa zehn Lichtjahre von der bisherigen Grenze jener Raumkugel mit einem Radius von fünfzig Lichtjahren entfernt, die die Menschheit als ihr Einflussgebiet betrachtete, stattgefunden.

Die arachnoiden Wsssarrr, auf die Reilly und seine Crew vor zwei Jahren stießen, waren selbst Flüchtlinge vor den unbarmherzigen Eroberern.

Die letzten zwei Jahre hatten die Humanen Welten dazu genutzt, um sich zu wappnen. Nur wenige Vorstöße waren ins Niemandsland unternommen worden – und dann auch nie über die magische Marke von 15 Lichtjahren hinaus. Schließlich wollte man nicht über Gebühr auf sich aufmerksam machen. Vielleicht hoffte man auch darauf, dass der Expansionsdrang der Vogelartigen irgendwann von ganz allein zum erliegen kam.

Eine Hoffnung, die trügerisch und durch nichts zu begründen war.

Aber dieser permanente, außenpolitische Druck sorgte zweifellos dafür, dass einerseits die drei Systeme alles unterließen, um es zu einem Bruch kommen zu lasse, während andererseits der Hohe Rat der Humanen Welten nur halbherzig die Einhaltung der Bundesgesetze einforderte und stillschweigend so manches tolerierte, was eigentlich nicht hätte toleriert werden.

„Ich habe Eric II niemals verteidigt“, widersprach Dan, nachdem er einige Augenblicke lang auf das Meer hinaus geblickt hatte. „Schließlich widersprechen seine Ansichten meinen Wertvorstellungen und meinem Glauben beinahe diametral. Für mich ist der Mensch ein Geschöpf Gottes – und nicht eine verbesserungswürdige, biologische Maschine, die man mit ein paar Ersatzteilen so optimieren kann, wie es gerade den Gewinninteressen irgendwelcher Konzernoberen entspricht!“

„Harte Worte“, erwiderte Willard Reilly. „Und was ist mit dem medizinischen Fortschritt, der dadurch erreicht wird? Dem Leiden, dass die Ärzte von Genet, die heute zu den besten innerhalb der Humanen Welten gehören, zu lindern vermögen?“

„Wir wiederholen unsere Diskussionen von frühe!“, gab Dan zurück. „Aber ich glaube nicht, dass du deshalb hier her gekommen bist!“

Dan bedachte Willard mit einem Blick, der zu sagen schien: Ich weiß alles über dich. Jeder Gedanke, der dir nur flüchtig durch das Gehirn zu schnellen scheint, jede Regung, jedes Gefühl...

Manchmal war es Willard regelrecht unheimlich vorgekommen, dass Dan stets genau zu wissen schien, was in seinem Gehirn vor sich ging, wie er sich fühlte und was er als nächstes sagen würde. Die Erklärung dafür sah Willard in seiner sehr wachen Beobachtungsgabe, die seinen Bruder auszeichnete. Allerdings hatte sich diese Begabung, Menschen einzuschätzen und mitunter sogar ihre Verhaltensweisen vorherzusagen, noch deutlich verstärkt, seit Dan Reilly sich ein Herz gefasst und dem Orden der Olvanorer beigetreten war.

Nein, dachte Willard. Beigetreten ist nicht das Wort, das hier passend wäre. Aber wie sollte man es sonst ausdrücken? Zu sagen, er hätte seinem Beitritt schließlich zugestimmt wäre wohl passender – aber das klingt ziemlich seltsam!

Dan hatte Willard einmal anvertraut, dass es umgekehrt gewesen war. Der Orden war auf ihn aufmerksam geworden. Nachdem eine gewisse Zeit vergangen war und er sich diversen spirituellen Prüfungen unterworfen hatte, war aus Dan Reilly schließlich Bruder Daniel geworden.

Willard erinnerte sich noch an die Einsegnungsfeier auf Sirius III, an der auch Verwandte und Freunde hatten teilnehmen können. Eric Reilly senior und seine Frau Jarmila hatten sich entschuldigt. Angeblich waren sie beide unabkömmlich, da die Eric Reilly Ltd. in Verhandlung mit einem wichtigen Kunden stand, der eine firmeninterne Frachtlinie nach Alpha Centauri einrichten wollte.

Willard vermutete jedoch, dass der Grund für die Abwesenheit der beiden ein anderer gewesen war. Nachdem ihre beiden ältesten Söhne Willard und Eric II. relativ früh klargemacht hatten, dass sie sich ein Leben als Betreiber einer Raumfrachtfirma einfach nicht vorstellen konnten, waren mit Dans Einsegnung ihre Hoffnung, dass doch noch einer der Reilly-Söhne die Firma eines Tages übernehmen würde, vollends gestorben.

Für Dad muss das ein schwerer Schlag gewesen sein!, dachte Willard. Vielleicht schwerer, als wir alle ahnten.

Er hatte sich in der Folgezeit wenig anmerken lassen.

Immerhin, so hatte er bei der nächsten Familienzusammenkunft anlässlich von Jarmilas Geburtstag gewitzelt, seien die Olvanorer ja wenigstens kein Orden, der das Zölibat praktiziere, sodass noch Hoffnung auf Enkelkinder bestehe, die das Erbe eines gut gehenden Raumfrachtgeschäfts vielleicht besser zu würdigen wüssten.

„Wie lange wirst du bleiben?“, fragte Dan.

„Bis übermorgen“, antwortete Willard.

„Nicht länger?“

„Ich muss wieder an Bord meines Schiffes. Der Geburtstag meiner Mutter ist nicht unbedingt etwas, wofür man eine wichtige Mission aufschieben könnte. Ich habe mit Lieutenant Commander Soldo eine sehr guten Ersten Offizier – und nur deswegen konnte ich meinen Urlaub noch um einen Tag verlängern.“

„Natürlich.“

Er weiß, dass das nicht stimmt, dachte Willard Reilly. Ihm ist bewusst, dass der wahre Grund für meinen frühen Aufbruch darin zu suchen ist, dass ich mir nicht dauernd sagen lassen möchte, wie schön es wäre, wenn ich in die Geschäftsführung von Reilly Ltd. einstiege... Es ist wohl unvermeidlich, dass Dad auf diesen Punkt zu sprechen kommen wird...

Aber Willard J. Reilly hatte nun einmal einen anderen Weg gewählt. In dem Moment, als er die anthrazitfarbene Uniform des Space Army Corps zum ersten Mal angelegt hatte, war ihm klar gewesen, dass es kein Zurück gab. Es genügte ihm einfach nicht, immer wieder die Linie Sirius-Sol-System zu fliegen. Ihn drängte es nach mehr. Und er wollte außerdem etwas tun, das für die Menschheit wichtig war – und nicht nur für ihn selbst.

Finanziell war diese Entscheidung zugunsteten des Space Army Corps mit Sicherheit ein Fehler gewesen. Aber materieller Wohlstand war nicht alles, so fand er. Und immerhin in dieser Hinsicht schien sich die Einstellung aller drei Reilly-Söhne auf frappierende Weise zu ähneln.

„Wir werde es durchstehen“, sagte Dan. Sein Tonfall war zwar sanft und er sprach leise. Dennoch drückten seine Worte in diesem Augenblick eine Stärke aus, die Willard seinem jüngeren Bruder früher niemals zugetraut hätte. Dan lächelte. „Eine Kutte, eine Uniform... Ich glaube der Unterschied ist für Dad gar nicht so groß, fürchte ich.“

„Da dürftest du wohl Recht haben!“

Er hat ausgesprochen, was ich dachte!, ging es Willard durch den Kopf. Es ist frappierend. Manchmal fragte ich Willard, ob diese Fähigkeit tatsächlich durch eine genaue Beobachtungsgabe zu erklären war.

Willards Gedanken wirbelten flashbackartig zurück in die Vergangenheit.

Diese Fähigkeit, die emotionale Verfassung anderer Menschen unmittelbar zu erfassen, hatte sich bei Dan schon früh entwickelt. Als Kind hatte er immer genau gewusst, wann es keinen Sinn hatte, Mum oder Dad um irgendetwas zu fragen. Er hatte das dem älteren Willard auch gesagt, aber dieser hatte natürlich in der Regel nicht auf den Jüngeren gehört.

Die Ausbildung, die Dan später auf seinem Weg zur Einsegnung als Olvanorer-Bruder durchlaufen hatte, musste dafür verantwortlich sein, dass sich diese Fähigkeit noch verstärkte.

Für einen Moment erschienen Szenen von der Einsegnungsfeier in den erhabenen Mauern des Klosters Saint Arran auf Sirius III vor Willards innerem Auge. Er dachte immer mit gemischten Gefühlen an diese Feier. Ein Grund dafür war, dass er in den Reihen der Kuttenträger das Gesicht eines Mannes wieder erkannte, den er bereits viele Jahre zuvor einmal gesehen hatte. Der Mann hatte graue Haare. Sein Alter war schwer zu schätzen gewesen. Die Haut hatte Willard an gegerbtes Leder erinnert. Hoch stehende Wangenknochen und ein spitz zulaufendes Kinn waren außerdem heraus stechende Kennzeichen dieses wie in braunes Holz geschnitzt wirkende Gesicht gewesen.

Der Blick dieses Mannes hatte zuerst auf dem Novizen Dan Reilly geruht, der sich gerade anschickte, Bruder Daniel zu werden, hatte dann aber Willards Blick bemerkt und ihn für eine volle Sekunde auf eine Weise erwidert, die dem damals frisch gebackenen Kommandanten der STERNENKRIEGER eisige Schauder über den Rücken getrieben hatte.

Du brauchst nur an jenen Moment zu denken und das Gefühl ist wieder da!, durchfuhr es Willard Reilly. Ein unerklärliches Unbehagen, gemischt mit dem Wissen, dass da ein Geheimnis war...

Ein Geheimnis, dessen wahre Natur Willard nicht einmal zu erahnen vermochte.

„Du denkst an den Mann, von dem du annimmst, dass er uns beide als Kinder beobachtet hat, als wir draußen spielten.“ Es war eine Feststellung, die da gelassen über Dan Reillys Lippen ging und keine Frage.

Willard musste unwillkürlich schlucken.

„Ja“, gab er zu. „Du erinnerst dich wirklich nicht an ihn?“

„Nein, ich war zu klein.“

„Ich habe dir den Mann nach der Einsegnungsfeier beschrieben.“

„Ja, ich weiß. Eine markante Erscheinung.“

„Du hast inzwischen seinen Namen herausgefunden?“

„Was hat das für eine Bedeutung, Willard?“

„Man könnte ihn fragen, weshalb er uns damals beobachtete. Er trug keine Kutte, aber ich bin mir sicher, dass...“

„Das Bewusstsein spielt einem manchmal schon eigenartige Streiche“, unterbrach Dan seinen älteren Bruder.

Warum tut er das?, fragte sich Willard. Ist das seine Art, mir auf besonders diplomatische Weise klar zu machen, dass er darüber nicht sprechen will? Vermutlich... Aber wo steht geschrieben, dass ich so sensibel und feinfühlig sein muss wie er?

„Der Mann trug damals keine Kutte, sondern eine ganz gewöhnliche, zivile Kombination!“

„Unsere Kutte gehört ebenfalls zur Zivilkleidung“, sagte Dan. „Und wenn du genau hinschaust, dann wirst du sehen, dass sie sich keineswegs wie ein Ei dem anderen gleichen, so wie eure Uniformen.“

Er will mich von diesem Thema ablenken!, dachte Willard. Aber in dieser Hinsicht wollte er Dan diesmal nicht auf den Leim gehen. Nein, diesmal nicht!

„Ich habe dich das nie gefragt, aber kann es sein, dass der Orden seine Mitglieder aussucht und sie vielleicht schon in einem sehr frühen Stadium ihrer Entwicklung beobachtet?“

„Es wird viel über unseren Orden erzählt“ erwiderte Dan. „Manches davon ist wahr, anderes nichts als eine Legende.“

„Und wie ist es in diesem Fall?“

Die Erinnerung stieg erneut in Willard J. Reilly empor.

Dieser Blick, mit dem der grauhaarige Mann uns damals musterte!

„Ich verstehe dein Interesse“, sagte Dan schließlich. „Dieser Mann – wer immer er auch gewesen sein mag – hat uns beide angesehen. Aber ich wurde schließlich ein Ordensbruder und jetzt fragst du dich, was ich dir voraushaben könnte. Aber das ist eine destruktive Sichtweise, die nur innere Zweifel daran nährt, den richtigen Weg gegangen zu sein.“

Willard hatte den Mund bereits geöffnet, um etwas zu erwidern. Aber kein einziges Wort kam ihm über die Lippen. Er bemerkte die Schritte, sah aus den Augenwinkeln heraus, wie sich eine Tür geöffnet hatte und die Gestalten zweier Menschen eintraten.

Eric Reilly I. und seine Frau Jarmila Reilly hatten den Raum betreten und das Gespräch der Brüder erstarb.

Vielleicht hat unser Bruder Eric II. am klügsten gehandelt, in dem er einfach zu diesem Anlass keinen Flug von Genet zur Erde gebucht hat!, überlegte Willard.

1

Zwei Tage später befand sich Willard Reilly auf dem Orbitalflug nach Spacedock 1, wo die STERNENKRIEGER angedockt hatte. An Bord des Orbitalshuttles D-332 waren ansonsten vor allem Techniker, die sich auf dem Weg zu der Raumwerft des Space Army Corps befanden.

Diese Crews waren nicht Teil der Space Army Corps Hierarchie, sondern wurden aus der zivilen Raumfahrtindustrie abgeworben. Der Bedarf an Produktions- und Wartungstechnikern im Bereich der Raumfahrt war enorm groß, seit die Humanen Welten mit ihrem Flottenprogramm begonnen und vor allem Leichte Kreuzer in großer Stückzahl zu produzieren begonnen hatten. Die STERNENKRIEGER war einer der beiden Prototypen dieser neuen, im Gegensatz zu den großen Dreadnought-Schlachtschiffen oder den Zerstörern, sehr viel kleineren Schiffsklasse, die inzwischen die offizielle Bezeichnung „Scout“ trug.

Gedanken verloren blickte Commander Willard J. Reilly aus einem der Sichtfenster, die es in der geräumigen Passagierkabine des Shuttles gab.

Die Fähre hatte inzwischen die Stratosphäre erreicht. Die Sterne glitzerten und es gab alle möglichen Orbitalobjekte zu bewundern.

Nicht mehr viel Platz im erdnahen Weltraum, dachte Reilly, während er sich zurücklehnte und einen Syntho-Drink zum Mund führte. Er hatte eine Geschmacksrichtung in den Getränkespender an Bord des Shuttles eingegeben, die sich Cola nannte und sich auf ein antikes Gebräu bezog, das sich bis weit ins zweiundzwanzigste Jahrhundert großer Beliebtheit erfreut hatte.

Inzwischen waren Getränke mit einem vergleichbar hohen Zuckergehalt auf den meisten Planeten der Humanen Welten verboten, seit man das Suchtpotential hoher Zuckerkonzentrationen in Lebensmitteln erkannt hatte.

Willard J. Reilly verzog nach dem ersten Schluck den Mund.

„Für das Echte gibt es keinen Ersatz, was?“, meinte der breitschultrige Mann, der Willard Reilly gegenüber saß. Das Emblem an seiner schlichten, hellblauen Kombination wies ihn als einen Angehörigen des Technikerstabes aus, der dort rund im die Uhr im Mehrschichtverfahren seinen Dienst tat.

Commander Reilly lächelte matt, nachdem die Stimme des Technikers ihn aus seiner Gedankenwelt grob hinaus katapultiert hatte.

„Sie sehen nicht so alt aus, dass Sie die Zeit vor der Zucker-Prohibition noch erlebt hätten!“, stellte Reilly fest.

„Ich komme von der Wega“, sagte er, so als würde dies irgendetwas erklären.

Commander Reilly beugte sich etwas vor. Sein Blick wirkte ziemlich unschlüssig und es dauerte eine Weile, bis sein Gegenüber mitbekam, dass er noch auf eine Erklärung wartete.

„Auf den Wega-Planeten wurden die diesbezüglichen Bestimmungen der Humanen Welten niemals ratifiziert“, erklärte er schließlich. Er lachte dabei, schien sich irgendetwas vorzustellen, das diesen Ausbruch an Lebensfreude rechtfertigte und wandte sich schließlich an Reilly. „Wussten Sie das nicht? Auf den Wega-Welten herrscht noch die Freiheit, sich durch ungesunde Lebensweise vorzeitig in ein kühles Grab zu verabschieden!“

„Auch das ist Freiheit!“, erwiderte Reilly sarkastisch.

„Wohin führt Sie Ihr Marschbefehl?“, fragte der Techniker. Dann biss er sich auf die Lippe und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Oh, ich verstehe, das ist wahrscheinlich hoch geheim!“ Er kicherte. „Und dabei weiß doch jeder, dass unsere neueren Schiffe der Scout Klasse eigentlich immer zwei Ziele haben!“

Commander Reilly schmunzelte.

„Ich sehe, Sie sind gut informiert“, stellte er fest. „Offenbar nehmen Sie regelmäßig an Sitzungen des Obersten Stabes des Space Army Corps of Space Defence teil und gegebenenfalls konferieren Sie sogar mit dem Vorsitzenden des Humanen Rates, um mit ihm die aktuellen Probleme im Hinblick auf eine angemessene Verteidigung des 50 Lichtjahre Radius um die Erde diskutieren...“

Der Techniker ging auf den Witz ein und lachte. „Ehrlich gesagt, habe ich noch ein paar Karrierestufen vor mir, ehe es soweit ist“, meinte er. „Allerdings braucht auch niemand an irgendeiner Stabssitzung oder sonst irgendeiner Konferenz teilzunehmen, um zu wissen, wohin die ganzen Leichten Kreuzer der Scout-Klasse fliegen.“

„So?“

Er beugte sich etwas vor. Sein Tonfall klang nun deutlich ernsthafter, als er fort fuhr: „Geben Sie es zu, Sie fliegen entweder ins Grenzgebiet zum Reich der K'aradan oder in das so genannte Niemandsland, hinter dem man ein ominöses Imperium von Geierköpfen vermutet.“

„Sie haben Recht“, gab Willard Reilly zu. „Eines dieser Ziele wird es wohl sein, es sei denn irgendwo anders fängt es plötzlich an zu brennen, sodass das Space Army Corps eingreifen muss. Allerdings weiß ich ehrlich gesagt selbst noch nicht, wohin es gehen wird!“

Der Techniker zwinkerte Commander Reilly zu. „Das würde ich an Ihrer Stelle auch sagen, Sir!“

Kapitel 3: Ein Raumschiff namens STERNENKRIEGER

Nachdem das Shuttle an Spacedock 1 festgemacht hatte, fand sich Commander Reilly umgehend in Konferenzraum C 4 ein. Er war einer der Letzten, die die dort eintrafen. Gut zwei Dutzend Raumkommandanten des Space Army Corps hatten sich hier versammelt. Die meisten von ihnen waren Befehlshaber Leichter Kreuzer wie der STERNENKRIEGER. Reilly sah alte Bekannte wieder, etwa Commander Steven Van Doren, der einst die JUPITER, den zweiten Prototyp der Scout-Klasse, befehligt hatte.

Nachdem die JUPITER bei der Jungfernmission im Niemandsland während eines Raumgefechts mit den Qriid vernichtet worden war, hatte Van Doren sofort ein neues Kommando erhalten. Jetzt befehligte er den Leichten Kreuzer PLUTO. Relativ häufig nahmen Van Doren und Reilly an gemeinsamen Operationen teil.

Innerhalb des letzten halben Jahres hatten sie jedoch weniger miteinander zu tun gehabt, da Commander Van Doren und seine PLUTO vorwiegend zu Patrouillenflügen im Grenzgebiet zu dem gewaltigen Reich der äußerlich sehr menschenähnlichen K'aradan eingesetzt worden war. Dort tobte noch immer ein Krieg zwischen den sauroiden Fulirr und den K'aradan. Beide Seiten hofften nach wie vor, die Menschheit als Bundesgenossen gewinnen zu können, aber bislang war es den Humanen Welten gelungen, sich aus diesem Krieg herauszuhalten.

In wie fern dies auch in Zukunft gelingen würde, war durchaus nicht sicher, aber seit die jenseits des Niemandslandes heranwachsende Bedrohung durch die Qriid bekannt geworden war, setzte die Führung des Humanen Rates alles daran, einen Zwei-Fronten-Krieg zu verhindern.

Dafür war das Space Army Corps der Humanen Welten nun wirklich nicht gerüstet. Man konnte schon froh sein, wenn die fieberhaft begonnene Aufrüstung und die Umstellung der Taktik, auf die Verwendung kleinerer, flexibel einsetzbarer Einheiten noch rechtzeitig griff, bevor es zu den ersten ernsthaften Auseinandersetzungen mit dem Imperium der Qriid kam.

Wie ein Damoklesschwert hing diese Bedrohung seit zwei Jahren über der Menschheit und sorgte dafür, dass immer größere Anteile an den zur Verfügung stehenden militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen in die Abwehr dieser Gefahr gelenkt werden mussten.

Und der Zenit dieser Entwicklung war noch längst nicht erreicht.

Jedem, der mit der Materie zu tun hatte, war das nur allzu bewusst.

„Na, wie geht’s dir, altes Haus?“, fragte Willard Reilly. „Gibt’s an der K'aradan-Front endlich Entwarnung oder was machst du hier auf Spacedock 1?“

„Umgruppierung zur Verbesserung der Effizienz nennt sich so etwas“, erwiderte Steven Van Doren, der zusammen mit Willard Reilly die Space Army Corps Akademie auf Ganymed besucht hatte.

„Das heißt in Wahrheit doch, dass es irgendwo mal wieder ein Loch zu stopfen gilt, habe ich Recht, Steven?“

„Ins Schwarze getroffen“, nickte Van Doren. „Aber es pfeifen ja auch die Spatzen von den Dächern, dass die geplante Anzahl an Leichten Kreuzern nicht fristgerecht fertig gestellt werden konnten.“

„Die Pläne waren aber auch ziemlich ehrgeizig!“

„Wem sagst du das, Willard! Und vor allem ist man bei den Planungen stets von den günstigsten Prämissen ausgegangen. Jeder, der etwas davon verstand, konnte einem vorher sagen, dass das nicht klappen konnte!“

„Und warum hat man diese weisen Experten dann nicht zu Rate gezogen?“

Van Doren machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist doch immer dasselbe, Willard! Wenn du eine unbequeme Wahrheit zu verkünden hast, dann giltst du im Handumdrehen bei den Entscheidungsträgern nicht mehr als Experte, dessen Meinung gefragt ist. Raimondo wollte die Aufrüstung auf Biegen und Brechen durchsetzen und – was soll man sagen? Er hat zumindest teilweise seine Ziele erreicht.“

„Andererseits müssen wir uns tatsächlich warm anziehen, Steven. Dieses Qriid-Imperium wird nicht viel Federlesen mit uns machen.“

Van Doren grinste.

„Wenigstens hast du deswegen noch nicht deinen Humor verloren.“

„Das kommt wahrscheinlich noch. Spätestens dann, wenn es wirklich knallt und sich herausstellt, dass wir nicht die Mittel besitzen, um uns gegen die drohende Invasion angemessen zu wehren!“

Reilly hatte noch etwas hinzufügen wollen. So manches, was die gegenwärtige Verfassung des Space Army Corps sowie die politische Lage betraf, lag ihm geradezu auf der Zunge. Er hatte das Gefühl, dass die Menschheit sehenden Auges auf ihr Verderben zusteuerte und letztlich nicht genug dafür tat, um die jenseits des Niemandslandes lauernde Bedrohung abzuwenden.

Zumindest in dieser Hinsicht war er mit Admiral Gregor Raimondo vollkommen einer Meinung.

Und doch verstummte er in diesem Augenblick, denn der Admiral hatte zusammen mit seiner Adjutantin Lieutenant Mara Caporale den Raum betreten.

Die anwesenden Raumschiffkommandanten nahmen Haltung an.

„Rühren und setzen“, sagte Raimondo.

Raimondo und Caporale nahmen die für sie vorgesehenen Plätze ein. Der Admiral kam ohne Umschweife gleich zur Sache. Lieutenant Mara Caporale aktivierte derweil einen Wandbildschirm.

Wenig später war dort eine schematische Darstellung der Raumkugel zu sehen, die die Humanen Welten als ihr Territorium beanspruchten – was keineswegs bedeutete, dass sämtliche innerhalb des 50-Lichtjahre-Radius um die Erde gelegenen Systeme auch tatsächlich vollständig erforscht und zur Besiedlung durch irdische Siedler erschlossen waren.

Auf jeweils entgegen gesetzten Seiten dieser Raumkugeln schlossen sich das Reich der K'aradan und das so genannte Niemandsland an das Territorium der Humanen Welten an. Wie groß das Reich der K'aradan tatsächlich war, wusste man bislang nicht. Klar war aber, dass seine Ausdehnung mindestens um den Faktor hundert die Ausdehnung der Humanen Welten überstieg. Weite Teile des heutigen Territoriums der Humanen Welten sowie der ebenfalls benachbarten Fulirr sowie der Ontiden waren früher einmal Teil des K'aradan-Reichs gewesen, dessen beste Tage längst Vergangenheit waren.

Lieutenant Caporale markierte den Bereich des Niemandslandes, von dem nicht einmal die exakte derzeitige Ausdehnung bekannt war.

„Wir haben uns lange Zeit als eher zurückhaltende Beobachter verhalten“, begann Raimondo. „Aber wir werden dies im Hinblick auf das so genannte Niemandsland nicht länger fortsetzen können. Zu lange sind wir schon im Ungewissen darüber, was sich auf dem ständig wachsenden Territorium unseres Feindes tut. Wie Sie wissen, hatte die Zurückhaltung einen taktischen Grund. Wir haben nicht einmal ausreichend Kriegsschiffe, um unsere Grenzten ständig zu bewachen. Das Space Army Corps ist dazu nicht ausgerüstet und wir befinden uns in einem schwierigen Prozess der Umstrukturierung. Die alte Strategie, die darin bestand, mit wenigen, aber gut bewaffneten und teilweise riesigen Kriegsschiffen so rasch wie möglich an den Punkt innerhalb des Territoriums der Humanen Welten zu gelangen, an dem es gewissermaßen brennt, hat endgültig ausgedient. Diese Erkenntnis führte insbesondere zur Entwicklung und Fertigstellung des ersten Prototyps des neuen Raumschifftyps, den wir als Scout-Klasse bezeichnen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Wir werden die neue Militärdoktrin Schritt für Schritt umsetzen, um danach besser und flexibler reagieren und größere Grenzsektoren der Humanen Welten gleichzeitig sichern zu können.

In der Vergangenheit durften wir einerseits gegenüber den Qriid nicht unnötig auf uns aufmerksam machen. Andererseits hatten wir schlicht und ergreifend die Mittel nicht, um größere Expeditionen durchzuführen. Aber dies hat sich nun geändert." Admiral Raimondo blickte in die Runde. Er war jünger als so mancher der Kommandanten, die unter ihm dienten, was nicht wenige von ihnen murren ließ. Dass politische Protektion diesen Mann zum jüngsten Admiral aller Zeiten gemacht hatte, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Dennoch mangelte es ihm erstaunlicherweise nicht an Autorität. „Wir haben jetzt die nötigen Ressourcen, um einen erneuten Erkundungsvorstoß in die Zone des Niemandslandes zu unternehmen. Es ist dringend notwendig, dass wir Informationen sammeln. Ihre Schiffe werden Teil dieser Mission sein, und auch ich werde an Bord des Zerstörers MERRRIT an der Operation teilnehmen. Ihr Auftrag lautet, die Lage zu sondieren und Hinweisen auf Aktivitäten der Qriid folgen. Es geht darum, so viel an Informationen zu sammeln, wie nur irgend möglich. Kampfhandlungen sind zu vermeiden. Da wir nicht wissen, wie weit die Abhör- und Entschlüsselungstechnik der Qriid entwickelt ist, wird der Funkverkehr während der vor Ihnen liegenden Operation auf ein Minimum reduziert. Sie bekommen vorher Ihre klaren Befehle und Richtlinien, sodass Sie unter normalen Umständen die ganze Zeit über Funkstille halten können – es sei denn, Sie stoßen auf etwas, das es notwendig erscheinen lässt, mich unverzüglich zu verständigen. Ich lasse Ihnen in dieser Hinsicht Ermessensspielraum. Auf die Berufung eines jeden von Ihnen in sein Kommando hatte ich persönlichen Einfluss, so dass es niemanden in diesem Raum gibt, dem ich die Kompetenz absprechen würde, in derartigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Danke für die Blumen, Admiral!, ging es Willard Reilly durch den Kopf. Der Gedanke, nach zwei Jahren erneut – und diesmal mit einem größeren Verband – in die überwiegend unerforschten Regionen des Niemandslandes vorzudringen, reizte ihn. Das Schlimmste an einer drohenden Gefahr ist die Ungewissheit, dachte er. Aber vielleicht kann unsere Mission dazu beitragen, sie wenigstens ein Stückweit zu mindern.

Raimondo fuhr unterdessen fort: „Jede Ihrer Einheiten wird einen bestimmten Sektor zugewiesen bekommen. Die Daten befinden sich zusammen mit weiteren Befehlen auf den Bordrechnern Ihrer Schiffe und können unter Angabe Ihrer persönlichen Autorisation abgerufen werden. Wann Sie Ihre Offiziere und Mannschaften in Kenntnis setzen, bleibt Ihnen überlassen. Die Datenbank der Olvanorer im Kloster Saint Arran auf Sirius III hat uns das, von ihren Glaubensbrüdern, gesammelte Datenmaterial über die Raumregion, in der wir uns umsehen wollen, zur Verfügung gestellt. Es ist spärlich genug, aber Sie werden auf den jeweiligen Bordrechnern Ihrer Schiffe eine entsprechende Datenbank vorfinden. Ich hoffe, dass Ihnen die darin enthaltenen Berichte in irgendeiner Form weiterhelfen können.“ Raimondo ließ noch einmal den Blick schweifen, während Lieutenant Mara Caporale den Kartenausschnitt vergrößerte, sodass die Region, in der die Erkundungsoperation stattfinden solle, näher heran gezoomt wurde.

„Die Code-Bezeichnung der Mission lautet Operation Scout“, erklärte Raimondo. „Und das bezieht sich keineswegs auf die Schiffsklasse, der die meisten der dabei eingesetzten Einheiten angehören.“ Ein verhaltenes Lächeln umspielte Raimondos Mundwinkel.

Witzige Bemerkungen und lockerer Plauderton sind nicht seine Sache!, erkannte Commander Reilly. Er sollte sich auf diesem Gebiet erst wieder versuchen, wenn er ausgiebig vor Publikum geübt hat, sonst macht er sich nur lächerlich!

In diesem Augenblick erschien in Admiral Raimondos Gesicht zum ersten Mal ein Zug, der sich als ein Zeichen leichter Verunsicherung interpretieren ließ. Aber schon im nächsten Moment hatte Raimondo sich wieder unter Kontrolle und sein Gesicht bot die gleichförmig-sachliche Oberfläche, die man von ihm gewohnt war.

Auf der Sternenkarte erschien jetzt eine Linie in rot. Eine Sekunde später leuchtete noch eine Zweite in blau auf. Lieutenant Caporale nickte Raimondo kurz zu und dieser erklärte: „Die rote Linie stellt die mutmaßliche Grenze des Qriid-Imperiums dar, wie sie vor zwei Jahren Bestand hatte. Natürlich waren wir auf teilweise sehr vage Angaben und Vermutungen angewiesen. Im Wesentlichen fußten die zu Grunde liegenden Daten auf dem, was die STERNENKRIEGER von ihrer Mission zurückbrachte. Der Unsicherheitsfaktor ist selbstverständlich recht hoch anzusehen. Die blaue Linie bezeichnet die Ausdehnung des Imperiums, so wie wir ihn heute vermuten und unter der Voraussetzung, dass die Expansion in etwa mit gleicher Intensität vorangetrieben wurde. In den Grenzsystemen Bannister und New Hope gab es immer wieder Kontakte zu Spezies, deren Angehörige sich vor den Qriid auf der Flucht befanden. Die Angaben, die wir von ihnen erhielten, lassen den Schluss zu, dass bereits ein Drittel des ehemaligen Niemandslandes inzwischen fester Bestandteil des Qriid-Imperiums ist. Ich brauche Ihnen nicht sagen, was dies für die Zukunft der Menschheit bedeutet... Ihre jeweiligen Operationsgebiete sind so ausgewählt, dass wir den Fortschritt dieser bedrohlichen Entwicklung auf breiter Front verifizieren können.“ Raimondo atmete tief durch. „Wir werden zunächst einen Rendezvouspunkt in der Nähe des New Hope-Systems anfliegen, dessen Koordinaten bereits Teil der Befehlsdatei sind. Dort werden wir die letzten Lageberichte aus dem Grenzgebiet einholen. Anschließend brechen Sie zu den Ihnen zugewiesenen Raumregionen auf. Das wäre alles für heute. Passen Sie auf sich und Ihre Besatzungen auf.“

Danke gleichfalls!, dachte Reilly. Wärme und Anteilnahme glaubhaft zu kommunizieren müssen Sie noch lernen, sollten Sie ernsthaft irgendwann eine politische Laufbahn anstreben – Admiral!

1

Eine Viertelstunde später betrat Commander Reilly die Brücke der STERNENKRIEGER.

Lieutenant Commander Thorbjörn Soldo, der Erste Offizier des Leichten Kreuzers, nahm Haltung an.

„Captain...“

„Rühren, I.O.“

„Willkommen an Bord, Sir“, meldete der blonde Soldo, dessen Erscheinung Reilly ein wenig an einen Wikinger denken ließ.

Der Captain der STERNENKRIEGER ließ den Blick schweifen. Ruderoffizier Lieutenant Clifford Ramirez und Kommunikationsoffizierin Lieutenant Jessica Wu blickten von ihren Konsolen auf, mit deren Hilfe sie gerade damit beschäftigt waren, die Systeme neu zu kalibrieren, was regelmäßig geschehen musste, um Systemfehler zu verhindern. Waffenoffizier Lieutenant Chip Barus ging gerade mit Fähnrich Robert Ukasi die Lieferungen an Gauss-Geschossen und Raketen durch, die jüngst auf der STERNENKRIEGER eingelagert worden waren. Beide hatten ihre Unterhaltung in dem Moment unterbrochen, als Commander Reilly den Raum betreten hatte.

„Wir haben den Befehl, sofort aufzubrechen. Zielpunkt sind Rendezvouskoordinaten in der Nähe von New Hope.“

Es war unnötig zu erwähnen, dass nicht die Stadt New Hope im Wega-System gemeint war. Schließlich war es derzeit ziemlich abwegig, dass die STERNENKRIEGER dort eine Mission zu erfüllen hatte.

„Dann geht es ins Niemandsland?“, schloss Soldo.

Reilly nickte.

„Ja.“

„Wenn Sie mir ein freies Wort gestatten: Das wurde auch Zeit, Sir!“

„Ich verstehe, weshalb man so lange still gehalten hat“, erwiderte Reilly. „Aber ich glaube auch, dass wir uns nun langsam der Gefahr stellen müssen, die da draußen auf die Menschheit lauert.“ Reilly wandte leicht den Kopf. Er war mit den Gedanken nicht hundertprozentig bei der Sache. Die Erinnerungen der letzten Tage stiegen in ihm auf. Seine Familie, Dar-el-Reilly, sein Bruder Dan, der zu Bruder Daniel geworden war und dies so verinnerlicht hatte, dass nun wohl auch Eric Reilly senior klar geworden sein musste, dass er niemals die Sirius-Linie von Reilly Ltd. übernehmen würde. Unter keinen Umständen. „Wir besprechen alle Einzelheiten in meinem Raum“, erklärte Reilly.

„Wann?“

„In zwanzig Minuten. Wenn alle Mannschaften an Bord sind, brechen wir sofort auf.“

„Unser L.I. befindet sich bei seinen Verwandten auf dem Mond. Er könnte in wenigen Stunden hier sein“, sagte Soldo. Die Rede war von Lieutenant Morton Gorescu, dem Leitenden Ingenieur der STERNENKRIEGER.

„Dann sorgen Sie dafür, dass er verständigt wird“, forderte Reilly.

„Schwieriger wird es mit unserem Schiffsarzt.“

Reilly runzelte die Stirn. „Was ist mit Dr. Rollins?“

„Er hält einen Gastvortrag an der Far Galaxy Akademie auf Sedna.“

„Wer hat das genehmigt? Wir hatten Bereitschaftsstatus!“

„Ich war das nicht, Sir. Anscheinend hat sich Dr. Rollins an die Personalverwaltung des Space Army Corps gewandt und die hat seinen Wunsch, nach Sedna zu fliegen als wichtigen Grund anerkannt.“

Reilly ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.

Sedna war eines der zahlreichen planetengroßen Objekte, die den Kuiper-Gürtel kennzeichneten. Die Astronomie sah inzwischen auch den Pluto eher als eines dieser Kuiper-Objekte an, denn als eigenständigen neunten Planeten, aber Pluto hatte das Glück, zu einer Zeit entdeckt worden zu sein, als man die Definition des Begriffs Planet nicht so eng fasste.

Im Mittel war Sedna 290 Astronomische Einheiten von der Erde entfernt und brauchte mehr als zehntausend Jahre für einen Sonnenumlauf.

„Wir werden einen ganzen Tag durch den Flug nach Sedna verlieren“, stellte Reilly ärgerlich fest. Er wandte sich an Lieutenant Wu. „Kontaktieren Sie Admiral Raimondo und teilen Sie ihm mit, dass es entweder zu dieser Verzögerung kommen wird, oder wir für Dr. Rollins einen Ersatz brauchen. Ich nehme jedenfalls nicht an, dass Raimondo uns ohne medizinische Betreuung fliegen lässt.“

„In Ordnung, Sir!“, bestätigte Jessica Wu.

„Da ist noch etwas, Captain.“

Reilly sah Soldo erstaunt an, so als wollte er sagen: Reicht das denn nicht schon an unangenehmen Dingen, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkehrt?

„Worum geht es?“

„Shuttle-Pilot Bran Kolewsky hat sich von uns verabschiedet.“

„So kurzfristig?“, wunderte sich Commander Reilly.

„Er bekam ein sehr attraktives Angebot aus der freien Wirtschaft und fliegt jetzt die Sirius-Linie.“

Soldos letzte Worte versetzten Reilly einen Stich. „Doch nicht zufällig auf einem Schiff der Eric Reilly Ltd.?“, murmelte der Captain tonlos.

„Ich habe keine Ahnung, Sir. Allerdings muss das Angebot finanziell so attraktiv gewesen sein, dass er den Verlust sämtlicher Versorgungsleistungen des Space Army Corps auf sich genommen hat.“

Commander Reilly atmete tief durch.

Wüsste ich es nicht besser, dann könnte man ja durchaus auf den Gedanken kommen, das wäre Absicht gewesen, Dad!, ging es ihm durch den Kopf. Natürlich war das absurd.

„Ein möglicher Nachfolger wartet in Ihrem Raum auf Sie, Captain“, erklärte Soldo.

„Da war die Personalverwaltung des Space Army Corps ausnahmsweise mal richtig schnell!“

„Nein, Sir, Sie irren sich.“

„Wie bitte?“

„Sie wissen doch, wie knapp Piloten im Moment sind. Die Aufrüstung des Space Army Corps hat dazu natürlich erheblich beigetragen – aber das Frachtaufkommen privater Raumlinien steigt natürlich auch exponentiell mit jeder neuen Kolonie, die da draußen errichtet wird. Die Personaldecke des Space Army Corps ist in diesem Segment momentan so angespannt, dass wir nur die Wahl haben, von unserem ersten Shuttle-Piloten Jacques ein anderes Crew-Mitglied kurzfristig anlernen zu lassen...“

„Ty Jacques wird mir was husten!“, unterbrach Reilly seinen Ersten Offizier. „Und das mit Recht! Man kann auf diese Weise vielleicht jemanden rekrutieren, der regelmäßig die Linie Erde-Mond fliegt, aber keinen Fährenpiloten, der das Beiboot eines Kriegsschiffs unter Einsatzbedingungen steuern soll.“

„Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, Sir. So bleibt uns wohl keine andere Wahl, als Triffler zu engagieren.“

Reilly runzelte die Stirn.

„Triffler?“

„Der Mann, der da drinnen auf Sie wartet, heißt Moss Triffler. Er war Test-Pilot in den Diensten des Far Galaxy Konzerns, flog dort aber raus, nachdem ihm nachgewiesen wurde, dass er technische Daten eines Steuermoduls an die Konkurrenz verriet. An den finanziellen Folgen des Zivilprozesses wird er wohl sein ganzes Leben lang abzahlen.“

„Eine verkrachte Existenz also“, stellte Reilly fest.

Soldo nickte leicht.

„Wenn ich an Triffler Stelle wäre, würde ich mich innerhalb der Grenzen der Humanen Welten nicht mehr sehen lassen. Aber er denkt offenbar anders über diesen Punkt.“

„Gibt es da nicht irgendwelche formellen Schwierigkeiten, wenn er als zweiter Fährenpilot auf der STERNENKRIEGER anfängt?“

„Nein. Ich habe das Okay des Oberkommandos und der Personalverwaltung. Es gibt speziell zur Anstellung von Piloten seit jüngstem Sonderbestimmungen, die Seiteneinsteigern den Eintritt ins Space Army Corps erleichtern sollen. Und genau diesen Paragraphen möchte Moss Triffler jetzt für sich nutzen – vorausgesetzt, Sie sind damit einverstanden.“

Die Entscheidung ist doch längst gefallen – ohne mich!, dachte Reilly. Soldo hat alles vorbereitet und bereits die nötigen Schritte in die Wege geleitet. Und ein Testpilot dürfte ja wohl auch über jeden Zweifel an der nötigen fachlichen Qualifikation erhaben sein.

„Ich werde ihn mir mal ansehen!“, kündigte Commander Reilly an.

2

Wenig später betrat Reilly den Raum den Captains, der darüber hinaus auch noch als Konferenzraum für die Offiziere herhalten musste.

Ein noch recht junger Mann saß am Konferenztisch, der die Mitte des Raums ausfüllte. Er machte keinerlei Anstalten, Haltung anzunehmen, was Reilly im Übrigen auch nur mäßig wunderte. Schließlich war Triffler bisher nicht Teil einer militärischen Hierarchie gewesen.

Das wird er noch lernen!, dachte Reilly. Fragt sich nur, ob jemand, der Firmengeheimnisse verraten hat, charakterlich die Anforderungen erfüllt, um Crew-Mitglied eines Space Army Corps Schiffs zu werden.

„Ich bin Commander Reilly, der Captain der STERNENKRIEGER.“

„Moss Triffler, ich...“

„Mein Erster Offizier hat mich bereits umfassend ins Bild gesetzt. Sie möchten die Stelle des zweiten Shuttle Piloten besetzen.“

„Ja.“

„Ja, Sir, heißt das.“

„Ja, Sir! Wissen Sie, ich habe es nicht so mit diesem militärischen Kram, aber man sagte mir, dass ich ein paar Lehrgänge im Laufe der Zeit zu absolvieren hätte.“

„Allerdings!“

„Man sagte mir, dass ich dann eine ganz normale Space Army Corps Karriere machen könnte!“

„Dazu kann ich nichts sagen, Triffler. Ich bin schließlich keine wandelnde Dienstordnung, aber wenn Sie die Personalverwaltung dahingehend informiert hat, wird das wohl stimmen.“ Reilly atmete tief durch. Wie groß muss der Mangel an guten Piloten sein, wenn man schon Leute wie Triffler anwirbt!

„Na, wie stehen denn die Aktien für mich?“, fragte Triffler auf seine recht respektlose Art und Weise. „Ihr Stellvertreter – ich glaube I.O. nennen Sie das hier – hat mir gesagt, dass nur noch Ihre Zustimmung fehlen würde, dann wäre alles klar.“

Reilly überlegte einen Augenblick. Er ließ sich in einen der Schalensessel nieder. Es war wichtig, bei einer derart heiklen Mission wie der Operation Scout für alle drei an Bord befindliche Beiboote erstklassige Piloten zur Verfügung zu haben. Und wenn es im Moment nur die Möglichkeit gab, Triffler zu engagieren oder jemanden, der auch nur annähernd die nötige fachliche Qualifikation mitbrachte, dann lag die Entscheidung tatsächlich auf der Hand.

„Mein I.O. hat erwähnt, weswegen man Sie bei Far Galaxy rausgeschmissen hat.“

„Ich war unschuldig.“

„Schade.“

„Schade? Was soll das heißen?“

„Ich hatte gedacht, Sie hätten aus der Sache gelernt, denn dann hätte ich mir vorstellen können, Ihnen noch eine zweite Chance zu geben. Dass Piloten knapp sind dürfte sich ja wohl auch bis zu Ihnen herumgesprochen haben!“

Moss Triffler atmete tief durch. Er beugte sich vor und nahm eine etwas weniger lässige Haltung ein.

„So war das nicht gemeint, Mister Reilly!“

„Für Sie Commander Reilly oder einfach Captain.“

„Captain!“

Der besondere Nachdruck, mit dem er diese Funktionsbezeichnung aussprach, hatte schon fast etwas Trotziges.

„Ich will von Ihnen keine Story hören, mit der Sie sich zu rechtfertigen versuchen oder sich als das Opfer ungünstiger Umstände darstellen!“

„Aber das war ich!“

„Ich möchte einfach nur sicher sein, dass Sie nicht auf die Idee kommen, die Dateien mit unseren strategischen Daten an unsere Feinde zu versenden. Das ist alles. Ansonsten interessiert mich Ihre Vergangenheit nicht.“

Moos Triffler fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die Geste wirkte fahrig. Er schien sich darauf eingestellt zu haben, dass er sich für seine Vergangenheit zu rechtfertigen hatte. Genau davon wollte Commander Reilly nun aber überhaupt nichts wissen. Sein Blick wirkte angestrengt. Er schien darüber nachzudenken, wie er sich auf diese neue Situation einstellen sollte.

„Okay, ich habe einen Fehler gemacht und für den werde ich bis zum Ende meiner Tage bezahlen – und zwar im ureigensten Sinn des Worts, denn Far Galaxy hat einen astronomisch hohen Schaden eingeklagt. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich keine Fehler mehr mache, aber Sie können sicher sein, dass mir nicht derselbe noch einmal unterlaufen wird.“

„Etwas in der Art wollte ich hören“, bekannte Reilly.

„Heißt das, ich kann hier anfangen?“

„Ja. Wir brechen in wenigen Stunden auf, sobald unser L.I. die Strecke Mond-Spacedock 13 hinter sich gebracht hat.“

„So schnell?“

„Packen Sie Ihre persönlichen Sachen und finden Sie sich in zwei Stunden spätestens an Bord ein. Wegtreten.“

Moss Triffler schluckte und verließ ohne ein weiteres Wort zu sagen den Raum.

Ich bin mal gespannt, ob er sich in zwei Stunden wirklich an Bord einfindet!, dachte Reilly. Aber darauf lasse ich es ankommen!

3

Moss Triffler meldete sich bereits nach einer Stunde an Bord der STERNENKRIEGER. Er bekam die Landefähre L-2 zugewiesen. Ty Jacques, der Pilot der L-1, bekam vom Ersten Offizier die Aufgabe übertragen, den Neuling in die Abläufe an Bord sowie in die technischen Besonderheiten der Beiboote an Bord der STERNENKRIEGER einzuweisen. Für ein Flugmanöver blieb keine Zeit mehr. Stattdessen musste der Simulator herhalten.

Nachdem auch Lieutenant Gorescu endlich vom Mond zurückgekehrt war, startete die STERNENKRIEGER. Ein Großteil der anderen Schiffe, die an der Operation Scout teilnehmen sollten, war längst auf dem Beschleunigungsflug zum Erreichen der Eintrittsgeschwindigkeit in den Sandströmraum.

Die STERNENKRIEGER nahm zunächst Kurs auf Sedna. Die Verzögerung, die dadurch entstand, war aber noch im Rahmen der Toleranz, die bei dieser Mission festgelegt worden war.

Willard Reilly fand inzwischen heraus, dass Admiral Raimondo persönlich die Genehmigung dafür erteilt hatte, dass Dr. Miles Rollins trotz des Bereitschaftsstatus nach Sedna hatte fliegen dürfen.

Es muss einen Grund dafür geben!, dachte der Captain der STERNENKRIEGER. Reilly nahm sich vor, Dr. Miles Rollins danach zu fragen, sobald er an Bord zurückkehrte.

Der Flug nach Sedna war ein Routinemanöver, das den Fähnrichen an Bord Gelegenheit bot, ihr Können unter Beweis zu stellen. Schließlich mussten sie eventuell auch im Ernstfall die eigentlichen Brückenoffiziere ersetzen, wenn Not am Mann war. Und das konnte in einer Einsatzsituation schnell geschehen.

So ließ Reilly das Ruder von Fähnrich Abdul Rajiv besetzen, während Fähnrich Sara Majevsky Ortung und Kommunikation übernahm.

Ähnlich wie Fähnrich Ukasi hatten beide gut zwei Jahre als Fähnriche an Bord der STERNENKRIEGER verbracht, was bedeutete, dass ihre Beförderungen zu Lieutenants unmittelbar bevorstanden. Persönlich gönnte Reilly allen Dreien den Aufstieg in der Space Army Corps Hierarchie. Allerdings bedeutete dies vermutlich, dass er sie als Crew-Mitglieder verlor.

Reilly berief umgehend eine Konferenz der Offiziere ein, um sie über die bevorstehende Operation Scout zu informieren.

Abgesehen von den Brückenoffizieren nahmen daran noch Lieutenant Gorescu und Bruder Padraig teil. Bei letzterem handelte es sich um einen Olvanorer-Mönch, der an Bord den Status eines Beraters hatte, der zwar formell außerhalb der Space Army Corps Hierarchie stand, aber die Privilegien eines Offiziers genoss.

Nachdem Reilly den Offizieren einen Überblick über die Ziele, der vor ihnen stehenden Mission gab, bekam Bruder Padraig das Wort. Commander Reilly hatte Padraig die notwendigen Daten bereits im Vorfeld zur Verfügung gestellt, sodass der Olvanorer sich eingehend damit hatte befassen können. „Das Operationsgebiet, das uns von Admiral Raimondo zugewiesen wurde, wird durch eine Reihe von Sternen des G-Typs gekennzeichnet, bei denen anzunehmen ist, dass sie Planetensysteme gebildet und vielleicht sogar Leben hervorgebracht haben. Allerdings wissen wir wenig Genaues. Wir Olvanorer unterhalten in diesem Gebiet leider derzeit keinerlei Forschungsstationen. Allerdings wissen wir durch Berichte, die unseren Brüdern auf Paranda IX zugänglich wurden, dass es in dieser Region eine raumfahrende Spezies gibt, die sich dort erst vor wenigen Jahrzehnten ansiedelte – vermutlich in einem System, dessen Katalogbezeichnung Triple Sun 2244 lautet. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um ein Dreifachsystem und diese doch sehr markante Angabe taucht auch in den Berichten auf...“

„Sie nehmen an, dass es sich um eine Spezies handelt, die vor den Qriid auf der Flucht ist – so wie die arachnoiden Wsssarrr?“, hakte Reilly nach.

„Der Schluss liegt nahe. Diese Wesen ähneln geflügelten Affen und werden Xabo genannt.“

„Woher wissen Sie das alles?“, wunderte sich Commander Reilly. „In den offiziellen Datenfiles ist darüber nichts zu finden – auch nicht in der Datenbank, die uns Ihr Orden zur Verfügung stellte!“

Bruder Padraig lächelte verhalten.

„Diese Datenbank enthält keine Angaben über laufende Forschungsmissionen, was den Grund hat, dass diese geschützt bleiben sollen. Sie wissen, dass der Orden sich unter anderem auch zu politischer Neutralität verpflichtet hat und nicht als verlängerter Arm eines Staates oder einer Regierung aufzutreten bereit ist.“

Steht allein die Tatsache, dass sich ein Berater wie Bruder Padraig an Bord eines Kriegsschiffs der Humanen Welten befindet nicht im Widerspruch zu dieser Verpflichtung?, fragte sich Commander Reilly. Er hatte allerdings keinerlei Neigung diese Dinge mit Bruder Padraig auszudiskutieren. Zumindest nicht jetzt.

„Die Mission auf Paranda IX ist also noch nicht abgeschlossen“, stellte Reilly fest.

„So ist es. Die Xabo besuchen ab und zu das Paranda-System, um mit dessen Einwohnern Handel zu treiben. Wenn Sie mir erlauben würden, einen Rechnerzugang zu öffnen, Sir...“

„Aber bitte, Bruder Padraig! Nur zu!“

Auf dem schlichten Konferenztisch, in den ein Touchscreen eingelassen war, erschien zunächst das Emblem des Space Army Corps und anschließend das Rechnermenue.

Bruder Padraigs Finger glitten in beeindruckendem Tempo über die Sensorfelder. Er aktivierte die Bildaufzeichnung, von der er gesprochen hatte und die offenbar aus den geheimen Datenspeichern des Klosters Saint Arran stammten, zu denen er scheinbar Zugang besaß.

Die halbe Wand in Reillys Rücken verwandelte sich in einen Bildschirm von bestechender Qualität.

Die Baracken eines Olvanorer-Forschungscamps waren zu sehen. Die Welt, auf der die Aufnahmen gemacht worden waren, wirkte erdähnlich.

Mehrere stark an Gorillas erinnernde Wesen, die allerdings aufrecht gingen und farbenfrohe Kleidung trugen, standen einem Olvanorer-Mönch in graubrauner Kutte gegenüber, der offenbar mit ihnen kommunizierte.

Auf dem Rücken ragten bei den Xabo lederhäutige Flügel aus besonderen Öffnungen heraus, die ihre Kleidung dafür ließ. An den Enden dieser Flügel waren kleine, vierfingrige Hände zu sehen, die sehr viel feiner waren als die gorillaähnlichen, sechsfingrigen Pranken, die an den Enden der überaus kräftigen und fast bis zum Boden reichenden Arme wuchsen. „Ob die Xabo tatsächlich flugfähig sind, darüber liegen keinerlei Erkenntnisse vor“, erklärte Bruder Padraig. „Allerdings spricht das Gewicht eines ausgewachsenen Xabo eher dagegen, denn um diese Massen in die Lüfte zu heben, müssten sie schon auf einer Welt mit sehr viel atmosphärischem Auftrieb leben.“

Die Videosequenz wurde laufen gelassen. Der Xabo unterhielt sich in einer Sprache mit dem Olvanorer, die von einer großen Zahl velarisierter Konsonanten durchsetzt war, die extrem akzentuierten Schnalzlauten ähnelten.

Der Olvanorer benutzte keinen Translator, sondern war offenbar in der Lage, sich mit den Xabo in deren Idiom zu verständigen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in dem uns zugewiesenen Sektor auf Xabo treffen ist recht groß“, meinte Bruder Padraig.

„Das sollte kein Problem sein. Schließlich sind ihre Feinde auch die unseren.“

„Das mag sein. Allerdings ist uns nichts weiter über die kulturelle Prägung der Xabo bekannt. Nur ein Detail ihrer Berichte könnte für uns von Interesse sein. Die Xabo glauben, dass in dem Raumsektor, in dem sie sich niedergelassen haben, vor Äonen eine ungeheuer weit entwickelte Rasse gelebt hat, deren technische Errungenschaften ihnen vielleicht im Kampf gegen die Qriid weiterhelfen könnten. Offenbar sind sie bereits auf Artefakte dieser Unbekannten gestoßen. Jetzt suchen sie jeden Asteroiden nach weiteren Hinweisen ab.“

Thorbjörn Soldo meldete sich zu Wort. „Es bleibt also letztlich dabei, dass wir in einen nahezu unbekannten Raumsektor fliegen – von diesen wenigen Details, die Sie uns vortrugen einmal abgesehen, Bruder Padraig.“

„Das trifft zu. Aber falls es uns gelingen sollte, zu den Xabo einen positiven Kontakt aufzunehmen, dann können wir durch sie vielleicht an wertvolle Informationen über das Qriid-Imperium gelangen“, erklärte Bruder Padraig.

Commander Reilly musste schmunzeln. Der Dienst an Bord der STERNENKRIEGER hat Sie bereits nachhaltig verdorben, Padraig! Sie denken schon wie ein Militär!, dachte er bei sich.

4

Dr. Miles Rollins meldete sich auf der STERNENKRIEGER und kündigte an, dass ein Shuttle des Far Galaxy Konzerns ihn an Bord bringen würde.

Das Shuttle startete rechtzeitig von Sedna aus und nahm von dort aus Kurs in Richtung der Oortschen Wolke an der Peripherie des Sonnensystems.

Es flog damit der STERNENKRIEGER nicht entgegen, sondern entfernte sich paradoxerweise.

Dennoch bedeutete diese Maßnahme eine erhebliche Zeitersparnis für die Crew des Leichten Kreuzers. Die STERNENKRIEGER erreichte Sedna mit einer Geschwindigkeit von 0,3 LG. Das Shuttle hatte Stunden zuvor seinen Beschleunigungsvorgang begonnen. Beide Schiffe näherten sich auf einem Parallelkurs an und hatten zum Zeitpunkt des Rendezvous eine annähert gleiche Geschwindigkeit, sodass ein Andockmanöver möglich war. Die STERNENKRIEGER brauchte auf diese Weise nicht noch einmal abzubremsen, bevor sie ihren Schiffsarzt an Bord nahm.

„Dr. Rollins ist an Bord!“, meldete Jessica Wu auf der Brücke der STERNENKRIEGER.

Soldo führte während des Rendezvousmanövers das Kommando auf der Brücke und Fähnrich Rajiv durfte seine Fähigkeiten als zukünftiger Ruderoffizier unter Beweis stellen – auch wenn Lieutenant Ramirez seine Aktionen kritisch verfolgte und ihm die ganze Zeit über buchstäblich auf die Finger sah.

Doch es gab bis auf minimale Korrekturen nichts an Rajivs Steuerkünsten auszusetzen.

„Dr. Rollins soll sich sofort im Raum des Captains melden“, sagte Soldo an die Kommunikationsoffizierin gewandt.

„Aye, aye, Sir!“, bestätigte Jessica Wu.

„Fähnrich Rajiv?“

„Ja, Sir?“

„Schalten Sie auf maximale Beschleunigung. Wir wollen möglichst bald in den Sandströmraum eintauchen!“

„Aye, aye!“

Wenig später rumortete der Boden unter den Füßen der Brückenoffiziere. Sie konnten die Vibrationen der leistungsstarken Ionentriebwerke spüren, die sich in der Warmlaufphase immer besonders stark zeigten.

„Wir werden die letzten bei New Hope sein“, kündigte Waffenoffizier Chip Barus an.

Soldo zuckte die Schultern.

„Heißt es nicht, dass die Letzten die Ersten sein werden?“

5

Dr. Miles Rollins erschien im Raum des Captains. Ein verlegenes Lächeln stand im Gesicht des Arztes, der offenbar bereits erwartet hatte, nicht gerade freudig willkommen geheißen zu werden.

„Ich hoffe, Ihr Vortrag ist beim Publikum auf Interesse gestoßen, Dr. Rollins“, begann Commander Reilly das Gespräch. Der Schiffsarzt hob die Augenbrauen.

„Sir, es tut mir leid, wenn es durch den Umstand, dass ich auf Sedna weilte, irgendwelche Schwierigkeiten entstanden sein sollten.“

„Schwierigkeiten? Wir waren im Bereitschaftsstatus, Dr. Rollins. Das bedeutet, kein Besatzungsmitglied darf sich so weit entfernen, dass es nicht innerhalb von sechs Stunden an Bord sein kann!“

„Das ist mir bekannt, Captain. Aber wie Sie den Unterlagen entnehmen können, hat Raimondo die Sache abgesegnet.“

„Ja, das habe ich gesehen“, bestätigt Reilly. „Und jetzt verraten Sie mir bitte, wieso Raimondo Ihnen die Genehmigung gegeben hat? Schließlich wusste der Admiral besser als jeder andere, dass wir in Kürze aufbrechen würden!“

„Es gibt nicht viele, die sich mit extraterrestrischer Medizin beschäftigt haben“, erklärte Miles Rollins. „Ich bin einer der wenigen. Schon im Studium hat mich dieses Gebiet fasziniert, nur leider ist es bislang weder ein eigenständiger Bereich der Medizin, noch fließen massenhaft Forschungsgelder in die wenigen Projekte, die mit dem Bereich zu tun haben.“

„Das mag bedauerlich sein, ich begreife ehrlich gesagt den Zusammenhang noch nicht, Doktor.“

„Admiral Raimondo hat mich dazu ermutigt, weiterhin auf diesem Gebiet tätig zu sein. Als Schiffsarzt eines Raumschiffs besitze ich ja auch einiges an praktischer Erfahrung auf diesem Gebiet. Und an der Far Galaxy Akademie ist man inzwischen auf mich aufmerksam geworden. Um Ihre Frage klipp und klar zu beantworten: Admiral Raimondo glaubt wohl, dass es mittelfristig gesehen für das Space Army Corps sehr wichtig ist, Spezialisten in Exomedizin und Exobiologie auszubilden.“

„Und Sie denken, dass er deswegen ein Auge zugedrückt hat.“

„Ich kann es mir nicht anders denken.“

Reilly atmete tief durch und lehnte sich in seinem Schalensitz etwas zurück. „Es ist gut möglich, dass Sie Recht haben, Dr. Rollins.“

„Es freut mich, dass auch Sie Verständnis aufbringen für...“

Reilly unterbrach sein Gegenüber. „Sie werden sich früher oder später entscheiden müssen, Doktor. Für Ihren Dienst im Space Army Corps oder die Forschung.“

„Sie irren sich. Die wollten auf der Far Galaxy Akademie lediglich den Vortag eines Praktikers haben, der bereits Patienten aus zwei Dutzend verschiedenen Spezies verarztet hat. Das ist alles.“

„Wenn Sie das sagen, Doktor.“

„Hören Sie, ich werde den I.O. oder Sie beim nächsten Mal nicht umgehen. Das ist es doch, was Sie ärgert, oder?“

„Nun...“

„Und außerdem kann ich meine Krankenschwester ja nach und nach als Aushilfsärztin ausbilden!“ Dr. Rollins grinste. „Ich meine, wenn es noch mal sehr eilig sein sollte...“

Reillys Gesichtszüge entspannten sich etwas.

Simone Nikolaidev eine Ärztin?, überlegte er. Das Zeug dazu hätte sie sicherlich. Aber wahrscheinlich ist der Zug bald für sie abgefahren und sie wird dann den Mumm nicht mehr aufbringen, noch einmal von vorn anzufangen und zu studieren.

„Wegtreten, Doktor.“

„Aye, aye, Captain!“

––––––––


6

„Sie sind gut geworden, Fähnrich White!“, stellte Lieutenant Morton Gorescu, der Erste Leitende Ingenieur der STERNENKRIEGER fest. Sämtliche Kalibrierungen und Systemüberprüfungen, die vor dem Start des Leichten Kreuzers von Spacedock 1 notwendig gewesen waren, hatte Catherine White durchgeführt.

Nur deshalb hatte Gorescu noch bis zum letzten Augenblick auf dem Mond bleiben können, was ihm aus gewissen Gründen sehr wichtig gewesen war.

Die etwas zur Fülligkeit neigende junge Frau diente von Beginn an auf der STERNENKRIEGER. Gut zwei Jahre waren das jetzt und der Zeitpunkt, da man sie zum Lieutenant befördern würde, war eigentlich absehbar.

Gorescu blickte noch einmal kurz über die Anzeigen und Displays in Kontrollraum A. Das Ionentriebwerk schaltete sich jetzt, nach Erreichen von 0,4 LG automatisch ab. Gleichzeitig begannen die Anzeigen und Kontrollen aufzublinken, die zur Überwachung des Sandströmaggregats dienten.

Der Ruderoffizier hatte die entsprechenden Schaltungen vorgenommen. Alles was dem Leitenden Ingenieur und seiner Techniker-Crew noch blieb, war die Funktionen des Sandströmantriebs auf Fehler zu überwachen.

„Man wird Sie bald befördern, Lieutenant White“, kündigte Gorescu an. „Wahrscheinlich werden Sie sich das Schiff aussuchen können. Ich werde Ihnen jedenfalls eine hervorragende dienstliche Beurteilung schreiben, bevor ich gehe...“

„Bevor Sie gehen?“, fragte Catherine White etwas verwirrt.

Offenbar hatte Gorescu etwas mehr über seine Lippen gelassen, als er eigentlich gewollt hatte. Er zuckte die Schultern, während nun der Sandströmantrieb in die Hauptphase sprang. Die angezeigte Geschwindigkeit betrug bereits 30 LG. Die STERNENKRIEGER befand sich im Sandströmraum.

„Eigentlich sollte außer dem Captain niemand wissen“, erklärte Gorescu nach einer längeren Pause, in der der Leitende Ingenieur gedankenverloren die Kontrollen angestarrt hatte, ohne dabei auch nur einen einzigen Messwert wahrzunehmen.

Als ob er durch die Konsolen einfach hindurch sieht!, war Whites Gedanke dabei gewesen.

Eine Falte erschien auf ihrer Stirn, während die junge Frau ihre Augenbrauen zusammenzog.

„Wovon sprechen Sie, Lieutenant?“

„Wie Ihnen sicher auch schon aufgefallen ist, habe ich immer dann, wenn die STERNENKRIEGER ins Sol-System zurückkehrte, dafür gesorgt, dass ich jede freie Zeit auf dem Mond verbrachte.“

„Das ist nicht verwunderlich. Schließlich lebt Ihre Familie dort.“

„Ja.“ Gorescus Stimme klang tonlos und ganz anders, als Catherine White es ansonsten von Morton Gorescu gewohnt war.

Der Blick war leer.

Er biss sich auf die Lippen.

„Sie sind mir keinerlei Erklärung schuldig, Lieutenant“, meldete sich schließlich Fähnrich White zu Wort, nachdem die Pause des Schweigens ihr zu lang und erdrückend geworden war.

Aber Gorescu schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich möchte es Ihnen gerne sagen. Sie waren taktvoll und haben nie eine Frage gestellt, wenn es darum ging, Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich ich zu erledigen gehabt hätte. Wie auch immer. Meine Tochter ist schwer erkrankt. Die Ärzte haben eine sehr seltene Stoffwechselerkrankung diagnostiziert, deren lateinische Bezeichnung ich Ihnen ersparen möchte. Jedenfalls ist dieses Syndrom sehr selten, weswegen auch in der Vergangenheit kaum Medikamente oder Therapien dagegen entwickelt worden sind.“ Er seufzte hörbar, ehe er schließlich fort fuhr: „Die Krankheit gilt als unheilbar. Unsere letzte Hoffnung sind die Ärzte auf Genet...“

„Der medizinische Standard dort steht in dem Ruf, der beste innerhalb der gesamten Humanen Welten zu sein!“

„Ja. Weil sie dort Methoden anwenden, die die Bundesgesetze eigentlich verbieten. Nur deswegen ist man auf Genet so weit gekommen wie sonst nirgends innerhalb der Humanen Welten! Allerdings sind die Behandlungen dort sehr teuer!“

„Dann verstehe ich nicht, weshalb Sie beabsichtigen, den Dienst zu quittieren!“

Gorescu lächelte matt.

„Erstens ist es nicht sicher, dass die Therapie auf Genet auch wirklich anschlägt. Und da möchte ich nicht irgendwo im fernen Weltall sein, wenn meine Tochter stirbt. Das würde ich mir niemals verzeihen.“

„Und zweitens?“

„Zweitens habe ich ein sehr gutes Angebot von einem Triebwerkshersteller in Luna North. Liegt in der Nähe des lunaren Nordpols.“

„Klingt nicht nach einem sehr gemütlichen Ort!“

„Seit die Immobilienpreise auf dem Mars explodiert sind und der Hohe Rat die Leichten Kreuzer der Scout-Klasse im Dutzend bestellt, gilt Luna North als Boomtown der Raumfahrtindustrie. Jemand, der was von Triebwerken versteht, kommt da gut unter!“

Catherine White schluckte. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte und hatte angesichts des Schicksalsschlages, von dem Morton Gorescu heimgesucht worden war, über ein paar passende Worte nachgedacht. Aber sie hatte das Gefühl, in diesem Moment nur in irgendein Fettnäpfen treten zu können und daher schwieg sie.

„Wie auch immer, Fähnrich! Demnächst wird auf der STERNENKRIEGER eine Position als Leitender Ingenieur im Rang eines Lieutenant frei!“

7

Commander Willard Reilly lag wach in seiner Kabine, obwohl er besser geschlafen hätte, wenn er nicht die nächste Wachperiode vollkommen übermüdet beginnen wollte.

Aber da war etwas, das ihm den Schlaf raubte und verhinderte, dass er zur Ruhe kam. Er betrachtete das Metallrelief, das auf seine Veranlassung hin angebracht worden war.

Es stellte ein Wikingerschiff dar.

Was hätte einer dieser Nordmänner seinerzeit gesagt, wenn sein Vater von ihm verlangt hätte, immer dieselbe Linie zu fahren – von einem Ende des Heimatfjords zum anderen? Wahrscheinlich hätte sich das keiner diese kühnen Seefahrer jemals gefallen lassen!

Commander Reilly erhob sich schließlich von seinem Bett und verließ die Einzelkabine, die ihm als Captain der STERNENKRIEGER zustand. Angesichts der räumlichen Enge, die an Bord des zylinderförmigen Raumschiffs bestand, war dieses Privileg nicht hoch genug zu schätzen, wie Reilly sehr gut wusste.

Der Captain der STERNENKRIEGER suchte einen der Aufenthaltsräume auf und zog sich einen Syntho-Drink.

Bruder Patrik saß an einem der Tische und aß einen Salat. Daneben lag ein Handheld-Computer auf dem Tisch, dessen Display aktiviert war.

Ihm gegenüber hatte Fähnrich White Platz genommen. Die junge Technikerin aus Morton Gorescus Maschinenraum-Crew hatte ein beinahe entrückt wirkendes Gesicht während sie den Wort reichen Ausführungen des Olvanorers lauschte. Padraig sprach ausführlich über einige Spekulationen, die ihm in Bezug auf das Volk der Xabo durch den Kopf gingen. Bruder Padraig bezog sich dabei allerdings vor allem auf die Veränderungen in Weltanschauung und Religion. Seiner Ansicht nach musste sich ein traumatisches Fluchterlebnis, wie es die Xabo in Bezug auf die Qriid zweifellos hinter sich hatten, auf die gesellschaftliche Ordnung ihrer neuen Heimat auswirken.

„Was Sie alles wissen, Bruder Padraig!“, hauchte Catherine White. „Beeindruckend!“

„Das meiste sind nur Vermutungen“, erwiderte Padraig. „Vermutungen, bei denen ich mir im Übrigen noch nicht einmal wirklich wünschen kann, dass ich damit Recht behalte!“

Catherine White blickte auf das Chronometer an ihrem Handgelenk, das Teil des persönlichen Armbandkommunikators war, den jedes Besatzungsmitglied der STERNENKRIEGER während seines Dienstes an Bord tragen musste. „Ich hatte ganz vergessen, dass ich eine Extra-Schicht übernommen hatte und jetzt augenblicklich in den Maschinenraum gehen muss.“

„Sie vertreten den L.I., nicht wahr?“, fragte Bruder Padraig.

Catherine White war völlig perplex. Sie sah den Olvanorer-Mönch erstaunt an. „Woher wissen Sie das?“

„Ich beobachte vieles. Unter anderem meine Gesprächspartner.“

„Und das können Sie dadurch sehen?“

„Ich bin kein Hellseher oder dergleichen, sondern ziehe nur meine Schlüsse aus dem, was mein Bewusstsein an Informationen intuitiv aufnimmt. Das ist alles. Bei Ihnen ist mir aufgefallen, dass Sie offenbar ein weiches Herz haben. Sie können Gorescu nichts abschlagen – und das hängt mit seiner familiären Situation zusammen.“

„Wie auch immer, Bruder Padraig. Wir können unsere Unterhaltung gerne in Kürze fortsetzen, aber ich habe mich nun mal in den Dienstplan eingetragen und das bedeutet für einen Raumsoldaten des Space Army Corps auch, dass er pünktlich ist und man sich auf ihn verlassen kann!“

„Sicher. Aber gestatten Sie mir dennoch eine Frage, Fähnrich!“

„Ganz bestimmt nicht jetzt, Bruder Padraig. Ich muss jetzt los!“

White bemerkte den Captain und nahm Haltung an.

„Wegtreten und rühren, Fähnrich“, sagte Willard Reilly.

Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie den Raum verlassen.

Dann wandte sich Reilly an Bruder Padraig. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

„Natürlich.“

„Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, die mich im Moment tief bewegt.“

„Nur zu! Ich bin Ihr Berater und damit Ihr erster Ansprechpartner.“

„Trotzdem ist es nicht ganz einfach für mich, diese Sache anzusprechen“, erklärte Commander Reilly.

„Dann handelt es sich um ein privates Problem?“

„Ja, Bruder Padraig.“

„Sofern ich helfen kann, tue ich das gern.“

Commander Reilly nippte an seinem Syntho-Drink und beugte sich dann etwas vor, um nicht so laut sprechen zu müssen. „Stimmt es, dass der Orden seine Mitglieder nach bestimmten Kriterien aussucht und sie bereits lange zuvor daraufhin beobachtet, in wie fern sie für den Orden geeignet sind?“

„Würden Sie nicht auch jeden Gast erst eingehend prüfen, bevor Sie ihn in Ihre Wohnung lassen?“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage!“

„Entschuldigen Sie. Es war nicht meine Absicht, Ihnen auszuweichen, Captain!“

Was denn sonst?, fragte sich Reilly unwillkürlich. Diese Kunst habt ihr Olvanorer doch perfektioniert. Ihr nennt das dann Diplomatie.

Reilly erklärte: „Meine Frage ist nun, nach welchen Kriterien Ihre Ordensmitglieder den Nachwuchs auswählen?“

„Das ist nicht wirklich die Frage, die Sie mir stellen wollen. Sie dient nur dazu, eine andere Frage zu verdecken!“, erwiderte Bruder Padraig.

„Was meinen Sie damit?“

„Ihr Bruder ist Mitglied unseres Ordens, nicht wahr?“

„Ja“, nickte Reilly.

„Sie haben Schwierigkeiten damit, dass nicht Sie es waren, den unsere Scouts beobachtet und erwählt haben. Sie können nicht akzeptieren, dass an Ihrem Bruder etwas sein soll, das Ihnen zu fehlen scheint.“

„Nein. Sie missverstehen mich.“

Bruder Padraig lächelte nachsichtig.

„Sie wollen wissen, was es ist, das Ihren Bruder zu einem Olvanorer macht. Ich hingegen versuche Ihnen klar zu machen, dass es darauf nicht ankommt. Jeder Mensch hat seinen Wert aus sich selbst heraus und nur ein Narr sucht sein Maßstab bei einem anderen Individuum.“

„Sie wollen mir die Kriterien nicht nennen, nach denen Olvanorer erwählt werden!“, stellte Commander Reilly fest. „Es scheint sich also um eine Art Ordensgeheimnis zu handeln, habe ich recht?“

„Es spielt für Sie keine Rolle, Captain. Schließlich sind Sie ja kein Olvanorer und obgleich Sie viel Zeit damit vergeudet haben mögen, darüber zu rätseln, was Ihr Bruder Ihnen voraushaben mag, so hatten Sie doch im Inneren Ihrer Seele niemals vor einer zu werden.“

„Das mag sein“, gab Reilly zu.

„Sie haben Ihren Platz gefunden, Commander Reilly. Sie genau so wie Ihr Bruder. Und damit sollten Sie es bewenden lassen.“

Vielleicht hat er recht!, dachte Willard Reilly schließlich. Wahrscheinlich ist es sehr viel einfacher, einen Pudding an die Wand zu nageln als von einem Olvanorer eine Information zu entlocken, die dieser nicht preisgeben will!

Kapitel 4: Ein Eissegler namens STURMTROTZER

Magoon stand zusammen mit den anderen Männern am Ruder des gewaltigen Eisseglers. Die Aufbauten bestanden aus mehreren Gebäuden. Aus den Schloten quoll dunkler Rauch, den der unbarmherzige Wind zerstob, der eisig über die endlose Ebenen pfiff.

Nur mit vereinten Kräften konnten die Männer das Ruder herumreißen. Es knarrte. Die aus sehr harten Karbonfasern bestehenden, halmartigen und innen hohlen Stämme, die den Zusammenhalt des gesamten Gefährts sicherten, ächzten. Manchmal verzogen sie sich auch, aber man konnte eigentlich immer sicher sein, dass sie den Belastungen standhielten, die das Klima von Arakor – wie die einheimischen Humanoiden ihre Welt nannten – bereithielt.

Langsam begann der wie ein surrealer Koloss über das Eis dahin gleitende Segler mit der optimistischen Bezeichnung STURMTROTZER die Richtung zu ändern. Die Segel bewegten sich und schlugen schließlich unruhig hin und her, als Wind von vorn kam. Die, aus Algen, geflochtenen Taue verloren die Spannung und wurden hin und her geschlagen.

Die Ankerwerfer standen am Bug an den Seiten vor der Reling des Eisseglers, bereit ihre an dicken geflochtenen Algenseilen befestigten Metallhaken zu schleudern. Das Metall stammte aus Erzknollen, mit denen der Grund des Meeres übersäet war, das sich unter dem Eispanzer befand. Die Ankerhaken waren zuvor in der Feuerkabine rot glühend gemacht worden, sodass sie schneller in das Eis einsanken und sich dort verkanteten. Der Eissegler hatte trotz der Tatsache, dass er jetzt gegen den Wind gewendet hatte, eine erhebliche Geschwindigkeit drauf. Der Wind hatte an Kraft zugenommen und es war bei den derzeitigen Wetterverhältnissen einfach unmöglich, den Eissegler allein durch das Lenken in den Wind schnell genug zu stoppen.

Davon abgesehen beabsichtigte Magoon ein Lager zu errichten. Sturm kündigte sich an. Es gab gute Wetterpropheten unter dem Volk von Arakor, aber im Augenblick waren die Zeichen des Himmels so deutlich, dass jeder einfache Ankerwerfer ebenso gut eine zutreffende Vorhersage liefern könnte.

Magoon, der Kapitän des Eisseglers STRURMTROTZER, gab das Zeichen.

Er löste den Griff um das Ruder.

Ein halbes Dutzend andere starke Männer hatte ihre Arme um den Holm gelegt, mit dem die Ruderkufen bewegt wurden. Normalerweise war die Bedienung des Ruders nicht so schwer und lief über ein System von Flaschenzügen, die dafür sorgten, dass während der Fahrt die Steuerkufen mit einem minimalen Kraftaufwand über ein mit Greifholmen bestücktes Rad bedient werden konnten. Aber während der Fahrt war einer dieser aus karbonhaltigem Flechtwerk bestehenden Riemen gerissen, was zur Folge gehabt hatte, dass der STURMTROTZER beinahe mit einem anderen Eissegler gleicher Größe kollidiert wäre. Es hatte eine Weile gedauert, bis die Männer an Bord des STURMTROTZERS die Lage mit Hilfe purer Körperkraft letztlich doch wieder einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatten.

Ein Dauerzustand war das natürlich nicht.

Daher stand die Reparatur des Steuers auch ganz oben auf Magoons Prioritätenliste.

Der Kapitän des STURMTROTZERS gab den Ankerwerfern den Befehl zum Auswurf, indem er eine sehr schrille Pfeife in den Mund nahm. Der Laut, der aus dem etwas daumengroßen Instrument hervorkam, war so schrill, dass er problemlos alle anderen Umgebungsgeräusche übertönte.

Gefertigt war diese Pfeife aus einer Muschelart, deren Heimatgefilde sich in lebendigem Zustand einige hundert Meter unter der Eisdecke befanden.

Ein Ruck ging durch den Eissegler.

Die Männer mussten sich so gut es ging festhalten. Die glühenden Ankerhaken pflügten zischend durch das Eis und der Koloss kam schließlich zum stehen.

Sofort machten sich die Segelmannschaften daran, die einzelnen Segel zu bergen, die jetzt schlaff von den Gaffeln der drei Masten hingen.

Je schneller diese Segel eingeholt wurden, desto weniger bestand die Gefahr, dass der Wind vielleicht plötzlich etwas drehte und doch noch eine unberechenbare Böe den Segler mit sich nahm.

Der STURMTROTZER kam nun endlich zum Stehen.

„Bei der SEELE ALLER! Der Sturm hat noch nicht einmal richtig begonnen, und wir können die Segler schon kaum noch bändigen!“, stieß einer der anderen Männer hervor. Er hieß Bendas und war Magoons Stellvertreter im Kapitänsamt des STURMTROTZERS.

„Ja, wir werden den STURMTROTZER gut befestigen müssen! Und vor allem werden die kleineren Segler sich an die größeren sicher anbinden oder davon geweht werden!“

Außer dem STURMTROTZER hatten auch die etwa zwei Dutzend weiteren Eissegler unterschiedlichster Größe, die zum Verbund gehörten, gestoppt. Die Aktion hatte synchron durchgeführt werden müssen, damit die einzelnen Segler des Verbundes sich nicht zu weit voneinander entfernten. Wenn der Sturm noch heftiger wurde und sie vielleicht Tage oder Wochen hier fest saßen, dann waren die Besatzungen gegenseitig aufeinander angewiesen.

Mit fieberhafter Eile wurden die Befestigungsarbeiten durchgeführt. Am Horizont türmte sich derweil eine dunkle Säule gen Himmel empor.

Das Schlimmste haben wir noch vor uns!, dachte Magoon. Wir können nur hoffen, dass die SEELE ALLER uns beschützt. Das einzige, was ihm im Moment ein Trost war, war der Umstand, dass auch die vogelartigen Außenweltler von dem Sturm betroffen sein würden.

Aber wahrscheinlich wird ihnen der Sturm nicht so viel ausmachen!, dachte er. Sie haben schließlich einen Segler, der nicht nur die Kälte des Eises, sondern selbst die Kälte des Weltraums zu überwinden vermochte!

Die J’arakor – wie sich alle diejenigen, die sich zum Volk von Arakor zählten selbst zu nennen pflegten – waren der Überlieferung nach ebenfalls vor unvorstellbar langer Zeit mit derartigen Sternenschiffen zu ihrer jetzigen Heimat gelangt. Ihre Vorfahren waren Raumfahrer, die einem gewaltigen Sternenreich gedient hatten, das plötzlich unerwartet zerfallen war.

Ein furchtbarer Feind war über die Welten jenes geheimnisvollen Sternenreiches hergefallen.

Aber Arakor hatte sich die Freiheit bewahrt – und das über mehr als zweieinhalb Sonnenumläufen!

Kein Außenweltler hatte es trotz unzweifelhafter technischer Überlegenheit geschafft, hier Fuß zu fassen, geschweige denn die freiheitsliebende J’arakor zu unterwerfen.

Die SEELE ALLER möge uns weiterhin die innere Kraft und Stärke geben, den Feinden zu widerstehen!, dachte Magoon voller Inbrunst.

Aber zunächst einmal galt es den Mächten der Natur zu trotzen, an die sich die J’arakor nahezu perfekt angepasst hatten. Ihre Heimat war eine Welt, auf der nichts wuchs und die unter ihrem massiven Eispanzer vor sich hin schlummerte. Und doch hatten die J’arakor es geschafft, hier zu überleben. Die Epen der Alten berichteten darüber, wie plötzlich jedwede Technik nicht mehr funktioniert hatte, wie Maschinen auf die die Bewohner dieser extrem klimatisierten Welt dringend angewiesen gewesen waren, plötzlich ihren Dienst verweigerten und viele Archive zerstört wurden, sodass man heute über diese Zeit nur noch wenig wusste.

Aber trotz dieser Unbilden hatten sich die J’arakor behauptet. Die SEELE ALLER war auf ihrer Seite gewesen und so hatte es keiner der Feinde überlebt, die es gewagt hatten, auf der eisigen Oberfläche Arakors zu landen. Tod und Gericht denen, die von der Gier und dem Machtdurst nach Arakor verschlagen werden!, erinnerte sich Magoon an eine sehr tröstliche Verszeile aus der Überlieferung der Verfahren. Ein Teil der Außenweltler hat bereits die Aussichtslosigkeit ihres Unternehmens erkennen müssen. Wahrscheinlich werden wir gar nichts weiter tun müssen, um auch die Schnabeltiere von hier zu verjagen!

Die Ankerhakenwerfer warfen nun inzwischen Strickleiter aus, um seitlich am STURMTROTZER hinab zu steigen. Ihre Aufgabe war es nun, am Boden weitere Befestigungsarbeiten durchzuführen. So gut es in der Kürze der Zeit ging, wurden zusätzliche Verankerungen gegen den Boden gerammt. Die dumpfen Hammerschläge waren wie ein fernes, verhaltenes Klopfen zu hören. Der Wind verschluckte die meisten Geräusche.

Immer heftiger wurde er.

Alle zur Verfügung stehenden Hände mussten jetzt mit anfassen.

Nur einer stand vollkommen untätig an Deck des Eisseglers und sah sich die gesamte Szenerie zwar interessiert, aber letztlich passiv an. Er gab noch nicht einmal irgendwelche Befehle.

Er war ungefähr ein Meter achtzig groß, trug einen dünnen, sorgfältig ausrasierten Oberlippenbart und wirkte in sich gekehrt. Die Kapuze seines aus Tierhäuten gefertigten Anoraks war auf Grund der Kälte tief ins Gesicht gezogen, sodass von der oberen Kopfhälfte ohnehin nichts zu sehen war.

„Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wäre es in diesem Fall mit Sicherheit eine Alternative gewesen, wir hätten uns mit der Besatzung des gesamten Verbundes eingegraben.“

„Die Situation ist jetzt nun einmal so, wie sie ist, Gabaloon!“, erwiderte Magoon ziemlich direkt.

Arroganter J’ssour-Treiber!, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. Andererseits bedeutete die Fähigkeit, die auf Arakor sehr verbreiteten ellipsoiden Vielbeiner unter Kontrolle halten zu können etwas, das für den gesamten Verbund nämlich sehr wichtig war. Das war auch der tiefere Grund dafür, weswegen einem talentierten J’ssour-Treiber nach traditioneller Ansicht so etwas wie Narrenfreiheit zustand.

1

Nirat-Son fühlte sich wie ein welkes Blatt im Wind, auch wenn es so etwas nur in seiner Heimat auf Qriidia gab und ganz gewiss nicht hier in dieser eisigen Einöde. Die Koordinaten, an denen Re-Lim und seine Gruppe zuletzt geortet worden waren, hatte er längst erreicht. Während die mörderischen Winde dieses Eisplaneten ihn hin und her schaukelten, versuchte der Tanjaj-Rekrut die Umgebung mit Hilfe eines Ortungsgeräts zu erfassen.

Schneefall hatte eingesetzt. Der Himmel war vollkommen grau geworden. Das Antigrav-Pak auf Nirat-Sons Rücken war kaum noch dazu in der Lage, ihn zu stabilisieren. Der Qriid schwebte zu Boden.

Sein Tanjaj-Nom hatte ihm den Befehl gegeben, die letzte Position von Re-Lims Gruppe aufzusuchen, während er selbst mit dem Rest seiner Tanjaj den Rückweg zu Beiboot angetreten hatte. Nirat-Son war sehr wohl bewusst, dass die Aufgabe, die sein Vorgesetzter ihm übertragen hatte, alles andere als ungefährlich war. Aber es entsprach der Tradition der Qriid, notfalls den Jüngsten zu opfern, um die anderen zu retten. In so fern wäre ihm auch niemals eingefallen, sich etwa mit einem Hinweis auf seine geringe Erfahrung gegen diesen Befehl zu wenden oder deswegen auch nur einen ärgerlichen Gedanken zuzulassen.

Er war ein Tanjaj-Rekrut und das bedeutete letztlich, dass er viel leichter zu ersetzen war als ein Tanjaj-Nom oder ein noch höherer Offizier. Schließlich ging es niemals in erster Linie um die Interessen des Individuums, sondern um die Errichtung der Göttlichen Ordnung im Universum. Der Wille Gottes, verkündet durch dessen Stellvertreter auf dem Thron in Qatlanor auf Qriidia, zählte und sonst gar nichts. Milliarden qriidischer Eierlegerinnen waren schließlich unablässig mit der Reproduktion neuer Tanjaj beschäftigt, die den Blutzoll, den der Heilige Krieg und die permanente Expansion kosteten, ausgleichen konnten.

Die in Thermostiefeln steckenden Krallenfüße des Tanjaj sanken einen halben Zentimeter in den frisch gefallenen Schnee ein, der sich unter der Last seines eigenen Gewichts nach und nach zu Eis verdichten würde, das dem Panzer, der diese Welt umgab, eine weitere Schicht hinzufügte.

Der Temperaturanzeiger zeigte Nirat-Son, dass es innerhalb der letzten Qriidia-Stunde noch wesentlich kälter geworden war. In dem Display seiner Schutzbrille blinkte ein Warnsignal auf, das ihn darauf hinwies, dass es unerlässlich war, die Heizfunktion seines Thermoanzugs an die Gegebenheiten anzupassen. Außerdem wurde ein Überblick über den Energiestatus des Anzugs eingeblendet.

Nirat-Son regulierte die Heizfunktion und konzentrierte sich anschließend wieder auf die Anzeigen seines Ortungsgerätes. Er hatte nach Signaturen der technischen Geräte gesucht, aber nichts gefunden. Weder von den Hand-Trasern noch von den Funkgeräten oder den Ortungsgeräten. Gerade bei letzteren war die Abschirmung in Bezug auf elektromagnetische Emissionen noch stark verbesserungsfähig, was andererseits aber auch die Ortung und vor allem die eindeutige Identifikation erheblich erleichterte. Aber nichts dergleichen zeigte sich bei den Anzeigen.

Nirat-Son musste sich gegen eine besonders heftige Windböe stemmen, die ihn beinahe zu Boden gerissen hatte. Der Sturm würde in Kürze vielleicht eine Intensität erreichen, die einen Aufenthalt im Freien zu einer ziemlich gefährlichen Angelegenheit machten. Aber Nirat-Son dachte nicht daran, jetzt aufzugeben und zum Beiboot zurückzukehren. Er hatte einen Auftrag bekommen. Einen Befehl. Und für einen Tanjaj war der Befehl eines Vorgesetzten mittelbar der Wille

Gottes. Etwas, das unbedingt erfüllt werden musste, denn der Aarriid war der Stellvertreter des Höchsten und seine Tanjaj-Offiziere und Priester wiederum waren die Stellvertreter des Stellvertreters.

Es war für Nirat-Son nahezu undenkbar, ohne die Erfüllung seines Auftrags zu seinem Tanjaj-Nom zurückzukehren, mochte er dabei auch gezwungen sein, ein hohes persönliches Risiko einzugehen.

Wenigstens die Signatur der Anzüge müsste zu orten sein – und wenn deren Energiestatus auf Null steht, müsste das Material sofort auffallen!, dachte Nirat-Son. Es sei denn, sie sind gar nicht mehr hier und jemand hat sie – gefangen genommen!

Dieser Planet barg ohne Zweifel unbekannte Gefahren, die offenbar auch der ersten qriidischen Expedition zum Verhängnis geworden waren.

Ob die schnabellosen Eingeborenen etwas damit zu tun hatten, war in Nirat-Sons Augen sehr unwahrscheinlich, da ihr technischer Standard nach allem, was man darüber wusste, von einem primitiven Niveau geprägt war.

Vielleicht suche ich einfach nach der falschen Sache!, ging des Nirat-Son durch den Kopf, während er die Einstellungen seines Ortungsgerätes veränderte.

Und dann wurde er fündig.

Er fand kalkhaltiges, organisches Material.

Der Schrecken fuhr dem Tanjaj in die Krallenarme.

Knochen!

Er ging ein paar Schritte, bis er einen Hügel erreichte. Eine kleine Schneeverwehung hatte sich gebildet.

Mit den in widerstandsfähigen Thermohandschuhen steckenden Pranken, die die kälteunempfindlichen Krallen freiließen, wenn man sie ausfuhr, begann der Qriid zu graben und wurde schnell fündig.

Es dauerte nicht lange und er hatte den ersten Knochen freigelegt.

Und die Analyse ließ nicht den Hauch eines Zweifels daran, dass es sich um Qriid-Knochen handelte. Mit Hilfe des Ortungsgerätes erfasste Nirat-Son den genetischen Code und verglich ihn mit der Gen-Datenbank seiner Einheit. Es konnte danach kein Zweifel mehr daran bestehen, dass er Re-Lims Knochen vor sich hatte.

2

Nirat-Son machte sich auf den Rückflug. Er stellte sein Antigravaggregat so ein, dass er dicht über den Boden schwebte, um nicht vom Sturm einfach weggeschleudert zu werden. In seinem Kopf rasten die Gedanken nur so. Was war mit den Tanjaj aus Re-Lims Gruppe geschehen? Die wahrscheinlichste Variante war wohl, dass sie ebenfalls den ellipsoiden Vielbeinern zum Opfer gefallen waren.

Trotzdem blieben für Nirat-Son noch einige drängende Fragen vorerst unbeantwortet.

Warum hatten Re-Lim und seine Tanjaj-Brüder nicht ihre Antigravpaks benutzt, um in die Luft zu steigen? Nach allem, was Nirat-Son bisher erlebt hatte, verfügten die Vielbeiner zwar über eine Reihe erstaunlicher Fähigkeiten, aber fliegen schien nicht dazu zugehören. Re-Lims Männer hätten sich also auf diese Weise vielleicht retten können!, dachte er.

Dass sie es nicht getan hatten, musste einen Grund haben.

Vielleicht hatten sie vergeblich versucht, einem angegriffenen Tanjaj-Kameraden zu helfen und dabei ihre eigene Sicherheit vernachlässigt. Das hätte durchaus der Kampfdoktrin der Tanjaj-Mannschaften entsprochen. Das eigene Leben zählte nichts, die Erfüllung des Auftrags hatte in jedem Fall Vorrang.

Aber während des ersten Zusammentreffens mit Vielbeinern im Wrack des Qriid-Beiboots der ersten Expedition war offensichtlich geworden, dass man sie mit Traser-Feuer sehr effektiv bekämpfen konnte.

Einem Tanjaj hatte jener Angriff das Leben gekostet.

Aber keinesfalls der gesamten Gruppe!

Und das, obwohl man innerhalb eines Raumschiffwracks nicht einfach den Antigrav aktivieren und wer weiß wie weit in die Höhe schnellen konnte, um sich dem Zugriff dieser kleinen Monstren zu entziehen.

Der Angriff auf Re-Lims Gruppe hatte sehr wahrscheinlich bereits stattgefunden, als eines dieser Biester bei uns am Raumschiffwrack auftauchte!, wurde es Nirat-Son klar. Schließlich war es kurz nach diesem Vorfall bereits nicht mehr möglich gewesen, Kontakt aufzunehmen.

Aber wer ist für das Verschwinden der Traser, Funkgeräte und anderen Geräte verantwortlich?, fragte sich der Tanjaj-Rekrut.

Dass es von der Kleidung keinerlei Spuren mehr gab, erschien Nirat-Son schon eher plausibel. Wahrscheinlich hatten die Vielbeiner die Kleidung der skelettierten Tanjaj chemisch vollständig zersetzt. Schließlich verfügten sie über die Fähigkeit, eine starke Säure zu produzieren, mit deren Hilfe sie sogar die Außenhaut eines Beibootes hatten durchdringen können.

3

Während seines Antigravfluges nahm Nirat-Son bereits Kontakt mit seinem Tanjaj-Nom auf und gab diesem einen knappen Bericht für das, was er das Schicksal von Re-Lims Gruppe betreffend herausgefunden hatte. Die Daten seines Ortungsgerätes übersandte er an seine Tanjaj-Brüder, die es offenbar geschafft hatten, ohne weitere Verluste zum Beiboot zurückzukehren.

„Mögest du mit Gottes Hilfe zurückkehren“, sagte Bras-Kon über Funk. „Bis jetzt verzeichneten wir keinerlei weitere Aktivitäten von Vielbeinern.“

„Ich danke dir für die Auskunft, Tanjaj-Nom.“

„Ich habe bereits eine Meldung an das Mutterschiff gemacht. Man sagte mir Unterstützung zu. Offenbar hat man eine Etage über uns in der Befehlshierarchie eingesehen, dass dieser Planet vielleicht doch nicht ein so einfach und problemlos zu besetzendes Wasserreservoir ist, wie man zunächst geglaubt hat.“

„Wenn die Vielbeiner ausgerottet sind, sehe ich allerdings keine weiteren Probleme“, sagte Nirat-Son mit einem Optimismus, der aus einer offiziellen Glaubensdoktrin geboren war, nach der es auf die Dauer nur hinhaltenden Widerstand der Mächte des Heidentums gegen die Errichtung der universellen Göttlichen Ordnung geben konnte. Tief in seinem Inneren empfand Nirat-Son in diesem Fall jedoch Zweifel und so war seine Äußerung mehr eine Art suggestiver Selbstbeschwörung.

Unter Tanjaj war das durchaus üblich.

Und tatsächlich hatte die Geschichte den Glaubenskriegern Recht gegeben. Schließlich hatte Gott ihnen immer wieder letztlich doch den Sieg geschenkt und dafür gesorgt, dass sich das Imperium noch immer in einem steten Prozess der Expansion befand.

„Mut und Glaube seien mit dir!“, erwiderte Bras-Kon eine traditionelle Formel rezitierend.

Danach unterbrach er die Verbindung.

Nirat-Son war wieder allein in dem Sturm, dessen Intensität noch immer zunahm.

Eine Böe erfasste ihn und schleuderte ihn empor. Einen Augenblick später geriet er in ein Windloch und fiel wie ein Stein zu Boden. Nur der Antigrav rettete ihn davor, dort mit aller Härte aufzuprallen.

Nirat-Son landete einigermaßen weich.

Der Sturm war einfach zu heftig, um sich weiter fliegend fortbewegen zu können.

Stattdessen nahm der Qriid an den Steuerfunktionen des Aggregats ein paar Modifikationen vor. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass er an den Boden gedrückt und nicht einfach fortgeschleudert wurde. Die physikalischen Daten des Sturms überstiegen mittlerweile alles, was er von Qriidia kannte.

Eine Weile harrte Nirat-Son aus.

Schnell bildete sich um ihn herum eine Schneewehe. Der Niederschlag verstärkte sich noch. Es fielen jetzt dicke, nasse Flocken, die offenbar in höheren, von einem Warmlufteinbruch gekennzeichneten Luftschichten erzeugt worden sein mussten.

Die Anzeigen, die Nirat-Sons Ortungsgerät lieferten, stützten diese These – wobei der Begriff Warmluft natürlich sehr relativ war. Die Temperatur lag auch dort deutlich unter dem Gefrierpunkt.

Wenn du diese Öde nicht mehr lebend verlassen solltest, so kannst du immerhin sagen, dass du deinen Auftrag erfüllt hattest, bevor du gestorben bist, wenn du vor deinen Richter trittst!, ging es Nirat-Son durch den Kopf. Zwar war die Gefahr, vom Sturm einfach davon gefegt zu werden so lange gebannt, wie der Energiestatus seines Antigravpaks es erlaubte, ihn sicher am Boden zu halten, aber schließlich war dies ja nicht die einzige Gefahr, die hier draußen lauerte, wie das Schicksal der Gruppe von Re-Lim ihm eindrucksvoll vor Augen gehalten hatte.

Er überprüfte sicherheitshalber den Ladestatus seines Hand-Trasers und schaltete ihn auf die höchste Intensitätsstufe, um sich dadurch gegen einen eventuellen Angriff der ellipsoiden Vielbeiner vorzubereiten. Nirat-Son wusste zwar nicht, nach welchen Kriterien sie ihre Opfer auswählten und ob sie sich bei diesen Wetterverhältnissen nicht vielleicht eher in die Tiefe des Eispanzers zurückzogen. Schließlich schien da ihr eigentlicher Lebensraum zu sein.

Da er nichts über ihr Verhalten wusste, musste er jederzeit darauf gefasst sein, dass sie an die Oberfläche schnellten und versuchten ihn zu töten. Qriid-Fleisch scheint ihnen geschmeckt zu haben!, dachte Nirat-Son grimmig. Gott muss diese Kreaturen geschaffen haben, um den gläubigen Tanjaj zu prüfen...

4

Bevor Nirat-Son vollkommen eingeschneit worden war, erhob er sich und setzte seinen Weg fort. Der Antigrav hielt ihn dabei am Boden und bewahrte ihn davor, einfach weggefegt zu werden. Dafür musste er in Kauf nehmen, dass er nur schleppend vorankam. Er hatte das Gefühl, eine Zentnerlast tragen zu müssen. Die Krallenfüße fühlten sich an, als hätte man die hohlen Vogelknochen mit Blei ausgegossen.

Die Zeit, die sein Ortungsgerät dafür errechnete, wenn er in diesem Tempo die KLEINE KRALLE zu erreichen versuchte, war deprimierend. Auf jeden Fall reichte der Energiestatus seines Antigravpaks nicht lange genug. Immerhin brauchte er im Hinblick auf seinen Thermoanzug keinerlei Bedenken zu haben. Die Heizfunktion konnte noch fast einen Qriidia-Monat lang aufrechterhalten werden, sofern die Temperaturen ein gewisses Maß nicht unterschritten.

Mühsam schleppte sich Nirat-Son vorwärts, während der Wind an ihm zerrte.

Es war so dunkel geworden, dass man fast glauben konnte, dass es bereits Nacht war.

Der gerade gefallene Schnee wurde aufgewirbelt und verhinderte jede Sicht über ein Maß von wenigen Körperlängen hinaus.

Ein innerer Instinkt brachte den Qriid dazu, stehen zu bleiben und den Kopf zu wenden. Hatte es da nicht eine winzige, in all dem Chaos nur minimal sichtbare Bewegung gegeben? War da nicht etwas?

Der 270 Grad Rundumblick, den ihm seine Qriid-Augen erlaubten, hatte den Vorteil eines sehr großen Gesichtsfeldes. Allerdings war die räumliche Sicht im Vergleich zu anderen Spezies ziemlich schlecht. So konnte er kam einschätzen, in welcher Entfernung er diese Bewegung gesehen hatte.

Er schnellte herum und hatte den Hand-Traser in der Hand.

Prophylaktisch schoss er einen breiten Streustrahl ab, dessen Intensität wahrscheinlich nicht genug war, um einen der zähen Vielbeiner töten zu können, aber wenigstens einen hinhaltenden Effekt haben würde.

Zischend streifte der Traserstrahl den Schnee und verdampfte ihn.

Eine Furche wurde zurückgelassen, als Nirat-Son die Körperhaltung veränderte und den Lauf des Trasers nach rechts schwenkte.

Er sog die kalte Luft ein, deren Temperatur durch einen Atemfilter seiner Thermokleidung auf Werte gebracht wurde, die eine sofortige und schwere Entzündung des Schnabel- und Halsbereichs verhinderten.

Da war nichts!, erkannte er schließlich. D u bist auf dem Weg ein Opfer deiner Furcht zu werden. Und Furcht ist immer ein Zeichen mangelnden Gottvertrauens. Du solltest dringend beten und ein spirituelles Reinigungsritual durchführen, wenn du in dieser Ödnis nicht den Verstand verlieren willst!

Vielleicht, so wurde es dem Tanjaj nach und nach klar, lauerten die größten Gefahren hier draußen gar nicht unter dem Eis, sondern hinter dem eigenen Schädelknochen.

5

Das Feuer brannte inmitten der Kapitänshütte, in der Magoon zusammen mit seiner Gefährtin, seinen Kindern und einigen anderen Verwandten vor dem Sturm Zuflucht gesucht hatte. In der Mitte der Hütte brannte ein Feuer. Die dunklen Karbonknollen, die es in Brandt hielten, glühten auf. Brennstoff war glücklicherweise eines der wenigen Dinge, die unter den J’arakor wohl niemals knapp wurden, zumindest so lange es Treiber gab, die geschickt genug waren, um Vielbeiner dazu abzurichten, sich in die Tiefe bis zu dem Ozean durchzubeißen, auf dessen Eispanzer sie lebten. Die Vielbeiner stiegen dann in die Tiefe hinab und holten die Karbonknollen vom Meeresgrund empor. Man musste nur wissen, wo sich diese Karbonfelder befanden und wo der Eispanzer dünn genug war, dass sich die Vielbeiner innerhalb einer vertretbaren Zeitspanne auf den Weg in die Tiefe machen konnten und sich nicht so weit entfernten, dass die Treiber die Kontrolle über sie verloren.

Schwieriger war es schon, die langen karbonhaltigen Pflanzenfasern an die Oberfläche zu bringen, aus denen die Eissegler gefertigt wurden. Dazu bedurfte es schon des ganzen Talents der Treiber, denn auf sich gestellt wären die Vielbeiner, auch wenn sie es gewollt hätten, nicht intelligent genug gewesen, um einen festen Karbonstamm durch den Eispanzer zu bringen.

Neben dem Feuer waren die Stücke aufgehäuft, die man von den Fremden erbeutet hatte, nachdem die Vielbeiner sie skelettiert und sich an ihrem Fleisch gütlich getan hatten. Einige vorwiegend rohrförmige, leicht gebogene Stücke waren darunter. Sie bestanden aus Metall und vermochten tödliche Strahlen auszustoßen, wie man aus dem ersten Zusammentreffen mit den vogelartigen Fremden sehr wohl wusste. Allerdings wusste man nicht, wie diese Strahlen ausgelöst oder gebändigt werden konnten.

Bei den anderen Geräten handelte es sich um Schutzbrillen für die Augen, auf denen Bilder und Zeichen erschienen sowie kleine quaderförmige Geräte mit glatter Oberfläche. Außerdem gab es noch Reste ihrer Kleidung, die sich vielleicht noch verwenden ließen und Geräte, die wie ein Rucksack getragen wurden und von denen Magoon glaubte, dass sie die Vogelköpfigen dazu befähigten, sich in die Lüfte zu erheben.

Alles Dinge, die uns nützen könnten!, dachte er. Warum sollte es nicht auch uns gelingen, die Funktionsweise dieser Maschinen zu verstehen? Sind wir dümmer als die Schnabelträger? Ich glaube kaum...

„Es ist Frevel gegen die SEELE ALLER, diese Dinge aufzubewahren!“, drang eine weibliche Stimme an Magoons Ohr. Sie gehörte seiner Gefährtin Katreen, die es von Anfang an verurteilt hatte, dass Magoon diese Gegenstände sichergestellt hatte, nachdem es mit den Fremden erneut zu einem Konflikt gekommen war. Ein Konflikt, an dem sie alle die Schuld trugen. Denn sie hatten die Warnung missachtet, die Magoon ihnen im Auftrag der SEELE ALLER hatte zukommen lassen.

Sie hatten bitter für ihre Arroganz bezahlen müssen.

Mit ihrem Fleisch, dass von den Vielbeinern verdaut worden war und später als Ausscheidung den Boden des verborgenen Meeres düngen würde. So war in allem was schlecht war letztlich auch etwas Gutes – genau so, wie es die Überlieferung der Ahnen und die Lehre der SEELE ALLER propagierte.

„Es ist kein Frevel“, sagte Magoon ruhig. „Außerdem bin ich der Kapitän – und wie du weißt bin ich nicht nur Kapitän der STURMTROTZER, sondern auch Großkapitän des Verbundes.“

Diese Ehre war Magoon erst vor kurzem zuteil geworden. Von den Kapitänen der anderen Eissegler seines Verbundes, zu dem etwa fünfundzwanzig Segler unterschiedlichster Größe gehörten, war er zum Großkapitän gewählt worden, nach dem die SEELE ALLER seinen Vorgänger in diesem Amt in der ersten Nacht des Sturmes zu sich gerufen hatte.

Die Wahl hatte keinen Aufschub geduldet und war sofort durchgeführt worden.

Dass ein Verbund ohne Großkapitän dastand war undenkbar, denn im Augenblick der Gefahr war es stets notwendig, dass schnell und koordiniert gehandelt wurde. Die Natur von Arakor verlangte einem Volk das hier schon solange überlebt und sich auf nahezu perfekte Weise der unwirtlichen Gegebenheiten angepasst hatte, in dieser Hinsicht viel ab.

Magoon war stolz auf das Vertrauen, dass ihm die anderen Kapitäne entgegengebracht hatten. Ihm, der doch einer der jüngsten unter ihnen war. Aber nur durch die Wahl eines Jungen bestand die Aussicht, dass der neue Großkapitän im Laufe der arakorischen Sonnenumläufe genug Erfahrung sammelte, um sich die Folge der beinahe schon mythischen Großkapitäne einreihen zu können, die die Geschichte seines Verbundes über Generationen hinweg geprägt hatten.

„Als du diese Gegenstände an dich nahmst, warst du nur Kapitän des STURMTROTZERS!“, gab seine Gefährtin Katreen zu bedenken, die ihm eine Reihe von Kindern geboren hatte, von denen zwei Söhne bereits das Erwachsenenalter erreicht hatten. „Erst danach hat man dich in dieses Amt berufen!“

„Ich habe diese Gegenstände als Kapitän des STURMTROTZERS für mich beansprucht und niemand hat meinem Anspruch widersprochen!“

„Weil es dem alten Großkapitän zu dieser Zeit bereits sehr schlecht ging!“, rief ihm Katreen unnachgiebig in Erinnerung. Ihren Widerstand gegen die pure Existenz dieser technischen Gegenstände innerhalb der Hütten des STURMTROTZERS hatte Magoon von Anfang an gespürt.

Aber er hatte sich dieses Mal entschlossen darüber hinweg gesetzt.

Die Neugier war einfach stärker.

Und im Übrigen war einfach nicht wahr, dass die Überlieferung den Besitz von Maschinen als Frevel ansah. Sie wies lediglich auf die Gefahren hin – genauso wie sie auch nicht grundsätzlich den Gebrauch von Zeichen untersagte, aber sehr eindringlich darauf verwies, wie sicher die Archivierung von Wissen in einem Zeichensystem sein konnte. Das hatte die Geschichte der J’arakor schließlich eindrucksvoll gezeigt.

Schließlich war die alte Zeit von der manche der Überlieferungen noch berichteten, damit zu Ende gegangen, das plötzlich keinerlei technische Gerätschaften mehr funktioniert und die so genannten Datenspeicher nicht mehr verfügbar gewesen waren. Das einzige Speichermedium für die Ewigkeit ist die Erinnerung der SEELE ALLER, so hieß ein Axiom aus der Überlieferung. Jedes Individuum der Gemeinschaft musste die Überlieferung verinnerlichen, sie förmlich in sich tragen und ihr mit seinem Bewusstsein eine zumindest zeitweilige Herberge geben, ehe er sie an die nächste Generation weitergegeben hatte. So lange es das Volk von Arakor gab, gab es auch die Überlieferung, so viel war sicher.

„Vielleicht können uns diese Gegenstände helfen“, sagte Magoon. Er berührte eines der gebogenen Strahlenrohre, hob es an und legte schließlich die Hand um den Griff, der erkennbar nicht für die Hand eines J’arakor geschaffen war.

„Es macht mir Angst, was du sagst“, erklärte Katreen. „Du solltest in dich gehen und zur SEELE ALLER beten, damit sie deinen Geist erleuchte!“

Magoon schwang den rohrförmigen Gegenstand in der Hand, nahm ihn dann in die andere und wog ihn. Der Gegenstand war überraschend leicht. Das Material, aus dem er bestand, interessierte ihn. Es war kalt wie das Metall, das die J’arakor mühsam in ihren Siedehütten, die es an Bord ausgewählter Segler gab, erzeugten.

Aber es musste sich um ein Metall handeln, das die J’arakor bislang noch nicht kannten. Zumindest war die Verarbeitung eine völlig andere, als Magoon sie je bei einem Schmiedemeister der J’arakor gesehen hatte.

„Tue es weg, Magoon! Ich bitte dich! Um die SEELE ALLER willen!“

Die Stimme seiner Gefährtin drang wie aus weiter Ferne in sein Bewusstsein.

Warum eigentlich?, dachte er. Haben nicht unsere Vorfahren auch Maschinen beherrscht, bevor der Tag des Unglücks kam, über den so viele Geschichten unserer Überlieferung ausführlich berichteten? Warum sollten wir es nicht erneut lernen können! Und was die SEELE ALLER angeht, so hat sie sich niemals so eindeutig dazu geäußert, wie es Katreen und viele andere behaupteten...

„Was treibt dich diesen Dämonen in die Arme, Magoon?“, fragte Katreen. „Ist es der Ruf nach Macht? Willst du Blitze erschaffen können, wie es die vogelartigen Fremden vermögen?“

„Katreen!“

„Bedenke, dass sie Ausgeburten des Bösen sind!“

„Da mag sein.“

„Die SEELE ALLER hat sie jedenfalls verdammt.“

„Sie haben die Ordnung missachtet, das ist wahr!“

„Ist das nicht dasselbe!“

„Katreen, so einfach sind die Dinge nicht!“

„Ich glaube schon. Du willst es nur nicht wahrhaben. Und du willst auch nicht wahrhaben, was dich in Wirklichkeit antreibt!“

Er sah sie an und runzelte die Stirn. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass zwischen ihnen eine Furche entstand. „Was sollte das denn deiner Ansicht nach sein, Katreen?“, fragte er.

Die Augen aller waren nun auf sie gerichtet. Magoon war nicht nur Katreens Gefährte, sondern auch ihr Kapitän und Großkapitän und es war unüblich, diesen Autoritären so vehement zu widersprechen. Selbst und gerade für deren enge Familienangehörige und Gefährtinnen.

Pandoon und Tragoon, die beiden gerade zu jungen Männern herangereiften ältesten Söhne Magoons verfolgten das Wortgefecht mit großem Interesse. Es war still in der Kapitänshütte. Von draußen war das Heulen des Sturms und das Schlagen eines nicht ordnungsgemäß vertäuten Segels zu hören, das nun unaufhörlich gegen die Außenwandung des STURMTROTZERS schlug.

Katreen sah ihn an. Sie hatte rötlich braune Augen. Das Haar fiel ihr lang über die Schultern. Die Kapuze ihres Anoraks war zurückgeschlagen und bildete nun einen hohen Kragen. Die Jahre, in denen Katreen gebärfähig war, neigten sich dem Ende entgegen, aber ihre Schönheit hatte sich nach Magoons Empfinden über all die Zeit hinweg erhalten. Magoon hatte sie zu seiner Gefährtin gemacht, als sie gerade zur Frau erblüht war. Aber jetzt, so viele Planetenumläufe später, empfand er immer noch dasselbe Begehren für sie wie damals.

Von Anfang an hatte sich ihr Widerspruchsgeist in steter Regelmäßigkeit geregt – und zwar vor allem dann, wenn sie glaubte, dass ihr Gefährte vom vorgezeichneten Weg der SEELE ALLER abwich.

Ihr Temperament schätzte Magoon noch heute. Ihre Interpretation der Überlieferung hingegen hielt er für engstirnig.

Katreen atmete tief durch.

„Ich werde dir sagen, was dich wirklich antreibt. Du konntest es nicht abwarten, Kapitän zu werden. Und bevor du Großkapitän wurdest hat dich auch diese unheilvolle Ungeduld erfasst! Es reicht dir offensichtlich nicht, in einem Alter von knapp vierzig Planetenumläufen bereits Großkapitän geworden zu sein, was kaum jemand schafft! Du willst auch noch zum Wegbestimmer der J’arakor gewählt werden! Dich dürstet es nach Macht! Dein Wille soll überall geschehen, anstatt dass du auf den Willen der SEELE ALLER hörst! Und dafür brauchst du diese Maschinen des Bösen! Mit ihrer Hilfe willst du deine Konkurrenten einschüchtern und dich als einen machtvollen Wegbestimmer empfehlen können!“

„Ich habe nicht die Absicht, Wegbestimmer aller J’arakor zu werden“, sagte Magoon gelassen. „Und wenn man mir diese Wahl jetzt antragen würde, müsste ich sie ablehnen.“

„So?“

„Niemand kann das Amt des Wegbestimmers ausüben, der sich nicht wenigstens ein paar Planetenumläufe lang Respekt als Großkapitän erworben hat!“

„Einige Planetenumläufe – das ist also die Frist, die du dir gesetzt hast!“, stellte Katreen fest, die Magoons Antwort als Bestätigung ihrer Ansichten ansah.

„Katreen! Es ist die Neugier, die mich treibt, diese Gegenstände an mich zu nehmen und sie zu untersuchen. Ich will wissen, was in ihnen steckt und möchte lernen, wie sie funktionieren!“

„Denkst du auch mal an die SEELE ALLER dabei, Magoon?“

„Wenn unsere Vorfahren dazu in der Lage waren, solche Maschinen zu erschaffen, da sollten wir wenigstens lernen können, sie zu benutzen!“

„Du weißt was damals mit unseren Vorfahren geschah...“

„Das ist mir wohl bewusst, Katreen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Am Ende wirst du sogar auf den Gedanken kommen, den Fremden eines ihrer Sternenschiffe wegzunehmen, um damit hinaus in das kalte Nichts zu fliegen.“

„Nicht hinaus in das kalte Nichts. Es gibt unzählige Welten dort. Auch das berichtet die Überlieferung, auch wenn diese Welten seit der großen Katastrophe für uns nicht mehr erreichbar waren.“

„Der Raumflug wurde unmöglich“, stellte Katreen fest.

„Aber die Fremden fliegen auch!“, gab Magoon zu bedenken.

„Ihre Natur ist anders.“

„Aber vielleicht haben sich die Bedingungen dort oben, jenseits unserer Welt in den Zeitaltern, die seit dem Tag der großen Katastrophe vergangen sind auch geändert“, widersprach Magoon.

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Du bist ein Narr, Magoon! Warum genügt es dir nicht, den Willen der SEELE ALLER zu tun, und dich um deinen Eissegler und deine Familie zu kümmern?“

„Es ist nun einmal so. Und im Übrigen glaube ich auch nicht, dass die SEELE ALLER wirklich etwas gegen meine Pläne einzuwenden hätte.“

„Kümmert sie sich vielleicht darum, welche Werkzeuge wir aus den Erzknollen erschaffen und wie wir sie im Einzelnen anwenden?“ Er hob den rohrförmigen Gegenstand in seiner Hand etwas an. „Dies hier, Katreen, ist auch nichts anderes als ein Werkzeug.“

6

Die Sturm durchtoste Nacht war so kalt, das Nirat-Son die Heizfunktion seines Thermoanzugs auf die höchste Stufe stellen musste, um nicht zu erfrieren.

Er hatte sich ein Stück seines Weges geschleppt, bis ihn schließlich die Kräfte zu verlassen drohten. Ein Funkspruch des Beibootes erreichte ihn.

Bras-Kon wollte wissen, was los sei. Die geortete Positionsanzeige hätte sich in der Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit kaum verändert.

Nirat-Son gab einen kurzen Lagebericht.

„Wir haben im Moment nicht die Möglichkeit, dich zu retten“, erklärte Bras-Kon ohne Umschweife. „Bei diesen Windgeschwindigkeiten hätten unsere Antigravpaks dieselben Schwierigkeiten wie es nun bei dir der Fall ist.“

„Das ist mir durchaus bewusst, Tanjaj-Nom“, erwiderte Nirat-Son. „Sobald der Sturm nachlässt, werde ich wieder schneller vorankommen und dann zu euch stoßen.“

„Harre an einer sicheren Stelle aus und achte auf die Vielbeiner!

„Ja, Tanjaj-Nom!“

„Der Allmächtige sei mit dir und bewahre dich, Tanjaj!“

„Euch auch.“

„Die Statusdaten deines Anzugs und deiner sonstigen technischen Ausrüstung lassen mich daran zweifeln, dass wir uns in Kürze wieder sehen werden!“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Nirat-Son schleppte sich weiter.

Er konnte kaum noch ein paar Körperlängen weit sehen. Die Dunkelheit und das Schneegestöber sorgten dafür, dass die Sicht immer schlechter wurde. Die Sterne wurden von den Wolkengebirgen verdeckt, sodass auch von dort kaum Licht kam.

Nirat-Sons Schutzbrille hatte auch eine Lichtfunktion für den Gebrauch bei Nacht. Außerdem konnte man sie auf Infrarot-Modus umschalten, sodass man sich auch bei völliger Dunkelheit einigermaßen orientieren konnte.

Das durch den Gebrauch dieser Technik Vielbeiner angelockt wurden, glaubte Nirat-Son nicht. Bei dieser Spezies war es fraglich, ob sie überhaupt so etwas wie Augen besaß. Die Entwicklung ausgeprägter Sinneszellen zur Verarbeitung optischer Informationen schien dem Tanjaj bei einer Spezies, die den Großteil ihres Lebens in und unter einem Eispanzer verbrachte, für wenig sinnvoll und so war es eigentlich nicht anzunehmen, dass die Evolution diese kleinen Monstren damit ausgestattet hatte. Auf welche Weise sie trotzdem in der Lage waren, ihre Opfer so genau zu lokalisieren, war dem Qriid jedoch schleierhaft.

Nirat-Son blieb stehen und wich im nächsten Moment unter Aufbietung all seiner Kraft einen Schritt zurück, als plötzlich unter ihm etwas aus dem Eis hervorbrach.

Einer der ellipsoiden Vielbeiner schnellte empor und sprang auf den Tanjaj zu. Säure troff aus der maulartigen Öffnung heraus und sorgte dafür, dass sich der Schnee zischend aufzulösen begann, wo ein Tropfen dieser Substanz den Boden erreichte. Elektrische Funken sprühten zwischen den Beißwerkzeugen.

Nirat-Son befand ich noch immer in der Rückwärtsbewegung. Seine nach hinten geknickten Beine waren schwer wie Blei. Er riss den Hand-Traser hervor und feuerte damit auf das kugelförmige Monstrum, das auf ihn zusprang.

Der Strahl erfasste das Monstrum und verbrannte es zu Asche.

Nirat-Son wandte sich herum und betrachtete misstrauisch den Boden in seiner näheren Umgebung.

Augenblicke lang schien sich nirgends etwas zu regen.

Dann spürte er plötzlich, wie sich das Eis unter seinem linken Krallenfuß hob. Nirat-Son schnellte zurück und feuerte auf den gerade dem Eis hervorbrechenden Vielbeiner.

Sie scheinen stets genau zu wissen, wo ich mich befinde!, ging es Nirat-Son durch den Kopf. Aber wie ist das möglich? Dass sie mich SEHEN können ist ja wohl ausgeschlossen. Verfügen sie vielleicht über ein verfeinertes Gehör, dass sie meine Schritte auch dann noch genauestens verfolgen lässt, wenn sie mehrere Meter tief unter dem Eis lauern?

Ausgeschlossen war das nicht.

Über Eisflächen konnten sich Vibrationen sehr gut weiterverbreiten.

Andererseits wollte es Nirat-Son einfach nicht in den Kopf, dass dadurch eine derart präzise Ortung möglich war.

Aber was immer auch das Prinzip sein mochte, das hinter den außergewöhnlichen Orientierungsfähigkeiten der Vielbeiner stecken mochte, so war Nirat-Son gezwungen, sich auf die Gegner einzustellen.

Am besten wäre es, mit dem Antigrav emporzuschweben und in einem gebührenden Abstand zu diesem Ort wieder zu landen!, überlegte er. Aber angesichts des unvermindert heftigen Sturms war daran allenfalls im äußersten Notfall zu denken, denn das Risiko war unverhältnismäßig groß, dabei den Tod zu finden.

Die Doktrin der Tanjaj forderte den Glaubenskrieger zwar dazu auf, mutig und tapfer zu sein, aber nicht, sein eigenes Leben wegzuwerfen – denn das wäre ebenso ein Frevel gegen die Göttliche Ordnung gewesen wie die Weigerung, sich in den Dienst des Heiligen Imperiums und seiner permanenten Expansion zu stellen.

Das Bedürfnis nach Schlaf meldete sich inzwischen immer öfter bei Nirat-Son. Die Konditionierung, der er als Tanjaj unterworfen war, erlaubte es ihm zwar, dieses Bedürfnis länger als jeder andere Qriid zu unterdrücken, wenn es sein musste. Aber auch das hatte seine Grenzen. Irgendwann würde er sich zur Ruhe legen müssen.

Den Gedanken daran verdrängte er zunächst, was ihm Angesichts der akuten Gefährdung durch die Vielbeiner auch nicht allzu schwer fiel.

Diese Biester brauchen nur zu warten, bis ich müde bin, um dann ungehindert und fast ohne Risiko an mein Fleisch zu kommen!, dachte er.

Eine ganze Weile blieb er sehr wachsam und konzentriert. Aber nirgends regte sich noch etwas oder platzte ein Vielbeiner plötzlich aus der Eisdecke hervor, um ihn mit Hilfe irgendwelcher ätzenden Substanzen an Ort und Stelle und bei lebendigem Leib zu verdauen.

Was für eine Höllenwelt, die derart vom Bösen geprägte Leben hervorbrachte!

Für diese Monstren konnte es unmöglich einen Platz in der Göttliche Ordnung des Heiligen Imperiums geben. Man tat sicher gut daran, sie vom Antlitz dieser Welt zu tilgen.

Nirat-Son schleppte sich vorwärts. Er spürte, wie der Wind an ihm zog.

Dann bemerkte er erneut, wie unter ihm das Eis aufbrach. Ein knackender Laut entstand dabei, der laut genug war, das Tosen des Sturms zu übertönen. Diesmal waren es gleich mehrere Vielbeiner, die aus dem Inneren des Eises hervorbrachen. Den Ersten von ihnen erwischte Nirat-Son mit dem Strahler, aber schon der Zweite kam gefährlich nahe. Die ätzende Substanz, die aus einer seiner Öffnungen troff, kleckerte dicht vor die Krallenfüße des Qriid, bevor auch dieser Angreifer zu Asche verbrannt wurde. Der dritte Vielbeiner setzte zu einem Angriffsprung an, wurde aber durch eine Windböe davon gerissen, die ihn hoch empor schleuderte. Nirat-Son sah nie wieder etwas von ihm.

Aber dafür kamen aus dem entstandenen, einen Qriid-Schritt großen Loch im Eis jetzt weitere Vielbeiner hervor.

Zusätzlich platzte jetzt auch an anderen Stellen das Eis auf und innerhalb kürzester Zeit wurde Nirat-Son von einem Dutzend der gefräßigen Eisbestien angegriffen.

Er schaltete den Traser auf Dauerfeuer und ließ ihn einfach hin- und herschwenken.

Gleichzeitig spürte er einen stechenden Kopfschmerz, der ihm die Konzentration erschwerte. Schon während des Aufenthalts im Wrack jenes Beiboots, mit dem die erste Qriid-Expedition auf diesem Planeten gelandet war, hatte er diesen, sehr charakteristischen Schmerz gespürt.

Was ist das?

Im nächsten Moment spürte Nirat-Son, wie etwas sich auf seinem Rücken niederließ. Zweifellos ein weiterer Vielbeiner, der es geschafft hatte, sich ihm unbemerkt zu nähern und dann zum entscheidenden Sprung anzusetzen.

Der Vielbeiner traf ihn mit überraschender Wucht.

Vielleicht hatte auch der Wind ihn einfach nur erfasst und durch die Gegend geschleudert. Jedenfalls troff die ätzende Substanz aus seinem Maul heraus. Zischend berührten die ersten Tropfen die äußere Gewebeschicht des Thermoanzug, der sich nun zu zersetzen begann. Jede Sekunde erwartete Nirat-Son, von einem elektrischen Schlag niedergestreckt zu werden. Aber der ellipsoide Vielbeiner schien nicht zu wissen, dass dies seine effektivste Waffe gegen ihn gewesen wäre.

Oder waren sie dazu im Moment nicht in der Lage? Enthielten ihre Körper eine Art biochemischen Akku, der erst aufgeladen werden musste?

Ein weiterer Vielbeiner umfasste mit einem halben Dutzend seiner Extremitäten Nirat-Sons rechten Fuß.

Den Strahler konnte er gegen diesen Quälgeist nicht einsetzen, schließlich hatte er nicht die Absicht, sich den eigenen Fuß zu Asche zu verbrennen. Er bekam zunächst einen leichten elektrischen Schlag ab, der vergleichbar mit der Entladung war, die man abbekam, wenn man ein Gatter von Qriidia-Büffeln berührte. Die Büffel sollten dadurch nur erschreckt, aber nicht verletzt werden. Einen winzigen Moment lang war Nirat-Son wie gelähmt, dann schleuderte er den Vielbeiner mit einer heftigen Bewegung von sich, taumelte zu Boden und rollte sich durch den Schnee. Sein Bein gehorchte ihm nicht mehr richtig. Es zuckte. Der Vielbeiner an seinem Rücken malträtierte ihn ebenfalls mit einem Elektroschlag, der weitaus heftiger ausfiel. Offenbar war der biochemische Akku dieses ellipsoiden Vielbeiners in einem wesentlich besseren Zustand. Nirat-Son spürte, wie der Strom seine Körper durchzuckte. Das hatte erst ein Ende, als der den Vielbeiner unter sich begrub. Ein knackendes Geräusch entstand als er ihn unter seine, durch die gegenwärtige Einstellung des Antigravaggregats noch verstärkte Last begrub.

Ein Schwall der ätzenden Flüssigkeit kam aus dem Maul des zerquetschten Vielbeiners und fraß sich in das Gewebe des Thermoanzugs und die Außenverkleidung des Antigravs.

Der Schnee zischte, wann immer das lädierte Rückenteil seiner Thermokleidung mit ihm in Berührung kam.

Nirat-Son wusste, dass er nun um sein Leben kämpfte, denn ohne funktionsfähige Thermokleidung war er in dieser Umgebung verloren.

Seine Arme und Beine zitterten unkontrolliert. Einen Augenblick lang war er unfähig sich zu bewegen, was zweifellos eine Folge der elektrischen Schläge war, die er erlitten hatte.

Von allen Seiten näherten sich die Vielbeiner dem nahezu hilflosen Qriid.

Der Augenblick des Triumphs schien für diese gefräßigen Jäger gekommen zu ein. Sie rieben die Beißwerkzeuge aneinander, ließen dabei die Funken sprühen und spuckten kleinere Mengen der ätzenden Substanz, die sich in ihren Maulhöhlen ständig von neuem bildete.

Nirat-Son spürte ein unangenehmes Kribbeln seinen Körper durchlaufen. Sein Kopf drohte zu zerspringen. Ein stechender Schmerz raubte ihm beinahe die Sinne. Er nahm alle Kraft und alle Konzentration, zu der er fähig war, zusammen und rollte sich auf dem Boden um die eigene Achse. Das waren Bewegungen, die man ihm während des Nahkampftrainings der Tanjaj beigebracht hatte. Er war konditioniert darauf, sie anzuwenden. Ein automatischer Ablauf, der blitzschnell von statten ging und keiner weiteren, bewussten Kontrolle bedurfte, zu der er im Augenblick auch nur bedingt in der Lage war.

Er sah den Ellipsoiden.

Der Tanjaj riss mühsam den Hand-Traser empor, den seine Klaue die ganze Zeit krampfhaft festgehalten hatte. Langsam kehrte die Kontrolle über seine Gliedmaßen zurück. Er konzentrierte sich auf die Betätigung des Trasers und feuerte die Vielbeiner in seiner unmittelbaren Umgebung der Reihe nach nieder.

Sein Rundumblick verriet im sofort, dass er von den kleinen Ellipsoid-Monstern eingekreist war. Sie krallten sich mit ihren Armen in das Eis hinein, was ihnen Stabilität gegen die Windböen gab.

Aber sie näherten sich auch und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann diese vielen Jäger den Tanjaj zur Strecke gebracht haben würden.

Nein, ich denke gar nicht daran, euch Bestien als Nahrungsergänzung zu dienen! Meine Knochen nagt ihr nicht ab, sodass am Ende nur ein Kalkrückstand von der weltlichen Existenz eines gläubigen Individuums bleibt, während die Höllegeschöpfe triumphieren!

Noch auf dem Boden liegend, feuerte Nirat-Son erneut mit seinem Traser. Mehrere Vielbeiner äscherte er dadurch ein, aber es gab Dutzende von weiteren Stellen, an denen das Eis aufplatzte und weitere von ihnen an die Oberfläche kamen.

Was ist es, das sie anlockt? Können Sie meine Wärme spüren? Haben sie einen Infrarotsinn?

Die kleinen Bestien krochen von allen Seiten auf ihn zu. Es gab keinen Fluchtweg. Einige von ihnen setzten jetzt erneut zu Sprüngen an und sofern dies mit der Windrichtung geschah, waren sie sehr gefährlich dabei. Einem wich Nirat-Son gerade noch aus, bevor er auf seinem Körper landen konnte.

In einem Akt purer Verzweiflung nahm der Qriid schließlich den letzten Fluchtweg, der ihm noch blieb.

In vertikaler Richtung!

Er veränderte die Einstellung des Antigravpaks und wurde im nächsten Moment förmlich vom Boden weggerissen, während die vier Vielbeiner genau dort landeten, wo Nirat-Son sich gerade noch befunden hatte.

Der Tanjaj stieg schwerelos in die Höhe. Der Sturm erfasste ihn und schleuderte ihn noch weiter empor. Alles drehte sich vor Nirat-Sons Augen. Für sein empfindliches Gleichgewichtsorgan war das, was er nun erlebte, an der Grenze dessen, was er aushalten konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren.

Nur das nicht!, durchzuckte es ihn. Sonst bin ich verloren!

7

Die Landung war hart. Nirat-Son hatte versucht, so gut es ging, den Fall mit dem Antigrav-Pak abzubremsen, aber das Gerät funktionierte nicht mehr einwandfrei. Vielleicht lag es daran, dass etwas von der ätzenden Flüssigkeit, die aus dem Maul des Vielbeiners herausgetropft war, der ihn von hinten angegriffen und sich für einige Augenblicke auf seinem Rücken festgekrallt hatte, in das Antigrav-Pak eingedrungen war. Außerdem erschwerten die unberechenbaren Böen die Regulierung des Antigravs.

Die Landung war entsprechend unangenehm.

Nirat-Son spürte einen Schmerz im linken Bein, kurz nachdem er unsanft aufgesetzt hatte. Die oberste, weiche Schneeschicht hatte nur sehr bedingt eine abbremsende Wirkung. Das Darunter war hart wie Stein.

Nirat-Son rutschte ein Stück. Er spürte, wie das Ortungsgerät aus der Magnethalterung gerissen wurde, als er über den Boden rutschte.

Benommen blieb Nirat-Son liegen. Der Kopfschmerz, der ihn während des Angriffs der Vielbeiner geplagt hatte, war wie weggeblasen. Nirat-Son blieb nicht viel Zeit um darüber nachzudenken, was diesen Schmerz nun eigentlich ausgelöst hatte, seinem Gefühl nach hatte es irgendetwas mit den Vielbeinern zutun, aber wie hätten sie einen solchen Schmerz auslösen können? Durch das Erzeugen elektrischer Felder?

Die Medizin der Qriid verwendete solche Felder zur Peilung verschiedener Krankheiten. Ihr Einfluss auf biochemische Prozesse war durchaus bekannt.

Er versuchte sich zu bewegen.

Schließlich rappelte er sich auf und wurde beinahe durch den Sturm umgerissen. Das Antigravgerät auf seinem Rücken befand sich in einem deaktivierten Zustand. Die Schaltung reagierte nicht.

Allmächtiger! Nur das nicht!, ging es ihm durch den Kopf.

Immerhin war ihm der Hand-Traser geblieben. Er befestigte ihn an der Magnethalterung an seinem Gürtel.

Dann bewegte er sich kriechend vorwärts um dem Wind einen geringeren Widerstand zu bieten. Irgendwo, ganz in der Nähe musste sich sein Ortungsgerät befinden. Darauf war er dringend angewiesen.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe er das Gerät endlich entdeckt hatte. Das Bein schmerzte. Er musste es sich beim Aufprall verstaucht haben und konnte nur hoffen, dass nichts gebrochen war.

Nirat-Son schaltete das Ortungsgerät ein. Es funktionierte zum Glück noch. Er bestimmte seine gegenwärtige Position. Eigentlich hatte der Tanjaj gehofft, durch seinen Flug wenigstens etwas an Geländegewinn gemacht zu haben und seinem Ziel ein Stück näher gekommen zu sein.

Aber das Gegenteil war der Fall.

Er war weiter vom Beiboot entfernt als je zuvor.

Allmächtiger, warum musst du mich dieser Prüfung unterziehen? Habe ich nicht die Tiefe meines Glaubens oft genug bewiesen? Brauchst du mich nicht noch zur Errichtung der Göttlichen Ordnung und als treuen Diener deines Stellvertreters?

Die Luft drang eiskalt in die Lungen des Qriid ein. So kalt, dass es schmerzte und ihm wurde auf einmal bewusst, dass dieser Schleuderflug in die falsche Richtung, den er hinter sich hatte, beileibe nicht sein einziges Problem war.

Die Thermokleidung! Sie ist defekt!, wurde es ihm klar. Die Heizfunktion war offenbar deaktiviert. Mochte es nun an den elektrischen Schlägen oder der ätzenden Flüssigkeit liegen, die das Innenleben des Gewebes zerstört hatte – für Nirat-Sons Überlebensfähigkeit hatte das keine Bedeutung.

Ohne Thermokleidung und ohne ein funktionierendes Antigravaggregat standen seine Überlebenschancen bei Null.

Bis der Sturm abgeflaut war und seine Tanjaj-Brüder ihn anpeilen und retten konnten, war von im wahrscheinlich nichts weiter als ein Eisklotz geblieben. Wenn nicht zwischendurch die Vielbeiner meiner Spur folgen und mich in einen unscheinbaren Kalkrückstand verwandeln!

Nirat-Son sandte eine der üblichen Gebetsformeln an jenes höchste Wesen, in dessen Auftrag er zu handeln glaubte. Er wiederholte es immer wieder, einem Mantra gleich. Tanjaj lernten dies während ihrer Konditionierung. Der Erhaltung der psychischen Stabilität in Krisensituationen wurde in der Tanjaj-Ausbildung allerhöchste Priorität zugewiesen.

Die Kälte drang nun zunehmend in seine Thermokleidung hinein. Ich werde mich bewegen müssen!, dachte er. Sonst bin ich in Kürze tot.

Er überlegte, seinen Tanjaj-Nom zu verständigen, entschied sich dann aber dagegen. Was hätte es gebracht, Bras-Kon gegenüber einen Bericht abzugeben, der nichts anderes als die eigene verzweifelte Lage zum Inhalt gehabt hätte?

Seine Tanjaj-Brüder hatten keine Möglichkeit ihn zu retten, solange der Sturm mit gleicher Stärke fortdauerte. Warum hätte er sie mit seiner Verzweiflung belasten sollen? Der einzige Grund, den es in seiner jetzigen Lage hätte geben können, hätte darin bestanden, wenn er seinen Tanjaj-Brüdern irgendeine wichtige, neue Erkenntnis über diesen Eisplaneten hätte vermitteln oder sie vor einer Gefahr warnen können.

Aber das war nicht der Fall.

Die Gefahr durch die Vielbeiner war Bras-Kon und seinen Tanjaj bekannt und Nirat-Son hoffte nur, dass sie sich darauf eingestellt hatten.

Die Gedanken rasten jetzt nur so durch Nirat-Sons Hirn. Alles Mögliche mischte sich in einem bunten Kaleidoskop aus teils wirren Gedanken.

Selbst der Gedanke an den sanft geschwungenen Schnabel der hübschen Eierlegerin Anré-Sé war darunter, in die er sich so unglücklich verliebt hatte.

Ich bin tot!, dachte er. Tot, ohne mit einer Eierlegerin eine Brut geteilt zu haben, tot, ohne jemals mehr unter den Tanjaj gewesen zu sein als Rekrut...

Nirat-Son versuchte, diese deprimierenden Gedanken so gut es ging zu verscheuchen.

In geduckter Haltung kämpfte Nirat-Son gegen den Wind an, wurde manchmal von ihm getrieben, taumelte vorwärts, fiel zu Boden und rappelte sich wieder auf. Den Schmerz in seinem Bein versuchte er zu ignorieren, was ihm mit zunehmender Kälte immer leichter fiel.

Das Antigrav-Pak ließ er zurück.

Es war jetzt nur noch eine unnütze Belastung.

Nirat-Son spürte, wie langsam die Kraft aus ihm wich. Seinen rechten Krallenfuß spürte er schon gar nicht mehr. Die Kälte durchdrang nach und nach alles und ließ ihn bis ins Mark frieren. Er zitterte.

Ich bin bereit, dachte er irgendwann, als er schon glaubte, langsam denk klaren Verstand zu verlieren und in den Tod hinüberzudämmern. Ich bin bereit, mich dem Gericht zu stellen.

Er sank zu Boden.

Die nach hinten geknickten Knie berührten den Schnee.

Welchen Sinn hatte es noch, sich wieder aufzurappeln? Waren die verbleibenden Kräfte nicht sehr viel sinnvoller in ein Gebet investiert? Aber die Religion der Qriid verbot den Selbstmord. Und war ein vorzeitiges Aufgeben nicht auch eine Art von Selbstmord?

Also kroch er vorwärts. Die Kraft, sich auf die Beine zu stellen und gegen den Wind zu behaupten, hatte er nicht mehr.

Das Gefühl für Zeit ging vollkommen verloren. Die Kälte tötete nach und nach jede Empfindung.

Der Schneefall ließ nach, die vom Ortungsgerät aufgezeichnete Windgeschwindigkeit hingegen nicht. Sie nahm sogar noch zu.

Die Bewegungen, mit denen er seinen Körper auf allen Vieren voranschleppte, wurden immer schwächer und er ertappte sich bei einem Gedanken, den er niemals einem Priester hätte offenbaren dürfen. Wenn ich bei den Vielbeinern geblieben wäre, dann hätte ich jetzt bereits alles hinter mir!

Dann stoppte er in der Bewegung. Er starrte durch seine auf Infrarot-Modus geschaltete Schutzbrille in die Nacht hinein und sah...

...einen Hügel.

Der Schnee türmte sich dort auf und da die Oberfläche dieses nur wenige Anhöhen natürlichen Ursprungs aufwies, kam Nirat-Son sofort der Gedanke, dass dort etwas sein musste, was die Wölbung verursachte. Ein durch Spannungen aus dem Eis heraus gebrochenes Stück vielleicht? Oder die Spitze eines Gebirges? Aus den allgemeinen Daten, die Nirat-Son über diese Welt studiert hatte, wusste er, dass der Planeten umspannende Ozean von ein paar Inseln unterbrochen wurde. Keine von ihnen war größer als fünfzig Quadratkilometer, aber wenn man sich in einer Simulation die Oberflächentemperatur im Durchschnitt um dreißig oder vierzig Grad wärmer vorstellte, dann hätte sich das Bild einer wasserblauen Kugel ergeben, auf der sich ein paar dunkle, pockenartige Punkte befanden.

Die Landmassen!, dachte Nirat-Son sarkastisch. Vielleicht habe ich einen dieser aus dem Eispanzer herausragenden Gipfel erreicht. Den Schlot eines Vulkankraters vielleicht...

Es konnte ihm gleichgültig sein, worum es sich letztlich handelte. Deshalb verzichtete er auch darauf, sich mit Hilfe seines Ortungsgerätes darüber Klarheit zu verschaffen. Es lohnte den Kraftaufwand einfach nicht. Auf jeden Fall konnte er hier etwas Deckung finden. Du wirst dein Leiden dadurch verlängern!, meldete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf, während er die letzten Kräfte mobilisierte und voran kroch.

In der Ferne dämmerte bereits der Morgen, als er die Anhöhe endlich erreichte.

Erschöpft sank Nirat-Son in eine Mulde. Ein schöner Ort zum Sterben. Erinnert er nicht an eine qriidische Brutmulde? Ein Vers aus der Weisheit des Ersten Aarriid fiel ihm ein. Aus Kalk war das Ei, dem du entschlüpft bist – und aus Kalk sind die Gebeine, die von dir bleiben. So lass den Kalk beim Kalk und halte die Seele nicht fest, wenn sie entschweben will, da ihre Zeit gekommen ist.

––––––––


ENDE

wird fortgesetzt...

Kosmische Saga - 33 Science Fiction Romane aus dem Bekker-Multiversum auf 4000 Seiten

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