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KAPITEL 3 In der Fremde

Nur zusammen ist man weniger allein

Nach dem Bestrahlungstermin am Vormittag bin ich heute bereits zum zweiten Mal auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich ziehe die schwere Eingangstür auf und fahre mit dem Aufzug in den zweiten Stock des Altbaus. Wieder einmal nimmt mich der typische Geruch dieser Station gefangen. Die Mischung aus altem Gemäuer, Desinfektionsmitteln und kranken Menschen ist mir unangenehm und wirkt auf mich regelrecht beklemmend. Ich laufe den Flur entlang bis ganz ans Ende. Meine Absätze klappern leise. Ansonsten ist es still. Ein Pfleger biegt um die Ecke. Ich kenne ihn. „Kann ich Sie kurz sprechen?“, fragt er mich. Erstaunt und sofort voller Angst bleibe ich stehen.

„Es ist etwas passiert“, hämmert es in meinem Kopf. Andi befindet sich in diesen Tagen immer noch in einer Art Krise und man hofft, dass die Bestrahlung endlich Wirkung zeigt. Zusätzlich wird er mit einer Tabletten-Chemo gequält, von der es ihm richtig elend geht. „Ihr Mann verweigert sich und spricht nicht mit uns“, beginnt er und sein Tonfall lässt klar erkennen, dass er das weder verstehen noch akzeptieren will. „Wie bitte?“ Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. „Er antwortet kaum, nimmt weder seine Tabletten noch isst er richtig.“ Der Pfleger hat sich mittlerweile vor mir aufgebaut und vermittelt den Eindruck, als wäre er persönlich gekränkt worden. „Meinem Mann ist es furchtbar übel von der Chemo und …“ „Dann soll er halt etwas sagen, dafür gibt es Tabletten“, fällt er mir ins Wort. Langsam werde ich wütend. „Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein?“

Vor einer Woche konfrontierte uns der Arzt mit der Nachricht, dass die letzte, vielversprechende autologe Stammzelltransplantation erfolglos war. Bei dieser Transplantation werden den Krebspatienten eigene Blutstammzellen entnommen und anschließend wird ihnen eine Hochdosis-Chemotherapie verabreicht, bei der alle blutbildenden Zellen im Körper vernichtet werden. Andis Krebszellen aber sind zäh. Die Therapie hat sie nicht zunichtegemacht. Im Gegenteil. Die Tumoren waren nach der bildgebenden Kontrolle sichtlich „am Brennen“ und er musste innerhalb eines Tages im Bestrahlungszentrum untergebracht werden. Dieser Schock sitzt tief. Sein Handy bleibt seit Tagen ausgeschaltet. Er ist einsilbig und das Lachen ist aus seinem Gesicht verschwunden.

Diese Szene hier im Flur ist grotesk. Wer Andi kennt, der weiß, dass er zu den wenigen Menschen gehört, die mit fast jeder Person auskommen. Er besitzt die Gabe, seinem Gegenüber sofort sympathisch zu sein. Das liegt sicher daran, dass er jeden einfach akzeptiert, wie er ist. Ohne Wenn und Aber. Und nun kommt dieser Pfleger und erzählt mir etwas von unhöflichem Verhalten bei einem seiner Patienten, dem es seelisch und körperlich gerade hundsmiserabel geht. Er mag sicherlich seine Qualitäten besitzen – Einfühlungsvermögen gehört nicht zu seinen Stärken. „Ich kümmere mich darum, dass er ab jetzt regelmäßig seine Tabletten nimmt.“ „Idiot!“, murmele ich leise vor mich hin. Ich lasse den Pfleger stehen und laufe weiter – hinein in den nächsten Flur. Vorbei an einer geschlossenen weißen Tür nach der anderen. Der Gang scheint kein Ende zu nehmen. Meine Wut verraucht langsam. Nun steigt ein anderes, ein bedrückendes Gefühl in mir auf. Ich fühle mich alleingelassen auf dieser Station mit den vielen Zimmern, die alle gleich aussehen. Alleingelassen mit meinem schwer kranken Mann in diesem riesigen Krankenhaus mit seinen über 10 000 Mitarbeitern, von denen mir zumindest einer gerade offiziell seine Solidarität gekündigt hat.

Anders als gestern

Aus der Vogelperspektive betrachtet, erscheint eine Insel im Meer als einzelner Punkt. Ganz klein, regelrecht winzig und weit weg vom Rest der Welt. Abgeschieden. Drumherum nur Wasser, Wind und Wellen. Kein Boot ist in Sicht, keine Brücke, die eine Verbindung zum Festland herstellt.

Menschen, die eine Krise erleben, fühlen sich wie gestrandet auf dieser einsamen Insel. Die Verbindung zur Welt der anderen scheint von einem Moment auf den nächsten komplett unterbrochen. Um sie herum gibt es nur Unbekanntes. Jeder Gestrandete auf so einer Insel fühlt sich unendlich einsam und vollkommen verlassen. Abgeschieden. In der Fremde. Und allein. Dabei kann es durchaus sein, dass sich andere Personen in der Nähe befinden. Auch auf einer kleinen abgelegenen Insel leben vielleicht Einheimische. Die Lage der Gestrandeten ändert das trotzdem nicht. Sie sitzen fest, weit weg von zu Hause, in einer ungewohnten Umgebung. Und haben Angst. Diejenigen, die nicht vom gleichen Schicksal betroffen sind, können die prekäre persönliche Situation des Menschen, der sich in einer Krise befindet, einfach nicht verstehen.

Was genau ist in der Krise denn der Auslöser für das Gefühl von Einsamkeit? Was ist im Vorfeld passiert?

Alles ist auf einmal anders geworden. Anders als gestern. Der Alltag hat sich rapide verändert. Ein Schicksalsschlag wirbelt das bisherige Leben heftig durcheinander. Nichts ist mehr so, wie es vorher war: Statt zur Arbeit gehen Betroffene von einem Tag auf den anderen in ein Krankenhaus. Und dort beschäftigen sie sich nicht wie bisher mit der Computersprache, den aktuellen Verkaufszahlen oder den kommenden Projekten. Sie treffen keine Kollegen bei einem Kaffee auf dem Flur und tauschen Neuigkeiten aus. Nein, sie müssen sich mit der verwirrenden Sprache der Medizin befassen, erhalten Therapiepläne und medizinische Cocktails. Die Türen der Nachbarzimmer bleiben meist verschlossen, die Gesichter auf den Fluren sind fremd. Die Familie ist nicht greifbar. Aber auch gesunde Menschen können durch Schicksalsschläge wie Trennung oder Jobverlust aus dem bisherigen Leben gerissen werden. Anstatt abends mit Freunden Squash oder Skat zu spielen, sich zum Joggen zu verabreden oder sich auf ein Bierchen zu treffen, liegen Betroffene nun kraftlos auf dem Sofa, sind antriebslos und müde oder haben Geldsorgen. Ein abendlicher Kino- oder Theaterbesuch sprengt plötzlich das Budget, weil das Geld für anderes gebraucht wird. Jede Krise hat ihr eigenes Gesicht.

Wenn uns etwas Schlimmes widerfährt, verlieren wir unsere Autonomie. Obwohl wir uns nicht freiwillig in diese Lage gebracht haben, können wir nichts daran ändern. Ausgelöst durch eine überraschende Diagnose, eine plötzliche Kündigung oder einen anderen einschneidenden Vorfall kann man viele Entscheidungen nicht mehr selbst treffen. Wer noch selbst entscheiden kann, ist in der Lage, Vorkehrungen zu treffen. Er kann beispielsweise bei einer geplanten Operation einen Termin irgendwann in den kommenden Wochen vereinbaren – eben dann, wenn es für ihn passt. Er hat die Möglichkeit, gewisse Vorbereitungen zu treffen, wie z. B. eine Vertretungsregelung für sein Geschäft zu organisieren, die Betreuung des Hundes zu Hause zu regeln, Familie und Freunde zu informieren, Besuche abzustimmen oder die Hin- und die Rückfahrt ins Krankenhaus zu planen. Zudem könnte sich der Kranke im Vorfeld mit der Operation und der Genesungsphase auseinandersetzen, im Vorgespräch Fragen stellen und so ungefähr abschätzen, was auf ihn zukommt.

Die Situation sieht ganz anders aus, wenn es beim ersten Arztgespräch heißt: „Bleiben Sie gleich da. Ein Bett steht bereit. Morgen werden Sie operiert und direkt im Anschluss an dieses Gespräch müssen diverse Voruntersuchungen erfolgen.“ Diese Sätze kommen aus dem Nichts, völlig abrupt und absolut unerwartet. Gleich zweimal konfrontierten die Ärzte meinen Mann mit einer ähnlich lautenden, überraschenden Entscheidung. Das kommt unerwartet und schockierend. Trotzdem kann man den Verlauf nicht aufhalten oder stoppen. Schwerkranke oder Menschen, die einen Unfall erleiden – und ihre Angehörigen –, haben keine Wahl.

Der Tagesrhythmus verändert sich mit einem Schlag und diese Menschen können ihren täglichen Ablauf von heute auf morgen nicht mehr aufrechterhalten. Das trifft jeden von uns unsagbar hart. Und genau dabei entsteht das Gefühl von Einsamkeit. Gerade in der Zeit in Freiburg habe ich das deutlich gespürt. Meine Wege führten nun täglich für Stunden in ein Krankenhaus. Ich hatte keine Chance mehr, meine Zeit hauptsächlich meinem Kleinkind zu widmen. Kein Schwimmkurs, kein Musikgarten, keine Krabbelgruppe. Weit weg von Freunden oder der Familie. Ja, wir befanden uns noch nicht einmal mehr in unserer vertrauten Wohnung, sondern in den unterschiedlichsten Ferienwohnungen, in denen wir uns jedes Mal neu zurechtfinden mussten.

Einsamkeit entsteht durch das Wegbrechen der Selbstbestimmung. Denn gerade im Alltag sind wir es schließlich gewohnt, selber zu steuern. Bestimmt treffen auch Sie über den Tag verteilt zahlreiche Entscheidungen: Vor dem Frühstück gehe ich eine Runde walken, zum Mittagessen treffe ich mich mit einem früheren Kollegen, an der Besprechung nachmittags nehme ich nicht teil, den Urlaub an die Costa Brava buche ich später im Internet, heute Abend gehe ich mit Freunden italienisch essen. Diese kleinen und alltäglichen Entschlüsse in unserem Alltag erfolgen laufend und häufig spontan.

Bei größeren Vorhaben sieht es anders aus. Wer lässt sich schon sofort auf große Veränderungen ein, ohne zu überlegen und Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen! Lieber erst in Gedanken alles durchspielen, bevor es zur Entscheidung kommt: Bringt mir der Jobwechsel berufliche und finanzielle Vorteile? Eigentlich ist mein jetziger Job gar nicht so schlecht. Ist ein Umzug wirklich notwendig oder kann ich eventuell pendeln? Soll ich die neue Beziehung wirklich eingehen? Vielleicht passen wir gar nicht zueinander. Nur wenige nehmen neue Herausforderungen an, ohne mit der Wimper zu zucken. Wir können uns von Vertrautem und Alltäglichem nicht im Handumdrehen lösen. Diese freiwilligen Entschlüsse müssen aber auch keine negativen Folgen haben. Ganz im Gegenteil. Oft birgt eine Änderung auch neue Perspektiven, neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Es entstehen dabei positive Gefühle wie Motivation, Entdeckerlust, Freundschaft, Liebe und neuer Mut.

Doch in einer Krise ist das ganz anders. Sie konfrontiert uns mit einer riesigen Veränderung im Leben, für die man sich selber nicht entschieden hat. Und das ist neu. Menschen in Krisen fühlen sich fremdbestimmt und haben die Möglichkeit zu steuern verloren. Die Situation lässt kein Nachdenken zu. Der Einzelne hat keine Möglichkeit mehr zum Abwägen. Und auch keine Wahl. Die Einschnitte in den Alltag sind radikaler und plötzlicher als jemals zuvor. Die Herausforderungen immens. Und auch vor negativen Folgen ist man keinesfalls sicher.

Was geht uns durch diese fremdgesteuerte Umstellung eigentlich verloren?

Kein Papa mehr beim Frühstück

„Also, tschüss. Wir telefonieren ja später noch mal. Bis dann.“ Schon will ich die Zimmertür zum Krankenhausflur nach diesen Worten leise schließen, als Andi mir nachruft: „Warte mal. Ich glaube, wir lassen das mit den Anrufen morgens und abends.“ Mit einem Ruck reiße ich die Tür wieder auf und starre ihn an. „Was? Wieso das denn?“ Hinter mir fällt die Tür geräuschvoll ins Schloss und ich stehe verwirrt wieder neben seinem Bett. Mein abendlicher Aufbruch ist erst einmal verschoben. „Ich will nicht immer an die Anrufe denken müssen, und ich habe Angst, dass ich es mal vergesse und ihr dann umsonst darauf wartet.“ Andis Stimme klingt entschuldigend und gleichzeitig sehr entschlossen.

Ich habe es geschluckt. Was blieb mir auch anderes übrig. Seine Kraft hatte nachgelassen. Chemos, Tabletten, Strahlung – das alles hatte einen hohen Preis: Die physischen und konditionellen Einschränkungen waren unübersehbar.

An diesem Abend ging etwas verloren: ein kleines Stückchen Vertrautheit. Denn in dieser unsicheren Zeit hatte ich mich wenigstens noch auf eines verlassen können – auf die Telefonanrufe meines Mannes. Seit seinem ersten Krankenhausaufenthalt rief er direkt nach dem Aufwachen zu Hause an, um uns Guten Morgen zu sagen und griff vor dem Schlafengehen nochmals zum Handy, um eine gute Nacht zu wünschen. Telefonate in die andere Richtung funktionierten nicht, da er sehr unregelmäßig schlief. Acht Monate praktizierten wir das so, und es hat uns allen etwas geholfen, seinen leeren Platz, gerade morgens beim Frühstück und abends im Bett, besser zu verkraften. Doch plötzlich rief niemand mehr zu diesen Zeiten an. Das Vertraute war einfach verschwunden.

Es ist die Verlässlichkeit, die von heute auf morgen fehlt. Stellen Sie sich vor, Gewohnheiten und Abläufe gehen ganz plötzlich verloren, die Sie bisher für selbstverständlich gehalten haben. Beispielsweise Folgendes:

• Der Wecker, der an jedem Werktag um 6.30 Uhr klingelt.

• Die Hektik und der Blick zur Uhr beim Anziehen und Frühstücken.

• Der Weg zum Bahnhof, der bei Wind und Wetter für ein bisschen Bewegung am Morgen sorgt.

• Das Mohnbrötchen, das die Bäckereiverkäuferin jeden Morgen in die Tüte packt.

• Die U-Bahn, die mit zwei Minuten Verspätung auf den Bahnsteig rollt.

• Täglich die gleichen Gesichter, denen man auf dem Bahnsteig begegnet.

• Das Lesen der Tageszeitung, während das surrende Geräusch der Schienen zu hören ist.

• Der Kollege, der immer drei Haltestellen später zusteigt und sich neben einen setzt.

• …

Was passiert, wenn es das alles nicht mehr gibt und diese Situationen nicht mehr eintreten? Wenn man als Arbeitnehmer eine Kündigung erhält und seinen Job verliert oder aufgrund einer schweren Erkrankung aussteigen muss? Der bisherige Alltag ist einfach weg. Genauso die tägliche Routine. Und Sie vermissen genau die Dinge, die mit einem Mal verschwunden sind. Dramatisch ist nicht jede einzelne Kleinigkeit – es ist die Summe. Denn eine Änderung folgt der nächsten:

Das Weckerstellen muss nicht mehr sein. Ein Zuspätkommen gibt es nicht mehr. Die morgendliche Hektik ist schlagartig vorbei. Die Wohnung muss man gar nicht erst verlassen. Die U-Bahn fährt ohne einen, genauso der Kollege. Und statt ein Brötchen beim Bäcker zu kaufen, kann man nun den heimischen Kühlschrank plündern.

Und schon ist sie spürbar – die Einsamkeit. Plötzlich sitzen Sie zu Hause. Vom Rest der Welt einfach abgekoppelt. Allein. Ihre bisherigen Verbindungen sind jäh unterbrochen. Soziale Kontakte gekappt. Die morgendlichen Wege sind unnötig. Doch die Aufzählung trifft ja nur die erste Stunde am Morgen. Die Änderungen aber ziehen sich wie ein roter Faden weiter durch den ganzen Tag.

Eine Krisensituation macht nicht bei den direkt Betroffenen halt. Nein, sie streut. Und zwar in alle Richtungen. Es trifft die Familie, den Freundeskreis, die Kollegen, die Verwandtschaft. Auch dort nehmen gewisse Vertrautheiten ein jähes Ende. Wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Meine Trauer traut sich was

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