Читать книгу Wenn das nicht geschehen wäre - Anny von Panhuys - Страница 5

2.

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Kurz nach acht Uhr — er hatte sehr schnell zur Nacht gegessen — sass Paul Harnisch seiner Patin gegenüber. Fünfundachtzig Jahre zählte die alte Dame, und ihr Gesicht war verschrumpelt wie ein Borsdorfer Apfel.

Sie nahm seine Hand und begann zu reden. Ein bisschen heiser und brüchig. Sie sprach von seinem Pech, von dem man ihr erzählt, und wie sie nachgedacht hätte, um ihm beizustehen; denn die Werkstatt müsse allerschnellstens wieder aufgebaut werden. Ob sie ihm in allem helfen könne, wisse sie zwar nicht, aber etwas für ihn tun könne sie bestimmt.

Sie lächelte, und dabei spielten zahllose Fältchen um Augen und Mund.

„Weisst ja, Paulemann, dass die alte Gregorius, ehe sie den Pfarrer Gregorius heiratete, eine von der Bühne gewesen ist ... und keine ganz Unbekannte. Ein seltsames Paar, nicht wahr — der Gottesmann und die Schauspielerin. Ja, wo die Liebe hinfällt. Es war ein Roman, den ich nie bereute erlebt zu haben. Du weisst, ich besitze kein Vermögen, das Sparen lag mir früher ganz und gar nicht, und wenn ich nicht die Pension bekäme ...“ Sie brach ab. „Das heisst, — von Wert habe ich noch etwas, — ich wollte es aufheben bis zu meinem letzten Tag, weil ich mich so schwer davon trenne. Aber ich sehe nun ein, ich muss dir helfen. Meine drei Jungen sind tot, kein Verwandter von mir bleibt zurück, wenn ich für immer gehen werde. Und du hättest das, was ich meine, später doch bekommen.“

Paul Harnisch, dessen Hände die alte Frau noch immer hielt, wehrte ab:

„Sie sollen sich meinetwegen keine Sorgen machen, liebe Frau Gregorius. Ich möchte wirklich nicht, dass Sie sich deshalb auch nur mit einem einzigen schweren Gedanken belasten.“

„So schlimm ist’s ja gar nicht, Paul. Lass gut sein, wir wollen das, was ich eben gesagt habe, und was sich vielleicht etwas feierlich anhörte, nicht so tragisch nehmen.“ Sie liess seine Hände los. „Jetzt hör zu, Paulemann, du ganz grosser Bengel. Weisst du, ich habe dich immer sehr gern gemocht, und so ein Altchen wie ich darf dir ja ruhig eine Liebeserklärung machen. Also, ich habe noch aus meiner Glanzzeit einen Brillantring mit einem reinen, dreikarätigen Solitär, und ausserdem einen losen Stein, einen Smaragd, der ziemlich wertvoll ist. Ein Maharadscha hat mich mal spielen sehen an einem kleinen Hoftheater, wo ich gastierte. Ein alter Herr war’s; wie der Gandhi hat er fast ausgesehen. Kein einziges Haar mehr hatte er, wie man sagte, auf dem Kopf. Aber der Turban tat da gute Dienste. Er war zu Besuch bei dem Landesfürsten und hat mir den Stein in einem Strauss Rosen geschickt. An dünner Goldkette hing er. Mein Mann konnte das Schmuckstück aber nicht leiden und ärgerte sich, wenn ich es trug. Er behauptete, es wäre Unheil damit verbunden. In Wirklichkeit schien ihm der Anhänger wohl zu prunkvoll für seine Pfarrersfrau.“

Sie kicherte. So leise und fern klang das Kichern, als käme es hinter dem Rollschreibtisch hervor oder hinter dem Eckschrank mit dem sorgsam gepflegten Porzellan.

Sie tat plötzlich geheimnisvoll.

„Die Inder haben allerdings eine Menge los mit sonderbaren und unerklärlichen Dingen, und eigentlich stimmte es, was mein Mann vorgebracht hatte, um mir den Smaragd zu verleiden ... Immer, wenn ich ihn trug, geschah nämlich irgend etwas sehr Unangenehmes oder Schlimmes in der Familie. Mir graute schliesslich auch davor. Ich hätte den Stein später öfter verkaufen können, aber ich mochte mich trotz meines Mannes und meiner eigenen Abneigung dagegen nicht davon trennen, weil er so schön war. Jetzt aber soll es geschehen. Von heute an gehört dir der Smaragd und der Ring, und du sollst beides verkaufen. Wenn du willst, und der Smaragd genug bringt, brauchst du den Ring nicht zu veräussern und kannst ihn zum Andenken behalten. Ich möchte dir auch angeben, wo du beides wahrscheinlich loswerden wirst. Vor einigen Jahren zeigte ich nämlich den Stein gelegentlich einem Goldschmiedemeister, der ihn sofort für mich unterbringen wollte. Mit ein paar Zeilen von mir, die ich schon schrieb, fährst du zu ihm — er wohnt knapp eine Stunde Bahnfahrt von hier entfernt — und danach wird alles für dich wenigstens leidlich in Ordnung kommen.“

Sie seufzte zufrieden.

„So, nun habe ich meine Litanei angebracht und bitte dich, mir mit keinem Wenn und Aber zu kommen, die darf es zwischen uns beiden nicht geben. Ich bin auch immer sehr müde, wenn’s auf die neunte Stunde zugeht, und es ist schon neun Uhr vorüber.“

Sie langte von einem kleinen Tisch neben sich eine Schmuckschachtel und reichte sie Paul Harnisch.

Er nahm die Gabe zögernd entgegen, doch die Verlockung, sich vielleicht dadurch bald aus seiner bedrängten Lage retten zu können, war fast überstark. Dennoch stammelte er verlegen: „Liebe, gute Frau Gregorius, aber ...“

Sie kicherte wieder: „Hör auf, mein Junge, es lohnt nicht, dass du mehr sagst, wenn du schon mit dem dummen ‚Aber’ anfängst.“ Sie erklärte: „Im Kästchen liegt die Adresse des Goldschmieds, geh zu ihm, er ist ein netter Mensch. Und jetzt klingele, bitte.“

Mechanisch drückte Paul Harnisch auf die Tischglocke, und sofort trat Frau Wolle ein, die dem Altfrauchen die Wirtschaft führte.

Frau Gregorius sagte mit ihrer wie zersprungen klingenden Stimme:

„Frau Wolle, Sie sollen für alle Fälle Zeuge sein, dass ich meinem Patenjungen, den Sie ja kennen, heute einen Brillantring und einen Smaragd, das ist ein grüner Edelstein, geschenkt habe. Ich meine, es ist gut, für diese Schenkung eine Zeugin zu haben, falls es Kuddelmuddel gäbe, wenn ich nicht mehr selbst da sein sollte.“

Die Haushälterin nickte ein paarmal langsam und feierlich.

„Ich werde es nicht vergessen, Frau Gregorius.“

Sie wusste, wenn Altfrauchen einmal für immer die Augen schloss, blieb ihr das schöne, warme Heim als Dank, weil sie getreu hier ausgehalten.

Frau Wolle verliess das Zimmer, und Paul Harnisch öffnete das Kästchen. Da lagen auf rotsamtenem Futter ein Ring mit einem klaren, funkelnden Brillanten und ein ziemlich grosser grüner Stein, der ihm eigentlich noch viel besser gefiel, weil von ihm ein Leuchten und Strahlen ausging, das etwas Phantastisches an sich hatte und ihn förmlich hypnotisierte.

„Jetzt geh, Paulemann,“ bat die alte Dame, „ich bin sehr, sehr schläfrig.“

Altfrauchen war so müde, dass sie, nachdem Paul Harnisch kaum gegangen war, sich gleich von Frau Wolle zur Ruhe bringen liess ... So müde war sie, dass sie am nächsten Morgen gar nicht mehr aufwachte. Ihr Körper lag im Bett, die Augen waren fest geschlossen, ihre Seele aber hatte sich in der Nacht auf die Wanderung nach dem Jenseits gemacht.

Drei Tage später schritt Paul Harnisch hinter ihrem Sarge her.

Und auch seine Mutter fand sich auf dem Friedhof ein. Sie war der alten Dame unendlich dankbar für die Hilfe, die sie ihrem Sohn hatte zuteil werden lassen.

Im Laden am Wall aber lächelte die zierliche Elisabeth Römer sehr zufrieden vor sich hin. Die Schwierigkeiten, die ihre Ehe mit Paul Harnisch wahrscheinlich für längere Zeit hinausgeschoben hätten, schienen beseitigt. Ihr lag daran, recht bald zu heiraten. Sie hatte das Wohnen bei der Tante satt, und da sie noch minderjährig war, musste sie noch ein ganzes Jahr bei ihr aushalten, falls sie nicht heiratete.

Schon am nächsten Tage fuhr Paul Harnisch nach der Stadt, wo der Goldschmiedemeister wohnte.

Sein Auto, mit dem er oft Motoren, Arbeitsmaterial und Rundfunkgeräte befördert hatte, war bei dem Brand, der das Werkstatthaus bis auf die Grundmauern zerstört hatte, ebenfalls vernichtet worden. Also, benutzte er die Eisenbahn — einen der Frühzüge. Um halb acht hatte er schon seinen Bestimmungsort erreicht.

Der Herbstmorgen war sonnig aber etwas frisch. Paul Harnisch entschloss sich daher, ein Stündchen spazierenzugehen. In einer Stunde konnte er dann wohl schon den Goldschmiedemeister besuchen; jetzt waren die meisten Geschäfte noch nicht geöffnet.

Fachmännisch prüfte er die Schaufenster der Radio- und Installationsgeschäfte der Stadt, die viermal so gross war wie das Städtchen, aus dem er kam, und während er die Auslagen anschaute, überlegte er, ob er wohl einige Tausender aus dem Verkauf des Smaragds lösen würde.

Ihm war so hoffnungsvoll zumute und so leicht. Er dachte auch an Elisabeth und wie lieb sie gestern abend zu ihm gewesen war, als sie gesagt hatte: ‚Wenn nur alles halbwegs klappt, werden wir Januar doch noch heiraten, nicht wahr?’ Er hatte es darauf nicht fertiggebracht, nein zu sagen, oder dass man lieber noch etwas warten wolle, wie es ihm der Verstand angeraten. Bewahre! Geküsst hatte er sie dafür — lange und selbstvergessen geküsst. Herrgott! War er närrisch verliebt in das Püppchen.

Er mochte keine Schaufenster mehr betrachten und bog nun in einen schmalen, sehr kurzen Verbindungsweg zwischen Hauptstrasse und Promenade ein. Er war schon öfter in dieser hübschen Stadt gewesen und wusste ein wenig Bescheid, ohne dass er hier andere als nur ein paar geschäftliche Bekanntschaften besass.

Nachdem er den Verbindungsweg durchschritten, begann die Promenade, löste sich aus einem kleinen, noch sommerlich grünen Platz. Er betrat den Platz, von dem aus ein schöner Blick auf einen Teil der pietätvoll gepflegten Altstadt frei wurde. Rings von Wald umgeben, war die Stadt anmutig wie kaum eine andere der Kurmark. Paul wandte den Schritt nach links, wäre er nach rechts gegangen, würde er seinem Schicksal begegnet sein.

* * *

Wenn das nicht geschehen wäre

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