Читать книгу Die Zecke auf Abwegen - Bernd Wieland - Страница 12
9. Payman-Brothers
Оглавление„Das sind die Entwürfe, die ich für Herrn van Rahden vorbereitet habe.” Britta hielt mir eine grüne Mappe unter die Nase.
„Wer ist denn Herr van Rahden?”
„Unser Architekt. Hat sonst fast nur Großbaustellen in Berlin. Soll sogar für Frau Merkel mal was gemacht haben.”
Ich überflog die Entwürfe. Britta hatte einen Hang zu XXL und Erkerchen hier und dort.
„Am Mittwoch hat van Rahden einen Termin dazwischengeschoben. Hat aber schon gesagt, er muss Zahlen haben, sonst kann er das Bauvorhaben nicht kalkulieren. Wie viel haben wir denn auf dem Schweizer Depot?”
„100.000 Euro bis 120.000 Euro, muss ich mal Herrn Huber von der Schweizer Hypo anrufen.”
„Den Imbiss bekommt Mandy jedenfalls nicht unter 40.000 Euro.”
Sollte ich mich jetzt in mein grausames Schicksal ergeben und die Hosen runter lassen? Ich versuchte Britta auf die unbekümmerte Art abzulenken: „Habe ich dir schon erzählt, dass Mandy den Imbiss übernehmen will?”
„Klasse, Hartmut. Und was springt an Kohle heraus?”
Britta war schwer abzuhängen.
„Mandy hatte einen Super-Vorschlag: Für die nächsten fünf Jahre Flatrate-Essen für die ganze Familie.”
Britta bohrte ihren Zeigefinger in meinen Bauch: „Du wirst nach Silvester erstmal ’ne Runde abspecken. Und Luisa auch. Ist dir nicht auch schon aufgefallen, dass sie ein richtiges Bäuchlein bekommen hat? Und ein Doppelkinn – genau wie du.”
„Eben ein bisschen Babyspeck”, versuchte ich zu beschwichtigen.
„Babyspeck! Das Kind ist fett geworden. Nach Neujahr gibt’s jedenfalls keine Fanta mehr.”
Wir schwiegen eine Weile.
„Und wie will Mandy die 40.000 Euro bezahlen? Nimmt sie ein Darlehen auf?” Die Frau war hartnäckig.
„Britta, ich habe mich mal mit Horst beraten. Horst sagt, wenn wir das Geld versteuern, bleibt so gut wie nichts übrig.”
„Wo ist das Problem? Dann wird es halt nicht versteuert.”
„Unsinn, die Sache ist viel zu heiß. Und außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass bei Mandy gleich nach Betriebseröffnung der Betriebsprüfer vorbeischaut. Um es kurz zu machen: Ich habe mit Mandy die Sache schon perfekt gemacht: Flatrate-Essen für uns und damit ist das Thema Frittenschmiede ein für allemal gegessen.”
Britta war sofort auf 180: „Hartmut, wenn es ums Essen geht, schaltet dein Hirn aber auch sofort auf Notstromaggregat um! Flatrate läuft nicht. Wir brauchen Eigenkapital!”
„Mandy bekäme soviel Geld überhaupt nicht zusammen.”
„Dann verkaufen wir eben an einen anderen!” Feindselig starrte Britta mich an. Bis zum Abend redeten wir kein Wort mehr miteinander.
Während ich das Abendbrot vorbereitete, hörte ich wie Britta mit ihrer besten Freundin Gundula telefonierte: „… du hast ja Recht. Einerseits bin ich ja auch froh, dass ich den Schuppen nicht mehr an der Backe habe. Diesen Gestank vom Frittierfett bekommt man nicht mehr aus den Haaren heraus – einfach eklig. Und diese Fernfahrer, die glotzen dich an, als wenn sie dich am liebsten sofort in ihre Fahrerkabine ziehen wollen. Nee, ich bin auch froh, dass das vorbei ist.”
Zwei Minuten später nahmen wir uns in den Arm. „Aber versprich mir, Hartmut, dass du am Dienstag diesen Nadelstreifenaffen von der Hypo anrufst.”
Natürlich war Herr Huber am Dienstag nicht erreichbar. Und auch nicht am Mittwoch, sodass Britta für ihren Termin mit Herrn van Rahden keine genauen Zahlen vom Depotwert hatte.
Ich lieferte Britta beim Architekten ab und ging in der Zwischenzeit mit Lucy und Luisa ins Hallenbad. Anschließend wollte ich zum Flatrate-Essen zu Mandy – mussten wir ja schließlich ausnutzen.
Im Hallenbad kam Luisa heulend vom Softeisstand zurück. Sie deutete auf einen kleinen Jungen mit langen, blonden Haaren, der auf der Rutsche saß: „Der da hat Fettfleck zu mir gesagt!”
Luisa stand schluchzend mit ihrem rasch schmelzenden Eis vor mir. Britta hatte Recht, das Kind hatte ein Doppelkinn und ordentliche Kartoffelstampfer bekommen. Dazu ein dickes, pralles Bäuchlein. Luisa war eben eine echte Schminke.
„Ein guter Futterverwerter” würde Mama sagen. Konnte man halt nichts machen. Mehr Sorgen machte ich mir um Lucy, die ständig über Magenprobleme klagte und halb so viel wog wie ihre Schwester.
Britta kam zufrieden nach Hause. „Van Rahden sagt, wenn wir zusätzlich zu den 120.000 Euro aus dem Depot 180.000 Euro für die Eigentumswohnung bekommen, kann er uns ein nettes Häuschen hinstellen. Hier ist unser Bauherrenvertrag.”
Während ich den Vertrag aufmerksam studierte, fragte Britta: „Was ist das eigentlich für ein Depot? Kommt man denn sofort ran an das Geld?”
„Windparkanlagen – kann man jederzeit verkaufen.”
„Zeig mir doch mal die Depotauszüge”, forderte mich Britta auf.
Ich gab ihr die Auszüge und ging in die Küche, um mir eine Flasche Bier zu holen.
„Hartmut!” Die Art, wie Britta „Hartmut” sagte, ließ nichts Gutes erahnen. Sie knallte mir die Auszüge vor die Nase. „Nichts mit Windparkanlagen: Payman-Brothers!”
Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Wie war das noch? Ich wollte eigentlich in Windparkanlagen investieren, aber …
„Britta”, stotterte ich, „jetzt weiß ich es wieder: Herr Huber von der Hypo hat mir geraten, alles bei Payman-Brothers anzulegen.”
„Du meinst …”, Britta starrte mich entsetzt an.
Herr Balzak würde jetzt sagen: Das Geld ist weg. Futsch! Aus die Maus! Nix mehr da – jetzt alle verstanden?
„Das kann aber doch nicht sein! Das fällt dir jetzt erst ein?” Britta schüttelte fassungslos den Kopf. Wenn Britta nicht einmal mehr Kraft für einen Wutausbruch hatte, wollte das schon was heißen.
„Paymann-Brothers – das kam doch immer und immer wieder im Fernsehen! Spätestens nach der Eigentümerversammlung hättest du doch mal aufwachen müssen!” Britta fing an zu heulen. „Was ist bloß mit dir los, Hartmut? Du bist doch sonst hinter jedem Cent her.”
Was war mit Hartmut Schminke los? Seitdem ich Teamleiter geworden war, hatte sich alles verändert. Morgens galt mein erster Griff nicht der BILD-Zeitung, sondern es hieß PC hochfahren und Bearbeitungsstand von Team 3 abfragen. So konnte das nicht weitergehen! Andererseits konnte ich so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben. Im März standen die Beurteilungsgespräche für den mittleren Dienst an.
„Britta, am 01.04. sind die Beurteilungen gelaufen. Ich verspreche dir, dann hast du deinen guten, alten Hartmut zurück.”
„Ich will aber ein Haus!” Britta fing wieder an zu schluchzen.
Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte sie: „Was ist eigentlich aus der Versteigerung der Säbel und Orden geworden – ist da wenigstens noch mit Kohle zu rechnen?”
Ich druckste herum, aber Britta ließ nicht locker.
„Kleiner Reinfall – Herr Kuckuck ist einer Fälscherbande aufgesessen. Bis auf einen Orden im Wert von 800 Euro, alles nur gut gemachte Plagiate. Den ganzen Krempel hat Mollenhauer bereits auf der Müllkippe entsorgt.”
„Heißt das, da kommen auch noch 3.000 Euro für die Instandhaltungsrücklage auf uns zu?”
Ich wagte Britta nicht mehr anzusehen.
Am nächsten Tag rief Britta van Rahden an. Als Britta ihm stotternd zu verstehen gab, dass das Budget um 120.000 Euro gesunken war, schrie er in den Hörer: „Wir sind doch hier nicht bei Hartz IV-Bau! Für das Geld stell ich Ihnen nicht mal ’ne Fertiggarage hin.”
„Schatz”, versuchte ich Britta zu trösten, „unsere Wohnung ist doch auch nicht schlecht. Weißt du: Wir kaufen uns dafür ein neues Auto. Ich habe gestern in einer Oldtimerzeitung einen Opel Diplomat gesehen. Topzustand.”
Unser über 30 Jahre alter Daimler war eigentlich nur noch im Stadtverkehr zu gebrauchen. Wenn die gelben Engel vom ADAC nur meinen Namen hörten, kamen sie schon in Rage.
Britta wurde jetzt richtig grantig: „Neues Auto – Baujahr 1973 oder wie?”
„Dezember 1969”, verbesserte ich.
Sie schüttelte entschieden den Kopf: „Erstens will ich ein Auto mit mindestens einem Airbag: nämlich meinem! Und zweitens will ich hier raus!”