Читать книгу Die Zecke auf Abwegen - Bernd Wieland - Страница 4
1. Veränderungen
Оглавление06:03 Uhr. Wie konnte das passieren? Ich, Hartmut Schminke, war unpünktlich. Hartmut Schminke kam immer um 06:01 Uhr! Aber war es ein Wunder? Herr Axthammer, mein Sachgebietsleiter, hatte uns schon vorgewarnt: Wenn die Controlling-Tante von der Oberfinanzdirektion kommt, wird nichts mehr sein wie es war.
Tatsächlich begann es im Oktober Schlag auf Schlag. In der Kantine wurde eine dritte Wurstsorte eingeführt und im Foyer des Finanzamts eine „Langeweile-Insel” mit drei kuscheligen Plüschsofas und einem ähnlich üppigen Zeitschriftenangebot wie am Bahnhofskiosk aufgestellt. Am beliebtesten waren die beiden Spielekonsolen, die eigentlich immer besetzt waren.
Frau Stöhr und Herr Goller, mit denen ich immer in der Kantine frühstückte, hätten beinahe eine Abmahnung bekommen. Sie hatten auf der Insel täglich gut und gerne zwei Stunden rumgehangen, ohne sich auszustempeln. Frau Stöhr reagierte immer noch gereizt, wenn man sie darauf ansprach: „Das hätte die Amtsleitung aber eindeutig sagen müssen, dass man sich vorher ausstempeln muss!” Da wussten wir, das war erst der Anfang, jetzt wurde es wirklich ernst.
Seit sechs Wochen saß ich jetzt mit Herrn Goller in einem Büro zusammen. Mein Kollege hatte die Hosen randvoll: „Hartmut, ich sag dir, die wollen uns fertig machen!”, jammerte er in jedem zweiten Satz wie ein Waschweib. Irgendwann glaubte man es selbst. Mit einem Mal streckte er seine Hand nach dem gerahmten Gruppenbild aus, das wir an der verlausten Palme vor dem Fahrstuhl als Abschiedsgeschenk für Frau Hoppe-Reitemüller geschossen hatten: „Ja, unser Hoppe-Hoppe-Reiterle, die hat’s richtig gemacht! Haut im seligen Alter von 58 Jahren einfach in den Sack.”
Mit Frau Hoppe-Reitemüller hatte ich volle sieben Jahre eine Büro-Ehe geführt. Es war eine gute Ehe gewesen. Wir hatten uns sogar zu Nikolaus gegenseitig überrascht. Einmal schenkte sie mirOblaten, die ich aber nur im Büro essen durfte, weil sie meiner Frau Britta zu laut knackten.
Und dann verließ sie mich so Hals über Kopf von heute auf morgen. Ihre Kündigung war der Skandal. Sie hätte ja auch einen auf krank machen können, ab und zu mal schrille Schreie ausstoßen oder Steuerbescheide vor dem Finanzamt an Passanten verteilen können. Aber nein, sie verließ ihren Norbert und brannte mit einem Ami durch nach Amerika.
Mir war das gleich verdächtig vorgekommen, dass sie plötzlich dreimal in der Woche tanzen ging. Aber wo war sie wirklich? Beim Wohnmobil-Clubtreffen! Und da hat sie ihren Mc Donald – oder wie der Knabe heißt – kennengelernt.
Mc Donald hatte natürlich eine Concorde – wenn schon, denn schon. Concorde: Das waren diese Luxusappartements auf Rädern. Wie Frau Hoppe-Reitemüller zu diesen Clubtreffen gekommen war, ließ sich nur erahnen. Wahrscheinlich brauchten sie noch ein Bunny-Girl. In der Altersklasse, in der man sich eine Concorde leisten kann, durfte man nicht mehr so wählerisch sein. Da tat es dann auch eine gutgelaunte 58-Jährige, die nicht nur aus Ersatzteilen bestand.
Goller ging mir jetzt schon auf die Nerven. Ich dachte ja immer, der Goller sei so ein ganz Lieber. Jetzt, sechs Wochen später, wusste ich: er war bekloppt. Sogar eine noch beklopptere Zecke als ich.
Wenn Goller kam, zog er erstmal seine Gesundheitstreter aus. Neben seinem Schreibtisch standen in Pole-Position vier Puschenmodelle, in die er je nach Ansage des Wetterberichts und Konstitution seiner Hühneraugen spontan umrüsten konnte. Die geschlossene Variante eines Birkenstockplagiats von ALDI war mir noch die Liebste, weil die Ausdünstungen nur langsam entweichen konnten.
Dann öffnete er so bedächtig, als wolle er eine Bombe entschärfen, seine Schreibtischschublade, holte Kuli, Lineal und die übrigen Büro-Utensilien hervor und ordnete sie immer nach dem gleichen Muster auf seinem Schreibtisch an. Abends wurde alles wiedereingepackt und ein Schreibtischschoner wie ein XXL-Kondom über die Tischplatte gezogen.
Ich hatte mir einmal einen Spaß daraus gemacht und jede Minute notiert, in der er an einem Arbeitstag produktiv tätig war: es waren 41 Minuten. Ein verblüffendes Ergebnis. Ich hatte mit erheblich weniger gerechnet. Meine Zeit lag bei einer Stunde und 33 Minuten. Ich weiß, das war Wahnsinn! Meine Mutter hatte mich auch schon gewarnt: „Junge, wenn du im Dienst so weitermachst, fällst du eines Tages tot vom Stuhl.”
Die Tür wurde aufgestoßen. „Die Pfuhl ist jetzt beim Axthammer!” Frau Stöhr keuchte, ihre Neurodermitis am Hals stand in voller Blüte. „Nächste Woche will sie in unserem Sachgebiet Teams einführen, hat Herr Brettler erzählt.”
Goller versuchte einen Angstfurz zu vertuschen, indem er grundlos in ein Taschentuch schnaubte.
Wenn Brettler es sagte, musste es stimmen. Brettler, der Personalratsvorsitzende, sorgte schon dafür, dass auch der verpeilteste Willi mit vertraulichen Informationen versorgt wurde.