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4. Weihnachten bei Familie Schminke
ОглавлениеHeiligabend, 07:14 Uhr. Ich war in Topform, hatte bereits elf Steuererklärungen bearbeitet. Die Faltboxen wurden trotzdem kaum leerer. Für jeden Steuerpflichtigen hatte ich mir ein kleines Weihnachtsgeschenk überlegt: Lehrer bekamen ihre Arbeitszimmer anerkannt, auch wenn sie mit Whirlpool ausgestattet waren, und einem Klempner gestattete ich den Roman Feuchtgebiete als Fachliteratur abzusetzen. Dazu gesellten sich großzügige Zahlendreher und imaginäre Pauschalen. Ein Rentner hatte der Steuererklärung eine Weihnachtskarte beigefügt und darauf vermerkt: „Sehr geehrtes Finanzamt! Tut mir leid, wenn ich nicht alles richtig eingetragen habe. Ich weiß leider nicht, wo was reinkommt.” – Ein klarer Fall von Hilflos im Sinne des § 33b Absatz 6 Einkommensteuergesetz. In Zeile 33 ein Kreuz und der Herr Büttner konnte sich zusätzlich zum Schwerbehinderten-Pauschbetrag auf einen Weihnachtsbonus von 3.700 Euro freuen.
Ganz uneigennützig waren meine Weihnachtsgeschenke allerdings nicht. Ich wollte vermeiden, dass es nach Weihnachten Einsprüche regnete, die unser Team völlig lahm legten.
Die Zwillinge waren auch schon seit 06:30 Uhr auf. Sie fegten über den Flur und waren jetzt schon völlig durch den Wind. Mit roten Wangen sangen sie „Leise rieselt der Schnee”. Draußen hatten wir 12 Grad mit leichtem Nieselregen – also typisches Heiligabend-Wetter.
Britta verbreitete Hektik. „Hartmut, ich sauge und wische jetzt noch die Wohnung und dann stellst du den Baum auf”, befahl sie, und schon hatte ich den Staubsauger zwischen meinen Füßen.
Um 12:00 Uhr klingelte es. Papa stand mit dem Vogel vor der Tür. Papa hatte mir noch gefehlt! Eigentlich war ich gerade so schön im Fluss.
Noch völlig außer Atem setzte er die schwere Wanne vor mir ab. „Hier guck mal, Hartmut!” Er zog das Handtuch von der Wanneund zeigte mir stolz seinen Gänsebraten. „Echt Öko! 90 Euro wollte der olle Flachsbart dafür haben – Wucher!”
Bei dem Anblick der frisch aufgetauten goldgelben Gans mit den dicken Keulen lief mir schon das Wasser im Mund zusammen. Seit unserer Hochzeit war es Tradition, dass Papa die Weihnachtsgans bei uns zubereitete – für Papa das größte Weihnachtsgeschenk. Mama wollte den tagelangen Gestank nicht in ihrer Wohnung haben.
Papa legte sich Einmalhandschuhe an und breitete auf der Anrichte chirurgisches Werkzeug aus. Spätestens wenn er seine grüne Schürze anlegte, strahlte er eine Fachkompetenz aus, dass man ihm die Durchführung einer spektakuläre Gehirntransplantation zutraute. Während Britta um ihn herumwischte, setzte er die letzte Spritze unter die Haut und dozierte: „Britta, wusstest du, dass der Ananassaft die molekulare Struktur vom Eiweiß im Muskel zerstört und das Fleisch dadurch besonders zart wird?” Noch hatte Papa wenig getrunken und brachte so einen komplizierten Satz fließend über die Lippen. Britta hatte im Moment keinen Sinn für die molekulare Zerstörung von Eiweißstrukturen und trieb Papa an: „Kalle, jetzt schick endlich den Vogel auf seine letzte Reise, sonst müssen wir Heiligabend ohne ihn feiern.”
Wieder bekam ich einen Einlauf: „Hartmut, jetzt reicht’s! Leg endlich die Steuererklärungen zur Seite. Du musst dringend den Baum aufstellen!”
Widerstrebend packte ich die noch nicht bearbeiteten Steuererklärungen in die Box zurück und trollte mich auf den Balkon, um den Tannenbaum ins Wohnzimmer zu schleppen – die Zwillinge „Alle Jahre wieder” singend hinterher.
Was hatte Britta sich denn da für einen Strunk andrehen lassen? Ein erbärmliches grünes Gerippe wurde von einem Plastiknetz notdürftig zusammengehalten. Braune Nadeln rieselten heraus, wenn man den Baum nur schief ansah. Das Schlimmste aber war der Fuß: krumm wie ein Regenschirm.
Auf dem Weg vom Balkon ins Wohnzimmer hinterließen das Gerippe und ich eine Spur brauner Nadeln und kleiner Käfer, die schnell hinter die Fußleiste huschten. Lucy schnitt mit einer Schere das Plastiknetz auf: „Papa, warum hat denn der Baum so wenig Nadeln?”
„Lucy, die Tannenbäume haben heute nicht mehr so viele Nadeln – liegt am Waldsterben.”
„Ist der Baum auch schon tot?”, fragte Luisa mich mit besorgtem Blick.
Mir war jetzt nicht danach, philosophische Kinderfragen zu beantworten. „Nein, der wird jetzt von euch ganz toll geschmückt und dann geht es ihm wieder gut”, lautete meine pädagogisch inkorrekte Antwort.
Ich versuchte, den Baum mit Gewalt in den Tannenbaumständer zu zwängen, aber sein Fuß war einfach zu krumm. Als er endlich in der Halterung steckte, schwebte der Baum in einem 60 Grad-Winkel.
Der Baum hatte sich noch nicht ganz entschieden, ob er stehen bleiben wollte, da hing bereits die erste Glaskugel, ein mundgeblasenes Einzelstück für 34 Euro.
„Lucy, warte noch!” Keine zehn Sekunden später – süßer die Glocken nie klingen! Die Scherben lagen sogar in der Yuccapalme.
Britta rief vom Flur aus: „Na, Harti, alles okay? Ich geh mal eben rüber zu LiDL.”
„Ja, lass dir Zeit”, flötete ich in Richtung Flur. Wenigstens war Britta aus der Schusslinie. Aber da kam Papa und latschte wie blind durch Nadeln und Scherben in Richtung Backofen. Er riss die Backofentür auf und schwärmte: „Mein Gott, wird die Haut heute wieder knusprig!”
Es half nichts: Wollte ich den Baum nicht in der Horizontalen schmücken, musste ich den Fuß der Tanne radikal kürzen. Im Keller fand ich den elektrischen Fuchsschwanz aus dem Nachlass von Onkel Lothar. Das Ding war mir nicht ganz geheuer. Noch waren alle Finger dran – bei meinem Talent wahrscheinlich eine Fragevon Minuten. Ich rief nach Papa, aber Papa klebte am Fernseher: Richterin Barbara Salesch. Ich schickte Luisa vor: „Luisa, geh doch mal zum Opa. Der Opa soll ganz schnell kommen.”
Nur widerwillig und mit ständigen Blicken zum Bildschirm ließ sich Papa von Luisa abführen.
„Beeil dich, Hartmut, ich muss mich noch um die Gans kümmern! Wie viel soll denn ab?”
„Zehn Zentimeter müssten reichen.”
Papa schmiss die Höllensäge an. Noch bevor ich „Halt” schreien konnte, hatte er bereits die Spitze um 20 Zentimeter gekürzt.
Luisa plärrte los und hielt mir heulend die kahle Spitze vor die Nase: „Wieder ankleben!”, schluchzte sie. Lucy stimmte solidarisch in ihr Geheule ein.
Papa hatte mit der Säge schon wieder Gas gegeben und malträtierte nun den Fuß des Baumes. Langsam kamen mir Bedenken. Vier Bier hatte Papa schon getrunken – vielleicht war es doch besser, die Aktion abzublasen.
„Papa!” Papa hörte nichts.
Die Sägespäne stoben nach allen Seiten, hingen in der Gardine, im Obstkorb und zwischen Brittas Dekoplunder, der in jeder Ecke herumstand.
„Aufhören, Papa!”, schrie ich.
„Bin gleich durch!”, schrie Papa zurück. Rums! Eine tiefe Schramme war im Parkett.
Papa versuchte sie unsinnigerweise wegzureiben und murmelte: „Ach, das kriegt man schon wieder weg.” Dann stürmte er Richtung Backofen: „Muss nur mal eben die Haut pflegen. Mein Gott, wird die Haut wieder … Scheiße!” Er hatte die Fettpfanne mit zu viel Schwung aus dem Backofen gezogen. Plötzlich war sie aus der Führung geraten und landete auf dem Fußboden. Die Sägespäne saugten sich voll Fett und wurden unter den Esstisch geschwemmt.
In dem Moment hörte ich den Schlüssel im Haustürschloss – Britta. „Bin wieder da!” Schon stand sie in der Tür. Auch Lucy undLuisa hatten mit ihren fünf Jahren die Lage bereits begriffen und heulten wie die Sirenen los. Britta zitterte, war bleich vor Zorn. „Raus!”, sagte sie leise.
Wir mussten die Treppe nehmen, weil der Fahrstuhl mal wieder ausgefallen war. In jeder Etage hörte man kreischende Kinder und meckernde Frauen. Und immer wieder aus dem Radio „Oh du Fröhliche”. Aus Kochs Wohnung drang eine schrille Frauenstimme: „Wenn der Backofen nicht in einer Stunde wieder läuft … Weihnachten ohne mich!”
Dann standen wir an der frischen Luft.
„Ist Britta immer so schnell auf 180?” – Papa war wirklich so verpeilt, wie Mama es immer beklagte.
Schweigend gingen wir eine Weile nebeneinander her. Der Regen war stärker geworden.
„Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?”
„Wenn deine Mutter mich Heiligabend rausgeschmissen hat, bin ich immer zum ‚Lustigen Johannes‘ gegangen – zum Leberzirrhose-Stammtisch.”
„Dann gehen wir da jetzt auch hin.”
Papa schien allen bekannt zu sein. Der lustige Johannes brachte sofort für jeden ein Helles und einen Korn und klopfte Papa aufmunternd auf die Schulter: „Kalle, Heiligabend geht auch mal vorbei.”
Dann musste ich mir eine Stunde lang Papas Finanzamtsgeschichten anhören: Von den Lochkarten in der Finanzkasse, von Regierungsdirekter Bölke, der um 07:30 Uhr jeden Bediensteten, der sich verspätet hatte, per Handschlag an der Eingangstür begrüßte. Immer wieder die gleiche Story: „Junge, einmal in der Woche sind wir mit ’nem Benzinkanister in die Garage zu unserem Dienstwagen gegangen. Die Anwärter mussten immer mit dem Mund den Sprit ansaugen und jeder bekam zwei Liter.” Papa hatte Tränen in den Augen vor Lachen.
Plötzlich sah er auf die Uhr und fuhr nervös mit der Hand über seine sorgsam quer über die Glatze gekämmten Haarsträhnen:”Hartmut, wir müssen nach Hause. Die Gans ist noch im Ofen!”
Wie durch ein Wunder hatte sich Britta beruhigt und war dabei, mit den Mädchen den Baum zu schmücken. Papa wollte schon mit Schuhen zum Backofen stürmen, doch Britta hielt ihn resolut zurück: „Kalle, Hartmut: erst Schuhe ausziehen!”
„Die Gans, die Gans!”, jammerte Papa. Panisch zerrte er an seinen Schuhen, die Socken blieben stecken, aber egal. Er wetzte Richtung Küche, riss den Backofen auf und starrte auf den Gänsebraten – und dann lächelte er glücklich: „Mein Gott, ist die Haut dieses Jahr knusprig!”
Schließlich kam Mama mit dem Christstollen und der Schwarzwälder Kirschtorte. Der Tölzer Knabenchor sang „Es ist ein Ros entsprungen” und die Zwillinge standen hinter der Gardine und warteten auf den Weihnachtsmann.
Es klingelte. Endlich mal ein pünktlicher Weihnachtsmann! Erwartungsvoll öffnete ich die Haustür, die Mädchen in einem Sicherheitsabstand hinter mir. Kein Mann mit rotem Kittel und Rauschebart, sondern Herr Speer, der Vorsitzende der Eigentümerversammlung.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Herr Schminke, aber es ist wirklich dringend: Wir müssen leider eine außerordentliche Eigentümerversammlung einberufen. Übermorgen um 19:00 Uhr in unserer Wohnung.”
„Übermorgen?” Ungläubig starrte ich ihn an. „Übermorgen ist der zweite Weihnachtstag.”
Herr Speer zuckte nur mit den Achseln. „Ich weiß. Der Termin ist etwas unglücklich, aber es ist wirklich dringend!”
Schon war er einen Treppenabsatz tiefer bei Familie Koch.
Wir hatten die Nachricht noch nicht verarbeitet, da klingelte es erneut. „Jetzt! Jetzt ist er da!”, rief Luisa aufgeregt und sprang im Flur umher.
Frau Koch stand zitternd vor mir, war vollkommen aufgelöst: „Haben Sie schon gehört, wir sind pleite!”
„Kommen Sie doch herein.” Britta schob Frau Koch in unseren Flur. Betroffen blickte ich sie an. Sie hatte geheult. Ihr schwarzer Kajal war an ihren Krähenfüßen heruntergelaufen.
So lange war es auch noch nicht her gewesen, dass die Bank uns die Versteigerung der Eigentumswohnung angedroht hatte. Nur meine geniale Idee, einen Imbiss auf Brittas Namen zu eröffnen, hatte uns vor dem Ruin gerettet.
„Eine Privatinsolvenz kann auch ein neuer Anfang sein”, versuchte ich Frau Koch zu trösten.
Frau Koch sah mich entrüstet an: „Aber Herr Schminke, was denken Sie eigentlich von uns! Nicht wir sind pleite, sondern die Eigentümergemeinschaft! Wir alle sind pleite! Weiß ich von Herrn Higgins. Soll was ganz Schlimmes passiert sein.”
Britta und ich schauten uns erschrocken an.
„Was ist denn passiert?”, fragte Britta besorgt.
„Wenn ich das wüsste! Aus dem Speer ist nichts rauszukriegen. Er will uns erst am zweiten Weihnachtstag genauer informieren.”
Und endlich kam dann doch noch der Weihnachtsmann. Er brachte die beiden Dackel mit der Zwei-Kanal-Funkfernsteuerung, die wir ihm tags zuvor in seinem Lager neben dem Reifencenter vorbeigebracht hatten. Mit ruckartigen Bewegungen stapften die Hunde um den Tannenbaum und krächzten mechanisch: „Füttere mich, sonst beiß ich dich.”
Papa knabberte selig das Gerippe des Gänsebratens ab und strahlte: „Mein Gott, ist die Haut dieses Jahr wieder knusprig.”