Читать книгу Die 50 besten Morde oder Frauen rächen anders - Birgit Ebbert - Страница 8

Оглавление

5 - Ein Unfall zu viel

Für diesen Job hatte Vindicta sich einen Smart geliehen. Sie wollte genau sehen, was passierte und nun saß sie hinter dem Steuer und genoss die Aussicht.

Sie hatte sich direkt vor dem Gebäude postiert, aus dem der Mann kommen würde. Als letzter wie jeden Abend. Als wollte das Schicksal Vindicta damit ein Zeichen geben.

Die schwere Holztür ging auf und da stand er. Zündete sich wie jeden Abend eine Zigarette an, die glühte, noch ehe die Tür wieder ins Schloss fiel.

Eine solche Zigarette hatte vier Menschenleben gekostet. Weil das Feuerzeug im Auto nicht funktionierte und er sich mehr um den Anzünder gekümmert hatte, als um die anderen Fahrzeuge.

Vindicta gab sich mit einem Menschenleben als Ausgleich zufrieden.

Der Mann ging die drei Treppenstufen hinunter und setzte den ersten Fuß auf die Straße. Vindicta startete den Motor und freute sich darüber, dass er so leise lief.

Als der Mann mitten auf der Straße angekommen war, gab Vindicta Gas. Sie sah, wie der Mann näher kam, wie er sie anschaute und dann nicht mehr zu sehen war.

Hastig drehte Vindicta sich um. Der Mann lag reglos auf der Straße. Weit und breit war niemand. Die Straßenlampen waren fast alle ausgeschaltet, weil die Stadt sparen musste. Sie fuhr an den Straßenrand und stieg aus dem Wagen, während der Motor leise weiterlief.

Mit ein paar Schritten hatte sie den Mann erreicht. Schon von weitem konnte sie sehen, dass er sich nicht mehr rührte, nicht den schwächsten Atemzug von sich gab. Rasch lief sie zum Auto, froh über die städtischen Sparmaßnahmen, die für das große Dunkel sorgten. Sie fuhr ein paar Straßen weiter, ehe sie aus ihrer Tasche auf dem Beifahrersitz ein Champagnerglas und eine Flasche Champagner hervorkramte.

Es wird langsam hell. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer auf dem Boden. Um mich herum liegen alle Fotos, die es von mir aus den letzten Jahren gibt.

Schickt man heutzutage noch Passfotos mit den Bewerbungsunterlagen. Auf Ganzkörperfotos komme ich viel besser rüber.

Dieses Foto, das Johannes kurz vor unserer Trennung von mir gemacht hat. Aus der Froschperspektive. Mit dem kurzen Rock und den schwarzen Strümpfen wirken meine langen Beine richtig schön.

Nicht, dass sie wirklich lang wären, ich bin nur 1,69 Meter groß. Im Ausweis steht 1,76, irgendwer muss wohl die Meter mit dem Geburtsjahr verwechselt haben.

In Schuhen mit Absätzen, wie ich sie auf dem Foto trage, stimmt nicht einmal diese Größe.

Durch die Froschperspektive ist mein Bauch nicht so deutlich erkennbar, vermutlich, weil ich meinen Busen in einen Push-up-BH gezwängt habe und mir ein weit ausgeschnittenes T-Shirt von Ulrike geliehen hatte, die zwei Kleidergrößen kleiner ist als ich.

Um die Hüfte habe ich einen breiten Gürtel geschlungen.

Keine Ahnung, wem der gehört, vielleicht auch Caroline?

Ich lasse das Foto in der engeren Wahl, die anderen gefallen mir alle nicht.

Auf dem Ackergaul meiner Tante sehe ich aus wie eine Bäuerin, das sichtbare Bein schwabbelt am Pferd herunter. Ich sitze zusammengesunken da, sodass die eigentlich winzigen Speckröllchen den Eindruck vermitteln, ich trüge unter meinem Pulli einen Schwimmreifen.

Aussortiert habe ich schon das Bild, das mich im Strandkorb zeigt. Ich glaube, so etwas ist nicht angesagt.

Wie wäre es mit mir als Brautjungfer, aber neben der strahlenden gut aussehenden Braut wirke ich farblos. Obwohl das Kleid schlappe 500 Euro gekostet hat. Für einmal tragen. Kann ich das eigentlich auch zu Vorstellungsgesprächen anziehen? Es ist zum Glück nicht lang, sondern geht nur bis zum Knie. Die Rüschen an Hals- und Ärmelausschnitt könnte ich abschneiden. Und wenn ich den Rest schwarz färbe, habe ich ein schickes Etuikleid.

Das Telefon läutet. Bisher schwieg es. Kein Wunder, es ist erst acht Uhr. Wer ruft so früh am Morgen an?

»Guten Tag, Tierschutzverein«, höre ich und bereue, dass ich das Gespräch angenommen habe. Was will der Verein von mir? Auf die Antwort muss ich nicht lange warten.

»Es ist so toll, dass es nun eine europäische Verfassung zum Transport von Tieren gibt«, erklärt der Mann mir, während ich mich mit dem Telefon in die Küche schleiche, um einen Kaffee zu kochen.

»Aber nun darf man nicht aufgeben. Sie sind sicher auch dafür, dass es den Tieren besser geht.«

Ich hasse rhetorische Fragen am frühen Morgen. »Wie kommen Sie denn auf die Idee?«, antworte ich abweisend.

Er schweigt kurz. Scheinbar habe ich ihn aus dem Konzept gebracht. Gut so, ich bin auch aus dem Konzept, wenn ich morgens um acht mit Tierschutzfragen belästigt werde.

Anscheinend hat er entschieden, einfach so zu tun, als hätte ich »Ja« gesagt. Er leiert weiter seinen Text herunter. Für das nächste Ziel brauche man viele freiwillige Mitglieder, ob ich nicht auch eins werden wolle.

Vermutlich haben alle Menschen, die er vor mir angerufen hat, auch hier »Ja« gesagt. Mein »Nein« irritiert ihn. Verblüfft fragt er: »Sie wollen nicht, dass es den Tieren besser geht?«

Als ich ihn darauf hinweise, dass dieser Wunsch aber nicht zu einer Mitgliedschaft führt, wirft er den Hörer grußlos auf die Gabel.

Vermutlich hat er keinen Hörer in der Hand, sondern sein rechter Zeigefinger schwebt über der Entertaste, mit der er meine Nummer auf dem Bildschirm löschen kann. Oder er hat einfach mit Hilfe der linken Maustaste die Telefonverbindung beendet.

Das schlechte Gewissen quält mich. Vielleicht sitze ich demnächst auch in einem Callcenter und werbe Mitglieder für einen Tierschutzverein oder ich gehe von Wohnung zu Wohnung, um Telefonverträge zu verkaufen.

Ich sollte prüfen, ob die Imbissstube, die man mir vor einigen Jahren vererben wollte, noch zu haben ist. Vermutlich nicht! Diese blöde Angelina, die sich damals bei den Besitzern eingeschleimt hat und mich fast vergiftet hätte, hat sie sicherlich heruntergewirtschaftet.

Pommes mit Mayo konnte ich immer gut machen. Ob es für solche Leute auch Fortbildungen gibt. Ulrike isst immer Pommes spezial, ich habe keine Ahnung, was das ist.

Vielleicht könnte ich den Eisberg in eine Imbissstube locken und ihn mit Pommes de Mort um die Ecke bringen. Bestimmt gibt es ein Gift, das die gleiche Konsistenz hat wie Salz oder Paprika. Es muss vor allem langsam wirken, damit ich seinen Tod genießen kann.

Das Telefon summt erneut.

Ich starre es an. Hoffentlich nicht wieder ein Seelen- oder Versicherungsverkäufer. Obwohl ich gegen einen Mann an meiner Seite im Moment nichts einzuwenden hätte. Okay, zwischen den Fotos könnte ich ihn nicht gebrauchen, aber vom Wohn-Arbeitszimmer ist es nur ein Katzensprung bis ins Schlafzimmer.

»Kerstin Junker, guten Tag«, hauche ich voller Hoffnung auf einen netten Gesprächspartner ins Telefon.

»Karsten Denker, hey.«

Was will der schon wieder, der soll bei seinem Eheweibchen bleiben und in mir nicht dauernd unerfüllbare Wünsche wecken.

»Meine Kollegin hat mir gesagt, dass Sie zurückgerufen haben.«

Das hört sich schon besser an. Und wenn ich es mir genau überlege, klingt seine Stimme nahezu unwiderstehlich.

Bleibt nur die Entfernung zwischen uns, aber das lässt sich organisieren.

»Sie hatten mir auf Band gesprochen«, entgegne ich freundlich und versehe meine Stimme mit einem Sound, der hoffentlich verführerisch klingt.

»Ich wollte mich erkundigen, wie es Ihnen geht, aber inzwischen habe ich gesehen, dass Sie wieder etwas ins Forum geschrieben haben.«

Das ist ein schöner, langer Satz, der zeigt, dass er sich für mich interessiert.

»Wie wäre es eigentlich mit einer eigenen Website?«

Hört sich gut an, dann wäre ich unabhängig von Schwapp.de.

»Wir haben da im Moment ein Sonderangebot.«

Ich schwöre, ich habe an dieser Stelle nicht absichtlich aufgelegt. Das Telefon ist mir einfach aus der Hand gefallen. Mitten zwischen die Fotos, die ich für die Bewerbungsmappe ins Auge gefasst habe. Dort dröhnt sein Tuuut in die vielen Ohren, die auf dem Boden liegen.

So eine Unverschämtheit! Ich stehe auf, nehme einen Zettel aus der Box, schreibe »Mister Internet« darauf und klebe ihn an die rechte Pinnwandseite, direkt unter »Tod des Eisbergs«.

Ich denke, er interessiert sich für mich und er will mir nur eine Website verkaufen. Na warte! Die Rache wird fürchterlich sein!

Vielleicht kann ich den Eisberg und Monsieur Schwapp.de dazu bringen, gleichzeitig in einem Auto zu sitzen, unter dem eine Bombe befestigt ist. Dann könnte ich genüsslich den Feuerball betrachten, in dem winzige Teilchen von ihnen verbrennen. Schöne Vorstellung, allerdings würde der Eisberg dabei nicht lange genug leiden.

Die 50 besten Morde oder Frauen rächen anders

Подняться наверх