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Der erste Schnee

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Mitte Oktober fiel der erste Schnee.

Papa schrieb es jedes Jahr in ein Buch.

Im letzten Jahr war der erste Schnee schon am siebten Oktober gefallen. Er war aber nicht liegen geblieben, sondern gleich zu Matsch geworden.

Heute war der sechzehnte Oktober. Und heute war der erste Schnee gefallen, früh am Morgen. Agnes saß am Küchentisch, Papa war schon gegangen. Sie hatte an seinen Kleberfingern geschnuppert, als er sie weckte, und ein Stückchen hart gewordenen Kleber von seinem Zeigefinger abgezogen. Und dann war er gegangen, nachdem er die Thermoskanne mit dem Kakao bereitgestellt und zwei Scheiben Knäckebrot für sie gestrichen hatte. Martin hatte einen Zettel an seine Tür gehängt, darauf stand:

Agnes!

Wenn du mich weckst, wird das das Letzte sein, was du in diesem Leben tust.

Sie saß allein am Küchentisch und sah den Schnee. Sie blinzelte, und es wurde ganz weiß. Dann öffnete sie die Augen wieder. Die Schneeflocken taumelten vom Himmel, schienen anzuhalten und dann fielen sie und legten sich auf der Erde zurecht.

Sie wollte Martin wecken und ihm vom Schnee erzählen, stand auf und ging hinunter, blieb vor seiner Tür stehen und lauschte. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Martin lag mit offenem Mund auf dem Rücken.

„Martin“, flüsterte sie, aber er rührte sich nicht.

Sie flüsterte seinen Namen mehrere Male, aber er schlief einfach weiter. Er war doch hoffentlich nicht tot? Wenn er nun auch starb ...

„Martin!“, rief sie, so laut sie konnte.

Sein Kopf ruckte zur Seite, und er sah sich erstaunt um. Als er seine Schwester in der Türöffnung entdeckte, bückte er sich, kriegte einen seiner Reeboks zu packen und warf damit nach ihr.

„Raus!“, schrie er.

„Es hat geschneit“, sagte Agnes und schlug die Tür hinter sich zu.

An der Haustür klingelte es.

Das war Mirjam.

An diesem Tag wurde alles weiß. Es war, als ob jemand eine Decke über all das Braune gebreitet hätte. Es war, als ob alles plötzlich viel heller wurde, wie wenn man die Augen fest schließt und sie dann wieder ein bisschen öffnet. Wenn die Sterne im Kopf verschwunden sind. So weiß wurde es. Auf Straßen und Wegen blieb der Schnee auch liegen, jedenfalls für eine Weile. Einige Flocken blieben an den Bäumen hängen. Und auf den blauen Containern beim Supermarkt lag der Schnee wie dünner Puder.

Auf dem Heimweg von der Schule sah Agnes die Container mit dem Schnee. Sie hielt Abstand von ihnen. Sie wollte sie nicht sehen. Aber sie guckte doch hin. Zu den kleinen schwarzen Öffnungen mit dem schwarzen Gummi.

Sie fühlte es im ganzen Körper. Sie wollte schnell weg von hier, aber heute musste sie es wieder tun. Sie hatte vergessen, dass sie diesen Weg eigentlich nicht gehen wollte, sondern hinterm Supermarkt vorbei und dann den Hügel hinauf. Dann hätte sie die Container nicht gesehen. Aber jetzt musste sie trotzdem hin.

Den schweren Deckel konnte sie nicht öffnen. Aber sie ging zu den schwarzen Löchern, stellte die Einkaufstüte ab, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte das schwarze Gummi mit zitternden Fingern ein. Dann rief sie: „Ist da jemand?“

Sie reckte sich, sosehr sie konnte, und versuchte hineinzuspähen, aber da lagen nur Zeitungen in einem einzigen Durcheinander. Sicherheitshalber rief sie noch einmal, aber es kam keine Antwort.

Dasselbe machte sie bei dem anderen Container, dem mit Pappe und Cornflakes-Kartons.

Aber sie bekam keine Antwort.

Sie hob die Einkaufstüte auf den Arm und ging weg. Erst als sie sich ein Stück entfernt hatte, atmete sie ruhiger.

Sogar auf dem Friedhof war der Schnee liegen geblieben. Die Grabsteine sahen aus, als ob sie Mützen hätten.

Heute Abend schreibt Papa in sein Buch, dass der erste Schnee gefallen ist!

Ein Licht in der Dunkelheit

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