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1.
ОглавлениеJack Chisholm erwachte allmählich aus einem Traum, in dem er Hand in Hand mit seinem Vater an einem Strand entlanglief. Im Traum war er wieder ein Junge von sechs oder sieben Jahren gewesen und seine Familie war in Florida in den Sommerferien.
Sein Vater hatte immer den Strand geliebt, und als Jack ein Junge war, waren sie jeden Sommer in den Ferien an die warmen, weißen Strände von Destin gefahren: Jack; seine älteren Zwillingsschwestern Mary und Martha (Martha war nun schon beinahe dreißig Jahre tot); seine Mutter Marie, vor zehn Jahren verstorben; und sein Vater, Tom – noch am Leben, aber tot für Jack.
Der Traum hatte sich so real angefühlt. Er konnte noch spüren, wie die starke Hand seines Vaters ihn aufrecht hielt, wenn die mächtigen Wellen über ihm zusammenschlugen. Jack empfand ein intensives Gefühl von Verlust. Seit einem Jahrzehnt hatte er nicht mit seinem Vater gesprochen, zuletzt bei der Beerdigung seiner Mutter. Wenn er in seinen wachen Momenten an seinen Vater dachte, geschah es immer eher im Zorn als mit Bedauern. Der Mann hatte seine Kindheit zu einem einzigen Elend gemacht. Keinesfalls würde Jack zulassen, dass auch sein Erwachsenenleben an demselben unerfüllbaren Maßstab gemessen wurde.
Am offenen Grab hatten sie sich gestritten. Bei der Beerdigung hatte Tom ihn öffentlich blamiert, und Jack war gegangen und hatte seine Familie und Mayfield in Texas hinter sich gelassen – für immer.
Ein langsames, gleichmäßiges Wellenrauschen hatte den Soundtrack seines Traums gebildet, aber es hielt auch jetzt noch an, während er sich durch die Reste des Schlafs kämpfte, jetzt noch, wo das Sonnenlicht ihn zwang, die Augen zu öffnen.
Er hatte es so lange wie möglich von sich fernhalten wollen – das Wissen, wo er sich befand, die Erinnerung, warum er hier war. Aber nun gab es kein Entkommen mehr.
Es war Weihnachten. Jack war allein und lag auf der Sonnenliege auf dem Balkon eines Hotelzimmers, das auf die blaue Karibik hinaussah. Die Brandung übertönte die Hotelangestellten, die an seine verschlossene Zimmertür klopften und auf Spanisch oder in schlechtem Englisch immer dringlicher nach ihm riefen. Inzwischen konnte er Tequila trinken, in einen unruhigen Schlummer sinken und versuchen, die nüchterne Realität zu vergessen: Er hatte kein Geld und keinen Ort, an den er hätte gehen können.
In ein paar Stunden würden die Mitglieder von Grace Cathedral, der Gemeinde, die er in Seattle gegründet hatte, zu Tausenden in eine der drei großen Arenen strömen, in denen der Weihnachtsgottesdienst stattfand – dampfenden Kaffee in den Händen, Bibeln unter dem Arm. Menschen in ihren besten Sonntagskleidern würden ebenso darunter sein wie solche in verblichenen Jeans oder Freizeitkleidung. Manche von ihnen hielten Alkohol für eine Sünde; andere brauten sich ihre eigenen geistigen Getränke. Es gab solche, die schockiert waren, als er eine Predigtreihe über die Freude am Sex in der Ehe gehalten hatte; andere waren ihm so dankbar gewesen, dass sie es ihm gar nicht genug hatten sagen können. Die Menschen, die zu Grace Cathedral gehörten, waren weiße Amerikaner, Asiaten, Südamerikaner, Afroamerikaner, reich oder arm. Bei all ihren vielen Unterschieden hatten sie eines gemeinsam: ihren Pastor, Jack Chisholm.
Aber heute, wenn es Zeit war für die Weihnachtspredigt, würden die Gemeindeglieder aufs Podium – oder auf die gigantischen Bildschirme – sehen, und sie würden dort Danny Pierce erblicken, den zweiten Pastor, der sich anschickte, die Predigt zu halten. Sie würden sich fragen, wo Jack Chisholm war, warum er sie im Stich gelassen hatte, wie er sie so unglaublich enttäuschen konnte.
Sie würden sich fragen, was nun geschehen würde.
Jack hatte selbst keine Idee, was nun geschehen würde; er ahnte nur das Schlimmste, zumindest, was ihn selbst betraf. Er hatte noch so gerade eben seinen Kopf über Wasser zu halten vermocht, seit vor sechs Wochen alles bekannt geworden war. Aber er fürchtete, dass es nun rasch dem Ende zuging. Das Einzige, was Jack davon abhielt, sich vom Balkon in die tosende Brandung zu stürzen, war der Tequila, den er sich einschenkte, sobald er wieder wach wurde. Dann konnte er wenigstens versuchen zu vergessen.
Wenigstens versuchen.
Er griff unter die Liege und fand den vermutlich letzten Rest des Tequilas, den er gekauft hatte, bevor die Gemeinde seine Kreditkarte gesperrt hatte. Er schraubte die Kappe ab und setzte die Flasche an den Mund.
Dies war der erste Drink des Tages. Die klare Flüssigkeit rann weich und wohlig seine Kehle hinunter. Tequila war ein Vorschlaghammer, den man in Samt eingeschlagen hatte, dachte er und lächelte zufrieden, bevor er einen weiteren Schluck nahm.
„Fröhliche Weihnachten!“, flüsterte er.
Er steckte die Hand in die Tasche seines Pyjamas und spürte sein Smartphone, das wundersamerweise noch Verbindung zum Netz hatte. Vielleicht hatte die Gemeinde noch nicht gemerkt, dass sie nach wie vor dafür bezahlte; vielleicht wollte man auch großzügig sein. Egal. Das Smartphone war seine einzige Verbindung zur Außenwelt und es funktionierte.
„Ruf zu Hause an“, sagte er sich. Die Nummer leuchtete auf, aber wie in den letzten fünf Wochen begrüßte ihn nicht Tracy, seine Frau, sondern eine elektronische Ansage und ein Piepton.
Es machte ihn ärgerlich, aber nach einem Augenblick holte er tief Luft und hinterließ eine weitere Nachricht. „Tracy“, sagte er, „falls das noch dein Telefon ist … falls du diese Nachricht überhaupt hörst … Es ist Weihnachten. Weihnachtsmorgen.“ Die Stimme versagte ihm und er musste ein paar Tränen wegblinzeln, bevor er sich wieder im Griff hatte. „Ich habe mich nur gefragt, was Alison dieses Jahr von Santa bekommt“, sagte er viel forscher, als ihm zumute war. Alison war ihre Tochter, sie war acht und das Beste, was er je zustande gebracht hatte (wenn er das auch nie laut ausgesprochen hatte, da war er sicher). Der Gedanke – der Gedanke an sie – ließ seine Stimme wieder stocken. „Nein. Ich frage mich, ob du je wieder mit mir sprichst. Tracy, ich glaube, wenn du nur wieder mit mir reden würdest …“
Könnten wir alles in Ordnung bringen?
Könnte ich es dir erklären?
Es gab nichts, was er hätte sagen können. Er unterbrach die Verbindung und starrte dann auf das Handy, als berge es ein Geheimnis.
Die Dinge waren schon lange nicht mehr in Ordnung gewesen. Er war kein Mensch, der andere zu nah an sich herankommen ließ; Beziehungen waren nicht seine Stärke. Was er gut konnte, war seine Arbeit; das Einzige, das sich spürbar und rasch auszahlte. Sein ganzes Leben lang hatte er immer wieder Dinge verloren, und vielleicht hatte das in ihm die Furcht davor geweckt, zu sehr zu lieben. Aber das hieß nicht, dass er keine Liebe empfand und dass er seine Familie nicht vermisste.
Es hieß nicht, dass er sich im Moment anders als vollkommen verloren vorkam.
Letztes Jahr Weihnachten hatte Jack auf dem Podium der Hauptarena von Grace Cathedral gestanden, zwischen Tracy und Alison, die in roten Samtkleidern fantastisch aussahen, und sie hatten gelächelt und Weihnachtslieder gesungen.
Letztes Jahr um diese Zeit war er mit seiner Familie zusammen gewesen.
Die acht Mitglieder der Lobpreisband hatten ihre Rockversion von „O komm, o komm, Immanuel“ beendet, und er hatte Tracy und Alison an der Hand genommen, wie er es jeden Sonntag tat, und sie nach einem Händedruck entlassen. Dann war er langsam und entschlossen die zwölf Stufen zum Rednerpult emporgestiegen.
Oben verharrte er einen Moment mit gesenktem Kopf. Jack liebte diesen Moment, bevor er seine Predigt begann, liebte den Moment, bevor er harte Worte an die Welt richtete, die ihn dafür liebte. Er ließ die Hand auf dem blanken Eichenholz des geräumigen Rednerpults ruhen, blickte kurz auf die Predigtnotizen auf seinem iPad, und dann lenkte er seinen Blick auf die viertausend Menschen, die sich hier in diesem exquisit renovierten ehemaligen Kaufhaus eingefunden hatten. Noch einmal so viele feierten in den beiden anderen Arenen in der Stadt den Gottesdienst, wo sie ihn per Video-Übertragung sehen konnten. Und noch zahllose andere sahen ihn per Live-Übertragung im Fernsehen oder auf dem Webcast der Gemeinde.
Ein Jahr zuvor hatte der „Guardian“ Jack einen „Herzenspastor“ genannt. Obwohl das eine Zeitung für eher links orientierte Briten sein mochte, so lag sie doch nicht ganz falsch. Wenige Pastoren in Amerika hatten ein größeres Publikum für ihre Predigten. Wenige hatten eine größere Anhängerschaft, die mit Interesse alles aufnahm, was sie schrieben. Jacks Worte schienen perfekt zusammenzustimmen mit den amerikanischen Werten von harter Arbeit, Leistung, Selbstperfektionierung und Schuldgefühlen.
Es war die perfekte Verbindung von Bote und Botschaft.
Hinter ihm leuchteten auf den Riesenbildschirmen die Worte auf: „Wir beten.“ Er schloss jetzt die Augen und verharrte im Schweigen, bis er das Schweigen der Menge spürte, bis er spürte, wie jene ungezählten Tausende hier und überall sonst an jedem seiner Worte hingen.
Dann erst sprach er, und seine warme, volltönende Stimme erfüllte jene weiten Räume und liebkoste all die aufnahmebereiten Gemüter. „Gott, unser Vater. Du hast uns geschaffen. Aber wir sind gefallen, Opfer unserer eigenen Sehnsüchte. Du liebst uns, aber wir haben dir den Rücken gekehrt. Du hast uns Propheten gesandt, die uns lehrten, Recht und Unrecht zu unterscheiden, aber wir wählten das Unrecht, immer und immer wieder. Du gabst uns dein heiliges Wort, damit wir deinen Willen erkennen könnten, aber wir haben ihn ignoriert, ignorieren ihn noch immer. Heute vor zweitausend Jahren hast du deinen Sohn gesandt, Jesus Christus, um uns zu zeigen, wie das Leben aussieht, das du dir für uns wünschst – und wir haben ihn dafür umgebracht.
Mit jedem Schritt versagen wir und fallen erneut. Immer tiefer sind wir gefallen, bis der Abstand zwischen uns unglaublich und unerträglich wurde. Wir haben uns so weit von dir entfernt, haben uns selbst durch unsere Sünde und unser Verlangen ruiniert, haben uns selbst so sehr verloren, dass wir dich kaum noch sehen. Und warum solltest du uns sehen wollen? Wir enttäuschen dich, wieder und wieder und immer wieder enttäuschen wir dich.“
Er machte eine Pause, um den Worten Nachdruck zu verleihen und damit die Zuhörer wüssten, was nun kommen würde. Um ihre Erwartung zu steigern. Und dann sagte er es, mit Worten, zwischen denen er kleine Pausen machte, damit die Gemeinde einstimmen konnte, während er ausrief: „Strengen – wir – uns – mehr – an.“
Er spürte einen Schauer über seinen Arm laufen und wusste, dass ähnliche Schauer seine Gemeinde und alle, die seinem Gebet zuhörten, durchliefen. Dies waren seine bekanntesten Worte, der Slogan, der sich auf Werbetafeln in ganz Seattle fand, der Titel seines ersten Bestsellers, eines Kurses für die Sonntagsschule und für eine Zwölf-Schritte-Gruppe.
Er nickte, schloss die Augen und flüsterte jetzt: „Wenn wir deine Liebe je verdienen wollen, o Gott, müssen wir uns mehr bemühen.“
Jetzt waren sie bei ihm, er konnte es spüren. Sein Herz schlug rasch, und er unterdrückte das idiotische Grinsen, das ihm immer dann über das Gesicht zu kriechen drohte, wenn er spürte, wie die Wogen der Aufmerksamkeit über ihm zusammenschlugen. Er umklammerte das Rednerpult fester. Jeder, der genau hinsah, würde sehen, wie sich seine Knöchel weiß färbten, während er das Thema dieser Predigt vorstellte, das Thema jeder Predigt, sogar heute, an diesem Weihnachtsmorgen. „Heute, wo wir wieder einmal feiern, dass du dich uns zugewandt hast, wo wir wieder daran denken, wie wir dich enttäuschen, verpflichten wir uns neu, die Kluft zwischen uns wieder zu schließen. Wir verpflichten uns neu, unser Leben zu bessern, damit es deiner würdig ist, makellos, tadellos, damit wir – wenigstens einmal – deine Aufmerksamkeit aus dem richtigen Grund finden.
‚Seid also vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.‘ So sagt es die Bibel. Aber davon sind wir so unendlich weit entfernt. Und deshalb hat Gott sich von uns abgewendet.“
Er unterbrach sich, lächelte, obwohl in seinen Augen Traurigkeit lag, ließ seinen Blick über die Gemeinde schweifen. Etliche Köpfe waren geneigt, viele sahen aufmerksam zu ihm hin.
„Und deshalb: Strengen – wir – uns – mehr – an.“
Er endete, dehnte das Schweigen danach noch ein wenig aus und hob dann die Hand wie ein Dirigent. Er machte eine Faust und reckte sie ein paarmal, dann ließ er sie schwer auf das Holz des Pultes fallen. Er sah auf, über die Menge hin, und sagte: „Amen.“
Die Lichter gingen jetzt an, die Bildschirme hinter ihm verblassten, und er klickte weiter zur nächsten Seite auf seinem iPad.
„Schlagen Sie mit mir die Bibel auf, Matthäusevangelium, Kapitel zwei“, sagte er, und das Rascheln, mit dem man seiner Aufforderung folgte, klang durch den Raum wie Eschenlaub, das von einer heftigen Brise durchweht wird, dann wie das Tosen der Brandung am Ufer.
Fünf Schritte unter dem Podium zeigte ihm Danny Pierce in der ersten Reihe die hochgereckten Daumen. Das mussten sie mal hören, Boss.
Drei Plätze weiter blickte Sally Ramirez, seine schwarzäugige Assistentin, hoch und schenkte ihm ein warmes Lächeln. Jack nickte ihr kaum merklich zu und blickte dann wieder auf seine Notizen, bevor er aus dem Konzept kam, bevor seine Gedanken eine entschieden unfromme Richtung nehmen konnten.
O Mann, war sie sexy.
Heute war wieder Weihnachten, ein Jahr später, und alles war anders geworden.
Jack rekelte sich auf seiner Liege. Sally war zwar sein Untergang gewesen, aber er konnte ihr nicht böse sein. Sie sollte ein Buch schreiben, für den „Playboy“ posieren und das meiste aus den fünfzehn Minuten Ruhm herausschlagen, den sie zwar nicht gesucht hatte, den sie aber trotzdem zu bekommen schien.
Er konnte auch keinen Groll gegen Danny in sich entdecken. Ein Junge aus einer Kleinstadt wie Jack, aus dem er einen weiteren Großstadt-Star gemacht hatte, war Danny ein Werkzeug der Gemeindeältesten, nichts weiter. Er war das prominenteste Gesicht der Gemeinde nach ihm selbst und Tracy, und sie würden beide nicht wiederkommen. Die Ältesten brauchten Danny, brauchten irgendeine Art von Kontinuität, wenn sie die Gemeinde zusammenhalten wollten.
Sie brauchten Danny, damit er auf die Kanzel stieg und vielleicht sogar in Jacks Fußstapfen als Hauptpastor trat.
„Viel Glück dabei, Bruder“, murmelte Jack. Danny würde Glück brauchen, um auf diesem hohen Seil balancieren zu können.
Aber Jack fühlte sich elend. Er hatte sie enttäuscht. Hatte sie alle im Stich gelassen. Tracy. Alison. Danny. Vielleicht sogar Sally.
Bei diesem Gedanken zog er das Handy wieder hervor.
„Ruf Sally an“, sagte er.
„Verbinde mit Sally Ramirez’ Handy“, signalisierte sein Gerät und dann hörte er den Signalton, einmal, zweimal, dreimal. Ihre Botschaft.
„Hier ist Sally. Du weißt, was du zu tun hast.“
Er hatte gehofft …
Wer weiß. Wenn er diesen Gedanken zu Ende dachte, würde er eine ganze Menge mehr Verantwortung für seinen Schlamassel übernehmen müssen, als er momentan bereit war, zu übernehmen.
Aber er fühlte sich schlecht. Oder er würde es zumindest, wenn er nicht noch mehr von dem guten mexikanischen Tequila in sich hineinschüttete, und das rasch.
Jack schraubte die Flasche auf, nahm einen Schluck, schraubte sie wieder zu und stellte sie sacht neben sich auf den Fußboden. Über der Karibik stieg die Sonne höher und brannte jetzt heiß auf ihn herab. Er müsste sich etwas überziehen, oder er würde sich einen noch schlimmeren Sonnenbrand holen, als er schon hatte. Sogar die milde Wintersonne Mexikos war jetzt nach fünfzehn Jahren in Seattle zu viel für ihn.
Warum war er überhaupt hier?
Warum war er zum Schauplatz seines Verhängnisses zurückgekehrt?
Vielleicht hatte er gedacht, es würde etwas lösen, wenn er zurückkam. Vielleicht hatte er gehofft, hier würde niemand nach ihm suchen. Vielleicht hatte er gedacht, Sally würde auch kommen. Es spielte jetzt alles keine Rolle mehr.
Er war nie in Mexiko gewesen, bis zum letzten September. Und dann hatte Sally den Anstoß gegeben. Sie hatte jeden seiner Schritte auf diesem Weg begleitet.
Es war nicht seine Idee gewesen.
„Nichts davon war meine Idee“, murmelte er.
Er nahm sich noch einen Drink. Die Welt um ihn her versank in einem angenehmen Nebel. Es war besser, wenn er sich nicht erinnerte.
Vom Handy erklang sein Klingelton – die ersten Akkorde von Don Henleys Rocksong „Dirty Laundry“. Grotesk, wie passend das war, nachdem die Medien ihm in den letzten Wochen die Hölle heißgemacht hatten. Er musste den Klingelton ändern, falls er das Handy behielt, falls er sich überhaupt je wieder dazu entschloss, Anrufe zu beantworten. Aber wenigstens rief Sally jetzt endlich zurück, nachdem sie wochenlang verschwunden gewesen war.
Er hob das Handy ans Ohr. „Warum hast du dich nicht früher gemeldet?“, fragte Jack und bemühte sich, seiner Stimme den Ärger nicht anmerken zu lassen. Sie steckten beide in dieser Sache drin – oder zumindest sollte es so sein.
„Ich rufe immer am Weihnachtsmorgen an“, sagte die sanfte Männerstimme freundlich.
Sein Vater.
Er riss sich das Handy vom Ohr und starrte es ungläubig an.
„Jack“, sagte sein Vater, „ich bin nur …“
Jack legte auf und schmiss das Handy quer über den Balkon; sein Herz raste. Das wäre fast schiefgegangen. Er hob das Handy auf und überprüfte die letzten eingegangenen Anrufe – ja, das war die Nummer seines Vaters. Vor drei Jahren hatte er an Weihnachten einmal aus Versehen diese Nummer zurückgerufen, nachdem der alte Herr sich endlich ins digitale Zeitalter gewagt hatte.
Aber so viel zumindest war an den Worten seines Vaters wahr gewesen – er hatte in den letzten beiden Jahren immer zu Weihnachten angerufen.
Jack hatte jedes Mal ohne ein Wort aufgelegt. Vielleicht saßen sein Vater und Mary und dieser Trottel, ihr Freund Dennis, ja an Heiligabend zusammen vor „Kevin allein zu Haus“. Vielleicht regte sich die unsterbliche Hoffnung in seinem Vater, er müsse einfach nur anrufen und alles, was zwischen ihnen stand, würde sich in einem Augenblick vom Tisch wischen lassen.
Warum rief er heute an, an diesem Weihnachtstag, an dem die ganze Nation sich über seinen Skandal den Mund zerriss? Vermutlich sogar mit Schadenfreude. Jack hatte es seinem Vater nie recht machen können. Niemand konnte das. Egal, was Jack auch erreichte, wie gut er gepredigt, wie viele Menschen er unterstützt hatte – immer hörte er die Stimme seines Vaters, der kritisierte und von ihm Rechenschaft verlangte.
Sogar jetzt konnte er ihn hören. Manche Eltern sagten: „Gib dein Bestes.“
Tom Chisholm hatte immer gesagt: „Du kannst es besser.“
Okay, Dad, dachte Jack. Ich bin nicht nach Mexiko gekommen, um mein Leben zu vermasseln. Ich kam nicht hierher, um dich in Verlegenheit zu bringen. Ich kam aus guten Gründen. Ich dachte, ich täte das Richtige – bis ich nicht mehr das Richtige tat.
Das galt doch wenigstens, oder? Er hatte mehr Gutes getan als Dinge verbockt, oder? Grace Cathedral hatte Unsummen an Hilfsgeldern für Projekte in aller Welt aufgebracht. Jeden Sonntag hatte er dazu aufgerufen, Gutes zu tun (es gehörte zu seinem Zwölf-Schritte-Kurs über „Geistliches Wachstum“). Er lehrte seine Gemeinde Hingabe und sich selbst an Gott zu verschenken. Sollten die Kritiker doch nörgeln – über die großen Gebäude, die Fernsehshows, die Werbekampagnen, über sein Gehalt, das schließlich wohlverdient war. Es hatte keine Grace Cathedral gegeben, bis Jack sie gebaut hatte.
Er hatte in dieser Welt etliches Gute getan.
Jedes Jahr im August, wenn das Steuerjahr endete, wählte die Gemeinde online zehn gemeinnützige Organisationen aus, die man in diesem Jahr unterstützen wollte, zusätzlich zu den Initiativen für sauberes Trinkwasser („Cleanwater“) und gegen sexuelle Gewalt, die Jack gegründet hatte und die die Gemeinde unterstützte. Jedes Jahr reiste er mit Kamerateams rund um die Welt, um seiner Gemeinde – und den Kritikern – zeigen zu können, was mit ihrem Geld geschah, wie es Menschen aus Bordellen in Thailand rettete, wie es sauberes Wasser in afrikanische Dörfer brachte.
In diesem Jahr hatte Sally vorgeschlagen, ob man nicht etwas gegen die Drogenkriminalität in Mexiko tun könne. Bei diesem Thema kannte sie sich leider gut aus. Ihr Vater war als unbeteiligter Zuschauer in einer Schießerei zwischen Drogengangs getötet worden; ihre Großeltern lebten noch in einer Stadt im Grenzbereich.
Jack hatte sie gebeten, der Gemeinde darüber zu berichten, wie Morde und Einschüchterung das Land, das sie liebte, für viele Mexikaner in einen Albtraum verwandelten. „Vielleicht werden wir das Problem nicht an der Wurzel packen können, es ist wohl zu komplex“, hatte sie gesagt, „aber die Frauen und Kinder, die ihre Männer und Väter verloren haben, brauchen dringend Hilfe.“ Was ihn schließlich überzeugt hatte, war, als er hörte, dass in den letzten vier Jahren mehr als achttausend Kinder allein in Ciudad Juárez zu Waisen geworden waren.
Sallys Worte hatten die Gemeinde ebenfalls bewegt. Man beschloss, die Witwen und Waisen des Drogenkriegs finanziell zu unterstützen und sich außerdem genauer mit der Problematik zu beschäftigen, um zu sehen, ob man noch mehr tun könnte.
Und so hatte Jack mit einigen Gemeindegliedern und einem Filmteam im Oktober einen einwöchigen Kurztrip nach Mexiko gemacht. Sie hatten ein Lager für Flüchtlinge vor dem Drogenkrieg besucht und ein Waisenhaus in Juárez, das Grace Cathedral jetzt unterstützte. Jack hatte an einer Konferenz mit Lokalpolitikern, Verwaltungsfachleuten und mexikanischen Kirchenvertretern teilgenommen, auf der es darum ging, was US-Amerikaner tun konnten, um zu helfen. Zum Abschluss der Woche hatten sie ein paar Filmaufnahmen in einem Dorf in Yucatán gemacht, wo es dank Cleanwater statt eines verseuchten Brunnens nun eine neue Pumpe gab. Es war eine großartige Gelegenheit für Aufnahmen – jede Menge lächelnde Kinder, die sich um Jack drängten, und etliche Filmmeter mit klarem, glitzerndem Wasser.
Es war geplant, dass sie an diesem Nachmittag von Cancún zurückfliegen sollten, aber die Fluggesellschaft hatte den Flug gestrichen, ebenso wie etliche andere – es gebe technische Probleme mit den Maschinen.
„Sie haben fünfzig 757er wegen Notfallreparaturen aus dem Verkehr gezogen“, berichtete Sally Jack, als sie vom Schalter der Fluggesellschaft am Flughafen in Cancún zurückkam. „Unsere auch. Wie es scheint, lösen sich während der Flüge Sitze vom Boden.“
„Tatsächlich?“ Jack nippte an seinem Starbucks Latte, den er gerade gekauft hatte. „Na, das ist jedenfalls keine gute Nachricht.“
„Ist wohl eine größere Geschichte“, sagte sie. „Der ganze Flugplan ist wegen der gestrichenen Flüge durcheinander. Sie sagen, über unsere Route über Dallas kriegen sie uns vor Sonntag nicht hier raus, nicht mal in der ersten Klasse, und bei den anderen Fluglinien gibt es bis dahin nur die Chance auf ein Stand-by-Ticket.“
„Zwei Tage? Und sie können uns keine andere Route anbieten? Ist das denn nicht ihr Fehler?“
„Ganz sicher. Na ja, vielleicht können sie uns heute Abend oder morgen noch über Miami oder Newark heimbringen.“ Ihr Gesicht war wenig hoffnungsvoll. „Was willst du jetzt machen?“
Jack grübelte über die Möglichkeit, über Nacht am Flughafen festzusitzen, über drei Anschlussflüge und achtzehn Stunden Flugzeit, über einen Flug zur Ostküste, um an die Westküste zu gelangen, und schüttelte schließlich den Kopf. Wenn man viel reist, wird das Reisen schwieriger, nicht leichter.
„Vergessen wir das“, sagte er. Plötzlich verlangte es ihn nach etwas Stärkerem als Kaffee. Er sog tief die Luft ein. Dann holte er sein Handy heraus, rief zu Hause an und berichtete Tracy, was los war.
Sie hatte schon von den lockeren Sitzen gehört. „Ich habe mich schon gefragt, ob dich das betrifft.“
„Danny predigt am Sonntag“, sagte Jack, „und ich habe vor Dienstag keine Termine. Ich kann also auf einen Direktflug warten. Sally wird das schon hinkriegen.“
„Wie immer“, sagte Tracy.
Er hatte nicht daran gedacht zu fragen, wie sie das meinte.
„Also“, sagte er, nachdem Sally ein Taxi zurück in die Stadt organisiert hatte, „wo ist für uns in Cancún der sicherste Ort?“
„Wir bleiben nicht in Cancún.“ Sally schenkte ihm dieses Lächeln, bei dem er sich nicht wohlfühlte. „Ich habe für uns Zimmer auf Isla Mujeres gebucht; mit der Fähre kommt man leicht hin. Cancún ist für amerikanische Touristen leidlich sicher, aber kürzlich hat es trotzdem gewaltsame Ausschreitungen gegeben. Die Insel ist viel ruhiger, sicherer, und die Strände sind wunderbar. Wir machen uns eine nette Zeit, bis ich uns einen Rückflug ergattert habe.“
„Nette Zeit? Ich hab keine Badehose dabei. Und ich bin so blass wie … ich weiß nicht.“ Er betrachtete seine bleiche Hautfarbe. „Wie etwas sehr, sehr Blasses.“
„Du kannst dich ja unter eine Palme setzen und Cocktails mit kleinen Schirmchen drin bestellen“, sagte sie. „Du verdienst doch mal eine kleine Belohnung, Jack.“ Sie fixierte ihn mit diesem traurigen kleinen Lächeln, das sie immer zeigte, wenn sie ihn zu überzeugen versuchte, er solle sich etwas Gutes tun. „Wenn es jemand verdient, sich ein wenig zu amüsieren, dann du.“
„Okay“, sagte er und hob die Hände. „Ich ergebe mich. Ich werd mir einen Margarita bestellen. Vielleicht ein paar Stunden am Strand. Wir sind in Mexiko, also lass uns Mexiko erleben.“ Er brachte von irgendwoher sogar ein winziges Lächeln zustande. „Ich meine, wie viel Ärger können wir schon kriegen, während wir hier auf Stand-by sind?“
Nicht viel.
Nur allen Ärger dieser Welt.