Читать книгу Verlorener Sohn - Brennan Manning - Страница 8

3.

Оглавление

Als er am nächsten Morgen erwachte, roch er den aus Kindertagen vertrauten Duft nach Kaffee und gebratenem Speck. Jack dachte einen Moment, er träume vielleicht noch. Er setzte sich auf und sah sich um. Ja, da lag er, in seinem alten Zimmer in dem übergroßen Bett, das seine Mutter für die Gelegenheiten gekauft hatte, wenn er und Tracy zu Besuch kamen. Unter der Bettdecke mit Laura-Ashley-Blumenmuster, die sie ausgesucht hatte. Die farblich passenden Kissen aus silberblauem Satin hatte er am Abend, als er ins Bett fiel, auf den Boden gefegt. Jetzt lagen sie dort verstreut wie Pilze aus Satin.

Er betrachtete das Bücherregal, in dem die Bücher von C. S. Lewis und Tolkien standen, die er als Kind verschlungen hatte, und noch jede Menge anderer, die aus irgendeinem anderen Regal im Haus herausgequollen waren. War das da ein altes Handbuch für die Steuererklärung?

Ein paar Pokale aus seiner Highschool-Footballzeit und ein Ball, jetzt verstaubt, schmückten die Kommode. „Mayfield Wildcats MVP 1990“ las er auf dem größten und musste unwillkürlich lächeln. Es waren schöne Zeiten gewesen – damals.

Der Footballverein von Mayfield war inzwischen abgestiegen – von Mayfield selbst ganz zu schweigen.

Neben der Kommode stand der Schaukelstuhl, den sein Großvater ihm geschenkt hatte, als er dreizehn wurde. „Ein Mann braucht einen Schaukelstuhl“, hatte Grampa Joe gesagt. Es war Jack nicht gelungen, seine Enttäuschung zu verbergen. Grampa Joe hatte ihn wohl vor allem deshalb gemacht, weil er gern Dinge selbst machte. Aber später hatte Jack zahllose Stunden in diesem Stuhl verbracht, lesend oder, Jahre später, an der Predigt für die Beerdigung seiner Mutter schreibend, während Tracy in diesem Bett geschlafen hatte. Es war schließlich doch ein perfektes Geschenk gewesen. Und er hatte schreinern gelernt und sich vorgestellt, er würde einmal für seinen Sohn etwas Ähnliches machen.

Auch wieder so ein Traum, der sich nicht erfüllt hat.

Über dem Stuhl an der Wand hing eine Korktafel mit Bildern der Basketballstars Joe Montana und Peter Gardere. „Peter der Große“ an der Universität von Texas, die die Universität von Oklahoma viermal besiegt hatte. Er betrachtete die Bilder seiner Schulfreunde. Da war er mit seiner Freundin von damals, Darla Scroggins, heute Darla Taylor. Sie hatte schon längst den verhassten Jamie Taylor geheiratet, der auch in der Football-Mannschaft gewesen war. Und dieses Bild von ihm und seinem besten Freund Bill Hall auf der Jagd hatte sein Vater gemacht. Jack hatte einen prächtigen Weißwedelhirsch, einen Zwölfender, erlegt. Mit Bills Hilfe präsentierte er das Geweih für das Foto. Er hatte weder Bill Hall noch Darla Scroggins noch James Taylor – der war für Jack ein für alle Mal gestorben – in den letzten zehn Jahren gesehen. Der Raum erschien ihm wie ein Museum seines Lebens, vor Jahren schon abgeschnitten. Es gab keine Bilder von Grace Cathedral, keinen Hinweis auf sein Leben als „Herzenspastor“, nur ein kleines Bild auf dem Nachttisch von ihm und Tracy, das am Sonntag nach der Kirche bei ihrem, wie sich herausstellen sollte, letzten Besuch vor der Beerdigung seiner Mutter entstanden war.

Das Zimmer erinnerte ihn an eine Episode aus „Twilight Zone“ oder vielleicht auch an diesen Roman von Kurt Vonnegut, den er auf dem College gelesen hatte. Darin hielten sich Außerirdische Menschen wie in Zoos, um sie zu bestaunen.

Er hörte, dass sein Vater die Nachrichten des Lokalsenders verfolgte, während er sich fertig machte, um den Eisenwaren- und Holzhandel zu öffnen, der seit drei Generationen der Familie gehörte.

Jack schlug die Decke zurück, stand auf und ging ans Fenster, um sich die Welt zu besehen.

Es war der Tag nach Weihnachten und er war in Mayfield in Texas. Schneewehen bedeckten den Vorgarten zentimeterhoch. Jack vermutete, dass der Live Oak Creek hinter dem Haus zugefroren war, etwas, was seiner Erinnerung nach nur sehr selten vorgekommen war.

Er stand am Fenster, hörte seinen Vater unten rumoren und fragte sich, was er wohl denken mochte. Sie hatten zwar einen guten Anfang miteinander gemacht, aber die lange Rückreise weitgehend schweigend verbracht. Als Jack endlich nüchtern genug war, um Toms Erklärung, wie er ihn gefunden hatte, aufzunehmen, war er auch nüchtern genug, sich zu fragen, ob er mit dieser Rückkehr eine kluge Wahl getroffen hatte. Doch er hatte keine andere. Das war nur zu wahr.

Aber was sollte er nun anfangen?

Tom hatte ihm erzählt, er habe die Gemeinde wochenlang nach Jacks Aufenthaltsort gefragt. Schließlich hatte Danny Pierce ihn angerufen. Er hatte seine Spur anhand der Abbuchungen über die Kreditkarte bis nach Isla Mujeres verfolgt.

„Klar“, hatte Jack gesagt und genickt. „Sie finden einen anhand der Kreditkarte.“

Es war also letztendlich kein Wunder gewesen, dass Tom plötzlich vor seiner Tür gestanden hatte. Aber bei dem Gedanken daran, dass sein Vater, der weder jung noch wohlhabend war, ins Ausland gereist war, um ihn nach Hause zu holen, kam er sich armselig vor.

So armselig, dass sie während der ganzen Rückreise um die bittere Wahrheit herumgeschlichen waren, und als sie spät am gestrigen Abend angekommen waren, hatte er nicht gewusst, was er sagen sollte. Der Sache am nächsten gekommen waren sie noch, als sein Vater ihn in sein altes Zimmer geführt hatte.

„Ich weiß, es ist nicht großartig“, hatte Tom gesagt. „Aber vielleicht tut eine vertraute Umgebung jetzt gut.“

„Es passt schon“, antwortete Jack. Er stellte den Koffer aufs Bett und machte ihn auf. Er enthielt, wie er jetzt feststellte, vor allem Shorts und T-Shirts. „Dumm, dass ich mich nicht in arktische Gefilde geflüchtet habe.“

„Unten im Schrank sind noch ein paar alte Jacken von dir“, sagte sein Vater. „Und hier oben sind bestimmt auch noch ein paar Pullover.“

„Die sind vermutlich ebenso warm wie modern“, sagte Jack.

Vernünftige Klamotten waren jetzt sein kleinstes Problem, und das wussten sie beide.

Eine Weile standen sie wortlos da.

„Dad“, sagte Jack schließlich und sah seinen Vater an, der mit der Hand auf der Klinke in der Tür stand. „Es war wirklich lieb von dir, dass du gekommen bist, um mich zu holen. Danke.“

Sein Vater hob die Hand, wie um den Dank wegzuwischen. Sie sahen einander an. Was auch immer hätte gesagt werden müssen, es war nicht verfügbar. Jedenfalls jetzt nicht.

„Gute Nacht, Sohn“, sagte Tom, drehte sich um und ging. „Vielleicht sieht morgen alles schon ganz anders aus.“

„Das bezweifle ich.“

Das ließ Tom einen Moment in der Tür innehalten. „Weißt du, Jack“, sagte sein Vater, „was immer du getan hast, es kann vergeben werden.“

„Nein“, sagte Jack. „Das glaube ich nicht.“

„Schön“, sagte sein Vater und seine Stimme klang wieder schroff, „du bist der Pastor. Aber ich hoffe bei Gott, dass du dich irrst.“ Er schloss die Tür und ließ Jack allein mit seinen Gedanken.

Jack wälzte sich stundenlang im Bett herum, bis er endlich einschlief.

Und heute morgen würde es genauso peinlich werden, da war er sicher. Worüber sollten sie auch reden? Alte Zeiten? Die Predigt, die er bei der Beerdigung seiner Mutter gehalten hatte? Bis gestern hatte er jahrelang kein Wort mit seinem Vater gewechselt, und es gab nur wenige schöne gemeinsame Erinnerungen, auf die sie zurückgreifen konnten.

Irgendwann heute oder morgen würde er seine Schwester Mary treffen müssen, dachte er. Seit er aus dem Haus gegangen war, hatte es zwischen ihnen nichts anderes gegeben als ein paar nichtssagende Weihnachtskarten. Er stellte sich vor, dass er früher oder später auch Leuten begegnen würde, die ihn von früher kannten und wussten, was kürzlich passiert war. Er konnte nicht für immer hier bleiben.

Als er zugestimmt hatte, mit seinem Vater nach Hause zu kommen, hatte er eine Schwelle überschritten: die Entscheidung, ob er leben wollte oder nicht. Aber das Leben würde nicht einfach sein. Zunächst einmal brauchte er Geld, und er musste seine Familie und seine Gemeinde zurückgewinnen. Er musste der Welt zeigen, dass er noch immer gut war, dass sein Fehltritt nicht alles war, was es über ihn zu sagen gab, und je eher er damit begann, desto besser.

„Jack“, rief sein Vater von unten. „Frühstück.“

„Ich komme“, rief er zurück und fühlte sich, als wäre er fünfzehn. „Bin gleich unten.“

Er stieg in seine einzige Jeans und ein abgetragenes University-of-Texas-T-Shirt, das er im Schrank gefunden hatte, tappte nach unten und fand seinen Vater am Küchentisch sitzend. Neben ihm wartete ein Teller mit Rührei, Schinken und Toast.

„Warmes Frühstück“, sagte Jack und lächelte gegen seinen Willen. Seine Mutter hatte immer darauf bestanden, dass es etwas Warmes zum Frühstück gab, wenn es draußen kalt war.

„Ja“, sagte sein Vater. Er blickte auf seinen Teller und sah dann Jack an. „Betest du?“

Jack zögerte und schüttelte dann den Kopf. „Warum nicht du?“, fragte er.

Tom nickte unmerklich. „Herr, wir danken dir für das Essen, das wir vor uns haben, und für alles Gute, was du uns gibst. Amen.“

Für die nächsten Minuten war das Klirren und Schaben von Besteck auf Tellern das Lauteste, das man hörte. Jack sah ab und zu auf; sein Vater aß langsam und gedankenverloren.

Schinken wurde zermalmt, Kaffee geschlürft.

„Wie läuft’s im Laden?“, brachte Jack zustande, als ihm klar wurde, dass er den Anfang machen musste.

„Oh“, sagte Tom und schluckte, „wir kommen zurecht. Es ist für niemanden leicht.“

„Arbeitet Mary noch bei dir?“

Tom schüttelte den Kopf. „Schon lange nicht mehr.“

„Nein?“ Jack schaufelte Rührei auf seine Gabel. „Ich dachte …“ Er schüttelte den Kopf. „Was macht sie dann?“

„Sie wollte sich selbstständig machen“, sagte Tom. „Sie hat jetzt ein eigenes Büro – Buchhaltung. Wenn die Steuererklärungen fällig sind, hat sie gut zu tun.“

„Wow“, sagte Jack. „Ich hab immer gedacht, sie stirbt noch mal hinter der Kasse.“

Tom grinste leicht. „Sie wurde mir mit ihrem Betriebswirtschaftsdiplom auch zu teuer“, sagte er. „Sie wird’s dir sicher erzählen.“

Jacks Lächeln verflog. „Bezweifle ich“, sagte er. „ Ist sie noch mit Dennis zusammen?“

Tom nickte und strich Butter auf seinen Toast. „Er ist die Kasse, hinter der sie sterben wird“, sagte er mild.

Jack nahm das Thema dankbar auf. „Sie sind verlobt, seit ich aufs College ging. Wollen sie je heiraten?“

Sein Vater sah auf und widmete sich dann wieder seinem Toast. „Frag mich lieber etwas, was ich beantworten kann.“

Jack zögerte. „Hast du ihr gesagt, du würdest mich holen? Was hat sie gesagt?“

„Was erwartest du?“ Tom zuckte die Schultern. Über den Tisch hinweg sah er Jack an. „Du kennst sie ja. Sie ist knallhart. Meinte, ich solle dich besser lassen, wo du liegst.“ Er schüttelte den Kopf. „Ihre Worte. Aber das hätte ich nicht übers Herz gebracht.“

„Klar!“, sagte Jack. „Ich hätte dir vermutlich denselben Rat gegeben.“ Ihm kam der Gedanke – das war die Rettung! –, worüber sie noch sprechen konnten. „Wie steht’s denn mit unserer irgendwie-auch-lutherischen Gemeinde, Saint Paul’s? Ist Pastor Heinrich noch da? Der war doch so eine Art moderner Martin Luther.“

Pastor John Heinrich hatte sich mit der Gemeinde vor fünfzehn Jahren wegen irgendeiner theologischen Streitfrage von der lutherischen Kirche getrennt. Seitdem stand auf dem Schild an der Straße in großen Buchstaben „lutherisch“ und darunter, kleiner, „freie Gemeinde“. Jack war damals im Studium gewesen. Als er wieder mal heimkam, stand er vor vollendeten Tatsachen.

Sein Vater lächelte einen Moment lang, sein Blick ging an Jack vorbei und kehrte dann zum Tisch zurück. „Nicht so gut, glaub ich. Pastor Heinrich ist vor drei Jahren gestorben, und wir können uns keine ganze Pfarrstelle mehr leisten. Wir haben immer wieder mal Gastprediger, aber das ist nicht dasselbe.“ Er zuckte die Achseln. „Und wir werden auch immer älter. Vielleicht ist es dran, uns geschlagen zu geben.“

„Klingt, als wären die Zeiten überall nicht leicht.“ Jack wusste aus jahrelangen Gesprächen mit anderen Pastoren, dass Kleinstadtgemeinden allmählich austrockneten.

„Das ist wohl wahr“, sagte sein Vater. „Es geht allen Gemeinden schlecht. Außer First Baptist. Die machen Front gegen die Liberalen.“ Tom hob langsam die Schultern. „Wenn die Zeiten unübersichtlich sind, hören die Leute gern ihre eigenen Befürchtungen bestätigt, stimmt’s?“

„Weiß nicht“, sagte Jack. „Kann sein.“

Dachte sein Vater, dass es das war, was er tat?

War es das, was er tat?

Er durchsuchte sein Hirn nach einer Möglichkeit, diesen Gedanken abzuschütteln. „Könnt … könnt ihr keinen Studenten kriegen, der ein wenig Praxiserfahrung braucht?“

Sein Vater sah ihn an. „Was weiß denn ein junger Mann von heute von meinem Leben? Oder von dem von Schwester Clanton? Sie ist vierundneunzig, sie hat zwei Ehemänner und sieben Kinder zu Grabe getragen.“ Er seufzte wieder. „Nein. Wir haben’s versucht. Hatten ein paar Lutheraner aus einem Kurs in Austin. Zwei Jungs, ein Mädchen. Sie war übrigens die Beste. Wenigstens hatte sie Mitgefühl.“

„Wow“, sagte Jack. „Tut … tut mir leid.“ Um die Wahrheit zu sagen: Er hatte diese kleine Gemeinde immer gehasst. Pastor Heinrich hatte ihn seine Kindheit hindurch mit seinem Gerede über seine Wertlosigkeit verfolgt, und schließlich hatte er das als theologische Wahrheit akzeptiert. Aber er wusste auch, dass diese kleine Gemeinde für seine Eltern ein Fels in der Brandung gewesen war. Und er erinnerte sich gut, wie das Gesicht seiner Mutter vor Freude gestrahlt hatte, wenn sie die alten Erweckungslieder sang. „Es ist Kraft, Kraft, wunderbare Kraft … in dem Blut des Heilands allein“, wie ein Refrain begann.

Die Uhr schlug acht Mal und beide sahen auf, irgendwie erleichtert über die Unterbrechung.

„Deine Schwester kommt heute zum Abendessen“, sagte Tom, tupfte sich mit der Serviette den Mund ab und stand auf. „Ich denke, ich bring uns auf dem Heimweg Hähnchen mit.“

„Okay“, sagte Jack. „Kommt Dennis auch?“

Tom zuckte die Achseln. „Wäre dir das recht?“

„Klar. Ich weiß nicht. Mach’s, wie du denkst.“ Dennis Mays war zwei Klassen über Jack in der Schule gewesen. Sie hatten zusammen Football gespielt, aber wie so viele andere Menschen, die es in seinem Leben gegeben hatte – das wurde ihm jetzt klar –, waren sie einander sympathisch gewesen, aber keine Freunde geworden.

Sein Vater stellte das Geschirr in die Spüle. Er wischte sich die Hände mit einem Geschirrtuch trocken und sagte dann, ohne sich umzudrehen: „Ich vermute, du wirst ein paar Tage brauchen, um dich aufzurappeln. Dir Gedanken zu machen, wie’s weitergeht. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich möchte nur, dass du weißt … du bist hier willkommen, Jack.“

Jack dachte, er sollte etwas antworten, einen Laut von sich geben, aber ihm fiel nichts Passendes ein, das er aus seiner Kehle hervorbringen könnte, und so saß er schweigend da.

„Ich weiß, ich bin nicht geschickt mit Worten“, fuhr sein Vater fort. „Ich wollte nur, dass du das weißt. Du kannst bleiben, solange du brauchst. Solange du willst.“

„Danke“, sagte Jack. „Ehrlich.“

Tom nickte, wandte sich von der Spüle ab und ging zum Garderobenschrank. Jack hörte Stoff rascheln, während sein Vater seinen Wintermantel und Handschuhe anzog und Grampa Joes alten grauen Filzhut aufsetzte.

„Weißt du“, sagte Tom und kam zurück in die Küche, „mein Vater hat diesen Hut 1950 gekauft, beim Herrenausstatter unten in der Stadt. War damals der neueste Schrei. ‚Windspiel‘ nannten sie ihn.“

„Wirklich?“ Jack stellte sein Geschirr in die Spüle. „Windspiel?“

„Wenn ich mal tot bin“ – Jack hörte Schlüssel klirren, die sein Vater aus der Schüssel auf dem Tisch im Flur nahm – „sollst du diesen Hut haben.“

„Ist ein schönes Stück“, sagte Jack. Er würde diesen Hut nicht tragen, und wenn sein Leben davon abhinge. „Aber du wirst uns ja noch lange erhalten bleiben.“

„Wir sehen uns heute Abend“, sagte Tom. Er war dick eingepackt. „Dürfte ruhig bleiben heute. Am Tag nach Weihnachten.“

„Batterien“, sagte Jack, der sich plötzlich erinnerte. „Du wirst jede Menge Batterien verkaufen.“

„Kann schon sein.“ Tom nickte, hob die Hand zum Winken und war verschwunden.

Jack setzte sich an den schönen Eichentisch, den Grampa Joe geschreinert hatte, bevor Jack geboren war. Er nippte an seinem Kaffee und starrte auf sein trübes Spiegelbild. Mit dem Finger strich er über den schimmernden dunklen Lack. Ein schönes Stück.

Als Junge hatte er hier gesessen, rechts von ihm seine Mutter, seine Schwestern gegenüber. Mary und Martha waren ein Jahr älter und glichen sich wie zwei Toastscheiben eines Sandwichs. Er hatte es nie gemerkt, wenn sie ihre Plätze tauschten, um sich einen Spaß mit ihm zu machen.

Die alte Traurigkeit überfiel ihn augenblicklich und er stürzte in einen Abgrund von Trauer. In der Woche nach Marthas Tod hatte sein Vater die Extraplatte aus dem Tisch genommen und den nun überflüssigen Stuhl in den Laden gestellt. Zu viert hatten sie wortlos dagesessen wie bei einem abgebrochenen Festmahl, seine Mutter mitgenommen und mit roten Augen, während sein Vater sich immer mehr zurückzog, noch weniger und noch schärfer sprach als früher. Jack hatte sich in sich selbst zurückgezogen, das Einzige, was man ihm nicht nehmen konnte.

Und die albernen Kommentare der Leute. Dass es doch ein Segen sei, dass die Mädchen Zwillinge gewesen waren. So würde man Marthas liebes Gesicht immer vor Augen haben.

Ein Segen?

Oder ein Fluch?

Jack stützte den Kopf in die Hände. Es war schwer, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Er fühlte sich plötzlich erschöpft.

Er seufzte tief und nahm einen letzten Schluck Kaffee. Maxwell House. So weit war es mit ihm gekommen. Wenn diese Leute in Seattle ihn noch mehr verachten könnten als ohnehin schon, dann wäre der billige Instantkaffee Anlass genug. Er trottete die elf Stufen hoch in sein Zimmer, ließ sich ins Bett fallen und zog sich die Decke über den Kopf.

Er wollte wieder einschlafen, wollte von seiner Mutter träumen, als sie noch gelacht hatte, sich an eine Zeit erinnern, als es in diesem Haus immer ein Lachen gegeben hatte.

Sie war der einzige Mensch gewesen, der seinen Vater zum Lachen bringen konnte. Damals, vor so langer Zeit, war sein Vater ein anderer gewesen. Jack dachte daran, wie seine Mutter bei der Beerdigung von Grampa Joe an seine besondere Weise erinnert hatte, an Thanksgiving zu beten – ein Gebet von epischer Breite, das der alte Mann einmal im Jahr mit endlos vielen Sätzen und unter Einbeziehung aller Nachbarn in großer Sorgfalt komponierte: „… und, Vater, wir danken für den Regen und für die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld, denn sie säen nicht und ernten nicht und sammeln auch nicht in die Scheunen …“ – endlos, bis dem siebenjährigen Jack aus Protest der Magen knurrte.

Er sah Tom noch vor sich, der zunächst befremdet schien, aber schließlich hinter der vorgehaltenen Hand ein Lächeln verbarg. Und dann hatte er wie alle anderen herzhaft gelacht. Gelacht, bis ihm die Tränen kamen, bis er sich setzen musste.

Das waren bessere Zeiten gewesen.

Bessere Zeiten.

Verlorener Sohn

Подняться наверх